Kidnapper Dearest - Ute Jäckle - E-Book

Kidnapper Dearest E-Book

Ute Jäckle

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Beschreibung

Sein Auftrag lautet: Sie zu entführen. Sein größtes Verbot: Er darf sich nicht in sie verlieben!

Elena genießt ihr Luxusleben als Tochter eines kolumbianischen Millionärs in vollen Zügen – bis sie eines Tages während einer Shoppingtour von Kriminellen entführt und in die Einsamkeit des tiefsten Regenwaldes verschleppt wird. Eine Zeit voller Angst und Verzweiflung bricht über Elena herein, denn vor allem der cholerische Anführer Carlos kennt keine Gnade. Nur einer schafft es, dem Mann die Stirn zu bieten. Ihr Kidnapper Rico – attraktiv, unnahbar und für einen Kolumbianer auffallend blond. Sie wendet sich Rico zu, schmeckt die Gefahr die von ihm ausgeht, fast schon auf der Zunge. Ihr einziger Gedanke lautet Flucht. Schon bald ist Rico mehr für sie, als nur ihr Entführer und der Mann mit den smaragdgrünen Augen stürzt Elena in einen Gewissenskonflikt. Darf man sich in seinen Entführer verlieben? Und ist Rico wirklich der, der er vorgibt zu sein?

Neuauflage! Dieser Roman erschien ursprünglich unter dem Titel Verloren in der grünen Hölle. Abgeschlossener Roman, ohne Cliffhanger! Wer aber trotzdem wissen möchte, wie es mit den Figuren weitergeht, erfährt dies in Kidnapper Mine

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Kidnapper Dearest

Ute Jäckle

Inhalt

Über die Autorin

Prolog

Elena

Elena

Elena

Elena

Rico

Elena

Elena

Elena

Rico

Elena

Rico

Elena

Elena

Rico

Rico

Elena

Rico

Elena

Rico

Elena

Elena

Rico

Elena

Rico

Rico

Elena

Rico

Elena

Elena

Elena

Elena

Elena

Rico

Elena

Rico

Elena

Rico

Elena

Elena

Elena

Elena

Rico

Elena

Elena

Rico

Elena

Rico

Rico

Elena

Elena

Elena

Rico

Elena

Elena

Rico

Rico

Elena

Rico

Rico

Elena

Rico

Elena

Elena

Elena

Elena

Elena

Nachwort

Leseprobe

Kapitel 1

Neuauflage Oktober 2019

Copyright © 2019, Ute Jäckle

c/o Barabara’s Autorenservice

Tüttendorfer Weg 3

24214 Gettorf

Email: [email protected]

Cover: NK Design (Nadine Kapp)

all rights reserved

Die Charaktere, Handlungen und Gegenstände dieser Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Dieser Roman erschien ursprünglich unter dem Titel: Verloren in der grünen Hölle im Bookshouse Verlag!

Über die Autorin

Über die Autorin

Ute Jäckle wurde in Stuttgart geboren. Sie studierte BWL in Nürnberg und verbrachte einige Jahre in den USA. Nach dem Studium arbeitete sie für die Industrie. Schon immer war ihre ganz große Leidenschaft das Lesen, und mit dem Schreiben von Büchern erfüllte sie sich einen Lebenstraum. Seitdem kann sie nicht mehr davon lassen und widmet sich voll Hingabe dem Verfassen von Liebesromanen. Seit Jahren schreibt sie für verschiedene Verlage und auch im Selfpublishing.

Prolog

Es gibt Zeiten, da droht einem alles zu entgleiten. Tage wie heute zum Beispiel. Ein winziger Moment reicht, und die Welt wie wir sie kennen, hört auf sich zu drehen. Ein Augenblick, der darüber entscheidet, wie der Rest deines Lebens verlaufen wird. Manchmal reicht es schon aus, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Wie ein Tropfen, der auf einen heißen Stein trifft und verdampft. Heute Morgen dachte ich noch, Luisa aufzumuntern, wäre das Schwierigste, was mir an diesem Tag bevorstand.

Aber ich sollte mich irren.

Das Schwierigste, was mir heute bevorstand, war zu überleben.

Elena

Ich sah aus dem Fenster hoch zur Sonne, die bereits kraftvoll vom wolkenlosen kolumbianischen Himmel schien und nahm Luisas Hand. Ein Kondensstreifen zog sich über das Firmament, so weit oben, dass ich das Flugzeug nicht erkennen konnte.

Javier, der Fahrer meines Vaters, saß am Steuer unserer S-Klasse, und chauffierte mich und meine Freundinnen Luisa und Adriana zur Mall. Unsere Mission lautete: Luisa auf andere Gedanken bringen. Mein Vater befand sich für ein paar Tage auf Geschäftsreise und hatte uns das Auto für eine Einkaufstour überlassen, als ich ihm erzählte, wie schlecht es um Señora Espinosa stand.

»Warum trägst du lange Jeans? Draußen sind über dreißig Grad.«, fragte Adriana und riss mich aus meinen Gedanken.

»Keine Ahnung«, ich zuckte mit den Schultern. Als ich kurz nach dem Aufstehen die schlechten Neuigkeiten von Luisa erfahren hatte, hatte ich einfach das nächstbeste aus dem Schrank gezerrt und angezogen, um schnellstmöglich bei meiner Freundin zu sein. »Weil ich wegen der blöden Klimaanlage vergangenes Mal fast in den Shops erfroren bin.«

»Was möchtest du heute unternehmen?« Adriana lehnte den Kopf an Luisas Schulter, wir hatten unsere Freundin in unsere Mitte genommen.

»Keine Ahnung«, Luisa lächelte und hielt dabei Tränen zurück. Eigentlich hatte ihre Mutter den Brustkrebs schon vor einem Jahr besiegt gehabt, aber nun war die Krankheit leider wieder ausgebrochen. »Vielleicht zu Gap?«

Adriana kramte eine Packung mit Karamellcreme gefüllter Kekse aus ihrer Handtasche und hielt sie Luisa hin. »Gegen Kummer helfen am besten Alfajores.«

»Wenn es nur so einfach wäre. Mamá hat heute noch einen Termin beim Arzt, da wird dann festgestellt, ob der Krebs bereits gestreut hat.« Luisa sah so verzweifelt aus, dass mein Herz bei ihrem Anblick schmerzte. Ich kannte sie und ihre Familie schon seit ich klein war und bei dem Gedanken, ihre Mutter könnte tatsächlich sterben, zog es mir die Kehle zu. Diese wundervolle herzensgute Mamá, die uns als Kinder immer Milchreis mit Früchtekompott gekocht hatte, wenn wir hungrig waren und die ich nur lächelnd kannte, hatte dieses grausame Schicksal nicht verdient.

»Ich sollte bei ihr sein«, schluchzte Luisa und hielt sich beide Hände vors Gesicht.

»Es wird alles gut.« Ich streichelte ihren Rücken. »Außerdem könntest du nichts tun, nur zu Hause sitzen und warten, bis sie aus dem Krankenhaus zurückkommt. Dann wirst du noch verrückt. Deine Mamá hat doch versprochen, gleich anzurufen, wenn sie die Ergebnisse hat und dann fahren wir sofort zurück.«

Sie ließ die Hände sinken und wischte sich eine Träne vom Unterlid. »Du hast recht. Allein zu Hause würde ich es nicht aushalten. Danke, dass ihr für mich da seid.«

»Wir sind immer für dich da, ganz egal, was geschieht.« Adriana gab ihr einen Kuss auf die Wange, worauf Luisa in die Kekspackung griff und sich einen Alfajores nahm. Sie knabberte ein Stückchen davon ab. »Alles wird gut, es wird alles gut«, murmelte sie mantramäßig. »Dieser Tag wird nicht schlimm enden.«

»Mit Sicherheit nicht«, erwiderte ich voller Überzeugung, obwohl ich mir selbst nicht glaubte. Die Wahrheit lautete: Ich hatte keine Ahnung, wie dieser Tag enden würde. »Deine Mutter geht regelmäßig zur Vorsorge, es kann gar nicht sein, dass der Krebs schon weit fortgeschritten ist.«

»Jetzt gucken wir erst mal, ob der heiße Kerl noch bei Gap hinter der Kasse steht«, kam es von Adriana, die Luisa zuzwinkerte und zauberte ihr ein schwaches Lächeln aufs Gesicht. »Kein Wort mehr über Krebs bis Luisas Mutter anruft.« Seit einem halben Jahr schon war Luisa in diesen heißen Verkäufer verknallt, hatte sich jedoch noch nie getraut, ihn anzusprechen. Vor allem, weil sie sich zu fett fand, was absoluter Blödsinn war. Sie war einfach kurvig und hatte in meinen Augen schöne Proportionen, alles an ihr passte wundervoll zusammen. Leider sah sie selbst nicht, wie gut sie aussah.

Gleichzeitig kreischten wir auf, als Javier so schwungvoll um die Kurve fuhr, dass Adriana sich am Haltegriff festhalten musste, um Luisa nicht gegen mich zu drücken.

»Hey, Javier«, rief Adriana. »Du hast deinen Führerschein wohl von der Mafia gekauft.«

»Verzeihung«, kam es von vorn.

