Königinnen des Nordens - Peter Wenners - E-Book

Königinnen des Nordens E-Book

Peter Wenners

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Beschreibung

Das Buch bietet fünfzig biographische Skizzen über dänische, schwedische und norwegische Königinnen aus zehn Jahrzehnten sowie einen kleinen Exkurs, in dem fünf "Königinnen" aus dem Reich der Mythen, Sagen und Märchen präsentiert werden. Im Laufe der skandinavischen Geschichte waren wie in allen anderen Regionen auch die Herrschenden meist Männer, es gab nur wenige regierende Königinnen. Häufig gelangten diese nur auf den Thron, weil es keinen männlichen Erben gab. Nicht selten waren es Witwen oder Töchter berühmter Väter, die an die Macht kamen. Oft fungierten sie auch als Regentinnen für ihre unmündigen Söhne. Manchmal standen sie als Lenkerinnen der Politik hinter ihren schwachen Männern. Einige Königinnen übten sowohl direkt als auch indirekt großen Einfluss auf den Lauf der Geschichte ihres Landes aus, während andere Königinnen ein isoliertes und zurückgezogenes Hofleben führen wollten oder mussten. Die Geschichten dieses Buches erzählen von Liebesheiraten, aber ebenso von arrangierten Verbindungen und desaströsen Ehen. Sie stellen glückliche Frauen vor, aber genauso sehr unglückliche. Viele Königinnen konnten sich eines langen Lebens erfreuen, etliche hingegen starben schon in ganz jungen Jahren. Zugleich spiegeln alle Königinnen auch die Rolle wider, die die nordischen Königshäuser von der Wikingerzeit über die Jahrhunderte hinweg bis zur heutigen konstitutionellen Monarchie gespielt haben. Hinter den royalen Lebensgeschichten von faszinierenden Königinnen werden Einblicke in die jeweiligen Epochen gewährt.

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Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Peter Wenners

Königinnen des Nordens

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die

Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deut-

schen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind

im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2022 Peter Wenners

Epubli Verlag Berlin

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Peter Wenners

Königinnen des Nordens

50 Biographische Skizzen

3

Für Kessy, Antonia, Viktoria, Augusta und Fidelia

4

Vorwort

In den letzten 5000 Jahren gab es nicht viele Frauen, die als Herrsche-

rinnen die Geschicke eines Landes lenkten. Das Patriarchat brachte es

mit sich, dass es gegenüber nur einigen wenigen Frauen in Führungs-

funktionen zahllose Männer gab, die die Herrschaft ausübten. Die We-

nigen aber haben Geschichte geschrieben. Immer wieder gab es mäch-

tige Frauen und Herrscherinnen wie die ägyptische Königin Kleopatra,

Margarethe I. von Dänemark, Norwegen und Schweden, Elisabeth I.

von England, Maria Theresia von Habsburg, Katharina die Große von

Russland oder Queen Victoria, Königin von Großbritannien und Kaiserin

von Indien.

Auch im Laufe der skandinavischen Geschichte waren die Herrschen-

den meist Männer, es gab nur wenige regierende Königinnen. Häufig

gelangten diese nur auf den Thron, weil es keinen männlichen Erben

gab. Nicht selten waren es Witwen oder Töchter berühmter Väter, die

an die Macht kamen. Oft fungierten sie auch als Regentinnen für ihre

unmündigen Söhne. Manchmal standen sie als Lenkerinnen der Politik

hinter ihren schwachen Männern. In jedem Fall waren gleichwohl auch

die nicht regierenden Königinnen von erheblicher Bedeutung für die

Macht, den Ruf und die Dynastie der königlichen Familien.

Einige Königinnen übten sowohl direkt als auch indirekt großen Einfluss

auf den Lauf der Geschichte ihres Landes aus, während andere Köni-

ginnen ein isoliertes und zurückgezogenes Hofleben führen wollten

oder mussten. Die Geschichten dieses Buches erzählen von Liebeshei-

raten, aber ebenso von arrangierten Verbindungen und desaströsen

Ehen. Sie stellen glückliche Frauen vor, aber genauso sehr unglückliche.

Viele Königinnen konnten sich eines langen Lebens erfreuen, etliche

hingegen starben schon in ganz jungen Jahren.

Zugleich spiegeln alle Königinnen auch die Rolle wider, die die nordi-

schen Königshäuser von der Wikingerzeit über die Jahrhunderte hin-

weg bis zur heutigen konstitutionellen Monarchie gespielt haben. Hin-

ter den royalen Lebensgeschichten von faszinierenden Königinnen wer-

den Einblicke in die jeweiligen Epochen gewährt.

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Das Buch bietet fünfzig biographische Skizzen über dänische, schwedi-

sche und norwegische Königinnen sowie einen kleinen Exkurs, in dem

fünf Königinnen aus dem Reich der Mythen, Sagen und Märchen prä-

sentiert werden.

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Königinnen des Nordens – 50 Biographische Skizzen

