Kolosseum des Lebens - C. L. Larue - E-Book

Kolosseum des Lebens E-Book

C. L. Larue

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Beschreibung

Woran lag es, sich statt seinen Zielen zu nähern oder sie gar zu erreichen, eben genau das Gegenteil bewirkt zu haben? Machte es Sinn das Risiko einzugehen vielleicht doch zu erkennen, dass er zu schwach für dieses Leben war oder gar psychisch zu labil, um die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen? Wäre es vielleicht nicht doch besser gewesen sich jetzt, an dieser Gabelung seines beschissenen Lebens ohne Gegenwehr weiter treiben zu lassen, sich seinem vermeintlichen Schicksal zu beugen und nichts mehr zu hinterfragen, es hinzunehmen so wie es nun mal war und still auf das unausweichliche zu warten? ...

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2016

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C. L. Larue

Kolosseum des Lebens

oder Gladiatoren auf dem Küchentisch

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Gladiatoren auf dem Küchentisch

Geschenke & andere Querelen

Pichelsteiner Suppe & sonstige Eingriffe

Über schwebende Wesen & andere Irrflüge

Was man (Mann) über Frauen wissen muss

Brotlose Künste

Opfergaben & Prioritäten

Der Chamäleon Effekt

Die Kunst des exzessiven Glücklich seins

Göttliche Deals & wahre Mutterliebe

Euphorien

Von Trugschlüssen & abgefahrenen Zügen

Lichtblicke & Dämonen

Emotionen

Letzte Gedanken ….

Schlusswort

Impressum neobooks

Vorwort

Wie oft mag es wohl vorkommen, dass in einem stillen Augenblick die Gedanken beginnen um das eigene Leben zu kreisen? War es ein erfülltes und relativ angenehmes Leben oder doch eher ein nicht so erstrebenswertes gewesen?

Diese Frage dürfte man sich wohl eher selten stellen. Kommt es doch einmal vor, dann bestimmt wenn man in einem besinnlichen Augenblick, in einer entspannten Atmosphäre und vielleicht sogar, mit einem leicht überheblichem Gefühl in der Gewissheit die Antwort im Grunde schon zu kennen, zurück blickt.

Man genießt ein Glas Wein auf der Veranda, sieht den Enkeln zu wie sie im Garten spielen oder geht Hand in Hand mit seiner geliebten Frau spazieren. Man hatte das Leben gemeistert und war erfolgreich. Mit Freude erinnerte man sich noch einmal an einzelne Abschnitte wie beispielsweise jene, die zum wirtschaftlichen Erfolg führten oder wie man seinen Lebenspartner kennen lernte. Wie die Kinder geboren wurden, später die Enkelkinder und wie man erlebt hatte, dass sich ihr Leben ebenso positiv fortsetzte, wie bisher das Eigene. Ein schönes Leben war es, verknüpft mit wunderbaren Gefühlen, Erlebnissen und Augenblicke voller Freude.

Die weniger schönen Momente rücken in den Hintergrund und verblassen letztlich ohnehin. Man ist einfach nur zufrieden und erfreut sich an jedem Tag, den wohlverdienten Ruhestand genießend.

Nun, ich denke, dass es relativ wenig Menschen geben mag, die solch ein Leben gelebt haben oder es in dieser Weise empfinden würden. Häufiger dürfte sich die Frage nach dem Leben diejenigen stellen, die es nicht ganz so angenehm gestalten konnten, sofern man nicht bereits an einem Punkt angekommen war, der diese Frage schon sinnlos erscheinen ließ.

Dann, wenn man den Alltag als erbitterten Kampf empfand und heute nicht glaubt zu wissen, wie es morgen weiter gehen soll. Wenn die Schicksalsschläge so intensiv das Leben bestimmten, dass kein Raum mehr bleibt für den Gedanken an eine Recherche nach dem >Warum<.

Womöglich hat man sogar Angst, sich überhaupt dieser Frage zu stellen. Man ist bequem geworden, hat sich dem leichteren Weg ergeben, dem Weg der zur Überzeugung führte, dass alle anderen daran schuld seien, dass dieses Leben gerade so verlaufen ist, so wie es sich heute unbarmherzig darstellte.

Die Möglichkeiten sind vielfältig sich wie ein Ertrinkender einfach seinem Schicksal hinzugeben.

In Selbstmitleid badend, unfähig zu erkennen, dass dies unweigerlich der Weg in den Abgrund ist. Man will es ändern, das Ruder noch einmal herumreißen und dennoch nimmt niemand die Zügel in die Hand. Der Gedanke, selbst das letzte Quäntchen Kraft zu mobilisieren, ist einfach zu unbequem, womöglich sogar schon unmöglich geworden. Und so sägt man fleißig weiter am Ast auf dem man sitzt.

Der erste Schritt scheint doch zu sein, tief in sich hineinzuhören und sich die Frage zu stellen ob man wirklich so mutlos und Feige ist das Bild, so wie man es in diesem Augenblick schmerzlich wahrnimmt, von sich zu zeichnen. Ist man denn wirklich schon so weit, dass man nur das Leben verändern kann, wenn es andere für einen regeln? Nein, dieser Gedanke ist mir zuwider und ich weigere mich zu glauben, dass ich alleine mit dieser Überzeugung da stehe.

