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„Weit entfernt von jeglichem Wohlwollen war es schon Förderung, übersehen zu werden. Das nutzte Es-chen für sich. Das ließ seiner Seele Zeit zum Wachsen und schenkte ihm ungeahnte Freiräume. Darum hat es schon früh gelernt, sich unsichtbar zu machen und gut schlecht hören zu können. Abgelegene Winkel, dunkle Verstecke, dichter Wald, Einsamkeit, auf Bäumen hocken, hinter Ecken stecken und vor allem, mit dem guten alten Panjepferd Mäxchen unterwegs sein, das war Schutz vor Willkür und Grobheit. Das war Freiheit und Abenteuer.“ Die Autorin Gudrun Beckmann lässt in Episoden und kleinen Begebenheiten ihre frühe Kindheit von 1945 bis 1960 lebendig werden. Die Geschichten ereignen sich auf einem abgelegenen Einzelgehöft in den bergigen Wäldern im südlichen Sauerland. Der Weg des Bauernkindes als jüngstes von drei Geschwistern scheint vorbestimmt zu sein durch die harte bäuerliche Arbeit, den Zeitgeist und die Lebenseinstellung seiner Mitmenschen. Leserinnen und Leser schauen in die Seele des kleinen Kindes und werden ein Stück mitgenommen in seinen Alltag und seine kindliche Vorstellung von der Welt. Sie begleiten seine Neugier, seine Missgeschicke und Glückseligkeiten, bis sein Werdegang durch eigenes Tun, Verweigerung und Widerstand zur Selbstbefreiung führt. Betrachtungen über die Bedeutung von Vergangenheit und Erinnern ergänzen die Erzählungen. Illustriert ist das Buch mit Fotografien und Kinderbildern.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2021
Mien Kingerland (M. Linde)
Meine Kindheit, meine Zeit
Mein Name sei: ES
Vom Wert der Worte
Winter
Am Teich
Böse Ahnungen
Im Wiesental
„Dampe Kamel“
Kleine Fluchten
„Kuhmagd!“
Was ein Häkchen werden will, ...
Der Lauscher an der Wand
Im Fenster
Der Liebe Gott sieht alles
Es-chens Schulweg
Schule
Der Globus
Verloren und vergessen
Papa und Mama
Zeigt her Eure Füße, zeigt her Eure Schuh
Wer schön sein will, muss leiden
Die Welt der Bücher
Pferde
Apropos Kultur
Poesie und Lyrik
Geige, Flötenspiel, Turnen und Ballett
Wünschelrute
Sehnsüchte und Träume
Spielen
Feste feiern
Unsinn
Mein Kätzchen, mein Schätzchen
Geliebte Menschen
Genuss
Geschwisterneid
Ganz schlecht!
Gerüche, die Es-chen begleiten
Am Waschtag
Baden
Das Klohäuschen
Bestätigung
Neue Wege
Abschied vom Kingerland
Heimat und Vaterland (E. M. Arndt)
Ich erinnere mich
Es-chen mit Mutter, drei Monate alt
Wat wärs du so klein, du mien Himmelriek,
mien gülden Kingerland,
van diear ollen Esche am Müöllendiek
bis an dian Stejnkuhlenrand.
Van diär Eike, wovan noch dei Stuken vertellt,
bis do, wo dei Giarns nu sind,
do was mien teheejme, do was miene Welt,
do hef ieck e’spielt ase Kind.
Wat wärs du so klein, du mien Kingerland
un kämes so groeut mie doch vüar;
ieck hewwe diar Stiekes so vielle do kannt,
ieck kam nit im Dage derdüar.
In Binsen un Blaumen, in Gilstern un Gras,
wo im Wiesken die Biecke flout,
wo dat Baukfinkennest im Fliernboum was,
wat was miene Welt doch so grout.
Doch at ieck die richtige Welt es e’seihn
un dei wie Welt es e’kannt,
do dacht ieck: „O wärs du noch ejnmol so klein,
so klein at mien Kingerland“.