Exkurs: Königinnen aus Mythen, Sagen und Märchen

• Urmutter – Erdgöttin. Herrscherin über alle Elemente und Lebewe-

sen

• Frigg – Himmelskönigin. Göttin der nordischen Mythologie und Kö-

nigin der Asen

• Brünhild von Island – Walküre und nordische Amazone. Isländische

Königin der nordischen Mythologie

• Die Schneekönigin. Märchen von Hans Christian Andersen

• Die kluge Königin. Märchen von Svend Grundtvig

Historische Königinnen

Mittelalter

1. Gunnhild Gormsdottir – Mutter der Könige. Norwegische Königin

von ca. 930 bis 954

2. Thyra Danebod – Ahnherrin der dänischen Könige. Dänische Köni-

gin von 936 bis 958

3. Sigrid Storråda – Sigrid die Stolze. Schwedische Königin von 985 bis

995, später dänische Königin

4. Dagmar von Böhmen – Königin der Herzen. Dänische Königin von

1205 bis 1212

5. Berengaria von Portugal – Erste Monarchin Dänemarks, die eine

Krone trägt. Dänische Königin von 1214 bis 1221

6. Mechthild von Holstein – Monarchin für eineinhalb Jahre. Däni-

sche Königin von 1250 bis 1252

7. Margarete Sambiria – De swarte Greet. Dänische Königin von 1252

bis 1282

8. Euphemia von Rügen – Literatin auf dem Thron. Norwegische Kö-

nigin von 1299 bis 1312

9. Margarethe I. – Herrscherin über drei Reiche. Dänische, norwegi-

sche und schwedische Königin von 1375 bis 1412

10. Philippa von England – Verteidigerin Kopenhagens. Dänische, nor-

wegische und schwedische Königin von 1406 bis 1430

7

11. Dorothea von Brandenburg – Stammmutter der Könige aus dem

Hause Oldenburg. Dänische Königin von 1445 bis 1481

16. Jahrhundert

12. Isabella von Österreich – Unerschütterlich tugendhafte und treue

Ehefrau. Dänische, norwegische und schwedische Königin von

1515 bis 1526

13. Dorothea von Sachsen-Lauenburg – Erste Lutheranerin auf dem

Thron. Dänische Königin von 1534 bis 1559

14. Katharina Stenbock – Königinwitwe des Reiches über sechzig Jahre.

Schwedische Königin von 1552 bis 1560

15. Karin Månsdotter – Bürgerliches Mädchen, das die Chance ergreift.

Schwedische Königin von Juli 1568 bis September 1569

16. Katharina Jagiellonica – Leidenschaftliche Kämpferin gegen die Re-

formation. Schwedische Königin von 1569 bis 1583

17. Sophie zu Mecklenburg – Reichste Frau des Landes. Dänische Kö-

nigin von 1571 bis 1588

18. Anna Katharina von Brandenburg – Unbedeutende Gattin neben

einem bedeutenden Monarchen. Dänische Königin von 1597 bis

1612

17. Jahrhundert

19. Christine von Holstein-Gottorp – Dominante Mutter. Schwedische

Königin von 1604 bis 1611

20. Maria Eleonora von Brandenburg – Monarchin während schwerer

Kriegszeiten. Schwedische Königin von 1620 bis 1632

21. Christina von Schweden – Minerva des Nordens. Schwedische Kö-

nigin von 1632 bis 1654

22. Sophie Amalie von Braunschweig-Calenberg – Erste absolutistische

Herrscherin. Dänische Königin von 1648 bis 1670

23. Hedwig Eleonora von Schleswig-Holstein-Gottorf – Schönste Toch-

ter des Herzogs. Schwedische Königin von 1654 bis 1660

24. Charlotte Amalie von Hessen-Kassel – Einzige nicht-lutherische

Monarchin Dänemarks. Dänische Königin von 1670 bis 1714

8

25. Ulrike Eleonore von Dänemark – Heilige auf dem Thron. Schwedi-

sche Königin von 1680 bis 1693

18. Jahrhundert

26. Anna Sophie von Reventlow – Unstandesgemäße Monarchin. Dä-

nische Königin von 1721 bis 1730

27. Louise von Großbritannien – Jung Verstorbene. Dänische Königin

von 1746 bis 1751

28. Luise Ulrike von Preußen – Schwester Friedrichs des Großen.

Schwedische Königin von 1751 bis 1771

29. Juliane Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern – Einfluss-

reiche Königinmutter. Dänische Königin von 1752 bis 1766

30. Caroline Mathilde von Dänemark – Gefangene von Celle. Dänische

Königin von 1766 bis 1772

31. Sophie Magdalene von Dänemark – Ungeliebte Ehefrau. Schwedi-

sche Königin von 1772 bis 1813

32. Friederike Dorothea Wilhelmine von Baden – Unglückliche Monar-

chin. Schwedische Königin von 1797 bis 1809

19. Jahrhundert

33. Marie Sophie Friederike von Hessen-Kassel – Fürstin mit Würde

und blutendem Herzen. Dänische Königin von 1808 bis 1839

34. Hedwig Elisabeth Charlotta von Schleswig-Holstein-Gottorf – Eif-

rige Tagebuchschreiberin. Schwedische Königin von 1809 bis 1818

35. Désirée Bernadotte – Ehemalige Verlobte Napoleons. Schwedische

und norwegische Königin von 1818 bis 1860

36. Wilhelmine Marie von Dänemark – „Beinahe“-Königin. Kronprin-

zessin von Dänemark von 1828 bis 1837

37. Caroline Amalie von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augusten-

burg – Wohltätige Majestät für acht Jahre. Dänische Königin von

1839 bis 1848

38. Josephine von Leuchtenberg – Einzig vertraute Ratgeberin des Kö-

nigs. Schwedische und norwegische Königin von 1844 bis 1859

39. Louise von Hessen – Europas Schwiegermutter und Großmutter.

Dänische Königin von 1863 bis 1898

9

40. Sophia Wilhelmine Marianne Henriette von Nassau – Demokratin

auf dem Thron. Schwedische Königin von 1872 bis 1907

20. Jahrhundert

41. Louise von Schweden – Ewige Kronprinzessin. Dänische Königin

von 1906 bis 1912

42. Maud von Norwegen – Fürstin mit Schlankheitswahn. Norwegische

Königin von 1906 bis 1938

43. Viktoria von Baden – Italiensuchende. Schwedische Königin von

1907 bis 1930

44. Alexandrine Auguste von Mecklenburg-Schwerin – Sanfte Wider-

ständlerin. Dänische Königin von 1912 bis 1947

45. Märtha von Norwegen – Ungekrönte Königin der Herzen. Norwe-

gische Kronprinzessin von 1929 bis 1954

46. Ingrid von Schweden – Landesmutter mit Charakter und eisernem

Willen. Dänische Königin von 1947 bis 1972

47. Louise von Mountbatten – Engagierte und pflichtbewusste Lady.

Schwedische Königin von 1950 bis 1965

Gegenwart

48. Margarethe II. von Dänemark – Paradiesvogel auf dem Thron. Dä-

nische Königin seit 1972

49. Silvia von Schweden – Sommer(lath)-Märchen. Schwedische Köni-

gin seit 1976

50. Sonja von Norwegen – Bürgerliche auf dem norwegischen Thron.

Norwegische Königin seit 1991

10

Exkurs: Königinnen aus Mythen, Sagen und Märchen

Carl Emil Doepler: Die Zerstörung Asgards durch den Weltenbrand,

1905

11

Urmutter – Erdgöttin

Herrscherin über alle Elemente und Lebewesen

Im ganzen nordischen Kulturraum werden wie eigentlich in allen Kultu-

ren seit Urzeiten Muttergottheiten verehrt als Verkörperung der „Mut-

ter Erde“, des Erdbodens, der alles Leben spendet. Vielleicht aber gibt

es auch nur eine einzige Muttergöttin, die in vielfältiger Gestalt auftre-

ten kann.

