Kleine Herren - Carl von Siemens - E-Book

Kleine Herren E-Book

Carl von Siemens

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Beschreibung

»Kann man die Geister von Evelyn Waugh und Kingsley Amis auf Deutsch beschwören? Carl von Siemens ist eben dies mit Aplomb, Geist, großartigem Humor und einem besonders feinen Gespür für Dialoge gelungen.« Christian Kracht Ein ehrgeiziger Student aus der deutschen Provinz kommt Ende der achtziger Jahre ans Trinity College in Oxford. Gleich zu Beginn erhält er einen wegweisenden Rat: »Wenn dich die Engländer einmal ins Herz geschlossen haben, dann bist du da drin. Betrinke dich auf jeden Fall, sonst bist du kein good sport, aber trinke immer ein Glas weniger als der Gastgeber. Schlafe niemals mit seiner Frau – es sei denn, er bittet dich darum.« Welche Regeln und Ratschläge kleine Herren sonst noch beherzigen, erzählt Carl von Siemens in wunderbaren Anekdoten eines ungelenken Erstsemesters, der um jeden Preis versucht, englischer als die Engländer zu sein.

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Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Carl von Siemens

Kleine Herren

Ein Deutscher in Oxford

Sachbuch

Fischer e-books

BENNETT:

Ah, but what Lenin wholly failed to see was, I shall be the ruling class.

JUDD:

Oh, yes? Grovelling about to kings and queens, walking backwards and kissing hands! Lenin understood all right! You’re utterly imbued with the spirit of servility.

BENNETT:

You mean – he wouldn’t have liked me?

JUDD:

No.

Julian Mitchell, »Another Country«

I.Michaelmas

»Hemden gibt’s in der Jermyn Street, Anzüge in der Savile Row. Alles sehr vornehm, sehr posh, aber als armer Student gehst du besser zu Hackett’s. Hier an der Ecke gibt’s den Burberry, doch für euch junge Leute ist der ja angeblich zu altmodisch – hab ich mir auf jeden Fall sagen lassen, ich versteh davon ja nichts. Ihr habt jetzt alle eure Barbourjacken und anderes verrücktes Zeug!«

An diesem sechsten Oktobertag des Jahres 1987 stand kein Wölkchen an dem strahlenden Herbsthimmel, als Rupert Fillinghausen seinen Patensohn Daniel in einem steifen Kanter durch die Geschäfte der Londoner Stadtteile Piccadilly und Mayfair führte. In der Luft lag der Geruch des Hyde Parks mit seinen Wiesen und weißen Bänken, den Pferden und dem Gelächter arabischer Familien. Im Revers seines Nadelstreifenanzugs steckte eine Klatschmohnblüte aus Papier, der poppy, die ihn, den deutschen Bankier, als Zuwender des Wohlfahrtsverbands der britischen Armee auswies. Anstelle eines Mantels trug er einen Regenschirm; der glänzende Griff aus Kirschholz mit seinem Gummiring und dem Hoflieferantensiegel des Herstellers Swayne Adenay Brigg and Sons Limited drehte sich in seiner Hand.

»Frack und Cut leihe dir bei Moss Brothers, den Smoking auch, wenn du selber keinen hast. Sag bloß nicht ›Kött‹, in England heißt das morning coat. Gehst du auf Hochzeiten? Ach was, du bist noch jung, amüsier dich – stoß dir erst einmal die Hörner ab. Aber was auch immer du tust – achte auf die Schuhe. Man erkennt einen Herrn immer an seinen Schuhen. Churchs macht ganz anständige, aber ich finde die viel zu teuer, eine richtige Apotheke sind die. Ich persönlich mag ja die von Alden am liebsten, aber die gibt’s nur in Boston und New York. No brown after six, auch wenn du auf dem Land bist, obwohl dort«, zähmte er einen Schauder, der seinen Körper durchlief, »die Säfte etwas freier fließen dürfen. Bist du schon aufs Land eingeladen worden? Nein? Sieh zu, dass du dir eine Einladung in eines der großen Häuser verschaffst. Wenn dich die Engländer einmal ins Herz geschlossen haben, dann bist du da drin. Betrinke dich auf jeden Fall, sonst bist du kein good sport, aber trinke immer ein Glas weniger als der Gastgeber. Schlafe niemals mit seiner Frau – es sei denn, er bittet dich darum. Wenn du sprichst, dann niemals mehr als anderthalb Sätze am Stück – sonst langweilst du die Leute. Erzähl auf keinen Fall irgendwelche Witze – wir Deutschen können das nicht. Wenn du fluchen musst, dann fluche – aber benutze dabei Sexual- und keine Fäkalsprache. Und zieh dir bloß keine Wanderschuhe an, sonst bist du gleich wieder draußen. Schießt du? Nicht einmal auf Tontauben? Meinetwegen; wenn’s trotzdem über den Acker geht, dann immer nur in Gummistiefeln. Ich glaube nicht an Hunter – irgendeine von diesen dämlichen Royals hat sie getragen; als Hanseat bin ich Republikaner. Am besten, du besorgst dir welche ohne Logo. Helfen dir deine Eltern? Brauchst du Geld? Hast du irgendwelche Wechsel unterschrieben? Schnupfst du? Bei dir mache ich mir überhaupt keine Illusionen mehr. Es wird ein schlimmes Ende mit dir nehmen, du warst in der Schule viel zu brav.«

»Krass«, murmelte Daniel und fuhr sich mit der linken Hand durchs Haar. Da es zur Lockenbildung neigte, hatte er es mit Pomade aus der Stirn über den Schädel nach hinten gestrichen. Die Oberlippe seines dicken, ein wenig empfindsamen Mundes zitterte. Beinahe wäre er gestolpert und mit der ganzen Visage der Länge nach aufs Pflaster geschlagen, vor den holzgerahmten Auslagen mit Rasierpinseln, Schrotflinten und alten Meistern. Doch schon hatte er sich wieder aufgerappelt und stolzierte seinem Patenonkel hinterher, in einer Bomberjacke mit Lammfellkragen und in Jeans, die sich nach unten, zu den weißen Strümpfen in seinen Docksiders hin verjüngten. Er hatte beide Arme vom Körper abgespreizt, die Handflächen nach hinten gedreht, und schob seine Zunge von einer Backe in die andere. Wart nur ab, Freundchen!, schien er zu sagen, dir werd ich es aber noch zeigen!

