Kinder der Eifel - aus anderer Zeit III - Gregor Brand - E-Book

Kinder der Eifel - aus anderer Zeit III E-Book

Gregor Brand

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Beschreibung

Im vorliegenden dritten Band seiner Porträts historisch bedeutsamer Persönlichkeiten präsentiert der Schriftsteller und Eifelexperte Gregor Brand weitere hundert Biografien von Frauen und Männern mit Eifler Wurzeln. Ob als Wissenschaftler, Gelehrte, Politiker, Mediziner, Unternehmer, Künstler, Musiker oder in anderen Bereichen, ob berühmt oder nur Spezialisten bekannt: Ihre denkwürdigen Lebensleistungen sollten nicht in Vergessenheit geraten. Zusammen mit den 360 Kurzbiografien aus den vorangegangenen beiden Bänden liegt nun eine einzigartige kulturelle Bilanz der lange unterschätzten Eifelregion vor. Gregor Brand hat damit den Blick auf die Geschichte der Eifel positiv verändert und nachhaltig erweitert, wie der Herausgeber Prof. Dr. Hermann Simon in seinem Vorwort betont.

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Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers

Hermann-Josef Abs: Bankier aus Euskirchener Familie

Franz Peter Adams: Anwalt und Abgeordneter aus Springiersbach

Carl-Erich Alken: Urologe aus Hönningen

Heinrich Andres: Lehrer und Botaniker aus Bengel

Karl Wilhelm Arnoldi: Arzt und Naturforscher aus Winningen

Joseph Braun: Theologe, Historiker und Politiker aus Hürtgenwald

Walter Büngeler: Pathologe aus Niedermendig

Salentin Ernst Eugen Cohausen: Kurfürstlicher Leibarzt aus Jünkerath

Wirich Philipp Lorenz Graf von Daun: Österreichischer Feldmarschall und Statthalter aus Eifler Adel

Eduard David: Politiker aus Ediger

Ludwig von Deudesfeld: Ritter und Gründer des Klosters St. Thomas an der Kyll

Philipp Karl von Eltz-Kempenich: Kurfürst von Mainz und Reichserzkanzler

Edith Ennen: Historikerin und Archivarin Tochter eines Arztes aus St. Vith

Max Ernst: Maler, Bildhauer und Graphiker aus Brühl

Michael Esch SJ: Astronom aus Eupen

Karl Eschweiler: Theologe aus Euskirchen

Raymond Etteldorf: Amerikanischer Erzbischof und Nuntius Enkel eines Auswanderers aus Schwarzenborn

Michael Evenari: Israelischer Botaniker und Ökologe Sohn eines Kaufmanns aus Obergartzem

Franz-Josef Faas: Lehrer und Heimathistoriker aus Waxweiler

Ewald Fettweis: Ethnomathematiker und Mathematikpädagoge aus Eupen

Hermann O. L. Fischer: Biochemiker Sohn des Euskirchener Nobelpreisträgers Emil Fischer

Dietrich Flade: Trierer Jurist und Opfer der Hexenverfolgung aus St. Vither Familie

Silvio Gesell: Wirtschaftstheoretiker und Sozialutopist aus St. Vith

Hans Geyr von Schweppenburg: Forstwissenschaftler und Vogelkundler aus Müddersheim

Helmut Gipper: Sprachwissenschaftler aus Düren

Joseph Görres: Publizist und Gelehrter aus Müdener Familie

Gregor von Pfalzel: Germanenmissionar aus frühkarolingischer Zeit

Karl Otto Theodat Freiherr von und zu Gymnich: Kurkölnischer Staatsminister aus Eifler Adel

Friedrich Hasenöhrl: Österreichischer Physiker Nachfahre der Quinter Familie von Pidoll

Franz Anton und Johann Jakob Haubs: Theologen-Brüder aus Lieser

Reinhold Heinen: Verleger und Politiker aus Heimbach

Christoph Friedrich Heinle: Dichter aus Mayen

Eberhard Hennes: Holzbildhauer aus Neuerburg

Felix Alvin Hoesch: Tierzüchter, Gutsbesitzer und Politiker aus Düren

Karl Otto Hondrich: Soziologe aus Andernach

Egon Ihne: Pflanzenphänologe aus Rheinbach

Richard A. Isay: Amerikanischer Psychoanalytiker und Psychiater Enkel eines Auswanderers aus Schweich

Rudolf Isay: Jurist aus Schweicher Familie

Adolf von Jordans: Ornithologe und Museumsdirektor aus Lüftelberg

Reiner Keller: Hydrologe aus Jünkerath

Adolf Kolping: Fundamentaltheologe aus Andernach

Julius Kahn: Erfinder, Ingenieur und Unternehmer aus Münstereifel

Ferdinand und Victor Kinon: Glasfabrikanten aus Stolberg

Johannes Klais: Orgelbauer aus Lüftelberg

Emmy Kreiten: Mezzosopranistin aus Mayen

Karl Krekeler: Maschinenbauer aus Prüm

Georg Wilhelm Kreutzberg: Neurowissenschaftler aus Ahrweiler

Werner Kroeber-Riel: Marketingpionier und Konsumforscher aus Winningen

Marie-Anne Libert: Botanikerin und Mykologin aus Malmedy

Ruth Liepman: Literaturagentin und Juristin aus Polch

Johann Peter Limbourg: Gutsbesitzer und Politiker aus Helenenberg

Arthur L. Loeb: Physiker und Designpionier Enkel eines Kaufmanns aus Münstereifel

Lutz Löb: Ingenieur und Lehrer aus Euskirchen Vater von sechs Holocaustopfern

Christoph März: Priester, Maler und Musiker aus Schweich

Ulrich von Manderscheid: Kämpfer um die Herrschaft im Erzbistum Trier

Jakob Mangers: Norwegischer Bischof aus Stolzemburg

Wilhelm Matthießen: Schriftsteller aus Gemünd

Rudolf Meimberg: Wirtschaftswissenschaftler aus Prüm

Felix de Merode: Belgischer Staatsmann aus Eifler Adel

Traugott Müller: Bühnenbildner aus Düren

Ernest J. Nesius: US-Agrarwissenschaftler Enkel Eifler Auswanderer aus Sehlem und Quiddelbach

Neuerburg: Tabakdynastie aus Wittlich

Carl de Nys: Musikologe aus Eupen

Walter Ophey: Maler und Grafiker aus Eupen

Franz Pauly: Maler und Weinhändler aus Sankt Aldegund

Peter Pitzen: Orthopäde aus Jünkerath

Peter Plein: Richter und Kriegsblinder aus Mürlenbach

Plektrud: Fränkische Große aus Eifler Adel

Jean-Nicolas Ponsart: Zeichner und Lithograph aus Malmedy

Henri Pousseur: Komponist und Musiktheoretiker aus Malmedy

Eduard Profittlich: Erzbischof und Märtyrer aus Birresdorf

Pierre Prüm: Luxemburgischer Politiker aus Ulflingen

Eduard Pütz: Komponist und Lehrer aus Illerich

Peter L. Reichertz: Gründervater der Medizininformatik aus Speicher

Hans Richarts: Diplomlandwirt und Politiker aus Schwarzenborn

Jean Ignace Roderique: Publizist und Historiker aus Malmedy

Joseph Roggendorf: Literaturwissenschaftler und Japanexperte aus Mechernich

Peter Roth-Ehrang: Opernsänger aus Trier-Ehrang

Patrick Schlösser: Theaterregisseur aus Bitburg

Leonhard Schmitz: Lehrer, Übersetzer und Gelehrter aus Eupen

Kajo Schommer: Politiker und Kulturförderer aus Kall

Hans Wilhelm Schreiber: Chirurg aus Schönecken

Hermann Schwarz: Philosoph aus Düren

Rudolf J. Schweyen: Genetiker aus Binscheid

Otto Semmelroth: Jesuit und Theologe aus Bitburg

Elias von Siebold – Gynäkologe und Geburtshelfer: Sohn eines Mediziners aus Nideggen

Ludwig Bertrand Simon und seine Nachkommen: Brauerei-Dynastie in Bitburg

Franz Steffens: Theologe und Paläograph aus Ürzig

Louise von Sturmfeder: Prinzenerzieherin und Nachfahrin der Wittlicher Familie Auwach

Ernest Thiel: Schwedischer Bankier und Kunstsammler Sohn eines Auswanderers aus Eupen

Johannes Thiel: Maler, Illustrator, Graphiker und Dichter aus Speicher

Alois Thomas: Bistumsarchivar und Kirchenhistoriker aus Klotten

Oswald Mathias Ungers: Architekt aus Kaisersesch

Graf Heinrich II von Virneburg: Kölner Kurfürst und Erzbischof aus Eifler Adelsfamilie

