Kim Jong-un - Jung H. Pak - E-Book

Kim Jong-un E-Book

Jung H. Pak

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Beschreibung

»Vermittelt, was wir schon immer über Nordkorea wissen wollten, aber nie zu fragen wagten.« DIE WELT Nach acht Jahren Recherche öffnet die ehemalige CIA-Chefanalystin Jung H. Pak ihre Geheimakte Kim Jong-un Er ist allgegenwärtig und doch rätselhaft: Kim Jong-un, Nordkoreas Machthaber. Seit 2011 regiert der Diktator sein Land mit unbarmherziger Hand. Seine überzogenen Propaganda-Inszenierungen belustigen die Weltöffentlichkeit ebenso wie sie sein Atomprogramm verängstigt. Doch niemand weiß tatsächlich, wer dieser Mann ist und welche Ziele er verfolgt. Eine Ausnahme ist Jung H. Pak, US-Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln, die viele Jahre lang als führende CIA-Analystin der Obama-Regierung über Nordkorea berichtete und heute in der Biden-Administration für ostasiatische Angelegenheiten arbeitet. In diesem ersten Standardwerk zu Kim Jong-un gibt sie exklusive Einblicke in das Leben, die Entwicklung und Ziele des Diktators. Zudem zeichnet sie ein Porträt der mächtigen Menschen, die ihn unterstützen, einschließlich seiner Frau Ri Sol-ju. Kim Jong-un als Karikatur zu verlachen ist leicht – aber auch gefährlich. Denn die nukleare Bedrohung Nordkoreas wächst und hat das Potenzial, sich zu einer existenziellen Bedrohung zu entwickeln. Deshalb ist es dringend erforderlich, dass wir ein besseres Verständnis vom nordkoreanischen Diktator haben, dem rätselhaften Mann, der wahrscheinlich noch Jahrzehnte lang Nordkorea regieren wird und bereits jetzt die Weltpolitik bestimmt hat. »Dr. Pak leistet mit diesem Buch einen wesentlichen Beitrag zum kollektiven Verständnis eines der gefährlichsten und komplexesten Probleme der Welt – Pflichtlektüre!« Mark Lippert, ehemaliger US-Botschafter in Südkorea und Treuhänder der Asia Foundation »Nordkorea wird von der Geheimdienstgemeinschaft seit langem als ›hartes Ziel‹ betrachtet. Dr. Jung H.?Pak hat es wie niemand sonst geschafft, Licht auf den derzeitigen nordkoreanischen Führer zu werfen.« James Clapper, ehemaliger Direktor des Nationalen Sicherheitsdienstes

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Seitenzahl: 502

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jung H. Pak

KIM JONG-UN

Eine CIA-Analystin über sein Leben,seine Ziele, seine Politik

Aus dem Amerikanischen vonUlrike BeckerGabriele GockelRita SeußThomas Wollermann

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel

› Becoming Kim Jong Un. A Former CIA Officer’s Insights

into North Korea’s Enigmatic Young Dictator‹

bei Ballantine Books, New York.

Copyright © Jung H. Pak 2020

eBook 2020

© 2020 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Ulrike Becker, Gabriele Gockel,

Rita Seuß und Thomas Wollermann

Lektorat: Boris Heczko

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-8321-7046-2

www.dumont-buchverlag.de

Für J.B.H., N.E.H. und W.B.H.und für Joomi

VORBEMERKUNG

Wie in Korea, Japan und China üblich sind die Nachnamen der Personen den Vornamen vorangestellt. Die Schreibweise der Vornamen folgt sowohl bei den nordkoreanischen als auch bei den südkoreanischen Namen der in Deutschland üblichen Form mit Bindestrich: Kim Jong-il, Moon Jae-in. In den Anmerkungen wird jeweils die Schreibweise der Originalquelle verwendet.

PROLOG

Selbst nach den Maßstäben Nordkoreas – eines Landes, das auf perfekte Weise Propaganda betreibt – hätte man sich für die Bestattung Kim Jong-ils am 28. Dezember 2011 kein passenderes Wetter wünschen können. Es war kalt und grau, und es schneite. Das Weiß des Schnees bildete einen idealen Kontrast zu dem schwarzen Leichenwagen mit dem Sarg und zur Kleidung der Trauernden: Ausdruck der Wehmut des Volkes, das von seinem geliebten Führer Abschied nahm. Nach dem Tod Kim Il-sungs, dem Staatsgründer, hatte er seit 1994 über das Land geherrscht. Während sich der Trauerzug durch den Schnee bewegte, standen die Nordkoreaner schluchzend am Straßenrand, fielen in Ohnmacht und wurden von Weinkrämpfen geschüttelt, auch wenn diese Gefühlsausbrüche vermutlich nicht immer echt waren. Männer und Frauen, Soldaten und Arbeiter, die Jungen und die Alten, alle schlugen sich an die Brust oder klammerten sich aneinander, um Trost zu finden, oder stampften in ihrer Pein mit den Füßen. Das Dröhnen dieser kollektiven Klage war ohrenbetäubend, und es berührte wahrscheinlich auch jene in der Menge, die nicht die leidenschaftliche Liebe zu dem toten Führer teilten, der mit eiserner Hand regiert hatte.

Angeführt wurde die Prozession von dem jungenhaft wirkenden Kim Jong-un, dem neuen Führer Nordkoreas. Er bewahrte Haltung und folgte dem Sarg ruhig und gemessen, doch seine angespannten Züge und seine Tränen verrieten den tiefen Schmerz, den er sicherlich empfand. Schließlich war er jetzt eine Waise, denn seine Mutter war an Brustkrebs gestorben, als er zwanzig Jahre alt war.

Kim Jong-il, der Diktator, Vater und Filmliebhaber, wäre von diesem Finale in jeder Hinsicht angetan gewesen.

Kim Jong-ils Tod am 17. Dezember 2011 – aufgrund von »Arbeitsüberlastung«, wie es in den nordkoreanischen Staatsmedien hieß – kam nicht überraschend. Jeder wusste um seine gesundheitlichen Probleme – Ende 2008 hatte er bereits einen Schlaganfall erlitten.1 Es war zu erwarten gewesen, dass ihm eines Tages die familiäre Vorbelastung mit Herzerkrankungen, das starke Rauchen und Trinken sowie seine ausschweifenden Partys zum Verhängnis werden würden. Auch sein Vater Kim Il-sung war einem Herzinfarkt erlegen. Doch seltsamerweise löste der Tod von Kim Jong-il einen Schock aus.

Zur Zeit der Bestattung arbeitete ich noch nicht lange als Analystin bei der Central Intelligence Agency, ich hatte dort erst 2009 angefangen, kurz nach Kims Schlaganfall. Als er bei der Zusammenkunft der sogenannten Obersten Volksversammlung im Frühjahr zum ersten Mal wieder in der Öffentlichkeit auftrat, war er erschreckend dünn, das einst rundliche Gesicht war eingefallen, und die Wangenknochen traten deutlich hervor. Er ging langsam und schleppend.

Angesichts seines Todes wurde die Welt von einer spürbaren Angst erfasst. Südkorea berief seinen Nationalen Sicherheitsrat ein und versetzte die Armee und den Zivilschutz in höchste Alarmbereitschaft.2 Japan richtete einen Krisenstab ein,3 und das Weiße Haus verkündete in einer Stellungnahme, es stehe »in engem Kontakt mit den Verbündeten in Südkorea und Japan«. Ich weiß noch, dass ich im CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia, besorgt auf kleinste Anzeichen der Instabilität des Regimes in Pjöngjang achtete und mich fragte, welchen Weg Nordkorea unter seinem jugendlichen neuen Führer einschlagen würde.

Das nordkoreanische Regime beeilte sich jedoch, etwaige Zweifel und Irritationen im Hinblick auf den neuen Herrscher zu zerstreuen. Die Medien bejubelten pflichtgemäß sein »herausragendes« Leben, seine brillanten Führungsqualitäten und seine Rolle als »Vater der Nation und Leitstern der Wiedervereinigung des Vaterlands«. Unter Kim Jong-un sei die Zukunft sicher:

Heute steht Genosse Kim Jong-un, der Große Nachfolger, an der Spitze unserer Revolution … Alle Parteimitglieder, die Soldaten und Offiziere der Volksarmee und das Volk sollten vertrauensvoll die Führung des Genossen Kim Jong-un unterstützen, sie sollten mit aller Kraft die echte Einheit der Partei, der Armee und des Volkes verteidigen und sie weiter stark machen wie Stahl …

Der Weg unserer Revolution ist mühselig, und die derzeitige Situation ist hart, aber es gibt auf der ganzen Welt keine Kraft, die das revolutionäre Voranschreiten unserer Partei, unserer Armee und unseres Volkes unter der weisen Führung des großen Genossen Kim Jong-un aufhalten kann.4

Das nordkoreanische Regime scheute sich nicht, den jungen, unerfahrenen neuen Führer zum Helden zu stilisieren.

Für Kim Jong-un war die Beisetzung seines Vaters der Höhepunkt eines öffentlich demonstrierten Erbfolgeprozesses, der bereits ein paar Jahre zuvor begonnen hatte. Damals hatte der britische Botschafter in Pjöngjang berichtet, Regierungsvertreter hätten bei nationalen Ereignissen neben Kim Jong-il auch seinen Sohn, den »jungen General«, gefeiert.5 Achtzigjährige Regimemitglieder hätten sich im staatlichen Fernsehen tief vor Kim Jong-un verbeugt.6 Das Regime warb nicht nur für die Kontinuität durch eine Weitergabe der Macht von Kim zu Kim, sondern stilisierte den jungen Mann auch zur Reinkarnation seines verehrten Großvaters – er trug den gleichen dunklen Mao-Anzug und denselben Haarschnitt, und sogar sein Leibesumfang glich dem des Staatsgründers.

