Klangwelten - Rumjana Zlatanova - E-Book

Klangwelten E-Book

Rumjana Zlatanova

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Beschreibung

Das Buch ist der künstlerischen Evolution und Entfaltung des Dirigenten Yordan Kamdzhalov, sowie seinem Verständnis für die vielschichtige Einigung von Musik, Philosophie und Interpretationskunst gewidmet. Seine "Bekenntnisse" betreffen die gesamtkünstlerische Vision, die konzeptionellen Grundlagen seines heuristischen Arbeitssystems "Globalisierung der musikalischen Struktur", sowie das Dirigieren als Philosophie der Kommunikation und als Philosophie des Prozesses. Anhand vieler Pressestimmen aus den nationalen und internationalen Medien wird seine Dirigierkunst umrissen. Yordan Kamdzalov wurde mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 2010 war er "Dirigent des Jahres", der Nationale Bulgarische Rundfunk zeichnete ihn darüber hinaus als "Musiker des Jahres 2011" aus. Dieser Band enthält zahlreiche Abbildungen des Künstlers Spartak Paskalevski sowie Resümees in deutscher, englischer, norwegischer, bulgarischer, russischer, japanischer und chinesischer Sprache.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dialog und Dimensionen des Geistes Band VI

Den Musikfreunden und Mitstreitern aus Heidelberg,

ohne deren geistige und finanzielle Unterstützung

dieses Buch nicht veröffentlicht werden konnte,

in Dankbarkeit gewidmet

Verlag Otto Sagner

INHALT

Dimensionen der menschlichen und himmlischen Symphonie

Der Künstler in seiner Welt

Bekenntnisse oder inmitten der Musik

Im Licht der Scheinwerfer

Im Schatten der Kulissen

Licht hinter den Kulissen General Statement von

Yordan Kamdzhalov.

Hella Walter

Über alle Maßen

Eckehard Häberle

Freunde, hört

diese

Töne!

Inspirierende Begegnungen

Resümee

Summary

Oppsummering

(Bulgarisch)

(Russisch)

Summary (Japanisch)

Summary (Chinesisch)

Dimensionen der menschlichen und himmlischen Symphonie

Auch wenn der Mensch gut lebt, stirbt er

und ein anderer wird geboren...

Inschrift auf einer Marmorsäule des

bulgarischen Herrschers Omurtag, 820

In einem Interview bekennt Maestro Yordan Kamdzhalov, dass er sich nur im Schoße der Natur glücklich fühlt, denn die Harmonie in und mit der Natur steht über Allem. Er würde dieses Gefühl nicht einmal mit einem seine Phantasie übersteigenden Erfolg auf der Bühne tauschen. Daher ist es nicht überraschend, dass er sich selbst und den Menschen als kosmischen Mittelpunkt der ganzen Schöpfung betrachtet. Denn gerade die Symphonie, die die Verbindung des Irdischen mit dem Himmlischen in einer perfekten Harmonie (nach der Auffassung der alten Griechen) darstellt, ist seinem Empfinden nach Musik, Menschen, Welt und Schöpfung eigen.

Musische Talente stellten in den intellektuellen Familien seiner Heimatstadt Targovishte, in der Nähe von Varna, einen großen Wert dar. Sie wurden nicht allein durch das am klassischhumanistischen Bildungsideal orientierte Klima, sondern auch durch besondere Förderung entwickelt. Einer solchen Familie entstammt Yordan Kamdzhalov. Im musikalischen Elternhaus, in dem er aufwuchs, gab es „drei Zimmer, drei Klaviere". Der Vater, Diplomingenieur Todor Kamdzhalov, ein liebenswürdiger und freigebiger Mensch, war Schauspieldirektor und Numismatiker. Er widmete sich besonders den damit verbundenen klassischen Altertumswissenschaften sowie der Kunstgeschichte und Namenkunde. Später gründete er den ersten Verein in der Stadt für Archäologie von Münzen, Geld und Wirtschaft der Antike und wurde zum Vorsitzenden gewählt. Als Anhänger des bulgarischen Zaren Boris III. (1918-1943) und seines Nachfolgers Simeon aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha war er Begründer undVorsitzender der Monarchistischen Vereinigung in der Stadt. Da Bücher seine Leidenschaft waren, erweiterte er ständig die reiche bibliophile Familiensammlung durch wertvolle Enzyklopädien und Nachschlagewerke, die seinem Sohn und künftigen Musiker ungeahnte Horizonte aus den Gebieten der Wissenschaft, Philosophie und Kunst eröffneten.

Die künstlerisch begabte Mutter Stojanka Kamdzhalova, eine anerkannte Musik- und Klavierlehrerin, die mehrere Chöre leitete, beobachtete die Entwicklung ihrer Kinder sehr genau und widmete der Entfaltung ihrer musischen Talente besondere Aufmerksamkeit. Yordan war erst vier Jahre alt, als er, zusammen mit seiner älteren Schwester Simona, die später auch eine talentierte Musikerin wurde, die ersten Schritte in der Musikwelt machte, indem er Privatunterricht im Klavierspiel erhielt. „Klavier war und ist meine große Liebe, die von entscheidender Bedeutung für meinen späteren Entschluss war, Dirigent zu werden", so der junge Musiker. Die Geschwister bekamen Ballett- und Gesangunterricht, besuchten Kunst- und Sprachkurse, nahmen am Schulchor teil und begeisterten das Publikum bei zahlreichen Bühnenauftritten. Im Hause Kamdzhalov wurde intensiv musiziert, Schallplatten und CDs wurden aufgelegt, neue Inszenierungen besprochen, Gedanken über bevorstehende Musikpremieren und Konzerte in Targovishte und in den benachbarten Städten Shumen, Razgrad, Dobritch, Varna, Russe und im ganzen Land ausgetauscht. Die ersten Erkenntnisse über die unermessliche Mannigfaltigkeit des menschlichen und kosmischen Universums hinterließen tiefe Spuren im Bewusstsein des Kindes.