»Javier fahr langsamer«, wies ich den Fahrer meines Vaters an. »Wir wollen nicht auch noch im Straßengraben landen.«

»Selbstverständlich, Señorita Elena.« Er klang wie immer höflich und genau so unterwürfig, wie er mit meinem Vater zu reden pflegte. Die Glasscheibe, die den Fahrerbereich vom hinteren Teil des Wagens abtrennte, fuhr hoch, was nicht ungewöhnlich war. Er tat dies oft, um uns Privatsphäre zu geben, auch wenn wir nicht extra danach verlangten. Ich vermutete ja eher, ihm ging unser Gerede auf die Nerven.

Ich beachtete ihn nicht weiter, denn inzwischen fuhr Javier wieder geradeaus, die schmale Stadtautobahn entlang, die uns auf dem schnellsten Wege zur Mall führte. Gleich kam schon die Abfahrt, jetzt war es nicht mehr weit.

Ich lehnte mich zurück, als erstes brauchte ich in der Mall etwas Kaltes zu trinken.

Javier fuhr an der Abfahrt vorbei, raste in hohem Tempo die Straße entlang. Wieso das denn? War sie gesperrt? Ich sah aus dem Rückfenster. Nein, alles war frei, soeben bogen zwei Autos an derselben Abzweigung ab. Javier wurde nicht langsamer, im Gegenteil, er überholte eine Reihe von Fahrzeugen.

»Was hast du?« Luisa winkelte ein Knie an, das sie auf dem hellbraunen Ledersitz abstellte, und zupfte sich ihren dunklen Pferdeschwanz zurecht.

»Javier«, ich deutete mit dem Kinn nach vorn zum Fahrer. »Er hat die Abfahrt zur Mall verpasst.«

»Wie verpasst?« Luisa wich mit dem Kopf zurück. Trotzdem nahm sie sich erst noch einen von Adrianas Keksen, ehe sie sich hochhievte, um ebenfalls einen Blick aus dem Rückfenster zu werfen, aber wir waren bereits zu weit entfernt, um noch etwas erkennen zu können. Also ließ sie sich zurück auf den Sitz plumpsen und zog ihr Sommerkleid nach unten, das verrutscht war.

Was war heute mit Javier los? Immerhin fuhr er uns nicht das erste Mal zur Mall. Der musste doch bemerkt haben, dass er die Abfahrt verpasst hatte. Außerdem raste er auf der Überholspur dahin.

»Der Blödmann hat sie echt nicht mehr alle. Dein Vater sollte ihn entlassen.« Energisch klopfte Adriana gegen die Scheibe. »Sie haben eben die Abfahrt verpasst«, belehrte sie ihn mit strenger Stimme, als das Glas nach unten fuhr, und stupste ihm wie zur Bekräftigung mit dem Zeigefinger gegen die Schulter. Mit spitzen Lippen wartete sie auf eine Reaktion.

Für einen Moment wandte sich Javier zu uns um. »Ich war ganz in Gedanken. Bitte verzeihen Sie mir, Señoritas. Leider kann ich auf dieser Straße nicht wenden, sondern muss noch ein Stück weiterfahren, bis ich Gelegenheit zum Umdrehen habe.«

Adriana rollte mit den Augen. »Dann beeil dich besser.«

Ohne die Trennscheibe wieder hochfahren zu lassen, raste er weiter aus der Stadt hinaus, dahinter war es grün, die Wiesen wurden schon von den ersten Ausläufern des Dschungels durchbrochen.

Adriana überkreuzte die Beine, die von ihren knappen Shorts äußerst vorteilhaft in Szene gesetzt wurden und strich mit den Fingern durch ihre schwarzen nackenlangen Locken. Sie war das, was man eine klassische Schönheit nennen konnte, an ihr war wirklich alles perfekt. Problemzonen kannte sie nicht. »Hey Javier, was ist jetzt?«, motzte sie ihn an. »Ich will endlich zum Shoppen, und zwar in unsere Mall in Florencia und nicht in die von Bogotá.«

Er reagierte nicht, mit beiden Händen umfasste er fest das Lenkrad.

»Langsam könnte er schon mal umdrehen, findest du nicht?«, flüsterte Luisa. »Da und da«, sie deutete nach draußen, »überall sind Möglichkeiten zu wenden.«

Ich kramte in meiner Handtasche nach meinem Handy, was Javier veranstaltete, war mir langsam nicht mehr geheuer. »Javier, ich rufe Papá an, wenn du nicht sofort umdrehst und zurück fährst.«

Javier riss den Kopf herum und runzelte die Stirn. Im nächsten Moment starrte er wieder nach vorn. Seine Schultern waren plötzlich verspannt. »Señor Montanez würde es nicht gefallen, wenn Sie ihn bei der Arbeit stören«, erwiderte er nur.

»Da können Sie wenden, Javier.« Adriana deutete mit dem ausgestreckten Arm nach draußen. Die Haltebucht am Straßenrand kam immer näher, aber Javier wurde nicht langsamer, sondern gab sogar noch Gas und raste daran vorbei. Was zum Teufel hatte das zu bedeuten? War Javier völlig verrückt geworden?

Mir kroch es eiskalt den Rücken hinunter. »Warum haben Sie nicht umgedreht?«, fuhr ich ihn an.

Es dauerte lange, bis eine Antwort von vorn kam. »Es ist immer noch zu eng zum Wenden«, sagte er knapp und umschloss das Lenkrad fest mit beiden Händen.

Ich lachte ungläubig auf. »Erzählen Sie keinen Mist.«

»Dann lass mich wenden, Javier, wenn du dich nicht traust«, kam es abfällig von Adriana, die ihn mit wütenden Blicken beschoss.

Er erwiderte nichts darauf.

»Los, ruf deinen Vater an!« Luisa wühlte jetzt auch in ihrer Handtasche. »Oder ich rufe meinen an.«

»Drehen Sie auf der Stelle um!« Ich bemerkte den hektischen Klang meiner eigenen Stimme.

Indessen fuhr Javier ungerührt weiter. »Es ist nicht erlaubt, hier anzuhalten.«

»Javier, hatten Sie einen Schlaganfall?« Adriana machte eine Handbewegung, als würde sie ihn erwürgen.

Als ich bemerkte, dass Javier uns im Rückspiegel beobachtete, hielt ich mein Handy hoch und den Finger ans Display, wählte aber noch nicht. Mein Vater steckte heute in einem äußerst wichtigen Business-Meeting fest und würde tierisch sauer sein, wenn ich ihn wegen eines etwaigen Missverständnisses mit seinem Fahrer aus dem Konferenzzimmer zitieren ließ. Im Gegensatz zu mir hielt er große Stücke auf Javier, ich hingegen hatte den stocksteifen Kerl noch nie sonderlich gemocht. »Drehen! Sie! Sofort! Um!«

Auf einmal reagierte er. »Wie Sie wünschen.« Er verlangsamte das Tempo und ich ließ mein Handy wieder sinken. Zum Glück hatte ich meinen Vater nicht bei seinen Geschäften gestört, er wurde so schnell wütend, und wäre bestimmt ausgerastet.

Plötzlich trat Javier so heftig auf die Bremse, dass wir alle drei kreischend nach vorn flogen, da wir uns in der Limousine nie anschnallten. Mein Handy rutschte durch den Fußraum, als ich hart mit dem Gesicht gegen die Trennwand krachte, weil keine Zeit mehr blieb, mich irgendwo abzustützen. Luisa landete auf mir, worauf mir für einen Moment der Atem wegblieb, ein heftiger Schmerz blitzte in meine Rippengegend. Scheiße, tat das weh.

»Aua«, riefen Luisa und ich gleichzeitig. Nur Adriana, die sich abgefangen hatte, saß schon wieder.

Als sich Luisa ächzend wieder aufrichtete, klackte die Zentralverriegelung, gleich darauf rüttelte Adriana an der Tür. »Hey! Machen Sie sofort auf!«

Was war denn jetzt los? Auch ich rappelte mich hoch und verschaffte mir erstmal einen Überblick. Hatten wir einen Unfall gebaut?

»Ist was passiert?« Mit Blicken suchte ich durch die Frontscheibe den Bereich vor der Motorhaube ab, konnte aber nichts entdecken. Was stimmte mit diesem Kerl nicht, dass er uns grundlos in Gefahr brachte?

Javier saß kerzengerade auf seinem Sitz, den Blick nach vorn gerichtet. Seine Hände ließ er langsam vom Lenkrad auf seinen Schoß sinken.

»Sind Sie übergeschnappt?« Ich rieb meine schmerzenden Rippen, während Luisa ihren stark geröteten Ellenbogen begutachtete.

Wie in Zeitlupe drehte sich Javier zu uns um und richtete eine Pistole direkt auf Luisa. Mit einem abfälligen Grinsen musterte er uns - eine nach der anderen. »Na, jetzt helfen euch eure Papis auch nicht mehr.«

Mein Puls schnellte steil in die Höhe und pochte mir im Hals, mein Mund öffnete und schloss sich unentwegt. Fieberhaft suchte ich nach Worten, während ich auf die Waffe in Javiers Hand blickte, aber kein Ton kam heraus. Meine Stimmbänder fühlten sich an wie gelähmt. Wenn er jetzt abdrückte, war alles aus. »Was soll das?«, krächzte ich schließlich und schluckte, um den Kloß in meinem Hals wieder loszuwerden, der mir die Luft abschnürte. Panik stieg in mir auf. Mein Herz raste so sehr, dass ich eine Hand auf meine Brust legte in der Hoffnung, es so wieder beruhigen zu können. Was passierte hier gerade? Javier, unser Fahrer, der Mann, der schon seit zehn Jahren in Diensten unserer Familie stand, bedrohte uns mit einer Waffe? Das war ein Scherz. Das konnte nur ein Scherz sein. Und kein sehr guter, falls er jetzt loslachte.

