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Ein Schweizer landet in der Mongolei. Der packende Lebensbericht von Tom Wüthrich. Tom wächst als quirliger Junge im beschaulichen Emmental auf und erlebt eine idyllische Kindheit auf dem Bauernhof. Erst in der Schule realisiert er, dass seine tiefgläubigen Eltern ihn anders erzogen haben als seine Altersgenossen. Er wird für seine Andersartigkeit gemobbt und fühlt sich oft einsam. Mit 14 hat er genug von den Zwängen und der Enge seines christlichen Elternhauses und sagte dem Gott seiner Eltern Ade. Er gerät in die lokale Drogenszene und führt sein Leben als überzeugter Hippie, der von einem bürgerlichen Leben nichts wissen will. Als junger Erwachsener bereist er als Globetrotter die Welt und verliebt sich in Südamerika. Mit dem Ziel, nach Brasilien auszuwandern, bricht er mit einem Freund zu einer Amerika-Rundreise auf. Doch es kommt anders, als er gedacht hätte.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2020
Etwas, was ich total liebe, ist, zu lesen oder zu hören, wie Menschen zu Jesus gefunden haben. Aus diesem Grund freue ich mich auch ganz besonders über dieses Buch von Tom Wüthrich – »Komm nach Hause, Sohn!«. Gottes Eingreifen in Toms Leben ist ein großer Beweis der Liebe und Gnade Gottes im Leben eines wunderbaren Menschen, Vaters, Ehemannes und Leiters. Einst ein Suchender unter vielen Suchenden, wurde er vom Heiligen Geist ins Vaterhaus Gottes geführt – eines der größten Wunder, die es im Hier und Jetzt gibt.
Das Wesentliche an Toms Geschichte ist aber nicht allein sein Weg ins Vaterhaus Gottes, sondern vor allem das Wunder der Neuschöpfung durch den Heiligen Geist. Ich kenne Tom nun seit vielen Jahren und bin so Zeuge dessen, was in, mit und durch ihn geschehen ist. Doch hier geht es nicht nur um Tom, sondern auch um Toms Frau Heidi sowie um die Töchter Salome und Michelle. Hier haben wir eine ganze Familie, die konsequent Jesus nachfolgt und das Reich Gottes voranbringt … und das nicht erst seit gestern, sondern bereits seit Jahrzehnten.
Als Gott Tom und Heidi in die Mongolei rief, sagten sie »Ja!« – und zwar mit allen Konsequenzen. Ihr »Ja« ist über die Jahre immer fester geworden, und so leiten sie voller Hingabe und Liebe unseren Dienst in der Mongolei. Sie bilden eine Leiterschaft, die durch Höhen und Tiefen vom Heiligen Geist geformt worden ist. Was ich ganz besonders an ihnen schätze, ist ihre Liebe zum Heiligen Geist, zu Menschen sowie ihre Niemals-aufgeben-Mentalität.
Dieses Buch ist ein Beweis dafür, was Gott aus einem Menschen machen kann, der wirklich beim Vater im Himmel angekommen ist. So viele Menschen haben durch Tom und seine Familie Rettung, Heilung und Befreiung erlebt.
Sie sind eine große Ermutigung für jeden Leser, an einen guten und liebenden Gott zu glauben, der sich auch heute überall auf der Welt durch Jesus offenbart.
Danke für dieses Buch, Tom. Möge es in Tausenden von Menschen Inspiration und Glaubensmut bewirken, Jesus Christus so erleben zu wollen, wie ER wirklich ist und viel Frucht für den König der Könige und das Reich Gottes hervorbringen.
Danke für alle gemeinsamen Reich-Gottes-Abenteuer, die wir in der Mongolei und in anderen Nationen zusammen erleben durften. Durch Gottes vorlaufende Gnade durftest du Jesus finden. Durch seine Gnade bist du ein Mann Gottes geworden, der bleibend Einfluss ausübt – insbesondere in der Mongolei.
»Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.« (Epheser 2,10)
Lieber Leser, gehe und lebe in Gottes vorbereiteten Werken. Gott segne dich, während du dieses Buch liest.