Bestla

Bestla zum Beispiel ist eine Ur-Riesin, die in der altisländischen Edda

erwähnt wird. Sie ist die Erdgöttin, die traditionell als gigantische müt-

terliche Gottheit aufgefasst wird. Der Name könnte mit dem Wort

„Bast“ zusammenhängen, das auf einen bedeutenden Baum hinweist,

die Eibe. Bäume spielen in der nordischen Mythologie eine zentrale

Rolle, als Baum des Lebens, auch des ewigen Lebens, oder als Welten-

baum, mit dem die Weltenesche Yggdrasil gemeint ist, die Verkörpe-

rung der Schöpfung, die Weltachse als Verbindung der drei Weltebe-

nen Himmel, Mittelwelt und Unterwelt. Die keltischen Druiden sollen

12

sich unter Eiben versammelt haben, um sich mit Hilfe ihres taxolhalti-

gen Geruchs in die Unterwelt versetzt zu fühlen. Die Urmutter Bestla

wird häufig ebenso als Eibengöttin bezeichnet, die kraft der magischen

Eigenschaften des Eibenbaumes auch böse Geister abzuwehren ver-

steht und Schutz vor Unheil und Krankheiten bietet.

In der nordischen Mythologie ist Bestla zudem eine Frostriesin, die

Tochter des mächtigen Frostriesen Bolthorn. Bestlas älterer Bruder ist

der Riese Mimir. Sie ist die Ahnfrau der Asen, die Mutter der ältesten

Götter Odin, Vili und Vé und damit auch Urmutter der Göttinnen Jord,

Siff, Skadi, Frigg, Freya und Rindr. Meist wird Bestla als große Frau mit

langen weißen Haaren dargestellt.

Im Kapitel 40 seiner „Germania“ beschreibt der römische Geschichts-

schreiber Tacitus die Göttin Nerthus als „Terra Mater“, also „Mutter

Erde“, die in einem heiligen Hain im Meer, wohl der Ostsee, in einem

von Kühen gezogenen Wagen, der nur von einem Priester berührt wer-

den darf, über das Land fährt. Der Name dieser offensichtlich ge-

schlechtslosen Gottheit wird seit Jacob Grimm meist mit dem des nord-

germanischen Gottes Njörd gleichgesetzt, seitdem werden Nerthus

und Njörd als Geschwister oder Götterpaar angesehen, von dem Taci-

tus ausschließlich den weiblichen Teil nennt.

Der festliche Umzug der Nerthus auf ihrem Wagen. Illustration von Carl Emil

Doepler, um 1905

13

Auch Jörd, von altisländisch jorð „Erde“, wird in der nordischen Mytho-

logie als Erdgöttin bezeichnet. Sie ist die Tochter der Nótt, einer dunk-

len, schwarzen Riesin, die die Nacht verkörpert, und des Anar; sie zeugt

mit Odin den Donnergott Thor.

Die Erdenmutter, in welcher Gestalt auch immer, bringt alles Leben

hervor und nimmt es auch wieder auf. Die Erde verleiht Lebenskraft. Im

vorchristlichen Nordeuropa ist es daher Brauch, die Kinder gleich nach

der Geburt auf den Erdboden zu legen, wie um sie zu erden. Die Erden-

mutter wird als Mutter Natur, als Erdgöttin, als sich selbst befruch-

tende Urmutter, als Gebärende aller Lebewesen gesehen. Die Urmut-

ter oder auch Erdenmutter ist Herrscherin über alle Elemente, letztlich

die höchste aller Gottheiten, die Königin der Unsterblichen wie der To-

ten.

Frigg – Himmelskönigin

Göttin der nordischen Mythologie und Königin der Asen

Die Welt der nordischen Götter ist voll von kriegerischen und kämpfen-

den maskulinen Gottheiten. Es existiert aber auch eine mächtige Frau

in dieser Männergesellschaft. Als Odins Gattin ist Frigg die unbestrit-

tene Königin der nordischen Götter, wenn auch nur in den Geschichten

der Mythologie.

Die aus dem Göttergeschlecht der Asen stammende Frigg oder auch

Frigga oder Fricka nimmt als Gemahlin des Göttervaters Odin eine zent-

rale Stellung unter den Göttern ein. Sie ist Himmelskönigin und Hoch-

göttin der Asen, deren Aufgabe es ist, die Ehe, das Leben und die Mut-

terschaft sowie das heimische Herdfeuer, den Haushalt und die heilige

Ordnung zu hüten. Frigg ist die Tochter des Fiörgwin und Schwester der

Fulla, die als Jungfrau das Schmuckkästchen der Göttermutter be-

wacht. Als Zeichen ihrerSchlüsselgewalt trägt Frigg am Gürtel die

Schlüssel ihres Hauses.

Mit Odin zeugt die Göttermutter die Götter Balder, Hödur, Hermodr,

Bragi sowie die Walküren. Zu ihren Dienerinnen gehören Ge-

fjon, Gna, Fulla, Sygn, Vara, Eira, Hlín, Lofn und Vjofn.

14

Friggs Wohnsitz ist das große Schloss Fensal, was so viel wie Wassersaal

in Form von Mooren und Sumpf bedeutet. Fensal ist einer der zwölf aus

Gold und Edelsteinen bestehenden Paläste Asgards, des Wohnortes

der Asen, der in der Krone der Weltesche Yggdrasil liegt und über die

dreistrahlige Regenbogenbrücke Bifröst mit Midgard, der Heimat des

Menschengeschlechts, verbunden ist. Der größte Saal Asgards ist Wal-

hall, die Ruhestätte der gefallenen Helden. Odin und Frigg residieren in

der Königshalle, in der der mächtige Göttervater von seinem erhabe-

nen Thron Hlidskialf herab alle neun Welten überblickt und sich edle

Waffenspiele anschaut. Friggs Aufgabe ist es, bei diesen Festen den zu-

rückkehrenden Kriegern das Met-Horn zu reichen.

