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Wenn man Erinnerungen aus früherer Zeit aufzeichnen will, ermisst man erst, wie wenig des Erlebten man behalten hat. Es ist einem zumute, als durchflöge man ein Nebelmeer, in dem nur hin und wieder einzelne feste Punkte auftauchen, während das Dazwischenliegende nur in undeutlichen Bildern sichtbar wird. Wenn ich trotzdem versuche, längst verklungene Tage auferstehen zu lassen, so ist es die Liebe zu einfachen Menschen und einfachen Verhältnissen, die Liebe zu Natur und Land, die mich, den seit Jahrzehnten in den Steinen der Großstadt verschütteten, zeitlebens nicht verlassen hat und mich drängt, von den Menschen meiner Heimat und ihrer Welt zu erzählen und ihre Landschaft zu lobpreisen.
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Wenn man Erinnerungen aus früherer Zeit aufzeichnen will, ermisst man erst, wie wenig des Erlebten man behalten hat. Es ist einem zumute, als durchflöge man ein Nebelmeer, in dem nur hin und wieder einzelne feste Punkte auftauchen, während das Dazwischenliegende nur in undeutlichen Bildern sichtbar wird.
Wenn ich trotzdem versuche, längst verklungene Tage auferstehen zu lassen, so ist es die Liebe zu einfachen Menschen und einfachen Verhältnissen, die Liebe zu Natur und Land, die mich, den seit Jahrzehnten in den Steinen der Großstadt verschütteten, zeitlebens nicht verlassen hat und mich drängt, von den Menschen meiner Heimat und ihrer Welt zu erzählen und ihre Landschaft zu lobpreisen.
München 7.12.1941
Mein Großvater August Trautner wurde am 6.12.1876 in Haag (Obb.) als 7.Kind des Kaminkehrermeisters und Bürgermeisters Johann Trautner geboren. Er besuchte das Lehrerseminar in Freising und trat im Jahr 1894 seine Stelle als Hilfslehrer in Neukirchen bei Teisendorf an. Nach 1 Jahr wechselte er nach Rieden bei Wasserburg und ein weiteres Jahr später an die Münchner Schwindschule. Im Jahr 1899 schließlich landete er an der neugebauten Dom-Pedro-Schule in München, der er – mit Unter-brechungen - bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1939 treu blieb. In München lernte er auch die Lehrerin Anna Roth kennen, die er 1914 heiratete.
Die beiden Söhne fielen im 2. Weltkrieg, eine Tochter lebt heute in den USA. Die zweite Tochter, meine Mutter, blieb in der Wohnung im Münchner Stadtteil Neuhausen, während August Trautner sich mit seiner Gattin in seinen Heimatort Haag zurückzog und dort Zeit fand, seine Jugenderinnerungen aufzuschreiben. Die Wohnung, die die Familie Trautner 1931 angemietet hatte, wurde erst 1999 aufgegeben.
August Trautner starb in Haag am 29.6.1963.
Die vorliegenden Schriften wurden von AT ausnahmslos in Sütterlin-Schrift in DIN-A5-Schulheften niedergeschrieben und mit eigenen kleinen Zeichnungen liebevoll. illustriert. Die Sütterlin-Schrift ist nur mehr der älteren Generation geläufig und die Hefte somit in absehbarer Zeit quasi nicht mehr lesbar. Über die einfache Umsetzung in eine für die Allgemeinheit verständliche Schrift hinaus verbinde ich jedoch noch weitere Wünsche und Ziele: Alle interessierten mögen einen Einblick gewinnen in das Bild des Menschen AT, das er uns hinterlassen hat, um damit einem Ahnen aus einer entfernten Generation ein wenig näherzukommen. Sie sollen aber auch die Lebensweise, das Umfeld und die Einstellung der Menschen der damaligen Zeit begreifen und reflektieren lernen. Die mehr als 100 Jahre, die seit der Kindheit von AT vergangen sind, sind vielleicht die 100 Jahre mit den meisten Veränderungen, was die Evolution, die Forschung und Entwicklung und damit auch direkt die Lebensumstände jedes einzelnen betrifft. In der Kindheit von AT hielt das Telefon nur sehr langsam Einzug in die Haushalte und es gab es weder Schallplatten noch Radio. Musik, die man hören wollte, musste man selbst erzeugen oder sich auf das sehr eingeschränkte Spektrum an „Live“-Musik beschränken, das im nahen Umkreis angeboten wurde. Als Fortbewegungsmittel gab es immer noch die gute alte Postkutsche, das Auto war noch nicht erfunden, beim Fahrrad war man gerade zögerlich dabei, vom Hochrad auf das Niederrad umzusteigen, die Kettenübersetzung und der Freilauf mussten dafür mühsam erfunden werden. Lediglich die Eisenbahn fuhr schon auf denselben Gleisen wie heute, allerdings dampfend und deutlich langsamer. All das ist erst 100 Jahre her, ein so überschaubarer Zeitraum, dass der Herausgeber als kleiner Knirps den Autor dieser Erinnerungen noch kennenlernen konnte.
