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Im Herbst 2020 starb der Photojournalist Karsten Thielker mit 54 Jahren an einer Krebserkrankung. Mit Worten und Bildern schildert seine Frau Janna auf eindrucksvolle und schonungslose Art den letzten gemeinsamen Weg bis zu seinem Tod und die Zeit danach. Ein Buch über das Sterben, den Tod und die Trauer um eine große Liebe.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für K.
Winter Frühjahr
Juni Juli August
September Oktober Keine vier Wochen
Dienstag, 8. September 2020
Mittwoch, 9. September 2020
Donnerstag, 10. September 2020
Freitag, 11. September 2020
Samstag, 12. September 2020
Sonntag, 13. September 2020
Montag, 14. September 2020
Dienstag, 15. September 2020
Mittwoch, 16. September 2020
Donnerstag, 17. September 2020
Freitag, 18. September 2020
19.9. Samstag
Sonntag, 20. September 2020
Montag, 21. September 2020
Dienstag, 22. September 2020
Mittwoch, 23. September 2020
Donnerstag, 24. September 2020
Freitag, 25. September 2020
Samstag, 26. September 2020
Sonntag, 27. September 2020
Montag, 28. September 2020
Dienstag, 29. September 2020
Mittwoch, 30. September 2020
Donnerstag, 1. Oktober 2020
Freitag, 2. Oktober 2020
Samstag, 3. Oktober 2020
Danach
12.11., 00.00 Uhr
14. September 2021
Wir essen Spaghetti mit Scampi. Plötzlich hält Karsten inne, er wirkt, als müsse er gleich kotzen, nein, doch nicht, er fasst sich ans Brustbein, verzieht das Gesicht. „Was ist?“ „Weiß nicht… irgendwie komisch, als ob sich da was zusammenzieht… das hatte ich schon mal. Im Oktober oder so. Nein, mir ist nicht schlecht. Komisches Gefühl.“ Ich schaue ihn stirnrunzelnd an. Seltsam. „Solange es kein Krebs ist…“ meint Karsten, aber sein Blick ist ernst. Geht aber schon wieder, er isst weiter. Es ist Januar 2020.
Dann hat er diese komische Art Erkältung, er wundert sich, wie gerädert er ist. Joggen gehen auf dem Teufelsberg, „ich bin viel zu schnell da hochgelaufen, die Luft war so kalt, es war zu viel, ich habe schlecht Luft gekriegt.“ Irgendwie ist einiges zu viel gerade. Die Arbeit auch. Anstrengende Wochenenden unterwegs, toller Auftrag vom Innenministerium, Thema 30 Jahre Wiedervereinigung. Dann fängt Corona an, Superthema für einen Fotografen. Ständig unterwegs. Danach: ausruhen.
Wir spazieren durch die Döberitzer Heide, einst NVA- Militärgelände. „Guck mal. Hier haben die geübt, Gräber zu graben.“ Mir ist unheimlich. Lass uns weitergehen.
Ich habe Angst, dass Karsten zu cool ist wegen Corona und nicht genug aufpasst. Sein typisches, wegwischendes „Ach…“, das meint: halb so wild. Ich will nicht, dass jemand krank wird und allein im Krankenhaus liegt (im Zweifelsfall ich, denn um meine Gesundheit steht es sowieso nicht gut) und einsam stirbt.
Wenigstens geht Karsten jetzt mal zur Hausärztin. Resultat vom Check-Up Ende März: „Alles bestens. Alle Werte sind super, Lunge, Leber, alles gut“, verkündet er stolz. Kann also weitertrinken und rauchen. Wieder runzle ich die Stirn. Alles prima? Okay, naja, dann ist halt alles gut. Aber nicht so richtig gut. Er geht zu einem Gefäßspezialisten, weil er so schlecht durchblutete, geschwollene Hände und Füße hat, das ist nichts Neues, aber er geht mal hin. „Is nix Schlimmes. Rauchen halt, und Alkohol. War eh klar.“ Der Arzt verschreibt ihm ein Mittel gegen übermäßiges Schwitzen.