John Charles Dollman (1851–1934): Frigg

Von Frigg heißt es, dass sie die Wolken webt und die Wolle der Wol-

kenschafe zum Spinnen und Weben der Kleidung für die Asen verwen-

det. Sie trägt einen Mantel aus Falkenfedern, mit dessen Hilfe sie flie-

gen und ihre Gestalt verwandeln kann, und fährt in einem von zwei Kat-

zen gezogenen goldenen Wagen über den Himmel. Die mächtige Göttin

besitzt die Gewalt der Prophezeiung, spinnt die Schicksalsfäden, die

von den Nornen gewoben werden, und weiß alles über das Schicksal,

schweigt aber darüber, auch gegenüber Odin, dem sie dank dieser

Gabe überlegen ist. Aber sie ist ihrem Gatten stets eine gute Ratgebe-

rin, hindert ihn an unüberlegten Entscheidungen und setzt meist ihren

15

Willen durch, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Wenn Odin

und Frigg die Erde besuchen, beschert sie den Häusern Glück.

Bei Konflikten zwischen den Menschen vertritt das Götterpaar häufig

gegensätzliche Parteien, wobei die unbeugsame Frigg oft den Gegen-

part zum gleichermaßen willensstarken Odin einnimmt. In dem Konflikt

zwischen den zwei germanischen Stämmen der Vandalen und der Win-

niler unterstützt Odin die Erstgenannten und Frigg die Letztgenannten.

Schließlich schwört Odin, dass er dem Stamm, den er am nächsten Mor-

gen als ersten sehen werde, den Sieg zuerkennen werde. Er ist sich si-

cher, dass er die Vandalen durch das Fenster auf seiner Seite des Bettes

sehen werde. Frigg aber bittet die Frauen des Winniler-Stammes, ihre

Haare so zu richten, dass sie wie die langen Bärte der Vandalen ausse-

hen. Außerdem dreht sie Odins Bett in die entgegengesetzte Richtung.

Als dieser aufwacht, verwechselt er die Stämme und gewährt den Win-

nilern den Sieg.

Carl Emil Doepler (1824-1905): Frigg und ihre Dienerinnen

16

Weil Frigg kraft ihrer Seherinnenfähigkeit den Tod ihres geliebten Soh-

nes voraussieht, ringt sie, um Baldur zu schützen, allen Elementen, Tie-

ren und Pflanzen in der Welt das Versprechen ab, ihn nicht zu verletzen.

Weil sie in ihr keine Gefahr sieht, vergisst sie dabei die kleine Mistel.

Daher wird Baldur von einem Mistelspeer tödlich verwundet, den der

neidische Loki Baldurs blindem Zwillingsbruder Hödur bei einem Tur-

nier übergibt. Frigg gelingt es danach nicht, Baldur aus der Unterwelt

zu befreien. Die Königin der Unterwelt, Hel, willigt zwar ein, Friggs Sohn

zu befreien, unter der Bedingung, dass alle Lebewesen um ihn weinen.

Frigg bittet daraufhin alle Menschen und Tiere, Bäume und Pflanzen in

der Welt, ihren verlorenen Sohn zu betrauern. Alle sind einverstanden,

bis Frigg sich dem letzten Lebewesen der Welt, der Riesin Thökk, in ei-

ner abgelegenen Höhle nähert. Diese verweigert sich der Bitte der Göt-

tin und verdammt Baldur damit, in der Unterwelt zu bleiben. Die Riesin

ist in Wirklichkeit der verkleidete Loki. Die Nacht, in der Frigg Baldur,

den Gott des Lichts und der Freude, geboren hat, wird in Skandinavien

als „Mutternacht“ gefeiert, als längste Nacht des Jahres.

Da für sie auch der Beiname Hulla genannt wird, wird Frigg mit der Mär-

chenfigur Frau Holle in Verbindung gebracht, denn sie soll so schnell

spinnen können, dass die Fäden am Himmel fliegen. Neben ihrem ord-

nenden Wesen aber zeigt Frigg durchaus eine wilde Seite: Zur Zeit der

Wintersonnenwende soll sie nachts durch die Lüfte toben und die Wol-

ken jagen.

Nach Frigg trägt der Wochentag Freitag seinen Namen. Aufgrund vieler

Parallelen wird Frigg vielfach mit der Göttin Freya gleichgesetzt oder

verwechselt, der Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit. Im Gegensatz

zu Frigg aber steht Freya für die lustvolle, freie und erotische Liebe.

Frigg hingegen ist die Göttin der ehrbaren verheirateten Frauen, die

nach germanischer Tradition über Haus und Hof herrschen. Überhaupt

bewahrt sie stets die Struktur, die Regeln und Gesetze. Sie schützt

die heiligen Ordnungen im Kosmos, die Eide und die Ehe. In Richard

Wagners Oper „Walküre“ verlangt Frigg, hier Fricka, von ihrem Gatten

Odin, hier Wotan, als Wahrer der göttlichen Ordnung den Ehebruch

Siegmunds und seiner Zwillingsschwester Sieglinde, der Ehefrau

Hundings, zu ahnden und im Zweikampf Hunding als Opfer des Ehe-

bruchs zu schützen. Ungeachtet aller Versuche Wotans, seinen unehe-

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lichen Sohn Siegmund zu retten und sich herauszuwinden, zwingt

Fricka ihn, Siegmund zu opfern und im Zweikampf gegen Hunding ster-

ben zu lassen. Im Verlauf des Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“

kommt es zu immer heftigeren Auseinandersetzungen zwischen Fricka

und ihrem Gatten.

Brünhild von Isenburg – Walküre und nordische Amazone

IsländischeKönigin der nordischen Mythologie

Sie trägt ihr langes blondes Haar zu zwei dicken Zöpfen geflochten. Sie

hat einen Händedruck wie ein Mann und ist überhaupt stärker als ein

halbes Duzend kräftiger Kerle. Die Rede ist von der schönen, aber grau-

samen Königin von Island, von Brünhild, die auf Burg Isenstein wie in

einem Matriarchat herrscht. Sie ist eine Schildmaid, in den nordischen

Sagen eine Frau, die sich ein Leben als Kriegerin gewählt hat. Ihr Name

ist passend: „Brünn(e)“ bedeutet Kampfpanzer, und „-hild“ heißt

Kampf.

