Königin der Landstraße - Theresa Amrehn - E-Book

Königin der Landstraße E-Book

Theresa Amrehn

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Beschreibung

Nach ihrer Ausbildung überkommt die junge Kirchenmalerin Theresa Amrehn die Sehnsucht zu reisen und mehr vom Leben kennenzulernen. Sie beschließt, auf die Walz zu gehen und ist mehr als drei Jahre nur mit dem Nötigsten bepackt, ohne Geld und Handy in Europa unterwegs. Sie erzählt von den jahrhundertealten Traditionen, Sitten und Bräuchen der wandernden Gesellen, wie der eigenen Sprache, dem Durchschlagen eines Nagels durchs Ohr oder dem strengen Ehrenkodex, an den sich jeder zu halten hat. Sie beschreibt ihre Abenteuer, die Anstrengungen, die heiklen und erhebenden Momente - und wie aus einem Mädchen aus der fränkischen Provinz die Königin der Landstraße wird.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2021

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INHALT

Prolog – Kleinrinderfeld oder die Möglichkeit zu reisen

Loskommen – Sehnsucht nach der Ferne

Die Begegnung meines Lebens

Der Altreisende

Resi Kirchenmalerin

Fremdgeschrieben

Fremd und neu – die Jungreisende

Ein nächtlicher Gewaltmarsch

Auf dem Kerbholz

Raus aus der Bannmeile

Reisen mit Pepe

Fremd und frei – auf der Straße angekommen

Ein Hamburger Stenz

Bye, bye Pepe, hello Mathilda

Fremd und weiblich – als Frau auf Wanderschaft

Trampen, trinken, Platte machen

Wichsgriffel

Kein Zutritt für Frauen

Katholiken, Kinderlose und andere richtige Menschen

Bildteil

Ärger mit dem Krauter

Fremd und verbunden – Freundschaft auf der Walz

Sommerbaustelle mit Hund

England mit Akkordeon

Zähneschrubben mit Birgit

Bad Kissingen mit Hedi

Hannover mit Fieber

Fremd und zusammen – die Tippelei und die Liebe

Vom Suchen und Finden

Mama will es wissen

Fernweh

Heimkommen – am schönsten ist die Sehnsucht

Kleinrinderfeld oder die Möglichkeit anzukommen

Die Heimgeherei

Letzte Meter

Alles hat ein Ende

Einheimisch

Nachwort – Resi einheimisch freigereist

Quellen und Recherche

Kleines Glossar der häufig verwendeten Wörter auf der Walz

Über die Autorinnen

PROLOG – KLEINRINDERFELD UND DIE MÖGLICHKEIT ZU REISEN

Auf der Landkarte ist Kleinrinderfeld ein winziger Fleck an der Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Wir Bewohner sind aber stolze Unterfranken, nie und nimmer kämen wir auf die Idee, uns Bayern zu nennen. Der kleine Ort schmiegt sich in eine Landschaft, die von oben aussieht wie eine Patchworkdecke. Viele Felder in unterschiedlichen Grün- und Brauntönen umgeben das Dorf bis zu einem Wald, der alles wie ein Rahmen umfasst. Ich weiß nicht, woher Kleinrinderfeld seinen Namen hat, aber ich kann sagen, dass es inzwischen kaum noch Rinder gibt. Klein und Feld stimmt immer noch. An der Hauptstraße wechseln sich pastellfarbene Bauten mit Häuschen aus grau-beigem Muschelkalk ab, dazwischen immer wieder Fachwerk. Die modernen Einfamilienhäuser, wie zum Beispiel mein Elternhaus, versteckt der Ort in seinen Seitenstraßen, dort, wo früher die Bauern ihre Höfe hatten. Die Höfe gibt es auch noch, aber sie sind inzwischen zu Schlossereien umfunktioniert oder zu Kleinspeditionen oder Gasthäusern.

Kleinrinderfeld ist meine Heimat, hier bin ich aufgewachsen inmitten von Muschelkalk, Patchworkfeldern und wenigen Rindern. Hier habe ich laufen, sprechen und Widerworte geben gelernt.

Und hier ist auch mein Entschluss gefallen, Kirchenmalerin zu werden. Da war ich 18. Ich hatte die Hauptschule hinter mir, dann noch zwei Jahre Wirtschaftsschule und wusste noch immer nicht, was ich werden wollte. Das Arbeitsamt ließ mich Praktika machen, damit ich nicht in die Arbeitslosenstatistik fiel: Ich war in einer Bank, in verschiedenen Floristikbetrieben, beim Steuerberater und bei einem Kirchenmalerbetrieb. Danach war die Entscheidung für eine Ausbildungsstelle leicht. Kirchenmalerei ist ein altes Handwerk. Früher gab es den Maler und Tüncher, aber mit den modernen Materialien wurden andere Arbeitstechniken nötig. So entstand Anfang des 20. Jahrhunderts der Beruf des Malers und Lackierers, der zum Beispiel mit der Malerwalze auf Raufasertapete arbeitet. Kirchenmaler kennen sich dagegen mit historischen Materialien und Techniken aus, Wände werden von uns nach wie vor mit der Bürste angestrichen. Dass es nun ausgerechnet Kirchenmalerei heißt, ist etwas irreführend. Denn Kirchenmaler arbeiten grundsätzlich an allen historischen Gebäuden. In der Praxis sind diese Gebäude dann aber tatsächlich sehr oft Kirchen, weil die nun einmal als besonders erhaltenswert angesehen werden.

Vom ersten Tag an habe ich mich in der Werkstatt zu Hause gefühlt. Ich mochte den kalkigen Geruch. Der glatte Holzstiel des Pinsels war mir gleich vertraut. Vielleicht liegt es mir im Blut: Mein Uropa war Maler und Tüncher. Und auch im Gesellenbrief meines Vaters, der leider nicht mehr lebt, steht »Tüncher und Stuckateur«.

Ich gebe zu, dass ich nach wie vor stolz bin, wenn ich meinen Beruf erwähne. »Ich bin Kirchenmalerin.« Das klingt so viel besser als: »Ich bin Steuerfachangestellte.« Oder: »Ich bin Bankkauffrau.« Wie gesagt, die Entscheidung fiel mir leicht.

Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich keinen Zweifel daran, dass ich hier nach Kleinrinderfeld gehöre. Aber jetzt will ich meine Heimat verlassen und als Kirchenmalerin auf Wanderschaft gehen. In dieser Zeit darf ich Kleinrinderfeld nicht betreten. Nicht einmal im Umkreis von 50 Kilometern darf ich mich aufhalten, das heißt weder in Schweinfurt noch in Tauberbischofsheim oder Wertheim und erst recht nicht in Würzburg, allerhöchstens vielleicht in Aschaffenburg.

Es fällt mir schwer zu erklären, warum ich das mache. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal einen dieser schwarz gekleideten Gesellen gesehen habe. Da muss ich noch ein Kind gewesen sein. Für mich war das einfach ein komisch angezogener Mensch, der mich nicht weiter interessiert hätte, wenn nicht meine Mutter in ungewohnt feierlichem Tonfall gesagt hätte: »Guck, Reserl, der ist auf der Walz.« Als ich wissen wollte, was das heißt, erklärte sie mir, dass das einer ist, der durch die Gegend reist, für umsonst arbeitet und drei Jahre lang seine Familie nicht sehen darf. Heute weiß ich, dass meine Mutter zu dem Zeitpunkt über ein solides Halbwissen verfügte, was das Wandergesellendasein betrifft. Aber als Kind denkt man ja, dass die Eltern alles wissen. Ich erinnere mich noch genau, was ich über den Wandergesellen, der sich nach Kleinrinderfeld verirrt hatte, dachte: »Der ist doch nicht ganz dicht.«

Später in der Berufsschule wurde über eine Kirchenmalergesellin getuschelt, die auf der Walz war. Eine aus meiner Klasse sagte: »Die spinnt ja!« Im ersten Moment dachte ich dasselbe, aber die Tatsache, dass Frauen auf die Walz gehen, auch Kirchenmalerinnen, brachte mich zum Nachdenken. Denn das bedeutete ja, dass ich das auch machen könnte. Und die Vorstellung von mir als Wandergesellin war dann doch ein hübsches Gedankenspiel, das ich jederzeit spielen konnte, wenn mal etwas in meinem Leben nicht so lief, wie ich es gerne gehabt hätte.

Abends vor dem Einschlafen lag ich manchmal im Bett, betrachtete das Fenstergerippe, das der Mond auf den Boden meines Zimmers malte, und lauschte auf das vertraute Klopfen der Heizung. Immer öfter bekam ich dann so eine Sehnsucht nach irgendwas, was ich nicht beschreiben konnte.

Meine Ausbildung endete im Juli 2007. Ich hatte mir vorgenommen, danach gleich von zu Hause auszuziehen und mir eine eigene Wohnung zu suchen. Die meisten aus meiner Kirchenmalerklasse hatten das auch vor. Ich überlegte, ob ich nach Würzburg ziehen sollte oder nach München, irgendwohin, wo es historische, denkmalgeschützte Gebäude gibt, die ich hätte dokumentieren und konservieren können. Aber wenn ich versuchte, mir so ein Leben auszumalen, wollte mir das nicht so recht gelingen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ich nach der Arbeit in eine Wohnung kommen, Essen kochen, waschen und aufräumen würde, und das den Rest meines Lebens. Hier in Kleinrinderfeld bei meiner Familie wollte ich auch nicht bleiben. Ich hatte das Gefühl, dass sich dort alles wiederholt, wie in einer nicht enden wollenden Spirale: Auf den Sommer mit blühenden Vorgärten würde ein Herbst folgen, in dem sich Blätterhaufen an den Straßenecken türmten. Im Winter würde wieder alles unter einer Schneeschicht verschwinden, und es würde ewig dauern, bis die Felder nicht mehr grau und matschig wären. Und wenn dann endlich wieder alles grünte und blühte, würde wieder alles von vorne anfangen. Die Dorfbewohner würden wieder die gleichen Feste feiern: erst Fasching und dann die üblichen Trinkgelage an Christi Himmelfahrt und zum Feuerwehrfest. Und alle würden das Dorffest herbeisehnen, das nur alle fünf Jahre stattfindet und das ganze Dorf sieben Tage lang in einen Ausnahmezustand versetzt. Und danach würde wieder wochenlang davon gesprochen, wer mal wieder mit wem. Ich konnte das nicht bis an mein Lebensende mitmachen. Ich war noch zu jung, knapp 22 Jahre alt. Ich musste was sehen von der Welt. Der Gedanke an die Wanderschaft hatte sich bei mir eingebrannt als beste Alternative zu diesem Leben hier. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich es anstellen sollte, eine Wandergesellin zu werden.

LOSKOMMEN – SEHNSUCHT NACH DER FERNE

DIE BEGEGNUNG MEINES LEBENS

Gelbe und pinkfarbene Lichter zucken über tanzende Menschen. Ich proste Anne und Beate zu. Das Bier in meiner Hand ist noch kühl. Das Labyrinth in Würzburg ist meine Lieblingsdisco. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, vielleicht an der Musik oder an den bunten Leuten. Wenn ich hier bin, habe ich das Gefühl, als könnte jeden Moment etwas vollkommen Wildes, Unglaubliches passieren.

»Guck mal, der da hinten. War der nicht auch beim letzten Mal da, als wir hier waren?«, fragt Anne. Meine Schwester schreit fast, um das Schlagzeug zu übertönen, das aus den Boxen wummert.

»Ist bestimmt ein Student«, sagt Beate.

Ich suche mit den Augen nach dem Jungen, den die beiden meinen könnten. Und dann passiert tatsächlich etwas Unglaubliches: Sie spielen »Zu Spät« von den Ärzten – dieses großartige Lied, in dem einer seiner Ex prophezeit, dass sie eines Tages zu ihm zurückwill, spätestens wenn er ein Rockstar ist. Und genau in dem Moment kommen sie durch die Tür: schwarze Hüte, schwarze Schlaghosen, schwarze Jacketts.

Wandergesellen! Hier in Würzburg, nur ein paar Schritte von mir entfernt.

»Entschuldigt, Mädels«, sage ich. »Dahinten sind welche, die … Ich muss mal dahin.«

Wie ferngesteuert bahne ich mir einen Weg durch die tanzende Menge, direkt auf die Jungs zu.

»Hallo!«, sage ich. Und als die Jungs mich etwas ratlos ansehen, ergänze ich: »Ich bin Resi.« Und ein bisschen wundere ich mich, dass sie nicht gleich erkennen, dass ich eine von ihnen werden will.