August Weckbecker: Bildhauer, Altarbauer und Maler aus Münstermaifeld

Johann Peter Weidmann: Arzt und Geburtshelfer aus Zülpich

Philipp I. Freiherr von Winneburg-Beilstein: Jurist und Diplomat aus Eifler Adel

Friedrich Wippermann: Meteorologe aus Stotzheim

Erwin Wolff: Anglist aus Gemünd

Ferdinand Wurzer: Mediziner, Chemiker und Pharmakologe aus Brühl

Friedrich Anton Wyttenbach: Maler aus Trier Sohn eines Bausendorfers

Kinder der Eifel – aus anderer Zeit: Gesamtinhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers

Elf Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Porträts aus der Reihe „Kinder der Eifel – aus anderer Zeit“ in der „Eifelzeitung“ (Daun) legt der Schriftsteller, Jurist und Genealoge Gregor Brand den dritten Band seiner historischen Kurzbiografien vor. Ich hatte damals die Idee zu dieser Reihe entwickelt, um den Menschen in der Eifel und darüber hinaus bewusst zu machen, dass nicht nur heutzutage viele Eifler mit besonderen Lebensleistungen aufwarten können, sondern dass dies auch für die Vergangenheit gilt. Mit den vorliegenden Lebensbeschreibungen historischer (verstorbener) „Eifelkinder“ ist jetzt eindrucksvoll dokumentiert, dass seit jeher aus der dünn besiedelten Eifel denkwürdige Persönlichkeiten hervorgingen, die sich in unterschiedlichen Lebensbereichen einen Namen machten. Wie in der Wirtschaft bei den „Hidden Champions“, so sind dabei allerdings auch in der Geschichte außergewöhnliche Leistungen keineswegs immer mit großer Bekanntheit verbunden. Gregor Brand hat bei seinen tiefgreifenden und vielfach verblüffenden Recherchen viele Frauen und Männer aufgespürt, deren bedeutsames Lebenswerk heute nahezu unbekannt ist und die bisher überhaupt noch nicht biografisch gewürdigt wurden. Diese beeindruckende Fülle an markanten historischen Personen hatte sich beim Start der Reihe wohl kaum jemand vorstellen können. Brand hat damit den Blick auf die Geschichte der Eifel positiv verändert und nachhaltig erweitert.

Ein derartiges Projekt wie die „Kinder der Eifel – aus anderer Zeit“ mit seiner Verbindung von essayistischer Darstellung und intensiver Informationsfülle gab es für die Eifel bisher noch nicht – es ist einzigartig. Neben den 460 Porträtierten werden in den Beiträgen, die immer auch das jeweilige geschichtliche Umfeld sachkundig beleuchten, insgesamt über 5000 weitere Personen erwähnt. Auf diese Weise ergibt sich ein faszinierendes Netzwerk zur Kulturgeschichte der Eifel, das sich für weitere Forschungen nutzbar machen lässt.

In der klassischen und dauerhaften Form eines Buches stehen jetzt mit Abschluss des dritten Bandes alle diese Lebensdarstellungen im Gesamtzusammenhang zur Verfügung. Gregor Brand hat sie mit großer sprachlicher Gewandtheit im Geist wohltuender Sachlichkeit verfasst: „sine ira et studio“ („ohne Zorn und Eifer“), entsprechend dem Motto des römischen Geschichtsschreibers Tacitus. Das verschafft den interessierten Leserinnen und Lesern ein ebenso angenehmes wie bildendes Lektüreerlebnis.

Neben Herrn Brand möchte ich auch Herrn Peter Doeppes, den Herausgeber der „Eifelzeitung“, besonders hervorheben. Er hat durch die in seiner Zeitung erfolgten Erstveröffentlichungen der Artikel maßgeblich dazu beigetragen, dass der Ausdruck „Kinder der Eifel“ zu einer Art stolzen Markenzeichens wurde. Auch ihm bin ich dankbar, dass ich als langjähriger verantwortlicher Herausgeber und Titelgeber der Serie „Kinder der Eifel – aus anderer Zeit“ meine ursprüngliche Idee umsetzen konnte.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Simon

Hasborn und Bonn, Frühjahr 2021

Hermann-Josef Abs Bankier aus Euskirchener Familie

Der 1901 in Bonn als jüngster von fünf Söhnen der Eheleute Dr. jur. Josef Abs (1862-1943) und Katharina Lückerath geborene Bankier Hermann Josef Abs gehörte zu den einflussreichsten Akteuren im Wirtschaftsleben der Bundesrepublik. Sein Großvater väterlicherseits war Schreiner in Euskirchen, sein dort geborener Vater wurde Rechtanwalt und war in den Vorständen und Aufsichtsräten etlicher rheinischer Unternehmen, vor allem im Bergbaubereich, tätig. Seine Mutter stammte aus einer Tuchfabrikantenfamilie, die seit dem 17. Jahrhundert in Euskirchen nachweisbar ist.

Hermann Josef absolvierte nach dem Abitur eine Lehre zum Bankkaufmann beim jüdischen Privatbankhaus Louis David in Bonn, daneben schrieb er sich an der Universität Bonn für Jurisprudenz und Staatswissenschaften ein. Aus finanziellen Gründen konzentrierte er sich bald ausschließlich auf seine Bankkarriere. Von 1921 bis 1923 arbeitete der junge Abs im Kölner Bankhaus Delbrück von der Heydt & Co. Als er diese Bank durch klugen Rat vor einem enormen Verlust bewahrte, durfte er bei voller Bezahlung und zusätzlicher Finanzierung einen mehrjährigen Auslandsaufenthalt antreten. Abs sammelte nun bei Bankhäusern in Amsterdam, Großbritannien, den USA und Lateinamerika internationale Erfahrung und lernte fließend Englisch, Französisch, Spanisch und Niederländisch. Diese internationalen Wanderjahre endeten 1929, als er Prokurist bei Delbrück Schickler & Co wurde, einem Privatbankhaus, dass 1910 durch die Fusion der Bankhäuser Delbrück Leo & Co. und Gebrüder Schickler entstanden war. Abs zog mit seiner Frau Inez Schnitzler nach Berlin um; dort wurden dem Paar die Kinder Thomas Vincent und Marion Claude geboren. Am 1. Januar 1932 erhielt Abs Einzelprokura bei Delbrück Schickler, drei Jahre später wurde er sogar Teilhaber des bedeutenden Bankhauses. Bei den von ihm zu verantwortenden Geschäften war Abs erfolgreich, sein Renommee innerhalb der Finanzwelt wuchs schnell. Bereits Ende 1936 war der Mittdreißiger Abs nach Angaben seines Biographen Lothar Gall in 14 Aufsichtsräten vertreten, weitere kamen bald hinzu, zudem hatte er Vorstandsposten wie den bei der Berliner Wertpapierbörse inne. Sein Jahreseinkommen überstieg 700 000 Reichsmark, was weltenweit vom durchschnittlichen Jahreseinkommen etwa eines Facharbeiters entfernt war.

Eine weitere Einflusssteigerung trat ab 1938 ein, als Abs das Angebot der Deutschen Bank annahm, in deren Vorstand einzutreten und die Verantwortung für das Auslandsgeschäft zu übernehmen. Durch seine Position bei der Deutschen Bank, aber auch durch seine zahlreichen Funktionen in Aufsichtsräten und Vorständen anderer Unternehmen, hatte Hermann J. Abs mit vielen wirtschaftlichen Aktivitäten zu tun, die direkt auf der Politik des nationalsozialistischen Staates beruhten. Mehrfach wurde deswegen von Historikern untersucht, wie sein Verhältnis zum NS-Staat war. Dabei wurde einerseits darauf hingewiesen, dass Abs als überzeugter Katholik der NS-Weltanschauung ablehnend gegenüberstand und trotz Drucks kein Mitglied der NSDAP wurde. Andererseits ist davon auszugehen, dass ihm das NS-Gewaltsystem bis hin zu den Vernichtungslagern bekannt war. Was sein konkretes Handeln angeht, so besteht bis heute in der Forschung keine Einigkeit darüber, ob und inwieweit man Abs persönlich für damaliges Unrecht verantwortlich machen kann.

