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Das Buch bietet fünfzig biographische Skizzen über dänische, schwedische und norwegische Königinnen aus zehn Jahrzehnten sowie einen kleinen Exkurs, in dem fünf "Königinnen" aus dem Reich der Mythen, Sagen und Märchen präsentiert werden. Im Laufe der skandinavischen Geschichte waren wie in allen anderen Regionen auch die Herrschenden meist Männer, es gab nur wenige regierende Königinnen. Häufig gelangten diese nur auf den Thron, weil es keinen männlichen Erben gab. Nicht selten waren es Witwen oder Töchter berühmter Väter, die an die Macht kamen. Oft fungierten sie auch als Regentinnen für ihre unmündigen Söhne. Manchmal standen sie als Lenkerinnen der Politik hinter ihren schwachen Männern. Einige Königinnen übten sowohl direkt als auch indirekt großen Einfluss auf den Lauf der Geschichte ihres Landes aus, während andere Königinnen ein isoliertes und zurückgezogenes Hofleben führen wollten oder mussten. Die Geschichten dieses Buches erzählen von Liebesheiraten, aber ebenso von arrangierten Verbindungen und desaströsen Ehen. Sie stellen glückliche Frauen vor, aber genauso sehr unglückliche. Viele Königinnen konnten sich eines langen Lebens erfreuen, etliche hingegen starben schon in ganz jungen Jahren. Zugleich spiegeln alle Königinnen auch die Rolle wider, die die nordischen Königshäuser von der Wikingerzeit über die Jahrhunderte hinweg bis zur heutigen konstitutionellen Monarchie gespielt haben. Hinter den royalen Lebensgeschichten von faszinierenden Königinnen werden Einblicke in die jeweiligen Epochen gewährt.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die
Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deut-
schen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind
im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2022 Peter Wenners
Epubli Verlag Berlin
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Für Kessy, Antonia, Viktoria, Augusta und Fidelia
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In den letzten 5000 Jahren gab es nicht viele Frauen, die als Herrsche-
rinnen die Geschicke eines Landes lenkten. Das Patriarchat brachte es
mit sich, dass es gegenüber nur einigen wenigen Frauen in Führungs-
funktionen zahllose Männer gab, die die Herrschaft ausübten. Die We-
nigen aber haben Geschichte geschrieben. Immer wieder gab es mäch-
tige Frauen und Herrscherinnen wie die ägyptische Königin Kleopatra,
Margarethe I. von Dänemark, Norwegen und Schweden, Elisabeth I.
von England, Maria Theresia von Habsburg, Katharina die Große von
Russland oder Queen Victoria, Königin von Großbritannien und Kaiserin
von Indien.
Auch im Laufe der skandinavischen Geschichte waren die Herrschen-
den meist Männer, es gab nur wenige regierende Königinnen. Häufig
gelangten diese nur auf den Thron, weil es keinen männlichen Erben
gab. Nicht selten waren es Witwen oder Töchter berühmter Väter, die
an die Macht kamen. Oft fungierten sie auch als Regentinnen für ihre
unmündigen Söhne. Manchmal standen sie als Lenkerinnen der Politik
hinter ihren schwachen Männern. In jedem Fall waren gleichwohl auch
die nicht regierenden Königinnen von erheblicher Bedeutung für die
Macht, den Ruf und die Dynastie der königlichen Familien.
Einige Königinnen übten sowohl direkt als auch indirekt großen Einfluss
auf den Lauf der Geschichte ihres Landes aus, während andere Köni-
ginnen ein isoliertes und zurückgezogenes Hofleben führen wollten
oder mussten. Die Geschichten dieses Buches erzählen von Liebeshei-
raten, aber ebenso von arrangierten Verbindungen und desaströsen
Ehen. Sie stellen glückliche Frauen vor, aber genauso sehr unglückliche.
Viele Königinnen konnten sich eines langen Lebens erfreuen, etliche
hingegen starben schon in ganz jungen Jahren.
Zugleich spiegeln alle Königinnen auch die Rolle wider, die die nordi-
schen Königshäuser von der Wikingerzeit über die Jahrhunderte hin-
weg bis zur heutigen konstitutionellen Monarchie gespielt haben. Hin-
ter den royalen Lebensgeschichten von faszinierenden Königinnen wer-
den Einblicke in die jeweiligen Epochen gewährt.
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Das Buch bietet fünfzig biographische Skizzen über dänische, schwedi-
sche und norwegische Königinnen sowie einen kleinen Exkurs, in dem
fünf Königinnen aus dem Reich der Mythen, Sagen und Märchen prä-
sentiert werden.
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Königinnen des Nordens – 50 Biographische Skizzen
Exkurs: Königinnen aus Mythen, Sagen und Märchen
• Urmutter – Erdgöttin. Herrscherin über alle Elemente und Lebewe-
sen
• Frigg – Himmelskönigin. Göttin der nordischen Mythologie und Kö-
nigin der Asen
• Brünhild von Island – Walküre und nordische Amazone. Isländische
Königin der nordischen Mythologie
• Die Schneekönigin. Märchen von Hans Christian Andersen
• Die kluge Königin. Märchen von Svend Grundtvig
Historische Königinnen
1. Gunnhild Gormsdottir – Mutter der Könige. Norwegische Königin
von ca. 930 bis 954
2. Thyra Danebod – Ahnherrin der dänischen Könige. Dänische Köni-
gin von 936 bis 958
3. Sigrid Storråda – Sigrid die Stolze. Schwedische Königin von 985 bis
995, später dänische Königin
4. Dagmar von Böhmen – Königin der Herzen. Dänische Königin von
1205 bis 1212
5. Berengaria von Portugal – Erste Monarchin Dänemarks, die eine
Krone trägt. Dänische Königin von 1214 bis 1221
6. Mechthild von Holstein – Monarchin für eineinhalb Jahre. Däni-
sche Königin von 1250 bis 1252
7. Margarete Sambiria – De swarte Greet. Dänische Königin von 1252
bis 1282
8. Euphemia von Rügen – Literatin auf dem Thron. Norwegische Kö-
nigin von 1299 bis 1312
9. Margarethe I. – Herrscherin über drei Reiche. Dänische, norwegi-
sche und schwedische Königin von 1375 bis 1412
10. Philippa von England – Verteidigerin Kopenhagens. Dänische, nor-
wegische und schwedische Königin von 1406 bis 1430
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11. Dorothea von Brandenburg – Stammmutter der Könige aus dem