Targovishte, wo Yordan Kamdzhalov am 16. Oktober 1980 geboren wurde, liegt am Fuße des östlichen Vorbalkangebirges (des antiken Haemus,) dessen Hauptkamm mit 2376 m Höhe im heutigen Bulgarien liegt. Nach diesem Gebirge wurde die gesamte Balkanhalbinsel benannt. Im Osten nehmen die Höhen ab und der Balkan löst sich in einige parallel verlaufende Ketten auf. Dazwischen entstehen fruchtbare Längstäler, deren Relief durch den allmählichen Übergang zur Donautiefebene bestimmt ist. Targovishte liegt ca. 110 km westlich von Varna, dem größten Hafen am Schwarzen Meer, 100 km südöstlich von Russe an der Donau, der ehemaligen Nordgrenze des Römischen Reiches (die alte Sexaginta Prista), und 100 km östlich von Veliko Tarnovo, der alten Hauptstadt des Zweiten Bulgarischen Reiches (1187-1396). Diese Lage bestimmt die natürliche Stellung der Stadt als strategischen Verkehrsknotenpunkt des Landes.

Archäologische Funde aus der Kupfersteinzeit (5./4. Jahrtausend v. Chr.) bezeugen die lange Siedlungsgeschichte der Region um die Hafenstadt Varna. Als kulturelles Zentrum Ostbulgariens ist sie für ihre internationalen Festivals, aber auch für zahlreiche Kunstdenkmäler, Schauspiel-,

Opern- und Ballettaufführungen, Symphoniekonzerte, Museen und Hochschulen international bekannt. Im Archäologischen Museum der Stadt sind die reichen Funde eines einzigartigen kupferzeitlichen Gräberfeldes zu bewundern, aus dessen 313 Gräbern der bis jetzt älteste Goldschatz der Welt (4600-4300 v. Chr.) geborgen wurde. Lange bevor in Ägypten Pyramiden gebaut wurden und Jahrhunderte bevor die Königsgräber von Ur in Mesopotamien entstanden sind, hatte sich in Südosteuropa eine Zivilisation herausgebildet, deren Häupter in Varna wahrhaft königlich bestattet wurden. Viele Gräber enthielten: Skelette, über und über mit Gold geschmückt; in anderen Gräbern wurde nur Goldschmuck verwahrt oder Tonmasken mit Gold - ein Fund, dessen Interpretation die Wissenschaftler noch lange beschäftigen wird. Wegen der Unterschiede in den Ausstattungen der Gräber gilt Varna als ein klassischer Nachweis für den Beginn gesellschaftlicher Hierarchienbildung.

Als Beitrag zur Erforschung dieser Zivilisation1 wurde die Ausstellung Macht, Herrschaft und Gold 1988 in Saarbrücken konzipiert. Dieser chalkolitische Schatz wurde auch auf der Expo 1992 in Sevilla ausgestellt.

Das kulturelle Zentrum Nordbulgariens ist die über 5000 Jahre alte Hafenstadt Russe. Bestimmend dafür sind das Schauspiel- und Opernhaus, das Philharmonische Orchester, die Kunstgalerien und Museen, sowie mehrere Hochschulen. Im Herzen des Schriftstellers, Aphoristikers und späteren Literatur-Nobelpreisträgers Elias Canetti bleiben die Erinnerungen an seine in dieser Stadt verbrachten Kindesjahre für immer tief verborgen. Bei allen einschneidenden Veränderungen und Ereignissen auf dem Platz der Geschichte gelingt es der altehrwürdigen Stadt ihre europäische Atmosphäre und kulturellen Traditionen zu pflegen. Beeindruckend im Stadtzentrum sind die vielen historischen Wohn- und Geschäftsbauten aus der Zeit der Jahrhundertwende, daher Russe gern „Klein Wien" genannt wird. Aufgrund der historischen Bedeutung und besonderen architektonischen Gestalt des Ensembles wurde der Stadtkern 2006 mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet. Seit 1961 findet hier das „Internationale Musikfestival" (jeweils im März) statt. An ihm nehmen bekannte Interpreten, Symphonieorchester und Instrumentalisten aus der ganzen Welt teil.

Es liegt etwas Symbolträchtiges in der Tatsache, dass der größte bulgarische Donauhafen seit der Antike verschiedene Völker verbindet und als Brücke zu anderen europäischen kulturellen und geistigen Zentren an diesem jahrtausendealten Fluss wie Belgrad, Budapest, Wien, Passau, Regensburg, Ulm... fungiert. Nördlich des Stadtkerns quert eine hohe zweistöckige Brücke die Donau, mit 2,8 Kilometern die längste Stahlbrücke Europas. Über sie erreicht man „Klein Paris" – die rumänische Hauptstadt Bukarest.

Auch die Geschichte der an den steilen Hängen des Balkangebirges wie in einem antiken griechischen Amphitheater malerisch gelegenen Stadt Veliko Tarnovo2, wo sich der Fluss eine tiefe in Mäandern verlaufende Schlucht durch das Gestein herausgearbeitet hat, bewegte das Gemüt des jungen Gymnasiasten Yordan. Die Ursprünge der Stadt gehen auf die ältere und neuere Steinzeit zurück, wie Funde beweisen. Auch Thraker und Römer befestigten den Ort. Ihre Blütezeit erlebte die Zarenstadt im 13. und 14. Jahrhundert, als sie, mit prunkvollen Palästen, Kirchen und öffentlichen Bauten geschmückt, eine auch für das Hochmittelalter ungewöhnliche Pracht erreichte. Das Reich konnte sich weiter ausdehnen und reichte bis an die Gestade der Ägäis, des Schwarzen Meeres und der Adria. Zu dieser Zeit galt Tarnovo nicht nur als einer der wichtigsten Pilgerorte der orthodoxen Welt, sondern auch als eines der bedeutendsten Handelszentren, wo sich die Wege der Kaufleute aus Genua und Venedig, Dubrovnik und Durazzo, Vladimir und Novgorod, aber auch aus Persien und Arabien kreuzten.3 Zugleich wurden die zahlreichen Klöster im Umkreis der Stadt zu Mittelpunkten berühmter Schulen in der Literatur, Baukunst und Malerei.