Fritz Linde (1882 bis 1935)
ist ein bestimmter Ort in einer besonderen Zeit. Hier erzähle ich aus meinen ersten 14 Lebensjahren, Nachkriegsjahre. Die Geschichten spielen auf einem abgelegenen Einzelgehöft in den bergigen Wäldern im südlichen Sauerland. Der Zeitgeist und die Lebenseinstellung der Menschen bereiten meinen Lebensweg. Er ist Unendlichkeit, Hoffnung, Neugier, Lernen. Es ist Geschichte aus Erfahrung und eigenem Tun, aber auch Verweigerung, Widerstand und Selbstbefreiung.
Geboren 1945, war meine frühe Kindheit überschattet vom Geist des Nationalismus. Der spukte mit all seinen Begleiterscheinungen in den Köpfen der Erwachsenen herum. Die haderten nach dem „verlorenen“ Krieg mit den verlorenen Chancen und dem entgangenen Nutzen, aber auch mit dem Bruch in ihrem Hierarchie- und Herrschaftsdenken. „Wir sind die Herrenmenschen. Wir gehören zur Herrenrasse“. In ihrer Enttäuschung verstärkten sie ihre Anstrengungen, mehr scheinen zu wollen, als sein zu können, denn „unsere Väter waren schließlich Millionäre“.
Verlustgefühl und das Gefühl, verkannt zu werden, weil der edle Bauernstand sein Ansehen eingebüßt hatte, schürten ihre Überheblichkeit: „Arm‘ Lue is kudderig Volk“. „Flüchtling“ war Abwertung, Schimpf und Schande. Fremdenhass war an der Tagesordnung trotz oder wegen der jahrelangen Dienste von Fremd- und Zwangsarbeitern. Das alles war ja verloren. Alles musste man selber machen. Das Fremde und Unbekannte galt jetzt mehr denn je als schlecht, falsch und gefährlich. So schweißt man Familienbande zusammen.
Ausgrenzung und die Verachtung von Flüchtlingen und Arbeitern als arbeitsscheuem Gesindel und Gesocks, Ignoranz und Verleugnung von Entwicklungen und Tatsachen gehörten zum Alltag. Man machte sich Luft: „Unter Adolf hätte es das nicht gegeben!“ Sie saßen beieinander und beteuerten sich gegenseitig mit beschwörenden Stimmen: „Wir haben ja nichts geahnt!“
Die Schuldfrage gab es nicht. Ihre Sprüche waren nicht einmal zynisch gemeint, wenn geschimpft wurde, war man ein „Zigeuner-“ oder „Judenbalg“, etwas Langwieriges machte man „bis zur Vergasung“. Wenn man stolperte, war meist „ein Jude begraben“. Warum? Weil die „jüdische Hakennase“ aus der Erde ragte? Muss denn all das heute erklärt werden?
Sie waren sich ihrer misslichen Situation bewusst. Es hatte bessere Zeiten gegeben, aber die waren durch Großvaters Handel und Wandel schon lange vor dem „Tausendjährigen Reich“ verspielt. Ein Tabu-Thema. Der Hof war ein durch Erbteilung geschrumpfter, verschuldeter Kotten, veralteter, unwirtschaftlicher Bauernhof. Also werteten sie vorsichtshalber alles Unerreichbare um: „Schuster bleib‘ bei deinen Leisten!“
Mit diesem Denken wird Vieles unerreichbar.
Meine Kindheit habe ich aufgegeben, abgegeben, mir vergeben, verfliegen lassen, verloren geglaubt und lange Zeit nicht wertgeschätzt. Ich habe sie vergessen, aber nicht verdrängt, sie einigermaßen gut überstanden, geschafft, hinter mich gebracht, nicht mehr gebraucht. Bin ihr entronnen. Ohne geflohen zu sein, habe ich sie hinter mir gerinnen lassen, sie gut überlebt.
Und so hat sie sich nach einer Weile überlebt. Ich habe verzehrt, was genießbar, wenigstens essbar war, obwohl ich sie hungernd nach Zuwendung und Anerkennung verbracht habe. Habe sie herumgekriegt im Zeitraffer. Die Zeit hat sie hingerafft. Vieles habe ich schicksalhaft verstreichen lassen. Aber ich habe auch genossen mit Riechen, Schmecken, Fühlen, Sehen, Hören, habe getrotzt, mir mein Leben ertrotzt, mich vor Schlimmem bewahrt.