»Hat man dir denn nicht gesagt, was du in Oxford brauchst?« Rupert Fillinghausen verlangsamte seinen Schritt und schielte über die Schulter nach seinem Patensohn, eine Augenbraue nach oben gezogen.

»Eine Daunendecke. Drei Bettlaken. Drei Kopfkissenbezüge. Drei Handtücher. Und drei Badetücher. Natürlich alle mit Namensschildern versehen. Einen Wasserkocher. Geschirr und Besteck. Und Poster!«

Mit einem Pfeifen entwich die Luft aus der nadelbestreiften Brust. »Gut, das ist wenigstens billig. Komm, lass uns einen trinken gehen.«

Mit frischem Elan stürmte Rupert Fillinghausen auf ein Public House zu, dessen lackierte Holzfassade sich unter herabhängenden Geranien verbarg; als er nach der Tür griff, schielte er wieder über seine Schulter und hob den Zeigefinger. »Weißt du, was der alte Voltaire gesagt hat? England ist wie eine Kokosnuss – seine Werte gedeihen überall, wenn man ihnen nur das geeignete Klima bietet.«

Im Iron Duke roch es nach Teppich und Bier. Gedämpftes Licht fiel auf dunkles Holz und spiegelte sich in den Zapfhähnen, hinter denen sich der spanische Kellner Paella-Reste von den Fingern schleckte. Auf dem Bildschirm des Fernsehers über ihrem Kopf marschierten britische Musikkorps zu den Melodien von Georg Friedrich Händel im Trommelwirbel über die Sägespäne der Westfalenhalle. Es gab ohrenbetäubende Dudelsäcke und Hörner und rote Röcke und Bärenfellmützen und Kilts. Schulterstücke, Messingknöpfe und die Uniform eines zweitrangigen Mitgliedes des Königshauses gleißten im Scheinwerferlicht. Daneben thronte die massige Gestalt des Oberkommandierenden der Rheinarmee mit zitterndem Backenbart in der Loge, den Feldherrenstab in der Hand. Um sie herum saßen sozialdemokratische Zivilisten, unschlüssig darüber, ob sie sich in ihren Sitzschalen aufrichten oder demonstrativ entspannen sollten. Die Regimenter fächerten aus, machten an den Banden kehrt und marschierten hinter dem Stock des Tambourmajors her erneut aufeinander zu, um miteinander zu verschmelzen und, noch einmal, auszufächern in Rauten, Rhomben und Quadrate, deren Teilchen in ständiger Bewegung waren und dennoch immer die gleiche Ordnung beibehielten.

»Und – nervös?«

»Ich? Nein, nein, nein. Ach wo!«

»Junge, das wird schon. – Was studierst du noch mal?«

»PPE. Philosophie. Politologie. Und Economics – Ökonomie.«

»Donnerwetter. Alles zusammen?«

»Ja, aber jeweils nur zu einem Drittel.«

»Das ist praktisch, da kommt man mit. Bist du wenigstens gut untergebracht? Hast du schon eine Bude?«

»Ich wohne im College. Oxford besteht aus lauter einzelnen Colleges, in denen man lebt und lernt«, fügte er hinzu, als er in das fragende Gesicht seines Patenonkels sah, »die Universität selbst ist eigentlich nur für die Abschlussprüfungen zuständig. Und einige Colleges sind besser als andere!«

»Jetzt hab ich’s kapiert: Die einen machen das so, und die anderen machen das so. Freier Wettbewerb mit denselben Regeln, das gefällt mir. Very British indeed. Und«, schürzte er seine Lippen, »hast du auch so ein College?«

»Natürlich. Ohne College geht gar nichts.«

»Wie heißt es denn, dein College da?«

»Trinity.«

»Klar, kenn ich!« Rupert Fillinghausen schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Trinity College.« Bei der Vorstellung, dass sein Patensohn an einem so berühmten Ort studieren würde, erhellte sich sein Gesicht – auch, weil er es ein wenig mit dessen bekannteren Namensvettern in Cambridge und Dublin verwechselte.

Sein Patensohn nahm derweil einen weiteren Schluck von seinem Bier, die Wärme stieg ihm in den Kopf, und im Traum begann Oxford, vor ihm Gestalt anzunehmen: Mal reflektierten goldgeprägte Buchrücken das Feuer von Kaminen, deren gusseiserne Roste in teuflische Fratzen ausliefen, mal dienten mittelalterliche Kreuzgänge als Kulisse für wüste Togapartys, in denen die Hormone sexuell ausgehungerter Internatsschüler entfesselt nach oben kochen durften. Er träumte von wechselnden Liebschaften, die mal wie Diana Rigg, mal wie die junge Jane Birkin aussahen. In einem zweisitzigen Austin Healey würden sie über sich windende Landstraßen davonbrettern, Laborkittel überstreifen oder Nadelstreifenanzüge tragen, mit Degen in ihren Regenschirmen bulgarische Spione aufspießen, Shortbread essen, das Geheimnis der Kernfusion lüften, durch eine spektakuläre Übersetzung der Schriftrollen von Qumran die Geschichte des Christentums neu schreiben und dafür von der ewig gleichen Herzogin von Kent mit einer Einladung in ihre Loge in Wimbledon belohnt werden.