Es kann nur einen Weg geben, man muss die Zügel selbst in die Hand nehmen. Was fehlt ist lediglich der Anstoß, der Tritt in den Hintern der erkennen lässt, dass gerade eine kritische Betrachtungsweise des eigenen Lebens das Tor für eine neue Sichtweise öffnen kann und so zumindest eine realistische Chance geschaffen wird, dann doch noch wesentlich den Weg vom Abgrund zu lenken. Einen Versuch ist es allemal wert …

Gladiatoren auf dem Küchentisch

Stünde er vor einem Spiegel, würde er dann wohl noch einen jungen Mann in einem alten Körper sehen, so wie er es in den letzten Jahren empfand? Oder sähe er das, was von ihm übrig blieb, das was das Leben hinterließ … nur noch einen alten Mann, der seine innere Jugend verloren hatte, gebrochen, kraftlos, grau und müde, sich nach Ruhe sehnend und das schon mit schlappen 57 Jahren?

Die Badewanne war bisher der letzte Ort um seine Gedanken zur Ruhe zu bringen, sehnsüchtig dahin dämmernd, gleich einem leichten erholsamen Schlaf die sanfte Wärme genießend. Versunken in friedlicher Stille hintreibend, um doch noch einen Hauch Energie zu sammeln, gerade genug für den nächsten Tag. Doch es hatte seine magische Kraft verloren und diente jetzt nur noch einem Zweck, der Körperpflege. Atlantis war versunken, Eden hinter dem Horizont verschwunden. Was für ein Ergebnis eines Lebens, was für ein Jammertal das ihn zwang sich jeden Tag aufs Neue über die alltäglichen Hürden zu hangeln in dem Bewusstsein, dass nur noch seine drei „Mädchen“, Kira, Morgaine und Nana, ihn von dem Schritt abhielten, der ihm immer öfter unausweichlich schien. Die drei Collie Hündinnen, Strohhalme auf vier Beinen, klammern an das, was ihm das Leben noch übrig und lebenswert erscheinen ließ, denn nur sie waren übrig von all den Träumen, Zielen, Wünschen und Sehnsüchten, die er sich so ersehnte und die sein Leben bereichern sollten.

Gedanken, die sein ganzes Dasein ad absurdum führten, Gedanken, die ihn ständig im eisernen Griff hielten. Das Ergebnis eines Lebens, geprüft, gewogen und für zu leicht befunden. Und er stellte sich wieder einmal die Frage, machte es überhaupt Sinn darüber nachzudenken? Machte es Sinn, sich die große Frage zu stellen, wie konnte es soweit kommen?

Woran lag es, sich statt seinen Zielen zu nähern oder sie gar zu erreichen, eben genau das Gegenteil bewirkt zu haben? Machte es Sinn das Risiko einzugehen vielleicht doch zu erkennen, dass er zu schwach für dieses Leben war oder gar psychisch zu labil, um die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen? Wäre es vielleicht nicht doch besser gewesen sich jetzt, an dieser Gabelung seines beschissenen Lebens ohne Gegenwehr weiter treiben zu lassen, sich seinem vermeintlichen Schicksal zu beugen und nichts mehr zu hinterfragen, es hinzunehmen so wie es nun mal war und still auf das unausweichliche zu warten?

Oder lag es an den Äußeren, nicht beeinflussbaren Umständen die ihn an diesen Scheidepunkt brachten, an die Weggabelung vor der er jetzt mit gerade mal 57 Jahren stand? Alles nur eine Vermutung oder gar Ausreden, womöglich doch eine Erkenntnis, dass wir unser Leben nicht oder nur zu einem verschwindend kleinen Teil selbst lenken können? Die Aussage, „es gibt keine Zufälle“, nicht mystischer Natur, sondern mehr die logische Konsequenz dessen war, was uns im Leben mitgegeben wurde und daraus resultierend, Entscheidungen immer eine Wirkung hatten, die oft kurzzeitig aber auch viele Jahre auf sich warten ließ, so dass man nicht mehr in der Lage war, gegebenen Falls korrigierend einzugreifen?

Fragen über Fragen, die seine Gedankenwelt füllten, kaum noch Raum lassend für anderes, für schönes, für liebenswertes. Was würde sein, wenn die letzte Bastion gefallen war, der letzte Faden gerissen und auch seine „Mädchen“ von dieser Welt gegangen sind? Reichte die verbliebene Kraft überhaupt noch aus darauf zu warten? Reichte die Kraft danach weiter zu gehen durch diesen Lebens-Dschungel, sich erneut den unerträglichen Schmerz geliebte Wesen gehen zu sehen, aus?

Es würde wohl seine letzte tragende Entscheidung sein, die unaufhörlich näher zu rücken schien und um letztlich doch noch ein wenig Klarheit zu schaffen, keinen Aufschub mehr duldete. Die Entscheidung über Kampf oder Resignation, die Entscheidung endlich zu verstehen, was ihn an diesen Punkt brachte.