Der mystische Lehre der Hesychasten hatte großen Einfluss auf die Spiritualität des späten Byzanz und der orthodoxen Nachbarländer. Durch Weltflucht und Schweigen sollte das Individuum zur Kontaktaufnahme mit dem Göttlichen als persönlicher, emotionaler Wahrnehmung des Gott umgebenden „ungeschaffenen Lichts" befähigt werden. Daher auch das Streben nach Vollkommenheit des literarischen Textes, das besondere Verhältnis zum Wort als einer Form der göttlichen Offenbarung. Hinzu kommt das Bemühen um einen gehobenen Stil in Hagiographie und Panegyrik, das meisterhafte „Wortgeflecht" des orthodoxen Barock, belegt in den Werken des großen Schriftgelehrten, des hl. Euthymius den Patriarchen (um 1325-1405) und seiner Mitstreiter und Nachfolger. Nach den Vorstößen der Osmanen 1300-1400 wanderten bulgarische Schriftgelehrte, Architekten, Maler und Bauhandwerker in umliegende Länder aus und beeinflussten dort die kulturelle Entwicklung erheblich so in Serbien, der Walachei und Moldau, in Transsilvanien und Russland. In ihrer Bedeutung für diese Völker vergleicht man sie mit jenen griechischen Schriftstellern, die kurz vor und nach dem Fall Konstantinopels unter die osmanische Herrschaft (1453) dem Westen die literarischen Leistungen von Byzanz zugänglich machten.

Viele Legenden über die Vergangenheit seiner Geburtsstadt weckten die Phantasie und das Interesse des jugendlichen Yordan. In der Umgebung von Targovishte wurden Reste thrakischer, römischer und byzantinischer Siedlungen und Festungen gefunden. Auch die Grundrisse einer Siedlung aus dem Ersten Bulgarischen Reich (Festung „Sborishte") und eine aus dem Zweiten Bulgarischen Reich wurden freigelegt. Nur 7 km südlich von Targovishte befand sich die antike Stadt Moesionis, die bis zur osmanischen Invasion im 14. Jahrhundert existierte. Die alten Chroniken haben die Erinnerung an die Schlacht vom 24. Juli 811 am dortigen Dervent-Engpass festgehalten. als der bulgarische Khan Krum (755-814) nicht nur das byzantinische Heer vernichtete, sondern auch Kaiser Nikephoros I. überwältigte. Deswegen wurde die Gegend mit der mächtigen Festung aus dem 5. Jahrhundert „Krumovo Kale" (Krum-Burg) genannt. Unter Khan Krum (803-814) erstreckte sich das Bulgaren-Reich vom Reich Karls des Großen im Westen bis beinahe an die Mauern Konstantinopels im Osten. Bulgarien wurde damit zu einem der drei mächtigen Staaten Europas und erweiterte sein Gebiet im Norden bis zur Theiß und im Osten bis zum Fluss Dnister (in der heutigen Ukraine). Nicht nur in der Schule, sondern auch im Haus Kamdzhalovs sprach man über die aktuellen archäologischen Expositionen im Historischen Museum der Stadt, wo neuentdeckte antike Steinplastiken, kunstvolle römische Keramik, Münzfunde aus der Zeit der byzantinischen Kaiser Anastasios I. (491–518), Justinian der Große (527–565), Justin II. (565–578) u.a. aus dem Ausgrabungsfeld „Krumovo Kale", zu sehen waren: Denarii, Nummi, Didrachmen, Semissis, Quinarii, Unciae, Stateres u.v.m. Yordan Kamdzhalov interessierte sich für die Arbeit der Archäologen, die erst in den letzten Jahren fortgesetzt werden konnte. Er war überzeugt, dass die großen Geistesimpulse der Vorzeit in seiner Seele fortleben und dass auch in der Gegenwart das Erlangen ihrer Kraft möglich sei.

Sveshtari. Thrakisches Grabmal, 3. Jh. v. Chr.

Die zu den großen Völkern der Antike und den ältesten Indogermanen zählenden Thraker bewohnten einen unsere moderne Vorstellung von Ethnien, Nationen und Grenzen übersteigenden Großraum: sie besiedelten weite Gebiete Osteuropas und Westkleinasiens ebenso wie den Balkan zwischen den nördlichen Karpaten und dem Ägäischen Meer, Mysien, Bithynien und Paphlagonien. Auch die nördlichen Ägäis-Inseln Imbros, Samothrake und Thasos wurden von thrakischen Stämmen bevölkert. In den letzten drei Jahrzehnten wurden mehrere archäologisch bedeutsame thrakische Orte in Bulgarien ausgegraben und erforscht. Die geborgenen Schätze lassen auf ein Volk von außergewöhnlicher Kultiviertheit schließen, das weitreichende Handelsverbindungen mit der umliegenden Welt der Griechen, Perser, Skythen und weiteren Steppenvölkern, auch mit Kelten, Römern und sogar Ägypten unterhielt. Ihre lebensfrohe Kunst entwickelte sich lange Zeit unter dem hellenistischen Einfluss. Thrakische Elemente spiegeln sich jedoch auch in der griechischen Mythologie wider, z.B. der Kult des Dionysos oder die Sage des thrakischen Sängers Orpheus. Für die Griechen war das legendäre Thrakien die Wiege der Musik, der schönen Künste, die Heimat von Heroen und Göttern, der Ausgangsort von Mysterienkulten, die einen Einfluss auf die Mysterien von Eleusis und auf das hellenistisch-philosophische Gedankengut von Pythagoras (6 Jh. v. Chr.), Empedokles (5. Jh. v. Chr.) und Plato (5./6. Jh. v. Chr.) ausgeübt haben. Sie zeugen von der sakralen Mystik der thrakischen Orphik, die aus dem enthusiastischen Ergriffenwerden von einem Gott hervorleuchtet und zur ersehnten Vereinigung mit den kosmischen Energien führt. Die thrakische Orphik ist ein Glaube an die Unsterblichkeit der intellektuellen Energie, die im kosmogonisch-kultischen Mysterium der Heiligen Hochzeit zwischen der Großen Muttergöttin und ihrem Sohn (Sonne/Feuer) ihren Ausdruck findet. Auf der gesellschaftlichen Ebene wird dieser Kult vom Sohn des Sohnes ausgeübt, d.h. vom orphischen König (Priester, Weissager und Lehrer). Von Apollo, dem Gott der Musik, bekam Orpheus eine Lyra geschenkt, mit der er Götter, Menschen und Natur betörte, die sieben Saiten seiner Lyra umfassen das Weltall. Im authentischen bulgarischen Musikverständnis vernimmt man eine ähnliche magische Wirkung.