Unklar blieb allerdings, ob Kim Jong-un überhaupt die Bürde als neuer nordkoreanischer Führer auf sich nehmen wollte. Und wenn die Eliten ihn nicht akzeptierten, würde es vielleicht zu einer Destabilisierung des Landes, zu massenhaftem Loyalitätsverlust und einer Flüchtlingsflut, zu blutigen Säuberungen und womöglich sogar zu einem Militärputsch kommen. Würde ein unbesonnener und keinerlei Beschränkungen unterliegender Kim seine neue Macht, zu der auch die Befehlsgewalt über ein von seinem Vater aufgebautes Atomwaffenarsenal gehörte, leichtfertig für ein militärisches Abenteuer nutzen? War es sein Ziel, die Politik und das Verhalten des Landes allein zu bestimmen, oder würde er sich offen zeigen für Ratschläge aus seinem Umfeld? Asien-Kenner sagten voraus, Kim werde bald gestürzt oder gar getötet werden: »Das Nordkorea, das wir kennen, gibt es nicht mehr. Ob es nun in den nächsten Wochen oder im Lauf von Monaten kollabiert – das Regime wird sich nicht halten können.« Zweifellos würde jemand, der gerade erst Mitte zwanzig war und keinerlei Führungserfahrung besaß, rasch von den Veteranen des Regimes entmachtet werden. Die Bevölkerung würde keinesfalls eine zweite dynastische Nachfolge, die ohnehin für den Kommunismus beispiellos war, dulden. Erschwerend kam hinzu, dass Kims Jugend in einer Gesellschaft, in der die Weisheit und die Erfahrenheit des Alters einen hohen Stellenwert besitzen, ein entscheidendes Manko war. Selbst wenn es Kim gelang, seine Position zu wahren, indem er sich durch das Festhalten an den Atom- und Raketenprogrammen des Landes Legitimität und Prestige verschaffte, schien der Zusammenbruch Nordkoreas näher denn je.

Als Kim mit ernster Miene neben dem Leichenwagen mit dem Sarg seines Vaters entlangschritt, war er umringt von älteren Parteifunktionären und Militärs, der sogenannten »Siebener-Bande«. Ihre prestigeträchtige Rolle bei der Trauerfeier und die symbolische Platzierung an der Seite des Nachfolgers legten nahe, dass Kim Jong-un die Unterstützung der alten Garde genoss und der Status quo erhalten bleiben würde. Die meisten Beobachter sahen in diesen sieben Veteranen des Regimes die mutmaßlichen Mentoren des jungen Führers, zumindest in der nahen Zukunft.7 Einige prophezeiten auch eine Umgestaltung des Personenkults der Familie Kim: Kim Jong-un werde als Aushängeschild dienen, doch in Wirklichkeit würden die »Regenten« die Zügel in der Hand halten und die Geschicke des Landes lenken.

So sah die Lage damals aus. In den folgenden Jahren nutzte Kim die Mechanismen der autoritären Herrschaft – Repression und Angst, die Bindung der Eliten an sein Regime sowie die Kontrolle über die Streit- und Sicherheitskräfte –, um seine Macht zu festigen und den Personenkult weiter auszubauen, mit dem schon die Legitimität seines Großvaters und seines Vaters als alleinige Führer Nordkoreas untermauert worden war. Aber Kim Jong-un begnügte sich nicht damit, die vorhandenen Kontrollmechanismen aufrechtzuerhalten. In der Zeitschrift Asian Perspectives beschreibt Patrick McEachern, Analyst im US-Außenministerium und aufmerksamer Beobachter Nordkoreas, wie Kim seine Macht bündelte, indem er die Kompetenzen von Militär und Kabinett einschränkte und die Partei der Arbeit Koreas unter seine alleinige Führung stellte.8 In den ersten beiden Jahren seiner Herrschaft eliminierte Kim fünf Mitglieder der Siebener-Bande: Einer wurde hingerichtet, die Übrigen wurden degradiert oder auf andere Weise aus ihrem Amt entfernt und ins Abseits gedrängt. Gleichzeitig übernahm er selbst wichtige Führungspositionen.9 Seine angeborene Flexibilität und Anpassungsfähigkeit wurden insbesondere sichtbar, als er seine Instrumente der Zwangsherrschaft schärfte: Er nutzte neue Technologien (Internet) ebenso wie alte (chemische und biologische Waffen) und arbeitete mit Hochdruck daran, Nordkorea einen Platz in der Welt als Atommacht zu verschaffen, die das Potenzial besaß, die Vereinigten Staaten anzugreifen.

Trotz Kim Jong-uns enormem Einfluss auf das gegenwärtige geopolitische Geschehen und der Gefahr, die er für die weltweite Sicherheit darstellt, wissen die meisten Menschen so gut wie nichts über ihn. Die Faszination, die Nordkorea auslöst, hat zu einer Flut von Artikeln, Dokumentarfilmen und Experteninterviews geführt, die den öffentlichen Hunger nach Informationen über den in den Nachrichten ständig präsenten jungen Diktator zu stillen versuchen und verschiedene Deutungen seines Tuns und Lassens liefern. Doch leider neigen die meisten Berichte und Reportagen zur Vereinfachung. Hier fehlen eine tiefergehende Analyse sowie die Kenntnis der historischen und geopolitischen Zusammenhänge. Die fragwürdige Rhetorik der nationalen Sicherheit aus Washington berücksichtigt weder Kims Persönlichkeit und Auftreten noch die nordkoreanische Kultur und Politik in ausreichendem Maße. Man tut so, als spielten sein Charakter, seine Sichtweise und seine Vorlieben keine Rolle, wenn man über mögliche Wege aus dem ungelösten Atomwaffenproblem diskutiert.

Als es um die Frage ging, wie die US-Regierung und ihre ausländischen Partner das Geschehen auf der koreanischen Halbinsel einzuschätzen hätten, wirkte ich an vorderster Front mit, zunächst in der Central Intelligence Agency und dann als stellvertretende Geheimdienstoffizierin für Nordkorea beim National Intelligence Council. Ich leitete die strategischen Analysen der amerikanischen Geheimdienste und stellte unsere Sicht der beiden koreanischen Staaten bei politischen Meetings im Weißen Haus vor. Außerdem unterstützte ich den Nationalen Sicherheitsrat bei seinen Analysen und beriet den Direktor des nationalen Geheimdiensts und seine leitenden Mitarbeiter im Hinblick auf bedeutsame Entwicklungen und neue Fragestellungen. Meine Lehrjahre als Analystin fielen unmittelbar mit dem Aufstieg Kim Jong-uns zusammen. Ich arbeitete mit kompetenten Kollegen zusammen, deren analytische Sorgfalt und unermüdlicher Einsatz für die nationale Sicherheit mich bis heute beeindrucken. Ihnen bin ich zu Dank verpflichtet, denn sie haben mein Schreiben und Denken geprägt und mir gezeigt, wie man Dinge hinterfragt und mit gutem Beispiel vorangeht. Dieses Buch beruht auf meinem so gesammelten Wissen über die Entwicklung Nordkoreas unter dem neuen Führer und seine Entwicklung zu dem Kim, mit dem wir es heute zu tun haben. Es nähert sich der Geschichte des Regimes einschließlich seiner atomaren Krisen über einen schlüssigen biografischen Ansatz und offenbart die Bestrebungen, die Sichtweisen und das Selbstverständnis seines Führers sowie dessen mutmaßliche Vorstellung von dem Platz, den Nordkorea in der Welt einnehmen sollte. Mein Buch schließt mit Empfehlungen für den Umgang der Vereinigten Staaten und der Weltgemeinschaft mit Nordkorea.

Während der Schnee fiel und Trauermusik ertönte, erreichte der Leichenzug mit dem jungen Nachfolger an der Spitze den Kumsusan-Palast, wo der einbalsamierte Leichnam seines Vaters auf ewig neben dem seines Großvaters ruhen sollte. Kim Jong-uns Schwester Kim Jo-jong trat mit bleichem, bedrücktem Gesicht und herabhängenden Schultern neben ihren Bruder.

Kim Jong-un hatte seine erste Aufgabe mit Bravour gemeistert – die Organisation und Leitung einer gut orchestrierten Bestattung, die der seines Vaters für Kim Il-sung in nichts nachstand.

Dann machte er sich an die Arbeit als Nordkoreas neuer Führer.

1

VOM RIESENBABY ZUM INTERNATIONALEN STAATSMANN

Nordkorea wird von den CIA-Analysten als »das härteste Ziel von allen« bezeichnet. Die Atommacht stellt eine dauerhafte Bedrohung der nationalen Sicherheit der USA dar, doch die Undurchsichtigkeit des Regimes, die Isolation, die es dem Land aufgezwungen hat, eine starke Spionageabwehr und eine Kultur der Angst und Paranoia ermöglichen bestenfalls die Gewinnung fragmentarischer Daten und hindern unseren Geheimdienst daran, mit der gewohnt hohen Zuverlässigkeit zu informieren, Vorhersagen zu treffen und Warnungen auszusprechen. Selbst alltäglichste Fakten wie die Geburtstage von Schlüsselfiguren des Regimes oder der Aufenthaltsort von Mitgliedern der Familie Kim an einem bestimmten Tag sind schwer zu überprüfen oder überhaupt zu ermitteln. Nordkorea lässt ausländische Journalisten zwar ins Land, doch ihre Bewegungen und Berichte werden engmaschig verfolgt und sicherheitsdienstlich durchleuchtet. Mutmaßliche Wahrheiten liegen oft unter vielen Schichten der Legendenbildung des Regimes begraben und sind somit nicht leicht erkennbar.

Aber hartes Ziel hin oder her, das ist nun mal unser täglich Brot bei der CIA. Unsere Mission besteht darin, die Politiker vor jeder Bedrohung unserer nationalen Sicherheit zu warnen, sie auf Handlungsoptionen bei der Verfolgung US-amerikanischer Interessen hinzuweisen und manchmal auch dem Präsidenten und anderen Regierungsmitgliedern auf ihre Fragen eine eindeutige Antwort zu geben, um ihnen bei dringenden Entscheidungen zu helfen. Wir analysieren eine enorme Menge von streng geheimen bis zu frei zugänglichen Informationen und werten sie mit Hilfe unseres Wissens über Geschichte, Kultur und Sprache des Gegners sowie über seine bisherigen Beziehungen zu den USA aus. Bei der Liste der Anforderungen in den Stellenangeboten für Analysten auf der Website der CIA steht die Fähigkeit, »Daten, die oft widersprüchlich und unvollständig sind, schnell zu erfassen«,10 ganz oben. »Die Aufgabe ähnelt der Zusammensetzung eines Puzzles, dessen Teile man zu verschiedenen Zeiten, von verschiedenen Orten und vermischt mit Teilen anderer Puzzles erhält.« Kandidaten müssen »die Punkte miteinander verbinden« können, denn das Land und der Präsident verlassen sich darauf, dass sie die verfügbaren Informationen zuverlässig analysieren und objektive Schlüsse daraus ziehen, von denen viele weitreichende Auswirkungen auf unsere Politik haben. Im Falle Nordkoreas fällt das Zusammenfügen der Puzzleteile besonders schwer. Bei einem gewöhnlichen Puzzlespiel weiß man, wie das fertige Bild aussehen muss. Man kann nach passenden Farben Ausschau halten, zuerst die Ecken und dann die Randstücke heraussuchen, um den Umriss zu erhalten. Wenn das Bild dann langsam Gestalt annimmt, wird es immer einfacher, das Puzzle fertigzustellen.