»Hallo, Resi, zeig uns doch mal, wo man hier ein Bier kriegt«, sagt der eine. Er ist groß und kräftig, hinten hängt ein brauner Zopf aus seinem Hut. Der andere ist kleiner, drahtiger, mit beeindruckenden Koteletten. Ich bedeute den beiden, mir zu folgen. Und als ich vor ihnen her zur Theke gehe, fühlt es sich an, als wären alle gelben und pinkfarbenen Lichter für einen Augenblick auf mich gerichtet. Und ein Gedanke wummert im Takt der Musik durch meinen Kopf: Endlich! Endlich komme ich mit der Welt der Wandergesellen in Kontakt!

Am Tresen stellen sich die beiden vor. Der Große nennt sich »Sascha Mair, fremder Tischler im Rolandsschacht«, der mit den Koteletten »Ben Jensche, fremder Tischler im Rolandsschacht«. Erst als ich das Bier besorgt habe, fällt mir auf, dass noch ein Dritter dabei ist, ein Unrasierter mit wilden Locken, in Jeans und einem Hemd, das ein bisschen nach Pyjamaoberteil aussieht.

»Das ist Nick, der ist einheimisch«, erklärt Ben.

»Wie gut, dass ich euch hier treffe, ich will nämlich auch auf Wanderschaft gehen.« Ich kann meine Begeisterung kaum verbergen.

»Dann brauchst du jemanden, der dich losbringt«, sagt Sascha.

Ich sehe ihn fragend an.

»Du brauchst einen Exportgesellen oder Altreisenden. Einen, der schon eine Weile unterwegs ist, der mit dir losgeht und der dir alles zeigt und so.«

»Könnt ihr mich denn nicht losbringen?« Die Frage ist mir einfach so rausgerutscht, bevor ich darüber nachdenken konnte.

Sascha schüttelt den Kopf, in seinem Blick ist etwas Nachsichtiges. »Nee, wir sind Rolandsbrüder. Da werden keine Frauen erwandert. Aber Nick war frei unterwegs. Der kann dir vielleicht helfen.«

Verwirrt blicke ich von einem zum anderen. Ich dachte, Frauen können auch Wandergesellinnen sein, warum denn jetzt doch wieder nicht?

»Die Rolandsbruderschaft ist eine Vereinigung von Wandergesellen, da willst du sowieso nicht hin.« Nick grinst die beiden anderen an. Dann mustert er mich. »Was bist du denn von Beruf?«

»Kirchenmalerin.«

»Dann kannst du auf jeden Fall wandern. Was willste denn wissen?«

Ich will alles wissen! Wo man am besten eine Kluft besorgt, welche Schuhe man braucht und was man am besten mitnimmt. Vor allem aber: Wie man so einen Exportgesellen oder Altreisenden findet, der einen losbringt.

Irgendwann zieht mich Anne am Ärmel. Wir müssen los. Beates Mama war in Würzburg bei einer Veranstaltung. Sie fährt jetzt zurück nach Kleinrinderfeld und nimmt uns mit. Es fällt mir schwer, mich von Nick, Sascha und Ben zu trennen. Ich habe die drei doch gerade erst entdeckt. Aus irgendeinem Grund habe ich Angst, dass sie einfach wieder aus meinem Leben verschwinden, wenn ich jetzt gehe.

»Ruf mich an, wenn du noch was wissen willst«, sagt Nick. Das klingt beiläufig, aber gleichzeitig so nett, dass meine Sorgen verfliegen. Wir tauschen Nummern aus und Nick verspricht, dass er sich meldet, falls in der Umgebung mal eine Wandergesellenparty steigt.

Die Fahrt von Würzburg nach Kleinrinderfeld ist die schönste meines Lebens. Hinter den Hügeln am Horizont dämmert es schon. Alles ist in so ein zartes, hellblaues Licht getaucht. Der Sommer wird heute noch mal alles geben, das spürt man jetzt schon. Auf einer Wiese am Waldrand steht ein junges Reh, wie auf diesen kitschigen Bildern, die manche sich ins Wohnzimmer hängen. Und aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, als würde es extra für mich da stehen.

»Wie war’s denn gestern?«, fragt meine Mutter. Sie hat den Autoschlüssel in der Hand und sieht aus, als wäre sie auf dem Sprung. Ich sitze beim Frühstück und rühre in meinem Kaffee.

»Es war total gut. Richtig super.«

»Aha.« Meine Mutter sieht mich an und stutzt, als könnte sie mir vom Gesicht ablesen, dass gestern etwas ganz und gar Besonderes passiert ist. »Willst du noch mehr erzählen?«, fragt sie und setzt sich zu mir.

»Das war gestern …« Ich suche nach Worten. »Ich hatte gestern die Begegnung meines Lebens«, sage ich schließlich und habe nicht das Gefühl, zu übertreiben.

»Bist du verliebt?«, fragt meine Mutter und lächelt auf so eine Art, die mich unruhig macht. Sie hofft immer, dass ich endlich einen netten Jungen kennenlerne, mich verliebe und so weiter.

»Besser«, sage ich. Denn Verlieben ist kompliziert und bringt meistens Ärger mit sich. »Ich habe einen Wandergesellen kennengelernt.«

Meine Mutter legt die Stirn in Falten. Ihr wäre eindeutig lieber gewesen, ich hätte mich verliebt. »Und das ist so … toll?«

»Ja, das ist es«, bestätige ich.

DER ALTREISENDE

»Nächste Woche kommt ein Kamerad von mir nach Hause, wenn du willst, nehme ich dich zur Party mit.«

Es ist Nick. Ein paar Wochen sind seit unserem Treffen im Labyrinth vergangen. Der Sommer neigt sich dem Ende zu, Äpfel, Birnen und Pflaumen hängen reif an den Bäumen, die ersten Blätter färben sich gelb. Ich hatte schon Angst, dass Nick mich vergessen hat, seine Stimme hätte ich fast nicht erkannt. Und jetzt will er mit mir sogar zu einer Wandergesellenparty fahren. Ich muss dringend laut singen, als ich auflege.

»War das dein Wandergeselle?«, spottet Anne.