»Ich würde mal sagen, ihr habt ein kleines Problem.« In Javiers Augen lag so viel Verachtung, dass mir sofort klar wurde, diesem Mann war es bitterernst. Am Boden entdeckte ich mein Handy, wagte aber nicht, danach zu greifen, sondern wartete stattdessen einen Moment seiner Unachtsamkeit ab. Doch Javier ließ uns keine Sekunde aus den Augen.

Elena

Durch einen lauten Knall schreckten wir auf, begleitet von einem unglaublichen Gebrüll. Neben mir riss Luisa schreiend beide Hände in die Luft, ehe sie sich über meinen Schoß warf, und wie verrückt am Türgriff zerrte.

Sie hatte recht!

Wir mussten raus aus dem Auto und zwar sofort. Ich half ihr, zog und zerrte an der verfluchten Tür, die sich nicht öffnen ließ. Der Mercedes blieb verschlossen, egal, wie stark wir rüttelten, es tat sich nichts. Ich wusste nicht einmal, woher der Lärm kam, denn Javier saß immer noch genauso gleichmütig da wie vorher und beobachtete unsere kläglichen Befreiungsversuche mit einem hinterhältigen Grinsen im Gesicht.

Adriana kreischte. »Da draußen stehen zwei Männer. Mit Gewehren! Oh mein Gott, die bringen uns um!« Sie riss an Luisas Schulter, während sie zum Fenster auf ihrer Seite hinausdeutete.

Mein Herz hämmerte in den Ohren wie ein Presslufthammer, als ich mich ruckartig umdrehte und gleichzeitig mit dem Kopf gegen den von Adriana stieß, die in ihrer Panik über Luisa hechtete. Ein stechender Schmerz zog sich über meine Stirn, den ich ignorierte, denn Adrianas Stimme klang so schrill, dass ich kaum verstand, was sie schrie. »Ich will hier raus. Ich will weg!«

Mit beiden Händen hielt ich Adriana davon ab, auf mich zu steigen. »Geh runter von mir, ich bekomme keine Luft.« Ihr spitzer Ellenbogen rammte sich in meinen Hals und nahm mir für einen Moment den Atem, bis Luisa mir zu Hilfe kam und Adriana auf ihren Sitz zurückschob, bevor sie eine Hand vor den Mund schlug. Denn einer der Männer trat so heftig gegen den Kotflügel, dass die schwere Limousine wackelte. Ich hielt den Atem an. Die Vorstellung, wie die beiden Männer in den Wagen drangen, um uns herauszuzerren, wurde übermächtig und schnürte mir die Kehle zu. Wenn das passierte, würden wir sterben. Die zwei waren schwer bewaffnet, sahen brutal und zu allem bereit aus.

»Aufmachen, aber ein bisschen plötzlich!«

Ihre Gewehre zielten jetzt direkt in das Wageninnere, wir schrien wild durcheinander, aber es gab keinen Ausweg für uns. Wir saßen in der Falle.

Javier lachte, während die Männer ihm wilde Zeichen gaben.

Diesen Moment nutzte ich aus, genau darauf hatte ich gewartet. Javier war abgelenkt. Im Fußraum tastete ich gebückt nach meinem Handy, kriegte es aber erst nicht zu fassen. Verdammt. Endlich berührte ich es mit den Fingerspitzen und hob es auf. Wir brauchten Hilfe, ansonsten waren wir verloren. Als ich mich wieder aufrichtete, spürte ich kühles Metall an der Stirn und wagte nicht einmal mehr, zu atmen. Wie erstarrt saß ich da und schloss für einen Moment die Augen.

Jetzt lachte Javier nicht mehr. »Denk nicht mal dran, du kleine Schlampe.« Er riss mir das Mobiltelefon aus der Hand.

»Bitte tu das nicht«, flehte ich, als er mit einem Finger den kleinen Kippschalter in der Mittelkonsole des Autos betätigte.

Die Tür neben Adriana wurde aufgerissen. Sie fuhr zusammen und wich mit dem Kopf nach hinten, bevor wir mit schreckgeweiteten Augen mit ansehen mussten, wie sich der Erste mit seiner Waffe in den Wagen beugte. »Raus jetzt, aber dalli. Oder wir knallen euch alle ab«, rief er.

Mein Brustkorb presste sich zusammen, ich bekam kaum noch Luft, denn der Kerl hielt sich nicht lange mit Brüllen auf, sondern packte Luisa am Pferdeschwanz, zerrte sie über Adriana und zwang sie nach draußen. Luisa jaulte auf, blieb mit einem Fuß am Türrahmen hängen und stürzte Kopf voraus zu Boden.

»Luisa«, rief ich und wollte ihr nach, aber Javier presste mir den Lauf der Pistole an die Schläfe.

»Rühr dich nicht.«

Der Mann zog Luisa an den Haaren über den Asphalt. Die Haut an ihren Beinen riss auf, während sie mit beiden Füßen versuchte, wieder Halt zu bekommen. Ihr panisches Kreischen schmerzte in meinen Ohren, immer wieder fasste sie mit einer Hand nach dem Fremden, um seinen Griff zu lösen, bis ein heftiger Tritt in die Rippen sie aufkeuchen ließ. Machtlos mussten wir alles mitansehen.

»Beweg deinen Arsch, du fette Kuh.«

Der zweite Mann kam dazu. »Ich übernehme sie, hol du die anderen beiden. Beeilung.« Er drehte Luisa einen Arm auf den Rücken und zwang sie, sich auf den Bauch zu legen. Ihr Kleid verrutschte und entblößte ihre geblümte Unterhose, was dem Mann ein schallendes Lachen entlockte.

»Du hättest dir bei der Wahl deiner Unterwäsche wirklich mehr Mühe geben können. Man weiß nie, wer einem über den Weg läuft.«

Mit der freien Hand zog sie ihr Kleid so gut es ging nach unten und weinte. »Bitte tun Sie mir nichts. Aua!« Luisas Gesicht war schmerzverzerrt, er hatte ihr den Arm noch ein Stück nach oben gebogen und so ihre Worte gestoppt.

Aus seinem Hosenbund holte er ein paar Handschellen hervor. »Keinen Ton, sonst bist du tot.«

Widerstandslos ließ sie sich von ihm die Hände auf den Rücken fesseln. Ihr ganzer Körper bebte vor lauten Schluchzern und in mir stieg Todesangst auf. Blanke, nackte, eisige Angst. Ein schreckliches Gefühl, das ich noch nie zuvor verspürt hatte. Wir würden sterben. Jetzt und hier. Tränen brannten in meinen Augen und schmerzten in meinem Hals. Als er Luisa an den Armen hochzog, schrie sie schmerzerfüllt auf und rappelte sich auf die Knie, um die heftige Bewegung abzufangen. Ich wollte zu ihr, ihr helfen, sie aus seinem Griff befreien, aber ich wagte nicht, mich zu bewegen. Luisas gefesselte Arme beugten sich weit nach oben, während sie mit hängendem Kopf auf die Beine kam.

Der andere Mann kam auf das Auto zu. Wellen des Entsetzens durchfluteten mich. Das durfte nicht wahr sein. Adriana und ich pressten uns gegen die Tür auf meiner Seite.

»Steigt aus«, brüllte er und wir zuckten heftig zusammen. »Oder ich verpasse euch eine Kugel ins Gehirn!«

»Ich will nicht«, kreischte Adriana und schüttelte den Kopf, sie streckte die Arme aus, um uns irgendwie zu schützen.

Hinter meinem Rücken tastete ich nach dem Türgriff und bekam ihn zu fassen. Ein Moment des Zögerns, dann riss ich sie auf, sprang hinaus und rannte los. Rannte um mein Leben, rannte um Hilfe zu holen, einfach davon. Um mich herum gab es nichts, wo ich mich hätte verstecken können, hier wuchs nur Gras. Ein Schuss dröhnte hinter mir und ich schrak zusammen, ehe ich weiterhastete. Ein heftiger Stoß an der Schulter ließ mich straucheln. Ich stolperte ein paar Schritte nach vorn, doch schon der nächste Schlag in den Rücken warf mich um. Ich stürzte zu Boden, schlug heftig mit dem Kopf auf und verlor einen Moment lang die Besinnung, bevor ich grob auf den Rücken gedreht wurde.

Ich blickte direkt in das wutverzerrte Gesicht eines dunkelhaarigen Mannes, dessen Augen aus den Höhlen traten. Er ohrfeigte mich zweimal so heftig, dass mein Kopf nach beiden Seiten flog. Ein brennender Schmerz überzog meine Wangen, mit seinem ganzen Gewicht kniete er auf meinen Oberarmen. »Verflucht noch mal, ich knall dich ab.«

»Nein, bitte nicht«, flehte ich und wand mich wild nach allen Seiten, bis er mir noch einen Schlag versetzte, der mich fast betäubte. Es hatte keinen Sinn, mich gegen ihn zu wehren, er war viel zu stark. »Ich tue alles, was Sie wollen, aber bitte töten Sie mich nicht.« flehte ich, während Tränen über meine Wangen rannen. Bitte töte mich nicht, töte mich nicht, flehte ich ihn in Gedanken immer wieder an. Mein Körper wurde schwer vor Angst, fühlte sich plötzlich an wie gelähmt.

