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Ein Erzieher mit Herz im Superheldenmodus!Noah, frischgebackener Erzieher und Kinderheld mit Superherz, stürzt sich voller Tatendrang in seine erste Stelle im Regelkindergarten. Doch schon in der Krippe wird klar, dass der Alltag als einziger Mann unter 20 Frauen so manche Überraschung bereithält.Vom Windelwechseln zum Abenteuer mit den größeren Kindern Noah durchlebt alle Entwicklungsschritte und stellt fest, dass sein Superherz im Erziehermodus gefragt ist. Mit einer guten Portion Humor, unvergesslichen Anekdoten und einem unglaublichen Enthusiasmus bewältigt er die Herausforderungen des Berufs.Kinderheld mit Superherz ist ein Buch, das dich zum Lachen und Nachdenken bringt und dir zeigt, dass manchmal ein kleiner Held mit viel Herz alles verändern kann.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Für Anton, Lennard und Lara
Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser!
Dieses Buch wurde geschrieben, um dich zu erheitern. Die Geschichten sollen dich zum Schmunzeln und laut Auflachen bringen und du darfst dich gern in ihnen wiedererkennen.
In manchen Situationen wirst du dir während des Lesens denken: Das hätte ich sein können!, und das stimmt. Diese lustigen (und für den Protagonisten oftmals peinlichen) Anekdoten sind uns allen schon mal passiert und werden uns erneut geschehen, während wir den Beruf ausüben, der uns so erfüllt.
Dieses Buch ist voller persönlicher Erfahrungen und einige Geschichten wurden mir von anderen ErzieherInnen erzählt. Ich habe sie Noah in diesem Buch erleben lassen. Dabei sind die Figuren keineswegs perfekt und zeigen eine der menschlichsten Eigenschaften überhaupt: Sie machen Fehler.
Die Namen der handelnden Personen sind aus Datenschutzgründen alle geändert und Gemeinsamkeiten mit realen Persönlichkeiten sind allesamt Zufall.
Im Jahr 2018 fing ich an, aus einer Laune heraus, Geschichten zu schreiben. In diesen Erzählungen thematisierte ich meinen Alltag als Praktikant in einem Kindergarten, den ich in meiner Kindheit selbst besucht habe. Als ich dann die Ausbildung beendet hatte, quälten mich dieselben Fragen, Zweifel und Ängste, die jeder Berufsanfänger kennt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich am Abend vor meinem ersten Arbeitstag nach Videos gesucht habe, wie man ein Kind wickelt.
Allerdings kamen mit meiner Anstellung in einem Regelkindergarten neue Ideen für Geschichten dazu und ich entschloss mich, Noahs erstes Jahr schriftlich festzuhalten.
Er startet, wie ein Kind, welches das erste Mal in eine Kindertagesstätte kommt, in der Krippe und sammelt Erfahrungen. Ihn plagen Ängste, die wir alle kennen. Bis sein Weg zum großen Kindergartenkind hinter ihm liegt, wird es etwas dauern, aber er wird an seinen Erlebnissen wachsen.
Ich möchte mit diesem Buch niemanden belehren oder pädagogische Handlungsanweisungen geben. Natürlich bleibt es nicht aus, ein paar Inhalte anzuschneiden, aber auch hierbei sollte man nie vergessen, wie wichtig Individualität ist. Die Storys sollen uns ErzieherInnen erfreuen. Gerade an den Tagen, an denen es mal wieder schwierig ist, sollen diese Geschichten an das Schöne in unserem Beruf erinnern.
Eltern möchte ich einen augenzwinkernden Einblick in die Erlebnisse im Kindergarten und in der Krippe geben.
Meinen KollegInnen möchte ich sagen: Wenn eure Tage mal wieder hart und anstrengend sind, nehmt euch eine dieser Geschichten und wenn sie euch ein Lächeln ins Gesicht zaubern, habe ich erreicht, was ich mir gewünscht habe.
Herzlich willkommen
Liebe Leserin, lieber Leser
Ich freue mich, dich hier zu sehen
Zwischen diesen Buchdeckeln
Wo so viele Wörter stehen
Wenn du bereit bist für die Reise
Und was die Geschichte bereithält
Dann nehme ich dich bei der Hand
Und zeige dir meine Welt
Der erste Tag
Heute ist mein erster Tag.
Ich heiße Noah, bin 25 Jahre alt und staatlich anerkannter Erzieher.
Ich trete eine neue Stelle in einem Regelkindergarten an. Der Kindergarten liegt in meiner Heimatstadt, unweit der Wohnung, die ich vor kurzem bezogen habe. Die Freude darüber, dass ich die Stelle bekommen habe, ist in meiner gesamten Familie riesig.