Walter Heidenreich, FCJG Horizont
Präsident von FCJG Lüdenscheid &
HELP International
Es sprach sich in unserem Emmentaler-Dorf herum, dass ein junger Wilder Jesus begegnet sei und seither nicht mehr aufhören könne, von dem zu sprechen, was ihm das Liebste wurde. Man hörte bald von erwecklichen Aufbrüchen, die rund um die Gruppe geschahen, zu der dieser Mann gehörte. Weitere junge Leute wurden mit Jesus in Kontakt gebracht, erlebten Heilungen und Freiheit – und dies oft auch von Drogen. Dieser junge Wilde war Tom Wüthrich. Ein paar Jahre später umarmten wir uns weit weg von unserer Emmentaler Heimat, als ich Tom und Heidi in der Mongolei besuchen und dies in der Folge ein paar Mal wiederholen durfte.
Ich war und bin tief beeindruckt von der Leidenschaft, von ihrem Glauben, dem Gehorsam gegenüber der Stimme Gottes und der Treue, die sie als ganze Familie leben. So liebte ich es, ihre Geschichte bei meinen Besuchen mit unzähligen Fragen zu erforschen. Dabei reihten sich in ihren Erzählungen nicht nur herrliche Jesus-Geschichten aneinander, sondern ich erhielt dabei Einblick in ihre Herzen, die voll sind mit der Liebe zu Jesus und dadurch auch voll mit Liebe für den Nächsten.
Wenn ich an die Familie Wüthrich denke, sind in meinen Erinnerungen berührende Momente gespeichert, in denen sie Menschen Wertschätzung, Achtung, Aufmerksamkeit und Barmherzigkeit geschenkt haben. In all den Jahren ihres Dienstes, weit weg von der Bequemlichkeit ihrer Heimat, hat Gott, unser Vater, sie zu geistlichen Eltern in der Mongolei geformt, die auf ihre Art Menschen den Himmel zugänglich machen. So freue ich mich, dass ihre Geschichten mit diesem Buch vielen Menschen zugänglich werden und glaube, dass wir als Leser uns dadurch beGEISTern lassen!
Matthias Kuhn (Kuno), Leiter G-Movement, Schweiz
Prolog
Ein Junge aus dem Emmental
Junge, gib Vollgas!
Der Außenseiter
Der kleine Rebell
„Highway To Hell“
Viel Rauch und der Duft der weiten Welt
Buongiorno, Italia!
Dem Tod entronnen
Marokko, das Haschisch-Paradies?
„You′re in the army now …”
„Komm nach Hause, Sohn!“
Abgekartete Sache
Innere Leere
Zurück in der Schweiz
Der Trip durch die USA
¿Sí o no? – Ja oder nein?
Unausweichliche Konfrontation
Neuanfang
Die Jesus-Familie
Dämonen sind real
Der Globetrotter stirbt
Mit Jesus in der Drogenszene
Heroinflut
Eine neue Jesus-Familie
Brötchen verdienen
Befreiung vom alten Leben
Leichen im Keller
Nepal
Bewegung kommt ins Haus
Come, Holy Spirit
Einer schlägt Tausend und zwei Zehntausend
„Gott wird es mit Donner bestätigen“
Leben aus Glauben
Bis ans Ende der Welt
Get Ready for more
Unaufhaltsam
Abschied von Europa
Nachwort
Das Gebet der Errettung
Seit den Morgenstunden war ich nun schon in diesem Zug unterwegs. Quer durch die mexikanische Hochebene fuhren wir im Schneckentempo nach Mexiko-Stadt. Ich liebte es, mich unter die Einheimischen zu mischen und ihre Lebensweise zu beobachten. An jeder Haltestelle stiegen Leute ein und der Zug füllte sich mehr und mehr. Nicht nur mit Menschen; auch Säcke voll Kartoffeln, Mais und Bohnen stapelten sich im Flur. Aus einigen von ihnen drang sogar das Gackern von Hühnern an mein Ohr.
Die Gesichter der Einheimischen waren braun gebrannt und gezeichnet vom Leben und der Arbeit auf dem Feld. Es waren einfache, aber fröhliche Leute. Verkäuferinnen quetschten sich ununterbrochen durch die überfüllten Gänge und priesen Tacos und andere mexikanische Snacks an. Das milchartige Maisbier floss in Strömen und je höher wir kamen, desto gelöster wurde die Stimmung. Irgendwann setzte mir jemand kurzerhand ein kleines schreiendes Kind auf den Schoß, das sogleich still wurde und mich mit großen Augen anschaute. Ja, ich war mittendrin im Geschehen.
