Konfetti und Tränen - Nicole Heinrichs - E-Book

Konfetti und Tränen E-Book

Nicole Heinrichs

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Beschreibung

Als die Beule am Kopf der fünfjährigen Helen nicht verschwindet und ein Knochentumor diagnostiziert wird, ist das der Beginn eines Alptraums. Nicole und Frank Heinrichs weigerten sich vier Jahre lang, das Wort Krebs auszusprechen, denn es bedeutet Tod und keine Chance. Und doch war es so: Am Ende hatte Helen keine Chance, sie stirbt mit neun Jahren. Nicole Heinrichs schildert tief berührend die Lebens- und Leidensgeschichte ihrer Tochter: Die Angst, Wut, aber auch die Freude und die kleinen Momente des puren Glücks, die die Familie gemeinsam erleben darf. Und sie erzählt auch, wie sie und ihr Mann einen Weg finden, mit diesem furchtbaren Verlust zu leben und die Erinnerung an die geliebte Tochter zu bewahren.

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Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Nicole Heinrichs

Konfetti und Tränen

Vom Verlust meiner Tochter und dem Wunsch nach Leben

Knaur e-books

Über dieses Buch

Als die Beule am Kopf der fünfjährigen Helen nicht verschwindet und ein Knochentumor diagnostiziert wird, ist das der Beginn eines Alptraums. Nicole und Frank Heinrichs weigerten sich vier Jahre lang, das Wort Krebs auszusprechen, denn es bedeutet Tod und keine Chance. Und doch war es so: Am Ende hatte Helen keine Chance, sie stirbt mit neun Jahren.

Nicole Heinrichs schildert tief berührend die Lebens- und Leidensgeschichte ihrer Tochter: Die Angst, Wut, aber auch die Freude und die kleinen Momente des puren Glücks, die die Familie gemeinsam erleben darf. Und sie erzählt auch, wie sie und ihr Mann einen Weg finden, mit diesem furchtbaren Verlust zu leben und die Erinnerung an die geliebte Tochter zu bewahren.

Inhaltsübersicht

Für Helen2013. Kapitel2009. Kapitel2010. Kapitel2011. Kapitel2012. Kapitel2013. KapitelSilvester 2013.2014. KapitelMai 2015Dank
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Für Helen

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2013

23.06 Uhr. Stille. Das war der letzte Atemzug meiner Tochter. Ich schaue extra auf die Uhr. Ich will Fakten schaffen. Einen greifbaren Gedanken formulieren. Das ist die Uhrzeit, an der du deine Tochter verloren hast. Wirst du jetzt immer zu dieser Zeit an genau diesen Moment denken? Ich werde überrollt von Gedanken und will doch nur hier und jetzt bei ihr sein. Ich möchte die Wärme spüren, solange sie noch da ist. Aber das geht so schnell. Ich spüre das Herz unter meiner flachen Hand auf ihrem Brustkorb nicht mehr schlagen. So sehr habe ich mir gewünscht, dass sie genau so friedlich in meinen Armen einschlafen kann, und jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll. Die Gedanken brauchen ein paar Sekunden, bis sie sich durch den Nebel meines Verstandes einen Weg gesucht haben. Dann folgen die Tränen. Es tut nicht weh, aber ich kann sie nicht aufhalten. Alles ist so unwirklich. Acht Stunden habe ich Helen im Arm gehalten, ihr den Weg in den Tod bereitet, zusammen mit Frank. Er weiß, dass ich diese Nähe gebraucht habe, dass alles, was passiert ist, wichtig ist für unser Leben danach. Aber jetzt darf er sie halten. Ein letztes Mal drücke ich sie fest an mich, drücke mein Gesicht in ihre Haare und versuche, dieses Gefühl für immer zu konservieren. Dann gebe ich sie in die Arme ihres Papas. Sie dort zu sehen, so leblos und – tot –, sprengt mein Korsett, das ich bisher sorgsam um mein Herz geschnürt hatte. Ihre Hände werden langsam kalt, ich kann sehen, wie sie sich verändert. Ihre Lippen werden blass, alles geht so viel schneller, als ich es erwartet habe. Frank schmiegt sie an sich und lächelt.

Auf seltsame Art und Weise sind wir glücklich. Sie konnte sterben, ohne Angst zu haben, ohne Schmerzen, zu Hause bei uns. Wie oft habe ich diesen Moment in den letzten Tagen gedanklich durchgespielt. Was macht man, was machen wir, wenn das eigene Kind stirbt? In mir kommt die Werberin durch. Ich weiß, Bilder prägen sich ein. Das hier wird sich für immer auf unsere Festplatte brennen. Und ich kann beeinflussen, welche Bilder das sind. Das Kerzenlicht auf ihrem Nachttisch macht ein schönes Licht. Es nimmt der Blässe ihres Gesichtes die Bedrohlichkeit. Es schmeichelt.

Ich gehe in den Keller und hole ihr Kommunionskleid. Sie wird darin aussehen wie ein Engel. Unterwäsche, eine weiße Strumpfhose und die Strickjacke liegen schon bereit. Wir haben vereinbart, dass Frank sie umziehen wird.

Er geht genauso liebevoll mit ihr um wie am Tag ihrer Geburt, als er sie zum ersten Mal anziehen durfte. Damals trug sie einen weißen Strampelanzug mit bunten Punkten. Das war vor nicht einmal zehn Jahren. Bevor er sie ganz auszieht, verlasse ich das Zimmer. Ich will flüchten vor dem Bild ihres nackten Körpers, der in den letzten Wochen so schrecklich abgemagert ist. Die Bilder, die Bilder in meinem Kopf – ich muss sie kontrollieren!

Was mache ich jetzt? Im Keller finde ich Windlichter und Kerzen und stelle sie im ganzen Haus auf. In der Diele suche ich Helens weiße Schuhe, die sie zur Kommunion bekommen hat. Die soll sie auf jeden Fall tragen, wenn sie … ich breche den Gedanken ab.

Frank ruft mich. Er ist fertig. Ich gehe in ihr Zimmer und sehe sie dort wunderschön auf dem Bett liegen. Der weite Tüllrock liegt bauschig über ihren Beinen. Sie sieht aus wie eine Ballerina. Er hat ihre Haare perfekt drapiert und bittet mich, sie nicht anzufassen.

Wie immer will er es mir leicht machen. Die dunkelblonden Locken verdecken den Bereich ihres Kopfes, an dem seit der Operation ein Stück Schädeldecke fehlt. Jetzt ist er eingefallen, aber ich muss es nicht sehen. Wie in den letzten vier Jahren macht er einfach alles richtig.

Ich sitze neben ihr auf der Bettkante und betrachte sie im Kerzenlicht. Ihre Augen lassen sich nicht schließen, und es scheint, als würde sie uns ansehen. Ihr Mund ist leicht geöffnet. Ich nehme ihre Hand, aber sie ist schon viel kälter und fühlt sich nicht mehr lebendig an.

Frank streichelt sie ununterbrochen und lächelt seine Tochter so voller Liebe an, als wäre sie nicht tot, sondern als würde sie einen kurzen Mittagsschlaf halten. Um Helen herum hat er fast alle ihre Kuscheltiere versammelt. Ihr kleiner Körper ist umringt von Bären, Hasen und all den anderen Stofftieren, die sie so innig geliebt hat. Ein bisschen erinnert sie mich an Schneewittchen, in ihrem weißen Kleid, umgeben von den Tieren des Waldes.

Ich lasse die beiden allein und rufe die Ärztin des Hospizdienstes an. Sie muss den Tod amtlich feststellen. Danach wähle ich die Nummer meiner Eltern. Sie haben den Anruf erwartet und machen sich auf den Weg zu uns.