Während meiner Ausbildung habe ich viele Praktika im Hort absolviert, aber das eine, das ich im Kindergarten erleben durfte, hat mir gezeigt, dass ich mich dort wohler fühle. Mir gefällt es, den kompletten Tag, vom Frühstück bis zum Vesper mit den Kindern zu gestalten.
Die Frau eines Freundes von mir hatte bis vor kurzem in der Einrichtung gearbeitet und mir im Vorfeld erzählt, dass ich der einzige Mann in der Kindertagesstätte sein würde.
Ich habe mir natürlich viele Male den Kopf darüber zerbrochen, wie es sein wird, als Mann alleine mit 20 Frauen zusammenzuarbeiten. Aber ich habe es mir ja vorher so ausgesucht und muss da jetzt, wohl oder übel, die nächsten 40 Jahre bis zur Rente durch.
Was erwartet mich?
Natürlich kenne ich die Abläufe durch das Praktikum im Kindergarten (3 bis 6 Jahre alt), aber in der Krippe (0 bis 3 Jahre alt) habe ich bisher noch nie gearbeitet. Meistens hatte es sich nie ergeben und ich hatte auch gehörigen Respekt davor, mit so kleinen Kindern, fast noch Babys, zusammenzuarbeiten und die Verantwortung für so winzige Wesen zu übernehmen.
Die kommunale Einrichtung, in der ich anfangen werde, stellt beide Bereiche für die Eltern und Kinder zur Verfügung. Dort scheint es üblich zu sein, dass die Kinder zum ersten Geburtstag in die Einrichtung aufgenommen werden und in dieser bleiben, bis sie drei Jahre alt sind, dann in den Kindergartenbereich wechseln, um anschließend mit sechs Jahren eingeschult zu werden.
Ich stehe vor der Tür und merke, dass mir der Schweiß in Bächen über den Körper läuft. Klar, es ist August, aber ich denke eher, dass es an der Nervosität liegt, statt an der Hitze.
Problem Nummer 1: Alle Kinder und Kolleginnen sind draußen und spielen. Ich habe noch keinen Schlüssel, stehe vor der Tür, und betätige den nun nutzlosen Klingelknopf, denn
Problem Nummer 2: Man hört die Klingel nicht, wenn man sich auf dem Außengelände aufhält.
Während ich vor der verschlossenen Türe stehe, bekomme ich langsam Panik.
Am ersten Tag zu spät, weil ich nicht in das Gebäude hineinkomme. Was ist das denn für ein Eindruck, den ich hinterlasse?
Immer noch völlig ahnungslos, wie ich jetzt in die Einrichtung hineinkommen soll, kommt glücklicherweise eine Frau in Richtung Eingang gelaufen, die einen Schlüsselbund in der Hand hält.
»Guten Morgen«, sage ich hörbar nervös.
»Guten Morgen, kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragt mich die Frau lächelnd.
Mir ist nicht mehr zu helfen, denke ich und stehe zum dritten Mal am heutigen Tage vor einem Nervenzusammenbruch. Während der Morgen mit Emil noch ganz entspannt verlief, war die Fahrt zur Kita die Hölle gewesen.
Die Frau scheint meine Aufregung zu bemerken und schenkt mir ein sanftes Lächeln. Sie ist schätzungsweise Ende 20 und wirkt sehr entspannt.
»Ich, ähm, ja, also«, stammel ich unkontrolliert.
»Erst puzzeln, dann reden«, kichert die Frau und lächelt weiter.
»Ich arbeite ab heute hier. Also, ich meine ... Heute ist mein erster Arbeitstag«, bringe ich hervor, nachdem ich mich kurz gesammelt und meine Gedanken geordnet habe.
»Ach so, du bist der neue Kollege! Noah, richtig? Mein Name ist Magdalena. Schön, dich kennenzulernen!«, sagt die Frau, reicht mir die freie Hand, die nicht den Schlüsselbund hält und zeigt mir erneut ein Lächeln mit ihren perlweißen Zähnen.
Wir geben uns umständlich die Hand, weil ich vor lauter Nervosität scheinbar vergessen habe, wie man anderen Menschen zur Begrüßung die Hand schüttelt.
»Traust du dich nicht rein?«, fragt sie, bewegt sich mit ihrem Transponder an die Eingangstür heran und öffnet diese.