Noch ein Wort zur Orthographie!
Der Leser aus dem angehenden 21. Jahrhundert wird mit Recht auf die aktuelle, chaotisch anmutende Situation verweisen. Die große Rechtschreibreform ist und bleibt umstritten und eine von allen akzeptierte Regelung ist nicht in Sicht.
Auch wenn es unglaublich erscheint, die Situation am Ende des 19. Jahrhunderts war noch chaotischer: Schon in der ersten Hälfte des Jahrhunderts gab es im Rahmen des deutschen Einheitsgedankens deutliche Bestrebungen, auch eine einheitliche Schreibweise zu definieren. Die Vorstellungen darüber gingen teilweise weit über das heute übliche Regelwerk hinaus. So war das „ss“ statt „ß“, das „t“ statt „th“, aber vor allem der Wegfall des Dehnungsvokals („war“ statt “wahr“) ein Vorschlag, der allerorts zu heftigen Diskussionen führte.
Im Jahre 1879 tagte die Erste Orthographische Konferenz, in der über diese Punkte heftig debattiert wurde und ein umfangreiches Empfehlungswerk verabschiedet wurde. Dieses wurde (nicht zuletzt durch Preußen unter Kaiser Wilhelm I.) vehement abgelehnt und die Länder führten daraufhin eigene abgeschwächte Rechtschreibregeln ein. So war in Bayern der Thron ohne „h“ zu schreiben, was viele boykottierten, mein Großvater aber anscheinend konsequent umgesetzt hat.
Erst im Jahre 1902 wurde endlich eine deutschlandweit gültige Reform verabschiedet, die sich im Prinzip bis vor kurzem so gehalten hat. Dabei blieb man beim „ß“, die Dehnungslaute verblieben fast vollständig, nur das „h“ hinterm „t“ verschwand größtenteils.
Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es müßig, eine Schreibweise vorzustellen, die allen Bedürfnissen des vorliegenden Buches gerecht wird. Ich habe mich deshalb für einen Kompromiss entschieden. Bei immer wiederkehrenden Grundformen wie „muss“ oder „dass“ habe ich mich schließlich dem hartnäckigen Reformstreben meines Computers gebeugt und sie in die heute übliche Schreibweise umgesetzt. Viele einzelne Worte aber wie z.B. Tron habe ich in der Originalversion belassen, damit der Leser auch über den damaligen Umgang mit der Schrift und Sprache ein authentisches Bild bekommen möge.
Wenn beim Lesen dieser Schriften letztendlich ein Teil der erwähnten Gedanken den Leser begleitet und darüber hinaus auch noch Freude am Inhalt den Leser durch die vielen Seiten treibt, so wäre das der beste Lohn für die Mühe, die ich die letzten Monate sehr gerne auf mich genommen habe.
In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern
ein vergnügliches Eintauchen in unsere Geschichte.