In unserem Waggon entdeckte ich keinen anderen Ausländer, nur ich war weißhäutig. Ich sprach etwas Spanisch, womit ich mich gerade so durchschlagen und ein wenig Small-Talk führen konnte. Die Augen für eine Weile zuzumachen erlaubte ich mir nicht, da ich mein ganzes Hab und Gut in meinem abgenutzten Rucksack trug. Meine Wertpapiere und mein Geld hatte ich an meinem Körper verstaut. Es wäre fatal gewesen, wenn etwas davon abhandengekommen wäre.
Stunde für Stunde ging es weiter, durch Schluchten und an kleinen Dörfern vorbei, wo wir öfter längere Zeit hielten. Dann entstand vor dem Zug ein reges Treiben wie auf dem Markt. Was es da nicht alles gab! Schreiend kamen noch mehr Verkäuferinnen in den Zug, um ihre Waren anzubieten – es war nicht einfach, ihrer Aufdringlichkeit zu entfliehen. Wenn der Zug sich dann erneut in Bewegung setzte, verschwanden die zugestiegenen Verkäuferinnen und es kehrte wieder etwas Ruhe ein.
Nun lag Mexiko-Stadt direkt vor uns. Unendlich schien die Fahrt durch die Vororte und Slums der mexikanischen Metropole. Wir fuhren vorbei an stinkenden Abfallhaufen und Bächen, die durch Abwasser und Müll ganz schwarz geworden waren. Menschen saßen im Schatten der Häuser, Kinder spielten neben den Gleisen; es war kaum Platz zwischen der Eisenbahn und den Baracken. Endlich, der Zug fing an zu ruckeln und kam zum Stillstand.
Ich packte meinen Rucksack. Raus aus dem Zug und rein ins nächste Abenteuer! Eine neue Stadt, neue Leute – ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Wo werde ich übernachten, wen werde ich kennenlernen? Das Leben als Globetrotter war spannend und ich liebte dieses Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit.
So verließ ich den Bahnhof und blieb auf dem großen Vorplatz stehen, um mich zu orientieren. Ich holte meinen Reiseführer hervor, um den Stadtplan zu studieren. Von der dreißigstündigen Reise war ich völlig übermüdet. Mein Magen knurrte vernehmlich, aber alles in mir sehnte sich nur noch nach einem Bett.
Während ich den Reiseführer las, kam ein mexikanischer Mann auf mich zu und sprach mich auf Spanisch an. Er musste mir angesehen haben, dass ich zum ersten Mal in Mexiko-Stadt war. Als er realisierte, dass ich sein Spanisch verstand, kam er direkt auf den Grund seiner Konversation zu sprechen: Gott und die Welt – und zwar buchstäblich!
Oh nein! Ich war zwar eigentlich immer offen für neue Menschen, aber wollte doch nicht jetzt und hier über das Thema Gott sprechen. Doch der Mann war sich seiner Sache sicher und wollte mich offenbar bekehren. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah.
Er sprach zunächst allgemein über den Himmel, Sünde und Vergebung. Doch plötzlich wurde es ganz persönlich! Es schien, als wüsste er über mein Leben bestens Bescheid, als kenne er all meine inneren Nöte, Ängste und was ich als 22-jähriger in meinem jungen Leben bereits alles verbockt hatte. Er sprach mir mitten ins Herz und ohne es zu wollen, blieb ich wie angewurzelt stehen.
Innerhalb von Sekunden gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf: Der Mann spinnt, er ist doch verrückt! – Nein, er hat recht, du weißt, dass er recht hat. – Lass ihn stehen und geh einfach weg! – Nein, wehr dich, mach ihn fertig!