Eines der Zeugnisse für die thrakische Präsenz im Gebiet des heutigen Bulgarien sind die Grabhügel, in denen die Herrscher und Stammesführer begraben wurden. Im Laufe von mehr als drei Jahrtausenden sind sie Teil der Landschaft im gegenwärtigen Bulgarien.4 Südlich von Targovishte, am Fuße des Balkangebirges, entdeckte man neue Grabstätten, welche die Entwicklung der thrakischen Kultur zwischen dem 5. und 4. Jahrhundert vor Christus darstellen, sodass die Welt von einer sogenannten Tiefebene der thrakischen Zaren5 erfuhr. Und nordöstlich von Targovishte befindet sich das Thrakergrab von Sveshtari aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Einzigartig sind die halb menschlichen, halb pflanzlichen bis 1,2 m hohen Karyatiden, die das Gewölbe zu tragen scheinen.6 Wahrscheinlich stellen sie einen Aspekt der Großen Muttergöttin dar. Die thrakische Kunst hinterließ bemerkenswerte Silber- und Goldschätze7, Grabstätten, Städte8, Kultstätten, welche die Überlieferung vom Hochstand der thrakischen Goldschmiedekunst und dem Reichtum der Landesfürsten bestätigen. Auf dem Balkan schufen sie einen Kulturkreis, dessen Bedeutung erst jetzt, durch die sensationellen neuen Erkenntnisse der Archäologen und Ethnologen deutlich wird.

Es ist offensichtlich, dass der Blick in die Vergangenheit die Vielschichtigkeit des Topos Targovishte und seiner Geschichte offenbart. Die in ihr verborgenen Botschaften schienen dem jungen Yordan vertraut zu sein. Bereits als Kind war er von Legenden und Sagen umgeben, von Erzählungen über die mächtigen Wogen der Zeit, die er vorüberrauschend vor seinem inneren Auge in Museen, Enzyklopädien und Büchern verfolgen und neugierig aufnehmen wollte. Denn in seinem Land kreuzten sich die Wege verschiedener Völker, die ihre Spuren hinterließen: nicht nur Thraker, Römer und Byzantiner, sondern auch Mazedonier und Kelten, Hunnen und Awaren, Slaven und Protobulgaren, Normannen und Kreuzritter, Tataren und Türken.

Für die Intentionen des heranwachsenden Künstlers, von dem später die Rede sein wird, war von entscheidender Bedeutung, dass es ihm gelungen war, in die verborgenen Geheimnisse eines schicksalhaften sakralen Dreiecks einzudringen, um es zu ergründen. Es handelt sich um die drei Topoi: Targovishte, das alte Heiligtum Madara und die Hauptstädte des Ersten Bulgarischen Reichs (681-1017): Pliska und Preslav. Symbolhaft erscheinen sie tief in den alten Zivilisationen von Eurasien, Europa und dem Nahen Osten verwurzelt.

Der Reiter von Madara, 8. Jh.

Oft gelang es ihm, seine Schulkameraden für eine Reise zum alten Heiligtum bei Madara zu begeistern. Mächtig und geheimnisvoll leuchten die Felsen inmitten hoch aufragender Wälder. Eine Steintreppe führt bis zum Fuß der ca. 100 Meter hohen senkrechten Felswand, 227 Stufen, und jeder Schritt hinauf ist ein Schritt tiefer hinein in die Geschichte. Da oben reitet er, der berühmte Reiter von Madara, ein frühmittelalterliches Monumentalrelief in 23 Metern Höhe. Erinnert er an den sagenhaften thrakischen Reiter? Woher kommt er? Aus dem Himmel? Denn, wie bekannt, fühlten die alten Bulgaren in sich das ganze Universum. Und das Universum fühlte sie. Aus dem Glauben an die Dreieinigkeit von Tan (Kosmos), Nak (Mensch) und Ra (Gott) setzte sich die Bezeichnung ihrer höchsten Gottheit Tangra zusammen. Damit bezeichneten sie auch den Himmel (Den Gri), der die von ihnen besonders verehrten sieben Gestirne vereinte: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Saturn und Venus. Macht, Kraft und Herrlichkeit gehen vom majestätischen Reiter aus. Die triumphierende Gestalt des Khans Tervel ist als beschwörende Zauberdarstellung konzipiert.9 Man muss genau nach oben spähen, um die Inschriften neben und unter dem Reiter zu entziffern: „Khan Tervel, der Reiter aus dem Morgenrot" so steht es auf griechisch an der Wand.

Es war um 670, als der unruhige Khan Asparuch (639-701), der 25-jährige Herrscher über den europiden Stamm der alten Bulgaren, aus dem Norden her über die Donau stürmte, Kaiser Konstantin IV besiegte und als unabhängiger Herrscher in der weiten Ebene zwischen der Donau und den Bergen anerkannt werden musste. So beginnt die Geschichte Bulgariens.10 Khan Tervel, sein Nachfolger, regierte von 702 bis 718. Die Inschrift berichtet von seinem glorreichen Feldzug auf Konstantinopel, wie er die Parade der byzantinischen Truppen abnahm und mit großen Reichtümern und unvergänglichem Ruhm für den jungen Staat, in dem Thraker, Slaven und Protobulgaren in einem Imperium vereint wurden, aus der Fremde zurückkehrte. In den Annalen der byzantinischen Chronisten wird er als Erlöser Konstantinopels und mythischer hl. Trivelius gefeiert, denn schließlich erfolgte der endgültige Abzug der Araber vom Bosporus und die islamische Bedrohung für das östliche Mittelmeer und ganz Europa war auf Jahrzehnte hinaus gebrochen.