»Und?«, riss ihn sein Patenonkel aus seinen Tagträumereien. »Wann geht es denn los?«

»Morgen. Ich muss mich bis achtzehn Uhr beim Pförtner melden.«

 

Etwas mehr als vierundzwanzig Stunden später hatte er sich in Trinity beim Pförtner gemeldet, zwei Schlüssel in Empfang genommen und sein Zimmer bezogen. Nun hatte er bis zum Abendessen eine halbe Stunde zu überbrücken.

Für einige Augenblicke schritt er vor der Tür des Speisesaals im Durham Quad auf und ab, das den kleinsten und innersten Hof des College bildete. Er spürte die mönchischen Steinplatten unter seinen Schuhen, ihre Erhebungen und Mulden, die im Lauf der Jahrhunderte entstanden waren, und paffte dabei wie wild an seiner Zigarette; dann zertrat er sie auf dem Boden, blickte über beide Schultern und hob rasch den Stummel wieder auf, um ihn in seiner Hosentasche verschwinden zu lassen.

Über ihm, auf dem Turm der barocken Kapelle, schwenkten vier Statuen die moosbewachsenen Symbole von Geometrie, Astronomie, Theologie und Medizin. Raben saßen auf ihren Armen und schwangen sich über das Steingeländer der Aussichtsplattform empor in die Luft. Ein schweres und trauriges Krächzen erklang; ansonsten war hier keine Seele zu sehen, und er fühlte sich wie auf einem Friedhof.

Vorsichtig drückte er die Türe auf. Sie führte in einen schmalen Gang, in dem es rechts, nach einer Garderobenstange, hinab in den Bierkeller ging; gegenüber führten zwei Portale in den Speisesaal.

Dieser war zu dieser Stunde noch leer; bauchig und klein wartete er, unter einer klassizistischen Stuckdecke in Grisaille, auf den letzten Anstrich der Restaurierung. Pseudogotische Fächerbögen unterteilten die Fenster nach draußen zum Durham Quad; auf der anderen Seite öffnete sich die Manschette eines Kamins neben dem Durchgang zur Küche. Am Kopfende rahmten Pilaster mit dorischen Kapitellen fünf Porträts ein, Bilder ziegennasiger Gesichter mit Perücken, oben begrenzt von einem Trompe-l’Œil und einem mit Wappen geschmückten Sims. Darüber hing die Fleischervisage des Collegegründers, Sir Thomas Popes, eines Selfmademans im Ozelotmantel, mit dicken Ringen an seinen Fingern; die Tafel darunter war der Leitung des College vorbehalten, dem Governing Body.

Im rechten Winkel zu dieser Tafel füllten Refektoriumstische den Rest des Raums. Ihr Geschirr und ihre Gläser schimmerten im Abendlicht. Das Holz der Tischplatten glänzte wie die Oberfläche eines Paares gut eingetragener Armeestiefel, das, für den Besuch eines Inspektors oder Generals, auf Hochglanz poliert worden war.

Er hatte das Gefühl zu stören und zog schnell seinen Kopf zurück. Da an der Garderobenstange keine Kleidungsstücke hingen, fragte er sich, ob nicht auch sie höheren Zwecken vorbehalten wäre. Er wog seine Bomberjacke unschlüssig in der Hand. Den beiden Portalen zum Speisesaal gegenüber gähnte ein Loch, das hinab in den Bierkeller führte. Von unten wummerte Geklingel und Geschrei die Treppe empor, das ihn noch mehr einschüchterte – und so nahm er Reißaus und rannte zurück auf sein Zimmer.

Er lief durch den Torbogen, der unter dem Turm der Kapelle vom Durham Quad in den Front Quad führte, vorbei an der Anschlagtafel. Um die Wartezeit auf das Abendessen zu verkürzen, hatte er die Aushänge intensiv studiert und aus Angst, jemand könnte ihn beobachten, so getan, als interessiere ihn jedes Detail: die Einzelheiten der Aushänge des Präsidenten und des Senior Tutor etwa, der für die akademischen Belange des College zuständig war; die Mitteilungen des Domestic Bursar, der die Verwaltung leitete und die Zimmer vergab; die Gebote des Junior Dean, der offenbar eine Art Disziplinarinstanz darstellte, und schließlich der Aushang des J. C. R. oder Junior Common Room, der alle Undergraduates bezeichnete, Studenten, die auf ihr erstes Examen hinarbeiteten.

Vor ihm tat sich eine großzügige Fläche auf, ein baumbestandener Rasen, den zwei riesige Atlaszedern dominierten. Die gesamte rechte Seite der Grünanlage wurde von einer Mauer begrenzt, hinter der sich die Zinnen des Balliol College erhoben. Hinter seinem Rücken stand neben der Kapelle der majestätische Solitär der Residenz des Collegepräsidenten und im rechten Winkel dazu, direkt gegenüber von Balliol, die von Giebeln und Erkern gegliederte Fassade des viktorianischen Jackson Building. Dort, im ersten Stock, verdeckt von einem Catalpabaum und einem Storax, befand sich sein Zimmer.

Er hatte Trinity gewählt, da ihn die Anlage nicht an die klösterliche Strenge eines typischen Oxforder College, sondern an The Old Rectory erinnerte, das Landhaus der Fillinghausens. Denn keine Mauer schützte Trinity vor den Blicken der Außenwelt; von der Straße, ihm direkt gegenüber, trennte es lediglich ein luftiges Gatter, das einen hochherrschaftlichen Einblick in den Park mit seinen Bäumen, der Auffahrt zur Kapelle und der Residenz des Präsidenten gewährte. Während des Trimesters blieb dieser Eingang verschlossen, und Studenten wie Besucher mussten sich mit einer Holztüre begnügen, die sich neben dem Pförtnerhaus befand – doch heute, an diesem besonderen Tag, stand das Tor zur Broad Street weit offen.

Es war der Tag der Anreise. Es war der erste Tag von Michaelmas, dem Herbsttrimester, der erste Tag des akademischen Jahres.

