Kay Bernstein - Sebastian Stier - E-Book

Kay Bernstein E-Book

Sebastian Stier

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Beschreibung

Herthas charismatischer Präsident Als Kay Bernstein am 16. Januar 2024 unerwartet im Alter von nur 43 Jahren verstarb, befanden sich nicht nur bei Hertha BSC und im Umfeld des Klubs alle Menschen in tiefer Trauer. Der Tod des Hertha-Präsidenten hat die ganze Fußballwelt schockiert, vor allem die Fankurven in Deutschland. Denn Kay Bernstein war kein gewöhnlicher Fußballfunktionär, kein Anzugträger, er war selbst jemand aus der Kurve. Früher Mitbegründer einer der ersten Ultra-Gruppierungen und Vorsänger bei Hertha, hat er sich früh eine erfolgreiche Veranstaltungsagentur aufgebaut, um schließlich zu seiner Hertha zurückzukehren. In einem irren Wahlkampf setzte sich der Hertha-Fan gegen einen CDU-Politiker durch, einen Vertreter des Establishments. Vom Ultra zum Präsidenten – Eine unvergleichliche Reise Bernstein konnte viel bewegen in seiner Amtszeit als Präsident, stand aber auch immer wieder vor schwierigen Herausforderungen. Der Klub war und ist hoch verschuldet, nach Lars Windhorst musste ein neuer Investor her, es wurde die amerikanische Investmentgesellschaft "777 Partners". Das Amt ließ Bernstein schnell zum Realisten werden. Er selbst sagte, dass er in wenigen Monaten schon so viel erlebt habe wie andere Präsidenten nicht in einer kompletten Amtszeit, das reichte von einer Spionage-Affäre von internationalem Ausmaß über bizarre Treffen mit Investoren und dem sportlichen Abstiegskampf bis zur Rückgewinnung der Fans. Doch was bleibt von seinem Wirken, dem Berliner Weg? - Umfassende Würdigung von Kay Bernsteins Leben und Vermächtnis - Einblick in die Herausforderungen und Triumphe während seiner Hertha-Präsidentschaft - Authentische Darstellung von Bernsteins einzigartigem Einfluss auf die Fußballwelt Sebastian Stier, der den Weg Bernsteins lange und intensiv begleitet hat, hat mit diesem Buch einen sensiblen und emotionalen Nachruf auf Kay Bernstein verfasst, für den sich Fußballfans in ganz Deutschland interessieren werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Sebastian Stier

Kay Bernstein

Unvollendet

Sebastian Stier

Kay Bernstein

Unvollendet

VERLAG DIE WERKSTATT

1. Auflage 2024

© Verlag Die Werkstatt GmbH, Bielefeld

Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:

ISBN 978-3-7307-0715-9 (Print)

ISBN 978-3-7307-0702-9 (Epub)

Umschlaggestaltung: Michael Geisler, Factory Kommunikation

Coverfoto: Getty Images / Maja Hitij / Staff

Lektorat: Andrea Clages, Simon Kraßort

Gesamtherstellung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen

Datenkonvertierung E-Book: Bookwire - Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk weder komplett noch teilweise vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

www.werkstatt-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Ein anderer Fußball ist möglich – Prolog

TEIL 1

Süße Milch

Einmal quer durch die Stadt

Harlekins

Pasta mit Dieter Hoeneß

Über alle Grenzen hinaus

Benny

Vom Ende der Jugend

TEIL 2

Alles neu

Lasst das Hipstern sein!

Big City Chaos

Wenn nicht wir, wer sonst?

Von Flip-Flops und weißen Hemden

Baum der Hoffnung

Internationales Geschäft

Berliner Weg

Kopf über Herz

Marius

Träumen

Abschied

Epilog

Danksagung

Der Autor

Die Fans haben das Recht, mit uns in Kontakt zu kommen, weil wir als Trainer und Spieler in ihrem Verein erst mal Gast sind.