Ich habe meiner Familie bisher nur gesagt, dass ich überlege, auf Wanderschaft zu gehen. Sie ahnen nicht, wie konkret meine Pläne sind. Sie können ja nicht wissen, dass Nick mich mit einem Wandergesellen in Kontakt bringen kann, der mich dann vielleicht losbringt.

Die Zeit bis zur Party vertreibe ich mir mit Recherchen. Ich bestelle ein Buch über die Wanderschaft und durchsuche das Internet nach Erfahrungsberichten und Tipps von Wandergesellen. Dabei erfahre ich, dass die Tradition der Wanderschaft schon seit dem Mittelalter besteht. Damals musste jeder Geselle (Gesellinnen gab es natürlich auch, dazu komme ich später noch) nach der Ausbildung auf Wanderschaft gehen, um den Meistertitel erwerben zu können. Das war durch die Zunft vorgeschrieben und hatte verschiedene Vorteile. Für den Meister wurde der Geselle (oder die Gesellin) nicht gleich zur Konkurrenz. Der Geselle (oder die Gesellin) konnte nach der Ausbildung sein Leben frei gestalten und dazulernen. Der Ausdruck »bewandert sein« bezeichnet bis heute Menschen, die in einem bestimmten Bereich Erfahrungen und Wissen gesammelt haben. Das Ende der Zünfte und die Industrialisierung veränderten das Handwerk, die Wanderschaft war nicht mehr Pflicht, und immer weniger Gesellen gingen auf die Walz. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert besann man sich neu auf die Tradition des Gesellenwanderns. Gesellen auf Wanderschaft begannen, Kluft zu tragen, um sich als reisende Handwerker von Landstreichern und anderem fahrenden Volk abzugrenzen. Vorher waren sie im Sonntagsanzug gereist. Unter den Nationalsozialisten war das Gesellenwandern untersagt. Und danach konnten sich nur noch wenige für die Tippelei begeistern. Erst ab den 1980er-Jahren interessierten sich wieder mehr junge Menschen für die Tradition des Gesellenwanderns. Etwa 450 Wandergesellen sollen heutzutage unterwegs sein, davon zehn Prozent Frauen. Eine davon werde bald ich sein!

Trotz meiner Recherchen ziehen sich die Tage bis zur Gesellenparty wie Kaugummi. Ich habe längst entschieden, was ich anziehe, und mir auf der Karte genau angesehen, wo ich hinmuss. Und dann, einen Tag bevor die Party stattfindet, wache ich mit Bauchkrämpfen auf. Ich habe das Gefühl, mich übergeben zu müssen, gleichzeitig ist es, als würde eine riesige Hand an meinen Eingeweiden reißen. Elend und kraftlos liege ich auf dem Bett. Meine Mutter macht mir Tee und eine Wärmflasche. Den Zwieback, den sie mir bringt, kriege ich nicht runter.

»Wenn es morgen nicht besser wird, gehst du zum Arzt«, sagt sie, und es klingt wie eine Drohung.

»Ich bin nicht krank, Mama!«

Meine Mutter hebt nur die Augenbrauen und geht aus dem Zimmer.

Ganz egal, wie ich mich fühle, ich werde auf jeden Fall zur Party gehen, so viel steht fest.

Am nächsten Morgen ist die Übelkeit noch da. Ich stehe trotzdem auf, dusche, setze mich an den Frühstückstisch und beiße in ein Brötchen. Es fühlt sich an, als würde ich Gummi kauen, der Bissen wird zu einem ekelhaft trockenen Brei in meinem Mund. Mit Mühe gelingt es mir zu schlucken. Das Brötchen bleibt angebissen auf dem Teller liegen, stattdessen trinke ich Tee in kleinen Schlucken.

»Du bist blass, Theresa«, sagt meine Mutter. Sie hat wieder diesen Blick. Als würde sie mir direkt in den Kopf gucken. Ich schlinge meine Hände um die Tasse Tee. »Mir geht’s aber gut«, behaupte ich.

»Du solltest was essen.« Ihr Blick schweift von dem angebissenen Brötchen über meinen Körper, der wahrscheinlich gerade so zerbrechlich aussieht, wie er sich anfühlt. An mir ist nichts dran. Ich bin ein Fliegengewicht. Seit ich klein bin, sagt meine Mutter mir, ich soll essen, auch wenn ich schon Berge verschlungen habe.

Das flaue Gefühl im Magen bleibt bis zum Abend. Ich beschließe, es zu ignorieren, denn schließlich habe ich etwas Wichtiges vor.

»Ich fahr los«, rufe ich meiner Mutter zu und tue so, als sei ich in Eile, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommt, mich besorgt anzusehen oder so was. Meine Knie sind weich, ich habe das Gefühl, als könnte ich mich nur ganz langsam bewegen. Autofahren geht einigermaßen, aber ich wäre auch auf dem Zahnfleisch hingekrochen. Nick und ich haben vereinbart, dass ich erst mal zu ihm komme. Und als ich im Flur von Nicks WG stehe, geht es mir tatsächlich ein bisschen besser. Meine Beine sind noch immer wackelig, aber die Übelkeit ist weg.

»Komm rein«, sagt Nick, »dann kann ich dir mein Wanderbuch zeigen und die Kluft, wenn dich das interessiert.«

Das Wanderbuch, Nick sagt auch Fleppe dazu, ist ein Buch mit Stempeln aus allen Städten, durch die Nick auf seiner Wanderschaft gekommen ist. Die Stempel holt man sich auf den Rathäusern. Außerdem kleben Fotos in dem Buch, Arbeitgeber haben ihre Zeugnisse reingeschrieben und andere Wandergesellen sich darin verewigt. Ich sitze auf einem Sofa in Nicks Zimmer und blättere ganz behutsam darin, um nichts kaputtzumachen. Jede Seite, jeder Satz, jeder Stempel, jedes Bild scheint eine ganz eigene Geschichte zu erzählen.

»Da war ich an der Nordsee«, erklärt Nick ein Foto, auf dem er mit zwei anderen Gesellen in Kluft am Strand steht. »Und das war da, wo wir heute hinfahren. Da ist der Ritschi losgegangen«, sagt er bei einem anderen. Eine Gruppe Wandergesellen blickt in die Kamera, vorne im Bild liegt das Gepäck auf einem Stapel, es sieht aus wie ein Haufen bunter Stoffbündel, darüber liegen gewundene Wanderstäbe. Nick hat auch einen in seinem Zimmer, er nennt ihn Stenz. Ich betrachte die Wandergesellen und -gesellinnen auf den Fotos und spüre immer deutlicher, dass ich genau das will: mit solchen Leuten zusammen sein, an unterschiedlichen Orten, unterwegs sein, frei und trotzdem verbunden.