Ich wollte ihn nicht wissen lassen, dass mich das alles ansprach, ja, sogar beunruhigte. So holte ich Luft, schaute ihn böse an und sagte in meinem gebrochenen Spanisch: „Hau ab, lass mich in Ruhe! Du spinnst! Hau endlich ab!“
Er hielt inne, schaute mir tief in die Augen und sagte dann diesen einen Satz: „Du bist ein sehr böser Mensch und hast ein übles Herz!“
Seine Worte waren wie ein Messerstich, der mir mitten ins Herz drang. Betroffen blickte ich zu Boden. Als ich mich gefasst hatte und wieder aufsah, war er weg. Ich schaute mich um – tatsächlich, er war weg, einfach weg! So schnell, wie er gekommen war, war er wieder fort! Das war komisch. Was ging hier vor? Was sollte das? Seine Worte hallten laut in meinem Innern wider: „Du bist böse, du hast ein übles Herz!“ Sie ließen mich nicht mehr los.
Verwirrt durch diese Begegnung musste ich mich erneut orientieren. Ja, ich war in Mexiko-Stadt und brauchte jetzt definitiv schnell ein Hotel. Ich überquerte den Bahnhofsvorplatz, nahm aber kaum wahr, was um mich herum geschah. Da fiel mir ein Schild ins Auge, auf dem „Hotel“ stand. Es war günstig und schon bald hielt ich die Schlüssel zu einem kleinen Zimmer mit Bad in der Hand. Müde schleppte ich mich die Treppe hoch, schloss die Tür auf und erlebte eine positive Überraschung. Das Zimmer war in einem sehr guten Zustand – das Bad geputzt, das Bett frisch bezogen. Das Fenster zeigte in den Innenhof.
Müde sank ich aufs Bett, aber ich fand keine Ruhe. Meine Gedanken kreisten um die Begegnung mit dem verrückten Mexikaner. Er hatte alles über mich gewusst, als würde er mich kennen! Wie konnte das sein? Fast unbewusst begann ich zu beten: „Gibt es dich wirklich, Gott? Bist du der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat? Wusste der Typ durch dich alles über mich?“ Es kam mir vor, als würde ich ein Selbstgespräch führen. Trotzdem sprach ich weiter: „Wenn es dich wirklich gibt, wenn das wahr ist, dass du Himmel und Erde gemacht hast, dann musst du groß sein…!“ Ich hielt inne, dachte nach und fuhr fort: „Dann ist dir, Gott, alles möglich und dir sind keine Grenzen gesetzt. Dann hast du Kraft.“ Wieder zögerte ich kurz, bevor ich weitersprach: „Ich bitte dich um eins: Gib mir nochmal eine Chance in meinem Leben, gib mir ein neues Herz!“ Dann wurde ich still und auch in mir wurde es ruhig. Es fühlte sich an wie nach Hause kommen. So schlief ich ein, mit einem tiefen Frieden im Herzen.
In einem kleinen Dorf am Rande des Emmentals in der Schweiz läuteten im Frühling 1965 für zwei besondere Menschen die Hochzeitsglocken. Die Hochzeitsgesellschaft war bunt gemischt, einige kamen aus dem französischen Schweizer Jura und andere waren urige Emmentaler. Der Dorfpfarrer führte durch die Trauung. Aus Liebe und einer inneren Gewissheit, dass diese Ehe in Gottes Willen geschlossen wurde, sagten der Bräutigam und die Braut: „Ja, ich will!“ Danach war die Freude groß. Das frisch getraute Paar war niemand anderes als meine Eltern.
Als mein Papa seine Geliebte entschlossen fragte: „Willst du meine Frau werden?“, war er mutig, denn er durchbrach die Tradition. Es war damals eher geläufig, eine Braut aus der eigenen Region zu wählen, als aus dem fernen Juragebirge. Für einen Emmentaler war das weit weg, wahrscheinlich schon fast Ausland, obwohl es noch zur Schweiz gehörte. Meine Mama entsprach auch in anderen Dingen nicht der Norm. Sie war kein Mitglied der reformierten Kirche, wie es für die meisten in unserem Dorf üblich war. Sie gehörte einer religiösen Glaubensgemeinschaft an, die sich nach einem ihrer Gründer Mennoniten nannten.