Die Punkte zu verbinden scheint ziemlich einfach. Aber woher weiß man, welche Punkte verbunden werden müssen und in welcher Reihenfolge? Was macht man mit einem abweichenden Punkt (beziehungsweise zweien oder einem Dutzend), der nicht ins Bild passt, sondern auf etwas anderes hinzuweisen scheint? Ein Beispiel für Punkte, die von den bestehenden Konturen des Bildes abweichen, ist etwa Kim Jong-uns Entscheidung, sich Anfang 2018 mit den Regierungschefs von Südkorea, China und den USA zu treffen. Das Gleiche gilt für seine Ankündigung, dass er nach Jahren selbst gewählter Isolation und kriegerischem Verhalten nun Frieden wolle. Viele Analysten fragten sich daher, welchen Punkten es nun zu folgen galt. Intelligence Analysis ist eine komplexe Sache, und sie funktioniert nicht intuitiv. Die Analystin muss mit Mehrdeutigkeiten und Widersprüchen klarkommen, ihren Geist immer wieder darauf trainieren, Annahmen infrage zu stellen, alternative Hypothesen und Szenarien zu bedenken und sich auch bei schwacher Faktenlage oft in hochbrenzligen Situationen auf klare Aussagen festzulegen, sodass unsere führenden Politiker in Fragen der nationalen Sicherheit fundierte Entscheidungen treffen können.

Ich habe rasch gelernt, dass die Ausbildung zur CIA-Analystin ein nie endender Prozess ist. Meine Kolleginnen und Kollegen in Langley und ich mussten spezielle Kurse absolvieren, um unser Denken zu schulen, und Gewohnheiten ausbilden, die das Risiko minimieren, sich bei der Analyse von trügerischer Selbstgewissheit leiten zu lassen. In jedem Büro eines CIA-Analysten werden Sie ein Exemplar des Buches Psychology of Intelligence Analysis vorfinden, ein schmales lilafarbenes Bändchen von Richards Heuer, der selbst fünfundvierzig Jahre lang bei der CIA gearbeitet hat, sowohl im operativen Bereich als auch in der Informationsanalyse. Heuer befasst sich in diesem Buch damit, wie Informationsanalysten die »Schwächen und Vorurteile« in ihren Denkprozessen überwinden oder zumindest erkennen und damit umgehen können. Eines seiner Hauptargumente lautet, dass Analysten häufig vornehmlich das wahrnehmen, was sie erwarten. Und »diese Erwartungsmuster beeinflussen auf unterbewusste Weise, wonach die Analysten suchen, was sie für wichtig erachten und wie sie das, was sie finden, interpretieren«.11 Die überkommene Denkweise einer Analystin legt ihr eine bestimmte Sicht nahe und prägt die Art der Informationsverarbeitung.

Heuers Buch ist so etwas wie die Bibel unserer Branche. Es wurde uns gleich in den ersten Kursen, die wir als angehende CIA-Offiziere absolvierten, ans Herz gelegt, und auch in der weiteren Ausbildung wurde immer wieder darauf verwiesen. Das Buch steht noch heute leicht greifbar im Regal meines Büros in der Brookings Institution. Immer wenn mein Blick zufällig auf das lila Bändchen fällt, werde ich daran erinnert, dass jeder Informationsanalyse eine gewisse Demut innewohnt – vor allem, wenn man es mit einem so harten Ziel wie Nordkorea zu tun hat. Diese Erkenntnis zwingt mich, mich mit meinen Zweifeln auseinanderzusetzen, mich immer wieder zu fragen, woher ich weiß, was ich weiß, und was ich nicht weiß, meine Beweise abzuwägen, mich zu fragen, wie sehr ich meinen Schlussfolgerungen vertraue, und zu prüfen, was bestimmte Unbekannte an meiner Sichtweise ändern könnten.

KIM JONG-UN: EIN VERRÜCKTES DICKES KIND ODER EIN UNERSCHROCKENER GIGANT?

Welche Erwartungen und Auffassungen müssen wir also überwinden, um zu einer richtigen Einschätzung Kim Jong-uns und seines Regimes zu gelangen? Liegt das Augenmerk auf Kims äußerer Erscheinung, dann neigt man dazu, ihn als Comicfigur darzustellen. Die maßlos übertriebene Rhetorik der nordkoreanischen Staatsmedien, Kims eigene oft ungeheuerlichen Aussagen sowie die überzogene Bildersprache und die großspurigen Plattitüden der allgegenwärtigen sozialistischen Kunst und Architektur haben es uns allzu leicht gemacht, Kim als reine Karikatur zu betrachten. Der noch deutlich sichtbare Babyspeck im Gesicht des erst knapp über zwanzig Jahre alten Mannes, ein unvorteilhafter Haarschnitt, der in der westlichen Presse buchstäblich Wellen schlug, unförmige Jacketts mit zu weiten und zu kurzen Hosen, die seine Beleibtheit kaum kaschierten – all das trug noch weiter zu dem von den westlichen Medien entworfenen Narrativ bei, laut dem dieser Bursche nicht ernst zu nehmen sei. Selbst US-Präsidenten und andere Amtsträger verwendeten für Kim Spitznamen wie »Little Rocket Man« (kleiner Raketenmann), »sick puppy« (krankes Hündchen), »crazy fat kid« (verrücktes dickes Kind) und »Pyongyang’s pig boy« (das Schweinchen von Pjöngjang). Nur wenige Tage nachdem Kim Jong-un die Führung des Landes von seinem verstorbenen Vater übernommen hatte, wurde in einem Artikel der Washington Post vom 23. Dezember 2011 die Vermutung eines Neurowissenschaftlers zitiert, dass Kims Gehirn nicht voll entwickelt sei.12 Laut diesem Experten ist der vordere Teil des Gehirns, der für »die Impulskontrolle und die langfristige Planung« zuständig ist, im Alter von Mitte zwanzig noch nicht vollständig ausgereift. Das waren erschreckende Nachrichten, wenn man sich vergegenwärtigte, dass nun ein Mann mit einem offenbar noch unterentwickelten Gehirn die Kontrolle über die Atomwaffen seines Landes besaß.

Tatsächlich sind Witze über Nordkorea zu einem regelrechten Wirtschaftszweig geworden. Der Blog Kim Jong Un Looking at Things besteht nur aus Fotos von Kim, die zeigen, wie er bei einer seiner inzwischen wohlbekannten »Vor-Ort-Anweisungen« verschiedene Erzeugnisse betrachtet: Schuhe in einer Schuhfabrik, Fische auf einem Fischmarkt, eine an Softeis erinnernde fettige Masse in einer Schmierstoff-Fabrik. Man sieht Kim auf dem Gipfel eines Berges, wo er in Heldenpose sinnend den Sonnenuntergang betrachtet. Man sieht Kim in majestätischer Haltung auf einem Hengst. Kurz nach dem vierten Atomtest Nordkoreas – dem zweiten unter Kims Führung, bei dem laut seinen Worten die erste Wasserstoffbombe des Landes gezündet worden war – wurde er auf der Titelseite des New Yorker vom 18. Januar 2016 als pummeliges Baby mit seinen »Spielsachen« abgebildet: Atomwaffen, ballistische Raketen und Panzer. Das Bild suggeriert, dass er wie ein Kind zu Trotzreaktionen und unberechenbarem Verhalten neige, unfähig sei, vernunftbasierte Entscheidungen zu treffen, und sich und andere immer wieder in Schwierigkeiten bringen werde.

Aufgrund von Kims Jugend war die Annahme verbreitet, er sei im Herzen ein Reformer und sein Umgang mit der Außenwelt könne wegen seines Alters von Außenstehenden durch Annäherungspolitik gesteuert werden. Als Kim Jong-il Anfang der 1980er-Jahre die Macht übernahm, hatte der Rest der Welt ebenfalls vermutet, er könne ein Reformer sein und eine Modernisierung seines Landes anstreben. Unter Berufung auf eine Einschätzung der DDR-Botschaft aus dem Jahr 1982 schrieb Don Oberdorfer, Reporter der Washington Post und Autor des Buches The Two Koreas, Kim Jong-il befürworte modische Kleidung und mehr Alkoholkonsum.13 Diese ersten Anzeichen eines Wandels erwiesen sich jedoch als rein kosmetische Maßnahmen, die keineswegs bedeuteten, dass das Regime tiefgreifende Reformen im Land plante.

Vielversprechender waren hingegen die Anzeichen dafür, dass Kim Jong-un den Wunsch hegte, Nordkorea in die internationale Gemeinschaft zu integrieren und das Land aus der Isolation zu befreien, die das Regime in den vergangenen fünfundsechzig Jahren stetig verschärft hatte. Anders als sein Großvater und Vater war Kim einige Jahre lang in der Schweiz zur Schule gegangen. Die nordkoreanischen Medien veröffentlichten ein Video, das ihn bei einem Konzert in Pjöngjang zeigt.14 Auf der Bühne turnten Disney-Figuren, und Videoclips von Dumbo und Schneewittchen und die sieben Zwerge wurden auf riesige Leinwände projiziert, während eine Gruppe spärlich bekleideter Frauen Geige spielte. Außerdem trat Kim Jong-un in der Öffentlichkeit mit seiner Frau Ri Sol-ju auf, ein Novum für einen nordkoreanischen Führer; Kims Vater und Großvater hatten es stets vermieden, sich öffentlich mit ihren Frauen zu zeigen oder zu viel über ihr Privatleben preiszugeben. Jede dieser Gesten wurde als hoffnungsvolles Zeichen gedeutet, dass Kim die Geschicke Nordkoreas in eine neue Richtung lenken wollte. Seine Bemühungen um China, Südkorea und die USA seit Januar 2018 haben dieser Vermutung neue Nahrung gegeben – trotz der aktuellen Berichte über die Fortführung des Raketen- und Atomwaffenprogramms. Beobachter werten die kognitive Dissonanz in Kims Handeln als beunruhigendes und zugleich hoffnungsvolles Zeichen.