Nach dem Krieg wurde der Spitzenbankier zunächst inhaftiert, schließlich aber als „politisch unbelastet“ eingestuft. Als Abs 1945 nach Hamburg zog, nutzte die britische Besatzungsmacht sein exquisites Fachwissen und ließ sich von ihm finanzpolitisch beraten. Abs setzte sich nun effektiv für einen ökonomischen und politisch-demokratischen Neustart in Deutschland ein. Er war Mitgründer der eminent wichtigen Kreditanstalt für Wiederaufbau und wurde nicht zuletzt als Vertrauter und Finanzberater Adenauers zu einem Hauptakteur der Wirtschafts- und Finanzpolitik, was auch darin zum Ausdruck kam, dass er an Dutzenden von Kabinettssitzungen teilnahm. Das ohnehin hohe Gewicht seines Worts steigerte sich noch, als es dank seiner Verhandlungsführung gelang, die deutschen Auslandsschulden durch das Londoner Schuldenabkommen von 1953 grundlegend zu vermindern und damit das anlaufende deutsche Wirtschaftswunder abzusichern. Seit den frühen 1950er Jahren arbeitete Abs wieder bei Banken, 1957 wurde er Vorstandssprecher der Deutschen Bank, 1967 deren Aufsichtsratschef. Mitte der 1960er Jahre hatte Abs erneut – wie schon vor 1945 – Dutzende von Aufsichtsratsmandaten inne. Der westdeutschen Öffentlichkeit und Politik wurde der gewaltige Einfluss von Abs, den er selbstbewusst zu zelebrieren wusste, zusehends verdächtig. So kam es 1965 zu einer Regelung im Aktienrecht („Lex Abs“), die die Zahl der Aufsichtsratsmandate auf zehn begrenzte – was an der Dominanz von Abs allerdings kaum etwas änderte.

Die Interessen des eloquenten und als charmant geschilderten Bankiers gingen weit über die Wirtschaftswelt hinaus und umfassten Musik – insbesondere Orgelmusik – und Kunst; Abs wurde als bedeutender Mäzen und Kunstsammler geschätzt. Der mit außerordentlich vielen Ehrungen gewürdigte und auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Gebieten engagierte Hermann Josef Abs starb hochbetagt im Februar 1994 in Bad Soden im Taunus.

Franz Peter Adams Anwalt und Abgeordneter aus Springiersbach

Franz Peter Adams wurde im Februar 1800 in Springiersbach als Sohn des aus der Maifeld-Gemeinde Lonnig stammenden Juristen Johannes Adams (1756-1832) und dessen Ehefrau Bernardina Mittweg geboren. Johannes Adams war gelernter Advokat und hatte bis zum Einmarsch der Franzosen für das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift in Springiersbach als Amtmann und Sekretär gearbeitet. Er arrangierte sich mit den Franzosen und durfte als Friedensrichter in Lutzerath und in napoleonischer Zeit als Notar in Zell und Koblenz in seinem vertrauten Berufsfeld arbeiten.

Sein Sohn Franz Peter verbrachte die Jugendjahre überwiegend in Zell-Merl, wo die Familie Wohnhaus und Weinberge besaß. Als 1818 die Universität Bonn gegründet wurde, gehörte der Jurastudent und engagierte Burschenschaftler Adams zur ersten Studentengeneration. 1821 wechselte er nach Heidelberg, wo er bis 1824 studierte. Nach Vermutung von Dr. Karl Krames (1921-2010) hing sein relativ langes Jura-Studium damit zusammen, dass Adams die neu etablierte Berufsbezeichnung „Advokat-Anwalt“ erlangen wollte, die ihm bessere berufliche Perspektiven bot.

Im Mai 1826 hatte Adams sein Ziel erreicht. Er wurde beim Königlichen Appellations-Gerichtshof in Köln „zur Ausübung der Advokatur als qualifiziert erklärt“; ebenfalls zugelassen war er beim Königlichen Landgericht in seinem Wohnort Koblenz. Damit war der Grundstein gelegt für die über Generationen anhaltende bedeutende Stellung der Koblenzer Anwaltsfamilie Adams. Wie gut Jungadvokat Adams bereits 1826 im gehobenen Bürgertum verankert war, zeigte sich bei seiner Hochzeit im gleichen Jahr: Seine Gemahlin wurde Elisabeth Lenné, eine Schwester von Peter Josef Lenné (1789-1866), dem berühmten General-Gartendirektor der königlich-preußischen Gärten. Spätestens durch diese Ehe kam Adams in engen Kontakt mit einflussreichen Familien im Mittelrheingebiet. Von den Kindern des Paares Adams-Lenné waren besonders die Söhne Franz Adolph (1828-1891) und Clemens (1831-1876) erfolgreich. Der wohlhabende Grundeigentümer Clemens Adams, Vater vieler Kinder, amtierte ab 1863 als Bürgermeister der Stadt Honnef. Dessen älterer Bruder, der Rechtsanwalt und Justizrat Franz Adolph, wandelte auf ähnlichen Wegen wie sein Springiersbacher Vater. Er war lange beigeordneter Bürgermeister in Koblenz und Mitglied des Preußischen Herrenhauses. 1863 wurde Franz Adolph Adams Gründungsvorsitzender des Koblenzer Katholischen Lesevereins. Nachdem er sich lange stark im rheinischen Katholizismus engagiert hatte, führte seine Ablehnung des päpstlichen Unfehlbarkeitsdogmas zu einer äußerlichen Entfremdung von der Kirche.

Zurück zum Vater: In den Jahrzehnten bis zum Revolutionsjahr 1848 erwarb sich der bereits 1834 zum Justizrat ernannte Franz Peter Adams den Ruf eines hoch qualifizierten und sozial aufgeschlossenen Anwalts. 1845 gründete er in Koblenz den Katholischen Männerverein, dessen Ziel die „Bekämpfung der Armut in den unteren Klassen“ war. Im gleichen Jahr gehörte er zu den Mitgründern des Borromäusvereins, dessen Anliegen in der Verbesserung der Bildung der katholischen Bevölkerung bestand.

Die schon lange schwelende Unzufriedenheit weiter Bevölkerungskreise machte sich 1848 auch in Koblenz heftig bemerkbar. In der aufgewühlten politischen Stimmung gab es ab Februar lautstarke antipreußische und antiprotestantische Demonstrationen, bei denen eine Eskalation nicht auszuschließen war. Die Ankündigung des Militärgouverneurs General Karl Moritz von Bardeleben, er werde die Stadt im „Falle von Unruhen zusammenschießen lassen“, stachelte die Wut weiter an. Um auf Gewaltausbrüche vorbereitet zu sein, aber auch als gewisses Gegengewicht gegen die preußische Obrigkeit, gründete sich im März 1848 unter maßgeblicher Initiative von Justizrat Adams eine Koblenzer Bürgerwehr.

Adams selbst wurde Mitglied des in Frankfurt tagenden Vorparlaments (31. März bis 3. April 1848) und wenig später bei den historischen Wahlen zur Frankfurter Nationalversammlung als Vertreter des preußischen Wahlkreises XIII (Koblenz) gewählt. In der Nationalversammlung gehörte er zur „Casino“-Fraktion, „die als größte Fraktion das rechte Zentrum repräsentiert“ (Michael Koelges, 1998). Auch als Mitglied zweier Ausschüsse vertrat Adams eine gemäßigt reformerische Politik. In Koblenz nahm die antipreußische Stimmung unterdessen zu. Die Ende Juni 1848 in der Paulskirche erfolgte Proklamation des österreichischen Erzherzogs Johann zum Reichsverweser wurde von Adams begrüßt und von den Koblenzern stürmisch gefeiert – sehr zum Ärger der preußischen Obrigkeit. Der besonnene Jurist Adams versuchte, die antipreußische Stimmung zu mäßigen, machte sich dadurch aber bei radikalen Demokraten verhasst. Am 19. September 1848 stürmten Radikale sein Haus und zerstörten das Inventar; seine Frau konnte sich nur mit Mühe und Not retten. Angesichts dieser Radikalisierung gab Adams im Oktober 1848 sein Abgeordnetenmandat auf; Nachfolger wurde der Kaufmann Philipp Jakob Caspers (1812-1883). Tief enttäuscht war Adams vom Verhalten der Bürgerwehr, die nichts zum Schutz seines Eigentums unternommen hatte. Nach 1848 war Adams noch bis 1853 Mitglied des Koblenzer Stadtrats und ab 1855 Vorstandsmitglied des Katholischen Preßvereins in Köln. Er starb am 21. August 1868 in Koblenz.

Carl-Erich Alken Urologe aus Hönningen

Der 1909 im Ahrtaldorf Hönningen geborene Carl-Erich Alken zählt zu den prägendsten Persönlichkeiten der deutschen Urologie nach 1945. Er galt in seiner letzten Lebensphase als „Mentor und Altmeister der Urologie“ (F. Moll/T. Halling, 2015) und wurde als „Monument seines Faches“ (Prof. Ferdinand Eisenberger) gewürdigt.