Ich lege die Sachen zusammen, die Helen auf dem letzten Weg begleiten sollen. Eine türkisfarbene Decke. Sie soll es kuschelig haben und ein Stück ihres Zimmers mitnehmen. Das haben wir gerade vor ein paar Monaten neu gestaltet. Rosa musste Türkis und Lila weichen. Die ersten Anzeichen eines Jugendzimmers wurden da sichtbar und ließen eine Zukunft erahnen, die Helen nicht vergönnt war. Ein buntes Kissen. Das Freundschaftskissen ihrer besten Freundin Shirley, mit einem kleinen Einhorn darauf und einem rosa Filzherz als Anhänger. Ein Steiff-Teddy. Eines von vielen Geschenken ihrer stofftierverrückten Patentante. Ein kleiner weißer Porzellanengel von Oma und Opa. Das Mäh-Mäh hält sie im Arm. Ein kleines Schmusetier, das sie zur Geburt bekommen hat. Zum Glück gibt es noch Wolli, den Bruder von Mäh-Mäh. Ganz die gewissenhafte Mutter, habe ich ein zweites Lieblingstier gekauft und im Wechsel gewaschen. Bei plötzlichem Schmusetierverlust wären wir perfekt vorbereitet gewesen. Jetzt bleibt uns zum Glück ein original abgeliebtes Exemplar für immer erhalten.

Zurück in ihrem Zimmer, suche ich im Nachttischschränkchen. Der Duft von Döschen mit Geheimnissen, Haarlocken und Milchzähnen strömt aus dem kleinen Kästchen. Ich fühle mich fast wie ein Eindringling in diesem ganz persönlichen Reich meiner Tochter. Endlich finde ich in einer der zahlreichen Schachteln das Gesuchte. Meine goldene Kette, die Helen zu ihrer Kommunion getragen hat. Daran hängen noch ein Kreuz und ein Herz. Das Kreuz ist filigran mit einem kleinen Brillanten und schon ziemlich angelaufen. Ich habe es zu meiner Kommunion geschenkt bekommen und habe es meiner Tochter vor ein paar Monaten ganz gerührt für ihren großen Tag geliehen. Das goldene Herz mit dem kleinen blauen Stein hat sie von ihrer Oma zur Taufe erhalten. Es begleitet unsere Familie seit ein paar Generationen und sollte eigentlich noch einen langen Weg vor sich haben.

Nun endet es am zarten Hals einer Neunjährigen, die an einer unberechenbaren Krankheit gestorben ist.

Es klingelt. Meine Eltern sind da. Nach all den Monaten und Jahren des Bangens und Hoffens können sie ihre grenzenlose Traurigkeit nicht länger verbergen. Sie wirken seltsam klein, wie sie da stehen in unserem Hausflur. Wir nehmen uns fest in die Arme und lassen unserer Trauer freien Lauf.

Nach ein paar Minuten übernehme ich wieder die Rolle, die mir liegt. Ich organisiere und bestimme das Geschehen. Besser so, als wenn das Geschehen mich bestimmt.

Meine Eltern folgen mir nach oben in Helens Zimmer. Beide brechen in Tränen aus. Meinen Vater so weinen zu sehen ist fast unerträglich.

Sie versuchen uns zu trösten, und doch sind wir es, die Trost spenden. Ich sehe den inneren Konflikt in ihren Gesichtern. Eigentlich wollen sie nur noch zusammenbrechen und das Schicksal verfluchen, das ihnen ihr einziges Enkelkind genommen hat. Gleichzeitig fühlen sie sich für Frank und mich verantwortlich. In diesem Moment sind wir die Kinder, die getröstet werden sollten. Aber wir brauchen es nicht.

Eine große Ruhe ist bei uns beiden eingekehrt. Wir teilen diesen Moment mit meinen Eltern und lassen sie dann mit Helen alleine. Ich höre sie weinen und mit ihr sprechen, aber es macht mich nicht traurig. Der Wunsch meiner Mutter, mich zu trösten, ihre stumme Aufforderung, mich doch einfach fallen zu lassen, bewirkt bei mir genau das Gegenteil. Ich bin die starke Tochter, und ich werde das auch bleiben. Sie sollen nicht auch noch die Sorge um mich aufgebürdet bekommen.

Als es diesmal klingelt, wissen wir, dass es jetzt formal wird. Die Ärztin ist da. Wir haben sie bisher nicht kennengelernt, der Dienstplan der letzten zwei Wochen hat uns kein vorheriges Treffen beschert.

Sie wirkt kantig und groß und wird von einer Krankenschwester begleitet. Ich stelle mir die Frage, wer so einen Job freiwillig macht. Wer möchte nachts um ein Uhr in ein fremdes Haus kommen, um ein totes Mädchen zu untersuchen? Kann man danach wieder ins Bett schlüpfen und sich auf den Milchkaffee zum Frühstück freuen? Was erzählt man seinem Partner über die Arbeit?

Wie oft haben Frank und ich uns beim Abendessen über aufwendige Angebote, unfaire Kunden und lange Lieferzeiten aufgeregt. Wie banal ist das angesichts der Aufgabe, die diese Frau erfüllt. Wir sind zutiefst dankbar dafür, dass es Menschen wie sie gibt.

Sie schüttelt uns die Hand und spricht uns ihr Beileid aus. Das erste Mal hören wir diesen Ausspruch. Er ist so abgedroschen und wird bei jedem Mal, den wir ihn noch hören werden, einen schalen Beigeschmack hinterlassen. Aber es ist eine gelernte Floskel für eine außerplanmäßige Situation. Eine Brücke hin zu mehr oder zum Schweigen. Sie fordert den Angesprochenen auf zu reagieren und schafft erst einmal einen kurzen Moment Raum für den Ansprechenden. Noch oft werden wir diese grausamen Sekunden erleben, wenn wir jemandem zum ersten Mal »danach« begegnen. Das hier gibt uns einen Vorgeschmack darauf.

Meine Eltern gehen. Sie sind dankbar dafür, von Helen so Abschied genommen zu haben. Auch ihre Bilder im Kopf habe ich gestaltet. Sie haben ihr Enkelkind friedlich und wunderschön gesehen. Das Haus war in Kerzenschein getränkt und strahlte eine surreale Perfektion aus. Sie haben Frank und mich traurig, aber nicht verzweifelt erlebt. Sie wissen, dass wir weiterleben wollen und werden. Mit diesem Gefühl schicke ich sie nach Hause.

Bei der Untersuchung durch die Ärztin bin ich nicht dabei. Ich möchte nicht sehen, wie die unmissverständlichen Anzeichen des Todes fachkundig betrachtet und auf Listen abgehakt werden.

Jetzt ist es Zeit, meine beste Freundin, Helens Patentante, anzurufen. Sie ist mir so nah wie niemand sonst, wenn es um Helens Krankheit geht. Bei ihr habe ich Gedanken ausgesprochen, die sonst meinen Mund nicht verlassen haben. Ihr habe ich die Bürde auferlegt, meine pure Angst und Verzweiflung um Helen zu ertragen. Sie habe ich nie geschont. Susanne meldet sich traurig, mit der Gewissheit, dass dieser Anruf nur das eine bedeuten kann.

Die Ärztin ist fertig und sucht das Gespräch mit uns. Wir stehen am Totenbett unserer Tochter und werden gefragt, ob wir Hilfe brauchen. Zum Hospizservice gehört auch die professionelle Betreuung der Hinterbliebenen. Nein danke.

Wir wollen keinen Psychologen, der uns aufwendig selbst erarbeiten lässt, dass das Leben doch noch schön ist. Wir brauchen das nicht. Mit einem kurzen Blick verständigen Frank und ich uns zu dieser Frage und lehnen dankend ab. Schon jetzt wissen wir, dass wir nicht zusammenbrechen werden. Dass wir nicht verzweifeln an dem Gedanken, warum ausgerechnet unsere Tochter diesen so seltenen Weg gehen musste. Wir spüren genau, dass wir beide uns Trost und Lebensglück sein werden. Das reicht.

Wir lehnen auch dankend ab, dass Mitarbeiter des Hospizdienstes zur Beerdigung kommen oder zu Helens nicht stattfindendem zehnten Geburtstag anrufen. Offensichtlich gibt es sehr unterschiedliche Bedürfnisse von verwaisten Eltern. Einmal mehr bin ich dankbar, dass Frank und ich uns so einig sind bei diesen elementaren Entscheidungen.

Frank und die Ärztin sitzen an unserem großen Esstisch und füllen diverse Formulare aus. Ich bleibe bei Helen und streichele ihre Hand. Es ist seltsam, aber ich muss nicht weinen. Ich will es nur schön machen, für sie und damit auch für mich. Zwischendurch höre ich immer wieder Wortfetzen, Todesstatistik und Pflegematerialien, die wir zurückgeben sollen.