Die Thraker bauten auf dem Plateau über den Madara-Felsen ihre Metropole, in den Höhlen unten verehrten sie ihre Nymphen-Göttinnen. Die Römer kamen - die Ruinen einer gewaltigen, 50 Räume umfassenden Villa über den Felsen erinnert an eine in den Himmel geschnittene Krone aus Licht. In den steilen Wänden gab es im 14. Jahrhundert ein ganzes Felsenkloster mit Kapellen, Mönchszellen und Gräbern. 383 Stufen führen hinauf, steil, gewunden und beschwerlich wie der Weg ins Himmelreich.

Als Träger eines reichen Kulturerbes im Bereich sowohl der philosophischen Weltanschauung, sozialen Verwaltung und Kriegskunst als auch des Bauwesens, der Astronomie11 und des Schrifttums waren die Protobulgaren die eigentlichen Schöpfer von Donau-Bulgarien, besonders im Zeitraum zwischen dem 7. und dem 10. Jahrhundert.

Pliska. Die große Basilika, 9. Jh.

Von Madara aus geht die Reise nach Pliska, der ersten Hauptstadt (681-893) des neugegründeten Bulgarischen Reichs, etwa 100 km westlich von Varna und dem Schwarzen Meer entfernt. Was für mächtige Bauten! Sie waren von monumentaler Größe, aus riesigen, sorgfältig bearbeiteten Kalksteinquadern gefügt, die auch heute noch an den Überresten zu erkennen sind. Außerhalb der Stadtmauern besuchten die Freunde die Erzbischofsbasilika, einen der größten und prachtvollsten Sakralbauten des 9. Jahrhunderts auf dem Balkan. Voll rätselhafter Geheimnisse ist das riesige Grabungsfeld der Archäologen. Sogar das monumentale Befestigungssystem lässt das historische Bewusstsein und stolze Selbstverständnis der damaligen Herrscher erkennen, die damit in Konkurrenz zum allmächtigen Kaiser in Konstantinopel oder zum fränkischen Karl dem Großen traten. Die Dramatik der Vergangenheit ergriff die jungen Besucher, ihnen schien es, als hörten sie die Schritte römischer und fränkischer Missionare, die vor über 1000 Jahren hier um wohlwollende Aufnahme und Unterstützung flehten.

Preslav. Die Rundkirche, 907

Der ersten Hauptstadt Pliska gegenüber zeugen die allgemeinen Bauprinzipien, nach denen die neue christliche Hauptstadt Preslav (893-972) errichtet wurde, von modernen Entwicklungstendenzen, die ein beachtliches Niveau erreichten. Dazu gehörten die Innovationen in der architektonischen Gestaltung des Preslaver Schlosses, seine prächtige Dekoration, die einzigartige Rundkirche, die dreidimensionale Plastik, die fein bemalte Dekorativkeramik, die keramische Ikone, gediegene Erzeugnisse der Goldschmiedekunst, die prachtvollen, mit feinen Miniaturen verzierten Manuskripte. Aus ihrem Lehrbuch der Geschichte Bulgariens kannten die Schüler das Portrait des stolzen bulgarischen Herrschers Simeon (893-927), der bemerkenswerten Persönlichkeit, die am prägnantesten mit der kulturellen Entwicklung des Reiches verbunden war und die sich selbst als Vertreter und Verfechter der imperialen Idee seiner Urväter und der mit dem Christentum übernommenen Idee der christlich universalen Monarchie sah. Sie erinnerten sich an die Worte des altbulgarischen Schriftgelehrten Johannes den Exarchen und an die Beschreibung in seinem Hexaemeron (10. Jh.):

...voll Bewunderung... sieht man beiderseits Häuser stehen, geschmückt mit edlen Steinen und Hölzern, zur Gänze bemalt... hohe Paläste und Kirchen, außerordentlich reich verziert mit Steinen und Hölzern und Farben, innen aber mit Marmor und Erz, Silber und Gold... Wenn es aber gar der Zufall will, dass der Besucher den Fürsten sieht, wie er sitzt in einem perlenbestickten Kleid, eine Kette von Goldmünzen um den Hals tragend, Ringe an den Händen, mit einem Purpurgürtel gegürtet, das goldene Schwert an der Seite hängend; und zu seinen beiden Seiten die Bojaren, dasitzend in goldenen Halsketten und Gürteln und Ringen. Und wenn ihn jemand fragen würde: Was hast Du dort gesehen?, so wird er sagen: Ich weiß nicht, wie ich euch davon berichten soll; eure Augen müssten imstande sein, diese Pracht gebührend zu bewundern. So kann auch ich nicht berichten, wie es dieser Schönheit und Ordnung entspräche.... 12

Hier wirkten die Schriftgelehrten der Preslaver literarischen Schule, welche sie zur glanzvollen Blüte führten und dieser Periode das Attribut „Goldenes Zeitalter" einbrachten. Nicht nur für die damalige Zeit, sondern auch für die Philologen von heute grenzt die Genialität der Heiligen Kyrill und Method an ein Wunder. Nach der Erschaffung des glagolitischen Alphabets, übersetzten sie die für den Gottesdienst notwendigen Bücher aus dem Byzantinischen ins Altbulgarische. Durch die vollständige Bibelübersetzung Methods (885) die erste in eine europäische Volkssprache – hatte das Altbulgarische gesamteuropäische Bedeutung gewonnen. Diese sprachschöpferische Leistung Methods ist die bedeutendste literarische Tat des slavischen Mittelalters. Im 9. Jahrhundert wurde die kyrillo-methodianische Literatursprache zur Liturgie- und Staatssprache des Ersten Bulgarischen Reichs, von hier aus verbreitete sie sich in der gesamten Slavia orthodoxa. Dadurch wurde der Grund für die Entwicklung der großartigen Kultur der slavischen Völker gelegt, durch die unser Verständnis des Christentums und das europäische geistige Leben so stark bereichert worden sind. Für ihr apostelgleiches Werk wurden die Heiligen Kyrill und Method von Papst Johannes-Paul II. zu himmlischen Mitpatronen Europas neben dem hl. Benedikt erhoben. Im 10. Jahrhundert bildete die dualistische Lehre der Bogomilen mit ihrer Literatur den Vorkämpfer gegen die Dogmatik der Kirche und stellte damit den ersten Vorläufer der Reformation dar.13