Die Erwachsenen waren zu sehr mit ihrem schweren Alltag, mit der bäuerlichen Arbeit und sich selbst beschäftigt, als dass sie sich um ihre Kinder hätten kümmern können. Deren Zukunft war bereits mit ihrer Geburt festgelegt: Die Älteste soll etwas lernen, der Sohn erbt den Hof und die Jüngste bleibt als billige Arbeitskraft und Pflegeversicherung der Eltern auf dem Hof.
Diese traditionsgemäß bäuerliche Sichtweise bedeutete für mich, der jüngsten Tochter, die eigentlich gar nicht gewollt und als unnützer Esser eher lästig war, neben frühen Zwängen und Kinderarbeit ungeahnte Freiräume, sobald ich unsichtbar und damit nicht verfügbar war.
In meinen Erzählungen gebe ich dem kleinen Mädchen keinen Namen. Es ist Es, weil es so winzig war, nur ein Mädchen und schwächlich dazu, also unnütz in den ersten Jahren. Es war störend, lästig und nervend, bis man es „an die Arbeit tun“ konnte.
Seine Bedeutungslosigkeit schenkte ihm Zeit und Gelegenheit, seine vielfältige Umwelt zu erkunden, in und mit der Natur zu leben, sich zu stärken und seinen Einfallsreichtum zu entwickeln.
Ihr werdet’s sehen.
Meine Kindheit betrachte ich wie eine Kapsel um meinen Persönlichkeitskern. Sie ist mein Eigentum. Sie ist aber auch geschundene, verwunschene, verschwundene, gestundete Zeit. Meine Zeit. Sie ist mein Hoffnungsträger. Ich hatte stets ein Ganzes vor mir, ein ganzes Leben. Als ich von Zuhause wegging, glaubte ich nicht an mich, dazu war ich zu verletzt, zu gedemütigt und zu schwach und klein gehalten. Doch ich glaubte an meine Zukunft mit all ihren irgendwann sichtbar werdenden Möglichkeiten. Davon träumte ich, vom Aufbruch und von der Offenbarung.
Pause bei der Kartoffelernte Es-chen hat den Korb mit Kaffee und Broten gebracht
Ein Name ist nach der aktuellen wissenschaftlichen Forschung, ein verbaler Zugriffsindex auf eine Informationsmenge über ein Individuum. Namen sind somit einer Person, einem Gegenstand, einer organisatorischen Einheit oder einem Begriff zugeordnete Informationen, die der Identifizierung und Individualisierung dienen sollen, soweit Wikipedia.
Ich erinnere mich. Namentlich. Mich erinnere ich. Ich als kleines Mädchen erzähle heute von diesen Erinnerungen aus früher Kinderzeit. Nun bin ich gespannt, was ich entdecke und wie es mir mit ihrer Wiederbelebung geht. Ich lasse das alles geschehen.
Welche Form nimmt meine Erinnerung an?
Welche Worte und Sätze finde ich dafür?
Was hole ich herauf und was wiederhole ich?
Was hole ich ein?
Und wie beschreibe ich sie?
Schreibe ich von mir oder von einem Kind?
Wie wird das kleine Mädchen heißen?
Was wird aus ihm, während ich seinen Werdegang beschreibe?
Ich will mich nicht zu stark identifizieren mit dem kleinen Mädchen, von dem hier erzählt wird. Ich werde mich beim Erzählen engagieren. Ich gestehe der kleinen Person ihre ureigenste Persönlichkeit zu. Darum muss ich einen Namen finden, der ihrer Identifizierung und Individualisierung dient, aber nicht belastet ist mit Werten und Bedeutungen. Darum schreibe ich nicht unter meinem Namen.
Mein Taufname ist intim. Er gehört mir als Erzählerin. Er ist mein zufälliges Eigentum. Anonymität oder etwas Distanz tut gut. Ich wünsche keine Enteignung durch eventuelle Leserinnen und Leser. Sie schlussfolgern nach ihrem Gutdünken und setzen vielleicht Gestern mit Heute gleich. Leser urteilen entsprechend ihrer eigenen Anschauung mit ihren eigenen Werten. Sie wissen wahrscheinlich besser als das kleine Mädchen, wie es die Welt hätte sehen müssen und was es richtigerweise hätte tun sollen.