Von vielen Männern wird sie umworben. Aber Brünhild macht es ihren

Freiern nicht leicht. Diese müssen zu einem Wettkampf gegen die

wehrhafte Kampfjungfrau antreten und sie in drei Disziplinen besiegen,

im Speerwurf, Steinweitwurf und Weitsprung in voller Rüstung. Unter-

liegt der Bewerber, wird er getötet. Und Brünhild gilt als unbesiegbar.

Durch ihren magischen Kraftgürtel verfügt sie über außerordentliche

Körperstärke, mit deren Hilfe sie ihre Jungfräulichkeit stets erfolgreich

verteidigt, bis Siegfried auf der Bildfläche erscheint.

Im mittelhochdeutschen Nibelungenlied (um 1200) nimmt Brünhild

eine zentrale Rolle ein. Als Gunther, der König der Burgunder, sich aus-

gerechnet diese außergewöhnliche Frau aussucht und um sie freit,

warnt Brünhild ihn davor, mit ihr in den Wettstreit zu treten. Aber mit

der Hilfe Siegfrieds, dem Gunther die Hand seiner Schwester Kriemhild

verspricht und der ihn unter Nutzung seiner unsichtbar machenden

Tarnkappe aus dem Nibelungenschatz unterstützt, wird Brünhild von

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dem eigentlich schwachen Gunther in den drei Kampfdisziplinen ge-

schlagen, so dass sie in die Heirat einwilligen und mit den Burgundern

nach Worms ziehen muss. Zerknirscht über ihre schmachvolle Nieder-

lage bleibt Brünhild aber misstrauisch und zweifelt an der Stärke Gun-

thers. In der Hochzeitsnacht verweigert sie sich dem frisch angetrauten

Gatten, fesselt den kraftlosen Gunther und hängt ihn an einen Wand-

haken. Nach dieser unangenehmen Überraschung bittet Gunther er-

neut Siegfried um Hilfe. In der folgenden Nacht wird Brünhild vermeint-

lich von Gunther, in Wahrheit aber von dem wiederum getarnten Sieg-

fried, vergewaltigt; ein frühes Beispiel von sexueller Gewalt in der Ehe.

Siegfried raubt der Unterlegenen dabei ihren Ring und den Kraftgürtel,

mit dem sie zugleich ihre Jungfräulichkeit und auch die übermenschli-

che Kraft verliert.

Johann Heinrich Füssli: Brünhild beobachtet Gunther, 1807

19

Nach einigen Jahren kommt es zum Streit zwischen Königin Brünhild

und Siegfrieds Gemahlin Kriemhild, als diese ihr den Vortritt beim Ein-

gang in den Wormser Dom streitig macht und damit ihren höheren

Rang als Königin vor Gunthers Gattin beansprucht. Zum Beweis zeigt sie

der Rivalin die beiden Trophäen, die Siegfried Brünhild in jener Hoch-

zeitsnacht geraubt hat. Brünhild durchschaut nun den Betrug, und ihre

Schande wird öffentlich. Der Streit der Königinnen und die Skandalge-

schichte im burgundischen Königshaus entwickeln sich so spektakulär

wie royale Skandale in der Gegenwart. Die Betrogene sinnt auf Ra-

che, wünscht Siegfrieds Tod und stiftet Gunther und dessen Lehns-

mann Hagen an, Siegfried zu ermorden. Nach Siegfrieds Tod kommt

Brünhild nicht mehr aktiv im Epos vor.

Gaston Bussière: Brünhild, 1897

20

Brünhild ist über das Nibelungenlied hinaus eine wichtige mythologi-

sche Figur in der nordischen Sagenwelt. Sie kommt in vielen anderen

Sagen vor, z. B. in der Liederedda, in der Nacherzählung durch Snorri

Sturluson um 1220 und der Völsungasaga, die um 1250 auf Island ent-

steht. In diesen Sagen verkörpert sie eine Walküre, eine mythische

Kampfjungfrau. Walküren, ausgestattet mit Speer und Schild, Helm und

Brünne, sind Dienerinnen des Gottes Odin, die auf Pferden über die

Schlachtfelder galoppieren und Krieger, die im Kampf ihren besonde-

ren Mut bewiesen haben, nach Walhall bringen. Weil sie gegen seinen

Willen in einen Kampf eingegriffen hat, versetzt Odin Brünhild in einen

Zauberschlaf und verbannt sie nach Midgard, in die Menschenwelt. Ab-

geschirmt von einem Flammenring schläft sie auf einem Berg. Erlösung

kann nur vom kühnsten Helden kommen; nur Sigurd/Siegfried schafft

es, zu ihr durchzudringen und sie zu befreien. Nicht zu übersehen sind

Ähnlichkeiten mit dem Märchen „Dornröschen“.

Peter Nicolai Arbo: Die sterbende Schildmaid Hervör, um 1892

Ein historisches Vorbild für Brünhild könnte die westgotische Prinzessin

und Merowinger-Königin Brunichildis (um 545/550-613) sein, die Toch-

ter des westgotischen Königs Athanagild, die im Jahr 566 Sigibert I.

(535–575) aus dem Geschlecht der Merowinger, den König Austrasiens,

des fränkischen Ostreichs, heiratet.

21

1878 entdecken Archäologen in der Wikingerstadt Birka bei Stockholm

einen sensationellen Knochenfund in einem prächtig ausgeschmückten

Wikingergrab, das man wie selbstverständlich zunächst einem männli-

chen Wikingerkrieger und Fürsten zuordnet. Als im 20. Jahrhundert die

Becken- und Kieferknochen des Skeletts noch einmal genauer unter-

sucht werden, kann man schließlich durch einen DNA-Test nachweisen,

dass es sich bei dem Fund um eine Frau handelt. Diese Erkenntnis er-

bringt den Beweis, dass es Wikingerkriegerinnen, also so genannte

Schildmaiden, und ggf. sogar Wikingerfürstinnen wie Brünhild gegeben

hat.