Und dann geht es ihm noch schlechter. Nebenwirkungen? „Ich habe mir mal den Beipackzettel durchgelesen. Setz das bitte sofort ab.“ (Schwindel, Schwäche, Desorientierung u.ä.) April, Mai, viel Arbeit, er muss sich ständig ausruhen, selbst nach kleinen Anstrengungen. Das Ausruhen wird immer wichtiger. Ruhezeiten, Schlafen. Woran kann das liegen? Ist doch nicht normal. Völlig untypisch. Der lange Lauf, zwei Stunden durch den Tiergarten, wieder zu viel. Zu viel mit all der Arbeit, meint er. Aber so was hat er locker weggesteckt, immer. Das Laufen war ja gerade das Mittel gegen den Stress auf der Arbeit. Dann fängt der Rücken an, wehzutun. Immer öfter tut der Bauch weh. Nach dem Essen, „muss mich erst mal hinlegen.“ Und schon schläft er wieder. Dauernd. Verdauungsprobleme? Die Rache des ewigen Zuckerkonsums? Nein, andere Schmerzen. Den ganzen Mai über versuche ich, ihm endlich eine gute Ernährung zu predigen. Er hat einfach keinen Stuhlgang und ständig Bauchschmerzen. Ich versuche, ihm täglich Leinsamen unterzujubeln. Weniger Zucker, mehr Ballaststoffe bitte! Der Darm ist doch zu träge! Karsten geht es so schlecht, dass er meine Verbesserungsvorschläge sogar annimmt oder es zumindest versucht. Sonst war er notorisch beratungsresistent.
„Ich war doch gerade beim Arzt, ist doch alles in Ordnung.“ „Das war Ende März und JETZT hast du Schmerzen, jetzt gehst du WIEDER zum Arzt!“ Am 22. Mai zur Ärztin, Schmerzen unterer Rücken, Sodbrennen, 40 % leistungsfähig,
Überweisung Ultraschall und Röntgen. Wieso kann die nicht direkt röntgen, warum muss das so lange dauern? Es ist Ende Mai. Karsten hat starke Schmerzen, geht zwischendurch zweimal nachts im Gerlindenkrankenhaus in die Notaufnahme, dort schickt man ihn weg zur Hausärztin. Ultraschall, Blut, Röntgen: soweit okay. Dann ist erst mal das Pfingstwochenende. Er nimmt dauernd Schmerzmittel. Oberbauch, Magen.
Juni. Karsten leiht den Pick-Up von Rafal. Wir transportieren Möbel ins Gartenhaus von Iris und Tim. Ich rufe vorher Iris an und bitte, Karsten möglichst das schwere Tragen abzunehmen. „Ich mache mir Sorgen um ihn.“ Aber Karsten lässt es sich natürlich nicht nehmen, selber mit anzupacken, die Schubkarre zu schieben usw. Wie schlecht es ihm danach geht, sehe nur ich.
Ins Gerlinden, Übernachtung. Er will indisch essen, wir sitzen vor dem Haupteingang auf einer Bank. Ich darf nicht rein, wegen Corona. Das Essen bekommt ihm gar nicht. Schmerzen, Schmerzen.
Am nächsten Morgen: Untersuchung, CT, Ergebnis wird an den Hausarzt geschickt. Er ist total genervt vom Gerlindenkrankenhaus.
Der Sonntag. Ich erreiche telefonisch Hanna, Ärztin in Havelhöhe. „Es geht ihm immer schlechter.“ „Dann müsst ihr über die Rettung rein.“ Wir warten 5 Stunden auf der Ersten Hilfe in Havelhöhe. Es geht ihm sehr schlecht, der Bauch ist aufgebläht, er kann sich kaum bewegen. Endlich Röntgen. Der Arzt, fröhlich: „Kein Wunder, dass Sie Beschwerden haben. Der Darm ist bis obenhin voll.“ Kolostase. „Ich gebe Ihnen mal ein Abführmittel, dann geht es Ihnen sicher besser.“ Wir schauen uns an. Das ist alles? Wir fahren nach Hause, das Abführmittel bringt nichts.