Der Funktion der Namensklarheit wird hier also nicht Genüge getan. Ich gebe als Erzählerin meinen Namen nicht her. Dem Namen nach wäre ich nämlich die, „die das Geheimnis der Götter kennt“, „die den Kampf Kündende“. Ich will hier nicht bedeutungsschwer „benamt“ sein als die, die Kampf und Kraft, Geheimnis und Zauber in ihrem Namen trägt, aber auch der Vorbestimmung folgen muss, die leidensfähig dem Schicksal ins Auge zu blicken und die Mühsal, Verlust und Armut zu tragen hat. Das wäre auch dem kleinen Mädchen selbst nach vielen, vielen Lebensjahren zu viel.
Ohne lange nachzudenken, wählten meine, das heißt seine Eltern 1945 seinen Vornamen. Er war gerade hochmodern. Sie wussten nicht, dass er so bedeutungsschwanger, so ernst, ja sogar prophetisch ist, dass er Sinn und Aufgabe zugleich beinhaltet. Wenn sie es geahnt hätten und es sie interessiert hätte, ob sie ihn dann gewählt hätten?
Ich will als Erzählerin der kleinen Persönlichkeit also einen Namen geben, der ihrer würdig ist, der sie nicht festlegt und einengt. Einen, der eine positive Sichtweise auf die Person ermöglicht. Es soll ein Name sein, der frühere Wahrnehmungen widerspiegelt und der Entwicklungen zulässt. Warum ich als Erzählerin keinen neuen Namen erfinde? Jeder andere Name hätte dem Menschlein eine neue, fremde Identität gegeben. Es wäre damit ein anderer Mensch zu beschrieben gewesen. Die Person würde vielleicht ungewollt mit anderen Bedeutungen assoziiert und zu etwas ganz anderem tendieren.
Es bleibt es. Über Es-chen wird wohlwollend berichtet. Es besteht die Chance, dass alles gut wird. Es gefällt mir, der Erzählerin. Das kleine Mädchen gefällt mir auch. Ich könnte es dabei belassen, aber der Begriff Mädchen kommt von Magd. Diese Festlegung mag ich nicht wiederholen. In meiner Herkunftsfamilie büßte jemand mit dem Status „Magd“ all seine Würde, Selbstbestimmung und Freiheit ein. Eine Magd war verfügbar, hatte Befehlen zu gehorchen und konnte nach Lust und Laune bevorzugt oder verstoßen werden. Willkür pur! „Wenn’s ihr zu wohl geht, geht die Kuh aufs Eis“, war ein Spruch, wenn die Bediensteten zufrieden waren. Darum wurden Mägde kontrolliert und kurz gehalten, geistig, seelisch, materiell.
Als „kleine Kuhmagd“ bezeichnet zu werden, war mehr, als nur ein Makel. Es beinhaltete die Gefahr des Beschreiens. Es war Ausdruck einer Vorsehung – „Vorsehung“ gesprochen mit offenem „O“ und gerolltem „R“ wie der „Führer“ das betont hatte, das war ein gern und oft verwendeter Begriff des Hausherrn. Der Duden sagt, dass seit dem 17. Jahrhundert der Begriff „die kleine Magd“ oder „das Mägdelein“ zusammengezogen wurde zu „Mädchen“ oder „Maid“ und viele Bedeutungen erfahren habe. Nicht nur Kind weiblichen Geschlechts oder jüngere weibliche Person, sondern auch unberührtes, unverheiratetes Mädel. Was im Holländischen „Matjes“ heißt, war hier „Freundin eines jungen Mannes“.