Die Schneekönigin

Märchen von Hans Christian Andersen

Als absolute Herrscherin über Eis und Schnee gilt sie, die stolze Schnee-

königin. Ihr Reich befindet sich am Nordpol. Wenn sie durch die Lande

und die Städte fliegt, zeichnet sie Eisblumen auf die gefrorenen Fens-

terscheiben. Wer ihr begegnet, dessen Herz wird zu Eis.

In seinem Kunstmärchen „Snedronningen“, „Die Schneekönigin“, das

1844 veröffentlicht wird, schildert Hans Christian Andersen (1805-

1875), wie der aus Eis bestehende Zauberspiegel des Teufels, der alles

Schöne hässlich aussehen und alles Schlechte schön erscheinen lässt,

zerbricht und sich dessen Splitter über die ganze Erde verteilen. Dabei

treffen zwei Splitter auch den Waisenjungen Kay, einer ins Herz, der

andere in sein Auge. Kays Herz wird zu Eis, sein Auge sieht nur noch

alles Widerwärtige und Böse.

Behütet von der Großmutter sind die Nachbarskinder Gerda und Kay

einander in Liebe und Treue zugetan. Kay spielt gerade mit seiner

Freundin und erfreut sich wie sie an den herrlichen Rosen in ihren Blu-

menkästen, als die Splitter ihn treffen. Auf einmal ist nichts mehr wie

früher. Der sonst so fröhliche Junge findet die Rosen nun abstoßend,

und auch Gerda verspottet er. Er benimmt sich sogar rüpelhaft gegen

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Gerdas Großmutter, die den Kindern immer so schöne Geschichten er-

zählt.

Die Schneekönigin: Illustration von Rudolf Koivu (1890-1946)

Im Winter geht Kay mit seinem Schlitten und den anderen frechen Kna-

ben rodeln. Da sieht er die schöne Schneekönigin in ihrem Schlitten,

der von großen Rentieren gezogen wird, durch das Dorf fahren: „Die

Schneeflocken wurden größer und größer; zuletzt sahen sie aus, wie

große weiße Hühner; auf einmal sprangen sie zur Seite, der große

Schlitten hielt, und die Person, die ihn fuhr, erhob sich; der Pelz und die

Mütze waren ganz und gar von Schnee; es war eine Dame, hoch und

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schlank, glänzend weiß; es war die Schneekönigin.“ (Hans Christian An-

dersen) Kay hängt sich hinten an das Gefährt. Plötzlich zieht die Königin

den Jungen in ihren Schlitten und entführt ihn in ihren Eispalast im ewi-

gen Eis.

Kay verfällt der kalten Schönheit der Schneekönigin und gerät immer

stärker in ihren Bann. Kalt und steif versucht er Tag ein Tag aus vergeb-

lich, das grausame „Eisspiel des Verstandes“ zu enträtseln, nämlich

kleine, flache Eisstücke zu dem Wort Ewigkeit anzuordnen, wie ihm die

Schneekönigin aufgetragen und ihm für die Lösung versprochen hat,

dass er dann sein eigener Herr sein werde. Währenddessen macht sich

Gerda auf, ihren Freund zu suchen.

Edmund Dulac: Die Schneekönigin auf ihrem Thron, 1910

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Auf abenteuerlichen Wegen gelangt Gerda auf einem Rentier in den

hohen Norden und schafft es durch die Kraftihrer unschuldigen und

bedingungslosen Liebeund mit der Hilfeihrer neu gewonnenen Freun-

de, einer Fee, eines Prinzenpaares und eines Räubermädchens, zum sa-

genumwobenen Palast der Schneekönigin am Nordpol vorzudringen:

„Des Schlosses Wände waren gebildet von dem treibenden Schnee,

und Fenster und Thüren von den schneidenden Winden; es waren über

hundert Säle darin, alle, wie sie der Schnee zusammenwehte; der

größte erstreckte sich mehrere Meilen lang; das starke Nordlicht be-

leuchtete sie alle, und sie waren so groß, so leer, so eisig kalt und so

glänzend!... leer, groß und kalt war es in der Schneekönigin Sälen.“

(Hans Christian Andersen)

Als Gerda ihren Freund so kalt und blaugefroren in den eisigen Hallen

des Königinnenpalastes sieht, erfasst sie Mitleid, und sie weint um Kay.

Ihre Tränen lassen sein gefrorenes Herz schmelzen. Nun weint auch er

und spült dadurch den Splitter aus seinem Auge heraus. Endlich kann

er das Wort Ewigkeit legen und folgt Gerda zurück nach Hause. Zu guter

Letzt sitzen sie daheim wie früher bei der Großmutter.

Die Heldin dieses Märchens ist nicht die titelgebende Schneekönigin,

sondern die kleine Gerda, die aktiv sucht und alle Herausforderungen

besteht, um ihren Kindheitsfreund zu retten. Hans Christians Andersen

konfrontiert in seinem Märchen zwei unterschiedliche Frauentypen.

Der schönen, aber eiskalten und herzlosen Schneekönigin setzt er das

einfache, einfühlsame und fürsorgliche Mädchen mit seiner Liebe und

Herzenswärme entgegen.

Die kluge Königin

Märchen von Svend Grundtvig

Svend Grundtvig (1824-1883), der bedeutende dänische Volkskundler

und Märchensammler, erzählt in seinen „Dänischen Volksmärchen“,

die zwischen 1854 und 1861 erscheinen, die Geschichte von der „Klu-

gen Königin“.

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Svend Grundtvig, 1877

Ein junger Königssohn, der so schön ist, wie noch nie jemand seines-

gleichen gesehen hat, ist ebenfalls so klug wie niemand sonst. Er

schwört, nur ein Mädchen zur Frau zu nehmen, welches genauso schön

und klug sei wie er selbst. Aber er trifft in seinem Reich nur auf junge

Frauen, die entweder nur schön oder nur klug sind. Daraufhin reist er

inkognito in andere Länder, macht allerdings überall die gleichen Erfah-

rungen wie in seinem Land. Entweder sind die Mädchen schön, aber

leider nicht klug, oder umgekehrt.