Torsten Lieberknecht

Ich kann mich erinnern, so Anfang der Zweitausender,

trug Schals ums Handgelenk, während du vorne in

der Kurve standst, und wir hatten die Oberhand.

Legendennamen auf dem Rasen, du hast die

Zeit geprägt, darauf die erste Dauerkarte,

die Zeit, sie ging ins Land, mit Hertha ging's bergab,

auf einmal bist du wieder da, das

war's mit dem Big City Club,

das war's mit Anzugträgern, von oben herab,

Sommer '22, Kay, du hast den Umbruch geschafft,

Kay, wir sind so dankbar dafür, Hoffnungsschimmer

der Berliner Weg, der durch dich lebt,

auf dem Platz da schimmern Tränen,

hattest noch so viel vor,

heißt es nicht eigentlich, das Beste kommt zum Schluss,

aber ganz ehrlich, ich weiß es nicht.

Nur dass es leise ist und du jetzt auf ‚ner Reise bist.

Ich wünsche dir das Paradies, doch

Trauer schwer wie'n Bleigewicht

und das hier, ist dein Gedicht.

Ich hoffe, du hörst die Zeilen da oben,

ein leerer Platz, aber das hier sind deine Strophen.

Kay, du bleibst für immer unvergessen.

Ein Visionär, ein Vorbild,

einer der letzten Echten.

In guten und in schlechten Zeiten, nur

Zusammenhalt, dein schweres Erbe,

wenn's mal scheiße lief, dann nur zusammen fallen,

ein echter Präsident,

ich wünschte, dass du noch mehr Zeit

hast, Ziele umzusetzen,

doch nun weh'n die Fahnen auf Halbmast,

und während jeder Halt macht, an deinem Porträt,

brennen blau-weiße Fackeln vor dem

Stadion an der Spree nur für dich.

Die ganze Sache hat uns tief berührt, Fragen über

Fragen, doch der Schlusspfiff, der kam viel zu früh,

das Mitgefühl spricht Bände und

Fußball wird zur Nebensache,

deine Fam kann stolz sein,

ein Mann, der wirklich Ehre hatte.

So, und jetzt wünsche ich dir ‚ne gute Reise, auch

wenn's schwer ist, so was zu begreifen.

Bis dahin, HA, HO, HE

Deoz

„Ein anderer Fußball ist möglich“

PROLOG

Nachts sind die Straßen herrlich leer in Berlin. Für einen Moment wünscht sich Kay, er könnte immer nachts fahren. Die 31 Kilometer vom Berliner Olympiastadion bis zu seinem Haus draußen in Hoppegarten, im äußersten Osten vor den Toren der Stadt, kommen ihm zu dieser Zeit wie eine Kurzstrecke vor. Kein Vergleich zu den Geduldsproben, denen er sich täglich zur Rushhour aussetzen muss. Sanft gibt er Gas. Sein blauer Porsche mit der Zahlenkombination 1892 im Nummernschild, Herthas Gründungsjahr, beschleunigt. Eigentlich hatte er sich das Auto gar nicht kaufen wollen. So eine Protzerkarre passt nicht zum Präsidenten von Hertha BSC, der er seit anderthalb Jahren ist, findet Kay. Der Klub ist klamm, muss sparen, wie sieht es da aus, wenn ich so ein Auto fahre, hatte er gesagt. Aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund war es sein Wunsch gewesen, einmal einen Porsche zu fahren, obwohl er sich sonst nicht viel um Autos scherte. Lieber fuhr er mit seiner Vespa. „Einfach machen“, hatte Lilo, seine Frau, die eigentlich Eileen heißt, zu ihm gesagt. Das gab ihm ein gutes Gefühl. Und Sicherheit. Lilo gab ihm Sicherheit, das liebte er so an ihr. Den Porsche ließ er später umfolieren. Von Schwarz auf Blau. Der Farbe von Hertha BSC.