»Doch, schon, aber mir hat niemand aufgemacht.«
»Ach so, das Klingeln hat bestimmt niemand gehört, weil alle draußen im Garten sind. Du hättest auch einfach um das Gebäude herumgehen und durch eines unserer kleinen Gartentore gehen können.«
»Das wusste ich nicht«, gestehe ich, eigentlich ohne Grund, beschämt ein, denn das konnte ich ja wirklich nicht wissen.
»Ist ja kein Problem, ich bin ja jetzt da und lasse dich in unsere heiligen Hallen hinein. Willkommen, in unserer Kita!«, sagt sie und hält mir die Tür auf.
Das Kennenlernen der Leiterin ist kurz und schmerzlos, aber sehr herzlich und informativ.
»Schön, dass Sie hier sind, Noah. Mein Name ist Frau Bernstein und ich arbeite seit fünf Jahren als Leiterin in dieser Einrichtung. Sollten Sie irgendwelche Fragen, Sorgen oder Nöte haben, scheuen Sie sich nicht davor, auf mich zuzugehen und mich anzusprechen.
Sie werden zunächst als Springer eingeteilt, das heißt, dass Sie in den ersten Wochen alle Gruppen und Kolleginnen kennenlernen dürfen. Sie springen sozusagen von Gruppe zu Gruppe und werden dort eingesetzt, wo Not am Mann ist. So können Sie sich erst einmal ein Bild von unserer Einrichtung machen. Wann Sie dann eine eigene Gruppe bekommen, werden wir sehen«, sagt sie lächelnd, während wir durch den langen Flur des Kita-Gebäudes gehen.
Sie zeigt mir unterwegs den Sportraum der Kindertagesstätte (auf dessen Benutzung ich mich jetzt schon sehr freue!), den Snoezelenraum (eine Art Kuschel- und Entspannungsraum, auf dessen Benutzung ich mich auch sehr freue!), mehrere Mitarbeitertoiletten (auf deren Benutzung ich mich nicht unbedingt freue, die aber ohne Zweifel notwendig sein wird) und den Pausenraum (auf dessen Benutzung ich mich wiederum sehr freue!).
Der erste Eindruck der Einrichtung ist überwältigend. Das Objekt wirkt nicht zu groß und nicht zu klein. Alles scheint modern, neu und sauber. Die Wände sind mit Plakaten voller pädagogischer Inhalte und Kunstwerken der Kinder dekoriert. Es vermittelt einen frischen und offenherzigen Eindruck.
Ich fühle mich sofort wohl und habe kurz jegliche Panik oder Zweifel verloren, die mir vorher tage- und nächtelang den Schlaf geraubt haben. Allerdings sollte diese kurze Phase der Lockerheit und Entspannung nicht sehr lange anhalten.
»Sie sind für die ersten zwei Wochen, sofern es keine spontanen Änderungen gibt, in einer unserer Krippengruppen eingeteilt. Die Kollegin wird Ihnen sicherlich alles erklären. Ich mag es, wenn die neuen Mitarbeiter, wie Sie einer sind, die ganzen kleinen Regeln und Handhabungen von den Kolleginnen bekommen. So lernen Sie in den ersten Monaten alles rund um unsere Einrichtung während der Arbeit von den anderen pädagogischen Fachkräften«, sagt sie, während ich neben ihr herlaufe, die Wände bestaune und versuche, alles in mich aufzusaugen, wie ein lernwilliger Schwamm.
Wir sind an einer großen Glastür angekommen, vor der wir stehen bleiben. Ich schaue nach oben und mein Magen krampft sich zusammen.
Auf der Glastür prangen große Buchstaben aus leuchtend buntem Papier, die mit Tesafilm an die durchsichtige Oberfläche geklebt wurden.
Sie bilden ein einziges Wort.
Krippe.
Mir stockt kurz der Atem. Ich habe bisher nie in dem Altersbereich von 0 bis 3 arbeiten dürfen und habe mehr als nur ein paar Fragen oder Bedenken.
Ich stehe kurz vor Panikattacke Nummer 17 an diesem Tag, als mich meine neue Chefin aus meinen Gedanken reißt.
»Die Krippengruppe ist gerade wieder reingekommen, da wir den Kindern diese Temperaturen in der Sonne nicht zu lange zumuten wollen. Kommen Sie bitte in der Mittagszeit, wenn die Kinder schlafen, in mein Büro. Da händige ich Ihnen dann die Schlüssel und den Transponder für die Eingangstür aus«, sagt sie und lächelt mich freundlich an.
Ich versuche, krampfhaft zurückzulächeln, aber mir scheint, es ist mehr eine schiefe Grimasse.
»Ich wünsche Ihnen einen angenehmen ersten Arbeitstag, Noah!«
Ich schreite durch die Glastür und stehe in der Garderobe der Krippe.