Im Sprachgebrauch meiner Herkunftsfamilie ist „unser Mädchen“ gleich Hausmädchen. Sie meinten damit ihre Dienst- und Zimmermädchen, auch Perle, Stütze, Minna genannt. Knechte und Mägde waren so etwas wie ein eigener „Stand“. Ohne sie wäre zwar die Wirtschaft zusammengebrochen, dennoch waren sie minderwertig. Familienanschluss gab es nicht. In der Hofhierarchie hatte der Bruder als sogenannter „Erbhofbauer“ Weisungsrechte gegenüber dem Gesinde. Das kleine Mädchen allerdings stand noch unter den Mägden. Daran gab es keinen Zweifel. Und auch daran nicht, dass seine Zukunft auf dem Hof lag. Die Mägde behüteten und pflegten es und übten ihm gegenüber ihren Einfluss aus.
In dieser Erzählung soll darum von ihm als „Es“ die Rede sein. Das charakterisiert seine Rolle am besten, es ist ein Neutrum. Es ermöglicht der Erzählerin Distanz, etwas Neutralität. In der Familie war das kleine Mädchen nicht mehr als ein Etwas, beinahe wie etwas Zugelaufenes. Man fütterte es durch, weil es später als billige Arbeitskraft von Nutzen sein sollte.
Es war klein und alles was klein und schwach ist, ist unbedeutend und minderwertig. Solange es nicht störte, ließ man es. Es war nicht wert, beachtet zu werden. Das traf generell auf die meisten weiblichen Menschen zu.
Erst ab einem bestimmten Alter wurde für die Männer auf dem Hof ein Mädchen interessant, als Sexualobjekt, wenn es reif, prall und willig war, sofern es diensteifrig war und den Mund hielt.
Männer nahmen Mädchen nicht ernst, machten sich über sie lustig. „Weiber quatschen hinten aus dem Kopf!“ „Heirate nicht, dann ist die Mark nur noch fünfzig Pfennig wert!“.
Ein Mann konnte testen, wie weit man gehen kann und wie sich das anfühlt, wenn man ein Mädchen abwertet, lächerlich macht, wenn man es schlecht und sich gefügig macht. Wie weit kann man gehen, bis es bettelt und weint? Wie viel Druck und Kontrolle kann man ausüben, damit es gefügig bleibt? An einem Mädchen konnte man Einfluss, Macht und Gewalt einüben, sich als Mann beweisen und damit prahlen.
Solange das Mädchen nur klein genug bleibt, bleibt ihm Einiges davon erspart, doch was es nicht am eigenen Leib erfährt, erfährt es doch in seiner Seele. Das machen die Erinnerungen deutlich. Darum möchte die Erzählerin auch die weibliche Kindheit des kleinen Mädchens zurückholen, sie darstellen und nachfühlen. Sie möchte dem kleinen Mädchen seinen Wert und seine Selbstwahrnehmung lassen. Seine Ideen, seine Ängste und Sehnsüchte, seine Träume und Eigenheiten, seine Begrenzungen und seine Entwicklung werden dargestellt.
Sie möchte versuchen, ihm gerecht zu werden. Kann sie das als Erzählerin heute überhaupt? Sie nimmt sich das Recht heraus, mit den Erfahrungen und dem Wissen von heute den frühen Erlebnissen nachzuspüren und sie zu bewerten. Es-chen, zart wie es war, hat damals längst nicht alles hingenommen. Es hat Widerstand geleistet, war trotzig und verstockt.
Die Verfremdung, als Erzählerin aufzutreten, macht es leicht, davon zu berichten. Sie lässt das kleine Mädchen Es-chen sein, mit seiner Naivität, seinen Gaunereien und Überlebensstrategien.
Ich sammle Erinnerungsstücke wie Wörter. Stichworte sind Worte, die hineinstechen in alte Geschichten. Es gibt kein Zurück mit Leib und Seele, trotzdem wandere ich weiter und immer weiter in die Erinnerung, ins Kingerland. Ein Stichwort legt das nächste frei. Ein Piekser in die Vergangenheit und ich werde zur Archäologin, die behutsam weiter kratzt und schaut, was es zu entdecken gibt.
Aus dem, was ich finde, werden Episoden und daraus Geschichten. Genauso bin ich meinen eigenen Träumen und meinen Visionen verpflichtet, sie sind mein persönlicher Film im Hintergrund.
Fragen tauchen auf: Was bedeutet überhaupt Wirklichkeit, was Wahrheit?