Einfach machen ist sein Motto. Zwei Worte, die für ihn stehen wie das Olympiastadion für Hertha BSC. So ist er die Dinge immer angegangen bisher. Zuerst in der Kurve, ab Mitte der Neunziger. Später als Firmengründer und jetzt als Präsident des größten Fußballklubs der großen Stadt Berlin. Nicht lange nachdenken. Nicht zögern. Einfach machen.

Flüchtig wirft er einen Blick auf die Uhr. Irgendwas zwischen zwei und drei. Ist spät geworden. Mal wieder. Auf dem Beifahrersitz neben ihm liegt der Spielball. Ein bunter Quell höchster Glückseligkeit. Mit blauen, gelben, violetten und weißen Flächen. Fußball ist zu einem der liebsten Kinder der modernen Unterhaltungsindustrie geworden, da passen die schwarz-weißen Bälle der Franz-Beckenbauer-Zeit nicht mehr ins Bild. Inzwischen ähneln sie großen Flummis. Von Vertragspartnern jedes Jahr aufs Neue in neuen Farbtönen herausgebracht. Schick sehen sie aus. Vielleicht mag Luna sie deswegen. Den Spielball bringt Kay hin und wieder mit nach Hause, um ihn seiner zwei Jahre alten Tochter zu schenken. Das heißt, eigentlich würde er ihr gern jede Woche einen Ball mitbringen, aber das geht leider nicht. Es wäre gegen die Regeln.

Kay hat ein Ritual. Nach Hause kommen nur die Bälle von gewonnenen Spielen. Und Hertha gewinnt nicht jede Woche. Lilo beschriftet die Bälle säuberlich. Datum, Gegner und Endergebnis schreibt sie mit einem wasserfesten Stift drauf. Erinnerungsstücke für später.

Dieser Ball, der jetzt mit Kay durch Berlin düst, ist nicht nur für Luna. Er ist auch ein bisschen für ihn. Er wird einen besonderen Platz in seinem Büro bekommen, wenn Luna damit nicht mehr spielen möchte, denkt Kay. Am besten auf seinem Schreibtisch, auf dem viel zu oft allerhand Kram liegt, der ihm das Arbeiten dann erschwert. Aber dieser Ball ist kein Kram. Er ist jetzt schon magisch, zwei Stunden nachdem er zum letzten Mal getreten wurde.

Wer wie Kay fast tausend Fußballspiele gesehen hat, der erinnert sich zuallererst an die ganz besonderen und ihre Geschichten. Europapokal gegen Barcelona im Nebel, der lustige Streich von Stavanger mit den geklauten Trikots oder Abstiegs-Relegation in Hamburg. Das Gehirn selektiert automatisch. Das Spiel von heute, da ist er sich sicher, wird auf ewig einen Podiumsplatz in seinem Gedächtnis bekommen.

Episch, dieser Sieg gegen den Hamburger SV, nach Elfmeterschießen. Davor zweimal Ausgleich zum spätestmöglichen Zeitpunkt, als niemand mehr daran glaubte. Zuerst traf Fabian Reese in den letzten Zuckungen der regulären Spielzeit zum 2:2, dann Jonjoe Kenny zum 3:3 mit Ablauf der Verlängerung, die Vorlage kam von Reese. „Dieser Teufelskerl“, denkt Kay. Fabian Reese ist zum Gesicht der Mannschaft geworden. Coole Frisur, schwarz lackierte Fingernägel, die Kids da draußen in der Stadt haben wieder einen, der zum Idol taugt. Wie früher Marcelinho, Marko Pantelić oder Zecke Neuendorf. Im Elfmeterschießen hat Reese dann auch noch die Nerven behalten, wie alle anderen auch. Jahrhundertspiel werden Herthas Fans das Spiel später taufen. Wie das Halbfinale der Weltmeisterschaft 1970. Italien gegen Deutschland, 4:3. Auch damals glichen die Deutschen in der letzten Minute aus, ehe sie nach einer unvergesslichen, umkämpften Schlacht über 120 Minuten zwar unterlagen, aber das Feld mit erhobenen Köpfen verließen. Dieses Spiel versetzte Menschen weltweit in Verzückung. Für Kay und alle in der Ostkurve bedeutet Hertha BSC die Welt. Da darf gern von einem Jahrhundertspiel die Rede sein.