Aus der Richtung, in der ich den Gruppenraum vermute, vernehme ich schon wildes Geschrei und Weinen, aber auch herzerfüllendes, lautes Lachen.
Die Kinder rennen, krabbeln, kriechen und watscheln wild im Raum umher. Manche der Kleinen haben Bücher in den Händen, andere Autos, Puppen oder Bausteine. Magnete in verschiedenen Farben und Formen werden überall dort gelassen, wo sie hängen bleiben können, nur nicht an der für das Spielzeug vorgesehenen Magnetwand. Eine große Weltkarte mit unzähligen Tieren schmückt einen Teil der Wand und von den Kindern, die davor stehen, vernehme ich sofort mehrere Tiernamen oder die Geräusche, die die dazugehörigen Exemplare wohl von sich geben könnten.
Keines der Spielzeuge wird so verwendet, wie es der Hersteller beabsichtigt hat, sondern eher als Wurfgeschoss, Fußball oder Nuckel.
Der Teppich ist mal blau gewesen, aber jetzt ist es eher ein dunkles Grau.
Ich blicke mich um und stelle fest, dass in diesem Raum die Hölle los ist. Ich denke mir sofort:
Ich bin im Himmel.
Ich mag es, wenn Action in der Bude ist und die Kinder voll und ganz das sein dürfen, was sie sind, ohne dass sie dabei von Erwachsenen gebremst oder zu sehr gelenkt werden.
Ich erblicke die Erzieherin, die mit den Kindern auf dem Boden sitzt, und begrüße sie.
»Wie ich sehe, haben wir in der ersten Zeit das Vergnügen miteinander! Mein Name ist Rowena«, ruft sie über den Lärm der Kinder hinweg.
»Mein Name ist Noah. Ja, ich bin in den ersten Wochen in der Krippe eingeteilt«, sage ich, schaue dabei aber nicht die Kollegin an, sondern lasse meinen Blick weiterhin durch den Raum schweifen, in dem das pure Leben blüht.
»Ist schon etwas anders, als im Kindergarten, oder?«, fragt die Kollegin, die meinen Blick scheinbar bemerkt hat.
»Ja, aber ich mag das. Zu Hause mag ich es gern ruhiger, lese ein Buch oder bin mit meinem Hund unterwegs, aber hier, bei der Arbeit, da brauche ich auch mal Lärm, lautes Lachen und Leben in der Bude.«
»Das sind schon mal sehr gute Voraussetzungen für den Beruf. Hoffen wir mal, dass das lange so anhält«, sagt sie und eine weitere Kollegin betritt den Gruppenraum.
»Hallo, mein Name ist Doris«, stellt sie sich mir ohne große Umschweife vor und beginnt, mit den Kindern zu spielen.
»In der Krippe arbeiten wir meistens zu dritt, wenn es personell passt«, erklärt mir Rowena, als sie meinen verwunderten Blick sieht.
Stimmt ja, denke ich.
»Und wenn es mal nicht passt?«, frage ich.
»Dann beten wir, dass trotzdem alles gut geht«, ruft Doris vom Boden aus, auf dem sie sich gerade mit zwei Kindern herumrollt.
»Darf ich dir vorstellen, das ist meine werte Kollegin in unserer Krippengruppe und sie hat dabei nicht Unrecht«, lacht Rowena und putzt währenddessen einem Jungen die Nase.
Der Kleine bekommt von seiner Erzieherin das Taschentuch in die Hand gedrückt und den Auftrag, es in den Mülleimer zu werfen.
Während ich mir noch denke, dass das doch niemals klappt, hat der Junge seine Mission längst erfüllt, spielt wieder mit den anderen Kindern und ihm läuft die nächste Fuhre Schnodder aus der Nase.
»Hast du eigentlich irgendwelche Fragen? Wenn ja, dann immer raus damit«, reißt mich Rowena aus meiner Beobachtung heraus.
»Also, na ja, ich muss ehrlich gesagt zugeben, dass ich noch nie ...«, beginne ich, werde aber sogleich unterbrochen.
»... eine Windel gewechselt hast?«, beendet sie mein Geständnis.
»Ja, genau«, gebe ich etwas beschämt zu und schaue dabei zu Boden.
»Kein Problem, ich zeige es dir.«
Ich stehe mit meiner neuen Kollegin am Wickeltisch.