Hause Oldenburg. Dänische Königin von 1445 bis 1481
12. Isabella von Österreich – Unerschütterlich tugendhafte und treue
Ehefrau. Dänische, norwegische und schwedische Königin von
1515 bis 1526
13. Dorothea von Sachsen-Lauenburg – Erste Lutheranerin auf dem
Thron. Dänische Königin von 1534 bis 1559
14. Katharina Stenbock – Königinwitwe des Reiches über sechzig Jahre.
Schwedische Königin von 1552 bis 1560
15. Karin Månsdotter – Bürgerliches Mädchen, das die Chance ergreift.
Schwedische Königin von Juli 1568 bis September 1569
16. Katharina Jagiellonica – Leidenschaftliche Kämpferin gegen die Re-
formation. Schwedische Königin von 1569 bis 1583
17. Sophie zu Mecklenburg – Reichste Frau des Landes. Dänische Kö-
nigin von 1571 bis 1588
18. Anna Katharina von Brandenburg – Unbedeutende Gattin neben
einem bedeutenden Monarchen. Dänische Königin von 1597 bis
1612
19. Christine von Holstein-Gottorp – Dominante Mutter. Schwedische
Königin von 1604 bis 1611
20. Maria Eleonora von Brandenburg – Monarchin während schwerer
Kriegszeiten. Schwedische Königin von 1620 bis 1632
21. Christina von Schweden – Minerva des Nordens. Schwedische Kö-
nigin von 1632 bis 1654
22. Sophie Amalie von Braunschweig-Calenberg – Erste absolutistische
Herrscherin. Dänische Königin von 1648 bis 1670
23. Hedwig Eleonora von Schleswig-Holstein-Gottorf – Schönste Toch-
ter des Herzogs. Schwedische Königin von 1654 bis 1660
24. Charlotte Amalie von Hessen-Kassel – Einzige nicht-lutherische
Monarchin Dänemarks. Dänische Königin von 1670 bis 1714
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25. Ulrike Eleonore von Dänemark – Heilige auf dem Thron. Schwedi-
sche Königin von 1680 bis 1693
26. Anna Sophie von Reventlow – Unstandesgemäße Monarchin. Dä-
nische Königin von 1721 bis 1730
27. Louise von Großbritannien – Jung Verstorbene. Dänische Königin
von 1746 bis 1751
28. Luise Ulrike von Preußen – Schwester Friedrichs des Großen.
Schwedische Königin von 1751 bis 1771
29. Juliane Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern – Einfluss-
reiche Königinmutter. Dänische Königin von 1752 bis 1766
30. Caroline Mathilde von Dänemark – Gefangene von Celle. Dänische
Königin von 1766 bis 1772
31. Sophie Magdalene von Dänemark – Ungeliebte Ehefrau. Schwedi-
sche Königin von 1772 bis 1813
32. Friederike Dorothea Wilhelmine von Baden – Unglückliche Monar-
chin. Schwedische Königin von 1797 bis 1809
33. Marie Sophie Friederike von Hessen-Kassel – Fürstin mit Würde
und blutendem Herzen. Dänische Königin von 1808 bis 1839
34. Hedwig Elisabeth Charlotta von Schleswig-Holstein-Gottorf – Eif-
rige Tagebuchschreiberin. Schwedische Königin von 1809 bis 1818
35. Désirée Bernadotte – Ehemalige Verlobte Napoleons. Schwedische
und norwegische Königin von 1818 bis 1860
36. Wilhelmine Marie von Dänemark – „Beinahe“-Königin. Kronprin-
zessin von Dänemark von 1828 bis 1837
37. Caroline Amalie von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augusten-
burg – Wohltätige Majestät für acht Jahre. Dänische Königin von
1839 bis 1848
38. Josephine von Leuchtenberg – Einzig vertraute Ratgeberin des Kö-
nigs. Schwedische und norwegische Königin von 1844 bis 1859
39. Louise von Hessen – Europas Schwiegermutter und Großmutter.
Dänische Königin von 1863 bis 1898
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40. Sophia Wilhelmine Marianne Henriette von Nassau – Demokratin
auf dem Thron. Schwedische Königin von 1872 bis 1907
41. Louise von Schweden – Ewige Kronprinzessin. Dänische Königin
von 1906 bis 1912
42. Maud von Norwegen – Fürstin mit Schlankheitswahn. Norwegische
Königin von 1906 bis 1938
43. Viktoria von Baden – Italiensuchende. Schwedische Königin von
1907 bis 1930
44. Alexandrine Auguste von Mecklenburg-Schwerin – Sanfte Wider-
ständlerin. Dänische Königin von 1912 bis 1947
45. Märtha von Norwegen – Ungekrönte Königin der Herzen. Norwe-
gische Kronprinzessin von 1929 bis 1954
46. Ingrid von Schweden – Landesmutter mit Charakter und eisernem
Willen. Dänische Königin von 1947 bis 1972
47. Louise von Mountbatten – Engagierte und pflichtbewusste Lady.
Schwedische Königin von 1950 bis 1965
48. Margarethe II. von Dänemark – Paradiesvogel auf dem Thron. Dä-
nische Königin seit 1972
49. Silvia von Schweden – Sommer(lath)-Märchen. Schwedische Köni-
gin seit 1976
50. Sonja von Norwegen – Bürgerliche auf dem norwegischen Thron.
Norwegische Königin seit 1991
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Exkurs: Königinnen aus Mythen, Sagen und Märchen
Carl Emil Doepler: Die Zerstörung Asgards durch den Weltenbrand,
1905
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Urmutter – Erdgöttin
Herrscherin über alle Elemente und Lebewesen
Im ganzen nordischen Kulturraum werden wie eigentlich in allen Kultu-
ren seit Urzeiten Muttergottheiten verehrt als Verkörperung der „Mut-
ter Erde“, des Erdbodens, der alles Leben spendet. Vielleicht aber gibt
es auch nur eine einzige Muttergöttin, die in vielfältiger Gestalt auftre-
ten kann.