Ihre Vorfahren erlitten in der Schweiz und weiten Teilen Europas erbitterte Verfolgung. Insbesondere der Reformator Huldrych Zwingli, der vor 500 Jahren in Zürich lebte, war diesen bibelgläubigen Männern und ihren Familien feindlich gesinnt. Den kühnen Gläubigen ging die damalige Reformation nicht weit genug. Sie verstanden für sich, dass die von Jesus angewiesene Taufe eine Glaubenstaufe ist und somit Kinder nicht getauft werden sollten, da sie noch zu klein sind, um eine eigenständige Entscheidung für Gott zu treffen. Es kam zu einem Machtkampf, bei dem der Reformator Zwingli durch Gewalt die Oberhand behielt. Die Folgen waren verheerend für die sog. „Wiedertäufer“. Die Glaubensgeschwister der Mennoniten wurden quer durch den deutschsprachigen Raum bis nach Holland verfolgt, gefoltert und umgebracht. Familien wurden enteignet und es kam zu Massenfluchten. Auch Mamas Vorfahren flohen – aber nicht nach Amerika, sondern nur bis ins Juragebirge nahe der französischen Grenze. Hier bauten sie sich eine neue Existenz auf.
Über alle Generationen hinweg wurde im elterlichen Haus von Mama immer Deutsch gesprochen, inmitten einer Französisch sprechenden Kultur. So wuchs sie zweisprachig auf und ihr familiärer Hintergrund war von dieser Geschichte geprägt.
Mein Papa wuchs in einer gottesfürchtigen Bauernfamilie in einem kleinen Dorf im traditionell geprägten Emmental auf. Es war üblich, dass der Familienvater schon früh seinen Nachfolger für den Bauernhof bestimmte und an die Seite nahm. Die Entscheidung traf meinen Papa und so bereitete er sich auf diese verantwortungsvolle Aufgabe vor. Er absolvierte die landwirtschaftliche Schule in der Region. Der Hof, das Land und das Vieh – alles musste in der Familie bleiben. Ein Bauernbetrieb bedeutete Existenz und Zukunft. Als er dann heiratete, waren seine Eltern glücklich, weil das auch den Weiterbestand des Betriebes bedeutete. Ein paar Jahre nach der Heirat meiner Eltern verstarb mein Großvater. Jetzt lag die volle Verantwortung auf dem jungen Ehepaar. Außer ihnen lebten nun noch meine Großmutter und Papas jüngster Bruder auf dem Hof.
In diesem Hundertseelen-Dorf am westlichen Rande des Emmentals erblickte ich 1967 das Licht der Welt. Die Freude war riesig, dass jetzt nach einer Tochter auch ein Sohn geboren worden war. In unserem Dorf schien die Welt noch in Ordnung und das Leben richtete sich stark nach den Jahreszeiten, Saat und Ernte, dem natürlichen Lauf der Dinge.
Unser Haus befand sich an einer kleinen Straße, die die Häuser in unserem Weiler miteinander verband. Wir waren eingebettet in grüne Wiesen, bewaldete Hügellandschaften und hatten einen Bach vor dem Haus. Wir besaßen eine Scheune, einen Stall mit Kühen, Schweinen und unserem Pferd, das Hühnerhaus und das Wohnhaus – unser Lebensraum war groß und vielfältig. Wir lebten von dem, was der Boden und das Vieh hergaben: Mehl vom eigenen Getreide, Kartoffeln und Gemüse vom Feld, Milch von der Kuh und Fleisch von den Tieren.
Der Alltag wurde hin und wieder durch Stürme und heftige Gewitter aus den Fugen gerissen. Wir erlebten tagelang orkanartige Stürme, die die Bäume abknickten wie Zündhölzer, und Regenschauer, die unser kleines Hausbächlein zu einem reißenden Bach anschwellen ließen. Die Überschwemmungen setzten oft die Felder unter Wasser und vernichteten die ganze Ernte. Uns Kinder im Dorf kümmerte das weniger, denn nun verwandelte sich die Wiese zu einem seichten See, wo wir viel Spaß beim Planschen hatten.