»Ich weiß, für einen Mann ist das immer eine komische Sache, aber wenn du es erstmal drauf hast, dann ist es kein Problem mehr. Das Ganze ist eh hauptsächlich Kopfsache«, sie beginnt zu kichern. »Na gut, und eine Sache der Nase.«
»Es hatte sich im Laufe meiner Praktika nie ergeben.«
»Dafür wird es sich jetzt umso häufiger ergeben. Hoffentlich hast du damit kein Problem?«
»Nein, gar nicht. Ich habe nur noch nie wickeln dürfen. Es wurde nicht so gern gesehen, dass Praktikanten die Kinder wickeln.
Aber ich habe mir gestern Abend sogar extra noch ein Video im Internet angeschaut, um heute nicht komplett blöd dazustehen«, sage ich und merke, wie mir das Blut in die Wangen schießt.
»Sehr löblich!«
»Ich bin mir dafür auch nicht zu fein, oder so. Ich bin aber froh, dass du es mir zeigen möchtest.«
»Klar, nachher erkläre ich es dir, jetzt zeige ich dir nur schnell, wo alle Utensilien zu finden sind. Die Kinder kennen dich ja noch nicht, da wäre es merkwürdig, wenn du direkt so intime Handlungen mit ihnen durchführst. Selbst so kleine Lebewesen haben Rechte und dürfen äußern, wenn sie etwas nicht wünschen«, sagt sie und deutet auf die Plätze, wo ich Handschuhe, Windeln, Feuchttücher und Desinfektionsmittel für das Säubern des Wickeltisches finde.
»So, jetzt hast du deine Werkzeuge sozusagen schon mal gesehen und wie man wickelt, zeigen wir dir nachher. Lass uns jetzt wieder in den Gruppenraum zurückgehen.
Ist es für dich in Ordnung, wenn wir dich mit ein paar Kindern, zwei oder drei von den älteren, für eine halbe Stunde alleine lassen? Wir nutzen donnerstags immer den Snoezelenraum um 09.30 Uhr, aber mit allen Kindern wäre es zu eng und unruhig«, fragt sie mich, während wir den kurzen Weg zum Gruppenraum zurückgehen. »Auch hier ist es natürlich ein Argument, dass dich die Kinder noch nicht kennen, aber wenn wir dich ihnen gleich im Morgenkreis vorstellen, sollte es mit den großen Mitgliedern unserer Gruppe eigentlich kein Problem sein. Wir fragen sie natürlich und wenn alle ablehnen sollten, gehen wir eben doch alle zusammen und ertragen für heute mal die stickige Luft. Jedoch kann ich mir das kaum vorstellen.«
Ein Anflug von Panik wallt in mir auf, als wir wieder bei Doris und den Kindern sind. Als ich allerdings die Kleinen sehe, überkommt mich eine Welle der Gewissheit, dass ich das kann.
Du bist jetzt ein staatlich anerkannter Erzieher und es ist dein Job, deine Berufung, für diese Kinder da zu sein. Du kannst das!, rede ich mir selbst Mut zu.
Ich bin jetzt zwar ein ausgebildeter Pädagoge, aber gerade in der ersten Zeit nach der Ausbildung hört man von vielen pädagogischen Fachkräften, dass es sich nicht von einem Tag auf den anderen so anfühlt, als wäre man kein Praktikant mehr. Das ist ein Prozess, der sich über Monate und das erste Jahr hinzieht. Man sammelt Erfahrungen, erlebt Erfolge und Misserfolge. Man reift mit der Zeit zu einem vollwertigen Pädagogen und hört, genauso wie die Kinder, niemals auf zu wachsen.
»Ja, sehr gern«, sage ich und glaube wirklich daran, dass ich es sehrgern machen möchte.
Glücklicherweise hatten die großen Kinder kein Problem damit, mit einem ihm fremden Pädagogen in ihrem Gruppenraum zu bleiben und weiter zu spielen. Ich konnte mich sogar kurz mit ihnen unterhalten, aber dann war doch das aufregende Spielzeug im Zimmer interessanter, als der bärtige Typ, der plötzlich auch hier rumsaß.
Ich bin seit ungefähr fünf Minuten mit drei Kindern aus der Gruppe alleine im Raum, als es aus heiterem Himmel klingelt.
Ich erstarre mitten in der Bewegung und lasse das Stäbchen fallen, welches ich gerade mit einem der Kinder in einen ehemaligen Gummibärcheneimer mit Löchern im Deckel (Self-Made-Steckspiel) stecken will.
Ich rappel mich vom Boden hoch und gehe zur Gegensprechanlage, drücke auf den Knopf mit dem Mikrofon und frage, wer herein möchte.
»Luisa!«, ruft eine Frauenstimme.
Ich drücke den Türöffner und begebe mich zurück zu den drei anderen Kindern.