Er spuckte neben mir aus, bevor er endlich von mir abließ, stieg schwerfällig von mir hinunter und rollte mich auf den Bauch. Ich wehrte mich nicht mehr, ließ ihn alles mit mir machen. Hauptsache, er brachte mich nicht um.

»Mach das nicht noch einmal, du Miststück«, sagte er drohend. Die Handschellen klickten hinter meinem Rücken, bevor ich grob auf die Beine gezerrt wurde. Es war ein Gefühl, als kugelte mir jemand die Arme aus. Ich weinte, als er mich mit dem Gewehr im Rücken zurück zum Auto trieb, denn erst jetzt wurde mir bewusst, wie aussichtslos unsere Lage war. Sie würden uns ausrauben, das Auto stehlen, und uns dann eine Kugel in den Kopf jagen. Immerhin sahen wir ihre Gesichter und könnten sie identifizieren. Zurück beim Wagen wurde ich grob gegen Luisa gestoßen, die leise schluchzte. Bewacht von Javier und dem anderen stand mittlerweile Adriana neben ihr, beide hatten eine Waffe am Kopf, während ich einen Gewehrlauf an meinem Schulterblatt spürte.

»Was wollen Sie von uns?«, fragte Adriana zaghaft und neigte den Kopf leicht zur Seite, aber Javier folgte sofort ihrer Bewegung und drückte ihr die Pistole wieder an die Schläfe.

»Halt’s Maul«, antwortete der andere, der Luisa das Gewehr vorhielt. Der schwarze Lauf glänzte in der Sonne und sah aus wie ein Sturmgewehr, wie eins, das die Soldaten in amerikanischen Kriegsfilmen bei sich trugen. Ein Gewehr, gebaut, um Menschen zu töten.

Vielleicht sollten wir den Männern mehr anbieten, als sie in unseren Handtaschen fanden? »Wenn Sie Geld wollen …« Sofort wurde ich unterbrochen.

»Ihr sollt ruhig sein, habe ich gesagt. Los, vorwärts!«

Ich schrie auf, als mir der Gewehrkolben in den Rücken gerammt wurde.

»Lauf los, du lahmes Miststück. Vorhin warst du auch schneller.«

Hinter einem Busch parkte ein weißer Transporter, der seine besten Jahre schon lange hinter sich hatte. Zu dem trieben sie uns hin, während sich Javier im Auto meines Vaters aus dem Staub machte, zusammen mit einem Bündel Geldscheine, das die beiden ihm in die Hand gedrückt hatten. Der Jüngere öffnete die hintere Wagentür und nahm drei Säcke vom Rücksitz, die sie uns über den Kopf streiften. Ein Panikflash erfasste mich, Adrenalin flutete meinen Körper und machte mich hellwach, während ich den Kopf wild nach allen Seiten drehte, aber überall hüllte mich nur Dunkelheit ein. Ich spürte einen Stoß, krachte zuerst mit der Stirn gegen etwas Hartes, bevor ich bäuchlings im Wagen landete. Sterne tanzten vor meinen Augen. Sofort wurde ich am Nacken hochgezogen und auf den Sitz gedrängt.

»Mach endlich, du dummes Stück, sonst trete ich dich rüber.«

So schnell ich konnte, rutschte ich über den Sitz, bis ich mit der Schulter die andere Seite des Autos berührte.

»Aua!« Die weinerliche Stimme neben mir gehörte Luisa. Türen schlugen zu, der Motor heulte auf und der Wagen setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Der Sack über meinem Kopf stank erbärmlich, weshalb ich mich fast übergeben musste, trotzdem atmete ich hektisch, vor lauter Angst, darunter zu ersticken.

Elena

Es mussten bestimmt schon Stunden seit dem Beginn unserer Entführung vergangen sein und noch immer fuhren wir. Mein langes Haar klebte mir nass im Gesicht, die Luft unter dem Sack hatte sich unangenehm aufgeheizt. Von Luisa kam ab und zu ein leises Röcheln.

In meiner Angst begann ich zu beten, ich betete zu Gott, dass sie uns am Leben lassen mögen. Wir lebten in Kolumbien, einem der gefährlichsten Länder der Erde. In unserem Land stand Entführung auf der Tagesordnung. Ich machte mir keine großartigen Illusionen über unsere Lage. Hier wurden Menschen täglich aus allen möglichen Motiven verschleppt. Aus politischen, wegen Geld oder aus Rache, wahrscheinlich gab es noch zehntausend weitere Gründe und nicht wenige dieser Menschen kamen nicht mehr lebend nach Hause. Was wollten diese Leute von uns? Weshalb ausgerechnet wir? Warum hatte Javier uns verraten und an diese Verbrecher ausgeliefert? Tausend Gedanken drehten sich im Kreis, die mich schwindlig machten und mich erschöpften.

Mit einem Ruck wurde mir der Sack vom Kopf gerissen. Ich blinzelte, bis sich meine Augen an das grelle Sonnenlicht gewöhnt hatten. Der Beifahrer hatte ihn mir abgenommen, ein blonder junger Kerl, der nicht älter als Anfang zwanzig aussah. Er war nicht besonders sanft vorgegangen und hatte dabei ein paar meiner langen braunen Haare herausgerissen. Auch Luisa und Adriana befreite er davon. Gierig atmete ich die Luft im Auto ein, die zwar frischer war als unter dem verdreckten Sack, aber trotzdem noch so heiß, dass sie mir den Mund austrocknete. Ich hatte schrecklichen Durst. Im Fahrzeuginneren roch es nach Zigarettenasche und Schweiß und meine Zunge klebte am Gaumen.

Währenddessen hielt der Fahrer das Lenkrad fest umklammert, ein Dunkelhaariger, der in einem roten T-Shirt steckte, und mindestens zehn Jahre älter aussah als sein Kumpan. Er raste den holprigen Weg entlang. Immer tiefer ging es hinein in den Regenwald. Ein grünes Blättermeer rauschte am Fenster vorbei, keine Autos, keine Menschen, nichts. Wir waren in der kompletten Einsamkeit gelandet und somit diesen Leuten nun vollkommen ausgeliefert. Von hier aus gab es kein Zurück. Würden sie uns vergewaltigen, bevor sie uns eine Kugel in den Kopf jagten? Tränen flossen mir bei dem Gedanken über die Wangen und liefen mir salzig in den Mund, laut zu schluchzen wagte ich nicht.

»Wo bringen Sie uns hin?«, fragte Adriana mit zittriger Stimme, während Luisa vor sich hinstarrte und weggetreten wirkte.

»In unser grünes Paradies«, sagte der Fahrer spöttisch und stieß seinem Nebenmann mit dem Handrücken an den Oberarm. Der lachte leise auf. Für einen Moment drehte sich der Dunkelhaarige zu mir um und musterte mich mit seinen tiefschwarzen Augen, als hätte er noch eine Rechnung mit mir offen. Ich schaffte es nicht, seinem Blick standzuhalten und senkte den Kopf. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Außerdem spürte ich meine Hände nicht mehr, die Handschellen waren so eng, dass sie mir ins Fleisch schnitten und das Blut abschnürten. Immer wieder kreiste ich meine steifen Schultern, die höllisch wehtaten. Auch Luisa und Adriana rutschten auf dem Rücksitz herum, drückten den Rücken durch und pressten ihre Lippen fest aufeinander. Keine von uns wagte mehr, ein Wort zu sagen.

Als der Transporter endlich anhielt, wurde die Seitentür schwungvoll aufgerissen, noch bevor unsere Kidnapper ausgestiegen waren. Ein weiterer Mann stand vor uns. Wie gelähmt verharrten wir in leicht gebückter Haltung im Auto und warteten auf weitere Anweisungen.

»Raus mit euch, aber ein bisschen plötzlich«, rief der Kerl ohne Vorwarnung und zog als Erste Adriana nach draußen. Dabei knetete er ihre Brüste. »Mal sehen, ob du nicht irgendwo was versteckt hast.«

Adriana sah ihn entsetzt an, was ihm ein erfreutes Grinsen entlockte.

Dann kamen Luisa und ich an die Reihe. Gesicht voran wurden wir gegen das Auto gedrückt. Jeder der Typen hatte sich für die Durchsuchung eine von uns geschnappt. Der Blonde tastete mich ab, es war eine flüchtige Berührung, er wischte nur mit den Handflächen über meinen Körper, ohne mich großartig zu betatschen. Dann schloss er mir die Handschellen auf und ich rieb die dunkelroten Striemen an meinen Handgelenken, durch die kribbelnd wieder Blut hindurchfloss.

»Mach keinen Scheiß«, warnte er mich mit schneidender Stimme und sah mir direkt in die Augen. »Das gilt auch für euch beide«, schnauzte er Adriana und Luisa an, die ebenfalls von ihren Handschellen befreit wurden.

Wir standen einfach nur da. Stumm, schockiert und zu keiner Regung fähig, während ich langsam begriff, wie aussichtslos unsere Lage war. Warum wir? Warum hatten sie sich ausgerechnet uns ausgesucht? Drei Teenager, die noch niemals mit Kriminellen zu tun hatten.