Die Morphinpumpe, an die Helen seit der Entlassung aus dem Krankenhaus angeschlossen war, geben wir genauso schnell weg wie den Infusionsständer, den wir nicht gebraucht haben, und diverse Schläuche und andere Zeugnisse der Krankheit. Nichts soll uns daran erinnern, und doch wird auch das immer ein Teil unserer Erinnerung bleiben.

Die Ärztin geht, und Susanne kommt. Genau wie meine Eltern weint sie bitterlich. Die Rücksichtnahme der letzten vier Jahre, nicht durch ihre Tränen meine Verzweiflung heraufzubeschwören, ist nicht mehr notwendig. Jetzt darf geweint werden.

Nichts kann mehr beschönigt und herbeigehofft werden. Aber schnell schlüpft auch meine große Freundin wieder in ihre gewohnte Rolle. Sie ist unsere Stütze und ausführender Arm in allen Belangen, die man Eltern eines kranken Kindes nicht auferlegen möchte. Dankbar haben wir das alles angenommen. Dankbar sind wir für einen Menschen an unserer Seite, der uns tatkräftig immer Gutes wollte und uns nicht durch Sentimentalität erdrückt hat. Der den Mut hatte, auch mal einen Witz auf Kosten der Situation zu machen, und nicht erstarrt ist vor Angst, etwas Falsches zu sagen. Das ist eine seltene Gabe, Mitgefühl und Liebe zu schenken, ohne Schwäche einzufordern.

Auch Susanne nimmt von Helen Abschied, und es erfüllt mein Herz mit großer Traurigkeit, die beiden so zu sehen. Wie sehr habe ich ihnen eine unbeschwerte Zeit gewünscht. Ein tolles Mädchen und seine tolle Patentante.

Wir fangen an, über den weiteren Ablauf zu sprechen. Wann rufen wir den Bestatter, wann soll er kommen? Auf jeden Fall erst, wenn die Nachbarskinder in der Schule sind. Niemand weiß, dass wir zum Sterben nach Hause gegangen sind. Auch die Verbreitung dieser Nachricht will gründlich geplant werden. Alles, was wir steuern können, überrennt uns nicht.

Ich erschrecke selbst bei dem Gedanken. Darf ich so denken? Bin ich herzlos? Bin ich nicht normal? Auch dieser Gedanke wird mich in Zukunft häufig begleiten und zweifeln lassen. Ich merke schon jetzt, dass wir nicht dem Bild der trauernden Eltern entsprechen, das in den Köpfen aller – und auch in meinem eigenen – fest verankert ist.

Noch vor Tagen war es unser Wunsch, aus Helens Asche zwei Diamanten zu pressen, die uns immer begleiten werden. Jetzt äußert Frank Bedenken. Irgendwie finde ich es unangemessen, so etwas vor Helen zu besprechen. Wir gehen in unser Schlafzimmer.

Er befürchtet, Helen könne sich eingesperrt fühlen. So wie Tinkerbell im verschlossenen Marmeladenglas. Ein bittersüßer Schmerz durchfährt mich beim Gedanken daran, wie gerne wir die Filme zusammen gesehen haben und dass wir das jetzt nie wieder machen können. Vielleicht hat er recht. So abwegig und kitschig das klingt, so beschreibt es doch ganz treffend seine Gefühle. Wir entscheiden uns kurzerhand dagegen. Ich bin irgendwie auch erleichtert, diesem ganzen technischen Wissen zu entkommen. Stattdessen werde ich den Herzanhänger, den Helen mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hat, ab jetzt immer tragen. Er ist bestimmt sogar noch wertvoller für mich, schließlich hat sie ihn ausgesucht, als sie lebendig und fröhlich war. Da steckt eindeutig mehr Liebe und Freude darin als in einem Diamanten aus mechanisch gepresster Asche.

Ich wickele mich in eine große Decke und ziehe mich in diese Höhle zurück. Jetzt erst merke ich, wie erschöpft ich bin. Erschöpft ist der falsche Ausdruck. Es fühlt sich an, als wenn die Sicherungen meines Bewusstseins kurz vor dem Herausspringen sind, um das System vor dem Überhitzen zu schützen.

Frank hat bisher noch keine einzige Träne vergossen. Er ist erfüllt von dem innigen Bedürfnis, es seinen beiden »Frauen« so gut wie eben möglich zu machen. Die Liebe zu uns quillt aus allen Poren seines Handelns. Das macht mich sprachlos. Und ich lasse zu, dass ich mich einfach fallen lasse.

Ich schicke Frank zurück zu unserer Tochter und gestatte mir das Herunterfahren meines Betriebssystems. Er wird mich rechtzeitig wecken, damit ich endgültig Abschied nehmen kann von Helen. Bevor die Bestatter kommen.

Als ich drei Stunden später aufwache, ist Susanne gegangen und Frank ist bei Helen. Ich habe unvorstellbare Angst, zurück in das Kinderzimmer zu gehen. Bisher habe ich es geschafft, bei aller Grausamkeit der Ereignisse, mir meinen Seelenfrieden zu erhalten.

Ich will zu ihr, aber ich habe Angst vor dem Bild, das sich mir bieten wird. Wie wird sie sich verändert haben? Will ich das sehen? Kann ich dieses Bild aus meinem Gedächtnis löschen, wenn es mich erschreckt? Ich habe solche Angst, ich weine und zittere. Aber Frank, mein Held in jeder Situation, nimmt mich an die Hand und führt mich in das Kinderzimmer. Er sagt, dass ich mich auf Helen freuen kann. Dass sie schön ist und ich sie auf jeden Fall so sehen soll. Ich folge ihm.

Sie liegt da wie vor ein paar Stunden. Aber ihr Gesicht hat sich verändert. Sie lächelt. Sie lächelt tatsächlich. Das bilden wir uns nicht ein, es ist so. Ein Auge ist geschlossen, das andere ist leicht geöffnet, als würde sie uns zuzwinkern.

Ich setze mich erst auf den Boden vor das Bett, danach auf die Bettkante. Dann traue ich mich, mich über sie zu beugen und sie von Nahem zu betrachten. Ihr Gesichtsausdruck ist so friedlich und gleichzeitig so fröhlich. Ihr Gesicht wirkt schmal. Ihre Pausbacken, die sie trotz der Krankheit nie verloren hat, sind irgendwie weg. Helen wirkt auf einmal erwachsener. Sie gestattet uns einen Blick auf das Mädchen, das uns in ein paar Jahren begegnet wäre.

Mich durchflutet in diesem Moment so viel Dankbarkeit dafür, dass mir dieser Abschied vergönnt ist. Ich frage Frank, ob ich Helens Hand anfassen kann. Wie sie sich anfühlt. Er ist der Seismograph meiner Seele. Er sagt, sie sei kalt, und ich beschließe, es bei einem Kuss auf ihre Stirn zu belassen. Es fühlt sich an, als würde ich eine Porzellanfigur berühren. Seltsamerweise ängstigt mich das nicht. Wir sitzen still bei unserer Tochter und halten uns an den Händen, erfüllt von der glückseligen Gewissheit, dass wir für Helen und uns alles richtig gemacht haben.

Ich frage Frank, was er in den letzten drei Stunden gemacht hat, wie er sich gefühlt hat. Mich beschleicht das schlechte Gewissen, ihn alleine gelassen zu haben. Aber es war seine ganz eigene Zeit, von unserer Tochter Abschied zu nehmen. Ich bin mir sicher, er hat den Tränen freien Lauf gelassen, die er in den letzten vier Jahren unterdrückt hat.

In zwei Stunden kommt der Bestatter. Das sind die letzten zwei Stunden, die uns mit Helen bleiben. Kurz flammt in mir der Gedanke auf, sie so zu fotografieren. Dieses wundervolle Gesicht, das ich schon tausendfach abgelichtet habe, möchte ich erneut für meine Ewigkeit festhalten. Aber es fühlt sich falsch an. Ich bin mir sicher, dass ich bei Betrachtung des Bildes in naher Zukunft Details entdecken würde, die den bestehenden Zauber verfliegen lassen würden. Nein, dieses Bild von Helen soll nur in unseren Köpfen existieren. Das ist unantastbar.

Die zwei Stunden vergehen, und ich weiß nicht mehr, wie. Ich habe Frank gebeten, nicht dabei sein zu müssen, wenn Helen abgeholt wird. Das zu erleben würde alles zunichtemachen, was dieser friedvolle Abschied mir beschert hat.