Wir müssen zur Party eine halbe Stunde mit dem Auto fahren. »Einheimischparty«, sagt Nick. »Einheimisch werden« nennen die Wandergesellinnen und Wandergesellen das Ankommen nach der Wanderschaft. Während der Walz ist man nicht einheimisch, sondern fremdgeschrieben. Nick ist seit etwa einem Jahr einheimisch.

Wir fahren mit meinem Wagen, weil Nick bei Ritschi übernachten wird. Ich will bei meiner körperlichen Verfassung lieber irgendwann nach Hause fahren können.

»Das wird ganz entspannt, wirst sehen. Die sind alle saunett.« Je näher wir dem Ort kommen, in dem die Party steigt, desto mehr redet Nick von Leuten, die er getroffen hat, und Städten, die er besucht hat. Ich werde immer ruhiger. Mein Magen rumort. Vielleicht hätte ich mich doch zwingen sollen, etwas zu essen. Den ersten Wandergesellen sehen wir schon ein paar Meter vor dem Ziel. Nick kurbelt die Scheibe runter.

»Hey, Mucke!«, brüllt er über die Straße.

»Ach du Scheiße! Nick!«

Wir halten vor einer Scheune. Nick springt gleich aus dem Wagen, um eine Wandergesellin zu umarmen.

»Komm!«, ruft er mir zu. »Das hier ist Meike.«

Meike winkt und verschwindet im Inneren der Scheune. Wir gehen ihr nach. Am Eingang fällt Nick einem Typen in Kluft in die Arme. »Hier, das ist Resi, eine Interessentin«, stellt er mich vor.

»Nick? Das gibt’s doch nicht!«, ruft da eine Frauenstimme durch den Raum. Und dann ist Nick weg, verschwunden im Getümmel. Und ich stehe noch am Eingang, auf meinen wackeligen Beinen, und kenne keine Sau hier. Es wimmelt nur so von schwarzen Hüten, Westen und Schlaghosen. Es sind auch normale Menschen da wie ich, also ohne Kluft, aber die sind entweder einheimisch oder es sind Freunde vom Ritschi oder sie gehören zu seiner Familie. Jedenfalls haben alle hier irgendeinen Bezug zu diesem Ritschi, die kennen einander. Und ich kenne nur Nick, und der ist gerade mal einfach so verschwunden. Klar, dass er hier alte Freunde wieder trifft, und klar, dass ich ihm da nicht ständig hinterherlaufe. Ich atme tief durch und beschließe, mir einen Tee zu organisieren, was anderes kriege ich eh nicht runter.

Mit einer dampfenden Tasse in der Hand suche ich mir einen Platz auf einer Bierbank am Rand der Scheune. Da sitze ich, nippe am Tee und sehe mir die Feiernden an, vor allem die Gesellinnen und Gesellen. Dabei fällt mir auf, dass gar nicht alle eine schwarze Kluft tragen, manche sind auch beige oder grau, zwei Frauen tragen sogar rot, was ich extrem cool finde. Ich spüre meinen Magen und atme tief, hoffentlich wird mir nicht wieder übel. Denn ich habe ja eine Mission: Ich muss eine Altreisende oder einen Altreisenden finden, die oder der mich losbringt. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass mir alle ansehen, was ich vorhabe. Im Labyrinth war es so einfach, Nick, Sascha und Ben anzusprechen. Da habe ich es einfach gemacht, ohne mir was dabei zu denken. Hier kommt es mir tausend Mal schwerer vor. Am liebsten würde ich mit einer dieser rot gekleideten Gesellinnen ins Gespräch kommen und überlege noch, wie ich das anstellen soll, da lässt sich jemand neben mir auf die Bierbank fallen. Ich hüpfe gleich ein Stückchen in die Luft. Wie gesagt, ich bin ein Fliegengewicht. Die eine oder andere wäre vielleicht froh darüber, aber es gibt Situationen, in denen ich mir wünsche, etwas kräftiger zu sein. Als Handwerkerin kann das von Vorteil sein, und etwas mehr Gewicht hilft auch auf Bierbänken, wenn sich ein schwerer Kerl neben einen darauffallen lässt.

»Pepe Zimmerer«, stellt der schwere Junge sich vor. Um sein Kinn kräuselt sich ein beeindruckender Bart. Ich blicke in Augen, die die Farbe von braunem Glas haben.

»Resi«, erwidere ich. Und als er mich weiter erwartungsvoll ansieht, ergänze ich: »Kirchenmalerin.«

Pepe drückt mir einen Humpen Bier in die Hand und nimmt selbst einen kräftigen Schluck aus einem anderen Glas.

»Da kannst du bestimmt gut malen.«

Ich habe keine Lust, ihm zu erklären, dass Kirchenmalerinnen eigentlich nicht nur malen, deshalb sage ich: »Und du kannst sicher gut zimmern.«

»Jupp!«

Pepe hat sein Gesicht zu einem Grinsen verzogen. Dann mustert er mich von oben bis unten. Jetzt merke ich, dass sein Kopf ein wenig kreist. Es ist sicher nicht sein erstes Bier, das er da in der Hand hält.

»Und du willst auf Tippelei gehen?«, fragt er.

»Ja.«

Nachdenklich betrachtet er den vollen Bierhumpen in meiner Hand.

»Warum trinkst du nichts, Kirchenmalerin?«

»Allergie«, antworte ich knapp und hoffe, dass ich nicht ausführlicher werden muss. Ich vertrage jetzt einfach keinen Alkohol, auch sonst bin ich eher zurückhaltend, weil ich davon gerne mal Ausschlag kriege. Für manche ist es ein echtes Problem, wenn jemand auf Partys nüchtern bleibt. Aber Pepe scheint das nicht weiter zu stören, er nickt nur und lässt es sich gerne gefallen, dass ich ihm den Humpen wieder in die Hand drücke.

»Bist du ledig?«, fragt er, nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hat.

Ich nicke und wittere schon eine billige Anmache.

»Kinder?«

»Nö.«

»Schulden?«

Ich schüttele den Kopf.