Paul Watzlawick hat in seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ diese Frage bearbeitet. Und Gerhard Roth provozierte mit Überlegungen, wie verantwortlich ich selbst für meine Entscheidungen bin und damit für meinen Lebensweg und mein Werk.
Unbeirrt von Wahrhaftigkeit und Richtigkeit, will ich erzählen, was gewesen ist. Ich begreife durch Begriffe und nutze die Symbolkraft der Sprache auch als Heilkraft. Meine Sprache spiegelt, was mein Erinnern mir schenkt.
So kommt es, dass sich in meiner Erzählung die Rolle der Betroffenen und die der wertschätzenden Erzählerin mischen. Es entstehen Brüche zwischen spontanem Sprachspiel und der Korrektheit von Stil und Form. Ich wechsle zwischen Ästhetik und Bericht. Lyrische Gedanken, Träume und ihre Deutung sind eingestreut. Ob wahr oder nicht, so dokumentiere ich hier meine Kind-Vergangenheit. Ich stelle Behauptungen auf, damit behaupte ich mich. Das alles passiert ohne Konzept, ohne Hintergrundliteratur, ohne Philosophie und großes Weltwissen. Ich verschenke meine kleine Welt.
Ob sie dir und euch und anderen etwas wert ist? „Mien Kingerland“ ist es wert, ein Stück meines Lebensweges gewesen zu sein.
Ich schreibe, wie ich rede. Ich rede, wie ich denke. Es sprudelt spontan heraus. Die kleinen Episoden sind der Blick durch einen Türspalt in die Vergangenheit. Sie sind ein Schlaglicht auf ein bestimmtes Geschehen, ob direkt erlebt oder erzählt bekommen, aus einem alten Foto geschlossen, mehrmals selbst wieder erzählt, reflektiert oder theoretisch erklärt. Alles ist möglich und manchmal kaum zu unterscheiden.
So kommt es beim fließenden Aufschreiben zu Stilbrüchen und Zeitenwechsel. Zeit wird irrelevant. Dauer und Ereignisse würfele ich durcheinander. So geschieht Erinnern! So schreibe ich authentischer, als es die Verarbeitung der Vergangenheit mir ermöglichen würde. Sie würde alles komplizierter und theoretischer machen. Andererseits würde ich dadurch unangreifbarer.
Sei’s drum.
Heiligabend 1945 ist es auf dieser Welt angekommen. Seiner Schwester hatte Mama versprochen: „Du bekommst eine Puppe zu Weihnachten!“ Als die das Geschöpf nun im Arm halten sollte, weinte sie: “Ich will keine lebendige Puppe!“ So erzählte Mama es gerne und lachte dabei. Da nannten sie es noch „unser Christkindchen“.
Soweit das lebendige Ding, also unser „Es-chen“, zurückdenken kann, waren seine Kinderwinter weiß, gleißend hell, kalt und nass und furchtbar anstrengend. Es-chen arbeitete sich durch Schneemassen, die ihm bis zum Bäuchlein reichten. Es wollte mit den „Großen“ mithalten und mit ihnen Schlittenfahren. Damit ging es ihnen auf die Nerven. Es war nicht schnell genug und konnte nicht mal seinen kleinen Schlitten allein den Berg raufziehen. Im Nu waren seine Hände in den Fäustlingen steifgefroren wie abgestorben. Wenn es Pipi musste, kriegte es die Knöpfe und Verschlüsse nicht schnell genug auf und kam darum nicht fix genug aus den vielen Schichten Kleidung heraus. Die Pipi gefror am Popo und bis es zuhause war, war die Hose hart. „Heulsuse“, schimpften die Geschwister.
Es-chen hatte eigene Skier, kurze Holzbretter mit einer Schnallenbindung, die immer mal ganz plötzlich von den Schuhen abplatzte. Egal. Es rannte damit los und flitzte hinter den anderen Kindern her.