Am nächsten Tag hole ich die Ergebnisse vom CT im Gertrauden ab. Ich verstehe nur was von vergrößerten Lymphknoten. Kann ja nicht so schlimm sein. Ich hole Karsten ab, wir fahren wieder zur Ersten Hilfe, warten wieder fünf Stunden, es geht ihm wieder sehr schlecht, immer noch sammelt er Erklärungsversuche für seinen Zustand, erzählt vom Mittel gegen Schwitzen. Jetzt liest sich die Notärztin mit zerfurchter Stirn den Befund vom CT durch. Sie schaut leicht abwesend etwas zu lange auf das Blatt Papier, sagt aber nichts. Es fehlt ja noch der Biopsie-Befund vom Gerlinden. Die Ärztin telefoniert ungefähr sechs verschiedene Stationen an. „Ja, hallo, haben Sie ein Männerbett frei? Nein? Okay, danke!“ Ich drehe durch vor Ungeduld. Dann endlich ein Bett. Chirurgie. Weiter kein Wort zum CT.
Endlich ist er aufgenommen. Bin erleichtert. Endlich liegt er am Tropf und kriegt Flüssigkeit in den Körper. Er kann doch kaum noch trinken. Auf der Chirurgie-Station gibt man Karsten starke Abführmittel. Endlich leert sich der Darm.
Dienstagmorgen, 9. Juni: Darm- und Magenspiegelung. Ich finde Karsten, als er von der Untersuchung in den Fahrstuhl gerollt wird, im Bett liegend. Dort unten, im MVZ Gastroenterologie, arbeitet Hanna. Die Ergebnisse der Biopsie werden vom Gerlinden geschickt. Krebs. KREBS. KARSTEN HAT KREBS. Aber keiner sagt so richtig was. Auch Karsten selbst nicht. Alle immer in Hektik. Kann doch nicht wahr sein. Endlich steht der Arzt mit uns vor dem Aufenthaltsraum am Empfangstresen der Chirurgie und erklärt etwas. Es ist laut, er spricht mit starkem Akzent, er ist in Eile, das Gespräch behagt ihm nicht, wir verstehen fast nichts, weder akustisch noch inhaltlich. „Können wir uns vielleicht mal hinsetzen?“ frage ich und zeige auf den Aufenthaltsraum. „Oh… ja… natürlich“, es ist ihm wenigstens peinlich, dass er uns die Krebsdiagnose auf dem Gang erklären wollte. „Also wie kann ich mir das vorstellen, da ist zuerst ein Tumor und dann schwellen die Lymphknoten an und dann gibt es Metastasen? Das heißt, er ist jetzt im zweiten Stadium?“ frage ich. „Ja… genau.“ Karsten soll noch bleiben, ein paar Tage, und einen Termin im MVZ, im Medizinischen Versorgungszentrum, beim Onkologen machen. Der erklärt dann, wie es weitergeht. Erst muss der Tumor in der Tumorkonferenz besprochen werden. Das dauert aber noch eine Woche, dann ist wieder Dienstag und nur dann findet die Tumorkonferenz statt. KÖNNEN DIE NICHT HEUTE DRÜBER REDEN?
Nachmittags versuche ich, Hanna zu finden. Sie ist ständig überarbeitet als Oberärztin und ich bin dabei, ihr zu schreiben, als sie zufällig vor mir steht. Hanna nimmt sich Zeit, „bin sowieso schon eine Stunde hinterher, ohne Mittagessen,“ sie erklärt mir die Diagnose in ihrem Büro. Die einzige gute Erklärung, die ich bekomme. Sie hat die Resultate der Gastroskopie gesehen, obwohl Karsten nicht ihr Patient ist. Speiseröhrenkrebs, am Übergang zum Magen. „Es ist eine schwere Erkrankung“, sagt sie nachdrücklich mit entsprechendem Blick über ihrer Maske. Ich breche in Tränen aus. „Wir sind doch so glücklich…“ Versuch des Trostes: „Ich kenne jemanden, der hat eine ähnliche Diagnose, und der lebt jetzt schon vier Jahre damit“. Ich torkle über die Wiese, durch den Wald vor ihrer Station, weinend, vier Jahre??? Was sind denn bitteschön vier Jahre? Das soll jetzt eine Erfolgsmeldung sein??? Wir wollen zusammen ALT werden!!!