Es war Daniels erster Tag an der Universität.

Seit den Mittagsstunden war ein Auto nach dem anderen durch das offene Tor gefahren, bis sich die Wagen vor dem Gebäude des Präsidenten gedrängelt hatten und in einer Reihe auf der Einfahrt geparkt worden waren, die von der Straße zur Kapelle führte. Grüne Rover hatten neben blauen Fords gestanden, weiße Hondas neben roten Vauxhalls und schlammbespritzten Volvo Kombis. Väter in Blazern und Turnschuhen und Mütter in Röcken von Laura Ashley hatten geholfen, das Gepäck auszuladen und auf die Zimmer zu schaffen. Doch nun, kurz vor dem Abendessen, war die Auffahrt verwaist; nur ein jämmerlicher Morris Minor stand noch vor den Quergebäuden, in die Daniel zurückeilte, um seine Jacke abzulegen.

Auf der Türschwelle stieß er auf zwei Männer und eine Frau. Der ältere Mann versuchte, seine roten Pranken um den jüngeren zu legen, während dieser unter dem Gewicht einer Zimmerpflanze schwankte; er war auffallend, ja, beinahe grotesk mager. Die Frau wühlte in den Geranien am Mauervorsprung, auf der Suche nach dem Wasserkocher, der dort hineingekullert war. Schnell richtete sie sich auf, strich die Falten ihres Blümchenkleides glatt und blickte ihm mit einem Lächeln nach, als er, eine Entschuldigung murmelnd, durch die Gruppe brach und, zwei Treppenstufen auf einmal nehmend, nach oben in den ersten Stock auf sein Zimmer stürmte.

Sein Zimmer war lang und schmal. Auf einem dunkelgrünen Teppich stand links das Bett mit der Daunendecke, auf der anderen Seite ein Schrank. An den Schrank schloss sich ein Waschbecken mit Spiegel an und ein Schreibtisch, gegenüber leuchtete ein mit orangefarbenem Stoff bezogener Sessel. Oberhalb des grellen Möbelstücks war ein Regal an die Wand geschraubt, auf dem er drei Bücher an die dicke, einbändige Ausgabe des »Concise Oxford Dictionary« gelehnt hatte. Es war nur ein Bruchteil dessen, was ihm auf einer Leseliste als Lektüre vor dem Antritt seines Studiums ans Herz gelegt worden war: John Stuart Mills »Über die Freiheit«, Mary McAuleys »Politics and the Soviet Union« und Richard Lipseys »An Introduction to Positive Economics«. Keines dieser Bücher hatte er angerührt; seine Aufmerksamkeit hatte vielmehr der kleinen Handbibliothek gegolten, die ein Sammelsurium von Geschenken seiner Eltern und Geschenken der Fillinghausens darstellte; er war noch nicht dazu gekommen, sie um eigene Anschaffungen zu ergänzen. So stand George Mikes’ »How to be an Alien« Seite an Seite mit Tolkiens »Der kleine Hobbit«, dem »Oxford Book of English Ghost Stories« und einer Gesamtausgabe der Theaterstücke von Oscar Wilde. Shakespeare fehlte. Doch Nancy Mitfords »Noblesse Oblige« war in die Sammlung aufgenommen worden, »Zuleika Dobson« von Max Beerbohm und zu viele Bände Fitzgerald.

Zwischen Schreibtisch und Sessel konnte er durch ein Sprossenfenster auf den Front Quad blicken. Die Fensterluken waren aus schwarzem Eisen; sie konnten aufgeklappt, mit einer Riegelkonstruktion wieder gegen den Rahmen gepresst und geschlossen werden. Hielt er eine Hand vor die Scheiben, fühlte er an seinen Fingern einen kalten Zug.

Er warf sich auf sein Bett; er stand wieder auf.

Bevor er sein Zimmer verließ, sah er noch einmal in den Spiegel. Da seine blonden Locken vom Kopf abzustehen begannen, griff er in einen Topf Pomade, verteilte diese auf den Handflächen und strich seine Haare mit einem schmatzenden Geräusch an den Schädel. Die vorstehende Oberlippe seines dicken, ein wenig empfindsamen Mundes zitterte; dennoch deutete er mit dem Zeigefinger auf sein Abbild und warf ihm zum Abschied einen finster entschlossenen Blick aus braunen Augen zu.

Als er aus seinem Zimmer trat, hatte endgültig der Abend begonnen; die Luft war voller Wassertröpfchen und roch aromatisch nach Herbst. In den Scheinwerferkegeln des Morris schob die bullige Gestalt des Pförtners einen Flügel des Gatters zurück. Das Auto verließ das Collegegelände und bog in die Broad Street ein. Hinter ihm holperte das Tor auf einer Schiene mit einem schleifenden Geräusch zurück in sein Schloss.

 

Mauerwerk türmte sich in den Himmel, die Fenster des College waren dunkel. Er konnte seinen Atem sehen. Mit eingezogenen Köpfen hasteten Gestalten über die Wege zum Torbogen unter der Kapelle, alleine, aber auch zu zweit oder dritt. Trotz der Kälte trug niemand eine Jacke; wie er auch, hatten aber alle über die Kleidung ihren gown geworfen, der nach wie vor das formale Gewand der Studenten in Oxford war.