Ich fühle mich feige, weiß aber gleichzeitig aus tiefster Überzeugung, dass ich das Richtige tue. Als es klingelt, erstarre ich und weiß, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Frank geht nach unten zur Tür. Ich hauche Helen einen weiteren Kuss auf ihre Stirn und flüchte nahezu panisch in unser Schlafzimmer. Ich will die Stimmen der Männer nicht hören, ihre Fragen, das Quietschen des Transportmittels, mit dem sie Helen wegfahren werden.

Ich stecke mir Ohropax in die Ohren, flüchte mich wieder in meine Höhle unter der Bettdecke und bin dankbar dafür, dass meine Sicherungen erneut rausfliegen.

Ich erwache mittags aus einem traumlosen Schlaf, der sich anfühlt wie eine Ohnmacht. Ich gehe in Helens Zimmer und erwarte, sie dort liegen zu sehen wie jeden Morgen. Die Realität ist noch nicht angekommen in meinem Bewusstsein. Die Erkenntnis über das Unausweichliche der vergangenen Nacht bricht jedoch brutal über mich herein. Das Bett ist leer. Ihr grünes Kissen liegt da, genauso wie die Decke. Die Tiere stehen im Halbkreis auf dem Bett. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Helen noch genauso dort liegen wie vor ein paar Stunden. Wenn ich die Augen wieder öffne, scheint das Bild für ein paar wertvolle Sekunden nicht zu verschwinden.

Ich nehme die Sachen in die Hand, die sie zuletzt getragen hat. Geringelte Socken, eine blaue Leggins, ein pinkfarbenes Shirt. Ohne nachzudenken, rieche ich an ihrer Kleidung. Aber der Geruch von Helen hat sich schon verflüchtigt. Dennoch entscheide ich sofort, diese Sachen niemals zu waschen.

Mir wird bewusst, wie viele solcher Entscheidungen uns noch bevorstehen. Wann mache ich das Bett? Räume ich die Tiere weg, oder soll das ganze Zimmer unverändert Zeugnis davon ablegen, was hier letzte Nacht passiert ist? Was geschieht mit all den Spielsachen und ihrer Kleidung? Ich muss das jetzt nicht entscheiden, aber ich habe Angst davor, mich dem irgendwann einmal stellen zu müssen. Wie soll ich es schaffen, die Erinnerung zu bewahren und gleichzeitig Veränderung zuzulassen?

Ich gehe zu Frank und lasse mich in seine Arme fallen. Seine Nähe gibt mir Zuversicht und Stärke. Wir haben unser Kind verloren, aber wir haben uns. Dieses besondere Geschenk möchte ich nicht verprellen.

Was mache ich jetzt eigentlich? Ich fühle mich seltsam leer und ziellos. Nach der langen und intensiven Zeit während Helens Krankheit gibt es erst einmal keinen Plan. Doch! Die Maschinerie muss anlaufen. Alle müssen informiert werden. Heute gibt es für mich einen Anruf und einen Besuch, vor denen ich schreckliche Angst habe.

Zuerst rufe ich in der Schule an und spreche diesen grausamen Satz zum ersten Mal in meinem Leben aus: »Helen ist letzte Nacht gestorben.« Mein Hals ist wie zugeschnürt. Es tut mir körperlich weh, diese Worte aus meinem eigenen Mund zu hören. Ich kann nicht viel sagen. Die Lehrerin weint und ist fassungslos.

Die beiden hatten eine ganz besondere Beziehung, geprägt von großem Respekt und liebevoller Zuneigung. Sie soll Zeit haben, sich vorzubereiten, und nicht morgen von einem Kind mit der grausamen Nachricht überrumpelt werden. Schon wieder fühle ich mich verantwortlich, es den anderen so leicht wie möglich zu machen.

Frank macht mir ein spätes Frühstück. Brötchen. Milchkaffee. Ein Ei. Ich kann alles essen. Es schlägt mir nicht auf den Magen. Bei jeder Kleinigkeit habe ich sonst Bauchschmerzen, jetzt geht es mir gut.

Wir sitzen am großen Tisch, neben uns der Kinderstuhl von Helen. In der Schublade finde ich durch Zufall drei Tischkärtchen, die Helen gebastelt hat. Mama. Papa. Helen. Ich lege sie an unsere Plätze. Das tut weh, ist aber auch irgendwie schön. Eine Gefühlskombination, die ich in nächster Zeit sehr häufig erleben werde.

Ich nehme mein Handy und verschicke eine Nachricht. »Willst Du mich gleich mal besuchen kommen?« Es klingt harmlos und ist an einen lieben Menschen gerichtet. Die Mutter von Helens bester Freundin. Sie ist vollkommen ahnungslos. Seitdem wir zum letzten Mal ins Krankenhaus gefahren sind, habe ich sie mit Bruchstücken von Informationen hingehalten. Sie weiß, die Lage ist kritisch, aber das hatten wir schon oft. Sie geht davon aus, dass die Mädchen in ein paar Tagen wieder zusammen spielen werden.

Ich weiß, sie ist emotional und wird hemmungslos reagieren. Auch sie soll es rechtzeitig erfahren. Sie soll die Chance haben, ihrer Tochter die Nachricht vom Tod ihrer Freundin zu Hause zu übermitteln. Sie soll Shirley auffangen und schützen.

Es klingelt. Ich reiße mich zusammen und öffne die Tür. Da steht meine Freundin und ist voller Neugierde auf das, was ich zu erzählen habe. Ich kann die Besorgnis in ihren Augen aufflackern sehen, aber nichts spiegelt das Entsetzen wider, das die schreckliche Nachricht gleich auslösen wird.

Wir setzen uns, und erneut sage ich diesen grausamen Satz. Sie schreit. Sie schreit und hört nicht auf. Vier Jahre hat auch sie die Realität so angepasst, dass sie erträglich wurde. Vier Jahre haben sie und ihre gesamte Familie gehofft und in der stillen Zuversicht gelebt, dass alles gut werden wird. Sie hört nicht auf zu schreien und drückt mich so fest an sich, dass es weh tut. Ihr Körper wird geschüttelt vom Schluchzen.

Ich beginne zu erzählen, was in den letzten vierzehn Tagen passiert ist. Meine Stimme ist ganz ruhig. Ich kann es nicht fassen. Wessen Kind ist hier eigentlich gestorben? Und wieder die Frage: Bin ich normal? Sie will gar nichts hören von dem, was ich zu sagen habe, sondern wird immer wieder von ihrem eigenen Klagen geschüttelt.

Dann kommen die Worte, die ich vermutlich niemals vergessen werde: »Ihr bringt euch doch jetzt aber nicht um, oder?« Dieser Satz zeigt mir glasklar auf, was man von mir – von uns – erwartet. Nicht, dass wir Selbstmord begehen. Nein, das nicht. Aber, dass wir vollkommen verzweifelt sind. Dass wir uns eingestehen, den Lebenssinn verloren zu haben, und unser Weiterleben unerträglich finden.

Wie bei meinen Eltern schlüpfe ich in die Rolle der Trösterin, obwohl ich doch diejenige sein sollte, die bittere Tränen vergießt. Mich beschleicht der Gedanke, dass die Gewissheit um Helens Tod auch etwas Beruhigendes haben kann. Es gibt keine Zweifel mehr, keine aufrechtzuerhaltende Hoffnung, nichts, was nicht gedacht oder ausgesprochen werden darf. Ungewissheit erzeugt die größte Angst. Gewissheit – auch wenn sie noch so grausam ist – schafft Ruhe. Jedenfalls bei mir.

An diesem Abend bekommen wir noch Besuch. Franks Bruder, Helens Patenonkel Carsten, hat all seinen Mut zusammengenommen und ist gekommen. Wir rechnen ihm das hoch an. Denn niemand weiß, er ebenso wenig, was ihn bei uns erwartet. Niemand kann ahnen, in welchem Zustand wir uns befinden. Sind wir dem Wahnsinn nahe? Weinen wir ununterbrochen? Sind wir entfesselt und wütend auf dieses verdammte Schicksal? Und was soll man überhaupt sagen? Es gibt ja keine Worte des Trostes. Kein einziges Wort. Kinder sollen nicht sterben. Punkt.