Wie also unschwer zu vermuten ist, war sein Lebensweg einer, den man nicht gerade als erstrebenswert erachten möchte. Vielmehr war es ein steiniger und beschwerlicher Weg, der kein Ende absehen ließ. Er stützte diesen Gedanken nicht nur auf Äußerlichkeiten, vielmehr auf das, was ihn letztlich als Individuum ausmachte, sein Seelenleben, das was er fühlte, tief im Inneren. Zum wievielten male schon stellte er sich die Frage, gab es das überhaupt noch, Seelenleben?

War er im Grunde schon lange tot oder bestand Hoffnung und es lichtete sich doch noch einmal der Nebel und das Ende des Weges würde in fahlem Licht am Horizont erscheinen? Dennoch, trotz seiner gefühlten Hoffnungslosigkeit, irgendetwas trieb ihn voran, irgendetwas ließ ihn vermuten, dass es womöglich doch ein wichtiger Abschnitt sein könnte, all seine Gedanken aufzuschreiben. Selbst wenn es letztlich nur für ihn alleine von Bedeutung sein mochte. Die Hoffnung endlich zu verstehen, hinter die Kulissen zu schauen , die Zusammenhänge greifbarer zu machen schien diese Mühe, die Qual der Erinnerungen Wert zu sein. Gab es vielleicht im letzten Moment doch noch einen tieferen Sinn zu erkennen und das letzte Quäntchen Lebenskraft das in ihm gerade noch glimmte, würde womöglich noch einmal neue Nahrung finden? War ein weiterer Strohhalm in Sicht, der leise, kaum hörbare Aufschrei, hoffend auf einen neuen Weg? War die Kraft ausreichend und greifbar, den großen Schritt zu wagen sich seiner Vergangenheit zu stellen, auf der Suche nach dem Warum?

Die Weichen seines doch wohl eher nichtalltäglichen oder vielleicht sogar außergewöhnlichen Lebens, wurden nicht erst im Augenblick der Geburt, sondern mit den pränatalen Ereignissen die sein Leben bestimmen sollten, gestellt. Ihm ging durch den Sinn, dass er womöglich der erste Adrenalin Junkie aller Zeiten gewesen sein musste oder zumindest der jüngste, wohl durch Adrenalin geschädigte.

Ein wahrhaft makabrer Gedanke und er entdeckte den leichten Ansatz eines Lächelns auf seinen Lippen. Was diese Form des Sarkasmus bei ihm zu Tage förderte, der sich immer mal wieder an die Oberfläche drängte, waren Ereignisse die 1957 seine Mutter ereilten. Der Tod ihres Vaters und ebenso der unverhoffte Tod der jüngeren Schwester, während sie mit ihm im 6. Monat schwanger war, ließ unzweifelhaft vermuten, dass sie permanentem Dauerstress, Seelenqualen und unerträglichem Leid ausgesetzt war und ihn somit ungewollt buchstäblich im Adrenalin baden ließ.

Im Bauch seiner Mutter dümpelnd, gleich einem Wurm im Einmachglas gefüllt mit Alkohol zur Konservierung, hielt er trotz aller Widrigkeiten weitere drei Monate unerschütterlich durch, bis er schließlich im Dezember 1957 das Licht der Welt erblickte. Nichts ließ vermuten, dass dies der Anfang eines nicht enden wollenden Martyriums werden sollte, denn alles schien in bester Ordnung. Ein kleines Bündel Mensch, gesund und kräftig bereit für das große Abenteuer Leben, hinein geboren in eine kleine Familie, die bereits mit drei Kindern „gesegnet“ war. Und doch, so könnte man vermuten, waren sowohl die Mutter wie auch alle weiteren Anwesenden nicht wirklich auf seine Geburt vorbereitet. So schien es zumindest aus heutiger Sicht, denn niemand konnte auf die Frage des Hausarztes nach einem Namen für dieses Würmchen, wirklich eine Antwort geben. Welch denkwürdige Situation, die im Grunde tief blicken ließ, dachte er. War diese Tatsache denn nicht schon ein Hinweis darauf, dass diese Schwangerschaft kein freudiges Ereignis, sondern eher das Ergebnis eines „Unfalls“ darstellte und die Geburt letztlich nur dem Umstand zu verdanken war, dass zu jener Zeit eine Abtreibung in diesem gesellschaftlichen Umfeld keine Option darstellte? Schließlich war seine Mutter bereits 37 Jahre alt und zu jener Zeit wohl eher eine spätgebärende. Nun wie auch immer, wofür hatte man einen Landarzt zur Stelle, der kurzerhand dieses Manko aus der Welt schaffte. Klaus sollte er heißen, schließlich war der sechste Dezember und somit Nikolaustag.

Sein Schicksal war besiegelt, zumindest was den Namen betraf und um all dem noch eins draufzusetzen, regte sich bei Vater und Mutter ein Hauch von Kreativität. Also dichtete man dem Namen schnell noch zwei weitere hinzu. Klaus Rudolf Johann, … na wenn dies kein Name war! Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, der Kleine hatte seinen Stempel, Großvater und Patenonkel waren namentlich in der nächsten Generation verewigt und somit war jedem Genüge getan.