Carl Erich Alken war ein Sohn des in Trier geborenen Lehrers Hans Felix Alken (1884-1943) und dessen Ehefrau Antonia Della Vedowa (1880-1962). Wer beim Namen Alken an den Bildhauer und Maler Heinrich Alken (1753-1857) denkt (porträtiert in „Kinder Eifel – aus anderer Zeit II“), ist genealogisch auf der richtigen Spur: Dieser Mayener Künstler war der Urururgroßvater des Mediziners Alken. Carl-Erich besuchte das Gymnasium in Trier und studierte Medizin in Greifswald, Graz, Düsseldorf und Köln. Als Student war Alken in ein Handgemenge im Trierer Hotel „Kaiserhof“ verwickelt, bei dem am 28. 12. 1933 der 33-jährige NS-Oberbürgermeister Ludwig Christ und der NSDAP-Kreisleiter verletzt wurden. Nennenswerte rechtliche Folgen hatte dies für Alken jedoch nicht; so konnte er 1934 an der Universität Köln zum Dr. med. promovieren. Am 10.12.1935 erhielt Alken nach internistischer Tätigkeit bei Gerhard Wüllenweber, dem Leiter der Medizinischen Universitätspoliklinik Köln, die Approbation. Anschließend arbeitete er ab Ende 1935 bis Anfang 1938 als Volontärassistent im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin. Alkens urologische Spezialisierung wurde gefördert durch den dort tätigen jüdischen Urologie-Pionier Alexander von Lichtenberg (1880-1949). Dass der weltberühmte Urologe Lichtenberg 1936 aus NS-Deutschland emigrierte, konnte von Alken nur als großer Verlust gesehen werden; insgesamt musste fast ein Drittel der deutschen Urologen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft das Land verlassen. Über diesen Verlust konnte auch ein Erfolg für die Anerkennung der Urologie als akademisches Fach nicht hinwegtrösten: Im Dezember 1937 wurde an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität der erste deutsche universitäre Lehrstuhl für Urologie (Prof. Dr. Otto Ringleb, 1875-1946) eingerichtet. Nicht lange danach wurden Dr. Alkens eigene Berufspläne durch den Weltkrieg unterbrochen, in dem er als Sanitätsoffizier eingesetzt war.

Nach Kriegsende machte Alken das damals französisch beherrschte Saarland zu seinem Lebenszentrum. 1946 eröffnete er im Landeskrankenhaus Homburg eine urologische Abteilung. Ein Jahr später erwarb er die Lehrbefugnis für Chirurgie an der Pariser Universität Sorbonne. Nach der Gründung der Universität des Saarlandes im November 1948 erhielt Alken in Saarbrücken die Ernennung zum außerordentlichen Professor für Urologie; seine Homburger Abteilung wurde urologische Klinik der Universität. Dies war der Beginn des exzellenten Rufs, den sich die Urologie in Homburg erwarb. Alken selbst bewertete rund 30 Jahre später die Homburger Klinik als „die größte und modernste Klinik in Deutschland und vielleicht sogar in Europa“.

Vom Spätherbst 1952 bis zum Juni 1958 war Alken Chefarzt der Urologischen Klinik in Homburg, ab Juli 1958 Ordentlicher Professor an der Universität des Saarlandes. Während seiner Amtszeit als Dekan wurde eine kombinierte Klinik für Urologie und Hals-Nasen-Ohrenheilkunde errichtet, deren Aufbau Vorbildcharakter hatte. Schon vor seiner Professorentätigkeit in Saarbrücken, aber erst recht danach, festigte Alken seinen Ruf als maßgeblicher deutscher Urologe mit einer Fülle von Fachpublikationen, darunter sehr erfolgreiche Lehrbücher. 1962 gründete Alken die wichtige Fachzeitschrift „Der Urologe“, in deren Mittelpunkt urologische Probleme aus Klinik und Praxis standen. In den 1960er Jahren gelang es Alken, die Urologie auch gesundheitspolitisch in den Blickpunkt zu rücken. Auf seine Initiative hin wurde 1961 die rektale Prostatauntersuchung bei Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen als Früherkennungsuntersuchung durchgesetzt. Von den vielen auf Alken zurückgehenden diagnostisch-therapeutischen Verbesserungen sei hier nur auf die Entwicklung eines Gleitmittels hingewiesen, das die Katheterisierung der Harnröhre grundlegend erleichterte. Zur Vermarktung und Verbreitung dieses Gleitgels gründete der Medizinprofessor 1964 in Gießen die Farco-Pharma GmbH; das Unternehmen vertreibt weltweit zahlreiche urologische Produkte. Auch wenn Alken unumstrittene Kapazität für urologische Probleme des Mannes war, so vernachlässigte er keineswegs die Urologie der Frau und des Kindes. Alken entfaltete eine dynamische und führende Wirksamkeit in ärztlichen Gremien, zudem war er „Lehrer vieler angesehener Klinikdirektoren und Chefärzte im In- und Ausland, nicht zuletzt in seinem geliebten Japan“ (R. Gross).

Kurz vor Weihnachten 1986 erlag der Geheime Sanitätsrat Professor Dr. med. Dr. h. c. mult. Carl-Erich Alken in Homburg einem Schlaganfall mit sofortiger Bewusstlosigkeit. Seit 1975 widmet sich die Carl-Erich-Alken Stiftung seinen Anliegen. Sie hat die Forschungsförderung zum Ziel und vergibt den Carl-Erich-Alken-Preis für herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der Urologie. Alken selbst erhielt eine Vielzahl sehr hoher medizinischer Auszeichnungen, die seinen Namen mit dem anderer großer Mediziner wie Theodor Brugsch, Gustav Simon oder Ernst von Bergmann würdig verbinden.

Heinrich Andres Lehrer und Botaniker aus Bengel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es einem jungen Südeifler Volksschullehrer, die Fachwelt mit seinen botanischen Forschungen auf sich aufmerksam zu machen. Der am 5. Mai 1883 in Bengel geborene Heinrich Andres besuchte weder Gymnasium noch Universität, sondern entwickelte sich auf autodidaktischem Weg zu einem anerkannten Spezialisten für mehrere Bereiche des weiten Feldes der Pflanzenwissenschaft.

Andres hatte nach der Volksschule von 1900 bis 1903 das Lehrerseminar in Wittlich besucht und war dann 1904 Volksschullehrer im nahe gelegenen Hetzhof geworden. Bereits als Jugendlicher begann er mit dem Erforschen heimischer Pflanzen und erwarb sich durch Lektüre und Naturbeobachtung ein staunenswertes Wissen. So war es fast schon Untertreibung, was der der 29-jährige Dorfschulmeister 1909 in einem Vortrag über „Seltene Pflanzen der Eifel“ schrieb: „Seit mehreren Jahren beschäftige ich mich mit der Flora der Vor- und vulkanischen Eifel“. Die Intensität seiner Privatstudien lässt sich bereits in diesem Vortrag erkennen. Andres zählt mit präziser Fachterminologie und detaillierter Standortangabe (z. B. „An der ‚dicken Eiche‘ im Forste Springirsbach“) seltene Pflanzen auf, die er auf seinen Streifzügen entdeckte. Nicht allen war sein botanischer Eifer geheuer, zumal er deswegen sogar den Besuch der Sonntagsmesse vernachlässigte. Für Andres war die Pflanzenwelt „die beste, herrlichste Gabe des Schöpfers“. Passend dazu richtete er in seinem im Wittlicher Verlag von Georg Fischer erschienenen vielbeachteten Werk: „Flora von Eifel und Hunsrück mit Einschluss des Venn, der eingeschlossenen und angrenzenden Flusstäler“ (1911) im Vorwort „an alle Naturfreunde und Bewohner der Heimat“ die Bitte: „Schonet die Natur! Sorget dafür, daß in eurer Gegend ein Sumpf, eine Heide, ein Berg, eine Wiese, ein Maar in seiner alten, ursprünglichen Gestalt bestehen bleibt.“ An gleicher Stelle formuliert er einen ihm wichtigen Grundsatz: „Man mache sich zur Regel, von gewöhnlichen Pflanzen nur wenige, von seltenen nur eine, höchstens zwei, von sehr seltenen keine mit Wurzeln zu nehmen. Wenn es darauf ankommt, begnüge man sich mit Blüten und Blättern; niemals ‚raube‘ man eine seltene Pflanze, weil dadurch der Pflanzenwelt ein unwiederbringlicher Verlust erwächst.“ Das hohe ökologische Bewusstsein, das ihn auszeichnete, war für seine Zeit alles andere als selbstverständlich.