»Vorstrafen?«

»Bisher nicht.«

Ich ahne jetzt, auf was er hinauswill: Auf Wanderschaft darf nur gehen, wer kinderlos, schuldenfrei und ohne Vorstrafen ist.

Es wirkt, als hätte Pepe jetzt Mühe, mich scharf zu sehen, so angestrengt guckt er mich an. Sein Kopf kreist immer noch, als er sagt: »Gut, ich bring dich los.«

Für einen Moment bleibt mein Herz stehen, dann beginnt es zu hüpfen. Damit habe ich nicht gerechnet, dass ich so schnell und so einfach jemanden finden würde, der mich losbringt. Das bedeutet, mein Vorhaben wird tatsächlich Wirklichkeit: Ich werde auf die Walz gehen. Während ich innerlich einen Freudentanz aufführe, bemühe ich mich äußerlich um Fassung. »Cool«, sage ich, aber als ich mir Pepes kreisenden Kopf so ansehe, hört es in mir schon wieder auf zu tanzen. Ganz so sicher bin ich nicht, ob Pepe sich morgen noch an sein Versprechen erinnern wird.

Es ist der Abend nach der Party, als mein Telefon klingelt.

»Hey, Kirchenmalerin, hab ich gesagt, ich bring dich los?« Ich erkenne Pepes Stimme. Sie klingt etwas fester als auf der Party.

»Ja, das hast du gesagt.«

»Okay, dann machen wir das. Schnack ist Schnack.«

Die Ehre ist für Wandergesellinnen und -gesellen so ungefähr das Wichtigste. Auf Wanderschaft sind sie darauf angewiesen, dass die Menschen ihnen vertrauen und sich auf sie verlassen. Nur Meisterinnen (Meister natürlich genauso), die eine Gesellin oder einen Gesellen für vertrauenswürdig halten, werden diese bei sich aufnehmen, ihnen zu essen und eine Unterkunft geben. Wer nicht Wort hält, seinen Meister (seine Meisterin) beklaut oder belügt, schädigt nicht nur den eigenen Ruf, sondern auch den der anderen Gesellinnen und Gesellen. Die werden dann von den einmal Betrogenen keine Arbeit mehr bekommen. Deshalb nehmen Wandergesellinnen und -gesellen es mit der Ehre genau, sie stehen zu ihrem Wort und erwarten das auch von den anderen: Schnack ist Schnack.

Pepe hat mir in stockbesoffenem Zustand zugesagt, dass er mich losbringt, jetzt kommt er aus der Nummer nicht mehr raus. Ein bisschen lieber wäre es mir, wenn Pepe dabei nüchtern gewesen wäre, aber ich ignoriere das leichte Unbehagen, das dieser Gedanke bei mir auslöst

»Wann kannst du los?«, fragt er.

»Bevor der Winter losgeht.«

Es ist Mitte September, als wir uns für Mitte November verabreden. Meiner Mutter will ich das so schonend wie möglich beibringen. Ich warte, bis ich sie alleine erwische, kurz bevor sie zur Arbeit muss.

»Mama? Ich hab dir doch erzählt, dass ich auf Wanderschaft gehen möchte. Am 12. November geht’s los.« Eigentlich wollte ich das ganz beiläufig sagen, so wie: »Mama, ich lauf eben zum Bäcker. Bin gleich wieder da.« Aber das geht mit dieser Nachricht nicht. Meine Mutter starrt mich mit einem Blick an, den sie sich für spezielle Situationen aufgehoben hat. Unter diesem Blick werde ich klein und schuldig, dabei sollte ich mich doch wild und frei fühlen. Und gleich fange ich an, sie zu beschwichtigen, obwohl sie kein Wort gesagt hat: »Mach dir keine Sorgen. Ich melde mich auch regelmäßig. Ich pass auch ganz gut auf mich auf. Und wir können uns ja trotzdem sehen, nur eben nicht hier.«

Meine Mutter seufzt, ich seufze.

»Bist du dann überhaupt versichert?«

»Ja klar, das zahlt die Innung.« Das ist glatt gelogen. Die Wahrheit ist, dass ich mich noch gar nicht darum gekümmert habe. Meiner Mutter scheint meine Antwort aber zum Glück zu genügen. Sie seufzt wieder und nimmt mich in den Arm.

»Ach Reserl.«

Sie drückt mich fest an sich, so, wie sie es früher getan hat, als ich noch klein war und vor irgendwas Angst hatte. Dabei glaube ich eher, dass sie es ist, die jetzt Angst hat. Aber die Umarmung meiner Mutter ist warm und fest, und ich weiß plötzlich ganz genau, dass ich immer wieder nach Kleinrinderfeld zurückkommen kann, egal, wo es mich noch hinverschlägt.

Die Blätter an den Bäumen sind schon gelb und rot, als ich nach Dresden aufbreche. Ich bin da mit Pepe verabredet. Nein, es geht noch nicht los. Wir treffen uns bei einem Schneider, der sich auf das Kluftschneidern versteht. Das kann nicht jeder, der Herr Erler in Dresden hat aber schon mit der einen oder anderen Kluft bewiesen, dass er das kann.

Pepe und ich sind vor der Schneiderei verabredet. Er schiebt seinen Schlapphut zurück und reicht mir die Hand zur Begrüßung. Seine flaschenbraunen Augen sind jetzt klar, sein Bart ist kürzer. Wir haben ein paar Mal hin und her gemailt, denn ein Telefon hat er wie die meisten Wandergesellen nicht. Das hier ist unser erstes richtiges Treffen nach Ritschis Einheimischparty.

In der Schneiderwerkstatt ist es eng, es riecht nach Zigarettenrauch und Waschmittel. Herr Erler ist ein kleiner, ernster Mann mit Lesebrille auf der Nase. Er breitet weißen Genuacord auf einem Tisch aus und streicht ihn mit der Hand glatt.