Die ersten zwei Jahre verliefen ohne nennenswerte Zwischenfälle, wenn man davon absah, dass seine Schwester Ursula, sie war die Älteste seiner Geschwister, bereits schon 16 Jahre und „flügge“, den Kleinen des Öfteren aufgedrückt bekam, besonders wenn sie sich mit einem Bewerber um ihre Gunst buhlend, treffen wollte. Und so kam es wohl auch hin und wieder vor, dass sie auf der Straße darauf angesprochen wurde, ob sie selbst schon die Mutter dieses kleinen Schreihalses sei, was sie wiederum sehr empörte. Immerhin schien diese Situation derart prägend für sie gewesen zu sein, dass sie selbst noch nach 50 Jahren immer wieder und bei jeder scheinbar passenden Gelegenheit dies zur Sprache bringen sollte.

Die eigenen Erinnerungen an seine früheste Kindheit begannen etwa im Alter von drei Jahren, denn in diesem Alter wurden unfreiwillig die ersten wirklich entscheidenden Weichen für sein zukünftiges Leben gestellt.

1960; ein Jahr das in den schemenhaften Erinnerungen mit unsäglichen Schmerzen verknüpft war. Es gab nicht viele Erinnerungen, doch sie sollten bis zum heutigen Tag spürbar bleiben. Und so waren immer wieder Momente der Hypersensibilität in Bezug auf schmerzhafte Geschehnisse, sein ständiger Begleiter. Alles begann in jener Zeit damit, dass seine Mutter eines Nachts aus ihrem erholsamen Schlummer gerissen wurde. (Ja, ja... er war schon ein Quälgeist, könnte man vermuten).

Das Weinen und Jammern konnte ja nur eine feuchte Windel sein und so machte sie sich daran, besagte Windel zu wechseln. Weit zu gehen hatte sie nicht, denn das Kinderbett stand im Schlafzimmer der Eltern direkt am Fußende des Bettes und für schnelle Ruhe musste gesorgt werden, so dass Vater weiterschlafen konnte. Immerhin musste er sehr früh aufstehen, um zur Arbeit zu fahren. Gesagt getan, und nach schneller Überprüfung war die Verwunderung seiner Mutter scheinbar groß, denn der Stofffetzen, genannt Windel, war trocken und sauber so dass man sie hätte als Platzdeckchen benutzen können. Dennoch stellte sich keine Ruhe ein und aus dem Wimmern und Jammern wurde ein Weinen und Schreien. Tja, da stimmte doch was nicht und sogleich stellte sich eine gewisse Unruhe ein, die letztlich zu dem Schluss führen sollte, womöglich doch Rat bei einem Arzt zu suchen. So wurde also sein Namensgeber gerufen.

Schnell wurde der Winzling aus dem Bettchen gehievt und nach unten in der Küche auf den Küchentisch verfrachtet. Im Nachhinein eine wirklich merkwürdige Vorgehensweise, die jedoch im Laufe der Zeit zu einer festen Institution werden sollte. Der Arzt rückte an und nach einer kurzen Untersuchung hieß es, man solle sofort ein Krankenhaus aufsuchen, denn der Landarzt war ebenso ratlos wie der Rest der Familie. Jetzt waren alle Beteiligte wach und kurzer Hand wurde der Kleine in Decken eingepackt und schnellstmöglich in das 14km entfernte Krankenhaus verbracht.

Dort angekommen waren die Fachleute nach der Untersuchung des „Delinquenten“ ebenso ratlos wie auch in der misslichen Lage, sich ihre Ratlosigkeit nicht anmerken zu lassen. Demnach war die Lösung des Problems, Eltern samt Mysterium Namens Klaus Rudolf Johann wieder einzupacken und in das 50km entfernte Kinderkrankenhaus nach Gießen zu überstellen. Um dieser Situation den würdigen Rahmen zu verleihen, schließlich hatten seine kleinen Nierchen ja auch nichts Besseres zu tun, produzierten sie während dessen fleißig weiter Urin, der wiederum das Bäuchlein anwachsen ließ. Damit die besorgten Eltern auch ein wenig mehr Enthusiasmus an den Tag legten, entschloss sich klein Klaus Rudolf Johann den Geräuschpegel noch ein kleines Stückchen zu erhöhen.

Nach einer weiteren guten Stunde kam das Trio schließlich im Krankenhaus an. Die Götter in Weiß waren vorab schon informiert und so wurde hektisch der Kleine in ihre heiligen Hallen gebracht. Wohl nach relativ kurzer Zeit, (in späteren Erzählungen aber erst nach einer gefühlten Ewigkeit), kam schließlich ein Arzt zu seinen Eltern und bereitete sie auf das scheinbar Unvermeidliche vor. »Es scheint ein fast Kinderkopf großer Tumor im Bauchraum zu sein und die Prognose ist eher endlich.er sei wohl schon sehr apathisch aber es würde alles getan was noch möglich wäre «, meinte sinngemäß der Arzt, um sich sogleich umzudrehen und sich wieder dem schreienden kleinen Wurm im Behandlungsraum zu widmen.