„Ihr KÖNNT es schaffen,“ hat Hanna gesagt.
Unausgesprochen: „Vielleicht“.
Ich fahre nach Hause, breche in den Armen meiner Tochter zusammen. „Karsten hat Krebs.“ Das Aussprechen dieses Satzes tut weh.
Ich rufe meine Schwester an. Meine Mutter.
Selbstberuhigung. Das Gute ist ja, dass Karsten so fit und stark ist, er hat eine Super-Kondition. Er läuft jede Woche ein paar Mal stundenlang! Okay, bis zum Frühjahr. Dann fing es an. Aber ist ja Marathons gelaufen! Er ist ja gottseidank kein alter Mann. Mit 80 sähe die Diagnose schon anders aus. Aber in seinem Alter und mit seiner Kondition, da wird er es schon schaffen. Und wenn er sich was vornimmt, dann zieht er es auch durch. Und er hat ja auch positive soziale Faktoren: Er hat so viele gute Freunde. Gute Freundinnen. Er hat die Kinder. Er hat seinen Bruder. Und er ist ja krisenerprobt.
Der Tod: des unbeschwerten Lebens. Haben wir gerade die schönsten Jahre unseres Lebens gehabt?
Nach drei Tagen wird Karsten entlassen.
Karsten, der Radikale, überlegt, ob er den ganzen Chemo-Scheiß überhaupt mitmachen soll. DU KANNST DOCH JETZT NICHT EINFACH SO AUFGEBEN SPINNST DU? Er hat keinen Bock auf Krankenhaus. Auf das Leiden. NEINNEINNEIN DU MUSST KÄMPFEN
„Wenn du die Chemo nicht machst, hast du den Rest deines Lebens Krebs. Wenn du sie machst, hast du eine Chance, sagen zu können, du hattest Krebs, und du kannst noch einmal ohne ihn leben.“
Eine Woche Warten auf die Tumorkonferenz.
Morgens um neun Uhr finden wir uns im MVZ Onkologie / Tumorambulanz wieder. Worte, die schon beim Lesen wehtun. Orte, wo man nie hinwill. Geschmackloserweise sind die Flure mit hoffnungslos schwarzen Bildern dekoriert. Und das bei den Anthroposophen. Ich kriege erst mal einen Migräneanfall im Wartezimmer. Termin beim Onkologen Dr. Eidel. „Hallo Herr Thielker. Wir gehen von einer vollständigen Heilung aus“, sagt er, entspannt, grinsend und irgendwie selbstgefällig. In mir sackt etwas ab vor Erleichterung. Was kann man Schöneres hören von einem Onkologen als „vollständige Heilung“? Chemo, so drei bis vier Mal, es müssen nicht mal die üblichen sechs sein. „Die sind aber nicht so stark wie andere Chemos. Da fallen Ihnen auch nicht alle Haare aus.“ „Das ist bei mir ja nicht so wichtig“, meint Karsten. Dann Operation, dann Reha. Okay. „Kann ich laufen gehen?“ fragt Karsten. „Ich sehe nichts, was dagegen spricht, wenn Sie sich zwischen den Chemos danach fühlen.“ FALSCHE HOFFNUNGEN. Dr. Eidel: jung, jovial, er tut sein Möglichstes, um davon abzulenken, dass die Leute mit Todesangst zu ihm kommen. Rennrad hängt an der Wand, er ist durchtrainiert, plaudert über Nebensächliches. Was er nicht tut: uns über diesen Tumor aufklären. Uns über die Risiken aufklären. Uns den Ernst der Lage erklären. Speiseröhrenkrebs ist eine sehr schlechte Diagnose, das weiß ich von Hanna. Und aus dem Internet.