Herbert Fröschl
Enkel und Herausgeber
Das Elternhaus
Von Eltern, Geschwistern und Verwandten
Nachbarschaft
Schulanfang
Ajax
Kamelreiten
Erscheinung
Die erste lange Hose
Peter
Pfingstmarkt
Juniabend
Firmung
Die Meerschaumpfeife
Ein naturgeschichtlicher Bittgang
Der Mühlweiher
Der Ballon
Vom Schlossturm und seiner Geschichte
Eine wichtige Entscheidung
Der Schwammerlsucher
Kirchweih
Föhn
Der Zaubersee
Weihnachten
Kusine Anna
Reise nach Rosenheim
Der Abschied
Abb. 1: Elternhaus von Osten
Mein Elternhaus sah außen und innen recht einfach aus mit seinen gekalkten Wänden, grünen Türen und seinem ziegelsteingepflasterten Hausgang. Es mangelte alle die bequemen Dinge des Lebens, vom elektrischen Licht bis zur Badestube, dafür aber war es geräumig und gewährte Platz genug für unsere zahlreiche Familie und seine sonstige Hausgenossenschaft. Vor allem stand es hoch oben mitten im Sonnenlicht des Schlossberges umgeben von grünen Gärten und Büschen und es stand allein und frei, nicht eingeengt und eingezwängt von den Ellenbogen unbequemer Nachbarn wie die Häuser drunten im Markt. Es hatte Luft zum Atmen und bot eine weite Sicht in ein herrliches, fruchtbares Bauernland hinein bis hin zum blauen Gebirge.
Verschiedene Räume und Dinge darin sind mir in deutlicher Erinnerung geblieben, weil sie die Gefühlswelt meiner Kindheit tief berührten. Im ersten Stock, über der Wohnstube, lag das sogenannte „Schöne Zimmer“, das, zur Repräsentation bestimmt, sich uns Kindern nur bei besonderen Anlässen öffnete, bei hohen Besuchen und an den Weihnachtstagen. Es war dasjenige Gemach, wo aller Glanz und Prunk des Hauses angesammelt war. Wir verlangten außerhalb dieser Zeit gar nicht danach und fühlten uns beengt und unfrei darin, wie einer, der sich im Grase kugeln möchte, aber auf sein schönes Gewand Rücksicht nehmen muss. Dieses „Schöne Zimmer“ bewahrte die besten Möbelstücke meiner Eltern, zwei braune Kirschbaumkommoden mit riesigen Glasglocken über einem gipsernen Christus und einer ebensolchen Madonna, einen ewig wackelnden ovalen Tisch, geschnitzte Plüsch-Polsterstühle mit dem dazu passenden geschweiften Sofa, über dem ein großer goldgerahmter Spiegel prangte. In der Fensterecke lehnte ein kleines dreibeiniges Tischchen, das bei jeder Erschütterung umzukippen drohte, obwohl es eine pompöse Vase mit einem Strauß von getrockneten und gefärbten Gräsern, ein Markart-Bukett zu präsentieren hatte.
Als Glanzstück aber prunkte ein Glasschrank, der die Kostbarkeiten, die meine Mutter aus dem elterlichen Goldwarengeschäft in Rosenheim mitgebracht hatte, zur Schau stellte, Schmuckgegenstände, silberne Bestecke, vergoldete Geschirre und dergleichen. Auch einige merkwürdige Gegenstände befanden sich darin, so ein kunstvoll aus Glasperlen und menschlichem Haar geflochtenes Schmuckband und ein gläserner Lampenschirm, dessen Hals eine rote Schlange umringelte, wie der Teufel den Baum des Paradieses. Den Bretterboden hatte der Malermeister und Gemeindediener Kraus unter Mithilfe seiner dicken Frau mit einem geometrischen Sternenmuster bemalt. Ich sehe sie noch vor mir, die beiden, wie sie am Boden kniend mit einem Lineal und einem fingerdicken Bleistift maßten und hantierten, so liebevoll und gewissenhaft, als gelte es, ein unsterbliches Kunstwerk zu schaffen.
An den tapezierten Wänden hingen in Öl gemalte Jugendbildnisse meiner Eltern und zwei Landschaften, von denen die eine die Gesamtansicht von Haag mit dem Gebirgshintergrund, die andere unser Haus mit dem Schlossturm darstellte. Sie stammten von dem „Kunstmaler“ Gänsberger und waren so unbeholfen ausgeführt, dass sie selbst meinen ungeschulten Knabenaugen missfielen. Wahrscheinlich hatte sie der Vater nur wegen ihres Inhaltes und aus Mitleid mit dem armen „Künstler“ erworben.
