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Kraft der Stimme: die Geschichte von Fikria Aab-Baz.
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Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Mein Weg zum Talker
Schulzeit
Hindernisse wollen übersprungen werden
Auf schmerzhafte Situationen reagieren
Meine Talkerstunden mit Julian
Tipps zur Förderung zur Nutzung des Talkers im Alltag
Mein Bekannter aus Italien
Musik ist die gemeinsame Sprache
Meine Reise nach Paris
Aktuelles
Schön solo – und glücklich!
Mein bester Freund – der Talker. Immer auf meiner Seite!
Spendenaufruf für eine arme Familie in Marokko
Nur Mut – Sprüche fürs Leben
Mein Name ist Fikria Aab-Baz, ich wurde 1983 in Marokko geboren und wohne in Essen.
Ich möchte über mich und meine Kindheit erzählen, darüber zumindest, was ich mich noch erinnern kann:
Ich bin gesund in Marokko geboren. Als ich zwei Jahre alt war, emigrierte meine Familie nach Deutschland. wir sind alle mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen. Damals wurden hier dringend Arbeiter gesucht und die deutsche Regierung hat ausländische Arbeitskräfte angeworben. Dadurch hat mein Vater eine Arbeitsstelle als Gastarbeiter in einem Fischgeschäft bekommen und meine Familie nach und nach aus Marokko nach Deutschland geholt, wo wir alle einen Pass bekommen haben. Als ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern im Flugzeug war, wurde ich auf einmal krank. Ich musste gereckt nach der Landung ins Krankenhaus könnte auch auf einmal nicht mehr laufen. das hab ich aber in Krankenhaus wieder gelernt das laufen.
Kurz nach unserer Ankunft erkrankte ich an einer Gehirnentzündung namens Herpes-simplex-Enzephalitis. Ich wurde umgehend in ein Krankenhaus gebracht, wo ich mehrere Monate lang behandelt wurde.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass meine Eltern mich täglich besuchten und mir oft etwas zu essen mitbrachten. Die Untersuchungen zeigten, dass ich ein Herpes-simplex-Virus in mir trug, was zu der besagten Krankheit führte. Die Erkrankung war für meine Familie eine schockierende Nachricht, unter der sie extrem litt - war ich doch zuvor ein lebhaftes und kerngesundes kleines Mädchen gewesen.
Ich war schon damals eine Kämpferin, doch die Infektion hinterließ ihre Spuren – und das nicht zu wenig. So musste ich im Krankenhaus das Laufen neu erlernen und erlitt als Folge der Infektion eine bis heute gebliebene Lähmung im Mundbereich. Diese Lähmung zeigt sich in Schluck- und Kaustörungen, sowie in Bewegungsstörungen von Lippen und Zunge. Was für andere Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, fällt mir dadurch extrem schwer: Essen, Trinken und verständliches Sprechen.
Die Kommunikation war seit jeher sehr schwer für mich. Ich konnte zwar sprechen, aber es erforderte gefühlte Tausend Wortwiederholungen, bis mein Gegenüber mich verstand. Das war für beide Seiten sehr anstrengend und frustrierend. Meine Schulzeit war daher eine harte Zeit für mich. Mein Vater musste häufig zu Gesprächen in die Schule kommen, weil ich Probleme hatte oder wieder eine schwierige Situation aufgetreten war. Niemand verstand mich, deshalb habe ich versucht, mich auf eine andere Weise verständlich zu machen und nutzte meine Körpersprache.
Ich war oft verzweifelt, weil mich die anderen Kinder so ärgerten. Im Streitfall bekam ich oft die alleinige Schuld zugesprochen, weil ich mich nicht besser verständigen konnte, obwohl ich nichts Falsches gemacht hatte.
Als Jugendliche wurde ich von meinen Mitschülern oft beim Essen ausgelacht, da ich aufgrund meiner Schluckbeschweren nicht „normal“ essen konnte. In der Folge verlor ich das Essen wieder aus dem Mund und bekleckerte meine Sachen wie ein Baby, das das Essen noch nicht gelernt hat.
Wenn die Lehrer nicht anwesend waren, hatte ich einen harten Leidensweg zu beschreiten und erfuhr immer wieder Mobbing. Allmählich wurde ich immer isolierter und so zum Außenseiter.
Was ich damals erlebte, hat mich für mein weiteres Leben geprägt. In meinem Inneren staute sich im Laufe der Zeit eine unheimliche Wut an; oft bin ich irgendwann regelrecht explodiert.
Nach und nach hörte ich auf, vor Anderen zu essen. Ich schloss mich auf der Toilette ein und aß dort mein Brot. Wenn ich es einmal zeitlich nicht geschafft habe, in den Pausen auf der Toilette zu essen, habe ich mein Toastbrot zu Hause unterm Bett versteckt, damit meine Mutter nichts merkt. Irgendwann fand meine Schwester die Brote und fragte, was das zu bedeuten hätte. Ich sagte, ich hätte keinen Hunger gehabt und wollte keinen Ärger zu Hause, deshalb hätte ich sie dort versteckt.