»Pass du auf sie auf, solange wir die Rucksäcke ausladen. Knall sie ab, wenn eine aufsässig wird. Ich ärgere mich mit keiner herum«, sagte der Dunkelhaarige zu dem, der auf uns gewartet hatte, bevor er mir an die Schulter tippte. »Und schon gar nicht mit dir.«

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Sofort nahm sein Kumpan das Gewehr von der Schulter und zielte direkt auf mich. »Na, komm. Probier dein Glück.« Mit dem Kopf nickte er zur Seite. »Renn los. Spielen wir ein bisschen Hasenjagd.«

Ich schluckte und rührte mich nicht. Mein hektischer Atem machte mich schwindlig. Der Kerl war so verroht, dass er mit meinem Leben spielen wollte. Wir waren ihnen scheißegal. Warum also hatten sie uns entführt? Das machte alles keinen Sinn.

Die Kidnapper ließen sich Zeit, suchten in aller Seelenruhe ihre Sachen zusammen, während der Dritte provozierend mit dem Finger am Abzug spielte. Er weidete sich an meiner Angst, an den Schrecklauten, die ich nicht unterdrücken konnte. Jedes Zucken erwiderte er mit einem breiten Grinsen.

Eine gefühlte Ewigkeit später standen die beiden anderen mit geschulterten Rucksäcken vor uns und der Dritte schoss in die Luft, worauf wir uns schreiend aneinanderklammerten. Er lachte noch, als er in den Transporter stieg und davonfuhr.

Mit beiden Händen scheuchte der Fahrer uns in das Dickicht des Regenwaldes, bevor er uns überholte und voranging. Wir hasteten einen schmalen Weg entlang. Uns zu widersetzen, wagten wir nicht mehr. Der Blonde war hinten geblieben und folgte uns mit großen Schritten. Ich schluckte aufsteigende Tränen hinunter, denn ich wollte nicht weinen, nicht mehr in ihr direktes Visier geraten und mir am Ende noch eine Kugel einfangen. Mitten im tiefsten Dschungel würde uns keiner jemals finden. Der Regenwald Kolumbiens war riesig, wo sollte ein Trupp anfangen nach uns zu suchen? Mein Verstand riet mir, weiterzulaufen, mich nicht noch mehr in Gefahr zu bringen. Aber mein Gefühl! Mein Gefühl flüsterte mir unaufhörlich zu, dass wir auf der Stelle abhauen mussten, weil wir sonst nie wieder rausfinden würden. Die Bäume um uns herum ragten hoch in den Himmel, ich konnte die Wipfel von unten kaum erkennen, sie verdüsterten den Urwald an manchen Stellen. An anderen ließen vereinzelte Sonnenstrahlen feuchte Blätter in den unterschiedlichsten Grüntönen schimmern. Bunte Vögel zwitscherten in den Ästen, in der Ferne brüllten Affen. Lianen baumelten von dicken Baumstämmen herab, streckenweise so dicht, dass die Rinde nicht mehr zu erkennen war. Ab und an strich ich mit dem Arm an den holzigen Kletterpflanzen entlang oder streifte Farne.

Der Dunkelhaarige lief zügig voran, sodass wir kaum Schritt halten konnten. Ich musste weg. Hilfe holen. Sonst waren wir verloren. Immer wieder blinzelte ich nach allen Seiten, auf der Suche nach einem Fluchtweg. Sobald das Dickicht mich verschluckt hatte, würden sie mich nicht mehr so einfach finden. Ich könnte mich verstecken und die Nacht abwarten, dann denselben Weg zurücklaufen, den wir mit dem Auto genommen hatten. Irgendjemanden würde ich schon treffen, der uns helfen konnte. Mein Herz pochte wild. Der Pfad führte immer weiter hinein in den dunklen Urwald. Links und rechts wuchsen nur hohe Baumkolosse, seltsame Schlingpflanzen und großblättrige Gebüsche. Nirgends kam man hindurch. Ich atmete tief ein, der erdige Geruch des Dschungelbodens stieg zu mir hoch. Da erspähte ich seitlich neben mir im Busch eine schmale Lücke, gerade groß genug, um hindurchzuschlüpfen, und mich durchfuhr es blitzartig. Das war meine Chance. Ich wagte einen raschen Blick über die Schulter. Der Blonde lief ein Stück hinter mir, sah zu Boden und wirkte abwesend. Jetzt! Ich schlug mich seitlich in den Busch, wurde aber schon in der nächsten Sekunde mit einem starken Griff zurückgehalten.

Der Blonde hielt mich am Oberarm fest. »Dachte ich mir’s doch«, sagte er und klang sauer.

»Ich wollte nicht abhauen.« Ich wagte kaum zu atmen. »Wirklich nicht«, beteuerte ich, obwohl er mich quasi auf frischer Tat ertappt hatte.

»Du bist der Troublemaker in der Gruppe. Das war mir schon von Anfang an klar.« Er musterte mich mit seinem stechenden Blick. »Es ist immer einer dabei, der Ärger macht.«

»Ich mache keinen Ärger mehr, versprochen.« Eine Träne tropfte über mein Unterlid und rann meine Wange entlang, meine Hände zitterten. »Bitte tu mir nichts.«

»Wenn du noch einmal versuchst abzuhauen, kette ich dich mit Handschellen an mich.« Er ließ meinen Arm los und schob mich an der Schulter voran. Ich hastete vor zu meinen Freundinnen.

Adriana drehte sich zu mir um. »Was hattest du vor?« Ihre Stimme klang panisch.

»Wir sind verloren«, erwiderte ich und senkte den Kopf.

Das Gelände wurde unwegsamer, der Weg war so schmal geworden, dass man nur noch hintereinander hergehen konnte. Der Dunkelhaarige stapfte voraus und schlug mit einer Machete Äste, Palmzweige und Schlingpflanzen aus dem Weg. Wir folgten ihm. Den Schluss bildete der Blonde, der aufpasste, dass wir nicht zurückblieben.

Mittlerweile heizte der Regenwald sich immer mehr auf. Die schwüle Luft legte sich drückend über uns, meine lange Jeans klebte an meinen Beinen und ich verfluchte meine Klamottenwahl. Mir war so unglaublich heiß, dass ich es fast nicht mehr aushielt. Meine Haare hingen feucht den Rücken hinunter, einzelne Strähnen klebten in meinem Gesicht. Erschrocken schlug ich eine riesige Ameise von meinem Arm und torkelte weiter, als wäre ich betrunken. Meine Zunge klebte an meinem Gaumen, seit heute morgen hatte ich nichts mehr getrunken und der quälende Durst brachte mich fast um.

»Ich kann nicht mehr.« Ich blieb so abrupt stehen, dass der Blonde fast in mich hineinlief.

Er gab mir einen Stoß. »Lauf weiter.«

»Ich kann nicht mehr«, keuchte ich und drehte mich zu um ihm. »Ich habe solchen Durst.«

»Prinzesschen, sieh dich mal um. Entdeckst du hier irgendwo einen Getränkeautomaten?« Wieder schob er mich einfach weiter, aber ich hielt erneut an. Sollte er mich halt erschießen, ich war fix und fertig.

»Es geht wirklich nicht mehr. Ich möchte ja, aber es geht nicht.«

»Verdammt«, fluchte er und mein Puls pochte bis hoch in den Hals. Machte er jetzt kurzen Prozess mit mir? Dem Troublemaker? Seufzend nahm er seinen Rucksack ab und kramte darin herum. »Hier.« Er reichte mir eine zur Hälfte mit Wasser gefüllte Plastikflasche.

»Ich danke dir.« Ich schnappte die Flasche und trank die lauwarme Flüssigkeit mit großen Schlucken, bis die Flasche leer war.

»Bewegung!«, trieb er mich an, worauf ich den Weg entlanghastete, der uns nun wie ein grünes Gewölbe umschloss, während er gleichmütig weitermarschierte. Schließlich erreichte ich atemlos meine Freundinnen.

»Wo wart ihr?«, flüsterte Luisa mit zittriger Stimme. »Hat er dir etwas getan?«

Ich schüttelte den Kopf. »Er hat mir Wasser gegeben«, wisperte ich zurück und beobachtete den Älteren, der gerade seine Wasserflasche in einem Zug leerte. Mit zusammengekniffenen Lippen sahen Luisa und Adriana ihm dabei zu und ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mit ihnen geteilt hatte.

Kurz vor Einbruch der Dämmerung erreichten wir eine Quelle, in deren schmalem Bachbett klares Wasser plätscherte. Die letzten Sonnenstrahlen des Abends spiegelten sich darin und ließen es in blassen Regenbogenfarben schillern. Wir stürzten uns darauf. Das Bächlein war so flach, dass wir die Steine am Grund berührten, als wir mit beiden Händen Wasser schöpften. Ich trank, bis ich fast platzte.

Unterdessen befreiten die Männer die gerodete Stelle mit ihren Macheten von Pflanzen. Kräftige Ranken wucherten sie bereits wieder zu. In der Mitte befand sich eine kleine Feuerstelle, für die sie Äste von einem umgestürzten Baum abschlugen. Gräulicher Rauch stieg auf, als der Dunkelhaarige ein Feuer entfachte.

»Kommt her«, rief er und winkte uns zu sich, worauf wir uns zögerlich in Bewegung setzten.

»Setzt euch hin«, befahl er und wir gehorchten sofort. Das Feuer flackerte hoch, weshalb ich mich am äußersten Rand der Lagerstelle niederließ, um der Hitze so weit wie möglich zu entgehen. Wenigstens hielt der Qualm die Moskitoschwärme davon ab, uns weiter zu bedrängen. Eine Handvoll gelblicher Orchideen, die neben uns wuchsen, verströmten einen widerwärtigen, fauligen Geruch. Fliegen summten um die Blüten. Ich kratzte mir die zerstochenen Arme, die qualvoll juckten. Brot und gedörrtes Fleisch wurden ausgeteilt und wir aßen schweigend, während ich mich fragte, wann sie uns wohl umbrachten und was sie vorher noch mit uns anstellen würden.