Im Spätsommer kletterte ich als kleiner Junge liebend gern auf unsere hohen Bäume und pflückte mir einen frischen Apfel. Papa stellte selbst Apfelsaft her, indem er die Äpfel und Birnen presste und danach in große Holzfässer abfüllte. Apfelsaft gehörte bei uns täglich auf den Tisch. Mama stand in dieser Jahreszeit stundenlang in der Küche und machte aus Obst und Beeren Kompott, Marmelade, Sirup und hauseigenen Schnaps. Der Schnaps diente als Medizin für Mensch und Tier oder auch mal als Zusatz für den Kaffee.
Im Winter war es kalt und der Schnee lag tief, manchmal über mehrere Monate lang. Die Straße vor dem Bauernhaus nutzten wir dann als Rodelbahn. Auf dem Hügel unterhalb des Waldes lernte ich Skifahren und entdeckte, dass es mir nicht nur Spaß machte, sondern ich auch ein Talent dafür hatte.
Es war für mich immer ein besonderes Erlebnis, wenn Mama mit uns Kindern zu Grand-Maman fuhr. Grand-Maman (Französisch für Großmutter) lebte in einem Hochhaus in einer Stadt nahe der französischen Grenze, die durch die blühende Schweizer Uhrenindustrie entstanden war. An diesem Ort war alles anders als bei uns im Emmental. Im Winter wurde es hier viel kälter und es lag noch mehr Schnee als bei mir Zuhause.
Zur Wohnung von Grand-Maman, die im oberen Stockwerk war, gelangte man über eine Treppe. Alles war aus Beton und Stein gebaut, nicht aus Holz wie unser knarrendes Bauernhaus. Beim Betreten der Wohnung wurde wie auf Knopfdruck nur noch Französisch geredet, umso mehr, wenn die anderen Verwandten auch kamen. Hier tauchte ich in eine andere Welt ein. Mein Blick wurde so schon in jungen Jahren ein wenig erweitert und ich spürte, dass ich mich in beiden Kulturen zu Hause fühlte.
In meiner Familie hatten wir so einige religiöse Rituale. Die Essenszeiten begannen immer mit einem vorgegebenen Tischgebet und nach der Mahlzeit wurde nochmals ein Gebet gesprochen. Abends vor dem Schlafen kam unsere Mama ins Kinderzimmer, um mit uns zu beten. Manchmal las sie uns auch Geschichten aus der Bibel vor. Papa war um diese Tageszeit meist noch mit den Tieren oder auf den Feldern beschäftigt. Meine Eltern lebten und erzogen uns in ihrem Glauben, aber ich kannte diesen Gott nicht persönlich.
Im Jahr vor meinem Schuleintritt bauten Leute in unserem Nachbardorf ein kleines Zirkuszelt auf. Dort sollte eine Kinderevangelisation stattfinden. Mama erzählte uns davon und sagte: „Wir fahren hin, ihr könnt mitmachen!“
Ich freute mich, denn dass es so etwas nur für uns Kinder gab, war neu und aufregend. Gespannt auf das, was kommen würde stiegen meine Schwester und ich ins Auto und Mama fuhr los. Als wir auf dem Platz ankamen, sahen wir das Zelt, das uns Kindern riesig erschien. Mama kam zunächst mit hinein und sprach mit den anwesenden Erwachsenen. Dann sagte sie zu uns: „Ihr könnt euch hier auf die Bank setzen. Gleich geht’s los! Ich hole euch anschließend wieder ab.“
Neugierig blickte ich mich um. Ich hatte so etwas noch nie gesehen: Es gab eine Bühne, ein paar Lautsprecher und natürlich lauter Bänke, die alle so aufgestellt waren, dass man in Richtung Bühne sah. Immer mehr Kinder kamen herein, das Zelt wurde voller und voller. Dann ging es endlich los!
Eine Frau kam nach vorne. Sie hielt einen komischen schwarzen Stab in der Hand und wenn sie dort hineinsprach wurde ihre Stimme plötzlich so laut. Das hatte ich noch nie gesehen, was war das denn? So begrüßte die Frau uns über das Mikrofon und stellte sich kurz als Kinderpastorin vor. Danach spielten wir zunächst einige Spiele. Im Anschluss kamen weitere Erwachsene auf die Bühne, die mit uns Musik machten und uns Lieder beibrachten. Ich war begeistert, denn ich liebte es zu singen.