Die großen Jungen hatten in der Schlittenweide am Hang vorm Haus aus Brettern und viel aufgehäuftem und festgetrampeltem Schnee eine Sprungschanze gebaut, Modell „Weltgrößte Mattenschanze“. Die war für Es-chen tabu. Als die Jungen nicht da waren, ist es hingelaufen. Was die konnten, konnte es auch! Das wollte es heimlich üben und ihnen beweisen. Das Ding war wirklich entsetzlich hoch. Noch nie war es mit seinen Skiern durch die Luft geflogen. Aber: Was sein muss, muss sein! Es nahm allen Mut zusammen, Anlauf und – huch – das ist doch allzu schnell. Es stoppte. Zu spät. Mit dem Po plumpste es auf die Kante der Schanze. Als es aufstand, hinterließ es einen tiefen Abdruck, unverkennbar sein kleiner Po. Das gab einen Anschiss!
Toll war es, neben den Großen seine Skier zu wachsen. Morgen gibt es solchen oder solchen Schnee, da nimmt man das rosa oder das grüne Wachs und reibt die Skier damit ein. Man bügelt mit dem Bügeleisen darüber, damit das Wachs richtig einzieht. Perfekt!
Einen Winter gab es unglaublich viel Schnee. Er reichte bis vor die Küchenfenster. Es-chen konnte gegen die Schneewand gucken. Ganz dämmrig und schummrig war es im Haus. Papa hat geholfen, einen Schneemann zu bauen. Der war so groß, dass noch an Ostern die grau vereisten Reste mit dem Kochtopf und dem Besen schief im Dreck steckten.
Ein anderes Mal hat er am Zaun mit Brettern und viel, viel Schnee einen Iglu gebaut. Er hat allen Schnee, der aus dem Weg geräumt werden musste, darüber aufgehäuft. Alle Kinder haben geholfen und den Schnee festgeklopft. Das war eine Höhle, riesengroß! Beinahe dunkel war es darin und richtig warm. Man durfte sogar eine Kerze anmachen.
Bloß gut, dass Es-chen Zeit hatte, hier zu spielen, wenn die Großen in der Schule waren.
So schön der Winter war mit seinen Eisblumen vor den Fenstern und den glitzernden Kristallen auf der Tapete im Schlafzimmer, Es-chen fror. Die dicken Kloßbetten waren feuchtkalt. Die Wärmeflasche musste es abgeben, wenn die Großen ins Bett mussten. Die Zeit reichte nie, um warme Füße zu kriegen. Bei der Katzenwäsche am Morgen kniff das eisige Waschwasser Es-chen in die Nase.
Es-chen mit seinen Geschwistern
Eislaufen. Die Greifbacken der Schlittschuhe mit einem Schlüssel an den Sohlen der Skischuhe festzuschrauben, ist gar nicht so einfach. Die waren übrigens seine einzigen Winterschuhe, derb, geerbt von den großen Geschwistern. Manchmal fielen die Schlittschuhe einfach ab. Dann fiel man, wenn man Pech hatte, auf die Nase.
Eislaufen war eine spannende Angelegenheit, obwohl Es-chen dabei immer wieder Streit kriegte mit den großen Jungen. Die wollten Hockey spielen.
Sie rasten grölend hinter der zerbeulten Blechdose her und schlugen sie und sich gegenseitig mit weit ausholenden Hieben. Sie duldeten keine Kleinen auf dem Spielfeld. Es-chen hatte sich am Rand aufzuhalten. Aber da war es gar nicht leicht, zu fahren. Das Eis war kraus. Pflanzen wuchsen heraus und stoppten es unvermittelt. Es-chen brauchte Bewegungsspielraum, darum geriet es immer wieder in Konflikte mit seinem Bruder und den Burschen aus der Nachbarschaft.
Es gibt ein Foto, ein kleines Mädchen, unser Es-chen, im engen, beigen Anorak, rausgestreckter Po, mit den Armen fuchtelnd, die Füße verknotet. Wie schwer es doch war, nicht umzuknicken und auf den Beinen zu bleiben! Aber wenn man erst sauste, das war ganz wunderbar. Papa hat das Eis getestet und eine Sperre rund um den Zufluss vom Bach gemacht, der aus der Wiese am Waldrand kam: Bis hierher und nicht weiter! Die großen Jungen setzten sich gerne darüber hinweg. Mutprobe, Angeberei, Aufwiegelei zum Ungehorsam. Das war nichts für kleine Mädchen. Als Fritzchen einmal die Sperre umfahren hat, ist er eingebrochen. Er hatte die anderen zu sich hergelockt und als Feiglinge beschimpft, hat einen Augenblick nicht aufgepasst und schon war es geschehen. Eingebrochen ist er, jawoll. Da hat Es-chen spontan Mamas Erkenntnis wiedergegeben: „Das ist die Strafe vom lieben Gott!“
Frech soll es gewesen sein, sagen die Großen, bloß weil es einmal zu Fritzchen gesagt hat: “Fritzchen, du bist ein Fritzchen, heißt Fritzchen und hast ein Fritzchen!“, aber gelacht haben sie trotzdem.