Doch dieser Hoffnung gegenüber steht der Eindruck, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern. Wenn man die erschreckenden Fortschritte Nordkoreas auf den Gebieten der Cyberabwehr, der atomaren Rüstung und der konventionellen Waffensysteme bedenkt, die Massen von Soldaten, die bei den Militärparaden in unwahrscheinlichem Gleichschritt marschieren, und die kriegerischen Drohungen des Obersten Führers, dann ist Kim plötzlich nicht mehr das verrückte Riesenbaby, sondern ein Gigant mit einer immensen und unbegrenzten Macht: unaufhaltsam, unberechenbar und omnipotent. Seine Langstreckenraketen können bis nach Los Angeles fliegen. Er hat gedroht, das Blaue Haus, die Residenz des südkoreanischen Präsidenten, in ein »Flammenmeer« zu verwandeln.15 Er verfügt über eine millionenstarke Armee, die er nach Süden schicken kann, um die Wiedervereinigung zu erzwingen. Er besitzt Dutzende von Atomwaffen. Er hat den Präsidenten der USA als »geistesgestört«16 bezeichnet und mit einem Atomkrieg gedroht.

KIM DER RÄTSELHAFTE

Durch Nordkoreas dreisten Langstreckenraketen-Test, seinen größten Atomtest überhaupt, und den darauf folgenden verbalen Krieg mit US-Präsident Trump war die Lage Ende 2017 so weit eskaliert, dass ein zweiter bewaffneter Konflikt auf der koreanischen Halbinsel möglich schien. Doch 2018 beschloss Kim einen Schwenk zur Diplomatie. In seiner jährlichen Neujahrsansprache kündigte er zwar die Massenproduktion von Atomwaffen an, brachte aber auch sein Interesse an einem Besuch bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea zum Ausdruck. Zum ersten Mal seit der Teilung der koreanischen Halbinsel im Jahr 1945 setzte ein Mitglied der Familie Kim den Fuß auf südkoreanischen Boden – seine Schwester Kim Yo-jong. Dieser Durchbruch führte rasch zu einer Reihe von Gipfeltreffen – mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping, dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in und US-Präsident Donald Trump. Es war die erste Begegnung zwischen einem nordkoreanischen Führer und einem amtierenden Präsidenten der USA. Mit der Hinwendung zu einer Politik der Annäherung – bei der die Medien jeden seiner Schritte aufmerksam beobachteten – verwandelte sich Kim von einem Riesenbaby in einen echten, lebendigen Menschen, der wie alle anderen Gespräche führte und Konferenzen besuchte.

Während wir neue Erkenntnisse gewinnen, indem wir ihn ohne den propagandistischen Weichzeichner der nordkoreanischen Staatsmedien betrachten, vervielfachen sich die Teile unseres Kim-Puzzles. Wir sehen, wie er Tee mit Präsident Moon trinkt, den Worten von Präsident Xi lauscht und in Singapur an der Seite von Präsident Trump Journalisten antwortet, gerade so, als wäre er das alles schon seit Jahren gewohnt. Er zeigt Sinn für Humor. Er isst wie jeder andere Ehemann mit seiner Frau zu Abend. Er unternimmt eine Sightseeing-Tour in Singapur und schießt Selfies. Er spricht von seinem Wunsch nach Frieden und Wohlstand für sein Volk und die koreanische Halbinsel.

Doch die Gipfeldiplomatie von 2018 hat zu heftigen Debatten über Kims Absichten geführt. Sein internationales Debüt hat denen Auftrieb gegeben, die eher pazifistische Neigungen hegen und nun die Meinung vertraten, Washington müsse seine Politik ändern, also Sicherheitsgarantien geben und wirtschaftliche Zugeständnisse machen, um Pjöngjang langsam, aber sicher von seinem Atomwaffenprogramm abzubringen. Im gesamten politischen Spektrum wurden Stimmen laut, die die verbesserten interkoreanischen Beziehungen lobten und die beiden koreanischen Regierungschefs feierten, weil es ihnen gelinge, die Geschicke der Region ohne Einmischung aus Washington selbst zu lenken. Langjährige Korea-Beobachter hingegen sind weiterhin der Ansicht, dass Kims Annäherungsstrategie nichts weiter als ein Taschenspielertrick ist, um die Aufmerksamkeit von Nordkoreas Besitz und fortgesetzter Entwicklung ballistischer Flugkörper sowie der Produktion von spaltbarem Material abzulenken und so internationale Sanktionen gegen das Land einzudämmen. Die meisten ehemaligen Mitglieder der US-Regierung und in Verhandlungen mit Nordkorea erfahrene Politiker sind sich darüber einig, dass Kim sein Arsenal aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aufgeben wird – sofern er nicht zu der Überzeugung gelangt, sein Bekenntnis zu Atomwaffen könne das eigene Überleben gefährden. Eines aber macht Kims Schachzug deutlich: Er selbst kontrolliert, welche Puzzleteile wir zusammenfügen dürfen und welche Punkte wo erscheinen und wieder verschwinden. Kims neue Sichtbarkeit hat mich und viele andere – darunter vermutlich auch meine ehemaligen Kollegen beim Nachrichtendienst – dazu gezwungen, unsere zentralen Thesen zu überprüfen. Sind wir zu stark von den vielen gescheiterten Verhandlungen und den nordkoreanischen Winkelzügen beeinflusst, um mit unverfälschtem Blick auf die gegenwärtige Entwicklung zu schauen? Ist Kim Jong-un als Staatsführer grundsätzlich anders als sein Großvater und sein Vater, die stets bestrebt waren, Nordkorea weitgehend abzuschotten? Sind diejenigen, die für Gespräche und eine Annäherung mit Nordkorea werben und Kim einen Vertrauensbonus zugestehen wollen – darunter auch Präsident Trump, der ihn als »ehrenwerten« Mann bezeichnet hat17 – Opfer eines Vorgangs, den Richards Heuer als »Vividness Bias« bezeichnet, das heißt, dass einer direkten Begegnung mit Kim mehr Gewicht beigemessen wird als anderen Indizien, die das Gegenteil über Kims Absichten vermuten lassen?

Es steht viel auf dem Spiel. Ob Kim ein übergroßes Baby oder ein aufstrebender Staatsmann ist, der Frieden in der Region will, hat wesentliche Auswirkungen auf unsere nationale und globale Sicherheit. Wir unterschätzen und überschätzen Kim zugleich, vermischen seine Möglichkeiten mit seinen Absichten und stellen seine Vernunft infrage, während wir gleichzeitig annehmen, dass er ein strategisches Ziel verfolgt und auch über die Mittel verfügt, dieses Ziel zu erreichen. Gerade wegen der Ambiguität Nordkoreas und der manipulativen Taktiken von Kim Jong-un arbeiten wir uns weiter an dem Puzzle ab, das sein Regime darstellt. Wenn wir den wahren Kim, die Wurzeln der Dynastie, die seine Weltanschauung geprägt hat, und seine Persönlichkeit und seine Ambitionen nicht verstehen, dann laufen wir Gefahr, politische Entscheidungen zu treffen, die unser Ziel eines atomwaffenfreien Nordkoreas unterwandern könnten.

2

PARTISANEN UND GÖTTER

Kim Jong-un war zehn, als sein Großvater Kim Il-sung an einem schwülen Tag im Juli 1994 im Alter von zweiundachtzig Jahren einem Herzinfarkt erlag. Beinahe fünfzig Jahre hatte Kim Il-sung als »Landesvater« über Nordkorea geherrscht. Der Personenkult um ihn war tief verwurzelt, und sein Sohn Kim Jong-il wurde als der einzig legitime Erbe der Revolution anerkannt. »Für die Nordkoreaner war Kim Il-sung mehr als nur ein Führer«, schrieb Bradley Martin, einer der Biografen Kims. »Er überschüttete sein Volk mit väterlicher Liebe.«18 Kim besaß eindeutig religiösen Status: Die Menschen glaubten an ihn und seine Bedeutung für das Land. Die Nordkorea-Analystin Helen-Louise Hunter schrieb in ihrem 1999 erschienenen Buch Kim Il-song’s North Korea: »Wie viele religiöse Menschen haben sie vielleicht ihre Zweifel, halten aber trotzdem an ihrem Glauben fest.«19

Der Geist Kim Il-sungs durchdrang das gesamte Leben der Nordkoreaner. Er berührte alle Sinne. Sein Porträt hing in jedem Haus, jedem Büro, jedem Klassenzimmer, jedem Gebäude. Opern, Musicals und Fernsehshows kündeten von seinem Genius; Hunderte Denkmäler und Museen machten ihn für die Menschen allgegenwärtig. Sie nahmen ihn mit der Nahrung auf und mit der Luft, die sie atmeten – und sie glaubten, dass seine landwirtschaftliche Erfahrung der Grund für die guten Ernten sei (ungeachtet der großzügigen Hilfe aus China, der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern, vor allem der DDR). Natürlich hatten seine herausragenden soldatischen Fähigkeiten dazu beigetragen, die koreanische Halbinsel von den japanischen Imperialisten zu befreien und das Land den Bauern und Arbeitern zurückzugeben. Er war der suryong, der Höchste Führer und das »Herz und der einzige Mittelpunkt« Nordkoreas.20 Sein Geburtstag am 15. April wurde in den 1960er-Jahren zum Nationalfeiertag erklärt, der atmosphärisch an unser Weihnachtsfest erinnert, denn er wird mit Feierlichkeiten, Feuerwerk und vom Staat verteilten Geschenken begangen. Noch im Tode konnte der »Ewige Präsident« die Zeitrechnung verschieben: Der nordkoreanische Kalender begann nun mit dem Jahr 1912, seinem Geburtsjahr, das zum Jahr 1 erklärt wurde. Der Kult um Kim Il-sung war jedoch kein Phänomen, das von selbst entstand; es bedurfte dazu jahrzehntelanger massiver Indoktrination.

Die Schreie nach dem »Vater« bei Kim Il-sungs Beisetzung zeigten den Erfolg des Regimes bei der Schaffung und Durchsetzung eines Personenkults und eines paternalistischen Staates. In dieser »Familie« steht die Autorität des Vaters über allem, und seine Liebe und sein Wohlwollen unterliegen keinerlei Zweifeln. Im Gegenzug werden von den Kindern Loyalität, Respekt und ein Handeln ausschließlich im Interesse der Familie und des Vaters verlangt. Das Ich muss sich dem höheren kollektiven Gemeinwohl unterordnen. Kim besaß die legitime Macht, ungehorsame oder ungenügend loyale Kinder zu bestrafen, konnte ihnen aber auch die Möglichkeit geben, sich wieder von ihren Sünden reinzuwaschen. Schließlich würden sie ohne Kim Il-sung als Nation und Volk nicht existieren. So wurde es schon den Schulkindern durch Lehrbücher und Vorträge über die »heldenhaften« Taten und Abenteuer ihres »Vaters« eingetrichtert.