Bestla
Bestla zum Beispiel ist eine Ur-Riesin, die in der altisländischen Edda
erwähnt wird. Sie ist die Erdgöttin, die traditionell als gigantische müt-
terliche Gottheit aufgefasst wird. Der Name könnte mit dem Wort
„Bast“ zusammenhängen, das auf einen bedeutenden Baum hinweist,
die Eibe. Bäume spielen in der nordischen Mythologie eine zentrale
Rolle, als Baum des Lebens, auch des ewigen Lebens, oder als Welten-
baum, mit dem die Weltenesche Yggdrasil gemeint ist, die Verkörpe-
rung der Schöpfung, die Weltachse als Verbindung der drei Weltebe-
nen Himmel, Mittelwelt und Unterwelt. Die keltischen Druiden sollen
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sich unter Eiben versammelt haben, um sich mit Hilfe ihres taxolhalti-
gen Geruchs in die Unterwelt versetzt zu fühlen. Die Urmutter Bestla
wird häufig ebenso als Eibengöttin bezeichnet, die kraft der magischen
Eigenschaften des Eibenbaumes auch böse Geister abzuwehren ver-
steht und Schutz vor Unheil und Krankheiten bietet.
In der nordischen Mythologie ist Bestla zudem eine Frostriesin, die
Tochter des mächtigen Frostriesen Bolthorn. Bestlas älterer Bruder ist
der Riese Mimir. Sie ist die Ahnfrau der Asen, die Mutter der ältesten
Götter Odin, Vili und Vé und damit auch Urmutter der Göttinnen Jord,
Siff, Skadi, Frigg, Freya und Rindr. Meist wird Bestla als große Frau mit
langen weißen Haaren dargestellt.
Im Kapitel 40 seiner „Germania“ beschreibt der römische Geschichts-
schreiber Tacitus die Göttin Nerthus als „Terra Mater“, also „Mutter
Erde“, die in einem heiligen Hain im Meer, wohl der Ostsee, in einem
von Kühen gezogenen Wagen, der nur von einem Priester berührt wer-
den darf, über das Land fährt. Der Name dieser offensichtlich ge-
schlechtslosen Gottheit wird seit Jacob Grimm meist mit dem des nord-
germanischen Gottes Njörd gleichgesetzt, seitdem werden Nerthus
und Njörd als Geschwister oder Götterpaar angesehen, von dem Taci-
tus ausschließlich den weiblichen Teil nennt.
Der festliche Umzug der Nerthus auf ihrem Wagen. Illustration von Carl Emil
Doepler, um 1905
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Auch Jörd, von altisländisch jorð „Erde“, wird in der nordischen Mytho-
logie als Erdgöttin bezeichnet. Sie ist die Tochter der Nótt, einer dunk-
len, schwarzen Riesin, die die Nacht verkörpert, und des Anar; sie zeugt
mit Odin den Donnergott Thor.
Die Erdenmutter, in welcher Gestalt auch immer, bringt alles Leben
hervor und nimmt es auch wieder auf. Die Erde verleiht Lebenskraft. Im
vorchristlichen Nordeuropa ist es daher Brauch, die Kinder gleich nach
der Geburt auf den Erdboden zu legen, wie um sie zu erden. Die Erden-
mutter wird als Mutter Natur, als Erdgöttin, als sich selbst befruch-
tende Urmutter, als Gebärende aller Lebewesen gesehen. Die Urmut-
ter oder auch Erdenmutter ist Herrscherin über alle Elemente, letztlich
die höchste aller Gottheiten, die Königin der Unsterblichen wie der To-
ten.
Frigg – Himmelskönigin
Göttin der nordischen Mythologie und Königin der Asen
Die Welt der nordischen Götter ist voll von kriegerischen und kämpfen-
den maskulinen Gottheiten. Es existiert aber auch eine mächtige Frau
in dieser Männergesellschaft. Als Odins Gattin ist Frigg die unbestrit-
tene Königin der nordischen Götter, wenn auch nur in den Geschichten
der Mythologie.
Die aus dem Göttergeschlecht der Asen stammende Frigg oder auch
Frigga oder Fricka nimmt als Gemahlin des Göttervaters Odin eine zent-
rale Stellung unter den Göttern ein. Sie ist Himmelskönigin und Hoch-
göttin der Asen, deren Aufgabe es ist, die Ehe, das Leben und die Mut-
terschaft sowie das heimische Herdfeuer, den Haushalt und die heilige
Ordnung zu hüten. Frigg ist die Tochter des Fiörgwin und Schwester der
Fulla, die als Jungfrau das Schmuckkästchen der Göttermutter be-
wacht. Als Zeichen ihrerSchlüsselgewalt trägt Frigg am Gürtel die
Schlüssel ihres Hauses.
Mit Odin zeugt die Göttermutter die Götter Balder, Hödur, Hermodr,
Bragi sowie die Walküren. Zu ihren Dienerinnen gehören Ge-
fjon, Gna, Fulla, Sygn, Vara, Eira, Hlín, Lofn und Vjofn.
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Friggs Wohnsitz ist das große Schloss Fensal, was so viel wie Wassersaal
in Form von Mooren und Sumpf bedeutet. Fensal ist einer der zwölf aus
Gold und Edelsteinen bestehenden Paläste Asgards, des Wohnortes
der Asen, der in der Krone der Weltesche Yggdrasil liegt und über die
dreistrahlige Regenbogenbrücke Bifröst mit Midgard, der Heimat des
Menschengeschlechts, verbunden ist. Der größte Saal Asgards ist Wal-
hall, die Ruhestätte der gefallenen Helden. Odin und Frigg residieren in
der Königshalle, in der der mächtige Göttervater von seinem erhabe-
nen Thron Hlidskialf herab alle neun Welten überblickt und sich edle
Waffenspiele anschaut. Friggs Aufgabe ist es, bei diesen Festen den zu-
rückkehrenden Kriegern das Met-Horn zu reichen.