An die Schultern des halblangen Talares waren zwei Stoffbahnen genäht, die hinter ihren Trägern herbaumelten wie die Flügelstummel des Riesenalks, eines Vogels, der im Lauf der Evolution das Fliegen verlernt hatte. Bis zu seiner Ausrottung Mitte des 19. Jahrhunderts nistete der letzte Schwarm auf dem Eldey-Felsen in einer Schäre vor der Küste von Island. Der graue Atlantik peitschte in Schlieren über seine Klippen; das jährliche Ei zwischen den Flossen, drehten die Vögel ihre Schnäbel gen Festland, während die eiskalten Schaumkronen über sie hinweg wanderten; mit auf- und absteigenden Rudern kamen Boote über die Wellen getanzt, um sich ausgestopfte Exemplare für die Museen von Darmstadt, Kopenhagen und London zu sichern. In den Booten saßen Fischer, die sich seit Generationen von der See ernährten; sie deuteten das Paar weißer Wülste über den Augen der Tiere als den Blick der Geister ihrer Vorfahren, die sie abstraften, wenn sie nicht mit reichem Fang nach Hause kämen.

»Jetzt mach dir mal nicht in die Hosen!«, ermutigte er sich selbst. »Die kochen hier doch auch nur mit Wasser! Lass uns lieber mal rausfinden, was uns die Engländer heute Abend für einen Kantinenfraß auftischen wollen. English food – damit kann’s ja nicht weit her sein!«

Im Garderobengang schlossen ihn die schwarzen Talare von allen Seiten her ein. Durch die Portale hörte er Teller und Stimmen; gegenüber schwoll das Geklingel und Geschrei aus dem Bierkeller immer mehr an. Er hatte kaum Zeit, den Kopf zu drehen, als mehrere Gestalten die Treppe emporgepoltert kamen und ihn mit sich in den Speisesaal schwemmten, an das Ende des letzten freien Tisches.

Da standen sie wie die Orgelpfeifen, die meisten sogar noch jünger als er selbst, und senkten brav die Blicke. »Hello!«, rief er, wobei ihm sein deutscher Akzent wie Blech in den Ohren schepperte. »Mein Name ist Daniel Groß-Blotekamp!«

Mit einem Schlag endete die Unterhaltung. In den Gesichtern las er nacktes Entsetzen, so, als wäre er die SS persönlich, die von der Ladefläche eines Truppentransporters vom Typ 33 D1 der Firma Henschel & Sohn (Kassel) direkt auf den Abendbrottisch des Trinity College in Oxford sprang, in Stiefeln und Ledermantel, mit durch die Nacht huschenden Schäferhunden, Sturmgewehren und Nickelbrillen, in denen sich die Heuhaufen der Résistance spiegelten mit ihren darin versteckten englischen Piloten und die Häuser des brennenden Dünkirchen.

»Tatsächlich?«, sagte ein schlaksiger Bursche in auberginefarbenem Strickpulver, mit herunterhängender Habsburgerlippe, »meiner nicht.«

»It’s Rattles to me, mate!« Über den Tisch streckte ihm ein stiernackiger Australier die Hand entgegen; er hatte die geröteten Wangen eines Cherubs und trug ein Rugbyhemd mit der Nummer Acht. Die Lider des schlaksigen Burschen mit der Habsburgerlippe zuckten. »Are you German?«

In diesem Moment unterbrach sie das Geräusch einer aufspringenden Tür. Zu dem Donnern, das erklang, als sich einhundertfünfzig Menschen von ihren Bänken erhoben, stürmte der magere Bursche aus dem Quergebäude in den Saal. Schlagartig brachen sämtliche Gespräche ab; es war so still geworden, dass man eine Nadel hätte fallen hören.

Mit laut auf den Steinfliesen aufschlagenden Absätzen stürmte der zu spät Kommende zwischen den Tischen hindurch, das Haupt gesenkt, während sich sein Talar hinter ihm aufbauschte, und hielt direkt auf den High Table zu, die festlich gedeckte Tafel am oberen Ende des Saals. Wenige Schritte davor hielt er schwankend inne und fiel dann, begleitet von einem erstaunten Raunen der Menge, auf die Knie. Eine brechende Knabenstimme erfüllte den Raum:

»Miserere nostri te quaesumus Domine tuisque donis quae de tua benignitate percepturi sumus benedicito per Iesum Christum Dominum nostrum. Amen.«

»Amen!«, donnerte es aus der Halle zurück. Nachdem der Student für einige Augenblicke auf den Knien verharrt hatte, erhob er sich, machte kehrt und huschte mit hochrotem Kopf zurück an einen der Tische. Dies war das Startsignal für das Collegepersonal, Servierwagen mit einem Stew aus Rindfleisch, Rosmarinkartoffeln und Erbsen aus der Küche in den Saal zu schieben. Die Räder ratterten über den Boden, als um sie herum das Getöse der Abendunterhaltung einsetzte.

»Jemand hat sich tatsächlich im Speisesaal hingekniet!« Paxman, der Bursche mit der Habsburgerlippe, hatte die Gesichter der neuen Studenten fest im Blick. »Das dürfte seit den katholischen Zeiten nicht mehr vorgekommen sein.«

»Wahrscheinlich nicht mehr seit Kardinal Newman!«, posaunte die Nummer Acht zurück. Die neuen Studenten sogen jedes Wort mit entrückten Gesichtern auf. Dabei jagte eine junge Frau eine Erbse mit dem Löffel über den Tisch, während ihr Haar, mit einem Samtband zurückgehalten, auf die Schulterpolster einer Ärmelbündchenbluse strömte; das Doggengesicht ihrer Nachbarin war vor Aufregung angelaufen, und die Rhomben ihrer asymmetrischen Ohrgehänge schimmerten, als sie von einem Sprecher zum nächsten blickte und atemlos prustete: »Geh! Geh! Geh!«

»Wahrscheinlich nicht mehr seit Kardinal Newman«, unterbrach sie ein Echo vom unteren Ende des Tisches. Für einen Augenblick wandten sich alle einem jungen Mann mit einem bleichen, sommersprossigen Gesicht und hohen, fast slawischen Wangenknochen zu, der gehässig jedes Wort wiederholte – und dabei stieg ihm das Gesagte so zu Kopf, dass dieser fast zu glühen begann.

»Wer war Kardinal Newman?«

»Wer war Kardinal Newman?«, flüsterte das Echo böse.