»Was die wohl mit uns vorhaben?«, fragte Luisa leise durch die Stille, als hätte sie meine Gedanken gehört und bedachte die Männer mit einem argwöhnischen Blick.

Adriana legte ihr einen Arm um die Schultern. »Am besten verhalten wir uns ganz ruhig und machen alles, was sie uns sagen. Damit reizen wir diese Typen bestimmt am wenigsten.«

Es schien, als hätte Luisa gar nicht zugehört. Mit hängendem Kopf saß sie da, Tränen liefen ihr unaufhörlich über das Gesicht.

Adriana nickte mir zu. »Was ist der Blonde für einer? Kann man mit dem reden? Wir könnten ihm Geld bieten, viel Geld, wenn er uns freilässt.«

Ich schüttelte den Kopf. »Er ist derselbe Fiesling wie sein Kumpan. Der würde uns ohne mit der Wimper zu zucken umbringen. Und woher willst du Geld nehmen?«

»Vielleicht gehören sie zu einem Menschenhändler Kartell und verkaufen uns in ein Bordell«, schluchzte sie auf.

»Warum schleppen sie uns dann in den Dschungel?«, fragte ich. Das alles ergab keinen Sinn, absolut keinen Sinn.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht sind sie einfach nur Irre. Aus einer Anstalt entlaufen.« Mit dem Handrücken wischte sie Tränen von ihren Wangen.

»Die sind nicht irre«, ich schüttelte den Kopf. »Das sind Kriminelle der übelsten Sorte.« Ich zog die Knie an, legte den Kopf darauf und umfasste meine Beine mit beiden Armen, starrte dabei unablässig ins Feuer. Luisas Frage ließ mich nicht los. Diese Männer hatten uns nicht ohne Grund entführt und nahmen diese enorme Anstrengung auf sich. Wir sollten abhauen, die Flucht noch einmal versuchen. Mit Glück fanden wir von hier aus wieder aus dem Dschungel heraus. Aber wann? Bald brach die Nacht herein, und wir würden garantiert die Hand nicht mehr vor Augen erkennen.

Angst kroch in mir hoch und zog sich wie eine Spirale über mein Rückgrat. Vielleicht sollte ich mich opfern und die Flucht allein versuchen? Mit viel Glück schaffte ich es, Hilfe zu holen und die Polizei konnte Luisa und Adriana befreien. Ich warf einen Blick hinüber zu den Männern, die auf einem umgestürzten Baumstamm saßen und sich leise lachend unterhielten. Das Gewehr lehnte neben dem Dunkelhaarigen. Ein kurzer Blick darauf genügte, und ich fasste auf der Stelle den Entschluss, die Sache bleiben zu lassen. Ich wollte nicht mit einer Kugel im Kopf in diesem Dickicht enden.

Elena

Die lange Hose klebte so feucht an meinen Beinen, dass meine Haut bei jeder Bewegung spannte. Ich stützte mich mit beiden Händen am Boden ab. Der Dunkelhaarige stand auf und spazierte in die Büsche, während der Blonde seinen Rucksack ausräumte, der ein wenig abseits von ihnen stand. Er schien irgendetwas zu suchen und hatte uns den Rücken zugewandt. Der Kerl war nicht aufmerksam, hatte ich zuvor schon festgestellt, zumindest nicht halb so konzentriert wie sein Verbrecherkumpel.

Mein Blick fiel auf den Dolch, der in dem Baumstamm steckte, und mich durchfuhr es blitzartig. Wir mussten jede Chance nutzen, die sich uns bot. Irgendwann würden sie uns töten. Vielleicht nicht heute, aber schon bald würden sie uns nicht mehr brauchen und dann wurden wir für sie zu einer Last. Mit einem Messer wäre ich zumindest nicht unbewaffnet bei einer Flucht durch den gefährlichen Dschungel – oder ich könnte es dem Blonden genau jetzt in den Rücken rammen. Dann würde uns nur noch einer verfolgen.

Als ich aufstand, hielt Adriana mich am Schienbein fest. »Was hast du vor?«, wisperte sie.

Ich schob ihren Arm weg. »Bin gleich wieder da.« In gebückter Haltung huschte ich an dem Blonden vorbei zum Stamm, als der gerade den gesamten Inhalt seines Rucksacks auf den Boden schüttete. Vom Dunkelhaarigen war nichts zu entdecken, ich musste mich beeilen. Ich schnappte mir den Dolch und zog, aber die verdammte Klinge steckte tief im Stamm. Mist, das Ganze dauerte viel zu lange. Schließlich löste ich es und verbarg das Messer unter meinem T-Shirt. Als ich mich umdrehte, gefror mir das Blut in den Adern. Der Blonde stand vor mir und musterte mich mit schmalen Augen.

»Was machst du da?« Seine Stimme klang eisig. Mein Herz pochte schmerzhaft gegen meine Rippen, während ich fieberhaft nach einer Ausrede suchte, aber mir fiel auf die Schnelle nichts ein. »Ich … ich.« Ich atmete tief durch. »Ich setze mich zurück auf meinen Platz.« Als ich an ihm vorbeihuschen wollte, hielt er mich am Oberarm zurück.

»Nicht so schnell.«

Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich tatsächlich daran, ihm das Messer zwischen die Rippen zu jagen, aber ich zitterte zu sehr. Die Angst vor ihm sprengte fast meinen Brustkorb.

»Gib es her«, sagte er mit schneidender Stimme.

»Was?« Meine Atmung war abgehackt, ich bekam kaum noch Luft.

»Mein Messer, das du mir gestohlen hast. Gib es mir sofort zurück oder du kannst was erleben.«

»Ich habe es mir nur geliehen«, platzte es aus mir heraus, bevor ich mein Gehirn einschalten konnte.

»Geliehen?« Er lachte überrascht auf. Als er unter mein weißes T-Shirt griff, stockte mir der Atem. Ich wagte nicht, mich zu regen, alles in mir versteifte sich, denn er kam mit dem Gesicht dicht an mein Ohr. »Du sitzt richtig in der Scheiße«, raunte er und zog den Dolch hervor.

»Es tut mir leid«, wisperte ich, da meine Stimme versagte.

»Rico, was zum Teufel ist hier los?«, rief der Dunkelhaarige.

Beim Klang seiner Stimme schluchzte ich auf. »Bitte, sag es ihm nicht«, flehte ich den Blonden leise an. Ich hatte Schiss vor allen beiden, aber vor dem Dunkelhaarigen grauste es mich. Trotz der Hitze fröstelte ich plötzlich.

»Die Kleine hat sich mein Messer geliehen«, sagte Rico und betonte dabei überzogen das letzte Wort. Für einen Moment schloss ich die Augen. Jetzt würde ich sterben.

»Dafür bekommst du kleine Schlampe eine Abreibung von mir, die du so schnell nicht mehr vergisst.« Der Dunkelhaarige machte einen Satz auf mich zu, sein Gesicht war zu einer Fratze verzerrt.

»Bitte nicht! Nein!« Schützend hielt ich die Unterarme vors Gesicht, als der Dunkelhaarige zum Schlag ausholte. »Es tut mir leid. Es tut mir leid!«

»Carlos, hör auf.«

Ich wartete auf den Schmerz, aber er kam nicht und ließ langsam die Hände sinken.

Dieser Rico hatte sich zwischen uns gestellt und musterte mich mit hochgezogenen Augenbrauen. Wie in Zeitlupe verschränkte er die Arme und baute sich breitbeinig vor mir auf. Er war einen Kopf größer als ich, muskulös gebaut und trug nicht einmal ein T-Shirt.

»Was hattest du denn mit dem Messer vor?« Sein stechender Blick durchbohrte mich. »Wolltest du es mir in den Rücken rammen?«

»Die Kleine macht nichts als Ärger«, knurrte der andere und stellte sich in der gleichen Pose daneben. »Knallen wir sie ab.«

»Nein«, ich wandte mich an den Blonden, mein Magen zog sich zusammen. »Lass das nicht zu«, flehte ich ihn an. »Bitte nicht. Ich hatte nicht vor, dich zu töten, das musst du mir glauben.«

Mit einem metallischen Geräusch entsicherte der Dunkelhaarige seine Pistole, die er noch zusätzlich im Hosenbund stecken hatte und hielt sie mir an die Schläfe. »Weißt du, was ich auf den Tod nicht ausstehen kann? Verwöhnte Mädchen wie dich, die glauben, sie müssen sich an keine Regeln halten. Sag adiós zu deinen Freundinnen.«

Rico schob die Hand seines Kumpels beiseite. »Lass das, Carlos. Du brauchst sie noch.«

»Ich wollte doch nur meine lange Hose abschneiden«, log ich und atmete flach. »Mir ist so heiß.« Meine Schläfen pochten heftig, und meine Mundwinkel begannen zu zucken, ich hatte meine Mimik nicht mehr unter Kontrolle.

Wortlos hielt Rico mir das Messer mit dem Griff voraus hin, und ich stutzte. Hatte er mir tatsächlich geglaubt?

»Nimm es.« Er klang völlig normal, als hätte ich mich nicht vor wenigen Minuten ihren strikten Anweisungen widersetzt und mich in Lebensgefahr gebracht.

Ich zögerte, traute ihm nicht.