Zwischen dem „Schönen Zimmer“ und unserer Schlafstube führte die Bodentreppe hinauf ins dunkle Maul des Dachraumes. Sie war für mich bis in die ersten Schuljahre hinein eine unbehagliche Angelegenheit. Rätselhafte und geheimnisvolle, flüsternde und raunende Stimmen gingen von ihr aus, die in unserem still und einsam gelegenen Landhaus besonders deutlich wahrnehmbar waren. Oft hörten wir sie, schon im Halbschlaf liegend, seufzen und stöhnen und ächzen wie einen Schwerkranken oder von schweren Träumen und Gewissensbissen Geplagten. Dann wieder glaubten wir, schwebende Tritte zu erlauschen, die höher kletterten und in den Winkeln des Dachbodens sich verloren. Diese Geräusche bereiteten uns Kindern manches Mal angstvolle Stunden, aber niemals konnten wir ihre Ursache ergründen.
Ebenso war die Rußkammer, die im rückwärtigen Teil des Erdgeschosses gegen den Garten zu gelegen war, ein
Abb. 2: Das Rußkammerl
Raum, den ich immer nur mit gelindem Gruseln betrat. Sie war die Gerätekammer unserer Gehilfen und enthielt die Werkzeuge für das ehrsame Kaminkehrergewerbe. Schwarze Leitern und Seile, runde Besen mit langen biegsamen Drahtstielen, blanke Scharreisen zum Abkratzen des Kaminpeches und die unheimlichen verrußten Kaminkehrermonturen.
Sie waren am Knie und am Rücken zwecks besserer Haltbarkeit mit Leim bestrichen und mit Sand bestreut, falteten sich infolgedessen im Hängen nicht zusammen, sondern starrten rund und ausgefüllt, als stecke wirklich ein Mensch darin, von den geschwärzten Wänden. Im Zwielicht der düsteren Kammer erschienen sie mir mit ihren verbeulten Zylindern wie leibhaftige Gehenkte und ich konnte mich der Vorstellung nicht ganz erwehren, als befände ich mich in einer mittelalterlichen Folterkammer, wo Gerichtete mit verzerrten Gesichtern und bleckenden Zungen zu mir heruntergrinsten.
Von hier aus führte die hintere Haustüre in den Garten. Sie stand tagsüber meistens offen und war die gegebene Gelegenheit für Diebe und Einschleicher. Dieser Umstand machte uns den Aufenthalt in der Rußkammer noch ungemütlicher und es wurde geradezu als eine Heldentat angesehen, wenn eins von uns Kindern es wagte, bei Dunkelheit mit dem Kerzenlicht in der zittrigen Hand einen Korb von hier aufgeschichtetem Kleinholz zu holen.
Um die Julizeit herum da allerdings erfuhr sie eine kleine Verwandlung nach der idyllischen Seite hin. Es bezogen acht bis zehn junge Gickerl ihr Quartier in der Hühnersteige des Raumes. Schon ihr bloßes lebendiges Anwesendsein, ihre Krähversuche und der Hühnerstallgeruch, den sie verbreiteten, nahmen dann der dunklen Kammer das Unheimliche und rückten sie in das Licht des Genusses und der frohen Lebensbejahung. Denn, nach 4 – 5 Wochen reichlicher Fütterung mit Milchbrocken waren sie gottlob reif für die Bratpfanne.
Mir waren sie liebe Hausgenossen und ich bangte um sie in den Tagen, da eins nach dem anderen den Weg zum Schafott antreten musste. Es war so unterhaltend, ihnen zuzuschauen, wenn sie bei der Fütterung ihre Köpfe zwischen den Sprossen der Steige herausstreckten und mit ruckartigen Bewegungen und harten Schnabelhieben die hastigen Bissen herauspickten bis zum letzten Bröserl und ich freute mich, wenn ihre schüchternen und halb erstickten Kikeriki-Rufe mich frühmorgens aus dem Schlafe weckten. Nie verließ ich das Haus, ohne vorher nachgesehen zu haben, ob sie denn noch kein Ei gelegt hätten.