Bei Kardinal Newman, wurde Rattles, der diesen Namen behalten sollte, von Paxman belehrt, handele es sich um den berühmtesten Absolventen des College; im neunzehnten Jahrhundert habe dieser als einer der führenden Köpfe des Oxford Movement um eine Annäherung der Anglikanischen Kirche an Rom gestritten; später sei er selber zum katholischen Glauben konvertiert. Rattles entging nicht, dass die Antwort der Nummer Acht eine versteckte Spitze enthalten hatte, korrigierte sie doch die ursprüngliche These um drei ganze Jahrhunderte nach vorn. Es konnte sein, dass der Athlet Paxman nicht mochte; möglicherweise hielt er ihn für einen Streber.

»Ich wusste gar nicht, dass Hoops religiös ist.«

»Du machst Witze; der hat’s erfunden.«

Paxman sprach von dem dünnen Burschen aus dem Quergebäude, der vor einigen Momenten auf die Knie gefallen war. Beide trugen statt des kurzen gowns der gewöhnlichen Studenten den langen Talar der Stipendiaten, der ihnen majestätisch von den Schultern floss. Er verlieh ihnen die Würde junger Professoren; zudem kam er ohne die albernen Flügelstummel am Rücken aus.

»Er wurde zum Präsidenten gebeten.«

»Zum Präsidenten«, raunte es gehässig am Tisch.

Rattles folgte ihrem Blick zum High Table, wo dieser Hoops gerade vor Sir Anthony Bruntons massiger Form seine Aufwartung machte. Dort nahm das Gelage seinen Lauf; zwischen den Köpfen aber erkannte er die Halbglatze von Professor Adrian Shamrack wieder, um die ein Kranz schlohweißer Haare wehte. In seinem Aufnahmegespräch hatte er Rattles gebeten, folgenden Satz zu kommentieren: »During a bombardement the safest place is a shell hole because shells rarely fall twice into the same hole.« Später würde Rattles nachgeschlagen haben, dass shell im Englischen auch das Wort für »Granate« war; damals hatte er nur an das Logo eines Mineralölkonzerns gedacht und sich gefragt, ob es angebracht sei, sich bei einem Bombenangriff in einem Bohrloch zu verstecken. Als er seine Augen geschlossen hatte, um Konzentration vorzutäuschen, war ihm ein Schwarm Jakobsmuscheln erschienen, der sich im Zwielicht über den Boden des Atlantiks bewegte; er hatte versucht, ihn in geometrischen Formen zu arrangieren wie die Affen in Kekulés Traum. Von oben hatte das Sonnenlicht in Strahlen durch das Plankton getanzt, Seepferdchen hatten in der Strömung geschwankt, und im Hintergrund hatten die Tangbüschel der Sargassosee geweht wie das Haar einer Meerjungfrau. Manchmal hatte er eine sich öffnende Schale gesehen, die in ihrem Inneren eine sanft opalisierende Perle preisgab; andere Muscheln hatten einen Strauß anemonenähnlicher Tentakel geboren, die sich in den Grund hineingefressen, ihren Panzer mit einem Ruck unter die Erde gezogen und im Wasser nichts hinterlassen hatten als ein Wölkchen Sand, das vom Golfstrom mit der nächsten Welle davongetragen worden war. Als der Professor mit seinen Unterlagen geraschelt hatte, war Rattles aus seiner Vision gerissen worden, und jener hatte ihm nicht mehr aufmunternd zugenickt, sondern betreten zu Boden geblickt. Die Aussage sei inkonsistent, hatte daraufhin Rattles mit belegter Stimme das Schweigen gebrochen, da unterschiedliche Bombenangriffe nicht logisch miteinander verbunden seien; weil die Bomben, die während eines Angriffs fielen, keine Beziehung zu den Bomben des nächsten Angriffs hätten; weil deshalb die Wahrscheinlichkeit, mit der während des ersten Angriffs eine bestimmte Bombe ein Ziel x treffe, genau dieselbe sei, mit der während des nächsten Angriffs eine Bombe an genau demselben Punkt x einschlage; dass seine Rechnung freilich nur aufgehe, wenn bei beiden Angriffen die Bomben mit derselben statistischen Verteilung herabregneten, wenn es sich also um Streubomben handle, und dass man die ganze Frage elektronischer Zielerfassung in diesem Fall am besten außer Acht lasse; dass das Argument einerseits zwar nicht stimme, dass es aber andererseits dennoch sinnvoll sei, sich während eines Bombenangriffes in einem Loch zu verstecken, da dieses zwar nicht vor herabfallenden Geschossen, aber vor umherirrenden Splittern schütze und deswegen nicht horizontale, wohl aber vertikale Deckung liefere usw. usw. –

Diesem Gespräch, durchfuhr es Rattles, verdankte er womöglich seine berufliche Zukunft! Und so, einem Impuls folgend, erhob er sich, um seinen Professor mit Handschlag zu begrüßen.

 

Er stapfte zwischen den Tischen hindurch, an denen die Studenten, in ihren Talaren über die Tische gebeugt, lärmend in sich hineinfutterten. Einer nach dem anderen hob den Kopf und sah, wie er zum High Table schwankte, beide Arme vom Körper abgespreizt, die Handflächen nach hinten gedreht, und als er den Präsidenten am Kopfende ohne Grußwort umkurvte, schob er seine Zunge von einer Backe in die andere.

Auf der Eichenholzplatte des High Table funkelten Burgunderweine in Dekantern. Zu dem Summen der Unterhaltung spiegelte sich das Kerzenlicht auf Tafelsilber, Schläfen, Brillen, Perlmuttknöpfen und Besteck. Dieses kam wie die Klauen eines Krabbenschwarms aus den Umhängen gefahren und kratzte nun und arbeitete auf den Tellern mit ihren bleichen Soufflés, den Pfefferkörnern und Parmesanflocken, dem Grün und Rot der offenen Feigen.