»Nimm es schon.« Er lächelte mich an. Es war ein unschuldiges freundliches Lächeln. Hätten wir uns in einem Café getroffen und er mir dort dieses Lächeln geschenkt, mit Sicherheit hätte ich mich von ihm einladen lassen.

Was sollte ich jetzt tun? Als ich das ungeduldige Aufblitzen in den Augen dieses Carlos bemerkte, gehorchte ich und griff nach dem Dolch.

Kurz bevor ich ihn zu fassen bekam, warf er ihn Carlos zu und lachte. Mit einer schnellen Bewegung schnappte Rico mich am Handgelenk und riss mich hinüber zu dem umgestürzten Baumstamm, aus dem ich das Messer gezogen hatte. Alles ging rasend schnell. Er setzte sich und zerrte mich auf seinen Schoß, hielt mich fest an sich gepresst.

»Schätzchen«, sagte er nahe an meiner Wange. »Ich möchte dir doch kein Messer in die Hand geben, du verletzt dich sonst nur.« Er klang übertrieben besorgt.

»Was soll das?«, fragte ich starr vor Angst, während er mich in seinen muskulösen Armen gefangen hielt. Ich hatte keine Chance, ich spürte die harten Muskelplatten seines Brustkorbs bei jeder Bewegung, der Kerl war durchtrainiert, ein Kraftpaket.

»Troublemaker«, er lachte leise. »Zeit für einen kleinen Dämpfer. Dir ist also heiß? Dagegen können wir Abhilfe schaffen.«

Carlos kam grinsend näher, warf den Dolch hoch in die Luft und fing ihn nach einer Drehung wieder auf. »Wo soll ich ansetzen?«

Ein amüsiertes Grinsen umspielte Ricos Lippen. »So weit oben wie möglich, damit die Arme nicht mehr so schwitzt.«

Ich schrie los, kreischte die ganze Wut und Panik heraus, die ich stundenlang hatte zurückhalten müssen, während ich mich wie wild in seinen Armen wand und strampelte. »Lass mich los. Lass mich in Ruhe, du Scheißkerl!«

Rico lachte, während er mich mit Leichtigkeit hielt. »Was ist denn mit dir? Wir wollen dir doch nur helfen.«

Ich schlug mit den Füßen um mich und traf Carlos in den Oberschenkel. Der setzte sich neben Rico, riss fluchend meine Beine auf seinen Schoß und hielt mich fest. »Ich schlitz dir gleich die Kehle auf, du Miststück, wenn du nicht stillhältst.«

Ich hörte auf, mich zu wehren, die beiden hielten mich so fest im Klammergriff, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte.

Dieser Rico musterte mich spöttisch. »Wehr dich nicht, sonst tut es nur weh. Mein Cousin hat schon ganz anderen Hasen das Fell abgezogen.«

Das gehässige Grinsen von Carlos wurde breiter. »Sie könnte die Jeans auch ausziehen, dann hätte ich es einfacher.«

Mir gefror das Blut in den Adern. »Ich will das nicht«, flehte ich Rico an und hyperventilierte fast. »Bitte tut das nicht.«

Schlagartig wurde Ricos Miene ernst. »Wir tun dir nichts.«

Lachend beugte sich Carlos über mich und legte zwei Finger auf den Reißverschluss meiner Jeans.

Kreischend riss ich den Kopf nach hinten und bäumte mich auf, sodass Rico mich kaum mehr halten konnte. Er musste einiges an Kraft aufwenden, um mich zu bändigen, ich kämpfte wie verrückt. »Fasst mich nicht an! Ich hasse euch.«

»Nimm deine Hand weg«, fuhr er Carlos an. »Und du, reg dich wieder ab. Hier will keiner was von dir.«

Erst als mich die Kraft verließ, wurde ich ruhiger. Rico war zu stark, ich hatte keine Chance gegen ihn.

Als ich stillhielt, setzte Carlos das Messer an meinem Oberschenkel an und schnitt in den Stoff meiner Jeans. Reflexartig riss ich mein Bein zurück, worauf er mir in die Haut ritzte. Ich schrie auf vor Schmerz. Blut tropfte aus einem kleinen Schnitt.

»Pass doch auf«, fuhr Rico seinen Cousin an.

»Halt sie besser fest. Was kann ich dafür, wenn das Miststück nicht stillhält?« Carlos warf mir einen drohenden Blick zu. Auch ihm war das Grinsen aus dem Gesicht gewichen.

Ich schloss die Augen und blendete alles um mich herum aus. Alle Spannung wich aus meinem Körper. Jetzt musste Rico mich halten, ansonsten wäre ich zu Boden gerutscht. Ich spürte seinen Herzschlag an meiner Wange, so fest hielt er mich an sich gepresst. Hoffentlich blieb es stehen, für immer und ewig.

Ich spürte kühles Metall an meinen Beinen, ein Reißen und Luft an der Haut. Als Rico endlich seinen Griff lockerte, sprang ich mit einem Satz von ihm herunter und fuhr zu ihm herum.

»Was?« Er nickte mir zu. »Hast du immer noch nicht genug?«

Wütend funkelte ich ihn an, wagte aber nichts mehr zu sagen.

»Geh zurück zu deinen Freundinnen und nimm dir ein Beispiel an ihnen. Die sind nicht so widerspenstig wie du und machen uns keinen Ärger.« Rico deutete zur anderen Seite der Feuerstelle, wo Luisa und Adriana starr vor Schreck auf dem Boden saßen.

Mit wankenden Schritten schlich ich zurück und setzte mich, darauf wartend, dass mein Herz wieder in einen normalen Rhythmus fand. Die beiden hatten mir eine ziemlich knappe Shorts verpasst.

»Bist du verrückt geworden?« Luisa stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

Ich senkte den Kopf.

»Wie kannst du dem Typen das Messer klauen?«, machte sie aufgebracht weiter. »Sie hätten dich dafür umbringen können.«

»Die bringen uns sowieso um.« Mein Puls pochte mir in den Schläfen. »Los, hauen wir ab. Einfach in drei Richtungen, dann kommt zumindest eine durch und kann Hilfe holen. Sie können uns nicht alle verfolgen.«

»Hat dieser Rico dir auf den Kopf gehauen?« Adriana blieb der Mund offen stehen.

Ich rieb mir die Stirn, mein Plan schien mir der letzte Ausweg für uns zu sein. »Hast du nicht gesehen, wozu die alles fähig sind?«

»Warum provozierst du schwer bewaffnete Kriminelle?« Adriana hörte sich an, als spräche sie zu einer Schwachsinnigen.

Ich wandte den Kopf und beobachtete unsere Kidnapper. Die beiden saßen lachend auf dem Baumstamm. Am liebsten hätte ich ihnen in der Tat das Messer zwischen die Rippen gerammt. »Jetzt können wir noch fliehen. Wir müssen einfach den Pfad zur Straße zurücklaufen. Irgendein Auto wird uns schon aufgabeln.« Adriana und Luisa tauschten einen vielsagenden Blick, und ich kapierte auf der Stelle. »Ihr geht nicht mit, stimmt’s?«

Adriana schüttelte so heftig mit dem Kopf, dass ihre kinnlangen schwarzen Locken in alle Richtungen flogen. »Auf gar keinen Fall, und du gehst auch nicht. Es sei denn, du willst Selbstmord begehen. Aber ich will das nicht. Unsere einzige Chance hier lebend wieder herauszukommen ist, dass wir tun, was sie von uns verlangen.«

Verdammt. Die beiden wollten sich lieber von diesen Typen ermorden lassen, als wenigstens einen Versuch zu starten, sich selbst zu befreien. »Je tiefer die uns in den Dschungel treiben, desto schwieriger finden wir wieder hinaus.«

»Eine Kugel im Kopf bringt uns noch viel weniger raus.« Adriana legte sich auf den Boden und starrte in den Himmel.

Ich legte mich neben sie auf die Seite, überkreuzte die Arme und bettete den Kopf darauf. In mich zusammengekauert, versuchte ich, den Schmerz und das Entsetzen über unsere Entführung zu ertragen, der in meinem Brustkorb wütete. Ich durfte nicht aufgeben, sondern musste mich zusammenreißen, um einen Weg aus dieser Hölle zu finden. Zur Not auch allein.

Mitten in der Nacht wachte ich auf und wusste im ersten Moment nicht, wo ich mich befand, bis mir siedend heiß wieder einfiel, dass man uns entführt hatte. Mein Blick wanderte hoch zu den Sternen am Himmel, die über mir glitzerten wie ein Meer von Diamanten. Dieselbe Aussicht wie aus dem Fenster meines Zimmers – und doch war mein Zuhause für mich so weit entfernt, wie das Firmament. Was meine Eltern wohl machten? Was hatten sie gedacht, als Javier nicht mehr mit uns zurückgekehrt war? Ob sie uns schon suchten? Ich schluckte, die Sehnsucht nach meiner Familie legte sich wie ein schweres Gewicht auf meinen Brustkorb und schnürte mir die Luft ab. Die Frage lautete wohl eher: Ob sie uns jemals finden würden? Ich war ein Einzelkind. Quasi. Mein großer Bruder war kurz nach der Geburt am plötzlichen Kindstod gestorben und ich hatte ihn nie kennengelernt. Danach hatten meine Eltern sieben Jahre lang versucht, ein weiteres Baby zu bekommen, bis dank künstlicher Befruchtung ich geboren wurde. Gezeugt in einer Petrischale. Wahrscheinlich war ich deswegen so behütet aufgewachsen, mit einem Kindermädchen, das mich nie aus den Augen gelassen hatte und dem Fahrer meines Vaters, der mich überall hinchauffierte, damit mir nichts passierte. Welch Ironie, dass ausgerechnet er mich an diese Typen verhökert hatte. Ob meine Eltern nun auch ihr zweites Kind verloren?