Als der Prinz sich in einem Wald verirrt, findet er nach langem Suchen

Unterkunft in einer ärmlichen Hütte. Die beiden alten, einfachen Leute

gewähren ihm nach einigem Zögern das Nachtquartier und ein schlich-

tes Abendessen. Ihr Angebot, in ihrem Bett zu schlafen, lehnt er ab und

begnügt sich mit einem Strohlager. Am Morgen hört er Geräusche und

schließlich lieblichen Gesang aus dem Dachgeschoss. Seinem Drängen

geben die alten Leute endlich nach und gestehen, dass oben ihre Toch-

ter wohne, die Stütze ihres Alters, dass sie aber fürchten, jemand könne

sie ihnen nehmen. Als er darauf besteht, das Mädchen zu sehen, und

sie herunterkommt, erkennt der Prinz, dass er noch nie ein so schönes

Geschöpf gesehen habe.

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Weil er es für unmöglich hält, dass er als Prinz ein so einfaches Mäd-

chen zur Frau nehmen könne, das womöglich auch gar nicht klug sei,

schwingt er sich schnell auf sein Pferd und reitet davon. Daheim aber

kann er an nichts anderes mehr denken als an das wunderschöne Mäd-

chen. Er entschließt sich, auch die Klugheit der Jungfrau zu überprüfen,

und sendet ihr einen Brief und ein kleines Stückchen Seide, aus dem sie

ihm einen Bettumhang weben möge. In ihrem Antwortbrief, dem sie

zwei winzige Holzstifte hinzufügt, schreibt sie, wenn er daraus einen

Webstuhl anfertigen könne, wolle sie ihm den gewünschten Bettum-

hang weben. Nun weiß der Prinz, dass das Mädchen nicht nur schön,

sondern auch ebenso klug wie er selber sein müsse.

Daraufhin reitet der Königssohn mit seinem großen Gefolge zu der

Waldhütte und bittet die alten Leute, ihm ihre Tochter zur Frau zu ge-

ben, wenn es ihr recht sei. Und so geschieht es. Aus der Furcht heraus,

seine zukünftige Frau könne sich womöglich als klüger herausstellen,

als er selbst es sei, stellt er jedoch eine Bedingung. Sie dürfe sich nie-

mals in seine Staatsangelegenheiten einmischen; andernfalls könne er

sie verstoßen und wieder zu ihren Eltern zurückschicken. Die junge Frau

ist einverstanden, stellt allerdings selbst eine Bedingung. Wenn ihr

Mann sie verstoße, dürfe sie das mitnehmen, was ihr am liebsten sei.

Auch das billigt der Königssohn ihr zu.

Ausgabe der Volksmärchen von 1879

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Kaum ist die Hochzeit vorüber, wird der Prinz nach dem Tod seines Va-

ters König. Er regiert klug und bedachtsam, und die Königin mischt sich

niemals in seine Staatsangelegenheiten ein. Dann kommt es aber zu ei-

nem Prozess, in dem sich ein Bauer, dessen Pferd im Stall eines Gast-

hauses ein Fohlen geworfen hat und der nun das Fohlen als seines an-

sieht, mit dem Gastwirt streitet, der das Fohlen ebenfalls beansprucht,

weil es in seinem Stall zur Welt gekommen sei. Weil sie sich nicht eini-

gen können, kommt die Streitfrage vor das oberste Gericht des Königs,

der das Fohlen tatsächlich dem Schankwirt zuspricht. Weil der Bauer

sich damit nicht zufriedengibt, wendet er sich an die Königin, die seinen

Argumenten zustimmt und ihm zugesteht, dass er im Recht sei. Weil sie

ihrem Mann aber nicht widersprechen darf, erteilt sie dem Bauern ei-

nen Rat. Er solle am nächsten Morgen, wenn der König am Strand ent-

langreite, sein Fischernetz in den Dünen ausbreiten, als wenn er dort

Fische fangen wolle. Wenn der König frage, ob er denn närrisch sei,

solle er antworten, dass das genauso verrückt sei, wie einem Gastwirt

ein Fohlen zuzusprechen, das dessen Pferd, das keine Stute sei, gar

nicht geboren haben könne. Der Bauer dürfe aber niemals verraten,

wer ihm den Rat gegeben habe.

Alles geschieht so, wie die Königin vorhergesagt hat, und der König

sieht sein Fehlurteil ein. Aber er zwingt durch Androhung der Todes-

strafe den Bauern, ihm den Ratgeber zu verraten. Voller Zorn kehrt der

König in sein Schloss zurück und kündigt seiner Frau die vorgesehene

Strafe für ihre Verfehlung an. Sie müsse das Schloss verlassen, solle

wieder zu ihren Eltern gehen und dürfe verabredungsgemäß das mit-

nehmen, was ihr am liebsten sei.

Bevor sie zum Aufbruch bereit ist, bittet die Königin ihren Mann darum,

mit ihr einen Abschiedstrunk einzunehmen. In diesen mischt sie ein

Schlafmittel. Als der König in tiefen Schlaf fällt, packt die Königin ihn in

den großen Deckelkorb, in dem sie ihre Sachen mitnehmen soll, und

lässt dieses Gepäckstück in den Wagen tragen. Sie fährt in den Wald zur

Hütte ihrer Eltern und lässt den Korb in ihre Kammer tragen. Dort hebt

sie ihren Mann heraus und legt ihn in ihr Bett. Als der König gegen

Abend erwacht und fragt, wo er sei und wie das alles zugegangen sei,

antwortet seine Frau ihm, dass er das Liebste sei, was sie besitze, und

dass sie ihn deshalb, wie es ihr Recht sei, mitgenommen habe. Da sieht

der König ein, dass die Königin wohl doch klüger sei als er, und bittet

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sie, wieder mit ihm auf sein Schloss zu kommen. Zukünftig wolle er sie

in jeder Staatsangelegenheit um ihren Rat fragen. So geschieht es, und

die Eheleute und auch die alten Eltern ziehen zum Schloss und leben

noch lange glücklich und in Eintracht.

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Historische Königinnen

Mittelalter

Jacob Coning: Schloss Akershus bei Oslo, 1699

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Gunnhild Gormsdottir – Mutter der Könige

Norwegische Königin von ca. 930 bis 954

In den nordischen Sagen wird sie als schön und großzügig, vor allem

aber als zauberkundig, allerdings vielfach auch in einer Kaskade sehr

negativer Eigenschaften als grausam, heimtückisch, verräterisch,

machthungrig, herrschsüchtig, geldgierig und aufhetzend beschrieben.