Da Kinder meist mehr an Legenden glauben als Erwachsene, dürfte dem zehnjährigen Kim Jong-un der Großvater wohl überlebensgroß erschienen sein. Doch im Gegensatz zu anderen Kindern muss Kim Jong-un gespürt haben, dass revolutionäres Blut durch seine Adern floss. Vermutlich empfand er nicht nur Stolz, sondern hatte auch das Gefühl, dass kraft seiner Geburt und Abstammung ein Teil dieser Größe auf ihn übergegangen war. Es muss überwältigend gewesen sein, etwa so, als wäre unsereiner mit George Washington, Abraham Lincoln, Santa Claus oder Jesus Christus verwandt.

Es war ein Glück für Kim Jong-un, dass sein Großvater die mythologischen, ideologischen und materiellen Grundlagen der Macht geschaffen hatte, wenn auch zum Teil mit brutaler Unterdrückung. Doch so erfolgreich er auch war, Kim Il-sung hätte wahrscheinlich nicht zum Gott werden können, wäre er nicht zuvor Partisanenkämpfer gewesen.

KOREA IM BELAGERUNGSZUSTAND

Heute hat Nordkorea für die nationale Sicherheit der USA höchste Priorität, doch vor fünfzig Jahren hätten die meisten Amerikaner so etwas für unmöglich gehalten: dass ein Land, das gerade einmal halb so groß wie das Vereinigte Königreich war und mehr als 10.000 Kilometer von Washington entfernt lag, einmal im Zentrum geopolitischer Überlegungen stehen und eine Hauptursache der Spannungen im Nordosten Asiens sein würde.

Vor 1945 gab es kein Nord- und Südkorea – nur eine Nation auf einer Halbinsel, die vom chinesischen Festland hervorspringt, im Norden an Russland grenzt und im Osten durch das Meer vom japanischen Archipel getrennt ist. Ein amerikanischer Missionar, der 1885 in das Land kam, als es zwar von seinen mächtigeren Nachbarn besetzt, aber noch eigenständig war, fühlte sich, als wäre er plötzlich ins Mittelalter zurückversetzt worden.21 Ein Kollege von ihm meinte, Korea wirke »2000 Jahre vom zwanzigsten Jahrhundert entfernt«. Isabella Bird Bishop, eine unerschrockene britische Forscherin, war entsetzt über den Gestank und das Elend im ganzen Land. Die »Dürftigkeit der Verhältnisse« in der Hauptstadt Seoul sei unglaublich:

Etwa ein Viertel von einer Million Menschen lebt »auf dem Boden«, vornehmlich in labyrinthisch angelegten Gassen. Sie sind zu einem großen Teil nicht einmal so breit, dass zwei mit Lasten beladene Stiere hindurchkämen – und sie werden noch enger durch eine Reihe tückischer Löcher oder grüner, schlammiger Gräben, in die sich der feste und flüssige Unrat aus den Häusern ergießt. Deren widerlich stinkende Ränder sind die Lieblingsplätze halbnackter, schmutziger Kinder und räudiger, triefäugiger Hunde, die sich im Schlamm suhlen oder in der Sonne blinzeln.22

Seltsamerweise enthielten die Beschreibungen Koreas nicht nur Negatives, sondern auch romantische Elemente. Amerikanische Missionare, die ihren Lesern zu Hause ein positives Bild übermitteln wollten – nicht zuletzt, um Spenden zu erwirken –, schilderten die Koreaner als liebenswerte, ungeheuer gastfreundliche Menschen, die reif für Christus seien. Das Land selbst, so behaupteten sie, sei wirklich eine Schöpfung Gottes mit einer üppigen Flora und Fauna. Horace Underwood, einer der ersten amerikanischen Missionare in Korea, rühmte den Fortschritt der Christianisierung und schrieb 1908: »Es scheint wirklich wie ein Kapitel aus der Apostelgeschichte.«23

Dieses Bild von Korea – als rückständiges, aber formbares und nach Belehrung heischendes Land – rechtfertigte seinen Status als geopolitischer Spielball und letztlich als Kolonie Japans, das laut Bishop ein vergleichsweise ordentliches, sauberes Land war. Das Gelände der japanischen Gesandtschaft innerhalb der Mauern Seouls mit seinen hübschen und betriebsamen Geschäften und den sauberen hübschen Häusern, »wo das Maß regiert«, stand »in krassem Gegensatz zum gesamten restlichen Korea«.24

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Korea noch ein Schlachtfeld, auf dem China, Russland und Japan sowie westliche Mächte mit wirtschaftlichen, politischen und militärischen Mitteln um die Vorherrschaft kämpften. Japan führte von 1894 bis 1895 mit China und dann von 1904 bis 1905 mit Russland Krieg um die Kontrolle über Korea. Korea versuchte in seiner gesamten Geschichte stets, Invasionen ausländischer Mächte abzuwehren. Man vertrieb Reisende aus dem Westen, ignorierte Japan und unterhielt lauwarme Beziehungen zu China. Mit alledem handelte sich Korea schließlich den Beinamen »Einsiedlerkönigreich« ein. Doch als im 19. Jahrhundert verschiedene Länder auf der Suche nach Märkten waren und nach Hegemonie strebten, verschärfte dieser imperialistische Impuls Koreas Probleme im Inland noch weiter. Bauernaufstände, Soldatenrevolten, Unruhe unter den Intellektuellen und gescheiterte Reformen führten schließlich dazu, dass die Halbinsel von 1910 bis 1945 eine Kolonie Japans war.

Nicht zuletzt die Vereinigten Staaten trugen im zweiten Jahr des russisch-japanischen Kriegs zur Annexion Koreas durch Japan bei, als Präsident Theodore Roosevelt im Juli 1905 im geheimen Taft-Katsura-Abkommen die Herrschaft Japans über Korea anerkannte.25 Damit wollte er nicht zuletzt den russischen Expansionsdrang eindämmen und erreichen, dass Tokio die Kontrolle der USA über die Philippinen akzeptierte. Roosevelts Schritt spiegelte seinen positiven Eindruck von Japan wider. Für den amerikanischen Präsidenten ragte Japan mit seinen sichtbaren Modernisierungsmaßnahmen, einem repräsentativen Reichstag, einer geschriebenen Verfassung und einer schlagkräftigen Armee unter den asiatischen Ländern deutlich heraus. 1906 erhielt Roosevelt den Friedensnobelpreis für seine Rolle bei der Aushandlung des Abkommens von Portsmouth, mit dem der russisch-japanische Krieg beendet wurde. Doch dieser Vertrag leitete auch vier Jahrzehnte brutaler japanischer Kolonialherrschaft über die koreanische Halbinsel ein.

Die japanische Herrschaft über Korea und der ihr folgende Versuch Japans, ganz Ostasien unter seine militärische und politische Kontrolle zu bringen, führten zum Aufstieg eines Helden namens Kim Il-sung.

GEBURT UND AUFSTIEG EINES PARTISANEN

Nordkoreas Ewiger Präsident kam als Kim Song-ju – Kim Il-sung war sein Kampfname – in Pjöngjang zur Welt, zwei Jahre nach der Annexion des Landes durch Japan im Jahr 1910. Sein Vater Kim Hyong-jik war 1894 geboren, als die Joseon-Dynastie in ihren letzten Zügen lag und bevor sich Korea den ausländischen Mächten unterwarf. Mit fünfzehn Jahren heiratete er die siebzehnjährige Kang Pan-sok, Kim Il-sungs Mutter.26

Wie viele andere Koreaner, die gegen die japanische Kolonialmacht aufbegehrten, schloss sich auch Kim Hyong-jik der Unabhängigkeitsbewegung an und wurde wegen seiner Aktivitäten verhaftet. Sein Sohn wurde Zeuge, wie sein geliebter Vater und sein Onkel ins Gefängnis geworfen wurden und unter den Folgen litten.27 Kim, der sich noch an seinen ersten Besuch erinnerte, bezeichnete das Gefängnis als »einen Ort des Todes und des todbringenden Gifts«. Er erkannte seinen Vater kaum wieder: Jeder sichtbare Teil seines Körpers war geschwollen und blutunterlaufen. Zutiefst betroffen schrieb Kim in seinen Erinnerungen, der Anblick seines Vaters im Gefängnis sei einer der entscheidendsten Momente seines Lebens gewesen. Die »Narben und Wunden an Vaters Körper fügten mir physische Schmerzen zu, und ich schwor mir, mit den japanischen Teufeln abzurechnen, die wirklich keine Menschen waren, sondern der Satan.«28 Um den Patriarchen der Familie zu ehren, beschloss Kim, sein »Letztes für den Kampf zur Befreiung des Landes um jeden Preis zu geben«.29

Aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Bedingungen jener Zeit hatten Kims Eltern ein kurzes, schweres Leben – sein Vater starb mit einunddreißig, seine Mutter mit fünfzig. Sie hinterließen ihren Kindern kaum Geld. Doch ihr Sohn schmückte die Rolle seiner Eltern und die seiner gesamten Erblinie in den nationalistischen und revolutionären Bewegungen ihrer Zeit gewaltig aus.30 So behauptete er etwa, sein Urgroßvater sei 1866 an der Vernichtung des unglückseligen Schiffes General Sherman in Pjöngjang beteiligt gewesen, mit dessen Entsendung die Amerikaner versucht hatten, das Land für den Handel zu öffnen. Weiterhin habe sein Großvater gegen das kaiserliche Japan gekämpft.