Nach dem letzten Schuss hatte ihn eine Leichtigkeit ergriffen, wie vielleicht noch nie, seit er im Juni 2022 zum Präsidenten von Hertha BSC gewählt wurde. Plötzlich verschwamm eine Grenze, die sein Amt automatisch zieht. Voller Freude hatte er sich eingehakt, beim linken Nebenmann und beim rechten, wie früher mit den Kumpels in der Ostkurve. Mit Kreisel, Colin, Heidi, Quote, Fabi, Roy und all den anderen, für die dieser Verein nicht weniger als ihr Leben bedeutet. Nur dass Kay dieses Mal nicht in der Kurve stand, sondern davor. Auf der Tartanbahn, mit der Mannschaft. Eingepackt in eine blau-weißen Daunenjacke, darunter die Trainingsjacke, die zum Symbol seiner Präsidentschaft und zum Verkaufsschlager im Fanshop geworden ist. Das Lied, das sie gemeinsam sangen, kam ihm so oder so ähnlich schon tausendmal über die Lippen, aber so schön wie an diesem Dezemberabend 2023 hatte es nie geklungen.

„Hier kommt Hertha,

scheißt euch in die Hosen,

die Kurve ist am Toben,

gemeinsam hol’n wir den Pokal.“

Noch Tage später hatte der Einzug ins Pokal-Viertelfinale Kay so aufgewühlt, dass Fabi, sein Stellvertreter und Vizepräsident, Angst bekam. „Wenn wir den Pokal holen, dann war’s das für mich. Dann höre ich als Präsident auf“, witzelte Kay nun jeden Tag, bis es Fabi nicht mehr witzig fand. So gut kannte er den Freund inzwischen, dass er wusste, der Kay, der sagt Sachen nicht einfach so daher. Da ist immer was Wahres dran. Zumal Kay noch nicht kundgetan hatte, ob er für eine zweite Amtszeit kandidieren will. Die Begleiterscheinungen des Präsidentenamtes nahm nicht nur Fabi wahr. Kays Haare waren grauer geworden, sein Gesicht müder und sein Enthusiasmus dem eines Politikers gewichen, der einsehen muss, dass Regieren vor allem aus Kompromissen besteht. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte Kay erzählt, er fühle sich wie Robert Habeck. Fabi wusste, eine zweite Legislaturperiode wird im Hause Bernstein kontrovers diskutiert. „Zwei, drei Tage bin ich bei Hertha“, hatte er Lilo gesagt, als alles losging. Als er den verwegenen Plan fasste, Präsident des Klubs zu werden. Aus den „zwei, drei Tagen“ waren sechs geworden. Nur den Montag, den schenkte Kay nicht seiner Hertha, sondern seiner Luna. Papa-Tochter-Tag in Hoppegarten. Kay wusste selbst, dass er viel seltener zu Hause war, als er es versprochen hatte. Wenn er Luna ansah, ihre Fortschritte bemerkte, ihr Wachsen, dann war ihm klar, er verpasste was. Wie sehr hatte er sich Luna gewünscht, obwohl er lange gar keine Kinder wollte. Durch Lilo änderte sich das.

Neben seiner Familie liebte er seinen Verein. Zwei Drittel seines Lebens hatte er Hertha BSC gewidmet. Als Vorsänger, Fan und jetzt als Präsident. Selbst am Tag nach seiner Hochzeit wollte er zum Spiel fahren. Das Spiel war ja nur in Magdeburg. Schnell um die Ecke, am Abend bin ich wieder zu Hause, das waren die Worte, die er kurz vor der Hochzeit an Lilo richtete. Sein Freund Colin konnte ihn nur mit Mühe davon abbringen.