Als nächstes kam die Kinderpastorin wieder nach vorn und erzählte uns spannende Geschichten über Jesus, die mich völlig in ihren Bann zogen. Während sie erzählte, stellte sie irgendwann die Frage: „Möchte jemand von euch Jesus als seinen Freund ins Herz einladen?“
Wahrscheinlich war ich der Erste, der die Hand hochstreckte, völlig fasziniert und begeistert von dem Gehörten. Ja, das wollte ich! Die Frau schaute mich an und sagte: „Komm nach vorne, komm!“
Plötzlich schauten alle mich an. Ich erschrak und war verunsichert. Aber ich wollte mutig sein, deshalb stand ich auf, trat aus der Reihe heraus und ging zur Bühne. Dann fragte mich die Kinderpastorin: „Wieso möchtest du Jesus als Freund haben?“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, fand keine Worte. Ich war doch erst 6 Jahre alt und noch nicht einmal eingeschult! Das merkwürdige Mikrofon, das sie mir unter die Nase hielt, die vielen Leute … all das verunsicherte mich noch mehr und ich fing an zu weinen. In diesem Moment war nur noch ein Schrei in mir: „Wo ist Mama?“ Weinend drehte ich mich um und ging auf meinen Platz zurück. Als die Veranstaltung zu Ende war, rannte ich sofort nach draußen und fand Mama im Auto auf uns wartend.
„Ist es schön gewesen, Thomas?“, fragte sie. Ich sagte weinend: „Diese Frau hat gesagt, meine Entscheidung, Jesus als meinen Freund anzunehmen, war nicht echt!“ In meinem Kinderherzen war ich zutiefst verletzt und verunsichert. Die Freude, die ich während der Veranstaltung empfunden hatte, war verflogen. Alles war nur noch blöd. Ja, und wo ist nun dieser Freund Jesus?, fragte ich mich.
Jeden Sonntag besuchte meine Familie den Gottesdienst, aber nicht in der reformierten Kirche, sondern in einer Freikirche. Ich musste mit, ob ich wollte oder nicht. Dabei mochte ich es gar nicht, wenn ich neben Papa still sitzen und diesen langen Geschichten bzw. Predigten zuhören musste. Das fand ich stinklangweilig!
Es gab aber auch Sonntage, an denen wir mit der Sonntagsschullehrerin draußen auf der Wiese spielten und Spaß hatten. Leider war das die Ausnahme. Mit der Freikirche verband ich vor allem Zwang und Langeweile. Gott war dort für mich als Kind nicht erfahrbar – ich kam dort weder mit seiner Kraft noch mit seiner Liebe in Berührung.
In der Freikirche musizierten viele Männer im Posaunenchor. Da unser Nachbar obendrein nebenberuflich Musiklehrer war, gab es für mich kein Entrinnen. Als Grundschulkind saß ich mit einer Trompete an den Lippen in Nachbars Stube. Aber trotz vielem Üben blieb der Erfolg aus und man sah ein, dass ein Blasinstrument nichts für mich war. Viel lieber spielte ich draußen und eroberte die noch kleine Welt um mich herum. Je älter ich wurde, desto mutiger wurde ich. Alle Bäume mussten erklommen werden; ich wagte mich immer höher und höher hinauf, wenn möglich bis zum Baumwipfel!
Auf unserem Bauernhof gab es immer viel Arbeit. Familienferien waren daher ein Fremdwort. Umso größer war die Freude, als ein Bekannter uns Ferien im Tessin schenkte. Als der große Tag kam, war unser Auto vollgepackt bis oben hin und alle waren bereit für die weite Reise. Nach stundenlanger Fahrt über die Alpen kamen wir endlich im Tessin an. Hier fiel mir auf, dass die Leute eine andere Sprache, nämlich Italienisch, redeten. Auch die Vegetation war anders – hier gab es Bäume, die ich bei uns zu Hause noch nie gesehen hatte. Fasziniert sog ich alles in mich auf.