***

Tatsächlich können wir in dieser Nacht schlafen. Ich weine mich leise in den Halbschlaf und erwache erst am nächsten Morgen. Wir haben um neun Uhr einen Termin beim Pfarrer. Mein Mann und ich sind nicht gläubig. Aber wir verstehen den christlichen Glauben als einen Teil unserer Kultur. Helen sollte das unvoreingenommen kennenlernen und sich dann ihre eigene Meinung bilden. Eigentlich wollen wir keinen Geistlichen bei Helens Beerdigung. Die Floskeln, die die Kirche in solchen Fällen vorsieht, sind hohl und bewirken vielleicht nur das Gegenteil bei uns.

Ich glaube nicht, dass es einen Sinn geben kann für das, was geschehen ist. Und ich glaube auch nicht, dass Helen jetzt im Paradies ist. Ihr Paradies war hier – bei Mama und Papa.

Aber wir schätzen den Pfarrer als Menschen. Er ist ein charakterstarker Typ, der seinen Glauben hat, ohne ihn anderen aufzwingen zu müssen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht Dinge aus, die sich in den nächsten Wochen kaum jemand trauen wird zu sagen. Dass sich die meisten Paare in so einer Situation trennen. Dass andere uns seltsam finden werden. Dass wir nicht dem Klischee entsprechen. Dass andere ihre eigenen Verluste und Ängste in unsere Situation hineinprojizieren. Dass Menschen sich von uns abwenden werden, weil sie überfordert sind. Dass man uns ungefragt umarmen wird. Dass wir für immer die mit dem toten Kind sein werden.

Im Gespräch werden wir in unserer eigenen Haltung bestärkt. Unsere Liebe zu Helen können wir konservieren. Aber wir müssen nicht aufhören, ein glückliches Leben zu führen. Es wird immer jemand fehlen. Unser Glück wird nie wieder so vollkommen sein wie mit Helen. Aber dennoch ist uns die Liebe zueinander geblieben, die alleine es schon wert ist, dankbar zu sein.

***

Ich empfinde eine überwältigende Sehnsucht, etwas zu machen, das mit Helen zu tun hat. Spontan suche ich die Kiste mit den Filmkassetten von ihr. Zum Glück haben wir bei einem Fotowettbewerb eine Videokamera gewonnen. Helen war das Bild-Sommerbaby 2004! Das nenne ich mal Schicksal. Entgegen meiner natürlichen Abneigung, die schönsten Momente nur durch das Objektiv einer Kamera zu sehen, habe ich stundenlang Filmaufnahmen von ihr und uns gemacht. Der kleine Karton mit den Videobändern gehört ab jetzt zu meinen größten Schätzen.

Aber diese süße Droge muss vernünftig eingeteilt werden. Am liebsten würden wir alle Filme hintereinander schauen und uns an Helens Lebendigkeit berauschen. Der Plan steht schnell. Jeden Tag einen Film. Dann kommen wir genau hin bis zu ihrer Beerdigung in neun Tagen. Ich schaffe mir in diesen neun leeren und planlosen Tagen ein Highlight, auf das ich mich täglich freuen kann.

Jeden Nachmittag machen wir es uns im Wohnzimmer gemütlich, als würden wir eine private Kinovorstellung erleben. Meine Freude, sie so zu sehen, ist ungetrübt. Die Aufnahmen aus ihrer Baby- und Kleinkindzeit hatte ich schon fast vergessen. Sie sind das Zeugnis einer unbeschwerten und vollkommenen Zeit. Wir lachen und haben gleichzeitig Tränen in den Augen beim Anblick ihrer Lebendigkeit. Aber diese Zeit ist Vergangenheit und wäre es auch immer gewesen. Helen war schon lange kein Baby mehr. So behält die Freude täglich Oberhand über den aufkeimenden Schmerz.

***

Susanne kommt und bringt die Trauerkarten mit. Sind gut geworden. Ich betrachte sie professionell und frage mich, wie die Empfänger sie finden werden. Unsere Familie und Freunde laden wir zur Beerdigung ein. Den Rest bitten wir, davon abzusehen, uns anzurufen oder zu besuchen. Ich kann mir momentan nichts Schlimmeres vorstellen als das Schweigen am Telefon oder an der Tür, das ich durchbrechen müsste, wenn ich den Zustand nicht länger ertragen könnte.

Ich will nicht reden. Ich will nichts erzählen, und ich will auch nicht getröstet werden.

***

Ich erinnere mich an einen Moment vor einem Jahr. Da starb ein Mädchen aus unserer Stadt ebenfalls an einem Knochentumor. Wir kannten die Familie gut. Als das Mädchen starb, waren wir in der zweiten Reha. Ich schnappte dort auf dem Flur nur einen Wortfetzen auf, aber der reichte, um meine innersten Ängste zu schüren. Wenn dieses Kind gestorben ist, dann könnte der Tod auch ganz nah an uns heranrücken. Das durfte einfach nicht wahr sein.

Zurück aus der Reha, habe ich mich noch zwei Wochen gequält, um dann im Internet die Todesanzeige zu finden. Verzweiflung machte sich damals in mir breit, mein Hoffnungspanzer bekam dicke Risse. Und ich stand vor der Frage, ob ich der Mutter des Kindes eine Beileidskarte schicken sollte.

Ich habe es nicht getan. Denn ich wusste schon damals, dass es keine Worte des Trostes gibt. Ich hatte außerdem das Gefühl, den Text der Karte an mich selbst zu richten. Jedes dieser Worte würde vielleicht in naher Zukunft jemand anderes an mich schreiben. Heute weiß ich es besser. Ich hätte schreiben sollen, und ich werde ab jetzt immer schreiben.

***

Wir bekommen fast hundert Karten, Briefe, Päckchen und Geschenke. Die erste Karte steckt schon am Nachmittag nach Helens Tod im Briefkasten. Die letzte werden wir viele Wochen danach bekommen. Jeden Tag leeren wir voller Erwartung und Freude den Briefkasten. Noch nie habe ich mich so auf den gelben Kastenwagen vor unserem Haus gefreut.

Wir legen diese wundervollen Zeichen der Zuneigung und Anteilnahme in Helens Zimmer wie auf einen Altar. Nach unserem täglichen Spaziergang zünden wir die Kerze an, die in Helens letzter Nacht gebrannt hat, und lesen uns die Texte gegenseitig vor. Ich muss häufig weinen …, vor Traurigkeit, Rührung und auch vor Dankbarkeit.

Leute, die wir kaum kennen, schütten uns ihr Herz aus. Dafür finden gute Freunde manchmal nur ein paar belanglose Worte. Nach ein paar Karten sind wir schon verwöhnt. Die erste Frage ist immer: »Steht viel drin?«

Wir laben uns an den kleinen Geschichten über Helen, an Erlebnissen, die die Absender mit unserer Tochter verbinden. Wir freuen uns über wundervolle Texte und – ja – passende Worte. Nichts davon kann uns trösten, nichts nimmt auch nur ansatzweise den Schmerz, aber trotzdem versüßen uns diese Nachrichten die erste leere Zeit.

***

Wir laufen und laufen und laufen. Schon immer bin ich gerne spazieren gegangen, aber jetzt nimmt das Ganze olympische Ausmaße an. Den Kinderwagen- und späteren Roller-Radius erweitern wir umgehend. Völlig unbekannte Wege und Wälder entdecken wir.

Ich habe keine Ahnung, warum, aber es tut mir gut. Am schlimmsten sind die Momente, wenn wir unterwegs Menschen treffen, die uns kennen. Es ist immer dasselbe Muster: Ich schaue auf die betreffende Person und checke innerlich die Liste ab, ob wir denjenigen oder diejenige schon einmal getroffen haben. Also »danach« getroffen. Wenn ja, ist der Grad des Unangenehmen deutlich geringer als wenn nein.

Dann steht immer die Frage im Raum: Grüßen und schnell vorbeigehen, oder werden wir angesprochen und zu einem Gespräch aufgefordert? Meistens werden wir gedrückt und mitleidig angeschaut. Dann kommt die unvermeidbare Frage: »Wie geht es euch?«

Ich hasse das! Was sollen wir dazu sagen? Dass wir tieftraurig, aber einigermaßen gefasst und lebensfähig sind? Am einfachsten wäre die Antwort, die scheinbar jeden beglücken würde: »Ohne Helen können wir nicht mehr leben.« Gekrönt von bitterlichen Tränen, könnte dann der Tröster-Aktionismus starten. So aber haben wir das Gefühl, uns dafür rechtfertigen zu müssen, dass wir gerade nicht zusammenbrechen.