Wenige Minuten später steht eine Frau in der Tür und hält ein Mädchen auf dem Arm, welches kaum älter als ein Jahr zu sein scheint.
»Guten Morgen«, sage ich etwas unsicher und gehe in Richtung Tür.
»Guten Morgen. Schau mal Luisa, ein neues Gesicht!«, sagt die Mama und deutet auf mich.
»Ja, ich arbeite seit heute hier. Mein Name ist Noah«, sage ich immer noch sichtlich nervös.
»Hallo, Noah, das hier ist Luisa«, sagt die Mama und schaut mich erwartungsvoll an.
»Guten Morgen Luisa, schön dich kennenzulernen!«, sage ich mit Freude in der Stimme und frage mich, wie häufig ich noch Guten Morgen sagen werde.
Dann passiert für quälend lange 15 Sekunden nichts. Ich verspüre den Drang, etwas sagen zu müssen, um diese unangenehme Stille endlich zu beenden.
»Äh, die anderen beiden Erzieherinnen, Rowena und Doris, sind mit den restlichen Kindern im Snoezelenraum und schauen sich Bücher an«, poltere ich los und lasse kaum hörbare Pausen zwischen den Worten. Es klingt eher wie ein wild zusammengewürfelter Wust an Wortsilben, die vom Vortag übriggeblieben sind.
»Okay«, sagt Luisas Mama und sieht mich weiter erwartungsfroh an.
»Die kommen bestimmt gleich wieder«, sage ich fast tonlos, da mir langsam die Luft wegbleibt.
»Ach so, na ja, möchtest du sie dann erstmal nehmen?«, fragt die Mama und deutet dabei auf die kleine Luisa, die mich mit großen Augen und verschmitztem Lächeln anschaut.
»Äh, ja, natürlich, wenn sie das denn will?«, stammel ich wieder los und wirke mit der Situation genauso überfordert, wie ich auch bin.
Außerdem muss ich dringend damit aufhören, alle Sätze mit Ähm zu beginnen, denke ich mir.
»Na klar, Luisa ist sehr pflegeleicht«, sagt ihre Mama, drückt ihrem Kind einen Kuss auf die Stirn und reicht sie mir.
Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt noch nie ein so kleines Kind auf dem Arm gehabt und bin mehr als nur ein bisschen nervös.
Ich strecke meine Arme aus und nehme Luisa in den Arm. Ihre Mama wünscht uns einen schönen Tag und verabschiedet sich.
Wie angewurzelt stehe ich in der Mitte des Gruppenraumes und halte Luisa im Arm, die mich interessiert mustert.
Was mir nicht gelingt, nämlich das Eis zu brechen, vollbringt Luisa mit nur einem Griff ihrer kleinen Hand an meinen Bart, den sie erst fasziniert inspiziert und dann kurz daran zieht.
Das findet Luisa scheinbar so lustig, dass sie mir ein Lächeln schenkt, in dem sechs kleine Zähnchen aufblitzen.
Ich schmelze.
Die Kleine ist so niedlich, dass sofort alle Anspannung von mir abfällt und ich mich deutlich wohler fühle.
Mit Luisa auf dem Schoß sitze ich nun wieder bei den anderen Kindern. Sie spielen immer noch völlig unbeeindruckt von meiner peinlichen Vorstellung mit dem Steckspiel und befördern die bunten Stäbchen mit der ungeahnten Präzision eines Zimmermannes beim Hausbau in den Gummibärcheneimer.
»Wie sieht es aus, Luisa, möchtest du runter und spielen?«, frage ich das kleine Mädchen auf meinem Schoß, welches die Kinder mit großem Interesse verfolgt.
Sie sitzt jetzt seit ungefähr zehn Minuten bei mir und ich denke, dass dies genügend Zeit sein könnte, um anzukommen und sich zu akklimatisieren. Ich starte einen Versuch, sie von mir herunterzubekommen, damit sie ins Spiel findet.
Luisa dreht ihren Kopf zu mir und schaut mich wieder aus großen Augen an. Ich deute ihren Blick als Zustimmung und stelle sie ab, während ich sitzen bleibe und sie an den Armen festhalte.
Luisa steht und rührt sich keinen Millimeter.
»Wenn du möchtest, darfst du gerne loslaufen, Luisa«, versuche ich sie anzuspornen, aber sie setzt keinen Fuß vor den anderen.
Das Mädchen bleibt wie festgenagelt an Ort und Stelle stehen.
»Du möchtest wohl noch nicht los. Möchtest du dich wieder zu mir setzen?«, frage ich und Luisa dreht sich zu mir, löst ihre Hände aus meinen und streckt mir ihre Arme entgegen, als Zeichen, dass sie hoch möchte.