»Hallo, Professor Shamrack!«, krähte Rattles munter drauflos.

»Ah«, schreckte dieser auf und lächelte fleischig, »Oh ja. Sie sind’s.«

»Wer ist denn das?«, raunte es an dem Tisch; alle Vogelaugen waren nun auf Rattles gerichtet.

»Mein Name ist Daniel Groß-Blotekamp«, erstarb seine Stimme. »Wir kennen uns von der Aufnahmeprüfung. Ich war der mit den Granaten. Eigentlich wollte ich nur ›hallo‹ sagen –«

»Hallo.«

»Mein Gott!«, donnerte Sir Anthonys Stimme vom Kopfende über den Tisch. »Wenn alle freshmen so bewundernswert höflich wären wie dieser junge Herr, dann würden wir hier wahrscheinlich noch bis morgen sitzen.«

Die Gesellschaft dankte ihm mit Gelächter; Rattles aber zog seine Hand wie verbrannt wieder zurück. »Ich freue mich darauf, bei Ihnen studieren zu dürfen!«, rief er. »Guten Abend!« Dann knallte er seine Absätze zusammen, machte kehrt und stiefelte zurück auf seinen Platz.

»Warum hast du das getan?«, fragte ihn Paxman.

»Ich habe Professor Shamrack schon vorher kennengelernt«, erwiderte Rattles, der durchaus nicht unzufrieden mit sich war.

»Du alter Streber!« Rattles erinnerte sich an Matthew Selwyns sommersprossiges Gesicht mit den hohen, fast slawischen Wangenknochen noch vom schriftlichen Teil der Aufnahmeprüfung her – war dessen Kugelschreiber doch, zum Entsetzen aller Prüflinge, die ganze Zeit, ohne Unterlass, in irrwitziger Geschwindigkeit über das Papier geflogen. »Du hast das mit Absicht getan, um auf dich aufmerksam zu machen.«

»Geh, wie ist es denn da oben, am High Table?«, streckte Tamsin ihr gerötetes Doggengesicht nach vorn; die Ohrgehänge schimmerten.

»Voll Silber!«, rief Rattles und sah, verblüfft auflachend, von einem Gesicht in das nächste. Sein Blick ruhte noch eine ganze Weile auf dem Gedeck der hohen Tafel, wo das Festessen ungestört seinen Fortgang nahm, obwohl sich der Speisesaal um sie herum bereits geleert hatte; schließlich aber erhob sich auch er und folgte, mit einigem Zögern, den anderen die Treppe hinab in den Bierkeller.

Dort war jeder Tisch bis auf den letzten Platz besetzt. Rattles drängelte sich zwischen eine Gruppe von Mods an die Bar. Mit der traumwandlerischen Sicherheit eines Faultiers hangelte sich hinter dem Tresen ein weißhaariges Ehepaar von Zapfhahn zu Zapfhahn; noch während er die Brauereiplaketten studierte, auf denen Namen standen wie »Carling Black Label«, »Strongbow«, »Tetley«, »Foster« und »Morrell’s«, schob sich Jane, das Mädchen in der Ärmelbündchenbluse, überfallartig an ihn heran. »Und du – du kommst also aus Deutschland.«

Er nickte vorsichtig.

»Woher denn?«

»Aus Frankfurt.«

»Wie schön! Ich bin auch mal in Deutschland gewesen. Rate mal, wo! Ich war in Munkengladback.« Der Stolz, diesen Zungenbrecher bewältigt zu haben, war nicht zu übersehen.

»Krass! Warum ausgerechnet Mönchengladbach?«

»Mein Bruder ist dort stationiert.«

»Ah, er ist dort stationiert. In der Armee!« Rattles machte sein Lieblingsgesicht, das daraus bestand, die Brauen in die Höhe zu ziehen und dabei eine tiefe Falte zwischen den Augen erscheinen zu lassen; dazu lächelte er und zeigte seine Zähne.

»Wie gefällt es dir denn hier?«, zwitscherte sie gnadenlos fort. »Ist es nicht toll, dass alle immerzu miteinander reden? Ich habe mir schon Gedanken gemacht, dass alle Leute hier total versnobt wären, lauter schnöselige Internatskinder und so, aber das College ist in Wirklichkeit total freundlich und bodenständig. Ich hab vorher voll die Angst gehabt, dass wahrscheinlich überhaupt niemand mit mir sprechen mag.«

Rattles hatte den Kragen seines Polohemds hochgestellt und zündete sich eine neue Zigarette an; eine Locke erhob sich trotzig aus seiner Stirn. Hinter ihm klingelte Dr.Zekyls Flipper; aus der Jukebox drang »More than a feeling« und mattes Licht; daneben warfen die Mitglieder der Home Brew Gang ihre Pfeile auf eine Dartscheibe oder schossen, nach ewigem Maßnehmen, in das Dreieck der Snookerkugeln, die sich mit einem explosionsartigen Knall über den Filz verbreiteten.

»Es ist hier so toll!«, rief Jane. »Und ich dachte schon, in Trinity käme jeder aus Eton.«

»Geh, wer war hier in Eton?« Tamsin hielt ihr drittes Glas Ale in der Hand. Als sie in die Pubertät gekommen war, zwei Jahre nach dem Winter of Discontent, hatte die Verfilmung von Evelyn Waughs »Wiedersehen mit Brideshead« verschwenderische Bilder in den Alltag des Krämerladens ihrer Eltern in Liverpool gebracht; nun schob Hauptmann Charles Ryder, zu den Klängen einer barocken Trompete, erneut Lord Sebastian Flyte durch die tropischen Gärten von Castle Howard. »Wie schaut’s denn mit dir aus, Rattles?«

»Rattles, ist das dein echter Name?«

»Nein. Das ist mein Spitzname.«

»Oh, sie haben dir bereits einen Spitznamen gegeben«, murmelte Matthew Selwyn gallig. »Das war aber böse von ihnen.«

»Warst du in England in der Schule?«, fragte Jane, in Hinblick auf seinen deutschen Akzent.