Kim Il-sungs Image und seine Biografie wurden in der Legende des Regimes zwar aufpoliert und geschönt, aber nach sämtlichen objektiven Berichten zu urteilen, war er tatsächlich ein nationalistischer Kämpfer, der kein Pardon mit den verhassten Japanern kannte, und einer von mehreren Anführern, die in jener angespannten Periode der koreanischen Geschichte zu Ruhm gelangten und zahlreiche Anhänger fanden. Kim erwarb sich seinen Ruf als effizienter Kämpfer gegen japanische Polizisten und Soldaten in der Mandschurei, die seit 1931 besetzt war. In den 1930er-Jahren führte Kim Partisanengruppen von fünfzig bis dreihundert Mann durch heiße, feuchte Sommer und eisige, brutal kalte Winter. Seine aus Chinesen und Koreanern zusammengesetzte Brigade tötete Berichten zufolge den Chef der japanischen Sonderpolizei, der ihn mit Hundertschaften japanischer Offiziere und anderen Ordnungskräften verfolgt hatte.31

Der Historiker Bruce Cumings schrieb, dass »Kim eine jüngere Generation revolutionärer Nationalisten repräsentierte, die voller Verachtung für ihre Väter war, ihnen Versagen vorwarf und sich entschlossen vornahm, ein Korea aufzubauen, das sich jeglicher Fremdherrschaft widersetzen konnte«.32 In seinen über zweitausend Seiten umfassenden Erinnerungen formulierte Kim selbst es so:

Mein Leben begann in den 1910er-Jahren, als Korea die schlimmsten Katastrophen erlitt. Als ich geboren wurde, stand Korea bereits unter japanischer Kolonialherrschaft … Das koreanische Volk schäumte vor Wut und weinte vor Trauer über den Verlust seiner nationalen Unabhängigkeit … In jener Zeit war Korea eine wahre Hölle, ungeeignet für menschliche Bewohner. Die Menschen waren in jeder Hinsicht wandelnde Leichen; ihre Seelen waren tot.33

Das umfangreiche Werk, das kurz vor Kims Tod veröffentlicht wurde, ist in einem heroischen Ton verfasst und berichtet von den großartigen Taten Kims und seiner Anhänger, von seiner tiefen Verzweiflung, wenn er ohne wärmende Decken auf dem mandschurischen Schlachtfeld fror, aber auch von den Hochgefühlen, wenn er den freundlichen Dorfbewohnern begegnete. Die Anekdoten im Buch sind fesselnd und anschaulich erzählt. Man riecht förmlich den Gestank der Schlacht, man hört die Geräusche, man sieht die verwundeten Körper vor sich, erlebt die an Koreanern verübten Grausamkeiten mit. Augen wurden mit spitzen Stöcken durchbohrt, Finger von umherziehenden Banditen oder als Strafe für Akte des Widerstands abgeschnitten und abgehackte Köpfe zur Abschreckung anderer aufgespießt und ausgestellt. »Ich hatte das Pech«, schrieb Kim, »in einer furchtbaren Zeit auf die Welt zu kommen und als Heranwachsender die Brutalität der Japaner in ihrer schlimmsten Ausprägung erleben zu müssen. Diese Bilder haben sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt und mein künftiges Handeln geprägt.« Nach der Erfahrung der Unterdrückung und angesichts der Brutalität, deren Zeuge er schon in jungem Alter wurde, richtete sich sein Zorn gegen die »Elite Koreas«, die die Nation fallenließ.

Während andere Länder gewaltige Kriegsschiffe kreuzen ließen und glänzende Züge aufboten, ritten unsere Feudalherren mit ihren Hüten aus Pferdehaar auf dreckigen, dürren Eseln und verschwendeten mehrere hundert Jahre in rückständigem Stumpfsinn und erstickender wirtschaftlicher Stagnation. Sie machten ihren Kotau vor der ausländischen Kanonenbootpolitik und öffneten den ausländischen Invasoren und der Ausbeutung Tür und Tor: Korea wurde zur leichten Beute der Imperialisten.

Doch anstatt den japanischen Truppen weiterhin die Stirn zu bieten, die die koreanischen Partisanen mit allen Mitteln zu vernichten trachteten, flohen Kim und seine kleine Kampftruppe 1940 in die Sowjetunion. Dort konnte sich Kim bei Offizieren weiterbilden und stieg in den Rang eines Hauptmanns in der achtundachtzigsten Schützenbrigade der Zweiten Fernöstlichen Armee auf. Im Gegensatz zum Narrativ des Regimes, laut dem er die Japaner furchtlos und unbarmherzig bekämpfte, verbrachte er den Rest des Krieges offenbar in einer Reserveeinheit weit entfernt von den Kämpfen.34 Dennoch kehrte der pausbäckige, ehrgeizige, im Kampf gegen die Japaner vor nichts zurückschreckende Partisan im zarten Alter von dreiunddreißig Jahren triumphierend nach Nordkorea zurück, fest entschlossen, der neue Führer des Landes zu werden.

Nach einigen Positionskämpfen mit anderen koreanischen Nationalisten wurde Kim 1945 von der Sowjetunion als Führer der Nordhälfte der koreanischen Halbinsel eingesetzt, die vorläufig entlang des achtunddreißigsten Breitengrads geteilt worden war, wobei die Vereinigten Staaten die Kontrolle über die südliche Hälfte übernahmen. Die Grenzziehung war willkürlich erfolgt und durchschnitt laut einer von der US-Armee veröffentlichten Geschichte des Koreakriegs fünfundsiebzig Wasserläufe, zwölf Flüsse, mehr als hundert Landstraßen, acht Schnellstraßen und sechs Bahnlinien.35 Obwohl Kim zwanzig Jahre lang nicht mehr in Korea gewesen war, sah man ihn in Moskau als den geeigneten Mann an, denn er war in Pjöngjang geboren, hatte sich als Nationalist und Kommunist Meriten erworben und zeigte offenkundige Loyalität gegenüber der Sowjetunion.36 So verkündete Kim am 9. September 1948 die Gründung der Demokratischen Volksrepublik Korea,37 nachdem er potenzielle Gegner ausgeschaltet und einen starken Überwachungs- und Sicherheitsapparat geschaffen hatte, der mit systematischer Gewalt jeden Widerspruch im Keim erstickte. Außerdem hatte er Umerziehungsprogramme eingeführt, die seine absolute Herrschaft sicherten. Kim war jedoch keine bloße sowjetische Marionette, und die Tatsache, dass er den Krieg überlebt hatte, ein cleverer Politiker war und zudem Peking und Moskau geschickt zu manipulieren verstand, trug zu seinem Aufstieg und seiner langjährigen Herrschaft bei.

Gerade erst vom Schlachtfeld zurückgekehrt, ausgestattet mit Machtbefugnissen, die er seinen Gegnern abgerungen hatte, und voller Vertrauen, dass die Sowjets ihn unterstützen würden, strebte er die Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel an. Vielleicht war sein Selbstbewusstsein nicht zuletzt auch seinem jugendlichen Überschwang zu verdanken, vielleicht sah er eine Gelegenheit, Fakten zu schaffen, bevor die Teilung manifest war, oder er wurde von einem messianischen Eifer getrieben und meinte, nur er sei in der Lage, Korea wieder zu einen. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus all diesen Faktoren. Tatsächlich schien das Ausland ihn in der Überzeugung zu bestärken, dass er freie Hand habe. Die Interessen Washingtons lagen in der westlichen Hemisphäre, etwa beim Wiederaufbau Europas und bei der Eindämmung der sowjetischen Expansionsbestrebungen, während die Sicherheit Südkoreas nicht zu seinen strategischen Zielen gehörte. George Kennan, der Architekt der Eindämmungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, erklärte 1948, die Vereinigten Staaten sollten »sich so diskret und rasch wie möglich [aus Korea] zurückziehen«.38 Später vertraten auch US-Außenminister Dean Acheson und die Vereinigten Generalstabschefs die Meinung, dass die Halbinsel keine strategische Bedeutung für die USA besitze. Aus Kims Sicht befand sich der Kommunismus auf der Gewinnerseite, während Europa am Boden lag. Mao Zedong und die chinesischen Kommunisten setzten sich im chinesischen Bürgerkrieg durch und schlugen 1949 die Nationalisten unter der Führung Chiang Kai-sheks. Im selben Jahr zündeten die Sowjets eine Atombombe und stiegen somit zur zweiten Atommacht neben den Vereinigten Staaten auf.

Für Kim Il-sung schien nun endgültig die Zeit reif, die geteilte koreanische Halbinsel unter einem kommunistischen Regime zu vereinigen.

KIMS HYBRIS

Am 25. Juni 1950 griff Nordkorea den Süden an.39 Hundertfünfunddreißigtausend gut ausgerüstete und gut ausgebildete Soldaten der Koreanischen Volksarmee, darunter Tausende Veteranen des Partisanenkampfs in der Mandschurei, überschritten den achtunddreißigsten Breitengrad und eroberten Seoul innerhalb von drei Tagen im Sturm. Ende des Sommers kontrollierte die nordkoreanische Armee fast ganz Südkorea bis auf einen schmalen Fleck in Busan an der Südostküste der Halbinsel.40 Nur eine Woche zuvor hatte die CIA vor einer Invasion gewarnt und erklärt, der Norden verfüge über die militärische Schlagkraft, den Süden zu unterwerfen und »sein wichtigstes außenpolitisches Ziel [zu erreichen], nämlich seine Macht auf Südkorea auszuweiten«.41 Präsident Truman ordnete den Einsatz von US-Truppen an. Drei Monate später hatten UN-Streitkräfte unter der Führung der Amerikaner Kims Armee eingekesselt und drängten sie nordwärts hinter den achtunddreißigsten Breitengrad zurück. Das aber rief China auf den Plan: Das gerade erst kommunistisch gewordene Land entsandte im Lauf des Konflikts drei Millionen Soldaten zur Unterstützung Nordkoreas.42

Am 27. Juli 1953 wurde ein Waffenstillstand unterzeichnet. Der erste »heiße Krieg« des aufkommenden Kalten Kriegs endete mit einem Patt, das die Teilung der koreanischen Halbinsel zementierte und die amerikanische Bereitschaft, Südkorea zu verteidigen, festschrieb. Der Pulitzer-Preisträger David Halberstam schrieb dazu in seinem Buch The Coldest Winter: »In Korea beruhte bei beiden Seiten fast jede wichtige Entscheidung auf einer Fehleinschätzung.«43