Ich tue ihr den Gefallen und setze sie auf meinen Schoß. Sie macht es sich gemütlich und beobachtet weiter die Kinder, die immer noch mit dem Steckspiel beschäftigt sind.
Kurz darauf beenden die anderen das Spiel und widmen sich dem Spielzeugparkhaus und den dazugehörigen Autos.
Luisa fährt mit ihrer Beobachtung fort und quietscht dabei manchmal erfreut.
Wenige Augenblicke später öffnet sich die Tür des Gruppenraumes und die beiden Erzieherinnen kommen mit den restlichen Krippenkindern aus dem Snoezelenraum zurück.
»Na, war alles in Ordnung bei euch?«, fragt Doris mit einem Lächeln auf den Lippen.
»Ja, hat alles funktioniert, gab keine Unfälle oder Ähnliches«, sage ich mit einem etwas gezwungenen Lächeln auf den Lippen.
»Wie ich sehe, ist Luisa auch da. Guten Morgen Luisa!«, begrüßt sie die Kleine überschwänglich, die das Ganze mit einem freudigen Prusten erwidert.
»Ihre Mama hat sie vor ein paar Minuten gebracht, aber sie scheint noch etwas müde zu sein. Sie möchte bisher nicht loslaufen, sondern lieber bei mir sitzen bleiben und ankommen«, sage ich und blicke in das belustigte Gesicht meiner neuen Kollegin.
»Luisa möchte also noch nicht laufen?«, fragt sie lachend.
»Ja, ich habe sie abgesetzt, aber bisher hat sie sich noch nicht bewegen wollen. Sie stand wie angewurzelt da, also habe ich sie wieder hochgenommen.«
Sie schaut mich weiter lächelnd an und Doris trägt den gleichen Gesichtsausdruck zur Schau.
»Das hat einen ganz einfachen Grund, Noah«, erwidert sie kichernd. »Luisa kann noch gar nicht laufen.«
Der restliche Tag verlief mit viel Aufregung und Neuem.
Ich habe Rowena beim Wickeln zugeschaut, aber noch nicht selber gewickelt, da mich die Kinder nicht kennen. Sie hat mir dabei erzählt, dass sie schon seit fünf Jahren in dieser Einrichtung arbeitet und vorher jahrelang in einem Hort tätig war.
Wenn mich die Kinder in den nächsten Tagen besser kennengelernt haben, werde ich es auch mal selbst probieren.
Klingt fast wie eine Drohung, denke ich. Die werden mich noch richtig kennenlernen.
Ich ging während der Mittagszeit zu meiner Chefin und bekam den Schlüssel sowie einen Transponder für die Eingangstür ausgehändigt.
Meine neuen Kolleginnen erzählten mir viel Klatsch und Tratsch, das gehört wohl dazu. Aber ich wusste ja, was auf mich zukommt, schließlich hatte ich mich für einen Beruf entschieden, der zu einem sehr großen Teil von Frauen ausgeübt wurde. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was mich in Bezug darauf noch erwarten wird, aber im Moment interessiert mich nur die Arbeit mit den Kindern. Ich freue mich darauf, endlich in dem aufzugehen, was mir am ehesten liegt.
Als ich Feierabend hatte, überkam mich das wohlig warme Gefühl, das man wohl verspürt, wenn man nach einem langen, harten Arbeitstag, an dem viel geschafft wurde, nach Hause geht.
Den ersten Tag hatte ich gemeistert. Blieben noch ungefähr 15.000 weitere bis zur Rente, abzüglich der Wochenenden und Feiertage.
Erziehung
Dir werde ich Flötentöne beibringen
Sagte der Vater zum Knaben
Doch wenn er lieber Geigenklänge mag
Wird er es im Leben schwierig haben
Luftballons
Geduld ist eine Tugend
Ich sitze am neuen Maltisch der Krippengruppe und darf gleich Luftballons aufpusten.
Ben feiert heute seinen zweiten Geburtstag. Zum Frühstück durften wir uns, gemeinsam mit den Kindern, einen leckeren Kuchen und allerlei Gemüse in verschiedensten Variationen einverleiben. Seine Mama hatte mehrere Gurken zu gefräßigen Alligatoren geschnitzt und drapiert und wir waren alle hellauf begeistert.
Rowena und Doris hatten direkt nach dem Frühstück das Wickeln der Kinder übernommen, während ich mich um das Aufräumen der Küche gekümmert hatte. Kleiner Tipp an alle, die das zum ersten Mal machen: Zuerst die Tische wischen und danach den Boden fegen. Ob sich während meines Aufenthalts in dem Raum die Anzahl an Kuchenstücken dezimiert hatte, ließ sich nicht mehr nachverfolgen.