»Nein. Ich war in der Schweiz. Im Internat!«

Jane starrte ihn entsetzt an. »Also doch: in der Schweiz, im Internat! War das nicht richtig teuer? Ich bin so enttäuscht – auf den ersten Blick dachte ich, du wärst vollkommen normal.«

»Fährst du Ski?«

»Jeden Winter.«

Auch wenn er gerne Ski fahre, versuchte sich Rattles zu retten, sei sein Lieblingssport in Wahrheit Eton Fives gewesen; durch die diesem Spiel innewohnende Absurdität habe er die englische Kultur und ihr Fairplay quasi mit der Muttermilch aufgenommen.

Jane nestelte an ihrem Kragen. Die Nummer Acht ließ den Kopf hängen, stemmte beide Fäuste in die Hüften und starrte auf einen Fleck auf dem Boden. Mit einem Krachen zermalmte Paxmans Kiefer eine Handvoll Nüsse.

Rattles stieg das Blut in den Kopf. Hastig erklärte er, dass Eton Fives von zwei Teams mit je zwei Personen gespielt werde, die mit wattierten Lederhandschuhen einen Kautschukball gegen eine Wand zu dreschen hätten; dieses Spiel, in Eton als The Wall Game bekannt, sei natürlich vollkommen sinnlos, doch lehre es jeden Kombattanten, dass man über sich selber hinauswachsen müsse, um zu gewinnen, und dass dazu alle dieselben Regeln zu befolgen hätten. Außerhalb des Vereinigten Königreichs werde Eton Fives an keiner Schule gespielt außer der seinen. Dort, in einem Engadiner Bergdorf, auf achtzehnhundert Metern Höhe und im Schatten des Piz Bernina, habe man weder Kosten noch Mühe gescheut, um eine Ecke der berühmten Schule nachzubauen, den Sockel eines gotischen Mauervorsprungs inklusive, und so, auf fremdem Boden, für immer ein Stückchen England geschaffen.

»Geh, du da«, lallte Tamsin, die von Rattles’ Ausführungen nur die Hälfte verstanden hatte. »Warst du jetzt in Eton oder nicht?«

»Ich war auf einer Schule in der Schweiz!«, verkündete Rattles, dem bei den Blicken seiner Kommilitonen zusehends der Kamm schwoll, »aber wir haben einen Sport gemacht, der aus Eton kam. Und andere auch!« In seiner Erinnerung spielten nun weißgekleidete Jünglinge Kricket zum Rauschen eines Bergbachs; im Winter federten sie mit Skiern auf knirschendem Schnee über das Rondell, während sich die Sonne in den Gläsern ihrer Ray-Ban Aviators brach. Er hatte bereits verdrängt, dass er bei seiner Ankunft zur Begrüßung von zwei Prügelprinzen erst einmal die Treppe hinuntergeworfen worden war und dass er sich deswegen nach der Maturitätsprüfung geschworen hatte, nie wieder von seiner Zeit auf der Galeere zu sprechen.

»Dann warst du also auf dem ›Eton der Schweiz‹.«

»Robert McMurray war in Eton. Komm, Robs, kläre uns auf!«, rief Paxman einem der älteren Studenten zu, der in einem ausgeleierten Bauernpulli unter den Fenstern zum Durham Quad saß; er hatte die blauen Augen von Peter O'Toole, in die ein Wust schwarzer Haare fiel, und trug einen steinlosen Siegelring am kleinen Finger der linken Hand.

»Lass die Hosen runter, Kollege! Als Schotte solltest du heute ohnehin besser dein Tutu tragen.« Das ozeanische Cockney der Nummer Acht hatte die Lässigkeit verträumter Inseln, die Rattles gleichzeitig anzog und abstieß.

Roberts schlüpfrige Antwort zog die Lacher auf seine Seite; dabei aber hatte seine Stimme einen sonoren, fast bellenden Klang, der eine ganze Oktave tiefer war als der Tonfall der anderen Studenten. Rattles erinnerte sein Englisch an Aufführungen der Royal Shakespeare Company, an »Macbeth« und »König Lear«.

So müsste man sprechen!, dachte er sich, als sie schon um acht Uhr wieder ins Freie gesetzt wurden, dann würde sich niemand mehr in die Hosen machen, wenn ich mich an fremde Tische setze und den Mund aufreiße!

 

Zwei Tage später radebrechten sich Rattles und Matthew Selwyn durch ihr erstes Tutorium; die Lehrerin trug Halbschuhe, das graue Haar zu einem Knoten gebunden und war, wie sie später in Erfahrung bringen sollten, ein Produkt des Frauencollege Sommerville.

Eine schriftliche Vorbereitung auf die Stunde war nicht nötig gewesen; dafür drang Oktoberlicht durch das Sprossenfenster und strich über Bleistifte und einen Apfel, während Kerenski vor der Duma sprach und Lenin vom deutschen Generalstab nach Russland geschickt wurde. Spätestens als die Tschechoslowakische Legion das Kasaner Zarengold raubte und sich in gepanzerten Eisenbahnwaggons ihren Weg durch Sibirien bis nach Wladiwostok freischoss, gerieten sie in eine Art Rausch; sie verließen den Raum mit dem Gefühl, ihr Studium nun endgültig angetreten zu haben und ihren Platz an der Universität auch behaupten zu können, da die anderen tatsächlich nicht klüger waren als sie selbst.

Am Samstag der Immatrikulation in die Universität versammelten sich alle neuen Studenten von Trinity im Durham Quad für das Jahrgangsfoto. Drei Viertel davon waren Männer; sie trugen Anzüge unter ihren gowns