Fehleinschätzungen und Hybris waren die Ursachen dieses gewaltsamen Konflikts, der auch heute, siebzig Jahre später, noch nachklingt. Kim Il-sung glaubte, seine Truppen würden von jubelnden Massen empfangen und eine Revolution auslösen, und wie seine sowjetischen Unterstützer erwartete er, dass die Vereinigten Staaten nicht eingreifen würden. Die amerikanischen Streitkräfte unter Führung von General Douglas MacArthur missachteten chinesische Warnungen ebenso wie die Tatsache, dass inzwischen chinesische Soldaten auf Seiten der Nordkoreaner mitkämpften. Auf die eigene Stärke vertrauend stießen sie nördlich des achtunddreißigsten Breitengrads in Richtung des Flusses Yalu vor. Damit aber provozierten sie einen massiven Gegenangriff der Chinesen, der die amerikanische und die südkoreanische Armee in den Süden zurückdrängte. Die chinesische Offensive und die Eskalation des Kriegs im Winter 1950 setzten Präsident Truman unter Druck, sodass er den Einsatz der Atombombe erwog, um den Krieg abzukürzen. General MacArthur war ein entschiedener Befürworter dieser Strategie, er verlangte sogar den Einsatz der Bombe gegen China und stellte Trumans Befehlsgewalt offen infrage. Obwohl der General wegen wiederholter Befehlsverweigerung entlassen wurde, hielt Truman die Atombombenoption bis weit in das Jahr 1951 offen.44

Die Opferzahlen des Kriegs geben uns nur ein oberflächliches Bild des menschlichen Tributs und des Ausmaßes der Tragödie.45 Knapp drei Millionen Koreaner – zehn Prozent der Gesamtbevölkerung beider Landesteile – kamen ums Leben, wurden verwundet oder als vermisst gemeldet. Etwa 900.000 chinesische, 500.000 koreanische und 400.000 Soldaten unter dem Kommando der Vereinten Nationen fielen oder wurden verwundet.46 Fast 34.000 amerikanische Soldaten verloren ihr Leben, 110.000 wurden verwundet, vermisst oder gerieten in Gefangenschaft.47 Alle Kriegsbeteiligten begingen Gräueltaten wie Massenhinrichtungen von Gefangenen und die Tötung von Zivilisten. Nordkoreaner verschleppten Südkoreaner und zwangen sie in die Armee Pjöngjangs, viele Menschen, die als Antikommunisten galten, wurden hingerichtet. Die Vereinigten Staaten warfen mehr Bomben auf Nordkorea ab als während des Zweiten Weltkriegs im gesamten pazifischen Einsatzgebiet. Laut dem Historiker Charles Armstrong waren es 635.000 Tonnen gegenüber 503.000 Tonnen während des Zweiten Weltkriegs.48 Selbst der kampferprobte General MacArthur sagte nach seiner Abberufung durch Truman vor dem Senat: »Ich habe noch nie solche Verwüstungen gesehen. Bei meinem letzten Aufenthalt dort habe ich … so viel Blut und Elend gesehen wie noch kein Lebender auf dieser Welt; es hat mir den Magen umgedreht. Nachdem ich all die Trümmer und die Tausenden Frauen und Kinder und all das gesehen hatte, habe ich gekotzt.«49 Ein Veteran des Koreakriegs, der an dem berüchtigten Massaker in Nogeun-Ri beteiligt war, erinnerte sich Jahrzehnte später: »An Sommerabenden, wenn ein leichter Wind weht, höre ich immer noch ihre Schreie, die Schreie der kleinen Kinder.«50 Bei dem Massaker hatten amerikanische Soldaten Hunderte koreanische Zivilisten getötet.

In dem Krieg wurde Nordkorea vollständig zerstört. Fabriken, Krankenhäuser, Schulen, Straßen, Wohnhäuser, Dämme, Bauernhöfe und Regierungsgebäude, alles wurde von amerikanischen Bomben dem Erdboden gleichgemacht; 1952 gab es nichts mehr, was man hätte bombardieren können. Charles Armstrong meinte, die drei Jahre anhaltender B-29-Angriffe hätten sich tief in das kollektive Bewusstsein der Nordkoreaner eingegraben; hinzu kam die Furcht, dass Washington womöglich die Atombombe einsetzen würde.51 Diese ständig lauernde Bedrohung von außen sollte noch Jahrzehnte über das Kriegsende hinaus ihre Wirkung zeigen. Millionen Menschen wurden vertrieben, Familien suchten verzweifelt nach Angehörigen, Waisenkinder beugten sich schluchzend über die leblosen Körper ihrer Eltern, und Kinder, die noch nicht einmal in der Pubertät waren, mussten plötzlich für ihre jüngeren Geschwister sorgen. Der Waffenstillstand im Juli 1953 brachte zwar ein Ende der Kämpfe, die nach Ansicht Kims von den Vereinigten Staaten ausgegangen waren, doch theoretisch befinden sich die beiden Koreas bis heute im Kriegszustand, und viele Familien leiden noch immer unter der grausamen Trennung von ihren Angehörigen.

Während viele Menschen in Tunneln und Höhlen lebten, um den Bombardierungen zu entgehen, stellte Kim Il-sung Verwüstung und Tod als Sieg im »Vaterländischen Befreiungskrieg« dar und behauptete, er habe die US-Imperialisten und südkoreanischen Speichellecker verjagt.52 Sie hätten im Land »alles unter ihren Stiefeln begraben und verbrannt … massenhaft Unschuldige abgeschlachtet, Kinder und schwangere Frauen in die Flammen geworfen und alte Menschen lebendig begraben«. An etwaigen Fehlschlägen sei nicht er schuld, sondern jene, die nicht genügend an den revolutionären Geist geglaubt hätten, wie im Partisanenkampf in der Mandschurei, in dem er eine wichtige Rolle gespielt hatte, zum Ausdruck gekommen sei. Und die Menschen im Land glaubten ihm. Nach den Angriffen, die sie miterlebt und durchlitten hatten, glaubten sie fest, ihr einziger Retter sei Kim Il-sung. Aber sie hatten auch gar keine andere Wahl, als der Version des Regimes zu folgen und sich am Wiederaufbau zu beteiligen.

Als Kim Il-sung vierzig wurde, galt er laut dem Narrativ des Regimes als derjenige, der die japanischen Imperialisten von der koreanischen Halbinsel vertrieben hatte. Er hatte die amerikanischen »Schakale« und die südkoreanischen Marionetten in Seoul geschlagen und umgab sich jetzt mit dem Mythos des Erlösers. Sung-Yoon Lee, Professor an der Fletcher School of Law and Diplomacy der Tufts University, meint, Kim Il-sung habe »die geostrategische Bedeutung der koreanischen Halbinsel verändert, auch wenn er sein eigentliches Ziel – die Befreiung des Südens und die Wiedervereinigung der Halbinsel unter seiner Herrschaft – nicht erreichte. Der kleine, zuvor vergessene Außenposten an der Spitze des asiatischen Festlands war nun ein riesiges Pulverfass auf einem wichtigen strategischen Streifen Land in Nordostasien.«53 Kims kriegerisches Auftreten in den Jahrzehnten seiner Regierung habe seine Schirmherren in Peking und Moskau dazu gebracht, »ihn umso mehr zu umschmeicheln«.

Kim Il-sung gewann im Koreakrieg zweifellos wertvolle Erkenntnisse. Für die USA war die koreanische Halbinsel nun eine Region von nationalem Sicherheitsinteresse. Washington erklärte, man werde Südkorea notfalls mit militärischen Mitteln verteidigen. Klar war auch, dass sich China gegen amerikanische Interventionen wehren würde. Kim erkannte, dass Nordkoreas Position zwischen China, der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten ihm die Chance bot, die mächtigen Player gegeneinander auszuspielen und davon zu profitieren.

Aber wegen der Verheerungen durch den Krieg und der Abhängigkeit seines Landes von China, das in dem Konflikt die Führung übernahm und bis 1958 Truppen in Nordkorea unterhielt, sah sich Kim gezwungen, mehr zu tun, um seine Macht zu festigen. Mitte bis Ende der 1950er-Jahre verstärkte er seine Kampagne, in der er sich als alleinigen Führer Nordkoreas darstellte, Gegner wegen »Abtrünnigkeit« beseitigte und verbot, die Rolle der chinesischen Volksfreiwilligenarmee bei der Verteidigung des Regimes zu erwähnen. Zugleich führte er eine Säuberungsaktion durch, schickte china- und sowjetfreundliche Führungskräfte ins Exil oder ließ sie hinrichten. Die Rückendeckung durch Stalin hatte Kim die Errichtung einer allein auf ihn zugeschnittenen Autokratie erleichtert, doch nun wendete sich das Blatt: Nikita Chruschtschow, der neue sowjetische Führer, prangerte den Personenkult, die Terrorherrschaft und die gescheiterte Politik seines Vorgängers an. Damit waren Probleme für Kim vorprogrammiert. Laut dem russischen Nordkorea-Experten Andrei Lankow kam es 1956 zur einzigen bedrohlichen Situation für Kim Il-sung, als ihn hohe Parteimitglieder im Verein mit der poststalinistischen Sowjetunion und China wegen seiner Machtkonzentration verurteilten und ihm vorwarfen, er entferne sich zugunsten persönlicher Vorteile vom Sozialismus.54 Als Kim seine Säuberungen fortsetzte, intervenierten Moskau und Peking noch stärker und schickten eine Delegation, die Kim drängte, die Säuberungen rückgängig zu machen und die prosowjetischen und prochinesischen Kräfte wieder in seine Regierung aufzunehmen. Doch das gab Kim nur die Gelegenheit, seine Gegner als vom Ausland beeinflusste Opportunisten anzuprangern.

Andererseits machte sich Kim auch keine Illusionen hinsichtlich seiner Abhängigkeit von der Großzügigkeit Moskaus und Pekings. Er befreite sich aus dieser Klemme, indem er beiden um den Bart ging und versprach, ihre Bedenken zu berücksichtigen. Außerdem erkannte Kim, dass ihm gewisse politische Umstände einen Handlungsspielraum verschafften, um seine Autonomie zu garantieren: die Nervosität seiner Schirmherren hinsichtlich der Stabilität in Nordkorea, Pjöngjangs Position als Bastion des Kommunismus in Ostasien und das ideologisch bedingte chinesisch-sowjetische Zerwürfnis im Jahre 1956 sowie die divergierenden geopolitischen Interessen der beiden Mächte. Selbstgefälligkeit, Nationalismus, Paranoia und Korruptheit bewogen ihn dazu, seinen eigenen ideologischen Kurs einzuschlagen, den James Person, Professor für koreanische Studien, als »regionale Version des Marxismus-Leninismus« bezeichnete.55

DER AUFBAU DES PERSONENKULTS

1955 stellte Kim in einer Rede sein Konzept eines koreanischen Sozialismus vor.56 Ein zentraler Aspekt darin war juche, was ungefähr so viel bedeutet wie Eigenständigkeit, die allerdings dazu diente, seine Herrschaft zu festigen. Zum einen betonte er damit sein »Koreanischsein« und die Verdorbenheit der Opposition, der er die Unterwerfung unter ausländische Mächte vorwarf, sowie seine selbsterklärte Stellung als suryong, der einzige Führer Nordkoreas. Zum anderen rechtfertigte juche Härten im Leben der Menschen und motivierte sie, das Land nach dem Krieg mit größerem Eifer wiederaufzubauen. Gleichzeitig nutzte Kim den nordkoreanischen Nationalismus und die Fremdenfeindlichkeit, um die Verehrung seiner Person als Verteidiger der nordkoreanischen Lebensweise zu fördern. Außenpolitisch erlaubte ihm die Betonung der Autonomie des Landes, ohne Bruch mit dem sozialistischen Lager Moskau und Peking gegeneinander auszuspielen, bei Bedarf seinen mächtigeren Nachbarn zu schmeicheln und sich ihnen zu fügen, wenn es darum ging, ihnen mehr Hilfe abzuringen.