Von meinem Taschengeld habe ich mir öfters Joghurt gekauft und ihn zu Hause heimlich gegessen, wenn ich alleine war. Ich habe immer aus dem Fenster geschaut und auf den Bus geachtet, ob meine Mutter aussteigen würde, die Zeiten hatte ich im Kopf. Irgendwann ging das Ganze schief, meine Mutter und Schwester kamen nach Hause, ich habe den Joghurt schnell hinter der Eingangstür versteckt. Als die beiden die Tür zumachten, sahen sie den Joghurt und fragten, warum er dort stehen würde. Was dann passiert ist weiß ich nicht mehr.
Und sehr zu schaffen hat mir auch gemacht, dass der Schulbus immer mich abgeholt hat und zurückgebracht hat. Hab mich wie Baby gefühlt. Hat mich sogar noch abgeholt wo ich erwachsen war. Mutter hat mich sogar noch geduscht mit 18 noch und so. Alles nur weil behindert bin und so mir nichts zugetraut. Ich wollte nur noch ausziehen, mit 16 habe ich alles in die Wege geleitet um endlich mein Traum zu erfüllen vom Ausziehen. Aber leider immer wieder sind mir Steine in den Weg gelegt worden. Und das Ausziehen hat Jahre lang gedauert, bis ich es endlich geschafft habe, mit 22 auszuziehen, war den Tag so glücklich das glaub mir keiner. Meine Mutter hat sich halt Sorgen gemacht. Die dachte, ich bin behindert und hat mir halt nichts zugetraut. Das hat mich sehr gequält.
Von Mitschülerinnen und Mitschülern folgten Attacken, in der Schule hetzten die anderen gemeinsam gegen mich. Ich wurde oft ausgelacht, weil ich nicht reden kann und wurde von den anderen gehänselt und meine Art zu sprechen wurde von den anderen nachgemacht.
Meine Wunden rissen immer weiter auf. Das hat mich sehr mitgenommen, ich konnte mich nicht wehren. Als sie zu weit gegangen sind, habe ich mich körperlich gewehrt.
Ich weiß, dass das nicht richtig war, aber wie sollte ich mich denn wehren? Die haben mich psychisch kaputt gemacht und immer wieder ausgelacht und mir immer wieder an allem die Schuld in der Schule gegeben, da ich nicht reden konnte!
Ich war immer schon isoliert und eine Einzelgängerin.
Stell dir vor, du bist irgendwo und niemand sieht dich an. Du bist behindert und sie lassen es dich merken. Die ganzen Schikane, damit du ja nicht zu ihnen hin willst und ihnen nahe kommst. In der Schule wurde ich von meinen Klassenkameraden gehänselt und unterdrückt. Mir war klar, dass die sich mit mir nicht abgeben wollten. Eine ganze Schulzeit, ohne dass mal einer zu mir hingesehen hat! Ich will wohl bemerkt hiermit nicht über die Schule an sich schlecht reden, die ich damals besuchte, im Gegenteil, sie war eine gute Schule, Hatte auch gute Zeiten, und mit ein bis zwei Schüler kam ich auch gut klar. aber so sind halt Schüler und Schülerinnen in diesem Alter: Sie finden einfach ihren eigenen Spaß und sie fühlen sich dadurch stark, indem sie einfach eine schwächere und einsame Person auslachen. ich konnte eben nicht reden, konnte daher nicht wie jeder andere auch, mit meinen Lehrern über mein Problem reden.
Es war die Hölle, wenn meine Mitschüler mal Interesse an mir hatten, dann nur um mich zu verletzen. Irgendwann haben sie das auch erreicht. Meistens sagten sie Sachen wie: „Du sabberst, warum sabberst du eigentlich immer?“ und „Rede mal ordentlich!"
Vielleicht war ich nicht mutig genug, weil ich dachte, sie sind hübscher als ich, ich war einfach zu schüchtern und zurückhaltend. Viele schämten sich für mich und wollten nichts mit mir zu tun haben, daher saß ich immer alleine in der Ecke und war sehr traurig.
Ich gehe immer davon aus, dass die anderen mit mir nichts zu tun haben wollen, darum traue ich mich nie, irgendjemand in den Pausen anzusprechen und das Sprechen fiel mir schon immer schwer. Das hat mich sehr gequält.
Mein gesamtes Leben lang bin ich schon allein, aber meine Einsamkeit ist nicht freiwillig.
Nach außen hin denken alle, dass alles in Ordnung ist, aber nicht in meinem Inneren.
Das ist mein Leben mit meiner Sprachbehinderung.
Als ich 14 Jahre alt war, hatte ich entschieden, mit niemandem mehr zu reden mit meinem Mund zu reden.
Das habe ich auch durchgezogen. Habe danach mit niemanden mehr geredet, weil mich einfach niemand verstehen konnte.
Ich habe immer aufgeschrieben was ich wollte, aber man konnte nichts verstehen, weil ich nicht schreiben konnte. Ich habe nämlich erst mit 14 schreiben und lesen gelernt, und zwar nach und nach, jeden Tag ein bisschen besser.