Im Sommer, wenn es am Teich spielte, versteckt hinter den Brennnesseln am Hang, allein am Nachmittag mit sich und den Glitzerpunkten, die der strahlende Sonnenhimmel ins Wasser streute, sah es den fliegenden Wolkenfetzen auf der klaren Wasserfläche zu. Es konnte sie mit seinem Stöckchen zerfleddern und warten, bis eine geheime Kraft den Himmelsspiegel wieder zusammensetzte, sozusagen heile machte.
Hier war es allein und geborgen. Nein, hier vermutete es niemand. Rufen, Drohen, scharfe Worte wurden vom Strauchwerk und den Schmetterlingen verschluckt. Die kamen gar nicht bei ihm an. Es war abwesend, in einer anderen Welt. Niemand machte sich die Mühe, hier herunter zu steigen. Es war ja sooo weit weg! Nein, das ferne Grollen galt nicht ihm. Es lag bäuchlings am Ufer, sah den Karpfen beim Glotzen zu und erzählte ihnen alles, was ihm einfiel. Die harrten geduldig aus. Und mit einem einzigen Flossenschlag, schwupp, schnappten sie etwas, was Es-chen nicht einmal gesehen hatte.
Es puhlte die Köcher der Köcherfliegen aus der Lehmwand unter der Wasserkante und erschrak. Das holzige Röhrchen war gar nicht leer, es war ein bewohntes Zuhause. Die gigantischen Libellen, perlmuttern und silbern schimmernd, standen in der flirrenden Luft. Auf schaukelnden Blättern fuhren sie über den See.
Jetzt fahr’n wir über’n See, übern See,
jetzt fahr’n wir über’n (...) - See,
Mit einer hölzern Wurzel,
Wurzel, Wurzel, Wuhurzel,
mit einer hölzern Wurzel.
Kein Ruder war nicht (...) - dran.
Wehe du vertust dich und singst beim dritten Mal „See“ und “dran“, dann bist du dran, dann gehst du unter! Das glaubte das kleine Mädchen ganz fest.
Da, wo man nicht die nackten Füße ins Wasser stecken und mit den Zehen schnippen und Unruhe verbreiten konnte, da wuchsen Stängel aus dem glitschigweichen Modder. Wenn’s kalt war, war es hier unheimlich. Aber wenn’s warm war, war es eine Lust, sich in dem Pubsblasenblubberbrei langsam vorwärts zu schieben. Mit den Füßen fühlen. Und wie das stank aus den tiefsten Tiefen.
Es-chen lief gerne barfuß. Später erzählte es, es sei den ganzen Sommer hindurch barfuß gelaufen. Es war stolz darauf, barfuß über Stock und Stein zu laufen und die Mahnungen der Erwachsenen in den Wind zu schlagen. Sie lamentierten, es werde sich weh tun, schneiden, verletzen. Nicht weitersagen, die wussten es nämlich nicht und brauchten es auch nicht zu wissen: Es-chen war doch eine echte Indianerin, unerkannt, inkognito sozusagen unterwegs. Irgendwann, wenn es längst in der weiten Welt unterwegs sein würde und viele Abenteuer bestanden hatte, dann würde es denen schon dämmern, dass dieses kleine Mädchen etwas ganz Besonderes gewesen war und dass es geheime Fähigkeiten hatte. Bis dahin behielt es das für sich, sprach mit den Tieren und den Pflanzen und sah Dinge, von denen die Großen noch nicht mal träumten. Und vor allem, Es-chen konnte sich unsichtbar machen. Genau!