Trotz der Finsternis war es noch drückend heiß. Moskitos summten an meinem Ohr, mein ganzer Körper war bereits zerstochen. Wenigstens war ich gegen Malaria geimpft. Ich kratzte mich am Bein. Um mich herum raschelte es unaufhörlich, ab und zu hörte ich ein leises Kreischen und Fauchen im Untergehölz, außerdem zirpte und quakte es die ganze Zeit irgendwo in der Dunkelheit.

Als ich mich aufsetzte, entdeckte ich diesen Rico beim nahezu erloschenen Lagerfeuer. Er saß mit dem Rücken zu mir im Schneidersitz und starrte unbeweglich in die langsam verglimmende Glut. Wie schon tagsüber lag seine Aufmerksamkeit nicht auf den Geiseln, die er entführt hatte. Wäre es nicht stockdunkel, hätte ich sofort das Weite gesucht. Ich beobachtete ihn ein paar Minuten, er regte sich nicht ein einziges Mal. Warum tat er uns das an? Warum kidnappte er unschuldige Menschen, die ihm nichts getan hatten?

Leise stand ich auf und ging zu ihm. Vielleicht ließ er allein mit sich reden und gab uns frei.

Rico zog die Augenbrauen in die Höhe, als ich mich neben ihm auf den Knien niederließ und mich auf die Fersen setzte. »Mut hast du, das muss man dir lassen«, sagte er und klang fast schon beeindruckt.

»Ich kann nicht schlafen.« Ich hielt kurz den Atem an, war er wütend? »Die Hitze macht mich fertig, und diese ganzen Geräusche um uns herum machen mir Angst«, erklärte ich rasch.

»Und jetzt soll ich dich beschützen?«, fragte er spöttisch.

»Du könntest uns gehen lassen. Wir würden dich auch nicht verraten. Wir geben dir sogar Geld.«

Er rieb sich den Nacken und seufzte. »Das sind nur irgendwelche Tiere. Die trauen sich nicht her, solange wir das Feuer anhaben«, erwiderte er, ohne auf meine Worte einzugehen.

Als ich ihn verstohlen von der Seite musterte, fiel mir zum ersten Mal auf, dass er gut aussah. Sein Kiefer wirkte ein bisschen zu kantig, aber die weichen, glatten Gesichtszüge glichen das wieder aus. Das ließ ihn sogar etwas jungenhaft wirken. Hellblonde Strähnen hingen ihm in die Augen, völlig untypisch für einen Kolumbianer. Sein nackter Oberkörper war muskulös und braun gebrannt. Um seinen Hals baumelte ein winziges Kreuz an einer silbernen Kette. Als er den Kopf wandte und mich anlächelte, zeichnete sich ein Grübchen an seiner Wange ab.

»Ich heiße Elena.« Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass es einem Kidnapper schwerer fiel seine Geisel umzubringen, wenn er deren Namen kannte, weil sich dadurch so etwas wie eine Bindung aufbaute.

Er musterte mich ohne äußere Regung. »Ich weiß.«

Ich horchte auf. Er wusste also, wer ich war. Ja, klar. Immerhin hatte Javier uns verraten.

»Wir haben seit ein paar Wochen ein Auge auf euch«, sagte er so spöttisch, dass es mir eiskalt den Rücken hinunterlief.

»Ihr habt uns beobachtet?«

»Nicht wie ein Stalker, keine Sorge. Wir haben nur ein paar Informationen über euch gesammelt.«

»Wir waren also keine Zufallsopfer.«

»Hast du das wirklich geglaubt?«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Immerhin kennt ihr Javier.«

»Mein Name ist Rico«, stellte er sich vor.

»Rico«, betonte ich jede einzelne Silbe. »Das klingt so harmlos.«

»Hey«, er lachte und zeigte eine Reihe ebenmäßiger weißer Zähne. »Im Prinzip bin ich ein netter Kerl.«

»Und der da?« Ich deutete auf den anderen Mann, der ein Stück entfernt von uns schlafend am Boden lag. »Ist der auch so nett wie du?« Ich konnte den Sarkasmus im Unterton nicht verbergen.

»Der da…« Seine Stimme klang belustigt. »… ist sogar ein verdammt netter Kerl.«

»Was habt ihr mit uns vor? Verkauft ihr uns an irgendwelche Menschenhändler? An einen Prostituiertenring?«

»Mach dir nicht so viele Gedanken. Alles wird gut.« Er nahm einen kleinen Zweig vom Boden und warf ihn ins Feuer. In seiner Miene konnte ich nicht lesen, was in ihm vorging.

»Ich bin erst siebzehn.« Und noch Jungfrau, hätte ich beinahe hinzugefügt, bremste mich aber rechtzeitig. Wahrscheinlich wäre dies auch noch ein lukratives Verkaufsargument für eine Bande. Wir waren alle drei noch unberührt, unsere katholischen Eltern ließen es nicht zu, dass wir uns mit irgendwelchen Jungs in der Gegend herumtrieben. Bis auf Adriana, die sich hin und wieder heimlich nach der Schule mit Miguel aus unserer Klasse traf und hinter der Turnhalle mit ihm herumknutschte.

»Ich weiß, wie alt du bist.« Er hatte es gelangweilt gesagt, als hätte ich ihm das Ende eines uralten Spielfilms verraten. »Du bist hübsch«, fügte er hinzu und betrachtete mein Gesicht.

»Was weißt du noch alles von mir?« Ich hielt den Atem an und ignorierte sein Kompliment, das mir eisig den Rücken hinunterlief. Ich wollte diesen Typen nicht gefallen.

Er schüttelte den Kopf. »Nicht viel. Bei dir gibt es nicht viel Wichtiges.«

»Dann lass mich doch gehen, wenn ich nicht wichtig bin.«

Von einem lauten Seufzer begleitet, legte Rico den Kopf in den Nacken. »Geh schlafen, morgen haben wir einen langen Fußmarsch vor uns.«

Ein mir unbekanntes Gefühl, das ich nicht recht zu deuten wusste, hielt mich davon ab, aufzustehen. So unauffällig wie möglich betrachtete ich sein blondes Haar und das markante Gesicht, versuchte mir jedes Detail von ihm einzuprägen. Wer wusste schon, wann ich ihm noch mal so nahe kommen würde. Falls ich die Flucht schaffte, benötigten wir jede Einzelheit für ein genaues Phantombild, um ihn zu fassen und einzusperren. Da drehte er plötzlich den Kopf und sah mir in die Augen.

Zittrig holte ich Luft, und hielt seinem intensiven Blick stand, ging auf volle Konfrontation. »Unsere Eltern werden uns suchen lassen. Mein Vater hat sehr einflussreiche Freunde. Die werden nicht aufgeben, bis sie euch gefunden haben. Bestimmt wird Javier in diesem Augenblick verhört. Sie werden ihn zum Sprechen bringen, dann wandert ihr für ziemlich lange Zeit hinter Gitter.«

Rico blieb gelassen, meine Einschüchterungstaktik prallte unbeeindruckt an ihm ab. »Mädchen. Euer Fahrer ist über alle Berge. Er ist nicht so dumm und geht zurück, um deinem Vater eine Geschichte aufzutischen. Außerdem …« Er machte eine Pause, die ihre Wirkung auf mich nicht verfehlte. »… hat er das auch nicht mehr nötig.«

Ich wusste, er spielte auf das viele Geld an, das sie Javier gegeben hatten. »Was wird jetzt aus uns?«

»Euch passiert nichts. Diese Sache hat im Prinzip überhaupt nichts mit euch zu tun. Wir regeln das schon mit euren Vätern. Ihr bleibt ein bisschen bei uns und wenn alles erledigt ist, könnt ihr wieder nach Hause. Stell es dir als eine Art Urlaub vor. Solange du dich nicht so widerspenstig benimmst wie vorhin, wird alles gut. Ich habe jedenfalls nicht vor, jeden Tag mit dir Katz und Maus zu spielen.«

Ich lachte spöttisch auf. »Was für ein treffender Vergleich.«

»Du nervst«, sagte er knapp.

»Du auch«, rutschte es mir heraus und ich biss mir auf die Lippen. Ich wagte nicht, ihn anzusehen, da hörte ich ihn lachen.

»Ich will jetzt schon nach Hause«, flüsterte ich und presste rasch meinen Handrücken auf den Mund, um ein Schluchzen zu unterdrücken. »Überleg es dir, mein Vater macht dich reich, wenn du uns gehen lässt.«

»Troublemaker«, er zwinkerte mir zu. »Das macht er sowieso.«

Ich schluckte. »Also geht es nur ums Geld?« Eine Spur Hoffnung hatte sich in meine Stimme gelegt. Würden sie uns nicht in die Prostitution zwingen?

»Nur darum«, bestätigte er, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass es um noch viel mehr ging. »Und jetzt leg dich wieder hin.«

Ob ich ihm tatsächlich glauben konnte? Ich stand auf, drehte mich im Weggehen jedoch noch einmal zu ihm um. »Wie alt bist du, Rico?«

»Zwanzig«, antwortete er nach einer kurzen Pause.