John Charles Dollman (1851–1934): Frigg
Von Frigg heißt es, dass sie die Wolken webt und die Wolle der Wol-
kenschafe zum Spinnen und Weben der Kleidung für die Asen verwen-
det. Sie trägt einen Mantel aus Falkenfedern, mit dessen Hilfe sie flie-
gen und ihre Gestalt verwandeln kann, und fährt in einem von zwei Kat-
zen gezogenen goldenen Wagen über den Himmel. Die mächtige Göttin
besitzt die Gewalt der Prophezeiung, spinnt die Schicksalsfäden, die
von den Nornen gewoben werden, und weiß alles über das Schicksal,
schweigt aber darüber, auch gegenüber Odin, dem sie dank dieser
Gabe überlegen ist. Aber sie ist ihrem Gatten stets eine gute Ratgebe-
rin, hindert ihn an unüberlegten Entscheidungen und setzt meist ihren
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Willen durch, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Wenn Odin
und Frigg die Erde besuchen, beschert sie den Häusern Glück.
Bei Konflikten zwischen den Menschen vertritt das Götterpaar häufig
gegensätzliche Parteien, wobei die unbeugsame Frigg oft den Gegen-
part zum gleichermaßen willensstarken Odin einnimmt. In dem Konflikt
zwischen den zwei germanischen Stämmen der Vandalen und der Win-
niler unterstützt Odin die Erstgenannten und Frigg die Letztgenannten.
Schließlich schwört Odin, dass er dem Stamm, den er am nächsten Mor-
gen als ersten sehen werde, den Sieg zuerkennen werde. Er ist sich si-
cher, dass er die Vandalen durch das Fenster auf seiner Seite des Bettes
sehen werde. Frigg aber bittet die Frauen des Winniler-Stammes, ihre
Haare so zu richten, dass sie wie die langen Bärte der Vandalen ausse-
hen. Außerdem dreht sie Odins Bett in die entgegengesetzte Richtung.
Als dieser aufwacht, verwechselt er die Stämme und gewährt den Win-
nilern den Sieg.
Carl Emil Doepler (1824-1905): Frigg und ihre Dienerinnen
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Weil Frigg kraft ihrer Seherinnenfähigkeit den Tod ihres geliebten Soh-
nes voraussieht, ringt sie, um Baldur zu schützen, allen Elementen, Tie-
ren und Pflanzen in der Welt das Versprechen ab, ihn nicht zu verletzen.
Weil sie in ihr keine Gefahr sieht, vergisst sie dabei die kleine Mistel.
Daher wird Baldur von einem Mistelspeer tödlich verwundet, den der
neidische Loki Baldurs blindem Zwillingsbruder Hödur bei einem Tur-
nier übergibt. Frigg gelingt es danach nicht, Baldur aus der Unterwelt
zu befreien. Die Königin der Unterwelt, Hel, willigt zwar ein, Friggs Sohn
zu befreien, unter der Bedingung, dass alle Lebewesen um ihn weinen.
Frigg bittet daraufhin alle Menschen und Tiere, Bäume und Pflanzen in
der Welt, ihren verlorenen Sohn zu betrauern. Alle sind einverstanden,
bis Frigg sich dem letzten Lebewesen der Welt, der Riesin Thökk, in ei-
ner abgelegenen Höhle nähert. Diese verweigert sich der Bitte der Göt-
tin und verdammt Baldur damit, in der Unterwelt zu bleiben. Die Riesin
ist in Wirklichkeit der verkleidete Loki. Die Nacht, in der Frigg Baldur,
den Gott des Lichts und der Freude, geboren hat, wird in Skandinavien
als „Mutternacht“ gefeiert, als längste Nacht des Jahres.
Da für sie auch der Beiname Hulla genannt wird, wird Frigg mit der Mär-
chenfigur Frau Holle in Verbindung gebracht, denn sie soll so schnell
spinnen können, dass die Fäden am Himmel fliegen. Neben ihrem ord-
nenden Wesen aber zeigt Frigg durchaus eine wilde Seite: Zur Zeit der
Wintersonnenwende soll sie nachts durch die Lüfte toben und die Wol-
ken jagen.
Nach Frigg trägt der Wochentag Freitag seinen Namen. Aufgrund vieler
Parallelen wird Frigg vielfach mit der Göttin Freya gleichgesetzt oder
verwechselt, der Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit. Im Gegensatz
zu Frigg aber steht Freya für die lustvolle, freie und erotische Liebe.
Frigg hingegen ist die Göttin der ehrbaren verheirateten Frauen, die
nach germanischer Tradition über Haus und Hof herrschen. Überhaupt
bewahrt sie stets die Struktur, die Regeln und Gesetze. Sie schützt
die heiligen Ordnungen im Kosmos, die Eide und die Ehe. In Richard
Wagners Oper „Walküre“ verlangt Frigg, hier Fricka, von ihrem Gatten
Odin, hier Wotan, als Wahrer der göttlichen Ordnung den Ehebruch
Siegmunds und seiner Zwillingsschwester Sieglinde, der Ehefrau
Hundings, zu ahnden und im Zweikampf Hunding als Opfer des Ehe-
bruchs zu schützen. Ungeachtet aller Versuche Wotans, seinen unehe-
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lichen Sohn Siegmund zu retten und sich herauszuwinden, zwingt
Fricka ihn, Siegmund zu opfern und im Zweikampf gegen Hunding ster-
ben zu lassen. Im Verlauf des Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“
kommt es zu immer heftigeren Auseinandersetzungen zwischen Fricka
und ihrem Gatten.
Brünhild von Isenburg – Walküre und nordische Amazone
IsländischeKönigin der nordischen Mythologie
Sie trägt ihr langes blondes Haar zu zwei dicken Zöpfen geflochten. Sie
hat einen Händedruck wie ein Mann und ist überhaupt stärker als ein
halbes Duzend kräftiger Kerle. Die Rede ist von der schönen, aber grau-
samen Königin von Island, von Brünhild, die auf Burg Isenstein wie in
einem Matriarchat herrscht. Sie ist eine Schildmaid, in den nordischen
Sagen eine Frau, die sich ein Leben als Kriegerin gewählt hat. Ihr Name
ist passend: „Brünn(e)“ bedeutet Kampfpanzer, und „-hild“ heißt
Kampf.
Von vielen Männern wird sie umworben. Aber Brünhild macht es ihren
Freiern nicht leicht. Diese müssen zu einem Wettkampf gegen die
wehrhafte Kampfjungfrau antreten und sie in drei Disziplinen besiegen,
im Speerwurf, Steinweitwurf und Weitsprung in voller Rüstung. Unter-
liegt der Bewerber, wird er getötet. Und Brünhild gilt als unbesiegbar.
Durch ihren magischen Kraftgürtel verfügt sie über außerordentliche
Körperstärke, mit deren Hilfe sie ihre Jungfräulichkeit stets erfolgreich
verteidigt, bis Siegfried auf der Bildfläche erscheint.
Im mittelhochdeutschen Nibelungenlied (um 1200) nimmt Brünhild
eine zentrale Rolle ein. Als Gunther, der König der Burgunder, sich aus-
gerechnet diese außergewöhnliche Frau aussucht und um sie freit,
warnt Brünhild ihn davor, mit ihr in den Wettstreit zu treten. Aber mit
der Hilfe Siegfrieds, dem Gunther die Hand seiner Schwester Kriemhild
verspricht und der ihn unter Nutzung seiner unsichtbar machenden
Tarnkappe aus dem Nibelungenschatz unterstützt, wird Brünhild von
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dem eigentlich schwachen Gunther in den drei Kampfdisziplinen ge-
schlagen, so dass sie in die Heirat einwilligen und mit den Burgundern
nach Worms ziehen muss. Zerknirscht über ihre schmachvolle Nieder-
lage bleibt Brünhild aber misstrauisch und zweifelt an der Stärke Gun-
thers. In der Hochzeitsnacht verweigert sie sich dem frisch angetrauten
Gatten, fesselt den kraftlosen Gunther und hängt ihn an einen Wand-
haken. Nach dieser unangenehmen Überraschung bittet Gunther er-
neut Siegfried um Hilfe. In der folgenden Nacht wird Brünhild vermeint-
lich von Gunther, in Wahrheit aber von dem wiederum getarnten Sieg-
fried, vergewaltigt; ein frühes Beispiel von sexueller Gewalt in der Ehe.
Siegfried raubt der Unterlegenen dabei ihren Ring und den Kraftgürtel,
mit dem sie zugleich ihre Jungfräulichkeit und auch die übermenschli-
che Kraft verliert.
Johann Heinrich Füssli: Brünhild beobachtet Gunther, 1807
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Nach einigen Jahren kommt es zum Streit zwischen Königin Brünhild
und Siegfrieds Gemahlin Kriemhild, als diese ihr den Vortritt beim Ein-
gang in den Wormser Dom streitig macht und damit ihren höheren
Rang als Königin vor Gunthers Gattin beansprucht. Zum Beweis zeigt sie
der Rivalin die beiden Trophäen, die Siegfried Brünhild in jener Hoch-
zeitsnacht geraubt hat. Brünhild durchschaut nun den Betrug, und ihre
Schande wird öffentlich. Der Streit der Königinnen und die Skandalge-
schichte im burgundischen Königshaus entwickeln sich so spektakulär
wie royale Skandale in der Gegenwart. Die Betrogene sinnt auf Ra-
che, wünscht Siegfrieds Tod und stiftet Gunther und dessen Lehns-
mann Hagen an, Siegfried zu ermorden. Nach Siegfrieds Tod kommt
Brünhild nicht mehr aktiv im Epos vor.
Gaston Bussière: Brünhild, 1897
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Brünhild ist über das Nibelungenlied hinaus eine wichtige mythologi-
sche Figur in der nordischen Sagenwelt. Sie kommt in vielen anderen
Sagen vor, z. B. in der Liederedda, in der Nacherzählung durch Snorri
Sturluson um 1220 und der Völsungasaga, die um 1250 auf Island ent-
steht. In diesen Sagen verkörpert sie eine Walküre, eine mythische
Kampfjungfrau. Walküren, ausgestattet mit Speer und Schild, Helm und
Brünne, sind Dienerinnen des Gottes Odin, die auf Pferden über die
Schlachtfelder galoppieren und Krieger, die im Kampf ihren besonde-
ren Mut bewiesen haben, nach Walhall bringen. Weil sie gegen seinen
Willen in einen Kampf eingegriffen hat, versetzt Odin Brünhild in einen
Zauberschlaf und verbannt sie nach Midgard, in die Menschenwelt. Ab-
geschirmt von einem Flammenring schläft sie auf einem Berg. Erlösung
kann nur vom kühnsten Helden kommen; nur Sigurd/Siegfried schafft
es, zu ihr durchzudringen und sie zu befreien. Nicht zu übersehen sind
Ähnlichkeiten mit dem Märchen „Dornröschen“.
Peter Nicolai Arbo: Die sterbende Schildmaid Hervör, um 1892
Ein historisches Vorbild für Brünhild könnte die westgotische Prinzessin
und Merowinger-Königin Brunichildis (um 545/550-613) sein, die Toch-
ter des westgotischen Königs Athanagild, die im Jahr 566 Sigibert I.
(535–575) aus dem Geschlecht der Merowinger, den König Austrasiens,
des fränkischen Ostreichs, heiratet.
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1878 entdecken Archäologen in der Wikingerstadt Birka bei Stockholm
einen sensationellen Knochenfund in einem prächtig ausgeschmückten
Wikingergrab, das man wie selbstverständlich zunächst einem männli-
chen Wikingerkrieger und Fürsten zuordnet. Als im 20. Jahrhundert die
Becken- und Kieferknochen des Skeletts noch einmal genauer unter-
sucht werden, kann man schließlich durch einen DNA-Test nachweisen,
dass es sich bei dem Fund um eine Frau handelt. Diese Erkenntnis er-
bringt den Beweis, dass es Wikingerkriegerinnen, also so genannte
Schildmaiden, und ggf. sogar Wikingerfürstinnen wie Brünhild gegeben
hat.