Mir kommt nun die große Ehre zu, das Aufpusten der Luftballons zu übernehmen.
Die Kinder spielen im Raum verteilt mit diversen Spielzeugen und werfen Luftschlangen um sich, während Volker Rosins Der Gorilla mit der Sonnenbrille in voller Lautstärke durch den Raum dröhnt. Die Kinder tanzen aufgeregt umher, laufen um den Tisch, auf dem der alte CD-Player steht, und klatschen neben dem Takt zu der Musik.
Rowena sitzt mit ein paar Jungen und Mädchen auf dem Boden und hat den älteren Kindern Tröten in diversen Farben und Größen gegeben.
Manche von ihnen können schon richtig gut in die Partyinstrumente pusten, während bei anderen nur der Sabber läuft.
Ich schaue fasziniert auf einen Speichelfaden, der einem der Mädchen aus dem Mundwinkel hängt.
»Pusten ist etwas, was man lernen muss«, hatte mir Rowena wenige Minuten vorher erklärt.
Mir war wirklich nicht bewusst, dass das für Kinder gar nicht so leicht ist und meistens mehr Spucke als Luft dabei rauskommt.
Wieder eine Sache, die ich gelernt habe. Ich bin erst seit wenigen Tagen hier und habe jetzt schon mehr erfahren, als in den Jahren der Ausbildung. Zumindest erscheint es mir so. Aber nicht verwunderlich. Während der Zeit in der Schule gab man mir das Handwerkszeug in die Hände, doch damit umgehen muss ich nun selbst. Dabei sollte man auch bedenken, dass es darum geht, etwas aufzubauen und zu erschaffen und nicht zu zerstören, geht es mir durch den Kopf und bevor ich komplett abdrifte, hole ich mich selbst wieder an den Maltisch zurück. Dann wende ich mich meiner Aufgabe zu.
Vor mir auf dem Tisch liegen drei Packungen Luftballons. Sie sind in verschiedenen Farben und Größen vorhanden. Von blau bis rot und von rund bis länglich ist alles vertreten, was man sich nur vorstellen kann. Einige sind sogar mit buntem und glitzerndem Konfetti gefüllt.
Ob das so eine gute Idee ist? Die lasse ich mal lieber weg, denke ich.
Zwei verschieden große Luftpumpen liegen ebenfalls bereit, um die Ballons aufzupusten.
Als ob ich dafür ein Hilfsmittel brauche. Selbstsicher greife ich mir einen grünen, länglichen Luftballon.
Ein paar der Krippenkinder stehen erwartungsfroh um mich herum. Mit großen Augen schauen sie zu mir und sind in freudiger Erwartung, dass sie bald einen hübschen, farbigen Luftballon bekommen, den sie dann durch den Gruppenraum prügeln können.
Ich atme tief ein und führe die Öffnung des Ballons an meinen Mund. Ich nehme den kleinen Kreis zwischen die Lippen, ziehe noch mehr Luft durch meine Nase ein und puste mit aller Kraft, die ich in den Lungen habe, in den Luftballon hinein. Dazu muss ich erwähnen, dass ich in meinem Leben noch nie eine Zigarette geraucht habe, nicht mal daran gezogen.
Meine Augen treten hervor, meine Halsschlagader schwillt an und mein Kopf wird puterrot, während ich die Luft aus meinen Lungen über meine Luftröhre in meine Mundhöhle gleiten lasse, um sie dann in den grünen Ballon hineinzublasen.
Man hört ein kurzes, flatulierendes Geräusch.
Ich ziehe schnell und gierig wieder neue Luft in meine Lungen und schaue, in der Gewissheit, dass es geklappt hat, auf den Ballon.
Nichts.
Das kann doch nicht wahr sein!, denke ich frustriert und schaue mir den schlaffen und luftleeren Gummifetzen an.
»Sah so weit ganz lustig aus, aber die Luftpumpe liegt da nicht ohne Grund«, sagt Rowena lächelnd, während sie Klaus den Sabber vom Kinn wischt.
In meiner Ehre als Mann gekränkt setze ich erneut an, hole tief Luft und puste in die Öffnung.
Als mir schwarz vor Augen wird, nehme ich den Gummiring aus dem Mund und schaue den Ballon in meiner Hand an.
Nichts.
Ich schaue möglichst unauffällig in Rowenas Richtung, um zu sehen, ob sie meinen zweiten kläglichen Versuch auch bemerkt hat.