So kann es nicht verwundern, dass über die geheimnisvolle Gunnhild

Gormsdottir, diese Zauberin, viele Biographien und Romane existieren.

Gunnhildr konungamóðir, „Mutter der Könige“, oder Gunnhildr

Gormsdóttir, Gorms Tochter, lebt von etwa 916 bis 987. Nach der His-

toria Norvegiae ist sie eine Tochter von Thyra Danebod und König

Gorm dem Alten von Dänemark. Sie hat drei Brüder, unter anderen Harald Blauzahn, den berühmten dänischen Herrscher. Von einem finni-

schen Zauberer soll sie in magischen Künsten unterwiesen worden sein.

Christian Krohg: Gunnhild mit ihren Söhnen, Zeichnung um 1899

In den isländischen Sagas tritt Gunnhild als Frau des 885 geborenen Erik

I. genannt Blutaxt, des Königs von Norwegen, in Erscheinung, dessen

Vater Harald Schönhaar einen Großteil Norwegens unter seiner Herr-

schaft vereinigt hat. Die beiden sollen sich auf einem von ihrem Vater

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Gorm veranstalteten Fest begegnet sein. Ihre Ehe bedeutet eine dynas-

tische Vereinigung der beiden Herrscherhäuser Norwegens und Däne-

marks. Gunnhild und Erik haben mehrere Kinder: Gamle Eriksson, den

ältesten Sohn, dann Guthorm, Harald Gråfell (Graufell), Ragnfrod, Erling, Ragnhild, Gudrød und Sigurd Sleva.

Christian Krohg: Gunnhild als alte Frau, Illustration zur Olav Tryggvasons Saga,

1899

Als Erik von Håkon dem Guten gestürzt und aus Norwegen verbannt wird, folgt Gunnhild ihm ins Exil. Die isländischen Sagas berichten, dass

Erik sich mit seiner Familie auf den Orkney-Inseln niederlässt und von

den dortigen Statthaltern, den Jarls, als König anerkannt wird. Anschlie-

ßend übersiedelt er nach Jórvík, dem heutigen York in England, wo sich Gunnhild und Erik offenbar christlich taufen lassen. Nach Eriks Tod in

der Schlacht von Stainmore im Jahr 954, in der Osulf, der Herrscher Northumbrias, den Wikingern eine empfindliche Niederlage beibringt,

übernimmt Gunnhild die Vormundschaft für ihre Söhne. Mit ihnen zieht

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sie nach Dänemark an den Hof ihres Bruders Harald Blauzahn in Ros-

kilde und besiegt mit seiner Hilfe den norwegischen König Håkon den

Guten, der in der Schlacht von Fitjar 961 fällt. Gunnhilds älteste Söhne Gamle und Guthorm sterben ebenfalls. Da Håkon keine Erben hinterlässt, steht der Übernahme der Königsmacht in Norwegen durch Gunn-

hilds jüngere Sprösslinge nun nichts mehr im Wege. Im Triumph kehren

Gunnhild und ihre Söhne nach Norwegen zurück und übernehmen dort

die Macht, ihr Sohn Harald II. Gråfell wird von 960 bis 970 König des

Landes. Gunnhild aber übt nach wie vor erheblichen Einfluss auf ihre

Jungen aus. Sie wird „Mutter der Könige“ und ihre Nachkommen wer-

den „Gunnhilds Söhne“ genannt. Sie regieren grausam, töten oder set-

zen viele der Jarls und Kleinkönige ab, die bisher die norwegischen Pro-

vinzen regieren, beschlagnahmen ihre Ländereien und verursachen mit

ihren Feldzügen eine schwere Hungersnot. Gunnhild soll trotz eines ge-

waltigen Altersunterschieds die Geliebte des jungen isländischen An-

führers Hrut Herjolfssons gewesen sein, der Norwegen besucht, um

sein dortiges Erbe zu verwalten.

Nach dem Tod einiger Söhne in einem Bürgerkrieg muss Gunnhild um

970 mit ihren Söhnen Gudrød und Ragnfrod das Land verlassen und

lässt sich auf den Orkney-Inseln bei ihrer mit dem dort ansässigen Jarl

verheirateten Tochter nieder. Dort ist sie auch gestorben.

Thyra Danebod – Ahnherrin der dänischen Könige

Dänische Königin von 936 bis 958

Sie gilt als besonders weise Herrscherin, wenn man den Legenden über

sie glauben kann. Diese berühmte Thyra ist die Stammmutter der bis

1378 herrschenden Jelling-Dynastie und letztlich der bis heute regie-

renden dänischen Könige. Die spärlichen Informationen über sie stam-

men meist aus Mythen und Legenden.

Thyra Danebod wird vor dem Jahr 900 geboren. Als sie den Wikinger-

führer Gorm um 935 heiratet und dieser im Jahr darauf König wird,

steigt sie zur Königin von Dänemark auf. Die beiden haben fünf Kinder,

von denen aber nur der Sohn Harald Blauzahn belegt ist. Nach der Chro-

nik des Saxo Grammaticus fällt der älteste Sohn Knut Danaast, „Knut,

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die Freude und Liebe der Dänen“, der Lieblingssohn Gorms, 947 wäh-

rend eines Raubzuges, den er zusammen mit seinem Bruder Harald

nach Irland unternimmt. Einzig Thyra soll es möglich gewesen sein, ih-

rem Mann diese traurige Botschaft zu überbringen. Ihre Tochter Gunn-

hild wird die Frau des Königs Erik I. Blutaxt von Norwegen. Auch ein

Gonnor und ein Toki Gormsson sollen zu den Kindern von Gorm und

Thyra gehören. Thyra wird um das Jahr 958 vor Gorm gestorben sein,

wenn man den Runenstein von Jelling so interpretiert.

August Carl Vilhelm Thomsen (1813-1886): Thyra überbringt Gorm die Nach-

richt vom Tod seines Sohnes Knut

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Theodor Fontane beschreibt in seiner Ballade „Gorm Grymme“ 1864,