Die alten geistigen und sakralen Traditionen auf diesem Gebiet wurden während der Zeit der nationalen Wiedergeburt (seit Ende des 18. Jh.) zu neuem Leben erweckt. In der Epoche der europäischen Aufklärung genossen viele zukünftige Lehrer ihre Ausbildung im Ausland wie z.B. in Deutschland, Frankreich, England und Amerika. Der junge Generalmusikdirektor Kamdzhalov registriert erfreut die Tatsache, dass im altehrwürdigen Heidelberg der große bulgarische Enzyklopädist, Naturphilosoph und Aristotelikers Dr. Peter Beron (1798-1871), bekannt als der „bulgarische Leibniz", sein Studium in Philosophie begann. Mit ihm setzte die Durchdringung Bulgariens mit modernem westeuropäischem Gedankengut ein.

Shumen. Monument „1300 Jahre Bulgarien", 1981

Die nicht weit von Targovishte gelegene Stadt Shumen war besonders mit der 1500 Jahre alten Festung auf dem Shumen-Plateau stets Anziehungspunkt für eine Reise in die Vergangenheit. Shumen (wo es heute mehrere Museen, Kunstgalerien und eine Universität gibt) entwickelte sich zum führenden kulturellen Zentrum in der Zeit der nationalen Wiedergeburt. Hier entstand das erste Symphonieorchester im Lande, hier wurde der große bulgarische Komponist, Pianist und Musikprofessor Pancho Vladigerov (1899-1978) geboren. Ab 1912 studierte er in Berlin bei Georg Schumann, Friedrich Gernsheim, Paul Juon und Leonid Kreuzer, zweimal, 1918 und 1920, errang er für seine Kompositionen den Mendelssohn-Preis, wirkte in mehreren Theatern, darunter von 1920 bis 1932 für Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin. Wegen des zunehmenden Antisemitismus verließ er Deutschland und wurde ab 1932 vierzig Jahre lang Professor für Klavier und Komposition an der Nationalen Musikakademie von Sofia, die heute seinen Namen trägt. Zu seinen Schülern zählten u. a. Alexis Weissenberg, sein Sohn, der Dirigent und Komponist Aleksandar Vladigerov (1933-1993) und eine ganze Generation moderner bulgarischer Komponisten und Musiker. 1969 wurde ihm den Herder-Preis an der Universität Wien verliehen. Mit Interesse verfolgte der junge Kamdzhalov die Konzerte im Rahmen des Internationalen Klavier- und Violine-Wettbewerbs „Pancho Vladigerov" in Shumen. Einige Jahre später hat er selbst sein Können bei seinen ersten Dirigaten vor der strengen Jury unter Beweis gestellt.

Ein weiteres Musikzentrum in der Nähe von Targovishte ist Razgrad, das ehemalige römische Kastell und die frühbyzantinische Stadt Abrittus, das sich im Laufe der Zeit zu einem der größten urbanen Zentren dieser Region entwickelte. Das Kastell zählt zu den am besten erforschten römischen Stätten in Südosteuropa. Innerlich verbunden fühlte sich der junge Yordan mit dem Klanguniversum des in Razgrad geborenen Komponisten Dimitar Nenov (1901-1952) und seinem Verständnis für Musik als eine aus den Urquellen der bulgarischen Volksmusik schöpfende Architektonik. Später hatte er die beeindruckende Toccata für symphonisches Orchester D. Nenovs in sein Konzertprogramm aufgenommen und mit großem Erfolg auf verschiedenen Bühnen Europas aufgeführt. Obwohl Nenov mit dem Klavierunterricht früh begann, studierte er zunächst Architektur in Dresden. Zugleich nahm er am Konservatorium der Stadt Klavierunterricht bei Karl Fehling und Unterricht in Musiktheorie und Komposition bei Theodor Blumer und Paul Bitner. Zwischen 1925 und 1927 war er musikalischer Leiter des Thea-Jolles-Balletts. Nach Bulgarien zurückgekehrt, arbeitete er als Architekt und vollendete seine Klavierausbildung in Zakopane und Bologna (1932). 1933 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft für zeitgenössische Musik in Sofia, leitete ein privates Konservatorium und ab 1943 wurde er Klavierprofessor an der Staatlichen Musikakademie. Als Pianist trat er außer in Bulgarien auch in Deutschland, Dänemark, Italien und Polen auf.

In Varna, Shumen und Razgrad gibt es mehrere Symphonieorchester, hier werden zahlreiche Musikwettbewerbe und Festivals durchgeführt. Besonders interessant für den Teenager waren die Kammermusikwochen sowie das einzigartige Internationale Orgel-Festival in Dobritch. Der junge Yordan versäumte keines der klassischen Konzerte in diesen Städten. Später trat er hier selbst auf. Als Musikpädagogin unterrichtete ihn zunächst seine Mutter, später erhielt er Privatunterricht, unter anderem bei dem hervorragenden Klavierlehrer Evgeni Zheljazkov an der Musikschule in Russe. Einer der bekanntesten Schüler von E. Zheljazkov ist der inzwischen weltberühmt gewordene Klaviervirtuose und Träger höchster internationaler Auszeichnungen Evgeni Bozhanov.