Frei übersetzt, …. der Kleine hat wohl ausgeschissen, bereiten sie sich darauf vor, dass er die Nacht nicht überstehen wird. Diese Formulierung mag nun etwas unangemessen erscheinen, doch sie dürfte der unsensiblen Art und Gleichgültigkeit dieses Arztes gegenüber dem Ergebnis seiner Worte wie sie wohl aufgenommen wurden, angemessen sein.

Mit dieser Information ließ man Vater und Mutter zunächst erst mal sitzen, so dass sich die entstehenden Emotionen auch richtig und ungestört entwickeln konnten. Nach einer weiteren guten Stunde dann doch noch einmal ein bahnbrechender Gedanke eines eiligst herbeigerufenen Kollegen, der experimentell auf die Idee kam, es mal mit einem Katheter zu versuchen, denn es könne statt eines Tumors womöglich doch etwas anderes sein, wie beispielsweise eine Verkrampfung des Schließmuskels der Blase. So interessant diese Idee wohl auch gewesen sein mag, verursachte sie erneut ein weiteres Problem, denn es gab keinen Katheter der klein genug gewesen wäre, um in dieses winzige etwas zwischen seinen Beinchen zu passen.

… Status Quo wieder hergestellt! …

Es stand wieder auf Messers Schneide und da scheinbar ohnehin alles verloren schien, entschloss man sich einfach weiter zu experimentieren. Es wurde ein dünnes Schläuchlein gesucht, sterilisiert und irgendwie passend gemacht. Rein mit dem Ding und siehe da, es lief … und lief ... und lief … Der Winzling wurde ruhiger und es hatte den Anschein, als würde wieder etwas Leben zurückkehren. Der vermeintliche Tumor wurde kleiner und irgendwann teilte man den fast apathisch wirkenden Eltern erleichtert mit, dass die Ursache kein Tumor, sondern eine Blasenlähmung gewesen sei. Wieder einmal war er der Vorreiter von Herausforderungen, die man bisher noch nicht zu lösen hatte, denn er war der erste Säugling, der in dieser Weise die Ärzteschaft fast an ihre Grenzen brachte. So die Aussage der „Götter in Weiß“.

Über einen Liter Urin lief aus dem mickrigen Bläschen und alles war wieder in Ordnung. Noch schnell eine Blasenentzündung überstehen und es ging nach einigen Tagen wieder ab nach Hause. Nachdem er dieses nachtfüllende Programm und das dazugehörende Martyrium überstanden hatte, wurde dieses Manko zu einer dauerhaften Erlebnisreihe für die nächsten Jahre. Was ihm jedoch erspart blieb, waren die Krankenhausaufenthalte, denn wenn die Schlacht um jeden Tropfen Pipi eröffnet wurde, sollte der Küchentisch grundsätzlich zum Ort des Geschehens werden. Diese Episode war der Auftakt einer Reihe von Erzählungen seiner Mutter in späteren Zeiten. Er selbst hatte natürlich noch keine eigenen Erinnerungen an dieses Unterfangen. Zumindest glaubte er dies eine ganze Weile, als er begann alles zu Papier zu bringen. So unwahrscheinlich dies sein mag, er fing an sich mit jeder Zeile die er nun schrieb, immer deutlicher daran zu erinnern. Zumindest an den Schmerz! Das ganze Szenario war wieder abrufbar und er hatte alles noch einmal deutlich vor seinem inneren Auge. Decken wurden auf den Tisch gelegt, Mutter stand meist seitlich am Tisch, Vater hielt ihm von hinten die Beinchen fest und spreizte sie. Der herbeigerufene Hausarzt fummelte dann mit dem kleinen Katheter hektisch hin und her, bis er endlich dieses Monstrum durch dieses mickrige „Würmchen“ in die Blase eingeführt hatte. Unsägliche Schmerzen empfand er und wenn der Druck der Blase endlich nachließ, riss der Arzt das Ding einfach wieder heraus. Ja, zimperlich war der Herr Doktor nun wirklich nicht. Und so wie sein Erscheinungsbild vermuten ließ, war auch seine Art und Weise mit gewissen Gegebenheiten umzugehen. Er war halt ein großer, grob geschnitzter, forsch wirkender Mann.

Es hatte sich im Laufe der Zeit jedoch eingespielt, dass der Arzt, nachdem er den Katheter gelegt hatte, mit dem Hinweis einfach wieder verschwand, dass seine Eltern auch selbst das Schläuchlein entfernen könnten wenn alles erledigt sei. So also übernahm schließlich Vater diesen Part. Auch er war ein Mann der Tat und erledigte dies selbstsicher und entschlossen mit den Worten, »Du hast ja schon das schlimmste überstanden«,was letztlich nicht wirklich dazu beitrug, seine Angst zu schmälern. Natürlich wurde bei solch „sensiblem“ Vorgehen grundsätzlich eine Blasenentzündung verursacht, die es dann wieder auszukurieren galt.

Die Jahre vergingen und der Kleine entwickelte die Fähigkeit durch verbissenes, mehr oder weniger aufgezwungenes Training, die ständig auftretenden Lähmungen zu meistern. Eine gewisse Routine in Sachen Schmerverträglichkeit und wichtiger, Gelassenheit wenn es wieder einmal so weit war, stellten sich ein, sofern man von Gelassenheit sprechen mochte.