Um 1910 wurde Andres Lehrer in Bonn. Hauptmotiv für den Wechsel war wohl die Aussicht auf bessere Forschungsmöglichkeiten und Forscherkontakte. In den 1920er Jahren wohnte er unweit der heutigen Beethovenhalle, ehe er in die Argelanderstraße umzog. Seine neue Wohnung lag in der Nähe der Botanischen Gärten der Universität Bonn – ein Faktor, der für den Pflanzenfreund relevant war. Trotz seiner introvertierten Art legte Andres Wert auf Kontakt und Austausch mit Fachbotanikern und Amateurforschern. Sein Netzwerk schloss erstaunlich früh Koryphäen der mitteleuropäischen Pflanzenforschung ein. Dazu zählte der in Bonn lehrende berühmte Botaniker Eduard Strasburger (1844-1912). Strasburger riet ihm, sich vom Schuldienst vorübergehend beurlauben zu lassen und sich an der Universität Wien bei Richard Wettstein (1863-1931) fortzubilden. Im Sommer 1913 konnte Andres diesen Rat dank einer Empfehlung des befreundeten Bonner Landbaubotanikers Max Körnicke (1874-1955) umsetzen. Noch im gleichen Jahr hielt Andres bei der Kaiserlich-Königlichen-Zoologisch-Botanischen Gesellschaft in Wien einen Vortrag zur Systematik der Pyrolaceen (Wintergrüngewächse). Professor Wettstein, führender Botaniker Osterreichs, staunte über das enorme Fachwissen des preußischen Volksschullehrers. Eine größere Bedeutung als diese drei genannten Wissenschaftler hatte für Andres der Koblenzer Botaniker Ferdinand Wirtgen (1848-1924), der zu seinem Freund und Vorbild wurde. Andres, für seine stete Hilfsbereitschaft geschätzt, war aber nicht nur Lernender, sondern wurde – ganz abgesehen von seinen Schülern im eigentlichen Lehrerberuf – auch zum Lehrmeister jüngerer Forscher. So bezeichnete sich Paul Haffner (1905-2001), wichtiger Vegetationskundler aus dem Saarland, als Schüler von Andres.

Zwischen den Weltkriegen setzte Andres seine Pflanzenstudien neben seiner Lehrertätigkeit intensiv fort. Er veröffentlichte wieter Fachbeiträge und Bücher, die für ihre Zuverlässigkeit geschätzt wurden. Zu den vielen wissenschaftlichen Gesellschaften, in denen Andres Mitglied war, gehörten die Bayerische Botanische Gesellschaft, die Zoologisch-Botanische Gesellschaft in Wien oder die British Bryological Society. Andres war zwar botanisch vielfältig bewandert, hatte aber klare Spezialgebiete: die Heidekrautgewächse, insbesondere die Wintergrüngewächse; nach ihm ist die Heidekrautgattung Andresia benannt. Der Bengeler war zudem anerkannter Moos-Experte (Bryologe). Mit Eifer sammelte Andres Pflanzen aus aller Welt; bei der damit einhergehenden Korrespondenz wurde er von seiner sprachgewandten ersten Frau unterstützt. Nach Angaben des Botanikers Theodor Butterfaß (1926-2015) gelang es Andres, das größte private Herbarium in Deutschland aufzubauen. Dass dieser Kulturschatz weitgehend im Weltkrieg zerstört wurde, deprimierte ihn zutiefst. Heinrich Andres starb am 11. August 1970 in Bonn im Alter von 87 Jahren.

Karl Wilhelm Arnoldi Arzt und Naturforscher aus Winningen

Anton Jahn: Winningen (1838)

Angehörige der Familie Arnoldi gehörten seit dem 17. Jahrhundert zur Bildungselite des evangelischen Bürgertums im Untermoselraum. Über Generationen stellten sie evangelische Pfarrer in Trarbach, etwa Johann Justus Arnoldi (1626-1692), ehe sich mehrere Arnoldis anderen Gebieten zuwandten. So wurde der Trarbacher Jurist Ernst Christoph Arnoldi (1696-1744) Hochschullehrer in Gießen, dessen Sohn Johann Ludwig Ferdinand Arnoldi Theologe und Taubstummenpädagoge. Den Winninger Zweig der Arnoldis zog es vor allem zur Medizin. Wie der hier vorgestellte Karl Wilhelm, so war auch sein gleichnamiger Vater Dr. Karl Wilhelm Arnoldi bereits Arzt. Aus der Ehe dieses älteren Karl Wilhelm mit Johanna Carolina von Ey ging der 1809 in Winningen geborene Karl Wilhelm Arnoldi jr. hervor.

Er besuchte das Gymnasium in Koblenz und studierte dann drei Jahre lang Medizin an der Universität Bonn. 1830 wechselte der Medizinstudent an die Universität Halle, wo der renommierte Professor für Pathologie und Therapie Peter Krukenberg (1788-1865) sein wichtigster Lehrer wurde. 1831 legte Arnoldi seine lateinische Dissertation über einige Ursachen von Herzerkrankungen vor. Er widmete die Arbeit seinem älteren Bruder Dr. Friedrich August Arnoldi, der später als Arzt in Altenkirchen wirkte. Nach erfolgreicher Ausbildung praktizierte Karl Wilhelm Arnoldi in Winningen; nach einigen Jahren wurde er zum Distriktarzt ernannt. Bei seinen Therapien verwendete er auch von ihm selbst entwickelte Arzneien, so z. B. ein spezielles Öl, das bei Erkrankungen, die von der Wirbelsäule ausgehen, effektive Hilfe versprach. Ebenfalls hilfreich sollte das Belltaler Mineralwasser aus einer Quelle unweit von Winningen sein, deren Gebiet Arnoldi zu Eigentum erworben hatte.

Sowohl durch seine Arzttätigkeit als auch durch seine überlegene Intellektualität wurde Arnoldi bald zu einer hoch geachteten Persönlichkeit im Untermoselraum. In seinem Wohnhaus trafen sich die Mitglieder des geistig anspruchsvollen Schülerbundes der Euterpier – zu ihnen gehörten später bekannt gewordene Persönlichkeiten wie der Kommunalpolitiker und Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der Verleger und Buchhändler Julius Baedeker oder der Theologe Albrecht Schöler. Kennzeichnend für Arnoldi war seine Fähigkeit, auf unterschiedlichen Gebieten mit hohem Sachverstand mitreden zu können. Er veröffentlichte nicht nur medizinische Fachbeiträge, etwa „Beobachtungen und Bemerkungen über den Wirbelgelenkrheumatismus“ (1841), sondern kannte sich auch in Geschichte, Geologie und Paläontologie aus. Aufmerksam registrierte und notierte er Naturvorkommnisse in seiner Umgebung mit wissenschaftlicher Exaktheit. Dazu zählten Temperaturmessungen, Krankheitsfälle oder etwa die Anzahl der Selbstmorde. Bei seinen Touren bewies er einen geschulten Blick für seltene Pflanzen und erdhistorische Besonderheiten. Arnoldi entdeckte Fossilien mit dem Abdruck von urmeerzeitlichen Ophiuren (Schlangensterne), von denen einer nach ihm benannt wurde (Encrinaster arnoldi); diese Unterart der Stachelhäuter ist verwandt mit der eifeltypischen Form Encrinaster uedersdorfensis, die im 20. Jahrhundert gefunden wurde.

Ein Gebiet, das den Arzt Dr. Arnoldi besonders beschäftigte, war der Bereich psychischer Erkrankungen, besonders der Melancholien – also das, was heute unter dem Begriff der Depression gefasst wird. Arnoldi traf in seinem Amtsbezirk viele Fälle von Melancholie an und stellte fest, dass Selbstmord dort keine seltene Erscheinung war. Seine eigenen Überlegungen zur Ursache der „melancholischen Angst“ fasste er 1857 in einem Vortrag bei der 33. Versammlung deutscher Ärzte und Naturforscher in Bonn zusammen. Er war sich durchaus bewusst, dass die Anfänge dieser melancholischen Erkrankungen im schwer abgrenzbaren Grenzgebiet zwischen psychischer und somatischer Erkrankung lagen, sah aber die Hauptursache im körperlichen Bereich – und zwar speziell in einer krankhaften Veränderung der Wirbelsäule (Spinalrheuma). Unter Rückgriff auf eigene Untersuchungen und Hinzuziehung der Fachliteratur stellte er die These auf, „dass jede ausgeprägte melancholische Verstimmung von einer durch das Spinalrheuma bedingten Beschränkung des Athmens ausgeht“. Diese Sichtweise hatte unter anderem die Konsequenz, dass er auf Depressionen beruhende Suizide nicht als moralisch vorwerfbare Selbstmorde ansah, sondern als Folge einer unverschuldeten körperlichen Erkrankung.

Ein weiteres Hauptfachgebiet des Winninger Arztes war der Weinbau. Er war selbst Weinbergsbesitzer, arbeitete in Weinbaukommissionen mit und veröffentlichte bis in sein Todesjahr hinein zu vinologischen Fragen. Der meistbeachtete Beitrag waren seine 1869 publizierten „Vorschläge zur Förderung des Weinbaues an der Mosel und Saar“ (1869). Darin befasste er sich mit erneut eindrucksvoller Sachkenntnis detailliert mit den wichtigsten Aspekten des moselländischen Weinbaus – sei es dessen Geschichte, aktuelle ökonomische Fragen, Rebsorten, Anbau, Qualität und anderes mehr.