Er arbeitete intensiv, und mit 13 Jahren war er sich seines inneren Wunsches deutlich bewusst: er möchte etwas für die gesamte Menschheit tun, den anderen unbedingt etwas von sich geben können. Die soziale Komponente spielte bei der Berufsauswahl eine entscheidende Rolle. Zu dieser Zeit begann er auch erste Kompositionen zu schreiben. Wissbegierig wie er war, „entfacht" in ihm das Feuer für Philosophie, Wissenschaft und Kunst gleichzeitig. In der Schule nahm er an vielen naturwissenschaftlichen Olympiaden und an Sonderkursen für Physik und Chemie mit Erfolg teil. Er war an der Physik des Mikro- und Makrokosmos äußerst interessiert, war von seinen Versuchen, die er mit Freunden unter dem Dach des Elternhauses anstellte, begeistert, denn hier eröffnete sich ihm eine neue Welt, eine, wie es schien, Parallelwelt außerhalb jeglicher Gravitationsgesetzte...

Mit 14 Jahren gründete er einen ökologischen Pfadfinderverband und regte seine Mitschüler zum Sammeln von Spendenhilfen für die Armen an. Als Wissenschaftler wäre er ebenfalls glücklich geworden, denn er war ein ausgezeichneter Schüler und Mathematik- und Physikaufgaben waren schon für den Jugendlichen eine entspannende Vorbereitung auf die Musik. Zugleich wünschte er sich Tausende Zuhörer, um sich mitteilen zu können, um Botschaften zu transportieren „und das gibt es nur in der Kunst", dachte er. „Tribüne und Altar" (laut Wagner), das sollte für ihn die Bühne sein. Um ein großer Künstler zu werden übte er Tag und Nacht Klavier... Und was für ein stürmischer Aufstieg zu den Gipfeln der Kunst zeichnete sich bald danach ab! Vor seinem geistigen Auge stand stets der Endpunkt einer perspektivischen Fernsicht, in dem sich Erkenntnis und Kunst, Wissen und Phantasie auf den Höhen des menschlichen Geistes berührten. Er war überzeugt, dass, durch die Entwicklung seiner Fähigkeiten, er sich zu einer Höhe erheben könne, wo sein Geist durch Einleben in das Schöpfungswerk sich offenbaren lassen kann.

Mit 16 Jahren gestaltete er einen eigenen Klavierabend. Unter dem Titel „Ein Junge verwandelt die Noten in eine lebendige menschliche Botschaft" berichtete die örtliche Zeitung vom 26 Juni 1998 über ein weiteres Konzert, das für die Musikfreunde der Stadt zu einem großen Ereignis wurde. Mit Hingabe, Geschmackssicherheit, mitreißend, konzentriert und kunstvoll begeisterte er das zahlreich erschienene Publikum mit seiner Interpretation von J. S. Bach, L. van Beethoven und eigenen Kompositionen.

Am 14 Mai 1999 erschien in derselben Zeitung die Mitteilung, dass der charismatische und hochbegabte Yordan Kamdzhalov unter 90 Pianisten aus den musikalischen Gymnasien des Landes ausgewählt wurde und den Sonderpreis des Wettbewerbs „Junge Talente" erhalten hat. Als Schüler nahm er an zahlreichen Konzerten sowie an vielen literarisch-musikalischen Aufführungen teil, wofür er eine spezielle Auszeichnung der Stadt erhielt. Später lernte er Gitarre, Geige und Flöte spielen.

Aus dieser Zeit rührt auch seine enge Naturverbundenheit. Das Empfinden einer besonderen Nähe zur Natur verdankt er seinem Lehrer für Literatur, der in ihm die Liebe zur Schönheit der Wälder und Berge, der paradiesischen Natur Bulgariens für immer geweckt hat. Sein Herz öffnete sich für die geheimnisvolle Welt des majestätischen Pirin-Gebirges, für seine verborgene Energie und gewaltige Stimme14 - eine Entdeckung, die sowohl für den inneren Weg als auch für die Erkenntnis des Irdischen und Himmlischen im eigenen „Kosmos" von Bedeutung war.

Der junge Gymnasiast war davon überzeugt, dass der Wissenskreis des Menschen sich in dem Maße erweitert, in dem er sich selbst entwickelt. Deswegen interessierten ihn auch die großen Erleuchteten, die „Initiierten", welche tief hinter die Dinge geblickt hatten und damit der Geistesentwicklung der Menschheit große Impulse geben konnten. Er träumte sogar von einer Schiffreise zu den buddhistischen Klöstern nach Indien und es war kein Zufall, dass er gerade in dieser Zeit das für ihn symbolträchtige Buch „Gesetze des Guten" von Peter Danov (Beinsa Duno, 1864-1944) entdeckte, des großen bulgarischen spirituellen Lehrers und Gründers der geistigen „Gesellschaft zur Erhebung des religiösen Geistes des bulgarischen Volkes", später „Universelle Weiße Bruderschaff" genannt. Am 6. April 1900 in Varna von Petar Danov gegründet, sieht sich diese Bruderschaft, auch im Sinne der anthroposophischen Weltauffassung, in einer Tradition der großen geistigen Meister, zu denen sie beispielsweise Krishna, Buddha, Zarathustra, Orpheus, Pythagoras, Hermes Trismegistos, Moses und Jesus Christus zählt. Wanderungen durch die zackigen Felsformen, tiefen Schluchten und kristallklaren Bergseen im Rila-Gebirge inspirierten ihn noch weiter in die Ideenwelt Danovs einzutauchen, mit dem Ziel sozialer und geistiger Selbstbehauptung im Dienste der Gemeinschaft.