Mein Bruder Pepi trieb sein besonderes Spiel mit ihnen und bereitete ihnen manche Tantalusqualen. Er rückte die Futterrinne so weit weg von der Steige, dass die armen Gefangenen sie kaum mehr erreichen konnten und nun die absonderlichsten und wunderlichsten Bewegungen und Verrenkungen der Köpfe und Beine anstellten, um ihre Fressgier befriedigen zu können. Oder er band einen Brocken an einem Bindfaden fest und riss ihn dem dummen Gickerl just in dem Augenblick wieder aus dem Schnabel, als es sich anschickte, den köstlichen Braten zu verschlucken. Dann zuckte es seinen rotbekämmten Kopf, schaute furchtbar dumm und verdutzt, als wollte es sagen: Nanu, sind denn heute die Milchbrocken verhext?
Unser kleiner Garten wurde auf der einen Schmalseite vom Haus, auf der anderen von einer mit Lattenwänden abgeschlossenen Holzlege begrenzt. Dicke meterlange Fichtenscheiter, aus deren Rinde wir uns niedliche Schifflein schnitzten, lagen hier aufgeschichtet und von Zeit zu Zeit kam der alte Kiermeier mit Säge und Beil und zersägte und spaltete sie zu Kleinholz, wie es der Küchenherd und der Ofen im Wohnzimmer verlangte. Die Holzlege stand mit ihrer Längsachse rechtwinklig gegen den Hang, so dass ihr schiefes Bretterdach bergwärts dem Erdboden sehr nahekam und unter Ausnutzung des Gartenzauns leicht bestiegen werden konnte. Ein großer Holunderstrauch vom angrenzenden Hofgarten überwölbte den oberen Teil des Daches und bildete eine herrliche grüne Laube. Hier errichteten wir, mein jüngster Bruder Rudi und ich, uns ein heimliches Reich. Von seiner Höhe aus konnten wir auf die Welt der Großen herabsehen wie weiland die Grafen von Haag von ihrem Schlossturm, konnten die vorüberkommenden Menschen und Tiere und Fuhrwerke beobachten und waren selbst ihren Blicken verborgen. Wir konnten die kleine Welt um uns in Ruhe betrachten, in die Dachrinne vom anschließenden erdgeschossigen Häusel der Maierhoferin schauen, wohin die Pflaumen- und Zwetschkenbäume vom Hofgarten ihre blaubestaubten Früchte schüttelten, die wir mühselig herausangelten. Oder wir lugten scheu und vorsichtig in das heimelige Nest eines Finkenpaares in einer Astgabel des Holunderstrauches, wo kleine bläuliche Eierchen darin lagen und später ein lebendiger Flaumknäuel, der nach allen Seiten hin seine gelben Schnäbel aufsperrte, wenn die Vogelmutter angeflogen kam. Wir konnten die Ameisen beobachten, die an den Zweigen heraufkletterten und über die Blattläuse sich hermachten, die in großen Kolonien sich angesiedelt hatten auf dem Laub unseres schattigen Daches.
An warmen Sommertagen saßen wir oft stundenlang da oben in dem grünen Zelt, schafften Gras hinauf, um uns ein weiches Lager vorzutäuschen und nahmen sogar Bilderbücher und Spielzeug mit hinauf in unsere luftige Burg. Viele Jahre blieben wir ihr treu, bis dann das Älterwerden unseren Spielkreis auf die weitere Umgebung unseres Hauses ausdehnte, Diese Umwelt war als Spiel- und Tummelplatz ein unausschöpfbares Reich der Lust und Freude, ein Paradies für kindliches Tun und Treiben.
Am Schlossberg grünten sonnige Hänge, wo im März schon die ersten Veilchen blühten, unter den säumenden Hecken und Büschen am Hofgarten boten die Kronen der 100-jährigen Linden und Ahorne Gelegenheiten zu verwegenen Kletterkünsten und im Gründnergarten beim Schloßsimmerl sowie bei der Brunnerin leuchteten im Frühling die weißen Blütensträuße vieler Obstbäume, die uns im Herbst ihren begehrten Segen ohne Entgelt in den Schoss warfen. Die halbverfallenen Mauern der einstmals umfangreichen Feste der Grafen von Haag bargen stilles Gewinkel, heimliche Verstecke und verborgene Schleichpfade genug für unsere kriegerischen Unternehmungen.
Über allem wachte als getreuer Schildknappe der Alte vom Berge, der blockige Schlossturm, der heute noch den ganzen Umkreis beherrschend als Wahrzeichen von Haag und seiner Umgebung fest und trutzig steht auf dem höchsten Punkt des Schlossberges. Ein Riese aus der Bauzeit des frühen Mittelalters, ragt er 42 Meter hoch empor und seine vier Ecktürmchen weisen genau nach den 4 Himmelsrichtungen. Gneis- und Granitblöcke der Inngletschermoränen türmen seine übermeterdicken Mauern, deren Antlitz Wind und Regen von Jahrhunderten verwittert und zerfurcht haben. Noch steht mir die frohe Welt dieses Kinderparadieses in so zauberischem Licht vor der Seele, als wäre es der schöne Garten Eden gewesen in welchem ich die Morgenträume meiner Kindheit träumte.
Mein Vater war Kaminkehrermeister eines Kehrbezirks von etwa zwei Dutzend Ortschaften, aber nie bekam ich ihn in der Tracht seines schwarzen Gewebes zu sehn, da er schon in verhältnismäßig jungen Jahren den Besen aus der Hand gelegt, die Kehrarbeit seinen Gehilfen überlassen und sich auf die Verwaltung des Geschäftes beschränkt hatte. Dafür hatte ihn sein Wissen und Können, sein kluger Verstand und sein klares Urteil, seine Gewandtheit in Wort und Schrift und seine unbestechliche gerade Art das Amt des Bürgermeisters der Marktgemeinde Haag überantwortet, das er 24 Jahre lang gegen einen geringen Ehrensold ausübte, wofür ihm die Gemeinde die Würde eines Ehrenbürgers zuerkannte. Der Tag der Bürgermeisterwahl verursachte immer eine kleine Aufregung im Hause, weil die ganze Familie den Ehrgeiz besaß, den Vater an der Spitze der Bürgerschaft zu sehen und zu den Honoratioren des Ortes zu zählen.
Das Amt beanspruchte ihn meistens nur in den Vormittagsstunden, ließ ihm größte Freiheit in der Verwendung seiner Zeit und in der Einteilung seiner Arbeit und da ihn auch keine besonderen geschäftlichen Sorgen bedrückten – denn unsere Kunden waren uns gewissermaßen gesetzlich verpflichtet – so kann man wohl sagen, dass Vater ein freies, frohes Leben führen konnte, das durch die glücklichen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Zeit nach dem siegreichen Kriege 1870/71 nur weiter begünstigt wurde.
Im Frühjahr und Herbst ging er auf die „Feuerb’schau“ um die Kaminanlagen seines Bezirkes auf ihre Feuersicherheit hin zu prüfen. Wie beneideten wir unsren lustigen Hund, den Belli, der seinen Herrn begleiten durfte. Wie schön muss das gewesen sein, dieses Wandern ins Bauernland hinein, von Ortschaft zu Ortschaft, von Gehöft zu Gehöft in das hügelreiche Gebiet von Oberornau, Reichertsheim und Kloster Au oder in die Waldgegenden von Mehring und Maithenbeth. Wie köstlich die heitere Zwiesprache mit den einfachen Leuten, die alle den sozial eingestellten allzeit witzigen Bürgermeister kannten und hochschätzten. Wie erfrischend die fröhliche Einkehr in der gemütlichen Stube eines Dorfwirtshauses bei Gselchtem mit Kraut und schäumenden Braunbier. Wir konnten leider nie mit, aber dafür brachte uns der Vater nicht bloß eine frohe Laune mit nach Hause, sondern noch andere gute Dinge: Ostereier, Äpfel, Nüsse und Kletzen, die die Landleute ihm für die Kinder mitgegeben.
Er war ein lebhafter, humoriger Kopf, mein Vater, liebte einen Kreis von Gleichgesinnten um sich und versäumte nie die Gesellschaftsabende, die immer dieselben Bürger und Beamten zusammenführten, wobei nur die Gasthäuser wechselten. Sie trafen sich beim Schex, beim Schwinghammer, auf der Post oder an lauen Sommerabenden besonders gerne im Hofgarten, wo unter den träumenden Kastanien im Anblick der weiten ruhenden Landschaft das Bier aus der Graf Moy’schen Brauerei besonders angenehm die Kehle streichelte.