Karsten fragt nicht nach. Er will es nicht wissen. Er ist nicht der Typ Patient, der alles genau erklärt haben will. Und daher frage ich auch nicht nach. Ich bin schon froh, dass Karsten sich auf die Chemos einlässt.
Diesmal müssen wir nicht über die Rettungsstelle. Karsten geht es so schlecht, dass er sich von Eidel sofort einweisen lässt. Aufnahme in der Onko. Langsam steigen wir dahinter, dass Station 9 Onkologie des Krankenhauses und das MVZ Tumorzentrum NICHT zusammengehören, sondern zusammenarbeiten. Dass, solange Karsten stationär aufgenommen ist, der Eidel gar nicht zuständig ist. Erklärt einem ja keiner, die Maschinerie des Krankenhauses.
Karstens Bruder Lars trifft ein, mit seiner Frau Antje. Sie bleiben lange, sie machen Urlaub auf dem Campingplatz an der Havel. Es ist so gut, so gut, dass er da ist. Alle Kinder lieben ihn.
Am Wochenende ist nicht viel los im Krankenhaus. In ein paar Tagen geht die erste Chemo los. Es geht ihm nicht gut.
Krankenhausregeln. „Du musst klingeln. Nicht hingehen. Auch wenn die Schwestern neben deinem Zimmer sitzen. Du musst klingeln, denn sonst wissen die nicht, wie schlecht es dir geht. Wenn du noch hingehen kannst, denken die: so schlecht geht es ihm nicht.“
In Havelhöhe kann ich immer sofort dem Krankenhaus entfliehen, wenn ich ein paar Minuten allein brauche. Über die flache Steinmauer hinter der Gastro steigen, die Treppe herunter durch den Wald, unten kommt man am Jachtclub raus. Rechts geht es zum Gutspark Kladow mit Wiesen an der Havel. Links ein Waldweg an der Havel. Ich gehe, ich laufe. Ich weine.
Karsten wird der Port implantiert. Rechts unter dem Schlüsselbein. Der Port ist ein bierdeckelgroßes, dickeres Teil unter der Haut. Es steht deutlich hervor. Von dem runden Teil führt ein Kathederschlauch in die Vene. Spritzen kann man jetzt in das Portkissen, und da wird dann die IV-Nadel für die Chemos und alles andere angeschlossen. Es gibt also keinen Zugang auf dem Handrücken oder den Arm. Karsten ist glücklich über den Port. Er hasst es, in den Arm gestochen zu werden. Seine Venen sind unsichtbar, jeder sucht sie sozusagen nach Gefühl, und das ist meistens schmerzhaft für Karsten. Die Wunde von der Port-Implantation ist noch lange abgedeckt mit einem großen Pflaster. Später liegt er frei als dicker Knubbel unter der Haut, umgeben von blaugelbgrünen Flecken, die nie abheilen. Die Haare wurden rasiert. Es sieht hässlich aus. Das ist Karsten egal. Eine Qual weniger.
Ich fahre völlig dumm, hektisch und planlos durch die Gegend auf der Suche nach einem Zimmer, damit ich näher am Krankenhaus bin. Endlich finde ich eins in Kladow, ich bin froh. Kann zu Fuß ins Krankenhaus.
Karsten schickt mir abends ein Foto von der Wannsee-Fähre. Ich renne los, in 10 Minuten bin ich unten am Kladower Hafen. Ich freue mich, dass Karsten so weit laufen konnte.
Erste Chemo. Ich finde Karsten in der Tumorambulanz, da läuft die Chemo die ersten Stunden in ihn rein, über den Port.
Alle sitzen oder liegen in gemütlichem Ambiente in den Räumen oder sitzen auf der überdachten Terrasse. Es ist heiß. „Ich merke, wie das in mich reinläuft. Anstrengend.“ Der Beutel mit der Chemo hängt am Tropf.
Jeder Patient, der von der Station in die Tumorambulanz kommt, hat ein Plastikkörbchen mit seinen Unterlagen dabei. Wie im Supermarkt. Wir setzen uns etwas abseits auf eine Bank, mitten zwischen die Blütenpracht. Rauchen kann er noch.