Der Küchentisch wurde wie immer zum Ort der Aktion, der Hausarzt wurde gerufen. Mittlerweile bekam man die richtige Größe für das kleine „Würmchen“ zwischen seinen Beinchen(oder war es womöglich etwas gewachsen?), alles wurde gereinigt und koste es was es wolle, die Pipeline verlegt. Das kostbare „Gut“ abgelassen und Schwups, dann alles wieder rausgezogen. Blasenentzündung ausgeheilt und alles funktionierte wieder für einige Wochen. Immerhin musste sein an den Tag gelegtes Verhalten in diesen Situationen seine Mutter derart beeindruckt haben, dass sie selbst viele Jahre später noch erzählte, wie tapfer und vernünftig der kleine Klaus Rudolf Johann doch war, wenn es wieder in die Küchen-Arena ging.

Und so wie die Gladiatoren mutig zum Kampfe in die heiligen Hallen einmarschierten, so machte er sich mutig auf den Weg zum Küchentisch, um eine weitere Katheter Schlacht zu schlagen (…nur der Beifall fehlte…).Nun, soviel sei angemerkt, es veränderte ihn. Er wurde trotz seiner jungen Jahre ein ruhiges, fast als vernünftig zu bezeichnendes Kind. Er war behütet und vielleicht auch etwas kränklicher oder besser, ein wenig sensibler als andere Kinder in seinem Alter ... aber dies sollte ja nicht wirklich ein Nachteil sein oder? Ob er tatsächlich ein vernünftiges Kind in diesem Sinne war, sei dahingestellt, denn diese Beurteilung und Behauptung seiner Mutter dürfte mehr als subjektiv gewesen sein. Wie auch sollte sie wissen, was wirklich in ihm vorging, wenn es wieder soweit war.

Es heißt, man soll in jeder noch so schlimmen Lage immer nach dem positiven Kern suchen.

Machen wir aus dieser These eine Tatsache und gehen auf die Suche. Nun, wenn er sich diese Zeit, diese Erfahrungen auf der Zunge zergehen ließ, fiel es ihm schwer in all diesen schmerzhaften Erlebnissen etwas Positives zu finden. Dennoch, das Durchhaltevermögen in manchen Situationen war gestählt und wenn es auch seine Zeit brauchte, er fand etwas Positives. Nicht nur, dass er im Erwachsenenalter durch dieses aufgezwungene Blasentraining an der Theke derjenige war, der so gut wie nie den Ort des Geschehens ständig wegen Blasendrang verlassen musste und so der witzigen Behauptung, er habe ein Konfirmantenbläschen, den Boden entzog, nein … schon im Kleinkindalter hatte er es dem Umstand zu verdanken so oft in Krankenhäusern gewesen zu sein, dass er, sagen wir mal auf gewisse Kleidungsstücke sensibel zu reagieren pflegte. Dies alleine war zwar nicht unbedingt als Positiv anzusehen, doch man sollte ja schließlich in die Zukunft schauen. Dies wirkte sich in der Weise aus, dass er sofort anfing zu weinen, wenn er eine Krankenschwester, mehr jedoch eine Nonne sah. Nonnen waren schließlich eine feste Institution in Krankenhäusern, besonders in katholischen.

Als hätte er bereits eine Vorahnung auf zukünftige Zeiten, deren Tragweite er jedoch zu diesem Zeitpunkt nun wirklich nicht absehen konnte, intensivierte er diese Eigenschaft der kompromisslosen Abneigung in der Weise, dass er gegenüber schwarz-weiß gekleideten Frauen, die einem watschelnden Pinguin ähnelten und auf ihn zuliefen, als festen Bestand seines Wesens.

Wie auch immer, diese Tatsache verschaffte ihm letztlich ein Stück Freiheit. Denn das Thema Kindergarten stand irgendwann im Raum und musste angegangen werden. Natürlich hatte man versucht ihn zwangszurekrutieren, doch auf Grund seiner unzähligen „Begegnungen der dritten Art“ und hieraus resultierenden sehr ausgeprägten Stimme, waren seine Schreie für den halben Ort unüberhörbar, so dass ihm dieses Elend „Kindergarten“, letztlich erspart blieb. So also verbrachte er die Jahre bis zur Einschulung zu Hause bei Mutter. Die Tatsache, dass er nur sehr wenig Spielkameraden hatte, stellte für ihn kein wesentliches Problem dar. Er liebte es in sich gekehrt still zu spielen oder auch nur aus dem Küchenfenster zu schauen, um dem täglichen Treiben auf der Straße zuzusehen. Er malte sehr gerne und besonders lange konnte er sich mit dem Hauskätzchen oder auch mit seinen Bausteinen beschäftigen. Die Zeiten zwischen den Blasenlähmungen, in dieser zurückgezogenen Atmosphäre, waren für ihn schöne Momente und so gab es kaum Augenblicke, die für seine Mutter anstrengend gewesen wären. Kurzum, Klein Klaus Rudolf Johann war relativ problemlos. Sich seinen Gedanken hingebend, kam ihm plötzlich die Frage in den Sinn, weshalb er sich nicht ebenso gut an seinen Vater erinnerte und selbst wenn die ein oder andere Erinnerung zum Vorschein kam, warum nur schemenhafte Bilder? So versuchte er seine Erinnerungen noch ein wenig mehr zu intensivieren. Doch auch wenn er sich noch so bemühte, es gelang einfach nicht die Ereignisse mit Gedanken an seinen Vater zu verknüpfen.