Abb. 3: Mein Vater
Ihre Gedanken und Reden kreisten im ruhigen Bewusstsein ihrer soliden, durch Tüchtigkeit und Fleiß erworbenen Sesshaftigkeit um Ereignisse und Erfahrungen ihres engen kleinbürgerlichen Lebens und fanden schwer aus dem eigenen Gartenzaun hinaus. Sie brachten für Vaters Ideen, der als großer Bismarckverehrer temperamentvoll für engeren Zusammenschluss des kaiserlichen Deutschlands und Beseitigung konfessioneller und politischer Schranken eintrat, ebenso wenig Verständnis und Interesse auf wie für die beginnenden sozialen Kämpfe, deren Sprenggeschosse sie noch nicht verspürten, denn hier in dem kleinen Landorte bestanden noch patriarchaische Verhältnisse zwischen Meister und Gesellen. Sie aßen an einem Tisch, tranken aus einem Krug und schliefen unter einem Dach. Konnte wohl sein, dass der eine oder andere einmal den Kopf höherstreckte, aber über die Donau sah er nicht.
Sie stehen noch lebendig vor mir, die damaligen Freunde meines Vaters: Der Gerbermeister Xaver Rambold, der in seinem ganzen Leben keine eigene Meinung aufbrachte und zu allen, auch den gegenteiligsten Ansichten, Ja sagte, der intelligente, liebenswürdige und geschäftstüchtige Kaufmann Schreyer, der Apotheker Mühleisen, der immer wieder die wissenswerte Tatsache feststellte, dass er eigentlich nur das Schex-Bier vertragen könne, der rechthaberische Schneidermeister Simmet, von dem mein Vater erzählte, er sei der erste Rote, der erste Sozialist in Haag und predige immer von Gleichheit und Brüderlichkeit und Arbeiterrechten, der vornehme, zurückhaltende Oberamtsrichter Laturner, für dessen junges schönes Töchterlein, der unnahbaren Göttin, ich in meinen Jünglingsjahren ein stilles Altärchen aufgestellt hatte in meinem Herzen.
Viel Freude machte dem Vater das Violinspiel, darin er es zu einer bemerkenswerten Fertigkeit brachte. Er spielte regelmäßig beim sonntäglichen Hochamte auf dem Kirchenchor. Auch geschah es öfters, dass er des Nachmittags, in der Wohnstube auf und abgehend, Lieder und Märsche eigener Phantasie seiner Geige entlockte, die dann der Kapellmeister Schußmüller in Blechmusik umsetzte und sie beim Neujahrsanblasen oder gelegentlich eines Ständchens beim Bürgermeister wieder zum Besten gab.
Der Vater konnte aus geringfügiger Ursache aufbrausen und heftig werden, dagegen war er wehrlos gegen Bittende. Wenn der in kargen Verhältnissen lebende Vetter Trautner, ein kleines bescheidenes und wehmütiges Männchen mit langem Försterbarte, zuweilen zu uns kam und murmelnd seine Bitte um Unterstützung vorbrachte, fand er immer eine offene Hand. Seine Gegenleistung als Nikolaus oder Kasperspieler allerdings konnte uns Kindern in keiner Weise genügen, dazu hatte ihn seine dürftige Phantasie nicht berufen.
Im Geben waren Vater und Mutter sich vollkommen einig, denn Mutters ganzes Wesen war Selbstlosigkeit und Güte. Vielleicht lag es weniger in ihrer Natur, die Zärtlichkeit, die sie für uns Kinder im Herzen trug, zu zeigen, dafür war sie nie von Launen beherrscht, blieb sich immer gleich in ihrer Treue zur Familie, in ihrer unermüdlichen Tätigkeit in Küche und Haus, nach keiner anderen Ehre strebend, als gute Frau und Mutter zu sein. Obwohl sie uns Kinder stets zur Erfüllung unserer religiösen Pflichten anhielt und denselben auch sich selbst nicht entzog, war sie in ihren Ansichten über die Welt und ihre göttliche Ordnung großzügig und freidenkend und unbeschwert von konfessionellen Fragen und Grenzen. Ihre innere Stärke offenbarte sich so recht erst in späteren Jahren, da unser Familienschiff in Sturm und Not geriet und zu stranden drohte.