Der spätere Meister Danov bekam seine theologische und medizinische Ausbildung von 1888 bis 1895 an der Universität in Boston. 1895 kehrte er nach Bulgarien zurück, um sich seinen philosophischen Grundideen über Wissenschaft, Erziehung und Gemeinschaftsethik zu widmen. Er förderte die Annäherung an die göttliche Welt durch Selbstvervollkommnung, Demut, Gutes tun, aber auch durch die Sonne, die eine Vorstellung von Gottes Licht, Liebe, lebensspendender Kraft und Macht vermitteln könne. Und wenn der Mensch und seine geistige Welt sich in beständiger Evolution befinde, so sollte es das Ziel dieser Entwicklung sein, höhere Bewusstseinsebenen durch Selbsterziehung und Beobachtung auf einer lebenslangen „Suche" zu erreichen. Daher kommt die tiefe Verbundenheit Yordan Kamdzhalovs mit den Botschaften des großen Meisters Danov. Im Bergkessel der magischen Sieben Rila-Seen, wo jährlich die rituelle Paneurhythmie15 Danovs von Menschen aus der ganzen Welt zelebriert wird, kann er eine harmonische Verbindung mit der Natur und dem Universum aufbauen und zugleich sein Wesen in Einklang mit den kosmischen Schwingungen und Energien bringen, in der sich Himmel und Erde in unbezwingbarer Symphonie vereinen. Sogar die einfachste Melodie im Kontext des rituellen Lebens der Paneurhythmie veranlasste ihn dazu, nach dem ursprünglichen Musikverständnis der traditionellen bulgarischen Volksmusik in ihren zahlreichen regionalen Ausprägungen zu suchen. Wundersame Klangwelten, voll auffallender rhythmischer Vielfalt, asymmetrischer Takte, antiker Heterophonie16, Molltonarten neben byzantinischen und persisch-arabischen Modi, echt empfundener Expression... Der zukünftige Musiker entdeckte die betörende Welt des bulgarischen Dudelsacks aus den Rhodopen, die sog. Kaba-Gajda, dessen Klänge die unnachahmliche Stimme der weltberühmten Valja Balkanska immer noch begleiten. 1977 wurde ihr Volkslied aus dem Rhodopen-Gebirge auf den interstellaren Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 ins Weltall geschickt. Seit dieser Zeit gehört die Kaba-Gajda zu seinen Lieblingsinstrumenten, die er mit Begeisterung spielt. Betörend fand er den einmaligen authentischen Gesang (Vierstimmigkeit in vertikaler Ausprägung) der Frauen aus Dolen und Satovcha (im ehemaligen geheimnisvollen Raum des Orphismus). Diese Musik, die aus der Natur schöpft, ist die Natur selbst. Deswegen empfand er das Gebirge als Triumph jenes sakralen Raumes, in dem die Grenzen zwischen Himmel und Erde in einer frohlockenden Einigung aufgehoben werden.

Ikonostase. Rila-Kloster

Oben, in 2500 Metern Höhe, wird man von der überirdischen Ausstrahlung der Sieben Rila-Seen bewegt. Auch die höchste Bergspitze auf der Balkanhalbinsel mit ihren 2925 Metern befindet sich ganz in der Nähe: der Musala mit herrlichen Fernsichten auf alle Bergregionen des Balkans bis zu den Gestaden der Ägäis und des Marmarameeres. Die Protobulgaren benannten den Berg nach ihrer Himmelsgottheit. Auf Felsen hinterließen sie weitere Spuren, Runenzeichen mit dem Gottesnamen Tangra. Erst im 15. Jahrhundert wurde der Name durch die Osmanen in Musala („Gottes Lob") umgeändert. Auf den im letzten Jahrzehnt freigelegten hohen Felsen von Perperikon17 entdeckten die Archäologen ein Relief mit der Abbildung der Fruchtbarkeitsgöttin Umaj. Hier spürte der begeisterte Besucher, dass der „Ewige blaue Himmel", Tengri, die Gestirne beseelte. An diesem heiligen Ort konnte man das Gleichgewicht zwischen den fünf Elementen finden, aus deren chaotischer Mischung, nach der Vorstellung der Thraker, die Welt bestand. So konnte man verstehen, warum sie außer Erde Feuer Wasser Luft auch das Pferd, als fünftes Element, verehrten.

Das Wesen der Religion ist von dem Begriff der „Einweihung" oder „Erleuchtung" nicht zu trennen. Aber Befriedigung können diesem Bedürfnis nach Religion nur die Sendboten der geistigen Welt bringen, die im Lande der Seher sich zu den höchsten Stufen erheben. Ihr Ausgangspunkt liegt da, wo die Wahrheitsforschung zur Inspiration wird, zu der nicht der Abglanz der Gedanken, sondern das Urbild der Ideen spricht.

Eingebettet in die waldbedeckten Gebirgshänge liegt die größte bulgarische Heiligenstätte: das berühmte Rila-Kloster. Den Anstoß zu seiner Errichtung gab der ehrwürdige Vater Ivan Rilski (876-942), der erste bulgarische Einsiedler in der Einöde und Unwegsamkeit des Gebirges, der sein engelgleiches Leben in vollkommener Zurückgezogenheit führte und als Patron der Bulgaren und bedeutendster Heiliger der Bulgarischen Orthodoxen Kirche verehrt wird. Ein irdischer Engel und Diener des Himmels, dem, unter anderem, folgende Worte zugeschrieben werden, die an sein Vermächtnis aus dem 10. Jahrhundert anknüpfen:

Wenn du das himmlische Königreich, zusammen mit dem irdischen, erben willst, dann sei großzügig, so wie unser himmlischer Vater auch ist! Hoffe nicht auf die Ungerechtigkeit und wünsche nicht zu raffen! Sei sanftmütig, still und wohlanständig zu allen! Deine Augen sollen allen zugewandt sein! Der Balsam deiner Barmherzigkeit soll sich über alle ergießen! Die Armen sollen fröhlich aus deinem Haus herausgehen, und die Fürsten sollen dein Lob auf ihrer Zunge tragen! Dein Kleid soll vom Glanz der Wohltaten erstrahlen! Deine Gedanken sollen immerfort bei dem zukünftigen Königreich verweilen! ...damit der Herrscher der Herrscher, wenn er diesen deinen Eifer sieht, dich mit solchen Gütern beschenkt, die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und an die kein Mensch je gedacht hat...

Und wir würden, im Einklang mit dem mittelalterlichen Autor und an den jungen Yordan denkend, hinzufügen: