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**Die Königselfen: Feurig, frostig und fantastisch!** »SnowFyre. Elfe aus Eis« Bekannt als gefühlskalte Schwester der Winterkönigin, verbirgt die Elfe Fyre ihr gebrochenes Herz hinter einer Fassade aus Eis und Frost. Als sie den Auftrag bekommt, den Frühling einzuleiten, soll ausgerechnet Ciel sie unterstützen — der Prinz des Sommerhofes, der sie einst verletzt hat ... »SnowCrystal. Königin der Elfen« Als Königin des Winterhofes lastet eine große Verantwortung auf Crystals Schultern. Denn die Magie in ihrem Reich ist außer Kontrolle geraten und ihr bleibt nicht mehr viel Zeit, um ihr Reich vor dem Untergang zu bewahren. Doch ihr königlicher Berater Onyx will ihr plötzlich nicht mehr aus dem Kopf gehen, aber er ist tiefer in die Bedrohung für ihr Königreich verstrickt, als Crystal ahnt ... »SnowRose. Tochter der Feen« Als einzige Fee im Reich der magiebegabten Elfen fühlt sich Luna stets wie eine Außenseiterin, denn sie besitzt keine Kontrolle über ihre eigenen Kräfte. Widerwillig nimmt sie die Hilfe des charmanten Soleils an. Insgeheim fühlt sich Luna zu ihm hingezogen, doch als eine uralte Prophezeiung nicht nur den Untergang der Elfen vorhersagt, sondern ihr Leben für immer an das von Soleil bindet, steht Luna vor einer schweren Entscheidung ... Amy Erin Thyndals Trilogie entführt die Leser*innen in eine magische Elfenwelt, die einen mit Feuer und Glut, Eis und Schnee, Herz und Liebe sofort in ihren Bann zieht. //Diese E-Box enthält folgende Romane: -- SnowFyre. Elfe aus Eis (Königselfen-Reihe 1) -- SnowCrystal. Königin der Elfen (Königselfen-Reihe 2) -- SnowRose. Tochter der Feen (Königselfen-Reihe 3)//
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Veröffentlichungsjahr: 2024
www.impressbooks.de Die Macht der Gefühle
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Impress Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH, Völckersstraße 14-20, 22765 Hamburg © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2024 Text © Amy Erin Thyndal, 2016, 2017, 2018 Coverbild: shutterstock.com / ©Iancu Cristian / ©GS-Photos / ©Flower design sketch gallery / ©Leone_V / ©Viktor Gladkov / ©Apples Eyes Studio / ©railway fx / ©Sveta Y Covergestaltung der Einzelbände: formlabor ISBN 978-3-646-61096-3www.impressbooks.de
© Anna Glatt
Amy Erin Thyndal lässt sich von ihren Freunden gern damit aufziehen, dass sie Bücher doch toller fände als Menschen. Nichtsdestotrotz sind es die Menschen um sie herum, die sie zum Schreiben inspirieren und ihrem Leben das gewisse Etwas verleihen. Und zwischen wissenschaftlichem Labor, Hobbys, Freunden und natürlich der obligatorischen Lesesucht widmet sie sich der großen Liebe – ob in ihren Büchern oder in der echten Welt.
Vita
Band 1: SnowFyre: Elfe aus Eis
Band 2: SnowCrystal: Königin der Elfen
Band 3: SnowRose: Tochter der Feen
Impress
Die Macht der Gefühle
Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.
Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.
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Amy Erin Thyndal
SnowFyre. Elfe aus Eis (Königselfen-Reihe 1)
»Ich bin die Inkarnation von Winter, von Kälte, von Eis«Bekannt als gefühlskalte Schwester der Winterkönigin, verbirgt die Elfe Fyre ihr gebrochenes Herz hinter einer Fassade aus Eis und Frost. Als sie jedoch den Auftrag bekommt, den Frühling einzuleiten, soll ausgerechnet Ciel sie unterstützen — der Prinz des Sommerhofes, der sie einst so sehr verletzt hat, dass sie nun niemanden mehr an sich heranlässt. Für die Königreiche steht zu viel auf dem Spiel, um seine Hilfe ablehnen zu können, deshalb muss Fyre sich ihrer Vergangenheit stellen. Doch Ciel weckt noch immer die Gefühle in ihr, die sie einst gebrochen haben …
Buch lesen
Für meine Schwester
Fyre
Wenn es schneit, so heißt es, kann man manchmal die Schneekönigin inmitten der Schneeflocken erkennen …
Angestrengt starre ich in die Dunkelheit, Hans Christian Andersens Märchen aufgeschlagen auf dem Schoß, mein iPod spielt Lindsey Stirlings Geigenversion von Crystallize. Die Schneeflocken, die durchs Fenster hereinwehen, setzen sich wie sanfte Liebkosungen auf meine Schultern und mein Haar.
Ja, ich liebe den Winter. Die Kälte, der Schnee, das Eis, das ist es, was das Leben lebenswert macht. Für Hitze und Sandstrände habe ich nichts übrig, meine Welt ist weiß. Sie ist blau, grau, dunkel, kalt – und wunderschön. Nicht zu vergleichen mit Schweiß, schwüler Luft oder Wüstenstaub.
Ich hauche die kalte Fensterscheibe an und zeichne das Abbild einer Schneeflocke. Schneekönigin, nimm mich mit – dieser öde Kai war deiner nicht wert. Ich würde es besser machen!
Aber leider erhört mich niemand. Nicht, dass ich das erwarte. Mein Leben ist kein Märchen, zumindest keines im klassischen Sinne.
Ich lehne mich aus dem Fenster, atme die eisig kalte Luft. Ein Rabe fliegt einsam durch die Nacht, sein Schatten erhebt sich dunkel gegen das Licht der Straßenlaternen.
Komm zu mir, bitte ich stumm, sei so gut.
Abrupt lässt sich der Rabe auf einem Ast nieder, den ich soeben vereist habe und starrt mich an. Dann krächzt er irritiert. Kichernd schließe ich das Fenster.
Eine Tür in meinem Rücken öffnet sich und jemand tritt hinter mich.
»Callum«, hauche ich, drehe mich um und sehe dem hellblonden Elf tief in die Augen. Atemlos starrt er mich an, kann sich nicht zurückhalten, kommt näher und legt seinen Arm um meine Hüften. Er senkt seine Lippen auf meine, während seine andere Hand suchend auf meinem Rücken umherstreift.
Lachend entwinde ich mich seinem Griff.
»Das hast du doch nicht ernsthaft geglaubt, oder?«
Er wendet sich enttäuscht ab.
»Crystal sucht dich.«
Seufzend drehe ich mich um und stolziere davon. Wenn eine Königin dich sucht, sei besser zur Stelle, selbst wenn sie deine Schwester ist. Gerade dann, befürchte ich.
Erhobenen Hauptes schreite ich durch die Gänge des Hauses. Der Hof der Winterkönigin ist groß, allein das zugehörige Haus, oder wohl eher der Palast, ist riesig. Müsste man hier putzen, würde man niemals fertig werden. Die antike französische Ausstattung glänzt, seit ich denken kann, ohne auch nur ein Körnchen Staub anzusetzen, und keine Spinne würde es wagen, hier ihr Netz zu spinnen. Den Anblick des weißen Marmorbodens beschämt nicht ein einziger Fleck oder Fehler im Stein, die Deckenmalereien wirken so frisch, als wäre da Vinci erst gestern bei uns zu Gast gewesen.
Im Vorbeigehen lasse ich alle Lichter erlöschen, von pompösen elektrischen Kronleuchtern zu schlichten Kerzen und einsamen Glühbirnen in Abstellräumen mit angelehnten Türen. So schön mancher unsere Einrichtung auch finden mag, so sehr sie zu tiefgründigen Gedichten anregt, so ist sie doch nicht so ganz mein Fall. Ich kann diesen übertriebenen Prunk nicht ausstehen, aber vor allem nicht dieses widerlich warme Licht. Obwohl ich am Hof der Winterkönigin bin – wieso erinnert hier so viel an den Sommer? Zischendes Feuer in den Kaminen, funkelnde Kronleuchter, angezündete Kerzen, heiße Küchenherde und sogar eine verdammte Bodenheizung.
Crystal ist keine winterliche, eisige Winterkönigin, wie sie im Buche steht, fürchte ich. Meine Schwester ist viel zu nachsichtig, gutmütig, verantwortungsbewusst, und wäre das nicht mit unangenehmen Nebeneffekten verbunden gewesen, hätte ich sie längst umgebracht und ihren Platz eingenommen.
Geschwisterliebe kennen wir nicht, beziehungsweise, kenne ich nicht. Die Liebe ist ein zu warmes, hässliches Gefühl – was soll ich denn bitteschön damit?
Crystal zieht mich oft damit auf, dass ich der eigentliche Winter bin, aber das wissen ohnehin alle. Ich bin die Inkarnation von Winter, von Kälte, von Eis. Ich bin die vollendete Winterelfe.
Wahrscheinlich hat unsere Mutter deshalb Crystal als Königin erwählt. Ich bin zu kaltblütig, zu berechnend, zu gern für mich allein, niemals hätte ich mich um die tausenden Winterelfen kümmern können. Die Bedeutung dieses Wortes ist mir sowieso ein Rätsel. Wieso hätte ich das bitte tun sollen? Meine Schwester hat vielleicht spezielle Kräfte, für die manch einer seine Seele verkaufen würde, aber die habe ich als ihr Zwilling auch. Nur ihre Macht über unser Volk, ihre Autorität habe ich nicht.
Nachdenklich bleibe ich vor einem Spiegel stehen und betrachte mein kaum erleuchtetes Abbild. Ebenholzfarbenes Haar, schneeweiße Haut, blutrote Lippen. Ich bin nicht eitel, ich weiß, ich bin vollkommen.
Aber etwas in diesem Spiegel stimmt nicht, etwas muss verändert werden. Ich lege meine Hand auf das kalte Glas, drückte einen Moment dagegen und betrachte zufrieden, wie sich schmerzhafte Risse durch das Glas ziehen.
In diesem Moment spüre ich etwas. Hinter mir, da ist – Wärme. Angewidert drehe ich mich um in der Erwartung, eine Kerze zu sehen oder etwas Ähnliches, das sein widerwärtiges Licht verbreitet.
Aber hinter mir ist keine Kerze, die ich nicht schon gelöscht hätte. Hinter mir ist absolut gar nichts außer dem dunklen Gang, in dem durch mein perfektes Werk Eiseskälte herrscht. Erfolgreich habe ich auf meinem Weg alle Lichter mit meiner Magie gelöscht, alle Heizungen ausgeschaltet und jede Hitzequelle eliminiert. Dennoch war da etwas …
Irritiert suchen meine Augen die Umgebung ab. Ich weiß, ich habe mich nicht getäuscht. Ich täusche mich nie.
Unverhofft spüre ich eine warme Hand, die meine Schulter berührt. Verärgert wirble ich herum. Wer wagt es?
Vor mir steht ein Sommerelf. Die brennende Wärme, die von ihm ausgeht, scheint mich zu verglühen. Ich will ihn gerade mit einem Eisregen begrüßen – ein Sommerelf, der in unseren Hof eindringt, ist nie willkommen – als mir aufgeht, wer da vor mir steht und grinsend meine Reaktion abwartet. Dunkelblonde, lächerlich verwuschelte Haare, große, schlanke Statur, Lippen, für die manch einer töten würde, eine makellose Haut in der Farbe von flüssigem Karamell – er ist es. Ich entlasse das Eis, das ich mit meiner Magie zu seiner Begrüßung rufen wollte, reiße mich los und gehe weiter.
»Warte«, befiehlt der Elf hinter mir. Ich ignoriere ihn.
Hastige Schritte, und er packt mich an der Schulter.
»Was willst du, Ciel?«, fahre ich ihn an. Ciel, Repräsentant des Sommerhofes, Bruder des amtierenden Sommerkönigs, ist bedauerlicherweise an unseren Hof gereist, um mit Crystal irgendeinen Unsinn über die Jahreswende zu besprechen. Er ist nicht gerade meine liebste Person. Immer die Ruhe bewahren.
»Was?«, frage ich ungeduldig.
»Fyre …«, sagt er meinen Namen. Bilde ich mir den flehenden Unterton nur ein?
Ich weiß, was hat sich unsere Mutter nur dabei gedacht, mich Fyre und meine Schwester Crystal zu nennen? Das größte Paradoxon aller Zeiten.
»Du weißt doch längst, was ich will«, stellt Ciel schließlich fest.
Mit hochgezogenen Augenbrauen blicke ich ihn an.
»Ach ja?«
Natürlich weiß ich, von was er spricht. Der Frühling fängt an – doch dumm, dumm, der Sommerkönig und die Winterkönigin sind gerade ziemlich beschäftigt. Ciel springt als Bruder des Sommerkönigs für ihn ein, aber ich bin nicht gerade wild darauf, seinem Beispiel zu folgen. Ich seufze.
»Vergiss es. Das musst du mit meiner Schwester ausmachen.«
»Was er bereits getan hat.«
Crystal kommt aus einem der Gänge. Sie begutachtet mein Werk im winterlichen Gang, dann klatscht sie in die Hände, alle Lichter flammen wieder auf. Auch die Heizung springt wieder an – mir scheint sie sogar wärmer als zuvor, als wolle sie verlorene Zeit wettmachen.
Kalt funkle ich Crystal an. Meine süße kleine Schwester mit ihrem platinblonden Haar, den dunkelgrünen Augen und dem verspielten Petticoat-Kleid steht mir in nichts nach, dennoch gebe ich meistens vor, die Überlegenere zu sein.
»Dabei habe ich mir solche Mühe gegeben«, schmolle ich mit einem ironischen Unterton.
Sie zieht eine Braue nach oben, dann richtet sie den Spiegel an der Wand. Beleidigt sehe ich zu, wie sie Ciel mit einer nicht besonders formellen Umarmung begrüßt und sich schließlich wieder mit mir beschäftigt.
»Fyre, du weißt, ich bin gerade sehr beschäftigt, deshalb bitte ich dich darum, dich dieses Jahr mit dem Bruder des Sommerkönigs um den Frühling zu kümmern.«
»Bittest oder befiehlst?«, hake ich nach, aber ihr kalter Gesichtsausdruck beantwortet meine Frage bereits.
Na großartig. »Was muss ich tun?«
»Der Frühling stellt traditionell den Übergang vom Winter in den Sommer dar. Ich übertrage dir die Macht über den Winter, Ciel wird sie dir abnehmen und die Welt in Richtung Sommer bewegen. Ich habe veranlasst, dass du dazu an den Sommerhof reist. Genaueres wirst du dort erfahren. Die paar Wochen wird dein Blut die Wärme schon aushalten, Schwesterherz.«
Dieses Mal scheint Crystal unerbittlich zu sein. Wenn’s denn unbedingt sein muss.
Werde ich eben zu diesem grässlich heißen Hof reisen, mich ein paar Wochen lang in schrecklich heller, froher Umgebung aufhalten – es ist immerhin die perfekte Gelegenheit, ein wenig Unruhe zu stiften.
»Du wirst dich benehmen, Fyre«, befiehlt Crystal, ausgerechnet mir.
»Aber natürlich, Schwesterchen«, antworte ich zuckersüß und rausche davon. Ja klar. Als ob ich mich an so etwas halte.
Ihr gutes Benehmen kann sie sich sonst wohin stecken.
Callum ist immer noch in meinen Räumen und stöbert in meinem Nachttischschränkchen.
»Raus!«, kommandiere ich, überlege es mir aber anders.
Ich winke die unscheinbare Dienerelfe hinter mir herein. »Du kannst schon mal anfangen zu packen. Bloß keinen Mantel – es wird warm genug.«
Dann wende ich mich Callum zu.
»Warte«, flüstere ich und trete auf ihn zu. Provozierend lege ich den Kopf in den Nacken und öffne leicht den Mund. »Callum …«
Er kann sich nicht beherrschen und handelt wie vorausgesehen, indem er sich mir zuneigt, um mich verlangend zu küssen. Innerlich lache ich, als ich im letzten Moment zurückweiche und mich über die Zerstörung freue, die ich in ihm anrichte.
Immer dasselbe Spiel – aber wieso nicht noch ein wenig Spaß haben?
Callum folgt mir nach, versucht, mich zu erreichen, mich an ihn zu drücken. Ich lasse ihn nicht gewähren, necke ihn, umkreise ihn spielerisch. Endlich erlaube ich ihm einen verstohlenen Kuss auf meine Wange, spiele verführerisch mit seinem Haar, wenn ich ihm wieder entkomme.
»Schluss jetzt.«
Er muss schon länger in der Tür stehen. Keine Ahnung, wieso ich seine Hitze nicht gleich bemerkt habe – na ja, ich habe an anderes gedacht. Augenblicklich löst sich Callum von mir und drückt sich an ihm vorbei, flieht, möglichst weit weg vor mir und der tödlichen Versuchung, die ich für ihn darstelle.
»Was soll das?«, will ich wissen, »Jetzt hast du ihn verscheucht. Willst du etwa seinen Platz einnehmen?«
Ciel runzelt die Stirn.
»Und ich dachte immer, du seist die Inkarnation der Kälte. Mit so etwas habe ich nicht gerechnet.«
»Offensichtlich bin ich das nicht immer … Also, willst du nun oder willst du nicht?«
Er grinst. »Ich denke, ich verzichte vorerst.«
Empört nehme ich die Arme vor der Brust zusammen.
»Wieso hast du dann gestört?«
Er schüttelt resigniert den Kopf.
»Es gehört sich nicht, Elfen so zu behandeln. Du könntest ruhig etwas verantwortungsvoller mit deinen Bediensteten umgehen.«
Ich lege den Kopf in den Nacken und lache hell.
»Hast du vergessen, wer ich bin?«
»Sicher nicht«, murmelt er und kommt näher, bis er direkt vor mir steht. Ich bin wie versteinert, kann ihn nur ansehen, während seine Lippen sich bewegen und er etwas sagt.
»Ich denke, du solltest dein Verlangen nicht an deinen Untergebenen stillen. Vorerst muss das hier genügen.«
Er haucht mir einen sanften Kuss auf die Lippen und geht.
Unfähig, etwas zu tun, starre ich weiterhin auf die Tür, meine Finger zucken in Richtung Unterlippe. Ich bin völlig paralysiert.
Der Kuss dieses Sommerelfs hat mich nicht, wie erwartet, verbrannt. Es hat sich unbeschreiblich angefühlt, mit einer eindringlichen, willkommenen Wärme – einfach nur wundervoll. Ich lecke mir über die Lippen.
Verdammt, ich will mehr davon.
Vielleicht ist es doch nicht so schlecht, ein paar Wochen am Sommerhof zu verbringen.
Ciel
Sie so zu sehen, in den Armen eines Anderen, ist mehr, als ich ertragen kann.
Nach all der Zeit kann ich sie doch nicht vergessen, unwichtig, wie oft sie oder ich unsere Vergangenheit abstreiten, verdrängen.
Das Gefühl ihrer Lippen auf meinen brennt sich in mein Gedächtnis. Fyre.
Wie konnte ich nur so dumm sein?
Fyre
Wie es auch aussehen mag: Es ist nicht immer leicht, ich zu sein.
Es ist nicht leicht, von allen gehasst zu werden – mit gutem Grund, wie ich mir natürlich bewusst bin – es ist nicht immer leicht, meiner Rolle als kaltherzige, bösartige Zwillingsschwester der allseits beliebten Winterkönigin gerecht zu werden.
Manchmal hasse ich mich selbst.
Manchmal wünschte ich, mir nur einen Tag des Glücks erlauben zu dürfen.
Aber ich darf nicht. Kann nicht.
Ich weiß, danach wäre es noch schwerer. Ich will diesen Schmerz nicht noch einmal erleben müssen. Ich werde alles tun, um das Eis bruchsicher zu halten.
Du wirst schwach, tadle ich mich, hat er nach all den Jahren wirklich solch eine Wirkung auf dich? Du weißt, er hat dich verraten!
Verflucht. Wie kann ich nur so landschaftsschmelzend dämlich sein? Wie?!
Er hat dir damals gezeigt, was du ihm bedeutest. Belass es dabei. Vergiss ihn.
Ich darf nicht schwach werden. Nicht jetzt. Nicht ihm gegenüber …
Genug davon. Ich versuche, die Gedanken an Ciel zu verdrängen und mich wieder auf den Weg zu konzentrieren.
Rosie ist ohnehin schon viel zu gut darin, mich zum Grübeln zu bringen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich sie immer seltener besuche, aber natürlich muss ich mich verabschieden.
Widerwillig klopfe ich kurz, bevor ich die Tür zu ihrem Garten öffne.
Ein wildes Blumenmeer empfängt mich.
Wintergärten sind eigentlich eine gute Sache, zumindest, solange man sie nicht der Pflege einer hobbylosen alten Frau übergibst.
Na gut, ich gebe zu: dieser gesamte Ort ist ein Traum. Dank Rosies Fürsorge beanspruchen die ausgefallensten Pflanzen, verloren geglaubte Arten sowie natürlich ihre Lieblinge jeden einzelnen Winkel in Beeten und Töpfen für sich.
Aber für eine Winterelfe wie mich ist das nichts.
Zumindest ist es das, was ich mir einrede.
Ich folge dem Weg in die Mitte der Glaskuppel, welche den Garten umwölbt, der feine Kies knirscht unter meinen schwarzen Wildlederstiefeln.
Hinter dem kreisrunden Springbrunnen, der die Fläche im Zentrum dominiert, steht Rosie, von mir abgewandt, konzentriert mit ihrer Gartenschere ein paar verwelkte Blätter von den Rosen auslichtend.
Ihre schulterlangen, schneeweißen Locken hüpfen auf und ab, als sie sich nach einer blutroten Prince Noir beugt.
»Schön, dass du schließlich auch noch zu mir findest, Liebes«, begrüßt sie mich – eine Mischung aus echter Freude und Sarkasmus.
Ich lasse mir das aufkeimende Schuldbewusstsein nicht anmerken, als ich die zweite Schere vom Brunnenrand aufhebe und mich neben sie stelle.
»Ich hätte auch gar nicht kommen können«, deute ich an, woraufhin Rosie anfängt zu lachen.
»Keine Chance«, wehrt sie ab, »ich kenne dich viel zu gut, als dass ich daran zweifeln könnte, dass sich in dir nicht mehr meine süße kleine Enkelin verbirgt, die sich in Gewitternächten immer an meinen Rockzipfel klammerte.«
Ich muss lächeln und fange an, ein paar trockene Äste von der kletternden Indigoletta vor mir abzuschneiden.
»Jaja, ich freue mich auch, dich zu sehen, Rosie.«
Endlich schaut sie mich an, der Blick aus ihren saphirblauen Augen trifft mich prüfend bis ins Herz. Trotz ihrer 863 Jahre gilt sie immer noch als Schönheit – nicht ohne Grund. Sie steckt mir sanft die Prince Noir ins Haar.
»Steht dir ausgezeichnet, Kind«, kommentiert sie.
Ich verdrehe nur die Augen.
»Du solltest aufhören, deine Gefühle zu verstecken«, versucht sie mich wie so oft zu belehren. Noch ein Grund, weshalb ich ihre Gesellschaft so selten aufsuche: Ihr Vorschlag ist zu verlockend und beängstigend zugleich.
»Rosie! Ich bin nicht wie Crystal, akzeptier das endlich!«
Sie runzelt die faltige Stirn.
»Das habe ich nie behauptet. Du bist nicht wie deine Schwester. Aber deine Maske tut weh, Schatz.«
Sie weiß gar nicht, wie sehr. Ich seufze.
»Wie oft soll ich es noch sagen? Ich trage keine Maske.«
Für einen Moment ist nur das Klacken der Gartenscheren und das knisternde Geräusch zu hören, das ertönt, wenn das nächste Blatt in den Transportkasten geworfen wird.
»Ich habe gehört, dieses Jahr wirst du mit Ciel den Frühling übernehmen?«, erkundigt sie sich scheinbar beiläufig, das Thema wechselnd.
Für heute hat sie es aufgegeben – aber sie wird es wieder versuchen. Und wieder. Und wieder. Rosie als »hartnäckig« zu bezeichnen, wäre deutlich untertrieben.
»Crystal zwingt mich dazu«, erkläre ich und verpasse dem blassblau blühenden Rosenbusch vor mir den letzten Schliff. Perfekt. Jede Blüte ein Lichtblick – der ganze Busch vervollkommnet. Kein einziger Makel ist zu entdecken. Ich begebe mich stolz zum nächsten Exemplar – eine jungfräulich weiß blühende Boule de Neige.
»Das ist toll! Deine Schwester hat die Voraussicht deiner Mutter geerbt. Es wird dir guttun, vertrau mir.«
Ich bedenke sie mit einem vernichtenden Blick.
»Du meinst wohl hoffentlich nicht Ciel?«, frage ich angriffslustig.
Sie lächelt nur geheimnisvoll.
Zur Hölle, wieso ist mein Schutzeis in ihrer Anwesenheit nur nie zu retten?
»Wie kannst du nur glauben, ich könnte mich je auch nur für einen Moment auf das Niveau dieses idiotischen Sommerelfen herablassen!«, brause ich auf.
Rosie bleibt unbeirrbar.
»Siehst du? Deine Mutter war genauso, als sie deinen Vater zum ersten Mal traf. Damals waren die Höfe noch verfeindet, und sie wollte ihn anfangs gar nicht mögen …«
»Und jetzt sind beide tot«, sage ich kalt. Rosie zuckt zusammen.
Es heißt vielleicht, die Zeit heile alle Wunden, aber für diese gilt das offensichtlich nicht. Oder die Seelenheilkräfte sind in unserer Familie einfach nicht genetisch verfügbar, wer weiß. Der Schorf auf dieser Wunde scheint zumindest ziemlich dünn zu sein.
»Jeder stirbt einmal«, stellt sie bekümmert fest, »aber deine Eltern hatten ein erfülltes, glückliches Leben, in dem sie nie etwas bereut haben. Nicht jedem ist solch ein strahlendes Schicksal vorherbestimmt.«
»Wie auch immer«, erwidere ich gespielt freundlich, werde aber wieder ernst.
»Ich habe dich lieb, Oma«, sage ich entschuldigend.
Sie lächelt mich liebevoll an.
»Das weiß ich doch, Fyre. Solltest du aber nicht langsam anfangen, zu packen?«
Bevor ich mich stoppen kann, habe ich schon die Schere beiseitegelegt und finde mich in einer Umarmung wieder. Der Orangenduft ihres Parfüms riecht wie Zuhause und erinnert mich an tausende winzige, von Zufriedenheit durchdrungene Begebenheiten.
Verdammt, wann bin ich nur so sentimental geworden?!
Ärgerlich auf mich selbst löse ich mich von ihr. Zeit zu gehen, bevor ich noch mehr kaputt mache.
»Rhia ist bereits dabei, aber vielleicht sollte ich mal nach ihr sehen«, verkünde ich. »Bedienstete machen doch immer etwas falsch.«
Sie lächelt ihr sanftes Großmutter-Lächeln, ohne auf meinen spitzen Kommentar einzugehen. Ich seufze.
»Ich werde dich vermissen«, gestehe ich.
Ohne auf ihre Erwiderung zu warten, haste ich aus dem Garten.
Ciel
»Vielleicht kann er erreichen, was sonst niemand erreicht«, sagt eine traurige Stimme, »möglicherweise kann er ihr helfen, endlich wieder ihr wahres Ich zum Vorschein zu bringen, und ihren Schmerz lindern.«
Ich ziehe meine zum Klopfen erhobene Faust zurück. Was höre ich da?
Vorsichtig nähere ich mich der Tür und spähe durch das Schlüsselloch in den Audienzsaal der Königin. Spitzeln sieht mir eigentlich nicht ähnlich, doch dieses Gespräch verspricht interessant zu werden.
Onyx, ein enger Berater Crystals, hebt gerade zweifelnd eine Augenbraue.
»Ihr wahres Ich? Ist es denn nicht längst offensichtlich?«
Von wem sprechen sie?
Unterschwellig bemerke ich die Art, wie er sie ansieht. Als verzehre er sich zutiefst nach dem einzigen, was ihn am Leben erhält, und als bereite ihm die Verweigerung dessen ungeheure Schmerzen – die er allerdings gekonnt hinter einem bewundernden Lächeln versteckt. Auch in ihrem Blick liegt eine unausgesprochene Sehnsucht – hinter gezwungener Höflichkeit und Distanz verborgen.
Wie auch immer, das Privatleben der Winterkönigin geht mich nichts an.
Nun verschränkt Crystal entrüstet die Arme, und ich konzentriere mich wieder auf ihre Unterhaltung.
»Nein, Fyre war nicht immer so!«, streitet sie seine zwischen den Worten versteckte Kritik ab. »Früher war sie die umgänglichste, fürsorglichste Schwester, die du dir vorstellen kannst! Gerade mal 16 Minuten älter und wollte mich dennoch immer vor der geballten Grausamkeit der Welt beschützen. Sie wurde erst so wie jetzt, als es passiert war.«
Sie seufzt und spricht nach kurzem Zögern weiter.
»Nach diesem Verlust ist nur noch Ciel wirklich an sie herangekommen. Selbst Rosie konnte erst mit der Zeit wieder Blicke auf die echte Fyre erhaschen. Aber Ciel und Fyre – es war, als wären sie füreinander geschaffen.«
Fyre und ich? Es mag eine Zeit gegeben haben, in der ich mir nichts sehnlicher gewünscht hätte. Doch sie hat mir deutlich gezeigt, was sie von solchen Wünschen hält.
»Ich weiß immer noch nicht, was sie damals trennte«, fährt Crystal fort.
Glaub mir, ich auch nicht, denke ich bitter.
Langsam ziehe ich mich zurück. Ich habe genug gehört, und ich kann mich auch morgen noch bei der Königin für ihre Freundlichkeit bedanken.
Die Gedanken an Fyre schleichen sich in mein Bewusstsein, und es fällt mir immer schwerer, sie zu verdrängen.
Wie soll ich es nur überstehen, gemeinsam mit Fyre den Frühling zu vollziehen?
Luna
Mit einem leisen Pling! verkündet der Aufzug die Ankunft im Zielstockwerk und öffnet seine stählernen Vorhänge, um den Blick auf mein Zuhause freizugeben. Ich ziehe meinen Schlüssel aus dem Zugriffsschloss und betrete unser Wohnzimmer.
»Phi? Andy? Ich bin wieder da!«, verkünde ich lautstark und schleudere die Louis Vuitton-Handtasche hinter das Sofa.
»Vorsichtig damit! Das ist immerhin ein Original! Lerne endlich Mode wertzuschätzen!«, empört sich Tante Phi, die zu mir kommt und mir einen Kuss auf die Wange drückt.
»Sicher«, beschwichtige ich sie und gehe in die Küche, um mir einen Tee zu machen.
Unser Zuhause ist hochmodern, für meine Tanten ist das Neueste und Beste gerade gut genug. Verwirrt sehe ich mich heute wieder mit dem neuesten Ergebnis ihrer Kaufsucht konfrontiert: eine Touchscreen-Kaffeemaschine mit unglaublich vielen Funktionen, aus denen ich leider nicht wirklich schlau werde. Die Zeichen, die anzutippen sind, könnten genauso gut chinesisch sein. Wobei ich sie dann, dank meines Chinesisch-Kurses im letzten Jahr, vielleicht sogar verstehen würde.
Seufzend beuge ich mich zur untersten Schublade unter dem Herd und ziehe einen rustikalen, beinahe antiken Wasserkocher heraus. Dann greife ich in das Fach über den Kühlschrank und schütte ein paar Blätter des teuren, eigens aus China importierten grünen Tees in meine Sheepworld-Tasse.
»Du und dein Tee«, spottet Andy, die sich neben mich stellt und der neuen Kaffeemaschine einen Latte Macchiato entzaubert. Irgendwie ist sie die Einzige, die den ganzen Technikkram in dieser Wohnung versteht.
Sphinx und Andromeda – die zwei verrücktesten Personen, die ich kenne, was nicht nur daran liegt, dass sie Halbelfen sind. Daran natürlich auch, aber ich bin davon überzeugt, dass sie selbst in menschlicher Form hoffnungslose Fälle darstellen würden, Andromeda mit ihrem Hang zu technischen Wunderwerken und Sphinx mit ihren Bauernregeln und Porzellansammlungen, in welchen sie seltene Orchideen züchtet.
Ich gehe wieder ins Wohnzimmer, nehme meine Tasche und verscheuche einen Kyriaki vom Sofa. Diese Biester sind echt überall.
Dann schlendere ich langsam in mein Zimmer und schließe die Tür hinter mir.
Ich flüstere: »Skye? Wo bist du? Komm her, Süße!«
Sie springt hinter ihrem Kratzbaum hervor und fängt an, mir schnurrend um die Beine zu streichen. Wie immer fühlt es sich an, als würde ein kühler Luftzug durch den Raum wehen.
Ich lege meine Tasche auf mein in samtiges Violett bezogenes Bett und beuge mich nach unten, um Skye zu kraulen. Ich kann sie nicht fühlen, aber ihr Schnurren verrät mir, dass wenigstens sie meine Berührungen spüren kann.
»Ich wünschte echt, du wärst eine richtige Katze«, gestehe ich ihr. Zur Antwort faucht sie à la »Bin ich dir denn nicht gut genug?«.
»Du weißt schon, mit Substanz und so.«
Sie überlegt kurz, ob sie weiterhin die Beleidigte spielen soll, dann nickt sie kurz.
Skye ist die erste Kyriaki, die Sphinx und Andromeda geschaffen haben. Normalerweise sind Kyriaki rot, drachenartig, einfach zu kontrollieren, verbittert und auf Blut aus, aber bei Skye ist irgendetwas schiefgegangen, behaupten meine Tanten. Ich jedenfalls finde sie traumhaft – selbst als Geist. Im Gegensatz zu ihren »Artgenossen« scheint sie das Duplikat einer sibirischen Waldkatze, hellgraues, flauschiges Fell, blasse, schokoladenbraune Augen. Ihre Krallen bilden den einzigen Körperteil mit Substanz, wie bei jedem Kyriaki. Am Anfang hatten meine Tanten Angst um mich, als ich ihnen von meinem neuen Haustier erzählte, inzwischen haben sie sich an Skye gewöhnt und akzeptieren sie, solange sie ihnen aus dem Weg geht. Mit diesem Kompromiss scheint sie recht zufrieden zu sein, denn aus irgendeinem Grund traut sie Sphinx und Andromeda nicht über den Weg.
Ich frage mich wirklich, wessen Seele meine Tanten in ihr gefangen haben.
Skye nicht aus den Augen lassend, setze ich mich auf mein Bett und lasse sie auf meinen Schoß springen. Einen Moment lang legt sie sich still hin, dann miaut sie fragend. Ich seufze und ziehe ein Paar Saphirohrringe aus meiner Handtasche hervor.
Geht doch, scheint sie zu sagen und nimmt sie mir mit ihren Krallen ab.
Aus irgendeinem Grund hat Skye eine unvorstellbare Liebe für alles, was glitzert, entwickelt. Ohrringe, Ketten, Armbänder, Pailletten, Strasssteine – nichts ist vor ihr sicher. Immerhin habe ich so eine Lösung gefunden, sie zu bestechen, falls sie mal schlecht auf mich zu sprechen sein sollte.
Sie zögert mit den Ohrringen in den Krallen und schaut mich an.
»Was ist?«, frage ich.
Dir stehen sie besser als mir, höre ich eine Stimme in meinem Kopf, die genau gleich klingt wie meine.
Ich zucke zusammen, reime mir jedoch schnell zusammen, was das war. In meiner Welt sind gewisse Dinge, die sehr verrückt erscheinen, nicht unüblich. Und darüber, Stimmen hören zu können, die andere nicht hören, mache ich mir schon längst keine Sorgen mehr.
»Du kannst sprechen? Seit wann? Wieso hast du das nicht früher gesagt?«, will ich wissen.
Sie legt dein Kopf schief.
Du kannst mich endlich hören?
»Konnte ich das vorher nicht?«
Skye schüttelt traurig den Kopf. Dann schmiegt sie sich wieder an mich.
Die anderen haben erzählt, dass wir Kyriaki nach einer Weile mit anderen Wesen kommunizieren können. Ich hielt es für einen Mythos … Du hast aber keine Angst davor, oder?
Ich lache. Meine beste Freundin kann sich endlich mit mir unterhalten!
»Keine Sorge, ich finde es großartig! Mit meiner Katze sprechen zu können … warte nur, bis ich das Phi und Andy erzähle.«
Nicht weitererzählen, stoppt sie mich entschlossen.
»Na gut«, willige ich ein, »Sag mal, können die anderen Kyriaki auch sprechen?«
Sie zuckt mit den Katzenschultern. Plötzlich fällt ihr etwas ein und sie deutet mit der Nase auf meine Sockenschublade.
Du solltest da mal saubermachen, meckert sie und springt auf den Boden zurück.
»Hey! Hör auf, mir Befehle zu erteilen!«, lache ich und gehe auf besagte Schublade zu.
Ich bin eine Katze, ich darf das, begründet sie ihr Verhalten.
»Das ist keine Ausrede«, grummle ich und öffne die Schublade.
Ich darf das trotzdem.
In meiner Schublade sehe ich ordentlich eingeräumte bunte Socken auf schwarzen Socken auf weißen Socken – und einen rötlichen Schimmer ziemlich weit unten. Irritiert räume ich die oberen Strümpfe zur Seite – und erwische einen Kyriaki dabei, wie er friedlich in meiner Sockenschublade schlummert. Entsetzt fährt er hoch, als ich ihn anstupse und blitzschnell flitzt er unter meinem Türspalt hindurch nach draußen.
Was wollte der hier? Meine Tanten bespitzelten mich doch nicht etwa?
Er ist schon eine ganze Weile hier, erzählt Skye, aber renn jetzt nicht kopflos raus! Nicht jeder ist so, wie er scheint. Ich würde deinen Tanten mit Misstrauen begegnen.
Meine Tanten haben mich ausspioniert?! Zornig stürme ich trotz Skyes Warnung nach draußen und suche nach meinen Tanten. In der Wohnung sind sie nirgends zu finden – fehlt noch der Mysterienkeller. Ich gehe in Andromedas Schlafzimmer, steige in den Kleiderschrank und öffne mit dem Codewort die geheime Treppe, die nur scheinbar ins Nichts führt. Ich steige auf die erste Stufe und warte, während sie sich bewegt und mich an den gewünschten Ort trägt.
Meine Tanten sind gerade dabei, schon wieder einen neuen Kyriaki zu schaffen. Haben wir nicht langsam genug? Die ganze Wohnung wimmelt davon, und ich habe immer noch keine Ahnung, zu was die Viecher gut sein sollen! Skye mal ausgenommen.
Ich stocke, als ich sie beim Lesen aus ihrem Grimoire, jenem Buch, in dem unsere Familie ihre Zaubersprüche und magischen Rituale sammelt, entdecke. Bei uns zu Hause gibt es fast keine Regeln, nur diese: Beim Kyriaki-Beschwören dürfen meine Tanten nicht gestört werden. Selbstverständlich verstehe ich, wieso: Wenn ein Zauber durch fehlende Konzentration danebengeht, kann das böse enden. Die beiden erzählen mir nicht umsonst jeden Morgen am Frühstückstisch eine Horrorgeschichte darüber, was bei schiefgelaufenen Zaubern schon alles geschehen ist.
Inzwischen kenne ich den Zauber ganz gut, schließlich halten meine Tanten nicht viel von Geheimnissen. Sie locken die Seele, die nach dem Tod ihres Körpers immer drei weitere Tage in der Leiche verharrt, aus einem toten Körper und binden sie mithilfe dessen Blut, Zaubersprüchen, etwas Silberstaub und geraspelter Alraunwurzel an diese Welt. Die frisch erwachten Kyriaki erhalten Krallen aus Holunderholz, die durch einen Zauber an ihren Pfoten haften, und das war’s auch schon. Sie folgen ab jetzt den Befehlen ihrer Erschaffer aufs Wort.
Das Schwierigste an der ganzen Sache ist, einen frisch verstorbenen Elf zu finden. Mit Menschen funktioniert das Ganze nicht, und da Elfen ziemlich alt werden und nicht gerade eine große Population darstellen, stirbt nicht alle Tage einfach mal ein Elf. Die Sache mit dem Ewigleben haben die Vorfahren der Menschen total falsch verstanden – Elfenkinder wachsen ganz normal auf, werden 25, altern danach und sterben irgendwann. Mit dem Unterschied, dass wir etwas länger 25 sind. Im Schnitt bleibt ein Elf bis zu seinem 800. Lebensjahr zeitlos und fällt erst dann den Jahren zum Opfer, bekommt Falten und alles Weitere.
Das heißt also, dass nicht jeden Tag ein paar tote Elfen für die Zauber meiner Tanten zur Verfügung stehen, was schon mal zum Problem werden kann. Das Fehlen von Opfern ist recht leicht an ihrer Laune zu bemerken – sind sie bissig und gereizt, war es ein Tag ohne tote Elfen.
Meine Tanten haben mich immer noch nicht bemerkt, also nehme ich mir die Zeit, einen Blick auf den heute Verstorbenen zu werfen. Hellgraue, kurze Haare, ziemlich faltiges Gesicht, unscheinbarer Elf aus der niedrigsten Schicht, männlich. Plötzlich bemerke ich ein paar Blutstropfen auf seiner Brust – sind Andy und Phi etwa schon beim Festsetzen?
Nein, ihr Gemurmel hört sich immer noch nach Beschwörung an. Seltsam, wie kommt dann das Blut dahin? Der Elf vor mir – er ist doch nicht etwa ermordet worden?
Ich weiß, dass meine Tanten so etwas niemals tun würden, aber in diesem Moment bin ich mir nicht mehr ganz sicher.
Ich habe genug gesehen.
Die Sache mit dem Kyriaki in meinem Zimmer kann bis morgen warten.
Unsicher, was ich nun denken soll, fliehe ich aus dem Keller, laufe in mein Zimmer und drücke mein Gesicht in die Kissen, von Skyes tröstendem Schnurren in den Schlaf gewiegt.
Fyre
Rhia betrachtet einen Punkt in der Ecke meines Zimmers, aber als ich hereinkomme, blickt sie verschreckt auf.
Einen Moment lang blitzt in ihren Augen Widerwille auf, Verachtung. Sie reckt überheblich das Kinn nach vorne und will etwas sagen, besinnt sich aber sofort wieder, erinnert sich daran, wer da vor ihr steht, und blickt unterwürfig zu Boden.
Unwillkürlich frage ich mich, ob ich mir das ablehnende Funkeln nur eingebildet habe.
Allerdings kann mir das vollkommen egal sein. Rhia ist meine Dienerin, sonst nichts. Sie hat mir zu gehorchen – wen interessiert schon, ob sie mich mag?
»Hast du meine Kleider eingepackt?«, frage ich sie schroff.
»Natürlich«, antwortet sie mit ihrer leisen, verängstigten Stimme. Manchmal erinnert sie mich an ein Reh, was nicht an ihren braunen Augen oder den dunkelblonden, ihr Gesicht verdeckenden Haaren liegt. Sie ist scheu wie das so gern gejagte Rotwild – eine falsche Bemerkung und sie ist sofort auf der Flucht.
Nur dass man mir nicht entfliehen kann – sie ist der perfekte Nachmittagssnack für meinen Hunger nach Gemeinheiten.
Herrisch stolziere ich durch mein luxuriös eingerichtetes Zimmer zu meinem Bett und werfe mich darauf – aber auf eine elegante Art und Weise. Die schwarze Seide raschelt, als ich mein Kissen nehme und nach dem Schlüssel darunter greife. Ich drehe mich so, dass Rhia ihn nicht sehen kann, und stecke ihn mir in den Ausschnitt. Was die meisten Männer nicht wissen – der Ausschnitt einer Frau ist besser als jede Handtasche.
Ich stehe auf und bemerke, dass Rhia mir immer noch tatenlos zusieht.
»Bücher? Schmuck? Ladegeräte? Steh nicht so faul herum, pack gefälligst!«, schnauze ich sie an.
Schüchtern geht sie durchs Zimmer und steckt scheinbar wahllos Sachen in meine Tasche. Na ja, ich habe genug Platz, also was soll’s.
Ich drehe mich um und trete ans Fenster. Eisblumen gedeihen an der kalten Glasscheibe. Die Nacht hat einen Sturm mit sich gebracht. Schnee und Eis, soweit das Auge reicht – wundervoll, meine Welt. Wenn es nach mir ginge, würde sich der Frühling eindeutig noch etwas verzögern.
Plötzlich bemerke ich am Rand des Fensters einen rötlichen Schimmer. Ich befreie mithilfe meines manikürten, aber nicht lackierten Daumen die Stelle vom Eis, doch als ich genauer hinsehe, ist der Schimmer verschwunden. An seiner Stelle entdecke ich eine tiefe, dreispurige Krallenspur.
»Blutdämonen, auch Kyriaki genannt, waren es«, spuken wie auf Knopfdruck die Gerüchte durch meinen Kopf: »An ihren Opfern bestanden die einzigen Verletzungen aus tiefen, dreigliedrigen Krallenspuren.«
Ich habe keine Ahnung, wie diese Male an meine Fensterscheibe gekommen sind.
Ist auch nicht wichtig.
Wichtig ist, was sie bei mir auslösen.
Ich muss raus hier. Jetzt. Sofort.
»Hör nicht auf«, befehle ich Rhia, die erstaunt aufsieht, als ich aus dem Raum stürme.
Hat man mir meine Bestürzung angesehen? Wird sie es weitererzählen? Wird bald die gesamte Dienerschaft über meinen Ausbruch tuscheln? Wird mein Verhalten bleibende Schäden auf meinem gut polierten, schlechten Ruf hinterlassen? Ich habe sie alle so lange glauben lassen, dass mein Inneres nicht verletzbar wäre, dass ich kalt und unantastbar wie das ewige Eis bin …
Egal. Alles ist egal, bis auf diese Flut von Bildern, Gedanken, Gefühlen in meinem Bewusstsein, die ich verzweifelt loszuwerden, zu verdrängen versuche. Die ich loswerden, die ich verdrängen muss.
Es gibt nur einen Ort, der mir das ermöglichen kann.
Ungewöhnlich schnell bewege ich mich durch die Flure des Winterpalastes, das Ziel immer klarer vor meinen Augen.
Ich werde die Gedanken auslöschen.
Zum Glück ist kein einziger Elf auf den Gängen unterwegs. Um diese Uhrzeit ist das vorauszusehen – doch ich weiß nicht, ob ich mich stoppen könnte, selbst wenn ich mich durch Massen kämpfen müsste. In einer Stunde wird die Sonne aufgehen, in drei Stunden werde ich abreisen – unwichtig. Ich muss das hier hinter mich bringen.
Unerwartet höre ich feste Schritte, die sich in meine Richtung bewegen. Verflucht.
Es gibt keinen anderen Weg, ich kann nicht ausweichen, ich darf mein Ziel nicht aus den Augen lassen.
Hastig sehe ich nach unten und werfe die glatten schwarzen Haare nach vorne. Vielleicht wird mich der Frühaufsteher nicht erkennen, glauben, ich sei nur eine einfache Dienstbotin, die für ihre egozentrische Herrin volle Batterien oder Ähnliches besorgen muss.
Die andere Person ist jetzt auf demselben Gang wie ich. Ich lasse meine Augen fest auf den weißen Marmorfußboden gerichtet, taste visuell Vertiefungen im Mosaik ab, als würde der Boden mir jeden Moment den Sinn des Lebens verraten.
Als die Person direkt an mir vorbeigehen will, tue ich etwas sehr, sehr Dummes.
Ich kann es nicht entschuldigen – ich bin vielleicht sehr durch den Wind, aber ich habe keine Ahnung, welche Macht, welcher Impuls mich in diesem Augenblick lenkt und dazu zwingt, nach vorne zu schauen, in das Gesicht der vorbeilaufenden Person.
Der Blick aus einem Paar unendlich tiefer, braungrüner Augen trifft mich wie ein Blitzschlag.
Meine Eispanzer sind längst gänzlich geschmolzen und so kann ich nicht verhindern, dass er mein schutzloses, innerstes Wesen offen betrachten kann.
Für einen Augenblick bleibt die Zeit stehen.
In ihm kann ich Verwirrung und Erstaunen lesen. Und dann, als Reaktion auf mich, Sorge, eine Art erwachender Beschützerinstinkt und … Zärtlichkeit?
Instinktiv frage ich mich, was er wohl in meinen Augen sieht, das ihn so fühlen lässt.
Sieht er die Angst? Das Chaos? Den Schmerz?
Ich will es eigentlich gar nicht wissen.
Denn wenn ich es wüsste, müsste ich mich damit auseinandersetzen.
Ehrlich gesagt will ich nichts lieber, als mich an seine Brust zu werfen und das olivfarbene Shirt, welches ich an ihm damals immer so unvorstellbar attraktiv fand, voll zu heulen. Sieht er, wie ich leide?
Unbewusst bleibt Ciel stehen und gibt ein irritiertes, ich würde beinahe sagen, besorgtes »Fyre?« von sich.
Dadurch endet der Moment, ich zucke zusammen und eile weiter.
Den ganzen Weg über, bis der Gang sich gabelt, spüre ich seine Blicke im Rücken. Jeder Schritt fühlt sich an wie eine Ewigkeit.
Ciel ist ein Problem, aber mit ihm werde ich mich später befassen.
Jetzt gilt nur noch eins:
Vergessen.
Ciel
Dieser Blick.
Schmerz ist darin gewesen, Not.
Eine unterdrückte Bitte.
Himmel, was stellt sie nur mit mir an?
Wieso werde ich schon wieder schwach?
Sie hat ausgesehen, als müsse sie flüchten. Wovor?
Dann, was sie in mir ausgelöst hat: Aufflammender Beschützerinstinkt und tiefe Sorge rangen mit mir, mit dem, was mich ausmacht.
Dabei weiß ich doch genau, dass sie mich nicht braucht. Mich nicht will.
Sie würde sich halb tot lachen über mich. Beschützen! Ich! Sie!
Was kann ich nur tun?
Wie kann ich diese verdammten Gefühle nur loswerden, diese schreckliche Sehnsucht, diese grauenvolle Hoffnung?
Ich stehe nun mal nicht auf Enttäuschung und Herzschmerz.
Dummerweise ist dies das Einzige, was Fyre sich jemals wünschen würde, in mir auszulösen.
So geht das nicht weiter. Ich benötige Abstand.
Meine verdammte Sommeressenz, die Charaktereigenschaft, die ich von Geburt an in mir trage, muss dringend gekühlt werden, damit sie endlich ihre verfluchte Klappe hält.
Mit einem neuen Ziel vor Augen wechsle ich die Richtung. Vielleicht kann ich die Gedanken abwaschen, den Gefühlen davonschwimmen.
Kurz überkommt mich das schlechte Gewissen, ein gehauchter Widerwille Fyre doch zu folgen. Schließlich hat sie mir damals von diesem Ort erzählt, dem Ort, an dem sie sich selbst vergessen kann.
Doch ich wimmle es ab und dann zählt nur noch die Kälte unter meinen Füßen, das Knistern des Schnees unter meinen nun nackten Zehen. Der einsame See, dessen Wasser von einer dicken Eisschicht geschützt ist.
Ich entkleide mich und lasse die Klamotten achtlos am Ufer liegen, schmelze den Schnee auf einer kleinen Tanne, so dass ich mich später orientieren und meine Kleidung wiederfinden kann.
Mit meiner Wärme lasse ich ein Loch im Eis entstehen und tauche ab.
Das kalte Wasser ist ein Schock, obwohl ich es natürlich erwartet habe. Es ist dunkel, die Eisdecke ist trotz des nahenden Sonnenaufgangs noch zu dick für das Durchkommen von Lichtstrahlen.
Ich schließe die Augen, denn es gibt nichts zu sehen, nichts als die Schwärze hinter meinen Lidern, die Dunkelheit, in der alles beginnt, alles endet.
Und ich schwimme. Durchschneide das Wasser wie ein Pfeil, nehme Geschwindigkeit auf, lasse meine Muskeln schreien vor Kälte, meine Lungen bersten vor Atemnot. Das tiefe Wasser ist wie eine Erlösung, und ich verzögere so lange wie möglich, an das verstörende Ufer der Realität zurückzukehren.
Schließlich halte ich es nicht mehr aus und öffne die Augen, suche die dünnste Stelle im Eis, um doch wieder ins Licht zurückzukehren. Die Kälte hat einen großen Teil meines Sommerwesens für einen Moment zum Einschlafen gebracht. Notwendig, tröstlich, aber auch ein wenig ärgerlich: Das Eis ist zu dick, als dass ich es ohne meine Kräfte einfach durchbrechen könnte. Nur durch die dünnen Stellen kann ich noch problemlos auftauchen.
Dort. Eine hauchdünne Schicht ziemlich am Rande des Sees, als wäre hier vor kurzem etwas eingebrochen und das Eis gerade noch dabei, die beigebrachte Wunde selbst zu heilen.
Ich lasse mich nicht dazu herab Energie aufzuwenden, um diese letzte Barriere zu schmelzen und tauche krachend hindurch, sprenge klirrend das Eis und erlöse meine Lungen mit einem tiefen Atemzug.
Es ist nicht mehr tief, das Wasser geht mir gerade noch bis zum Bauchnabel.
Durch die Kälte fühle ich mich so frisch und klar wie schon lange nicht mehr.
Befreit von allen Sorgen genieße ich das Gefühl, zu atmen, zu sein, als ich plötzlich ein Keuchen vernehme.
Das Licht der Dämmerung erhellt den Schnee, das Eis und die plätschernden, kleinen Wellen um mich herum, während ich mich umsehe. Ich stehe in einer winzigen Bucht des Sees, abgelegen, mit Steinen begrenzt, so dass sie nur von einer Seite aus zugänglich ist. Der Einschnitt ins Land hält vielleicht Platz für ein paar Quadratmeter bereit, mehr aber auch nicht. Vor mir befindet sich ein niedriger Eingang zu einer Höhle und da, neben mir …
… liegt sie.
Sie ist so nah, dass ich sie berühren könnte, streckte ich den Arm nach ihr aus. Ihre blasse nackte Haut wird nur von einem Hauch vereister Unterwäsche bedeckt, eines ihrer Beine ist angewinkelt, der rote Lack auf ihren Zehennägeln leuchtet selbst in diesem Zwielicht. Ihr schwarzes Haar umspielt ihre Schultern und ihr Gesicht, ihre winterbeerfarbenen Lippen sind leicht geöffnet und geben den Blick auf strahlendweiße Zähne frei. Auf ihrem gesamten Körper bemerke ich, auf den ersten Blick kaum erkennbar, ein helles Muster, Narben gleich, das in einem nicht klar ersichtlichen Motiv ihre Haut verziert, nur eine winzige Spur heller als der Rest ihres Körpers. Es sieht aus wie gedornte Rosenranken, als ob die gesamte Pflanze, welche sie bedeckt, in ihr wächst, beinahe lebensecht. An manchen Stellen bildet sie sogar Knospen, nur Blüten entdecke ich fast keine.
Schließlich begegne ich, völlig unvorbereitet, dem Ausdruck ihrer aufgerissenen, blaugrauen Augen, die mich verschreckt anstarren.
So … verletzlich.
Mit aller Macht schlägt der Beschützerinstinkt über mir nieder, wie Wellen in einem Taifun.
Sie ist halb erfroren, schreit es verzweifelt in meinem Kopf. Sieh dir den Schnee in ihren Haaren, das Eis auf ihrer Haut an. Sie mag stark und die Schwester der Winterkönigin sein, doch kann sie diese Kälte ertragen?
Ich bin mir nicht sicher.
Fyre scheint sich zu beruhigen, zieht vorsichtig den Atem durch ihre tadellos weißen Zähne und beginnt, mich einer Musterung zu unterziehen, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten.
Ihr sengender Blick trifft mich unerwartet, scheint mich zu verbrennen.
Fluchend weiche ich zurück und tauche wieder in das dunkle Wasser des Sees, versuche erneut, meine Gedanken zum Schweigen zu bringen, obwohl ich das Bild von ihr, im Schnee liegend, nicht vergessen kann und auch die Frage nicht, die sich mir immer wieder stellt: Gefällt ihr, was sie sieht?
Ich bleibe lange unter Wasser diesmal, länger noch als vorhin.
Als ich mir endlich erlaube zurückzukehren, ist sie fort.
Fyre
Elfenfrauen werden in ihrem Leben meist nur ein einziges Mal schwanger, niemand weiß so genau, warum. Manche finden es traurig, die meisten sind jedoch froh darüber, dass wir nicht wie Menschenfrauen einmal im Monat bluten müssen.
Drei von fünf Elfenschwangerschaften enden in Zwillingen, eine in Drillingen, die durchschnittliche Kinderzahl pro Paar beträgt also zwei.
75 Prozent der Zwillinge sind zweieiig, das Verhältnis von männlichen Elfen zu weiblichen Elfen beträgt ziemlich genau Eins zu Eins.
Das bedeutete für meine Mutter folglich eine Wahrscheinlichkeit von 11,25 Prozent, zweieiige weibliche Zwillinge zu gebären.
Und zusammengenommen mit dem Sommerkönigspaar eine Wahrscheinlichkeit von 1,2656 Prozent, dass die gegebene Konstellation herauskommt: zweieiige Winterzwillingsmädchen und zweieiige Sommerzwillingsjungen.
Nähme man es genau, wäre das alles natürlich noch viel komplizierter. Elfen unterliegen den gleichen Vererbungsregeln wie alle anderen Geschöpfe dieser Erde, auch wir haben die Mendelschen Regeln an uns beobachten und bestätigen können. Ein Elf hat dieselbe Chromosomenanzahl wie ein Mensch, das macht 23 Chromosomenpaare. Insgesamt macht das also 64 Billionen mögliche verschiedene Nachkommen für meine Eltern, wobei die ganze Chose von wegen Crossing-over und Punktmutationen noch nicht einmal berücksichtigt ist.
Aber die Genetik ist nicht ganz so wichtig. Wichtiger ist, was das Ergebnis von dem Ganzen war.
Meine Mutter und die Sommerkönigin empfanden nämlich den Zufall, dass meine Mutter zwei zweieiigen Zwillingstöchtern und die Sommerkönigin zwei zweieiigen Zwillingssöhnen das Leben schenkten, als allzu großen Zufall. Mit der Wahrscheinlichkeit von 1,2656 Prozent, was relativ groß ist im Vergleich zu der gesamten Elfenbevölkerung, wollten sie das Ganze nicht mehr als Zufall beschreiben. Nein, sie interpretierten das Schicksal in diese mit 1,2656 Prozent Wahrscheinlichkeit tatsächlich eingetroffene Gegebenheit.
Deshalb kamen die beiden Königinnen, seit vielen Jahren schon allerbeste Freundinnen, über kurz oder lang natürlich auf die Idee, dass sie ihre Kinder verkuppeln mussten, da sie vom Schicksal füreinander bestimmt wären, was die Könige zwar belächelten, aber selbstverständlich nicht zu verhindern suchten.
So kam es, dass ich seit meinem siebten Lebensjahr jeweils einen Monat im Frühling im Frühlingspavillon und einen Monat im Herbst im Herbsthaus sowie unzählige Treffen, Feste und Essen mit den Sommerzwillingen verbringen musste.
Die erste Begegnung war … schwierig.
Die Sommerfamilie war bei uns zum Abendessen eingeladen und wir vier saßen gemeinsam am Tisch, etwas abseits von den Erwachsenen.
Crystal war begeistert von ihren neuen Spielkameraden, sie redete und redete, erzählte dies, erzählte das, schwärmte von ihrer neuen Flöte und erklärte uns detailliert ihre Funktionsweise, immer wieder unterbrochen von zahlreichen, faszinierenden Ergänzungen von Soleil und einigen knappen Einwürfen von Ciel.
Ich aber schwieg, stocherte in meinem Essen herum und ignorierte die drei.
Mein Vater hatte mir ein paar Wochen zuvor ein Hengstfohlen geschenkt und all meine Gedanken, all meine Aufmerksamkeit richtete sich nur darauf. Was wollte ich bei diesem formellen, sterbenslangweiligen Essen, wenn ich doch im Stall bei meinem Fohlen sein konnte?
Geistesabwesend zeichnete ich mit Kohle auf ein Blatt Papier, das ich mir irgendwann im Laufe des Abends besorgt hatte, und versank in meiner eigenen Welt.
Bald wollte Crystal den Brüdern ihre Querflöte zeigen und bat um die Erlaubnis, aufzustehen, was unsere Eltern ihr nachsichtig gewährten. Während des Essens hatte Soleil ausführlich von seinem Geigenunterricht erzählt, meine Schwester hatte an seinen Lippen gehangen und wollte sich nun auf diese Art revanchieren.
»Kommst du mit, Fyre?«, bat sie mich, doch ich schüttelte nur den Kopf.
Das war einfach nichts für mich.
Ich bemerkte erst, dass ich nicht allein zurückgeblieben war, als Ciel wissen wollte: »Vor was galoppiert er davon?«
Überrascht blickte ich ihn an, und allein diese Bemerkung und der freundliche, fragende Blick aus seinen braungrünen Augen hatten mich sofort für ihn eingenommen.
Obwohl die Zeichnung nur aus wenigen, gekritzelten Strichen bestand, hatte er nicht fragen müssen, ob das Pferd männlich oder weiblich war. Er hatte sogar sofort die Gangart erkannt, die mein schwarzes Fohlen gerade einschlug.
»Er heißt Passat«, erklärte ich schüchtern, »und ich habe keine Ahnung, vor was er flieht. Ich glaube, er rennt einfach nur gerne. Jedenfalls sieht er dabei immer am schönsten und wildesten aus.«
Ciel lächelte und entblößte dabei eine niedliche Zahnlücke.
»Ich habe auch ein Fohlen«, verriet er mir, »sie heißt Freya.«
Von da an brachte Ciel sein Fohlen und Soleil seine Geige zu jedem Treffen mit.
Die Königinnen waren total aus dem Häuschen und sahen sich in ihren Verkupplungsversuchen und Schicksalstheorien vollkommen bestätigt, organisierten immer weitere Treffen und Feste und Essen nur für uns, aber mir war das egal.
Ciel und ich gewöhnten unsere Fohlen währenddessen gemeinsam an uns, ritten später stunden-, manchmal sogar tagelang durch die Wälder, die Wiesen, die Felder, und wenn Soleil und meine Schwester am Ende ihrer gemeinsamen Probezeit immer kompliziertere und ausgefallenere Konzerte vortrugen, lächelten Ciel und ich uns nur verschwörerisch zu.
Aber das war damals.
Heute ist alles anders.
Sometimes it lasts in love but sometimes it hurts instead, höre ich die Stimme von Adele im Ohr, die ihr trauriges Lied singt, gefüllt von Gefühl und Einsamkeit.
Manchmal bleibt die Liebe, aber manchmal tut es einfach nur weh.
»Ich habe doch Recht, oder etwa nicht?«, flüstere ich Passat zu und drücke mein Gesicht in sein dunkles Fell. Dieser Stall fühlt sich an wie Zuhause – mein wahres Zuhause. Hier habe ich so viel Zeit verbracht, so viel erlebt, und vor allem wohnt Passat hier. Zuhause ist, wo das Herz ist, sagt man doch, und Passat ist alles, was von meinem Herzen übriggeblieben ist. Hier fühle ich mich wohl. Das helle Tageslicht kämpft sich durch die Lücken im Strohdach, der Geruch nach Staub und Heu ist allgegenwärtig. Ich spüre bereits eine Ahnung der Wärme des nahenden Frühlings prickelnd auf der Haut, wenn der Wind durch den Stall fährt und die wenigen Fensterläden, die noch geschlossen sind, zum Klappern bringt. Das raue dunkle Eichenholz knarrt jede Nacht, um aufmerksamen Zuhörern seine Geschichte zu verkünden.
Hier gehöre ich hin. Hier will ich bleiben.
In zehn Minuten werden wir losreiten. Ich will nicht, kann mich nicht überwinden, den Striegel wegzulegen und mit Passat da raus zu gehen.
Mein Hengst schnaubt beruhigend und dreht seinen Kopf zu mir, drückt ihn an meine Schulter. Zärtlich fängt er an, an meinem Arm zu knabbern.
Pferdeliebe.
Die einzig wahre.
»Du wirst mich nie enttäuschen, richtig?«, frage ich ihn und streiche ihm durch die glänzende Mähne. Er wiehert bestätigend und ich kann das tief empfundene Vertrauen in seinen Augen lesen.
Elfenpferde sind auch so eine Sache, die uns Elfen von den Normalsterblichen unterscheidet.
Früher hielt und züchtete unser Volk ganz gewöhnliche Pferde, doch das hat nie gut geendet. Alles in allem war die Lebensdauer der Pferde einfach zu kurz, verglichen mit der unseren. Pferde werden im Normalfall 30 Jahre alt, ein Elfenleben kann bis zu 900 Jahre andauern. Das wären 30 Pferde pro Elfenleben. Da aber Elfenherzen dazu neigen, sich unsterblich in ein einzelnes, entsprechendes Pferdeherz zu verlieben, waren Tränen wie Wasserfälle vorprogrammiert. Irgendwann wollten die meisten Elfen nur noch auf Pferde verzichten, da sie ihr Seelenpferd nicht erst finden und dann gleich wieder verlieren wollten.
Praktischerweise erfand im 8. Jahrhundert nach Christus eine bald sehr gefeierte Elfe namens Catriona einen Zauber, mit dem man verhindern kann, dass Pferde vor ihren Reitern sterben. Dazu verwebt ein kundiger Elf den Lebensfaden des Pferdes mit dem Lebensfaden seines entsprechenden Elfen. Diese Magie ist ziemlich kompliziert und funktioniert nicht bei jedem, eigentlich nur, wenn Elf und Pferd perfekt zueinanderpassen. Aber wenn die Magie funktioniert, so hält es fürs Leben. Bis, dass der Tod uns scheidet, wie die Menschen sagen würden.
Dieser Zauber bringt Vor- und Nachteile mit sich. Zusätzliche Vorteile zu dem Fakt, dass ich Passat niemals verlieren werde, sind unter anderem eine tiefe Verbundenheit und eine bessere Verständigung, ein stärkeres Verstehen zwischen Pferd und Reiter. Sehr oft kommt es vor, dass ich genau weiß, was Passat gerade fühlt und was ihm fehlt, zum Beispiel, wenn er in einen Stein getreten ist oder Hunger hat.
Einer der Nachteile ist aber, dass ich körperlich viel von dem spüre, was Passat fühlt. Setzt sich eine Bremse auf sein Bein, habe ich das überwältigende Bedürfnis, nach meinem Knie zu schlagen, verletzt er sich, lässt sich an meinem Körper dieselbe Wunde finden. Als ich noch klein war, gerade neun Jahre alt geworden, ritt ich einmal allein mit Passat durch den Wald. Es war kurz nach einem Sturm, aber wir waren mit den Wegen vertraut, deshalb bereiteten mir weder die aufgewühlten Wege noch die toten Tiere am Wegrand noch die umgestürzten Baumstämme Sorgen, die wir manchmal sogar umgehen mussten, weil sie zu groß zum Springen waren. In einem Moment war noch alles okay, aber dann stolperte Passat über Stacheldraht, den jemand über den Weg gespannt hatte. Er fiel ungünstig, warf mich dabei ab und brach sich das Vorderbein, während ich eigentlich mit ein paar blauen Flecken davongekommen wäre. So musste mein Arm aber später gegipst werden und ich konnte ihn wochenlang nicht bewegen. Den leichtsinnigen menschlichen Jugendlichen, die so bescheuert gewesen waren, den Draht zu spannen, hetzte der Winterhof ein Gerichtsverfahren auf den Hals, welches für sie in ein paar Jahren Haft und unzähligen Stunden Sozialarbeit endete. Sie hatten es vollkommen verdient.
In diesem Moment ertönt von draußen ein fragendes Wiehern und reißt mich aus meinen Gedanken. Freya ist wohl ungeduldig.
Als Passat sie hört, wird er plötzlich ganz still, reckt die Ohren nach oben und lauscht. Nach ein paar Sekunden wiehert er erfreut zurück und stupst mich fordernd in den Bauch. Ich lache.
»Ja, ich weiß, du willst zu deiner Freya«, spreche ich seinen Gedanken aus und sattle ihn endlich. Wenn Passat da hinauswill, dann gibt es kein Zurück.
Mit der Verwebung der Lebensfäden geht noch eine Veränderung mit dem Pferd einher, außer dass es jetzt ein paar hundert Jahre länger lebt. Elfenpferde ähneln vom Verhalten her manchmal eher Menschen, und ich bin überzeugt davon, dass sie cleverer sind als normale Pferde. Okay, eigentlich bin ich vor allem davon überzeugt, dass Passat das cleverste aller Pferde ist. Jedenfalls, obwohl Passat ein Hengst ist und sich größtenteils auch sehr danach verhält – der größte Macho aller Zeiten –, bespringt er nicht einfach wahllos Stuten. Nein, nach der Verbindung benehmen sich die Pferde in Liebesdingen wie wir Elfen und suchen sich einen einzigen Partner für ihr ganzes Leben. Vorzugsweise wählen Elfenpferde als passendes Gegenstück das Pferd des Gefährten ihres Reiters. In Passats Fall wollte er offenbar nicht so lange warten, bis ich irgendwann in meinem Leben eventuell meine wahre Liebe finde, die sowieso nicht existiert.
Als Ciel zum ersten Mal Freya mit zu einem Treffen brachte und Passat sie sah, war er sofort und offiziell verliebt. Für ihn galt ab diesem Moment: Diese Stute oder keine. Liebe auf den ersten Blick – bei Menschen Humbug, aber bei Pferden scheint das ganz gut zu funktionieren. Freya zierte sich zu Beginn noch ein wenig, aber bald war sie genauso verrückt nach Passat wie er nach ihr. Inzwischen haben sie sich seit ganzen sieben Jahren nicht gesehen, aber Treue wird bei ihnen großgeschrieben.
Wenn ich wieder vom Sommerhof abreise, muss ich vorher mit Ciel darüber reden. Es ist grausam, die Pferde erneut für so eine lange Zeit zu trennen, das sehe ich jetzt ein.
Passat scharrt mit den Hufen. Er kann es offensichtlich kaum erwarten, seine Freya endlich wiederzusehen.
Was soll ich tun? Passats Willen folgen oder meinem eigenen?
Selbstlos, wie ich bin (hahaha), öffne ich seine Boxentür und trete beiseite, damit er bereits nach draußen traben kann und nicht auf mich warten muss. Ich bin fast ein wenig eifersüchtig, als ich bemerke, wie wenig er plötzlich auf mich achtet.
Seufzend schließe ich die Boxentür wieder und lasse meinen Blick suchend nach irgendetwas, das meinen Aufbruch noch verzögern könnte, durch den Stall schweifen.
Nichts.
Ich fürchte, ich muss mich stellen.
Unsicher gehe ich an die Tür und wappne mich dort auf das, was mich erwartet.
Du bist Fyre, die Winterelfe mit dem kältesten Herz im gesamten Winterpalast. Dein Selbstbewusstsein ist überragend, deine Arroganz noch größer. Du hast Angst vor nichts und du zögerst auch nicht.
Warum fühlt sich mein Ruf heute mehr denn je wie eine bloße Maske an?
Mach schon, Fyre.
Selbstsicheren Schrittes gehe ich nach draußen und nehme Rhia, die auf dem Weg steht, die Bürste aus der Hand.
»Du hast doch nicht etwa vergessen, sie einzupacken?«, frage ich mit einem gefährlichen Unterton.
Sie zuckt zusammen, macht sich klein, den Kopf unterwürfig nach hinten geneigt, wie ein Hund, der zur Kapitulation seine Kehle freigibt.
Witzig.
»Ich … ich …«, stammelt sie.
Spöttisch ziehe ich eine Braue nach oben und gehe weiter. Das läuft ja besser, als erwartet.
»Für heute lasse ich Gnade walten. Lass das bloß nicht noch einmal vorkommen.«
Freya und Passat stehen mitten auf dem Hof und schmusen zärtlich miteinander.
»Bitte. Nehmt euch ein Zimmer.«
Trotz meiner schroffen Worte schmiegt Freya sofort zur Begrüßung ihren Kopf an mich.
Innerlich muss ich lächeln.
Äußerlich wende ich alle Kraft darauf auf, mein gelangweiltes Pokerface beizubehalten.
Ciel kommt hinter Freya hervor.
»Bist du fertig?«, fragt er.
Ich nicke nur hochmütig und steige auf Passats Rücken. Wie immer vertrete ich streng die Politik der totalen Verdrängung, die Szene gestern werde ich einfach vergessen. Ciel darf nicht merken, wie sehr sich der Anblick seines nackten Oberkörpers in mir eingeprägt hat. Diese Muskeln, diese Haut, die sich in absoluter Perfektion über seinen Körper spannt … Er war so verlockend, hat mich so verstört. Gerne hätte ich ihn damit konfrontiert, dass er mich an meinem geheimen Rückzugsort gestört hat, doch wie hätte ich das tun sollen, wenn ich nur an seinen Körper denken konnte? Wie das Wasser auf seinen Brustmuskeln im Licht gefunkelt hat … Themenwechsel! Dringend!
Denke an Passat!
Wieso reite ich noch mal?
Meine Dienerinnen, Rhia und Deirdre, werden mit dem Auto und dem Großteil unseres Gepäcks zum Sommeranwesen fahren. Jeder andere Elf, der halbwegs ein Gehirn besitzt, würde mit dem Auto fahren. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert. Aber bei Ciel und mir stellt sich diese Frage gar nicht. Wir lieben unsere Pferde, würden sie nie ohne Not in einen Transportwagen zwängen, außerdem lieben wir es, zu reiten. Wir nehmen es gerne in Kauf, einen ganzen Tagesritt zum Sommerpalast hinter uns zu bringen.
Einen Moment hasse ich Ciel schlicht dafür, dass er mir so ähnlich ist.
Ich drehe mich nicht nach ihm um, steige auf und reite einfach los. Er wird schon nachkommen. Und wenn nicht, dann – na ja, ist das nicht mein Problem.
Liebevoll kraule ich durch Passats Mähne und beuge mich nach vorne, als wir auf dem Waldweg verschwinden und es keiner mehr sehen kann.
»Freust du dich auf den Ritt, mein Kleiner?«, flüstere ich ihm ins Ohr.
Er wiehert bestätigend.
Den Weg, den wir schon so oft geritten sind, findet Passat bereits allein, ich muss eigentlich gar nicht nachdenken. Ich liebe es, dieses Gefühl, er und ich wären die einzigen Wesen auf der gesamten Welt.
Ciel und Freya reiten aber neben uns und zerstören dieses Gefühl. Zumindest würde ich mir gerne einbilden, dass sie das Gefühl zerstören. Eigentlich verstärken sie es nur, machen es besser, steigern das Hochgefühl weiter. Ich liebte es, mit ihnen zu reiten – das gab mir früher immer das Gefühl von Geborgenheit, das Gefühl, nicht allein zu sein, sondern alle wichtigen Wesen, auf die es in diesem Moment ankommt, um mich herum versammelt zu haben.
»Du hättest ruhig auf uns warten können«, tadelt mich Ciel.
Ich verdrehe nur die Augen und treibe Passat dazu an, schneller zu reiten.