Mein Traum war es auszuziehen. Ich sagte aber zu mir: „Wie willst du dann auch nur etwas so Einfaches wie die Post lesen, wenn du nicht lesen kannst?“ da hat es Klick gemacht und ich hab mich voll bemüht und endlich lesen gelernt, nicht perfekt vielleicht, aber gut genug.
Meine Familie konnte mir nicht helfen, meine Mutter kann selber bis heute noch kein Deutsch. Obwohl sie auch schon 33 Jahre in Deutschland lebt, kann sie nicht Deutsch lesen und schreiben. Früher, z.B. nachdem mein Vater gestorben ist, ging sie zu Elterngesprächen und meine Schwester begleitete sie und übersetzte vom Deutschen in ihre Muttersprache.
Also habe ich, als ich 14 war, in der Schule mit Sprechen ganz aufgehört, nur geschrieben habe ich. Und genau so habe ich das Schreiben nach und nach gelernt.
Ich kann mich noch an eine Situation gut erinnern: Wir hatten Unterricht (ich hatte da noch keinen Talker), jeder sollte nach vorne kommen und was vorlesen was er oder sie geschrieben hatte. Jeder ist in den Kreis nach vorne gekommen mit seinem Blatt Papier und hat vorgetragen.
Weil ich nicht reden kann haben die mich übersprungen. Das hat mich sehr mitgenommen, richtig schmerzhaft war das. Ich wollte da gerne auch was vortragen.
In der Schule bekam ich oft angeboten, so einen Talker mal zu nutzen, weil man mich nicht verstehen konnte. Ich wollte aber irgendwie nicht.
Ich habe mich dabei ständig gefragt: „Was ist das? Und was wollen die von mir?
Frage an meine Leser: Könnt ihr etwas mit dem Wort Talker anfangen? Vermutlich nicht. Das ist ein Sprachcomputer für Leute, die nicht reden können. Ein Hilfsmittel, das mich bei der Kommunikation unterstützt.
Ich habe mich also immer geweigert, weil ich erstens nicht wusste, was das genau ist und zweitens Sorgen hatte, wie andere Leute darauf reagieren würden, ob sie mich zum Beispiel so noch mehr auslachen würden oder ob ich damit klarkommen würde. Ich hatte richtig Sorgen, ob ich es schaffen würde, weil ich nicht perfekt lesen und schreiben konnte.
Schulisch besuchte ich eine Sonderschule in Essen, welche eine Förderschule für Kinder und Jugendliche mit körperlichen Behinderungen ist. Erst im Alter von 14 Jahren erlernte ich dort in Eigenleistung das Lesen und Schreiben. Fortan schrieb ich auf, was ich sagen wollte und konnte mich endlich wieder intensiver in meinem Umfeld mitteilen.
Der 17.04.2002 ist ein besonderer Tag in meinem Leben, genau an diesem Tag veränderte sich vieles wiederum Positiven.
An diesem Tag wurde mir meine „neue Stimme“ in Form eines Sprachcomputers überreicht - der Power-Talker.
Er hat mein Leben bis heute um einiges bereichert, so dass ich meiner damaligen Lehrerin für diesen Moment und für ihre „Aufdringlichkeit“ bis zu diesem Tag für immer dankbar bin und ihr immer dankbar sein werde.
Entgegen meines Dickkopfes, einen solchen niemals benutzen zu können und auch zu wollen, glaubte sie an meine Fähigkeiten und gab die Hoffnung nie auf, mir den neuen Weg der Kommunikation schmackhaft zu machen.
Sie nervte mich regelrecht mit ihrem positiven Gerede über den sogenannten Power Talker. Ich selber wehrte mich gegen die Vorstellung einen solchen Sprachcomputer jemals gebrauchen zu können. Das weil es mir peinlich war, und weil ich Angst vor der Reaktion meiner Mitmenschen hatte. Würden sie eher zuhören oder weghören, oder mich sogar auslachen? Auch hatte ich Bedenken, ob ich überhaupt in der Lage sein
Würde ich den Umgang mit einem (aus meiner damaligen Sicht eher komplizierten) Power Talker jemals beherrschen?
Nach anfänglichen Berührungsängsten erlernte ich entgegen meinen Ängsten schnell den Umgang mit dem Power Talker. Heute spreche ich fast ausschließlich mit meinem Power Talker.
An den Tag als ich den Talker bekommen habe, kann ich mich noch gut erinnern. Ich bin mit meiner Lehrerin in den Gruppenraum gegangen und wir haben ein großes Paket ausgepackt. Es war ein riesig großer Talker - es war der Power Talker. Ich habe ihn dann angemacht und ein bisschen rumgedrückt im Kurs.
Dann, nach dem Schulschluss hatte ich einen Termin bei einer Jugendpsychologin. Das Ziel war, ihr den Talker zu zeigen, aber irgendwie habe ich mich nicht getraut ihn rauszuholen und habe mit der Psychologin nur geschrieben, so haben wir uns nur schriftlich unterhalten.
In der Schulzeit habe ich den Talker dann zuerst einmal nur in der Talker Stunde benutzt und aber dann: welch ein Wunder, auch privat habe ich mich dann unerwartet viel damit beschäftigt und so habe ich den Umgang mit dem Talker gelernt.