Bei all der Inbrunst, mit der er sich Hertha BSC verschrieb, hing eine zweite Amtszeit am Daumen von Lilo. Würde sie ihn senken, würde er nicht wieder kandidieren. Lilo senkte den Daumen nicht, sie hob ihn. Unter zwei Bedingungen: Der Papa-Tochter-Montag bleibt und bitte nicht mehr jedes Auswärtsspiel. Kay überlegte, wie er die zweite Bedingung umgehen könnte. Er hatte da schon eine Idee. Man müsste die Fahrten nur als Familienausflug deklarieren. Er würde für Lilo und sich ein schickes Hotel buchen, dann Ausflüge in die Stadt organisieren, Restaurants reservieren. Zwischendurch kurz zum Fußball, nur zwei, drei Stündchen. Lilo könnte in dieser Zeit im Hotel entspannen. Kay fand, das sei ein guter Plan.

Fabi wusste nichts von Lilos gehobenem Daumen, als er Kay zwei Tage vor Weihnachten zur Rede stellte. Der Wind pfiff übers Olympiagelände und blies Fabi kräftig durch die Haare. Er sah so aufgewühlt aus, wie er sich fühlte. „Meinst du das ernst? Willst du wirklich aufhören, wenn wir den Pokal gewinnen?“, fragte er am Tor vor der Geschäftsstelle, ohne zu merken, wie unrealistisch das klang. Den Pokal gewinnen. Im Viertelfinale war den Berlinern Kaiserslautern zugelost worden. Ein Zweitligist, dem es mindestens genauso schlecht ging. Sportlich wie finanziell. Die Chance aufs Halbfinale war groß. Größer als zuvor gegen den HSV. Aber Hertha hatte noch nie den DFB-Pokal gewonnen und sollte das gegen Kaiserslautern gut gehen, waren da noch Bayer Leverkusen und der VfB Stuttgart. Die beiden Überflieger der Bundesliga. Ohne Kay eine Antwort zu ermöglichen, fuhr Fabi fort. „Ich bin dein Vizepräsident und nur deiner. Wenn du aufhörst, mache ich es auch.“

Kay lächelte. Einen Moment lang, während der Wind unter dem Grau des Himmels weiter pfiff. Dann nahm er Fabi in den Arm, drückte ihn an sein Ohr und sprach: „Na dann machen wir einfach weiter.“

Das Spiel gegen Kaiserslautern sah Kay Bernstein aus der Kurve im Himmel. Fabian Drescher hatte das Amt kommissarisch für den am 16. Januar verstorbenen Präsidenten übernommen. Hertha verlor 1:3, aber das Ergebnis bleibt eine Randnotiz. Der Januar 2024 ist die Zeit, in der ein historischer Versuch endete. Und mit ihr ein verwegener Traum, der mit seiner Wahl am 26. Juni 2022 begonnen hatte.

Kays Sieg war gerade verkündet, da rief der Spiegel per Überschrift das „Experiment von Berlin“ aus. Experimente sind immer Versuche, sie können glücken oder sie können furchtbar schiefgehen. Ausgang ungewiss. Das war das Reizvolle an Kays Wahl. Alle wollten wissen, was passiert. Nie zuvor hatte es jemand aus der aktiven Fanszene bis ganz an die Spitze eines Vereins geschafft, trotz einiger Versuche. In Hamburg kandidierte Johannes „Jojo“ Liebnau vor Jahren erfolglos für den Aufsichtsrat. Bei Hannover 96 schaffte es Robin Krakau 2019 immerhin in den Vorstand, Jan-Henrik Gruszecki stieg zum Berater des mächtigen BVB-Bosses Hans-Joachim Watzke auf. Inzwischen sitzen mehr Vertreter aus der Kurve in Gremien. Benjamin von Loefen wurde kürzlich bei Eintracht Frankfurt zum Vizepräsidenten gewählt, Marvin Kretzschmar ist beim 1. FC Union Mitglied des Aufsichtsrats. Für sie war Kay Wegbereiter.