Einmal antwortet Frank auf die Frage, wie wir das aushalten können: »Wir haben uns ja noch, und das tut gut.« Das aus seinem Munde zu hören ist wundervoll und zutiefst tröstlich für mich.

Der Grad des unerträglichen Schicksals steigt darüber hinaus noch an, wenn bekannt wird, dass wir unser einziges Kind verloren haben. Die Vorstellung, schlagartig mit dem Partner alleine sein zu müssen, scheint eine besondere Sorge auszulösen.

Natürlich habe ich mich in den letzten vier Jahren häufig selbst bei dem Gedanken ertappt. Bei aller Perfektion des Verdrängens gab es doch gelegentlich diese grausamen Gedankenspiele: Was wäre, wenn wir Helen verlören? Was passiert dann mit uns? Werden wir uns noch etwas zu sagen haben? Wird dann wieder alles so, wie es vor Helen war? Werden wir noch in unserem Haus wohnen können? Sollten wir diesen Ort der geballten Erinnerung behalten? Was wird mit uns – mit mir – passieren, wenn ich im Sommer die Nachbarskinder auf der Straße spielen sehe? Werde ich mir die Kindergeschichten meiner Freundinnen anhören können? Will ich dann überhaupt noch Freundinnen mit Kindern haben?

***

Mit einem Schlag sind wir also keine Eltern mehr, sondern ein kinderloses Ehepaar. Dinks. Alle Möglichkeiten stehen uns offen. Wir können in eine andere Stadt ziehen, wir können uns beruflich verändern, wir können reisen und verrückte Hobbys haben. Alles steht auf Neuanfang, oder nicht? Aber schon jetzt weiß ich, dass ich unbedingt in unserem Haus bleiben möchte. Hier fühle ich mich Helen so nah. In ihrem Zimmer bin ich gerne. Hier rede ich laut mit ihr, und es fühlt sich nicht seltsam an. Der Rest wird sich zeigen.

***

Am Abend wollen wir einen Film sehen. »Der Hobbit«. Nach unserer täglichen Helen-Filmvorführung machen wir es uns bequem und starten in den Kinoabend. Als der Vorspann läuft, durchzuckt mich ein unfassbarer Schreck. Es ist so laut. Ich habe mich erschrocken in dem Bewusstsein, Helen nicht wecken zu wollen, und bin gleichzeitig in die Realität katapultiert worden, dass sie nicht mehr geweckt werden kann.

Eine simple Sache. Ein lauter Fernseher, und ich drehe durch. Die Beerdigungsvorbereitungen, ihr leeres Zimmer, ihre letzte Wäsche im Korb – alles gut verkraftet, und nun das!

Ich kann nicht länger und weine und weine. Die Verzweiflung macht sich in mir breit und schmerzt so sehr. Ich gehe hoch in ihr Zimmer. Ihr Kissen liegt unverändert da, die Stofftiere auf dem Bett. Ich lege mich neben die Stelle, auf der Helen noch vor ein paar Tagen gelegen hat, bemüht, sie nicht zu berühren, als wäre sie noch neben mir. So viele Tränen, so viel Schmerz. Es gibt mir einen Vorgeschmack auf das, was kommen wird. Rückblickend sind es immer genau diese kleinen, unvorbereiteten Momente, die mich aus der Bahn werfen. Vor dem Erwarteten kann ich mich wappnen, der Überraschung bin ich schutzlos ausgeliefert.

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Der Tag der Beerdigung. Die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel. Unter normalen Umständen wäre ich glücklich, würde mich an einem kalten Dezembertag über das helle Licht freuen. Heute finde ich es irgendwie unpassend. Es gaukelt mir so eine Leichtigkeit und Unbekümmertheit vor, die der Anblick von Sonne sofort bei mir auslöst. Dabei ist heute der Tag, an dem wir die Asche unserer Tochter beerdigen werden. Die Zeremonie findet um 14.00 Uhr statt. Zeit genug bis dahin.

Frank und ich sitzen am Frühstückstisch. Das surreale Gefühl, dass das alles nicht wirklich passiert, beschleicht uns erneut. Ich habe keine Angst vor der Beerdigung. Verloren haben wir unsere Tochter schon vor zehn Tagen. Heute ist es meine Aufgabe, für Helen den bestmöglichen Abschied zu zelebrieren.

Ich weiß, dass meine Eltern ganz anders damit umgehen und dass auch unsere Freunde den Tag heute nicht wie wir erleben werden. Mir ist nur wichtig, all unsere Liebe zu ihr zu dokumentieren und in dieses gelernte Ritual zu pressen. Gestern habe ich mir noch Gedanken gemacht, was wir anziehen sollen. Eigentlich hätte Helen es furchtbar gefunden, dass alle in Schwarz rumlaufen. Immer wenn ich diese Farbe getragen habe, hat sie mich gefragt, ob ich an diesem Tag einen besonderen Termin hätte, weil ich so anders aussehen würde. Aber ich wehre mich nicht dagegen. Es ist einfacher, der Konvention zu folgen, als erneut die Regeln selbst zu machen. Aber was ziehe ich an? Werde ich die Sachen danach jemals wieder anziehen können?

Die Kleidung, die ich am Tag der Erstdiagnose trug, habe ich erst monatelang im Schrank ignoriert, um sie dann endgültig wegzuwerfen. Sie war für mich immer mit diesem schrecklichen Tag verbunden. Darin konnte ich mich nicht mehr unbefangen fühlen. Ich ziehe also eine schicke Hose, einen Rollpulli und einen Wollmantel an. Auch an diesem Tag schminke ich mich und mache mir die Haare. Kein Mitleid will ich für mein trauriges Aussehen. Ich will überhaupt kein Mitleid.

***

Wir werden abgeholt und fahren zur Kapelle. Dort stehen schon alle, die uns lieb und wichtig sind. Ein kleiner Kreis. Einige sehe ich heute zum ersten Mal »danach«. Wir drücken uns. Viele weinen. Ich sage, dass wir zuerst alleine in der Kapelle mit Helen sein wollen. Ich wappne mich davor, emotional überwältigt zu werden.

Frank und ich gehen Hand in Hand hinein. Es läuft Musik, »I don’t believe you« von Pink in der Instrumentalversion. Wir haben den ruhigen Song gemeinsam ausgesucht. Er passt perfekt und füllt den Raum. So müssen wir keine Stille ertragen. Die Kapelle ist geschmückt mit Hunderten Kerzen. Vorne steht ein lebensgroßes Foto von Helen, das ich von ihr gemacht habe. Darauf sieht sie unheimlich selbstbewusst und lebendig aus. Sie hat Haare und lächelt. Das Motiv ist entstanden, als der Rückfall kam. Ich wusste, dass sie wieder ihre Haare verlieren würde, und wollte den schönen Moment für uns festhalten.

Auf Holzsäulen sind Windlichter mit grauen Kerzen dekoriert. Alle Blumen sind weiß. Vor Helens Bild liegt ein großes Herz aus weißen Rosen von Frank und mir. In jedem Rosenkopf steckt eine weiße Perle. Die Urne steht auf dem Altar hinter dem Bild. Das Bild ist so groß, dass wir die Urne nicht sehen müssen. Das habe ich mir gewünscht.

Den Anblick ertragen zu müssen, dass alles, was von unserem Kind geblieben ist, in einer kleinen Metalldose Platz findet, wollte ich während der Abschiedsfeier vermeiden.

Wir haben alles richtig gemacht! Ein weißer Kindersarg in Helens Größe hätte mich vermutlich um den Verstand gebracht. Zu wissen, sie liegt darin, mit ihrem zarten Körper, wäre mir unerträglich gewesen.

Als die Geigen ansetzen, ist es um Frank geschehen. Er weint. Wir stehen fest umarmt in dieser kleinen Kapelle. Ich versuche, ihm Kraft zu geben. Es ist das einzige Mal in den gesamten vier Jahren, dass ich die Stärkere von uns beiden bin. Ich will ihn mit meiner Liebe aufrichten und trösten. Gleich kommt der Teil mit der Gitarre, der so viel Leichtigkeit hat und uns an Helens Gitarrenspiel erinnern soll. Dann wird es ihm bessergehen.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort stehen, das Lied immer wieder hören. Es ist ein Moment absoluter Liebe zu Frank. Ich fühle mich ihm nah und verbunden wie nie zuvor. Mich durchströmt so viel Dankbarkeit, Kraft und Zuversicht, dass ich mich dem Rest stellen kann.

Wir gehen raus und bitten alle in die Kapelle. Ich fühle mich paradoxerweise wie ein Gastgeber.

Zum ersten Mal »danach« treffe ich auf Helens beste Freundin. Die Vorstellung hatte mir große Angst bereitet. Was würde ich in ihr sehen? Würde ich wütend, neidisch oder voller Bitterkeit sein? Ich sehe sie herzzerreißend weinen und verstehe, dass auch sie leidet. Sie hat ihre beste Freundin verloren. Helens Tod hat sie völlig überrumpelt. Es war nie ein Thema, dass das passieren könnte, und überhaupt, Kinder sterben nicht einfach so. Sie ist neun Jahre alt, und vermutlich wird sie diese Erfahrung auch für immer prägen.

Die Feier ist schön. Wenn man das so sagen kann, über den Abschied vom eigenen Kind. Der Pfarrer hält sich an unseren Deal. Er schafft es, ein Minimum an Glauben mit einem Maximum an liebevoller Erinnerung zu kombinieren. Ich lächle ihn die ganze Zeit an, aus Dankbarkeit, dass er den richtigen Ton trifft.

Helens Lehrerin hält eine bezaubernde Rede. Sie beschreibt ihre besondere Schülerin so genau richtig, dass es mich mehr freut, als dass es weh tut. Sie erzählt von Helens Liebe zu den kleinen Details. Ihren Lieblingsfarben Pink und Grün. Ihren besonderen Schätzen, den Muscheln und Steinen. Ihrer gemeinsamen Vorliebe für Parmesan. Von ihrem Einsatz als Klimabotschafterin und ihrem Amt als Klassenrätin. Als sie fertig ist, gehe ich zu ihr und drücke sie fest als stummen Dank.

Es ist gut, dass wir hier im kleinen Kreis sind. Wir müssen keine Regeln einhalten und können machen, wonach uns ist. Außerdem sind wir hier keine öffentlichen Personen, wie es bei einer großen Gedenkfeier mit allen Kindern, Eltern und sonstigen Fremden der Fall gewesen wäre. Im Kreise unserer Freunde und Familie fühle ich mich verstanden und sicher.

Susanne spricht über Helen. Die Wehmut über den Verlust ihres geliebten Patenkindes spricht aus jeder Zeile. Ich bewundere ihre Stärke, uns diesen Gefallen zu tun. All die kleinen Geschichten über Helen tun mir unendlich gut. Sie sind mein Überlebenselixier.

Zum Schluss spielen wir ein Lied, das Helen ganz toll fand. Ein Junge hat es über den Tod seines Großvaters geschrieben. Ich vermute, sie fand in erster Linie den Jungen und die eingängige Musik beeindruckend. Als wir das Lied vor knapp einem Jahr in der Sendung »Mein Song« auf Kika hörten, wusste ich sofort, dass wir es für Helen spielen würden, falls »es« passieren sollte. »Bei Dir«, gesungen von Tom Hengelbrock und Andreas Bourani, ist ein kraftvoller Appell, dass wir immer für Helen da sind, dass sie immer ihren Platz in unserem Leben behalten wird. Ich bewege die Lippen stumm mit. Will am liebsten jedes Wort des Liedes herausschreien, damit jeder hört, dass Helen niemals alleine sein wird.

Frank und ich bleiben in der Kapelle zurück und schicken die anderen schon vor zum Friedhof. Der Bestatter fragt, ob er die Urne transportieren soll. Frank schaut ihn an, als würde er die Frage nicht verstehen. Niemand außer uns wird unser Kind anfassen. Ob wir denn eine Tragetasche benötigen. Ich kann es nicht fassen. Sie ist doch kein Leergut.

Alle sind weg. Wir sind alleine. Ich möchte mich hier – zusammen mit Frank – dem Anblick der Urne stellen. Ich bitte ihn, als Erster hinter das Bild zu blicken und mir zu sagen, was er sieht. Natürlich weiß ich es eigentlich selbst. Ich habe die Urne ja beim Bestatter ausgesucht. Aber Franks Worte lassen wie immer die Realität in bekömmlichen Häppchen in mein Bewusstsein sickern. Er nimmt Helen auf den Arm. Er lächelt und führt sie zu mir. Wir stehen mitten in der Kapelle, eng umschlungen mit der Urne unserer Tochter.

Die letzte familiäre Knutschrunde findet statt. Nur dass wir anstelle eines spitzen Kindermundes jetzt kaltes Metall küssen.

***

Auf dem Parkplatz des Friedhofes warten alle auf uns. Ich sehe in den Gesichtern meiner Freundinnen große Trauer und Verzweiflung. Alle sehen uns mitleidig an.

Ich gehe zu Shirley und frage, ob sie mich zu Helens Grab begleiten möchte. Sie nickt, und ich nehme sie an die Hand. Wie wunderschön das ist, so eine kleine Hand halten zu können. Frank trägt Helen, und ich gehe mit der Freundin meiner Tochter den Berg hinauf zu diesem schönen und ruhigen Platz unterhalb eines jungen Baumes. Wir müssen nicht weinen, wir lächeln, als wären wir auf Drogen. Uns berauscht das Gefühl, es für Helen schön zu machen.

Am Grab spricht der Pfarrer noch ein paar Worte. Jetzt müssen wir uns endgültig von ihr trennen. Wir zögern den Moment hinaus, halten uns fest umschlungen, die Urne zwischen uns. Dann versenken wir gemeinsam die Urne in der Erde. Ich bücke mich und werfe weiße Rosenblätter in das dunkle Loch. In meinem Inneren spreche ich mit Helen und bin ganz nah bei ihr. Frank und ich umarmen einander und machen den anderen Platz.

Ich sehe das große Leid meiner Eltern. Meine Mutter klammert sich an ihr Blumensträußchen und will die schreckliche Gewissheit nicht Realität werden lassen. Ich führe sie zum Grab und helfe ihr. Mit meiner Stärke möchte ich sie stützen. Wenn ich es schaffe zu überleben, dann kann sie das auch! Nacheinander nehmen alle Abschied von Helen und dann auch von uns.

Von Helens Mitschülern haben wir uns Muscheln und schöne Steine als Grabbeigabe gewünscht. Diese kleinen Gesten der Zuneigung legen wir auch zu ihr. Sie soll umgeben sein von ihren Klassenkameraden. Das Eurostück unter der Urne hat zum Glück niemand gesehen. Der Lohn für den »Fährmann« war Franks Idee. Ich habe keine Ahnung, was ihn da angetrieben hat. Seiner Meinung nach ist Helen weder im Himmel noch im Tierreich, noch wird sie wiedergeboren. Aber die Maut ins Jenseits muss trotzdem bezahlt werden. So hat eben jeder seine besondere Art, diesem Tag zu begegnen.

Als alle gegangen sind, bleiben wir zurück bei Helen. Im Schoß habe ich 28 Briefe, die die Kinder aus ihrer Klasse an sie geschrieben haben. Also sitzen wir hier an diesem schönen Platz und lesen einen Brief nach dem anderen. Wir erfreuen uns an den kindlichen Worten. Helen war lustig und schön und konnte toll spielen, und sie war mutig und tapfer. Wir beschließen den Tag mit dem Gefühl stolzer Eltern.

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2009

Ein ganz normaler Mittwoch. Als ich am Abend aus der Agentur komme, sehe ich sofort eine dicke Beule an Helens linker Schläfe. Ich erschrecke mich und frage, was passiert ist. Sie wurde auf dem Kindergartenhof vom Laufrad gestoßen, erklärt sie mir. Papa und sie waren im Krankenhaus, aber da haben die Ärzte nichts gesehen. Die Beule ist nicht blau, und es tut Helen nicht weh. Ich bin beruhigt. Der Vorgang hat Frank nicht einmal dazu bewogen, mich im Büro anzurufen. Okay. Kinder fallen und bekommen Beulen. Das ist ja nicht die erste, die wir in den letzten fünf Jahren zu Gesicht bekommen haben.

***

Ein paar Tage später ist die Beule noch unverändert da. Das macht mich langsam nervös. Normalerweise müsste sie jetzt gelb oder lila sein, aber sie schaut unverändert rosig aus. Der Kinderarzt spricht von einem eingeschlossenen Hämatom. So etwas kann dauern oder aber auch für immer bleiben. Am Abend google ich das. Mir laufen die Tränen über das Gesicht. Es kann sein, dass unsere Tochter für immer mit dieser Beule rumlaufen muss. So etwas gibt es. Meine von Perfektion verwöhnte Vorstellung bekommt einen Riss. Ich sehe Kinder, die Helen hänseln, und lange Ponyfrisuren, die den Makel verdecken. Wenn ich heute an diesen Moment denke, schäme ich mich meiner Oberflächlichkeit. Jetzt, da Helen tot ist, erscheint mir ein Leben mit dieser Beule das Paradies auf Erden zu sein. Diese Lektion habe ich gelernt. Mit jedem Grad der Beeinträchtigung wird man kompromissfähiger mit dem Schicksal. Hauptsache überleben, um jeden Preis. Aber mit jedem kleinen Schritt der Verbesserung kehrt auch das Zweifeln unwiderruflich zurück.

***

Die Beule bleibt und tickt für uns wie eine Zeitbombe. Nach zwei Wochen beschließen wir, erneut ins Krankenhaus zu fahren. Wir haben großes Glück. Der diensthabende Oberarzt der Notaufnahme ist ein alter Klassenkamerad von mir. Ich habe ihn seit dem Abitur nicht gesehen und ihn in dem weißen Kittel zuerst gar nicht erkannt. Mein Gott, sind wir erwachsen geworden.

Er ordnet eine Untersuchung per Ultraschall an und schaut sich danach die Bilder an. Ich erwarte eine beruhigende Aussage: Alles in Ordnung, keine Auffälligkeiten, die Beule wird in ein paar Tagen verschwunden sein. Aber er schaut mich professionell an, rät uns zu einem MRT. Der Kollege wirft ein, dass die Krankenkasse das nicht übernehmen wird, aber mein Klassenkamerad entgegnet, das würden sie schon intern regeln. Ich frage nicht weiter nach, denn ich bin noch immer in meinem »Es ist nichts Schlimmes«-Programm fest verankert.

Wie unglaublich naiv wir waren. Aber der kausale Zusammenhang zwischen Sturz und Beule war so eindeutig, dass er keinen Raum für Spekulationen zuließ.

***

Meine Sorgen kreisen um die bevorstehende Untersuchung von Helen. Ein MRT ist laut und lang. Man hat uns gefragt, ob wir eine Narkose für unsere Tochter wollen, aber mir war sonnenklar, dass wir das irgendwie ohne hinbekommen. Helen ist genau fünfeinhalb Jahre alt, und die Untersuchung soll dreißig Minuten dauern, in denen sie sich praktisch nicht bewegen darf. Wie so oft in den folgenden vier Jahren liegt unsere Lösung in bunten Geschichten. Zunächst recherchiere ich nach Kinderbüchern über eine Untersuchung im MRT. Es gibt ja zu allen unvorstellbaren Themen die passenden Bücher, warum nicht auch hierzu. Dank Amazon liegt am kommenden Tag die passende Literatur auf unserem Tisch. Aha. In einem MRT leben kleine Magnettierchen, die Geräusche machen, wenn sie sich unterhalten. Und wenn man ganz ruhig liegt, dann hat man vielleicht das Glück, eines dieser seltenen Tierchen zu sehen. Genau unser Ding. So und ähnlich haben wir viele der Untersuchungen überstanden. Und auch wenn Helen häufig wusste, dass die Realität doch irgendwie anders sein musste, so haben die Geschichten sie immer wieder verzaubert.

Nach dem MRT warten wir auf dem Flur der Chirurgie. Mich beschleicht ein ungutes Gefühl. Was, wenn es doch etwas Schlimmes ist? Die Tür öffnet sich, und ich gehe hinein. Ich setze mich, und mir gegenüber sitzt mein Klassenkamerad. Vor gefühlt nicht allzu langer Zeit haben wir beim Abiball auf eine glorreiche Zukunft angestoßen – und jetzt? Ich kann seinem Blick entnehmen, dass etwas nicht stimmt. Er zeigt mir das Bild von Helens Schädel. Das erste Mal sehe ich diesen hellen Fleck, der nur auf einer Seite ist und damit definitiv fehl am Platz. Er sagt etwas von Raumforderung, und ich frage ihn: »Du meinst, Helen hat …?« Ich kann das Wort nicht aussprechen.

Vier Jahre lang werden mein Mann und ich uns weigern, dieses Wort zu sagen. Krebs bedeutet Tod und keine Chance. Das wollen wir nicht sagen und auch unsere eigenen Stimmen nicht sagen hören. Er nickt nur und schaut mich mitfühlend an. Ich bekomme ein Glas Wasser, und er ruft in der Uniklinik an, ob wir schon am gleichen Nachmittag mit unseren Bildern in die Tumorkonferenz können.

Wir haben erneut Glück – ha, welche Ironie – und bekommen einen sofortigen Passierschein nach Köln. Ich informiere Frank auf dem Flur in wenigen, für Helen unverständlichen Worten. Schon jetzt ist unser oberstes Gebot, Ruhe zu bewahren und für Helen so viel Normalität und Selbstverständlichkeit wie nur möglich auszustrahlen. Mama und Papa haben alles im Griff! Das ist eine sichere Bank für unsere Tochter, und die wird auch in den kommenden vier Jahren ihr Fundament nie verlieren.

Auf dem Weg zum Parkplatz springt und tanzt Helen und möchte unbedingt in den Irrgarten auf dem Krankenhausgelände. Sie pflückt Gänseblümchen und ist einfach nur ein normales, glückliches fünfjähriges Mädchen. Die Sonne scheint, die Welt dreht sich einfach weiter. Nur wir wissen, dass sich ab heute alles verändern wird.

In der Uniklinik folgen wir der Ausschilderung »Kinderonkologie und Hämatologie«. Ich fühle mich wie in Trance, als wenn das hier ein böser Traum ist. So etwas kennt man aus tragischen Filmen, aber das passiert doch nicht tatsächlich in meinem Leben. Ich will dringend die Chips beiseitestellen und umschalten, aber hier gibt es keinen Ausweg für uns. Der Krankenhausgang scheint unendlich. Wir werden ihn noch viele Hundert Mal entlanggehen. Aber an diesem Tag, dem ersten Tag im Krankenhaus, fühle ich mich wie im Windkanal eines Autoherstellers. Oder wie in einem Aufzug, im Bewusstsein, dass jeden Moment das Seil reißen wird.

Wir führen ein erstes Gespräch und übergeben die Bilder. Der Arzt bestätigt den Eindruck seines Kollegen aus dem örtlichen Krankenhaus. Ich kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Es ist also doch kein Versehen, keine Inkompetenz meines auf gebrochene Beine spezialisierten Klassenkameraden. Irgendwie habe ich das noch fest geglaubt.

Bisher war Helen fröhlich und überhaupt nicht ängstlich. Sie hat uneingeschränktes Vertrauen zu uns. Ganz im Gegensatz zu Frank und mir hat ihr kindliches Bewusstsein noch keine Vorstellung von dem, was sie hier erwarten wird. Aber ihre ganze Unbekümmertheit bricht von einer Sekunde auf die andere zusammen, als sie mich weinen sieht. Sie spürt sofort, dass hier etwas Wichtiges passiert und dass das nichts Gutes sein kann.

Helen wird uns später immer wieder von zwei Momenten berichten, die sich ihr ganz tief eingeprägt haben müssen. Meine Tränen an unserem ersten Tag im Krankenhaus. Und Franks ungebändigte Wut, als sie sich einmal weigerte, die für sie lebenswichtigen Medikamente zu nehmen. Beide Momente gehörten zu den ganz wenigen, in denen Angst und Verzweiflung stärker waren als unsere fest zementierte Selbstbeherrschung.

Die Besprechung wird drei Stunden dauern. Man diskutiert dort nicht nur über Helens Fall, sondern auch über andere Kinder der Station. Der Arzt rät uns, so lange spazieren zu gehen. Also schlendern wir durch die Straßen Kölns, als wären wir eine normale Familie. Wir kaufen süße Teilchen und essen.