Dr. Karl Wilhelm Arnoldi, Mitglied angesehener wissenschaftlicher Gesellschaften, starb im Jahr 1876. Sein Sohn Richard (geb. 1849 in Winningen) wurde ebenfalls Arzt; wie sein Vater war er geschichtlich hoch interessiert. Dr. Richard Arnoldis „Katalog der Sammlung römisch-germanischer Altertümer“ (1887) fand ebenso Beachtung wie seine lokalen archäologischen Entdeckungen.

Joseph Braun Theologe, Historiker und Politiker aus Hürtgenwald

„Ein vergessener Führer aus der rheinischen Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts“ – so wurde Joseph Braun von dem einflussreichen Kirchenhistoriker Heinrich Schrörs (1852-1928) bezeichnet. Die angebliche Vergessenheit hinderte Schrörs nicht, 1925 eine rund 600-seitige Biografie über Braun zu veröffentlichen. Das Buch von Schrörs bildet bis heute die Hauptquelle zu Leben und Werk Brauns.

Johann Wilhelm Joseph Braun kam 1801 auf dem heute zur Gemeinde Hürtgenwald gehörenden Hofgut Gronau als jüngstes von sechs Kindern des Gutsbesitzers Christoph Braun und dessen Ehefrau Cäcilia Laschet zur Welt. Die Mutter starb 1816, und „der Vater heiratete acht Monate später als Sechzigjähriger zum heftigen Verdruß der Kinder ein junges Mädchen“ (Schrörs). 1820 beendete Braun seine Schulausbildung am heutigen Stiftischen Gymnasium in Düren. Bemerkenswert waren seine exzellenten Kenntnisse mehrerer neuerer Sprachen, die er sich privat aneignete. Nach Privatunterricht in Köln studierte Braun von 1821 bis 1824 an der Universität Bonn Philosophie, Philologie und Theologie. Anschließend begab er sich nach Wien und machte zwischendurch einen Abstecher an die Universität Gießen, wo er aufgrund seiner Kenntnisse 1825 zum Dr. phil. promoviert wurde; die geforderte Abhandlung reichte er nach. Von Wien aus schickte er eine kirchenhistorische Studie an die Universität Breslau und erhielt daraufhin den theologischen Doktortitel. Im Dezember 1825 wurde Braun in Wien zum Priester geweiht. Während seiner Zeit in Österreich pflegte der junge Priester und Gelehrte vertrauten Umgang mit namhaften Persönlichkeiten; mit dem berühmten Schriftsteller und Philosophen Friedrich Schlegel (1772-1829) freundete er sich eng an. Bei einem anschließenden Rom-Aufenthalt knüpfte Dr. Dr. Braun Kontakte bis in höchste vatikanische Kreise. 1827 kehrte er in die Eifel zurück, ab 1828 lehrte er nach Habilitation für Kirchengeschichte und neutestamentliche Exegese an der Universität Bonn, wo er 1833 ordentlicher Professor der Kirchengeschichte wurde. Brauns Professorentätigkeit wurde überschattet durch die erbitterten Konflikte um die Lehren des Theologen Georg Hermes (1775-1831). Braun bekannte sich entschieden zum Hermesianismus. Er wollte davon auch nicht lassen, als Papst Gregor XVI. und der Kölner Erzbischof scharf gegen die Hermesianer vorgingen. 1837 reiste Braun nach Rom, um den Vatikan umzustimmen, aber ohne Erfolg. 1843 wurde ihm die Lehrerlaubnis entzogen, zudem wurde Braun von seinem Priesteramt entbunden, so dass er nur noch „stille Messen“ lesen durfte. Braun publizierte wichtige kirchenhistorische Werke, aber seine Gelehrtentätigkeit ging weit darüber hinaus. Von 1847 an war er Präsident des hoch angesehenen „Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande“. Er verfasste zahlreiche Arbeiten zur Historie der Nordeifel und registrierte hochinteressiert heimatliche archäologische Funde. Seine wissenschaftliche Lebensleistung wurde außerhalb Rheinpreußens fast mehr gewürdigt als in der Heimat, wo ihm „die Ächtung der strengkirchlichen Partei“ (Schrörs) zusetzte.

Nach dem Zwangsende seiner Hochschultätigkeit wandte sich Braun der Politik zu. Im Revolutionsjahr 1848 wurde er trotz Widerstandes der Geistlichkeit als Abgeordneter des Wahlkreises Düren-Jülich in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, 1850 in das in Erfurt tagende Unionsparlament. Braun begleitete seine politische Arbeit mit staatsphilosophischen Überlegungen, die er in Briefen und Schriften formulierte. Obwohl kein Er trat er für politische Freiheit und Rechtsstaat ein und wandte sich gegen „Willkür, Bureaukratie und Despotismus in allen Formen“. Der konservative Theologe sprach sich für eine konstitutionelle Monarchie aus und kritisierte sozialistische Bestrebungen. Braun war überzeugter Föderalist; als Anhänger einer „großdeutschen“ Lösung wollte er Österreich in den deutschen Einigungsprozess einbeziehen. Als Parlamentarier schloss er sich nie einer Fraktion an und pochte stets auf seine parteipolitische Unabhängigkeit. Braun war „ein Mann der Mittelstraße und der Scheu, sich festzulegen“ (Schrörs). Von der Gründung einer katholischen Partei hielt er wenig, den Beitrag des Protestantismus zur deutschen Kultur unterschätzte er enorm. Im Januar 1850 wurde Joseph Braun im Wahlbezirk Mayen-Ahrweiler von den wenigen Wahlmännern in die preußische Erste Kammer gewählt. Ab 1852 war er Abgeordneter der Zweiten Kammer, wo er von 1855 bis 1862 Bonn-Rheinbach vertrat. Als Abgeordneter setzte er sich erfolgreich für eine Anhebung der Staatsmittel für die Eifel ein, die „infolge der Mißjahre und der massenhaften Auswanderung in einem höchst bedenklichen Zustande“ war“ (Schrörs).

Zu den vielfältigen Facetten Brauns gehörten seine literarischen Neigungen. Er förderte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) und schrieb Lehrgedichte, Spruchdichtungen und Aphorismen. Auch wenn ihn der Pfarrer und Heimatforscher Andreas Pohl (1880-1962) als „zähen und sturmerprobten Nordeifler“ feierte, war Braun doch oft kränklich. Der hochgewachsene und beleibte Theologe starb 1863 nach einem Schlaganfall und wurde im heimatlichen Gey beigesetzt. Sein umfangreicher Nachlass an der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn wird zunehmend digitalisiert.

Walter Büngeler Pathologe aus Niedermendig

Noch vor 100 Jahren waren grundlegende Fragen der Krebserkrankungen weitestgehend unbekannt. Man rätselte etwa, ob die gefürchtete Krankheit erbliche Ursachen hatte oder ob bestimmte Stoffe für ihre Entstehung verantwortlich sein könnten. Eine wichtige ungeklärte Frage war auch, was Tumorzellen von anderen unterscheidet. Grundlagenprobleme der Tumorforschung zählten zum Kern des Lebenswerks von Walter Büngeler, der zu den großen deutschen Pathologen des 20. Jahrhunderts gerechnet wird.

Walter Büngeler kam am 30. Dezember 1900 im Osteifler Vulkanort Niedermendig als Sohn des Hotelbesitzers P. J. Büngeler und dessen Ehefrau Klara Schubach zur Welt. In Koblenz besuchte er das Städtische Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium (heute: Eichendorff-Gymnasium), in dem im ersten Weltkriegsmonat 1914 das Geschäftszimmer des Großen Generalstabs untergebracht war. Nach dem Abitur studierte er Medizin in Bonn, dann 1922 ein Semester lang in Rostock und anschließend in Frankfurt am Main. Während seine Promotion noch einem geburtskundlichen Problem („Über Stirnlagen“, 1926) gewidmet war, spezialisierte er sich danach auf Pathologie. Sein wichtigster Lehrmeister wurde Professor Bernhard Fischer-Wasels (1877-1941), der ebenfalls ein gebürtiger Eifler war (aus Atsch, heute Teil Stolbergs). Fischer-Wasels gehörte zu den wichtigsten Tumorforschern seiner Zeit; unter seinem Einfluss nahm sich Büngeler besonders der Geschwulstforschung an. Die beiden Mediziner führten sowohl einzeln als auch zusammen grundlegende Studien zum Verständnis von Geschwulstbildungen durch. 1929 habilitierte sich Büngeler bei Fischer-Wasels mit der Schrift „Tierexperimentelle und zellphysiologische Untersuchungen zur Frage der allgemeinen Geschwulstdisposition“. Da beide vermuteten, dass bestimmte Substanzen zu Krebs und Leukämie führen konnten, versuchten sie, solche Stoffe und ihre Wirkung nachzuweisen. Büngeler gelang es erstmalig, bei Mäusen experimentell Leukämie durch Indol hervorzurufen, was neue Perspektiven auf die Krankheitsentstehung eröffnete. Da seit den Forschungen Otto Warburgs (1883-1970) bekannt war, dass die Zellatmung von Tumorzellen sich von denen anderer Zellen unterscheidet, untersuchten Fischer-Wasels und Büngeler die Sauerstoffaufnahme des Organismus, etwa bei Atmung verschiedener Gasgemische. Büngeler entwickelte ein effektives Verfahren zur Bestimmung des Sauerstoffverbrauchs kleiner Tiere, was neue experimentelle Erkenntnisse eröffnete.