Geschenke & andere Querelen

Die Erinnerungen an seinen Vater zu jener Zeit, sind eher die Erinnerungen seiner Geschwister und hier insbesondere die der Schwester Ursula sowie seinem zweitältesten Bruders Friedrich. Eigene Erinnerungen aus den ersten sieben Lebensjahren sind kaum vorhanden, wenn man von den pipelineziehenden Aktionen mal absah. Daher musste er sich eingestehen, dass all diese Beschreibungen auch subjektiver Natur seien, denn das Verhältnis seiner Schwester Ursula zum Vater beispielsweise, waren eher ein gespaltenes und geprägt von Bitterkeit, wie sich schnell herausstellen sollte. Aus heutiger Sicht war Ursula ein Mensch, der die Fähigkeit aus Erfahrungen zu lernen und sich weiterzuentwickeln nur zögerlich ausgebildet hatte. Demnach gab es also nicht viel verwertbares, das für sein eigenes Leben relevant sein konnte. So mansche Aussage von Ursula hatte jedoch trotz allem sein Gutes. Die eigenen Erinnerungen wurden durch diese Beschreibungen der Schwester klarer und der ein oder andere aha Effekt stellte sich schließlich doch auf wundersame Weise ein. Das Dilemma seiner Schwester hatte ihren Ursprung in der Tatsache, dass sie als erstgeborene nun mal kein Junge war und dies ließ sie der frisch gebackene Vater wohl sehr deutlich spüren. So berichtete Ursula, dass Vater seiner Enttäuschung freien Lauf ließ, als er sie das erste Mal sah und sozusagen mit sanfter Gewalt erst einmal dazu genötigt werden musste, klein Ursula auf den Arm zu nehmen. Die Quelle ihrer „Erinnerungen“ war Mutter, die ihr, scheinbar des Öfteren, diese Erlebnisse sehr anschaulich berichtet hatte.

Ich wage die Behauptung, dass diese Darstellungen wohl den damaligen Gegebenheiten entsprachen und somit der Wahrheitsgehalt recht groß sein dürfte. Erst nach einiger Zeit so hieß es, wurde er schließlich doch der stolze Vater einer Tochter und zeigte dies auch voller Enthusiasmus seinem Umfeld. Der zärtliche Umgang änderte sich jedoch mit zunehmenden Alter der heranwachsenden Tochter, so dass Ursula Vater als zunehmend strenger werdenden Despoten empfand. Ursula verglich ihre Stellung in der Familie mit der Märchenfigur „Aschenputtel“. Und so stellte sie die Vermählung mit ihrem Ehemann in all den Gesprächen als „Flucht“ vor dem Elternhaus dar. Besonders was diesen Punkt betraf erinnerte er sich plötzlich, dass er dies von seinen Geschwistern öfter als Grund zu hören bekam, was ihn immer wieder wunderte, denn bisher war er noch immer der Meinung, dass sein Elternhaus eher als „gut“ zu bezeichnen war.

Auch was die Kindheit des ältesten Bruders Peter betraf, stand auch hier die Härte und Strenge des Vaters oft im Vordergrund und blieb Peter als ausgeprägte Erinnerung haften. Peter war das „schwarze Schaf“ der Familie und selbst beiden Elternteilen kamen diese Formulierungen hin und wieder über die Lippen. Er selbst hatte nicht viele Berührungspunkte mit Peter, denn er war immerhin 13Jahre älter als er. An eine Episode konnte er sich jedoch ganz deutlich erinnern. Sie geschah während der Zeit des Hausumbaus, im Jahre 1966. Peter verrichtete seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr und kam nur an den Wochenenden nach Hause. Meist pflegte Peter dann mit Freunden auf eine nächtliche alkoholgetränkte Vergnügungstour zu gehen. Als Peter in gewohnter Weise wieder einmal früh morgens gut gefüllt zurückkam, versäumte er am darauf folgenden Tag zurück zur Kaserne zu fahren. Dies war der Anlass, dass Vater ihn verprügelte. Er und sein Bruder Friedrich mussten mit ansehen, wie dieses Szenario ablief und es blieb zumindest bei ihm, als furchtbare Erinnerung haften. Peter hielt im Laufe des Gefechts Vaters Arme fest, während Vater ständig versuchte ihn weiter zu züchtigen. Vater regte sich derart darüber auf nicht seine Absicht umsetzen zu können, dass er unmittelbar einen Kreislaufzusammenbruch oder so etwas Ähnliches erlitt. Peter flüchtete aus dem Haus und Mutter musste den Krankenwagen rufen. Es war wirklich eine schlimme Situation, geprägt von unsäglichen Angstgefühlen. Sowohl um den Bruder als auch dem Vater gegenüber.