Mutters anspruchslose Art fand es ganz in der Ordnung, dass der Vater mindestens einmal in der Woche abends seine Lieblingsspeise, einen „Boanling“ (gesottene Kalbshaxe), den er sich auf einem Holzteller bringen ließ, ohne Zutaten nur mit Pfeffer und Salz gewürzt ganz für sich allein verzehrte, während sie sich wie die Kinder mit einem Kaffee begnügte oder einem Krügerl Bier, in das sie eine Semmel schnitzelte und die „Bierbrocken“ auslöffelte wie eine Milchsuppe. Ebenso fand sie es in Ordnung, dass der Vater ziemlich regelmäßig an den Sonntagen nach der Kirche seinen Schoppen trank beim Weinwirt Kefer, während zu Hause nur an besonderen Festtagen oder an Mutters Geburtstag ein Fläschchen Malaga auf den Tisch kam.
Das Bürgermeisteramt des Vaters brachte es mit sich, dass die Eltern abends manchmal ausgingen, wenn der Turnverein Sylvester feierte oder die Schützengesellschaft einen Ball veranstaltete. Dann konnten wir Kinder die Mutter bewundern in ihren feierlichen schwarzen Seidenkleid und im Schmuck einer alten ovalen goldenen Brosche, die sie sich bei solcher Gelegenheit ansteckte, ein Erbstück aus dem Hause ihres Vaters, des Juweliers Daumann von Rosenheim.
Abb. 4: Elternhaus v. Westen
Die Mutter war gewiss noch jung genug, um mit Freude ein stattliches Kleid zu tragen und einen schönen Schmuck, aber ich glaube, noch viel lieber trug sie die Sorgen um die sechs Buben und zwei Mädels, die unter ihrer sorgenden Hand heranwuchsen und die ganze Kraft ihrer starken Seele beanspruchten.
Es ergab sich von selbst, dass bei einem Altersunterschied von zwölf und mehr Jahren zwischen den ältesten und jüngsten Jahrgängen Gruppen sich bildeten innerhalb der großen Kinderschar, die von gleichen Wünschen und Trieben und Erlebnissen zusammengeschlossen wurden. Meine zwei ältesten Brüder Fritz und Hans standen schon in den letzten Jahren ihres Studiums, kamen nur mehr in den Ferien nach Hause und suchten sich da gleichaltrige Kameraden, meine Schwestern tanzten schon mit „Giselafransen“ und fliegenden Zöpfen in das reifere Backfischalter hinein, während wir zwei Jüngsten, mein Bruder Rudolf und ich noch die Hosen zerrissen an den Zäunen und im seligen Kindertraum vom Nikolaus und Christkind dahinsegelten.
So knüpfen sich die Erinnerungen an die Jahre meiner Kindheit am lebhaftesten an die meinem Alter am nächsten stehenden Geschwister, Pepi und Rudi. Aber Pepis beflügelte Phantasie entschwebte schon in jungen Jahren dem engen Rahmen meines kindlichen Spielkreises in Höhen, denen ich um drei Jahre jüngerer nicht folgen konnte und da ich als sein nachgeborener Bruder das Erbe seiner abgelegten Hosen, Hüte und Krawatten antreten musste, gab es öfters Reibungen, Entladungen und Funken. Ich schloss mich daher umso inniger mit meinem gefügigeren und um vier Jahre jüngeren Bruder Rudi zusammen. In den folgenden Geschichten und Erinnerungen war er fast immer Beteiligter und Miterlebender.
Wenn ich mir zum Schluss noch das Bildnis von Vaters Schwester, der Frau des Bäckermeister Melzl drunten am kleinen Kirchplatz in die Erinnerung zurückrufe, so sehe ich ein rotes Gesicht mit kleinen zwinkernden Augen, eine noch rötere Nase und höre eine heisere Stimme, die immer weinerlich und wehleidig klang, auch wenn sie etwas Lustiges erzählte Und der Rahmen dieses Bildnisses ist mit reschen Spitzeln geziert und einem großen zuckerigen Allerseelenzopf. Die Spitzeln, die merkwürdigerweise häufig mit abgebissenen Enden zur Ablieferung kamen und der kunstvoll geflochtene Allerseelenzopf, der alljährlich am 2.November als Geschenk für die Kinder vom kleinen Kirchplatz zu uns herauf wanderten, das waren die einzigen Verbindungswege zur Tante Melzl.
Abb. 5: Tante Melzl