Wir unternahmen täglich Ausflüge in die Bergtäler und Wälder. Überall wuchsen große Kastanienbäume. Papa erklärte uns: „Diese Kastanien kann man rösten und danach essen.“ Es war gerade Saison und wir sammelten eifrig mehrere Säcke voll, um sie mit nach Hause zu nehmen. Diese ersten Familienferien prägten sich tief in meine Seele ein. Zum ersten Mal wurde in mir ein starkes Interesse an neuen Orten geweckt, die außerhalb des engen Emmentals lagen. Leider gingen die zwei Wochen viel zu schnell zu Ende. Bald mussten wir unser Auto wieder beladen und die Fahrt nach Hause unter die Räder nehmen. Der Bauernhof brauchte wieder seinen Bauern!
Auf dem Hof gab es Tätigkeiten, die ich gern ausführte und andere, die ich bis zu meinem Auszug nicht mochte. Mit der Stallarbeit wie Melken und Misten freundete ich mich nie wirklich an. Im Stall stank es und ich wurde dreckig! Aber es war unumgänglich, dass ich als einziger Sohn im Stall beim Melken helfen musste. So bekam ich noch im Kindergartenalter meinen eigenen kleinen Melkstuhl und die Lehre begann. Auf diesem einbeinigen Stuhl zu sitzen, musste ich zuerst üben. Als ich es beherrschte, setzte ich mich neben die Kuh, klemmte den Milchkessel zwischen die Knie, griff mit meinen Händchen nach dem Euter und zog an den Zitzen. Um gekonnt melken zu können, waren meine Hände zu Beginn noch zu klein. Als nach ein paar Jahren das Melken von Maschinen übernommen wurde, war ich überglücklich.
Im Gegensatz zur Stallarbeit liebte ich es, in den kalten Wintermonaten mit meinem Papa und Onkel Fritz in die Wälder zu gehen. Wir fällten große Tannen, um Brenn- und Bauholz zu haben. Das war eben echte Männerarbeit! Schon vor meiner Einschulung wollte ich mitgehen, denn Holzfällen fand ich sehr interessant und außerdem fuhren wir dafür in andere Täler und Regionen der Umgebung. Neue Gegenden weckten einfach schon von klein auf meine Neugier.
Wenn die Bäume am Boden lagen, zersägten wir die Stämme, um sie auf den Wagen zu laden. Mit dem Traktor steuerten wir den schwer beladenen Wagen über steile und manchmal vereiste Waldwege nach Hause. Mama wusste auch, wie gefährlich diese Fahrten waren, und so sah ich jedes Mal große Erleichterung auf ihrem Gesicht, wenn wir alle wohlbehalten zu Hause ankamen. Dort musste das Holz dann so zerkleinert werden, dass es in den Holzofen passte. Unser Haus wurde mit Holz geheizt und auch im Kochherd brannte das Feuer zum Kochen. Als Kinder war es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass immer genügend Holzscheite in der Küche waren. Wenn Mamas Ruf: „Holz ist alle!“ durch die Küche erscholl, schleppten wir den nächsten vollen Korb herein. Es war anstrengend, aber wer es warm haben und einen satten Bauch wollte, musste mithelfen.
Im Herbst war Erntezeit. Die Kartoffel- und Getreideernte mochte ich am liebsten. Tagelang sammelten wir von Hand die ausgegrabenen Kartoffeln auf und füllten Sack um Sack. Das war ein richtiges Gemeinschaftswerk – Großmutter, Onkel, Tante, groß und klein, alle halfen mit. Manchmal machten wir auch einen Wettbewerb daraus: Wer sammelte die meisten Körbe voll? So wurde Arbeit mit Spaß verbunden!
Das Getreide wurde mit einer Mähmaschine geschnitten und zu Garben zusammengebunden. Zum weiteren Trocknen stellten wir auf dem Feld drei Garben gegeneinander auf, eine vierte Garbe kam wie ein Dach oben drauf. So standen auf dem abgeernteten Feld viele kleine Garben-Häuschen. Wochen später wurde dann das getrocknete Getreide in die Scheunen gebracht. Erst im Winter kam die große Dreschmaschine zum Einsatz, um Stroh und Spreu vom Korn zu trennen. Nachdem die Körner in Säcke abgefüllt waren, brachten wir sie zum Müller in unserem Dorf. Wenn das Korn fertig gemahlen war, entstanden zu Hause aus dem Mehl Brot und viele andere Köstlichkeiten. Aus dem Mehl schlechterer Qualität stellten wir Futter für unsere Tiere im Stall her.