Aus heutiger Sicht betrachtet, dürften die Diskrepanzen zwischen Vater und Sohn eher ihren Ursprung darin haben, dass beide annähernd gleiche Charaktere aufwiesen und dies somit zu immer wiederkehrenden Reibungspunkten führte, die scheinbar nach Vaters Überzeugung, nur mit Härte zu regeln waren. Und wieder gab es Erinnerungen an Aussagen seiner Eltern über den Umgang seines Großvaters mit dem Vater.

Oft wurde erzählt, dass sein Vater, er war der Älteste von drei Kindern, den Kopf für die Verfehlungen seiner Geschwister hinhalten musste und somit vom Großvater verprügelt wurde. Es ließe zwar ein gewisses Verständnis für die Art wie Vater mit Problemen umzugehen pflegte zu, doch wenn er tief in sich hinein hörte, weigerte er sich vehement, dies seinem Vater zuzugestehen. Schließlich galt es aus Fehlern zu lernen oder zumindest diese nicht in der nächsten Generation ebenso fortzuführen.

Die eigene Erinnerung an seinen Vater, die durch diese Erzählungen plötzlich deutlicher wurden, waren ihn selbst betreffend ähnlicher Natur und wenn er Mutters Aussage zu diesem Thema mit einbezog, so dürften die Empfindungen seiner Geschwister eher den Gegebenheiten entsprochen haben. Oft sagte Mutter, Vater sei streng aber gerecht. Letzteres jedoch, zog er in Zweifel. Zu jenem Zeitpunkt mehr denn je, denn er erinnerte sich an eine Episode, ein Erlebnis, das er bis zum heutigen Tag nicht wirklich vergessen konnte. Es ist eine Geschichte von einem für ein Kleinkind sehr wichtiges und womöglich für Erwachsene eher unscheinbares Erlebnis, das vielleicht sogar mehr zum Schmunzeln anregt, als es für bedeutend zu halten.

Es ereignete sich im Frühjahr 1964. Es musste wohl um Ostern herum gewesen sein, denn sonst hätte es keinen Anlass für den Großvater aus Saarbrücken gegeben, ihm ein Geschenk zu schicken. Ein Paket aus Saarbrücken war schon etwas Besonderes, denn man konnte mit ruhigem Gewissen sagen, dass dieser Umstand mehr als ein seltenes Ereignis darstellte.

Und so packte er das Paket voller Vorfreude aus. Hervor kam ein großes Rennauto das man mit einem Schlüssel aufziehen konnte. Es war rot, aus Blech, mit einem Rennfahrer auf dem Sitz und sogar mit einem Knopf ausgerüstet, der als Schaltung diente. Legte man diesen um, nachdem man die Feder aufgezogen hatte, schoss es wie ein Pfeil davon. Ein wunderschönes Geschenk, und er machte sich sogleich euphorisch daran, es vor dem Haus auf dem Gehweg auszuprobieren.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite beobachtete der kleine Heinz Brauer sein treiben. Der Nachbarsjunge, der etwa im gleichen Alter war. Und er ließ es sich nicht nehmen, seiner Neugier freien Lauf zu lassen. Also kam er über die Straße und fragte, ob er denn auch einmal damit spielen dürfe. So kam es, wie es wohl kommen musste, klein Heinzi nahm das Auto und warf es ohne ersichtlichen Grund auf den Boden, so dass es kaputt ging. Nach getaner Arbeit rannte Heinz davon, wohl sichtlich zufrieden mit seinem angerichteten Werk.

Weinend lief er zurück ins Haus und berichtete unter Tränen, was gerade geschehen war. Vater, Mutter und Friedrich, der ältere Bruder, saßen am Küchentisch und hörten sich sein Leid an. Und während er unter Tränen berichtete, sagte er, »Jetzt gehe ich zu Herrn Brauer und sage was Heinz gemacht hat«. Vater schaute auf und während Vater mit strengem Ton anordnete, dass er hier zu bleiben hätte, lief Klein Klaus Rudolf Johann mit seinem kaputten Auto in der Hand bereits davon, über die Straße und Schwups zur Haustür des Nachbarn. Dass Vater ihm nachlief, bemerkte er in seinem Kummer zunächst nicht und so klingelte er mutig an der Haustür. Der Nachbar öffnete und während er begann sein Leid zu klagen, hörte er hinter sich Schritte und die Worte, »Bitte entschuldigen sie die Störung, Kindereien« …. im gleichen Augenblick hatte ihn Vater auch schon am Arm gepackt, sein Auto fiel zu Boden und zornig zerrte ihn Vater nach Hause. Dort angekommen erhielt er eine Tracht Prügel, so wie er es bisher noch nie erlebt hatte, ganz zu schweigen von den Schimpfkanonaden, die folgten. Mutter saß schweigend am Tisch ohne auch nur daran zu denken ein Wort zu sagen und ließ den Dingen ihren Lauf. Nur Friedrich schenkte ihm, nachdem er in sein Zimmer verbannt wurde, ein klein wenig Trost.