Pepe wiegt den Kopf und nickt dann. »Der Stoff geht. Das passt zu dir, Kirchenmalerin.«

Meine Kluft wird nicht schwarz sein. Schwarz ist die Farbe der Holzberufe. Die Farbe der Malerinnen, Vergolderinnen und Kirchenmalerinnen ist traditionell weiß und rot. Ich werde eine weiße Hose tragen, dazu eine weiße Weste und ein rotes Jackett. Der feste, dicke Genuacord ist für die Hose. Für die Weste empfiehlt Herr Erler den gleichen, dann zeigt er einen Cordstoff in sattem Rot für das Jackett, in den ich mich gleich verliebe. Herr Erler deutet auf einen Hocker, auf dem ich meine Kleidung ablegen kann. Ich muss mich ausziehen, damit er mich vermessen kann. Ein bisschen komisch ist das schon, zwischen Stoffballen und Schneiderpuppe in Unterwäsche zu stehen. Pepe lehnt am Fenster und sieht zu, wie Herr Erler mich vermisst. Wahrscheinlich muss man sich auf Wanderschaft daran gewöhnen, anders mit Privatsphäre umzugehen. Wenn ich den Kopf wende, kann ich meinen schmalen Körper in einem Spiegel erkennen. Ich sehe lieber nicht hin. Herr Erler läuft mit einem Maßband um mich herum, misst die Länge der Beine innen und außen, Länge der Arme, Brustumfang. Er notiert die Maße auf einen Zettel, kneift die Augen zusammen und notiert wieder. Er macht das schnell und konzentriert, als wollte er, dass ich nicht länger als nötig in Unterwäsche stehen muss. Irgendwann nickt er. Ich kann mich wieder anziehen.

»Die Weste muss so geschnitten sein, dass eine Bierflasche drinstehen kann. Das ist wichtig«, erklärt Pepe. Herr Erler nickt und notiert.

»Und dann müssen da an den Seiten noch hier und hier Taschen für Werkzeug sein«, zeigt Pepe.

Ich höre das Kritzeln von Herrn Erlers Stift.

»Geht das Revers so? Oder soll ich es noch schmaler machen?«, fragt Herr Erler und zeigt mir die Zeichnung eines Jacketts.

»Genau richtig«, sage ich.

»Hinten im Rückenfutter ist auch eine Tasche, so etwa DIN-A4-Größe. Ist doch richtig, oder?«

»Ja, genau. Da kann sie dann Dokumente verstauen, ohne dass sie knicken«, sagt Pepe.

Herr Erler wird mir die Kluft zuschicken, wenn sie fertig ist. »Für Änderungen können se dann noch ma vorbeikommen«, sagte er. »Dann sind se wahrscheinlich ja schon auf Tippelei.«

Ich nicke. Ja, lange dauert’s nicht mehr.

RESI KIRCHENMALERIN

Die Blätter fallen von den Bäumen, die Leute im Dorf fegen sie täglich zu kleinen Hügeln am Straßenrand zusammen. Es ist Herbst. Die Tage bis zum Losgehen lassen sich an einer Hand abzählen, und ich werde unruhig. Ich habe das mit der Versicherung geklärt: Während der Wanderschaft muss ich nur den Studententarif zahlen. Herr Erler hat die Kluft geschickt, sie sitzt wie angegossen und wartet nur darauf, endlich zum Einsatz zu kommen. Alle wissen schon Bescheid, dass ich gehe.

»Das versteh ich nicht, warum du da jetzt auf Wanderschaft gehst. Und dann noch als Frau«, hat eine entfernte Tante zu mir gesagt.

Ich bin sicher, dass sie nur ausspricht, was andere im Dorf auch denken, sonst sagt’s aber keiner. Es wird jedenfalls Zeit, dass es losgeht. Gibt es Heimweh nach der Ferne? Fernweh? Irgend so etwas in der Art habe ich. Gleichzeitig kribbelt es im Bauch, wenn ich nur daran denke, dass es bald losgeht. Und wieder kriege ich keinen Bissen runter. Pepe hat mir erklärt, dass ich mit meiner Familie eine Losgehparty organisieren soll, am 10. November, zwei Tage bevor es losgeht. Neben meiner Familie und meinen Freunden sollen auch Wandergesellen kommen. Pepe will die Termine für die Party und das Losgehen verbreiten, per Mail und durch Weitersagen.

Am 8. November steht Pepe Zimmerer zusammen mit einem anderen Gesellen vor unserer Haustür in Kleinrinderfeld. Und wieder sieht er anders aus, als ich ihn in Erinnerung habe. Der Bart ist noch ein wenig kürzer geworden, seine Augen haben etwas Forsches. Der andere ist ein Freund von ihm, Berni Tischler, er ist einen guten Kopf größer als ich, braune Locken quellen unter seinem Schlapphut hervor. Meine Mutter schüttelt beiden die Hand und zeigt ihnen, wo sie schlafen können und wo die Küche ist.

»Nehmt euch, wenn ihr was braucht«, sagt sie.

Das macht sie eigentlich immer so, wenn Freunde da sind. Die sollen sich im Haus frei bewegen und sich selbst verpflegen. Pepe und Berni guckt sie sich allerdings dann doch genauer an.

»Und du wirst die Theresa losbringen?«, fragt sie Pepe.

Er nickt und lächelt.

»Pass gut auf sie auf, ja?« Meine Mutter guckt schon wieder so. Ich halte diesen Blick nie aus, aber Pepe scheint er nichts auszumachen.

»Klar passe ich auf«, sagt er ganz selbstverständlich, und meine Mutter lächelt ihn an, als würde sie ihn am liebsten umarmen.

»Wo geht ihr eigentlich hin, wenn ihr mit der Resi losgeht?«, fragt Christine, meine ältere Schwester.

»Da hin«, sagt Pepe und streckt den Arm aus.

Christine lacht. Meine Mutter seufzt. Mein Neffe David zupft Berni am Jackett und zieht ihn mit sich in sein Zimmer. David ist der Sohn meiner jüngeren Schwester Anne, er ist zwei und er liebt große Jungs. Seit mein Bruder nicht mehr zu Hause wohnt, muss jeder männliche Besucher seine Spielzeugautos ansehen und mit ihm Rennbahn spielen. »Brumm«, höre ich Davids helle Stimme aus dem Kinderzimmer, »Brumm«, antwortet Bernis tiefer Bass.

Und als wir zusammen beim Abendbrot sitzen, habe ich so etwas wie ein Déjà-vu, nur umgekehrt. Pepe und Berni mit ihren Schlaghosen, Westen und Hüten hier sitzen zu sehen ist ein bisschen wie eine Vorschau auf ein Leben, das mich erwartet. Es wird nicht lange dauern, dann werde ich mit Schlaghose und Weste an fremden Tischen sitzen und von den Anwesenden gemustert werden.