Juche und suryong sind wohl letztlich nichts anderes als ein Gemisch aus traditionellen Weltanschauungen: dem Christentum (Kim entstammte einer christlichen Familie, die durch Missionare bekehrt worden war), dem Konfuzianismus (mit seiner Forderung nach Respekt gegenüber den Eltern und der Unterordnung in einer hierarchischen Gesellschaft sowie der Betonung der familiären Bindungen) und dem Kommunismus (insbesondere dem Stalinismus mit seinem Personenkult). Andererseits wird in der Juche-Ideologie großes Gewicht auf den Nationalismus gelegt und somit der kommunistische Internationalismus abgelehnt. Kims Vergötterung des suryong hatte auch einiges mit dem Kaiserkult nach der Meiji-Restauration (Erneuerung der Macht des Tenno) in Japan gemeinsam, die noch das nationalistische Ethos des Landes in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs prägte. Zudem spiegelten diese Ideen Kims Wunsch wider, durch ideologische und institutionelle Abschottung eine Einmischung durch das Ausland zu verhindern und seine alleinige Führung aufrechtzuerhalten.

Vielleicht war Kim Il-sungs Sicht der Welt als feindlicher Ort eine zwangsläufige Folge des Milieus, in dem er aufgewachsen war. In der Zeit imperialistischer Übergriffe geboren, hatte er weder ein souveränes, unabhängiges Korea erlebt noch ein stabiles Familienleben, da seine Eltern früh starben. Er kannte nur Entbehrung und Verlust, Angst und Unsicherheit. Im Kampf um das eigene Überleben und das der Nation – beides stand oft im Widerspruch zueinander – war nur schwer herauszufinden, wem man vertrauen konnte. Um bekanntere und besser gebildete koreanische Nationalisten auszuschalten, musste Kim auf dem politischen und militärischen Schlachtfeld Menschen erpressen, umschmeicheln, bestehlen und töten. Er sammelte einen kleinen Zirkel von mandschurischen Partisanen um sich, stattete sie mit Befugnissen und Privilegien aus und knüpfte Netze politischer und militärischer Loyalität, um seine Vorrangstellung für die absehbare Zukunft zu sichern. Sobald er die Macht übernommen hatte, strukturierte er die Gesellschaft und ihre familiären wie auch institutionellen Beziehungen in allen Aspekten um, um die Bindung seines Volkes an ihren Führer zu festigen.

Angetrieben von einer geradezu obsessiven Angst vor Macht- und Loyalitätsverlust, ordnete das Kim-Regime seit Beginn der 1950er-Jahre alle Bürger nach ihrem songbun, ihrer sozialen Klasse, in drei größere Gruppen ein: loyal, schwankend und feindlich gesinnt, je nachdem ob sie treue Revolutionäre, Landbesitzer oder Kapitalisten waren oder ob sie mit den japanischen Imperialisten kollaboriert hatten. Um dies zu bewerkstelligen, waren vielfältige Untersuchungen seitens der Regierung notwendig.57 Die jeweils festgestellte Klassenzugehörigkeit war erblich und bestimmte die Privilegien, die gewährt oder vorenthalten wurden. Die »Kaste« entschied darüber, in welche Schule man gehen, wen man heiraten und wo man arbeiten würde. So war es beispielsweise unklug, eine Person aus einer unteren Kategorie zu ehelichen, weil das die eigene Familie befleckte und sich negativ auf die Zukunftschancen der Nachkommen auswirkte. Somit lag es im Interesse jedes Einzelnen, persönliche Wünsche zurückzustellen und Loyalität gegenüber Kim zu bekunden, um zu überleben und im Leben vorwärtszukommen.

Doch neben dem rigiden Klassifizierungssystem, das Kim seinen Bürgern auferlegte, hielt er auch Bildung für ein wichtiges Instrument zur Errichtung eines stabilen Staates, dessen Bürger ihm ergeben waren. Von Anfang an nutzte er das Bildungssystem, um Narrative zu konstruieren, die seinen Status und den seiner Mitkämpfer im Partisanenkrieg erhöhten, sowie den Massen die richtige sozialistische Ideologie zu vermitteln. Im Lauf der Zeit vollzog sich in der Bildung ein Wandel weg vom Kommunismus und hin zu einer Vergöttlichung Kim Il-sungs, seiner Familie und der Partisanen, die an seiner Seite gekämpft hatten. Dieser Wandel wurde besonders deutlich, nachdem Kim Jong-il die politische Bühne betreten hatte, der den Hunger seines Vaters nach Anerkennung stillte und die Rolle der Familie Kim im Regime enorm ausweitete.

Dass der Staatsgründer den Fokus auf die Schulbildung legte, entspricht den Bemühungen des Regimes, gute, loyale Nordkoreaner heranzuziehen. Die CIA-Analystin Helen-Louise Hunter verwies auf Kim Il-sungs Aussage, dass das nordkoreanische Bildungssystem »dem bestehenden Sozialsystem dienen« sollte.58 Kang Chol-hwan, der bekannte Überläufer und Autor des Buches The Aquariums of Pyongyang: Ten Years in the North Korean Gulag, meint, seine Kindheit in den 1970er-Jahren sei durchaus glücklich gewesen. Kim Il-sung sei »eine Art Weihnachtsmann« gewesen, der Kuchen und Bonbons schickte, und alle drei Jahre habe man eine neue Schuluniform, eine Mütze und ein Paar Schuhe bekommen. Der Lehrplan enthielt die üblichen Fächer Mathematik, Musik und Kunst, doch vor allem wurden alle Kinder angehalten, Kim Il-sung zu verehren:

Wir lernten Antworten auf Fragen auswendig, beispielsweise: An welchem Tag und um wie viel Uhr wurde Kim Il-sung geboren? Welche Heldentaten vollbrachte er im Kampf gegen die Japaner? Welche Rede hielt er bei der und der Versammlung an dem und dem Tag? Wie meine Mitschüler glaubte auch ich, es sei absolut normal, mich mit solch wichtigen Tatsachen vollzustopfen, und es machte mir großen Spaß. Eine solche Erziehung schuf eine Quelle der Bewunderung und Dankbarkeit für unsere politischen Führer und die Bereitschaft, alles für sie und das Vaterland zu opfern.59

Bei Kims unermüdlichen Reisen innerhalb des Landes, um so viele Menschen wie möglich kennenzulernen – er fuhr mit Bus und U-Bahn und besuchte Kollektivfarmen, Fabriken und Schulen –, zeigte sich laut Hunter »sein besonderes Talent, ein gutes Verhältnis zu seinem Volk herzustellen« und die Bürger mit seiner überlebensgroßen Persönlichkeit zu umwerben.60 Ein CIA-Bericht von Januar 1983 verglich Kims Kampagne zur Gewinnung der Herzen und Köpfe mit der eines amerikanischen Politikers. »Bedenkt man, dass Nordkorea etwa die Größe Pennsylvanias hat, kann man sich leicht vorstellen, welche Beziehung ein charismatischer Präsident eines solchen Staates in einem Zeitraum von vierzig Jahren zu seinem Volk entwickeln kann, wenn er jährlich 150 bis 200 Tage unterwegs ist.«61 Solche Unternehmungen nährten den Personenkult und die anhaltende Verehrung für den Staatsgründer, die selbst nordkoreanische Überläufer noch empfinden.62

In Kim Il-sungs Nordkorea war es aber auch von großer Bedeutung, dass die Kinder auf den Kampf gegen äußere Feinde vorbereitet waren. Wie alle seine Klassenkameraden trat auch Kang in das Korps der jungen Pioniere ein. Die Kinder wurden in militärische Ränge aufgeteilt und marschierten mit fingierten Maschinengewehren. »Wir fühlten uns augenblicklich als Kim Il-sungs kleine Soldaten«, schrieb Kang. Schüler der höheren Klassen durchliefen ein echtes Training, »machten ernsthaftere Übungen und prägten sich Anweisungen für Luftangriffe ein, lernten, sich vor feindlichen Flugzeugen zu schützen und die Bevölkerung im Ernstfall zu den nächstgelegenen Bunkern zu führen«63. Laut Victor Cha, ehemals Asienberater der Regierung von George W. Bush, lernen die nordkoreanischen Kinder die Konjugation, indem sie Sätze aufsagen wie »Wir haben Amerikaner getötet«, »Wir töten Amerikaner« und »Wir werden Amerikaner töten«, und Mathematik, indem sie mit den Zahlen getöteter Amerikaner addieren oder subtrahieren.64

Diese Art von Bildung zieht sich durch sämtliche Generationen. Die Überläuferin Yeonmi Park, die 1993, ein Jahr vor Kim Il-sungs Tod, geboren wurde, erzählt, sie und ihre Klassenkameradinnen hätten sich in den Pausen in Reihen aufgestellt, »um abwechselnd auf Puppen in amerikanischer Soldatenuniform einzuschlagen oder einzustechen«. Die Entmenschlichung und Dämonisierung der Amerikaner prägte auch die Sprache. »Wir konnten nicht einfach ›Amerikaner‹ sagen – das wäre zu respektvoll gewesen. Es musste ›amerikanischer Bastard‹, ›Yankee-Teufel‹ oder ›großnasiger Yankee‹ heißen. Wer diese Ausdrücke nicht verwendete, wurde als zu weich gegenüber unseren Feinden kritisiert.«65