Nach ein paar Stunden kommt die Chemo an den Gürtel, die Infusion läuft 24 Stunden mindestens weiter. Dabei ist die Plastikflasche, die aussieht wie ein Baby-Fläschchen, in einer Nylontasche mit Rundum-Reißverschluss. Die hängt am Gürtel. Er kann wieder auf Station gehen. Er geht sogar mit mir spazieren, bis runter an die Havel. Er ist eben zäh. Der Schlauch hängt an seinem Hals aus dem T-Shirt. Ist ihm egal, wie es aussieht und was die Leute denken. Also ist es mir auch egal. Ich will den Scheiß eh nicht sehen. Nur denke ich, das Zeug, das Gift, das da in ihn reinläuft, das wird ihn retten. Das ist gutes Gift. Notwendiges Gift.
Ich ziehe an den traumhaften Sacrower See. Ich habe wunderschöne Momente gehabt die letzten Tage. Allein und mit Karsten. Weil er in Havelhöhe ist. Es ist einfach schön hier. Der Hafen, die Villen, die Havel, der Wald. Bin froh, mich hier einquartiert zu haben. Nicht die lange Fahrt auf der Heerstraße. Endlich raus aus der Wohnung nach 3 Monaten Corona. Eine Wohltat. Mir geht es viel besser.
Sitze mit meinem morgendlichen Kaffee hinter den sonnenbadenden Menschen am Strand. Ich bringe die Schattenseiten des schönen Lebens mit mir. Wie ein dunkler schwarzer Schatten. Dreht euch nicht um.
Auf der Onko ist der nette Psychoonkologe, ein junger Mann namens Bruno. Mit ihm versteht Karsten sich gut. Sie sitzen draußen an der Wiese und reden. Karsten nimmt sich vor, seine Arbeitsweise zu verändern, Stress zu reduzieren. Das, was ihn wirklich stresste, war nicht die Jagd nach Fotos auf den Straßen der Stadt oder als Auftragsarbeit, sondern das abendliche Bearbeiten der Bilder. Die stundenlange Arbeit vor dem Bildschirm bis tief in die Nacht. Dazu zu viel Alkohol. Karsten plant, die Bildbearbeitung viel öfter zu delegieren. Und weiter an sich selbst zu arbeiten, diesmal mit Verhaltenstherapie zur Unterstützung dieser Stressreduktion. Wir fangen schon an, herumzufragen nach Therapeuten. Für die Zeit danach.
Hin und her, ob die Chemo-Infusion jetzt innerhalb von 24 oder 48 Stunden in ihn laufen soll. Nervig. Die Station sagt was anderes als Eidel. Ja, soll aber alles so stimmen. Dann klemmt eine Schwester die Flasche ab und sagt, es ist durch. Dann stimmt das nicht und die Infusion muss noch mal ran.
Dann wird er entlassen. Es geht Karsten gar nicht so sehr schlecht. Wir sind gut gestimmt. Nicht so schlimm wie erwartet. Eine sehr gut gelaunte Krankenschwester gibt Medikamente mit. Unter anderem eine Thrombose-Spritze. Wir sagen, die kann eine befreundete Ärztin geben. Okay. Wir fahren nach Hause.
Am nächsten Tag geht es Karsten beschissen. Es ist Samstag. Am nächsten Tag geht es ihm noch beschissener. Es ist Sonntag. Er kann nur liegen und fast nichts essen und trinken. Dabei ist gerade das Trinken wichtig, um das Gift rauszuspülen. Am nächsten Tag rufe ich den Eidel an. Und ach, er zählt eine ganze Reihe von Medikamenten gegen Nebenwirkungen auf, die die Onkologie-Station uns NICHT mitgegeben hat. Da ging es Karsten ja auch viel besser. KANN DOCH NICHT WAHR SEIN SO EINE VERFLUCHTE SCHEISSE. „Hätten Sie sich auf der Station melden sollen.“ Ach so ja. Rezept wird an die Apotheke gefaxt, ich hole die Medikamente. Helfen tun sie, etwas, gegen die Schmerzen, gegen die Übelkeit. Es ist sehr hart. Und das soll jetzt die nicht so starke Chemo sein. Aha.
Wir gehen zur Hausärztin Dr. Winter,
Medikamentennachschub holen.
Juli. Auch nach der Krebsdiagnose versuche ich es weiter mit Ernährungstipps. Krebs mag Zucker, Alkohol, Nikotin… Nach der ersten Chemo ist es aber so, dass ich froh bin über ALLES, was er essen kann. Er MUSS essen, egal was. Aber diese kleinen Drinks zum Aufpäppeln, diese Astronautennahrung, die er verschrieben bekommt, kriegt er beim besten Willen nicht runter. Mist. Er muss bei Kräften bleiben, besser: zu Kräften kommen. Für die nächste Chemo. Iss, egal was! Monate geht es nur ums Essen, um Stuhlgang, Verdauung. Und er wird immer dünner, immer weniger.
Noch versuche ich – halbherzig, ich weiß um die Zwecklosigkeit – ihn vom Nicht-Rauchen zu überzeugen. „Das freut den Tumor.“ Er schiebt mir den Riegel vor: „Das Rauchen und Trinken entscheide ich.“ „Alles klar.“
Essen, was geht. Meistens kommen danach die Schmerzen.
Mit Magali und Frank stopfen wir uns die Bäuche voll mit gebeiztem Fisch.
Karsten wieder in Havelhöhe, Onko. Diesmal sind wir schlauer, er bleibt auf jeden Fall länger stationär.
Eidel macht die Urlaubsvertretung für Dr. Schramm, den Oberarzt auf der Onko. Er schaut kein einziges Mal bei seinem Patienten Karsten Thielker vorbei. Nicht mal ein „Hallo.“
Wir sitzen auf der Cafeteria-Terrasse des Krankenhauses. Ein sehr altes Pärchen schlurft vorbei, wackelig, weißhaarig, Händchen haltend. „Wir in ein paar Jahrzehnten. Dann laufen wir hier so durch unser Krankenhaus.“
Zweite Chemo.
Karsten geht mit Lars, Antje, Cora und Tom zur Kleingartenkolonie an der Havel.
Ein paar Tage nach der Entlassung ist Karsten wieder in der Klinik. Das Wochenende bei mir war so schlimm wie nach der ersten Chemo. Trotz Medikamente. Jetzt kann er wenigstens wieder essen und er kriegt intravenös Flüssigkeit. Ihm geht es „gut“, ich kann mich entspannen.
Die Cafeteria des Krankenhausens hat wegen Corona nur von 12 – 14 Uhr geöffnet. Deshalb muss ich da manchmal schnell hineilen, um noch Mittagessen zu bekommen. Sonst bleiben nur Kleinigkeiten im Hofcafé am Eingang oder ich muss nach Kladow fahren, anderthalb Kilometer. Oder Karstens Mahlzeiten essen. Er kriegt fast nichts runter.
Ich ziehe ins Gästehaus des Krankenhauses, Zimmer mit Terrasse. Wie froh ich bin, mir das leisten zu können und hier, ja, eine schöne Zeit zu verbringen. Wir sehen uns nur draußen, ich muss kaum mit auf seine Station. Abends gehe ich, ja, glücklich durch den Wald ins Gästehaus.
Gehe mal wieder zum Vietnamesen in Kladow.
Ich flüchte abends an die Sacrower Heilandskirche. Es ist traumhaft. Es ist ein Privileg, hier sein zu dürfen.
Wir wollen einen Sonntagsausflug machen. Die Stationsschwester sagt: „Natürlich können Sie mal rausfahren. Das tut ja auch gut, mal rauszukommen. Aber wenn es ihm schlecht geht, dann rufen Sie die Rettung an. Aber schauen Sie zu, dass Sie dann auf dem Krankenhausgelände sind. Sonst wird es nämlich richtig teuer für Sie, wegen der Versicherung. Wir hatten das schon. Da hat sich schon manch einer gewundert, was das kostet. Also am besten nicht zu weit weg fahren“.