1934 wurde der bisherige Privatdozent Dr. Büngeler Gründungsdekan der Medizinischen Akademie im Freistaat Danzig. Nach Angaben des Medizinhistorikers Karl-Werner Ratschko weigerte sich Büngeler während seiner Danziger Zeit, den Tod eines Mannes offiziell als Folge eines gegen die NSDAP gerichteten Angriffs zu erklären. Büngeler verlor daraufhin seine seit 1933 bestehende Parteimitgliedschaft und wurde fortan von NS-Funktionären kritisch beobachtet.

Auch aufgrund solcher Erfahrungen folgte Büngeler 1936 einem Ruf nach Brasilien. In Sao Paulo wurde er Professor am Lehrstuhl für Pathologie. In Brasilien gelang ihm, bei der Bekämpfung dort grassierender Krankheiten (etwa Lepra oder Blastomykose) wertvolle Fortschritte zu erzielen; Lepraforschung und Infektionskrankheiten wurden zum Schwerpunkt seiner brasilianischen Jahre. Zudem wollte er den Forschungsaustausch zwischen Deutschland und Brasilien intensivieren. Nicht zuletzt aufgrund seiner Initiative kamen brasilianische Mediziner nach Europa, und deutsche Ärzte sammelten Erfahrungen in Südamerika. Dieser fruchtbare Austausch endete, als Brasilien 1942 in den Krieg gegen Deutschland eintrat. Büngeler verließ daraufhin Südamerika und wurde am 1. August 1942 in Kiel trotz Protests der NSDAP ordentlicher Professor für Allgemeine Pathologie und Pathologische Anatomie. An der Ostsee blieb er nach Kriegsende noch über ein Jahrzehnt, ehe er 1956 einen Ruf auf den Lehrstuhl für Allgemeine Pathologie und Pathologische Anatomie der LMU München annahm. Dort baute Büngeler die ohnehin auf hohem Niveau stehende Pathologieforschung weiter aus und ließ eine elektronenmikroskopische und eine neuropathologische Abteilung einrichten. In München festigte sich sein Ruf als einer der Top-Krebsforscher und als engagierter Vertreter der Schulmedizin. Büngeler hielt beispielsweise die alternative Krebstherapie des populären Dr. Josef Issels (1907-1998) für Scharlatanerie.

Wenn Büngeler auch primär als Kapazität der Geschwulstforschung bekannt war, so erstreckten sich seine Forschungen und Publikationen doch auch auf andere Gebiete. Dazu gehörten insbesondere die Pathologie des Blutes und der blutbildenden Organe; im Lehrbuch der speziellen pathologischen Anatomie verfasste er den entsprechenden Hauptbeitrag. Ausdruck von Büngelers Ansehen war seine Wahl zum Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft; bei der Heidelberger Tagung der Deutschen Gesellschaft für Pathologie 1966 amtierte er als Vorsitzender. Bedeutende Pathologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Büngeler-Schüler. Der 1970 emeritierte Büngeler wurde für seine Forschungen vielfach geehrt; 1985 erhielt er mit der Rudolf-Virchow-Medaille die höchste Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Pathologie. Der international geschätzte Pathologe starb am Neujahrstag 1987 in München und wurde auf dem dortigen Westfriedhof beigesetzt.

Salentin Ernst Eugen Cohausen Kurfürstlicher Leibarzt aus Jünkerath

Salentin Cohausen erblickte am 21. Dezember 1703 auf Schloss Jünkerath-Glaadt, wo auch Graf Salentin Ernst von Manderscheid-Blankenheim (1630-1705) sich zuletzt meist aufhielt, das Licht der Welt. Sein Vater war der gräfliche Kanzler Jodocus Ernst Cohausen, der ab 1705 als Land- und Hofgerichtsschreiber in Gerolstein amtierte. Wegweisend für Salentins Werdegang wurde der Einfluss seines in Hildesheim geborenen Onkels Dr. Johann Heinrich Cohausen (1665-1750), der als Leibarzt des Bischofs von Münster und als Verfasser von medizinischen und satirischen Werken weithin berühmt war.

Salentin studierte an den Universitäten Leiden, Löwen, Duisburg und Köln Philosophie und Medizin und erwarb 1730 in Trier den medizinischen und philosophischen Doktortitel. Kurz danach wurde er Professor für praktische Medizin an der Universität Trier. Der kurfürstliche Hof in Ehrenbreitstein unter Führung des neuen Kurfürsten Franz Georg von Schönborn (1682-1756) wollte aber den vielversprechenden Jungmediziner stärker in seiner Nähe wissen. So wurde Salentin Cohausen als Kreisarzt nach Koblenz berufen und ihm das Amt des Arztes der kurfürstlichen Miliz übertragen. Kurfürst und Erzbischof von Schönborn machte Cohausen zu seinem Leibarzt, und auch dessen Nachfolger, die Trierer Kurfürsten Johann Philipp von Walderdorff (1701-1768) und Clemens Wenzeslaus von Sachsen (1739-1812), vertrauten auf Diagnose und Therapie des kurfürstlichen Leibarztes Cohausen. Einzelheiten seines ärztlichen Wirkens sind noch kaum erforscht, allerdings kann man aus den von Cohausen veröffentlichten Schriften Rückschlüsse auf seine medizinischen Grundüberzeugungen ziehen. Neben der eingehenden Beschäftigung mit medizinischer Literatur registrierte er aufmerksam, was er in Fragen von Gesundheit und Krankheit in seinem Wirkungsbereich erlebte. Dazu gehörten nicht zuletzt seine Beobachtungen der Eifelbevölkerung, mit der er als Stadt- und Landphysikus und durch Eifelaufenthalte in engen Kontakt kam. Cohausen gelangte, beeindruckt von ihrer Konstitution, zu erstaunlichen Einschätzungen: „Höchst selten, beinahe nie wüten bei ihnen ansteckende Krankheiten, auch örtlich bedingte einheimische Krankheiten kennen sie nicht, Leute von 70, 80, ja 90 Jahren, finden sich bei ihnen in großer Zahl. Dies verdanken sie meiner Ansicht nach teils ihrer körperlichen Veranlagung, teils der Gebirgsluft, die weder übelriechende, ungesunde Dünste noch Fäulniskeime mit sich führt und fast ununterbrochen von Winden bewegt wird, teils dem Genuß der Mineralwässer, da es bei ihnen nur wenige Gegenden gibt, die keine Heilquellen besitzen.“ Bemerkenswert ist an diesen Aussagen, auf die in den 1930er Jahren Karl L. Kaufmann und Ida Görzel aufmerksam machten, dass Cohausen Gesundheit – wie die Medizin des 21. Jahrhunderts – auf eine Kombination von genetischer Veranlagung, Umwelteinflüssen und Ernährung zurückführt. Speziell der Ernährung widmete er große Aufmerksamkeit, wobei er – im Gegensatz zu vielen seiner von barocker Lebensfreude geprägten Zeitgenossen – vor üppigem Essen und Trinken sowie Übergewicht warnte. Als ein Mittel gegen Dickleibigkeit, aber auch gegen andere Krankheiten, wies er auf den Gesundheitswert Eifler Mineralwässer hin und erteilte diesen damit den wissenschaftlichen Segen. Er verfasste eine vielzitierte Schrift über das eisenhaltige Heilwasser der Birresborner Lindenquelle und leitete 1748 die Einfassung des dortigen Brunnens. Neben dem Birresborner Sauerbrunnen beschrieb er die Quellen in Bad Bertrich. Seinen Plan, alle Eifler Mineralquellen zu dokumentieren, konnte er nicht verwirklichen. Ausführlich schrieb Cohausen über gesunde Ernährungsweise in seiner nur in Latein vorliegenden Schrift „Dissertatio Commentatoria Physico-Medica“ (Frankfurt a. M. 1751), in der er sich sehr positiv zum kirchlich gebotenen Fasten äußerte. Mit staunenswerter Gelehrsamkeit, unter Zitierung zahlreicher Autoren vom Altertum bis zu seiner Zeit, plädierte Cohausen für eine sehr maßvolle Ernährung und sprach dem Fasten höchst heilsame Wirkungen auf Körper und Geist zu. Heutige Erkenntnisse, wonach eine kalorienarme Ernährung zu besserer Gesundheit und längerem Leben führen kann, hätten bei Cohausen weder Widerspruch noch Verwunderung ausgelöst. Gleichzeitig wandte er sich gegen große Abwechslung bei den Speisen und hielt Nahrungsvielfalt für eine Quelle vieler Krankheiten. Eine andere Publikation Cohausens befasste sich mit der „schmerzhaften und berühmten Podagra“ (Gicht), die er nicht zuletzt bei seinen hochgestellten Patienten antraf. Darüber hinaus gab er Schriften seines Onkels Johann Heinrich Cohausen heraus, der ihm zeitlebens Vorbild blieb. Salentin Cohausen war seit 1741 Mitglied der geschichtsträchtigen Gelehrtengesellschaft Academia Naturae Curiosorum (Leopoldina).