Kay Bernstein war der erste Vertreter der Basis im Rang eines einflussreichen Präsidenten. Kein Politiker, kein Wirtschaftsboss, kein Strippenzieher – ein ehemaliger Kurvengänger. Vielleicht würden noch mehr Leute an anderen Standorten mit ähnlichem Hintergrund folgen, wenn das in Berlin mit Kay gutgehen würde. Das war die Hoffnung der Kurven, in Foren war von der „Revolution des Volkes“ die Rede. Durch seine Wahl bewegte sich Hertha plötzlich unter einem nationalen Brennglas. Das Berliner Experiment wurde von allen Seiten und aus allen Himmelsrichtungen beäugt. Seine Gegner, angefangen im eigenen Verein, hofften auf ein schnelles Ende des Fanpräsidenten. Auch das hätte eine große Symbolwirkung entfacht.

Kay Bernstein war sich dessen bewusst. Druck verspürte er trotzdem nicht. Er war anders, so wie seine Biografie und sein Hintergrund anders waren als die seiner Kollegen. Den Unmut in den Stadien konnte keiner so gut verstehen wie er.

Vor und nach Bernsteins Tod flogen in der Bundesliga die Bälle. Nicht die bunt-gefleckten, flummiartigen Spielbälle, die Lilo nun in ihrem Haus aufbewahrt, sondern kleine gelbe Tennisbälle. Und Schokotaler. Sie wurden zu Symbolen des Protests gegen ein Geschäft, das die Entscheider der Deutschen Fußball-Liga (DFL) mit einem Investor abschließen wollten. Es ging wie immer ums Geld. Um Profit. Den Leuten in den Kurven geht es um Liebe. Um Leidenschaft. Der ewige Kontrast, der ewige Kampf. Bonzen gegen Basis.

Kay Bernstein wollte beide Lager einander näherbringen oder wenigstens Verständnis füreinander schaffen. Auch er träumte von einem anderen Fußball. Gerechter. Nachhaltiger. Näher am Volk. Er wollte den Sport, der an erster Stelle Geschäft ist, von Berlin heraus in seinem Wesen verändern. Manchmal klang er dabei naiv, etwa wenn er erst ausschloss, sich mit Wettanbietern einzulassen, und dann später einen als Sponsor durchwinkte. Manchmal klang er enthusiastisch, manchmal ernüchtert.

Im ersten Spiel nach seinem Tod war auf einem Banner im Olympiastadion zu lesen: „Ein anderer Fußball ist möglich“. Aufgehangen hatten es Fans des Gegners Fortuna Düsseldorf. Während seiner Amtszeit war er nicht nur zum bekanntesten Präsidenten eines deutschen Fußballklubs geworden, sondern auch zum Robin Hood einer ganzen Branche. Auf ihn konnten sich alle Kurven einigen, von Kiel bis Freiburg, von Aachen bis Cottbus. In seiner Person versammelte sich die Hoffnung einer über Jahre enttäuschten, abgehangenen und im Milliardengeschäft Fußball zu Kunden deklarierten Basis. Bernstein wurde zum Gesicht eines Klassenkampfes, in dessen Mittelpunkt nicht weniger als die Frage steht, wem dieser Fußball gehört.

„Kay aus der Kurve“ schrieben die Zeitungen, als er zum Präsidenten gewählt wurde. „Bitte schreib das nicht“, war das Einzige, worum er mich bat. Er mochte den Satz nicht, weil er sich dadurch zu Unrecht auf seine Vergangenheit reduziert sah. Stolz war Kay auf seine Zeit als Ultra in der Ostkurve, aber es störte ihn auch, dass so selten erwähnt wurde, dass er zwischen Kurve und Präsidentenamt Karriere gemacht und eine Firma gegründet hatte. Dass er Dinge anpacken, managen, ja, „einfach machen“ konnte. Stattdessen wurde von ihm das Bild eines Straßenkämpfers gezeichnet, der es irgendwie in den Palast geschafft hatte. Mit dieser Skepsis empfingen ihn auch die Alteingesessenen bei Hertha BSC.

Kein Zufall war, dass dieser bis heute im deutschen Fußball einmalige Vorgang in Berlin passierte. Hertha galt und gilt allen Gegnern von Investoren und Fremdbestimmung als warnendes Beispiel. Knapp vier Jahre unter dem Einfluss eines Investors hatten gereicht, um den Klub an den Rand des Ruins zu drängen. Die schwindelerregende Summe von 374 Millionen Euro wurde verprasst, acht Trainer verschlissen, nur vor diesem Hintergrund war es möglich, dass einer wie er Präsident werden konnte.

„Hallo, hier ist Kay Bernstein“, sagte ein Mann mit freundlicher Stimme, nachdem ich an mein Telefon ging. Für einen kurzen Moment dachte ich an einen Telefonstreich.

Wer wie ich viele Jahre als Reporter über Profifußball berichtet, glaubt an vieles, aber nicht daran, dass der Präsident eines Bundesligisten, der Hertha zu dieser Zeit war, von seinem privaten Handy aus anruft. Ohne dass jemand aus der Presseabteilung neben ihm sitzt und aufpasst, dass nichts von Gehalt gesagt wird. Bernstein rief mich aus seinem Auto an. Er war gerade auf dem Heimweg von Westend nach Hoppegarten. Einmal quer durch die Stadt, von West nach Ost. Anderthalb Stunden hin, anderthalb Stunden zurück.

Die anderthalb Stunden an jenem Tag im Februar 2023 haben wir tatsächlich durchgehend telefoniert, was nicht daran lag, dass ich so viele Fragen stellte. Irgendwann verkehrte sich die Situation, er gab den Fragenden. „Was machst du?“ „Woher kommst du?“ „Wie lange bist du dabei?“ Solche Sachen. Er wollte wissen, wer sein Gegenüber ist. Das Interesse, ich spürte es an der Art und Weise, wie er fragte, war echt. Typisch Bernstein. Nähe war ihm wichtig. Nach dem Abstieg wenige Monate später stand er draußen vor dem Olympiastadion und nahm weinende Fans in den Arm. Dabei kämpfte er selbst mit den Tränen. Authentisch wollte er sein, ein Präsident zum Anfassen. Einer, der zuhört. Das hatten seine Vorgänger viel zu lange nicht getan, fand Bernstein. Nach einem Jahr hatte er mehr erlebt als andere in zwanzig Jahren Amtszeit. Spionageaffäre, Investorenwechsel, Abstieg. Er musste allerhand Probleme moderieren, sah sich Kritik ausgesetzt und brachte sich manchmal selbst in Schwierigkeiten oder gar ins Krankenhaus, als er sich bei einer verunglückten Blödelei auf der Geschäftsstelle den Rücken ramponierte.

Die Idee, das alles aufzuschreiben, hatte Andreas Lorenz. Andreas war Kays Medienberater, ohne dass er offiziell diesen Titel trug. Während des Wahlkampfes und danach gehörte er zum Team der Vertrauten und schützte Kay so manches Mal vor Unachtsamkeiten oder sprachlichen Fallen. Dass die Bühne, auf der sich Kay nun bewegte, größer ist als alle, die er zuvor betreten hatte, musste er erst lernen. Andreas half ihm dabei. Nach einem Schlaganfall im Oktober 2023 konnte er nicht mehr helfen. Er benötigte nun selbst Hilfe. Andreas Lorenz verstarb im Sommer 2024. Da wurde seine Idee längst umgesetzt. Auch Kay gefiel nach erstem Zögern die Idee eines Buches immer besser, ehe er schließlich noch vor seinem eigenen Tod einwilligte. Es gehört zu den Ungerechtigkeiten des Lebens, dass Kay und Andreas dieses Buch nicht mehr lesen können.

TEIL1

picture alliance / camera4 | Tilo Wiedensohler