Die Schneekönigin
Als absolute Herrscherin über Eis und Schnee gilt sie, die stolze Schnee-
königin. Ihr Reich befindet sich am Nordpol. Wenn sie durch die Lande
und die Städte fliegt, zeichnet sie Eisblumen auf die gefrorenen Fens-
terscheiben. Wer ihr begegnet, dessen Herz wird zu Eis.
In seinem Kunstmärchen „Snedronningen“, „Die Schneekönigin“, das
1844 veröffentlicht wird, schildert Hans Christian Andersen (1805-
1875), wie der aus Eis bestehende Zauberspiegel des Teufels, der alles
Schöne hässlich aussehen und alles Schlechte schön erscheinen lässt,
zerbricht und sich dessen Splitter über die ganze Erde verteilen. Dabei
treffen zwei Splitter auch den Waisenjungen Kay, einer ins Herz, der
andere in sein Auge. Kays Herz wird zu Eis, sein Auge sieht nur noch
alles Widerwärtige und Böse.
Behütet von der Großmutter sind die Nachbarskinder Gerda und Kay
einander in Liebe und Treue zugetan. Kay spielt gerade mit seiner
Freundin und erfreut sich wie sie an den herrlichen Rosen in ihren Blu-
menkästen, als die Splitter ihn treffen. Auf einmal ist nichts mehr wie
früher. Der sonst so fröhliche Junge findet die Rosen nun abstoßend,
und auch Gerda verspottet er. Er benimmt sich sogar rüpelhaft gegen
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Gerdas Großmutter, die den Kindern immer so schöne Geschichten er-
zählt.
Die Schneekönigin: Illustration von Rudolf Koivu (1890-1946)
Im Winter geht Kay mit seinem Schlitten und den anderen frechen Kna-
ben rodeln. Da sieht er die schöne Schneekönigin in ihrem Schlitten,
der von großen Rentieren gezogen wird, durch das Dorf fahren: „Die
Schneeflocken wurden größer und größer; zuletzt sahen sie aus, wie
große weiße Hühner; auf einmal sprangen sie zur Seite, der große
Schlitten hielt, und die Person, die ihn fuhr, erhob sich; der Pelz und die
Mütze waren ganz und gar von Schnee; es war eine Dame, hoch und
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schlank, glänzend weiß; es war die Schneekönigin.“ (Hans Christian An-
dersen) Kay hängt sich hinten an das Gefährt. Plötzlich zieht die Königin
den Jungen in ihren Schlitten und entführt ihn in ihren Eispalast im ewi-
gen Eis.
Kay verfällt der kalten Schönheit der Schneekönigin und gerät immer
stärker in ihren Bann. Kalt und steif versucht er Tag ein Tag aus vergeb-
lich, das grausame „Eisspiel des Verstandes“ zu enträtseln, nämlich
kleine, flache Eisstücke zu dem Wort Ewigkeit anzuordnen, wie ihm die
Schneekönigin aufgetragen und ihm für die Lösung versprochen hat,
dass er dann sein eigener Herr sein werde. Währenddessen macht sich
Gerda auf, ihren Freund zu suchen.
Edmund Dulac: Die Schneekönigin auf ihrem Thron, 1910
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Auf abenteuerlichen Wegen gelangt Gerda auf einem Rentier in den
hohen Norden und schafft es durch die Kraftihrer unschuldigen und
bedingungslosen Liebeund mit der Hilfeihrer neu gewonnenen Freun-
de, einer Fee, eines Prinzenpaares und eines Räubermädchens, zum sa-
genumwobenen Palast der Schneekönigin am Nordpol vorzudringen:
„Des Schlosses Wände waren gebildet von dem treibenden Schnee,
und Fenster und Thüren von den schneidenden Winden; es waren über
hundert Säle darin, alle, wie sie der Schnee zusammenwehte; der
größte erstreckte sich mehrere Meilen lang; das starke Nordlicht be-
leuchtete sie alle, und sie waren so groß, so leer, so eisig kalt und so
glänzend!... leer, groß und kalt war es in der Schneekönigin Sälen.“
(Hans Christian Andersen)
Als Gerda ihren Freund so kalt und blaugefroren in den eisigen Hallen
des Königinnenpalastes sieht, erfasst sie Mitleid, und sie weint um Kay.
Ihre Tränen lassen sein gefrorenes Herz schmelzen. Nun weint auch er
und spült dadurch den Splitter aus seinem Auge heraus. Endlich kann
er das Wort Ewigkeit legen und folgt Gerda zurück nach Hause. Zu guter
Letzt sitzen sie daheim wie früher bei der Großmutter.
Die Heldin dieses Märchens ist nicht die titelgebende Schneekönigin,
sondern die kleine Gerda, die aktiv sucht und alle Herausforderungen
besteht, um ihren Kindheitsfreund zu retten. Hans Christians Andersen
konfrontiert in seinem Märchen zwei unterschiedliche Frauentypen.
Der schönen, aber eiskalten und herzlosen Schneekönigin setzt er das
einfache, einfühlsame und fürsorgliche Mädchen mit seiner Liebe und
Herzenswärme entgegen.
Die kluge Königin
Svend Grundtvig (1824-1883), der bedeutende dänische Volkskundler
und Märchensammler, erzählt in seinen „Dänischen Volksmärchen“,
die zwischen 1854 und 1861 erscheinen, die Geschichte von der „Klu-
gen Königin“.
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Svend Grundtvig, 1877
Ein junger Königssohn, der so schön ist, wie noch nie jemand seines-
gleichen gesehen hat, ist ebenfalls so klug wie niemand sonst. Er
schwört, nur ein Mädchen zur Frau zu nehmen, welches genauso schön
und klug sei wie er selbst. Aber er trifft in seinem Reich nur auf junge
Frauen, die entweder nur schön oder nur klug sind. Daraufhin reist er
inkognito in andere Länder, macht allerdings überall die gleichen Erfah-
rungen wie in seinem Land. Entweder sind die Mädchen schön, aber
leider nicht klug, oder umgekehrt.
Als der Prinz sich in einem Wald verirrt, findet er nach langem Suchen
Unterkunft in einer ärmlichen Hütte. Die beiden alten, einfachen Leute
gewähren ihm nach einigem Zögern das Nachtquartier und ein schlich-
tes Abendessen. Ihr Angebot, in ihrem Bett zu schlafen, lehnt er ab und
begnügt sich mit einem Strohlager. Am Morgen hört er Geräusche und
schließlich lieblichen Gesang aus dem Dachgeschoss. Seinem Drängen
geben die alten Leute endlich nach und gestehen, dass oben ihre Toch-
ter wohne, die Stütze ihres Alters, dass sie aber fürchten, jemand könne
sie ihnen nehmen. Als er darauf besteht, das Mädchen zu sehen, und
sie herunterkommt, erkennt der Prinz, dass er noch nie ein so schönes
Geschöpf gesehen habe.
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Weil er es für unmöglich hält, dass er als Prinz ein so einfaches Mäd-
chen zur Frau nehmen könne, das womöglich auch gar nicht klug sei,
schwingt er sich schnell auf sein Pferd und reitet davon. Daheim aber
kann er an nichts anderes mehr denken als an das wunderschöne Mäd-
chen. Er entschließt sich, auch die Klugheit der Jungfrau zu überprüfen,
und sendet ihr einen Brief und ein kleines Stückchen Seide, aus dem sie
ihm einen Bettumhang weben möge. In ihrem Antwortbrief, dem sie
zwei winzige Holzstifte hinzufügt, schreibt sie, wenn er daraus einen
Webstuhl anfertigen könne, wolle sie ihm den gewünschten Bettum-
hang weben. Nun weiß der Prinz, dass das Mädchen nicht nur schön,
sondern auch ebenso klug wie er selber sein müsse.
Daraufhin reitet der Königssohn mit seinem großen Gefolge zu der
Waldhütte und bittet die alten Leute, ihm ihre Tochter zur Frau zu ge-
ben, wenn es ihr recht sei. Und so geschieht es. Aus der Furcht heraus,
seine zukünftige Frau könne sich womöglich als klüger herausstellen,
als er selbst es sei, stellt er jedoch eine Bedingung. Sie dürfe sich nie-
mals in seine Staatsangelegenheiten einmischen; andernfalls könne er
sie verstoßen und wieder zu ihren Eltern zurückschicken. Die junge Frau
ist einverstanden, stellt allerdings selbst eine Bedingung. Wenn ihr
Mann sie verstoße, dürfe sie das mitnehmen, was ihr am liebsten sei.
Auch das billigt der Königssohn ihr zu.
Ausgabe der Volksmärchen von 1879
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Kaum ist die Hochzeit vorüber, wird der Prinz nach dem Tod seines Va-
ters König. Er regiert klug und bedachtsam, und die Königin mischt sich
niemals in seine Staatsangelegenheiten ein. Dann kommt es aber zu ei-
nem Prozess, in dem sich ein Bauer, dessen Pferd im Stall eines Gast-
hauses ein Fohlen geworfen hat und der nun das Fohlen als seines an-
sieht, mit dem Gastwirt streitet, der das Fohlen ebenfalls beansprucht,
weil es in seinem Stall zur Welt gekommen sei. Weil sie sich nicht eini-
gen können, kommt die Streitfrage vor das oberste Gericht des Königs,
der das Fohlen tatsächlich dem Schankwirt zuspricht. Weil der Bauer
sich damit nicht zufriedengibt, wendet er sich an die Königin, die seinen
Argumenten zustimmt und ihm zugesteht, dass er im Recht sei. Weil sie
ihrem Mann aber nicht widersprechen darf, erteilt sie dem Bauern ei-
nen Rat. Er solle am nächsten Morgen, wenn der König am Strand ent-
langreite, sein Fischernetz in den Dünen ausbreiten, als wenn er dort
Fische fangen wolle. Wenn der König frage, ob er denn närrisch sei,
solle er antworten, dass das genauso verrückt sei, wie einem Gastwirt
ein Fohlen zuzusprechen, das dessen Pferd, das keine Stute sei, gar
nicht geboren haben könne. Der Bauer dürfe aber niemals verraten,
wer ihm den Rat gegeben habe.
Alles geschieht so, wie die Königin vorhergesagt hat, und der König
sieht sein Fehlurteil ein. Aber er zwingt durch Androhung der Todes-
strafe den Bauern, ihm den Ratgeber zu verraten. Voller Zorn kehrt der
König in sein Schloss zurück und kündigt seiner Frau die vorgesehene
Strafe für ihre Verfehlung an. Sie müsse das Schloss verlassen, solle
wieder zu ihren Eltern gehen und dürfe verabredungsgemäß das mit-
nehmen, was ihr am liebsten sei.
Bevor sie zum Aufbruch bereit ist, bittet die Königin ihren Mann darum,
mit ihr einen Abschiedstrunk einzunehmen. In diesen mischt sie ein
Schlafmittel. Als der König in tiefen Schlaf fällt, packt die Königin ihn in
den großen Deckelkorb, in dem sie ihre Sachen mitnehmen soll, und
lässt dieses Gepäckstück in den Wagen tragen. Sie fährt in den Wald zur
Hütte ihrer Eltern und lässt den Korb in ihre Kammer tragen. Dort hebt
sie ihren Mann heraus und legt ihn in ihr Bett. Als der König gegen
Abend erwacht und fragt, wo er sei und wie das alles zugegangen sei,
antwortet seine Frau ihm, dass er das Liebste sei, was sie besitze, und
dass sie ihn deshalb, wie es ihr Recht sei, mitgenommen habe. Da sieht
der König ein, dass die Königin wohl doch klüger sei als er, und bittet
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sie, wieder mit ihm auf sein Schloss zu kommen. Zukünftig wolle er sie
in jeder Staatsangelegenheit um ihren Rat fragen. So geschieht es, und
die Eheleute und auch die alten Eltern ziehen zum Schloss und leben
noch lange glücklich und in Eintracht.
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Jacob Coning: Schloss Akershus bei Oslo, 1699
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Gunnhild Gormsdottir – Mutter der Könige
Norwegische Königin von ca. 930 bis 954
In den nordischen Sagen wird sie als schön und großzügig, vor allem
aber als zauberkundig, allerdings vielfach auch in einer Kaskade sehr
negativer Eigenschaften als grausam, heimtückisch, verräterisch,
machthungrig, herrschsüchtig, geldgierig und aufhetzend beschrieben.
So kann es nicht verwundern, dass über die geheimnisvolle Gunnhild
Gormsdottir, diese Zauberin, viele Biographien und Romane existieren.
Gunnhildr konungamóðir, „Mutter der Könige“, oder Gunnhildr
Gormsdóttir, Gorms Tochter, lebt von etwa 916 bis 987. Nach der His-
toria Norvegiae ist sie eine Tochter von Thyra Danebod und König
Gorm dem Alten von Dänemark. Sie hat drei Brüder, unter anderen Harald Blauzahn, den berühmten dänischen Herrscher. Von einem finni-
schen Zauberer soll sie in magischen Künsten unterwiesen worden sein.
Christian Krohg: Gunnhild mit ihren Söhnen, Zeichnung um 1899
In den isländischen Sagas tritt Gunnhild als Frau des 885 geborenen Erik
I. genannt Blutaxt, des Königs von Norwegen, in Erscheinung, dessen
Vater Harald Schönhaar einen Großteil Norwegens unter seiner Herr-
schaft vereinigt hat. Die beiden sollen sich auf einem von ihrem Vater
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Gorm veranstalteten Fest begegnet sein. Ihre Ehe bedeutet eine dynas-
tische Vereinigung der beiden Herrscherhäuser Norwegens und Däne-
marks. Gunnhild und Erik haben mehrere Kinder: Gamle Eriksson, den
ältesten Sohn, dann Guthorm, Harald Gråfell (Graufell), Ragnfrod, Erling, Ragnhild, Gudrød und Sigurd Sleva.
Christian Krohg: Gunnhild als alte Frau, Illustration zur Olav Tryggvasons Saga,
1899
Als Erik von Håkon dem Guten gestürzt und aus Norwegen verbannt wird, folgt Gunnhild ihm ins Exil. Die isländischen Sagas berichten, dass
Erik sich mit seiner Familie auf den Orkney-Inseln niederlässt und von
den dortigen Statthaltern, den Jarls, als König anerkannt wird. Anschlie-
ßend übersiedelt er nach Jórvík, dem heutigen York in England, wo sich Gunnhild und Erik offenbar christlich taufen lassen. Nach Eriks Tod in
der Schlacht von Stainmore im Jahr 954, in der Osulf, der Herrscher Northumbrias, den Wikingern eine empfindliche Niederlage beibringt,
übernimmt Gunnhild die Vormundschaft für ihre Söhne. Mit ihnen zieht
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sie nach Dänemark an den Hof ihres Bruders Harald Blauzahn in Ros-
kilde und besiegt mit seiner Hilfe den norwegischen König Håkon den
Guten, der in der Schlacht von Fitjar 961 fällt. Gunnhilds älteste Söhne Gamle und Guthorm sterben ebenfalls. Da Håkon keine Erben hinterlässt, steht der Übernahme der Königsmacht in Norwegen durch Gunn-
hilds jüngere Sprösslinge nun nichts mehr im Wege. Im Triumph kehren
Gunnhild und ihre Söhne nach Norwegen zurück und übernehmen dort
die Macht, ihr Sohn Harald II. Gråfell wird von 960 bis 970 König des
Landes. Gunnhild aber übt nach wie vor erheblichen Einfluss auf ihre
Jungen aus. Sie wird „Mutter der Könige“ und ihre Nachkommen wer-
den „Gunnhilds Söhne“ genannt. Sie regieren grausam, töten oder set-
zen viele der Jarls und Kleinkönige ab, die bisher die norwegischen Pro-
vinzen regieren, beschlagnahmen ihre Ländereien und verursachen mit
ihren Feldzügen eine schwere Hungersnot. Gunnhild soll trotz eines ge-
waltigen Altersunterschieds die Geliebte des jungen isländischen An-
führers Hrut Herjolfssons gewesen sein, der Norwegen besucht, um
sein dortiges Erbe zu verwalten.
Nach dem Tod einiger Söhne in einem Bürgerkrieg muss Gunnhild um
970 mit ihren Söhnen Gudrød und Ragnfrod das Land verlassen und
lässt sich auf den Orkney-Inseln bei ihrer mit dem dort ansässigen Jarl
verheirateten Tochter nieder. Dort ist sie auch gestorben.
Thyra Danebod – Ahnherrin der dänischen Könige
Dänische Königin von 936 bis 958
Sie gilt als besonders weise Herrscherin, wenn man den Legenden über
sie glauben kann. Diese berühmte Thyra ist die Stammmutter der bis
1378 herrschenden Jelling-Dynastie und letztlich der bis heute regie-
renden dänischen Könige. Die spärlichen Informationen über sie stam-
men meist aus Mythen und Legenden.
Thyra Danebod wird vor dem Jahr 900 geboren. Als sie den Wikinger-
führer Gorm um 935 heiratet und dieser im Jahr darauf König wird,
steigt sie zur Königin von Dänemark auf. Die beiden haben fünf Kinder,
von denen aber nur der Sohn Harald Blauzahn belegt ist. Nach der Chro-
nik des Saxo Grammaticus fällt der älteste Sohn Knut Danaast, „Knut,
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die Freude und Liebe der Dänen“, der Lieblingssohn Gorms, 947 wäh-
rend eines Raubzuges, den er zusammen mit seinem Bruder Harald
nach Irland unternimmt. Einzig Thyra soll es möglich gewesen sein, ih-
rem Mann diese traurige Botschaft zu überbringen. Ihre Tochter Gunn-
hild wird die Frau des Königs Erik I. Blutaxt von Norwegen. Auch ein
Gonnor und ein Toki Gormsson sollen zu den Kindern von Gorm und
Thyra gehören. Thyra wird um das Jahr 958 vor Gorm gestorben sein,
wenn man den Runenstein von Jelling so interpretiert.
August Carl Vilhelm Thomsen (1813-1886): Thyra überbringt Gorm die Nach-
richt vom Tod seines Sohnes Knut
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Theodor Fontane beschreibt in seiner Ballade „Gorm Grymme“ 1864,