Wie Salentin Cohausen nicht das erste namhafte Mitglied der Cohausen-Familie war, so auch nicht das letzte. Zu seinen Nachkommen zählten der Landrat Salentin von Cohausen (1782-1864) und dessen Sohn, der Ehrenbreitstein-Erbauer und Archäologe Karl August von Cohausen (1812-1896); andere Nachfahren heirateten in den französischen Adel (de Beauharnais) ein. Der kurfürstliche Geheimrat Dr. Salentin Cohausen starb am 2. Mai 1779 im Alter von 75 Jahren.

Wirich Philipp Lorenz Graf von Daun Österreichischer Feldmarschall und Statthalter aus Eifler Adel

Hieronymus Ferroni: Wirrico Philippo Laurenzio Daun. Wien Museum Inv.-Nr. W 1401, CCO (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/317135/)

Der 1669 in Wien geborene Reichsgraf Wirich Philipp von Daun gehört zu den historisch bedeutsamsten Persönlichkeiten, die aus diesem Eifler Adelsgeschlecht hervorgingen. Wirichs Vater war der wohl noch in Daun geborene Graf Wilhelm Anton von Daun (1621-1706). Dass sich die Familie im 17. Jahrhundert nach Österreich begab, hatte mehrere Gründe. Es hing nicht zuletzt auch mit den Verwüstungen zusammen, die Stadt und Burg Daun im 30-jährigen Krieg und in den Folgejahrzehnten erlitten. Willhelm Anton wurde in Österreich hochangesehener Feldmarschall und begründete damit eine daunisch-habsburgische Offizierstradition, die sich in den folgenden Generationen ruhmvoll fortsetzte. Wirichs Mutter Anna Maria Gräfin von Althann (1635-1712) stammte aus einem begüterten niederbayerischen Uradelsgeschlecht. Erfolge und soziale Stellung der Eltern kamen Wirich bei seiner Karriere zugute, waren aber nicht ausschlaggebend für dessen eigene Lebensleistung. Altadelige Abstammung und Reichtum hatten viele aufzuweisen – da bedurfte es zusätzlicher Fähigkeiten, um in den kleinen Kreis der Führungsspitze aufzusteigen. Dass exzellente verwandtschaftliche Vernetzung allerdings nicht schadete, wusste auch diese Dauner Adelsfamilie nur zu gut. Wirich vermählte sich 1696 mit der Grafentochter Maria Barbara von Herberstein; zu den Kindern des Paares gehörte Leopold Joseph Graf Daun (1705-1766), der zu einem der bekanntesten Heerführer der österreichischen Geschichte wurde.

Die Militärkarriere von Wirich Philipp begann nach standesgemäßer Ausbildung und Reisen durch Europa mit dem Eintritt in das Regiment seines Vaters. Erste Erfahrungen mit der Realität des Krieges machte er in den nahezu permanenten Gefechten gegen die Osmanen in Ungarn und auf dem Balkan. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde Graf Wirich, inzwischen General, für das habsburgische Herrscherhaus als Heerführer immer unentbehrlicher. Im Jahr 1706 gelang es den Österreichern unter seiner Führung überraschend, in der Schlacht um Turin monatelang gegen eine französische Übermacht standzuhalten und schließlich unter dem Oberkommando Prinz Eugens den Sieg zu erringen – ein Erfolg, der sich erheblich auf die weitere Entwicklung der Machtverhältnisse in Italien auswirkte. Hinzu kam, dass die habsburgischen Truppen auch in den Folgejahren unter Dauns Kommando erfolgreich vorrückten. Nach dem Triumph von Turin gelang der Vormarsch bis in das spanisch-habsburgisch beherrschte Neapel. Trotz familieninterner Konkurrenz im Haus Habsburg konnte deren Position in Italien insgesamt gefestigt werden, zumal unter Feldmarschall Dauns Führung auch die Eroberung Sardiniens gelang. Die europaweit Aufsehen erregenden Erfolge Dauns wurden neben höchsten anderen Ehrungen mit der Ernennung zum Vizekönig in Neapel belohnt, wo Graf Wirich von 1713 bis 1719 residierte. Nach seiner Rückkehr trug er als oberster Land- und Hauszeugmeister Verantwortung für die österreichische Artillerie und amtierte in der Hauptstadt Wien als Stadtkommandant.

Mitte der 1720er Jahre ging es dann darum, die noch junge österreichische Herrschaft in den Südlichen Niederlanden – also auch im Herzogtum Luxemburg und damit in Teilen der Eifel – zu stabilisieren. Mit dieser Aufgabe wurde der militärisch und administrativ gleichermaßen qualifizierte Graf Wirich beauftragt und im Januar 1725 zum Interimsstatthalter in Brüssel ernannt. Seine Amtszeit währte zwar nur bis zum November, wird aber von Historikern trotz ihrer kurzen Dauer als bedeutsam bewertet. Nach Ansicht von Klaas Van Gelder und Sandra Hertel bildete die Amtszeit Dauns einen erfolgreichen Wendepunkt in der Regierung der Österreichischen Niederlande. Neben seinen allgemeinen Aufgaben war Graf Daun in einer geheimen Instruktion verpflichtet worden, die Statthalterschaft der Erzherzogin Maria Elisabeth vorbereiten. Graf Daun war in Brüssel in Personalunion Generalgouverneur, Obersthofmeister, Erster Minister und Hoffourier. Zu seinen sehr vielfältigen Aufgaben gehörte sogar die Einrichtung der Zimmer für die Hofdamen: „Damit war der ehemalige Militär und Stadtkommandant von Wien restlos überfordert. Er kannte sich mit der Einrichtung der Frauenzimmer in der Hofburg nicht aus – der Zutritt dort war ihm strengstens untersagt und wurde von der Obersthofmeisterin des jeweiligen Frauenhofstaates überwacht“ (Van Gelder/Hertel).

Sein letztes Spitzenamt erhielt Graf Wirich im Jahr 1728, als er zum Gouverneur des Herzogtums Mailand berufen wurde. Seine Gouverneurszeit dauerte bis 1733, dann musste er sich teils wegen der militärischen Lage, teils aufgrund interner Konkurrenzkämpfe innerhalb des habsburgischen Machtgefüges, zurückziehen. Die letzten Lebensjahre verbrachte er wieder in Wien. Dort hatte er Jahrzehnte zuvor durch den Barockbaumeister Lukas von Hildebrandt für sich und seine Familie das prachtvolle, heute so genannte Kinsky-Palais errichten lassen. Wirich Philipp von Daun starb im Juli 1741 und wurde in der Wiener Augustinerkirche, der Pfarrkirche des Kaiserhofs, beigesetzt. Dort befindet sich in der zweischiffigen Georgskapelle sowohl sein Grabmal als auch das seines Sohnes Leopold.

Eduard David Politiker aus Ediger

Das Ende des ersten Weltkriegs im Spätherbst 1918 führte im Deutschen Reich zu einem dramatischen politischen Umbruch. An die Stelle von Kaiserherrschaft und Monarchie sollte eine demokratische Republik treten. Im Januar 1919 wurde eine Nationalversammlung gewählt, deren Aufgabe es war, eine neue Reichsverfassung zu beschließen. Als die gewählten Abgeordneten am 6. Februar 1919 erstmals in Weimar zusammenkamen, wählten sie mit fast 94 % der Stimmen einen gebürtigen Eifler zum ersten Präsidenten dieser Nationalversammlung: den 55-jährigen Sozialdemokraten Dr. Eduard David.