Am nächsten Morgen kommen die reisenden Tischler Meike und Finn. Nick hat Meike, die ich schon von Ritschis Einheimischparty kenne, erzählt, wann es bei mir losgeht. Einen Tag später stehen die Zimmerer Paule und Watzel vor der Tür, und schließlich kommt noch Fenja. Die blonde Steinmetzin ist die Einzige, deren Kluft nicht schwarz, sondern beige ist. Dadurch betrachte ich sie gleich als Verbündete. Meine weiß-rote Kluft hängt noch nagelneu und sauber im Schrank. Pepe sagte, dass ich sie erst während der Party anziehen werde. Wie das vor sich gehen wird, hat er mir nicht verraten.

Das Haus ist voll mit Gesellen. Die Stimmung ist ein bisschen wie im Feriencamp. Mir fällt auf, dass niemand sich bedienen lässt, alle helfen im Haushalt: Mal kocht einer, ein anderer deckt den Tisch für alle, wieder andere räumen auf oder putzen das Bad. Ich laufe dazwischen rum wie im Traum. Ich kann kaum fassen, dass es jetzt bald losgehen soll, dass ich Kleinrinderfeld von nun an mindestens drei Jahre und einen Tag nicht mehr sehen werde. Es kommt mir vor, als würde das alles nicht wirklich passieren.

Die Party findet am Abend statt, im Gemeindehaus von Kleinrinderfeld. Dort können auch die zugereisten Gesellen schlafen. Denn neben denen, die bisher bei uns übernachtet haben, sind noch andere gekommen. Es hat sich offenbar herumgesprochen, dass es hier was zu feiern gibt. Auch Pepe und die anderen ziehen ins Gemeindezentrum. Ich schlafe in diesen letzten Nächten vor dem Losgehen in meinem eigenen Bett. Lieber wäre ich bei den Gesellen, aber Pepe sagt, das sei besser so, es würden noch genug Nächte ohne ein Bett auf mich zukommen. Und auf meinen Altreisenden muss ich von nun an schließlich hören.

Die Abschiedsparty ist das wohl Spektakulärste, was ich bisher erlebt habe. Noch nie gab es eine Party für mich im Gemeindezentrum. Schon das ist außergewöhnlich. Und dann sind so ungefähr alle Menschen da, die ich jemals gekannt habe. Meine Familie, die Oma, die Tanten und Onkel, meine ehemaligen Mitschüler aus der Hauptschule, fast meine ganze Kirchenmalerklasse von der Berufsschule, die Kolleginnen aus dem Betrieb, in dem ich die Ausbildung gemacht habe, und Nick ist aus Würzburg gekommen. Sogar die Bürgermeisterin ist anwesend. Und dann sind da noch die Gesellen, zu denen ich ab heute gehören werde. Oder vielleicht auch erst ab morgen, bald jedenfalls. Der Saal ist voll, meine Mutter hat ein Buffet organisiert und massenweise Getränke. Obwohl es ihr sichtlich schwerfällt, mich gehen zu lassen, macht sie das alles ganz selbstverständlich.

Irgendwann steigt Pepe mit Berni, Watzel, Meike, Finn, Paule, Fenja und Nick auf die Bühne, die es in dem Gemeindesaal gibt.

»Komm, Resi, du musst auch mit hier hoch«, ruft Fenja.

Ich gehe wie auf Eiern durch den Saal, vorbei an den Tischen mit all den Menschen. Ich fühle mich leicht und ein bisschen schwach. Seit drei Tagen habe ich kaum etwas essen können. Diese Veränderung ist einfach zu groß, um sie auf die leichte Schulter zu nehmen.

»Resi Kirchenmalerin, wir werden jetzt deine Kleidung versteigern, als Wandergesellin brauchst du sie nicht mehr«, sagt Pepe, als ich auf der Bühne stehe. Er hat mich zum Glück schon darauf vorbereitet, dass ich mich hier vor allen ausziehen muss. Deshalb habe ich unverfängliche gestreifte Unterwäsche gewählt und darauf geachtet, dass keine Löcher drin sind.

»Wer bietet auf Resis Hose?«

»Hey, das ist meine. Die war voll teuer!«, ruft Anne empört.

»Dann hast du ja eine gute Motivation zu bieten«, sagt Pepe.

»Ich biete zehn Euro«, ruft meine Mutter.

»20«, ruft Israel aus meiner Kirchenmalerklasse.

»30«, bietet Sina, meine ehemalige Kollegin.

Die Hose geht für 80 Euro an meine Tante, die sie sicher Anne überlassen wird. Hoffe ich jedenfalls. Ich hab nicht gewusst, dass die Klamotten versteigert werden, sonst hätte ich mir nicht ihre Hose ausgeliehen. Aber ich habe keine Zeit zum Bedauern, denn die Klamotten sind ruckzuck versteigert. Der Erlös ist für die Reisekasse bestimmt. Ich stehe in Unterwäsche auf der Bühne. Mein Gesicht ist heiß, und trotzdem zittere ich ein kleines bisschen, als wäre mir kalt. Eigentlich haben wir darauf geachtet, dass der Saal gut geheizt ist. Fenja hat meine Kluft im Arm und legt sie vor mir auf den Boden.

»Und nun wollen wir sehen, ob du der Kluft auch würdig bist«, sagt Pepe. »Zeig doch mal, wie geschickt du bist. Hier hast du drei Bierflaschen und drei Plastikmesser. Lege die Messer jetzt so auf die aufrecht stehenden Flaschen, dass eine vierte Flasche obendrauf gestellt werden kann.«

Mit fahrigen Fingen schiebe ich die zerbrechlichen Messerchen auf den Flaschen hin und her. Beim vierten Versuch steht die Flasche auf meiner Plastikkonstruktion, zwar wackelig, aber immerhin. Pepe reicht mir feierlich die Hose. Und als ich hineingeschlüpft bin, fühle ich mich gleich etwas stärker. Ich muss noch ein Bild malen, über die Tische laufen und Akkordeon spielen, bis ich vollständig eingekleidet bin.

Dann endlich fehlt nur noch der Hut. Deckel, sagen die Wandergesellen. Ich habe meinen vor ein paar Wochen in einem Hutladen gekauft. Er ist ganz rund und hat oben eine Delle, die