Kraniche im Grenzland - Ilona Clemens - E-Book

Kraniche im Grenzland E-Book

Ilona Clemens

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Beschreibung

Fünf Tage vor ihrer Hochzeit entdeckt Ilona ein großes Etwas in ihrer linken Brust. Sofort weiß sie: Das gehört da nicht hin und ist nicht harmlos. Eine herausfordernde Zeit beginnt, die Ilona mit viel Mut und Humor annimmt. Schonungslos beschreibt sie, was es bedeutet, durch eine Brustkrebserkrankung hindurchzugehen. Darf man sich gesund fühlen im Angesicht einer Krebserkrankung? Darf man sich während einer Chemotherapie mehr denn je attraktiv und weiblich fühlen? Was ist überhaupt krank? Was gesund? Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an das Leben, gerade dann, wenn es dunkel wird.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 236

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ilona Clemens

Kraniche im Grenzland

Eine Brustkrebserfahrung

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung der Autorin Ilona Clemens reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Die in diesem Buch erwähnten Therapien und Anwendungen beschreiben nur die Erfahrungen der Autorin. Bei Nachahmung wird jegliche Haftung ausgeschlossen.

Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich.

IMPRESSUM

© 2021 Ilona Clemens

Druck und Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Cover-Gestaltung: KORRLAY – Iris van Beek ([email protected])

Cover-Foto: Bild von Anne & Saturnino Miranda auf Pixabay

Korrektur/Lektorat: Karin Spura und Layne Mosler

Layout: KORRLAY – Iris van Beek ([email protected])

978-3-347-31275-3 (Paperback)

978-3-347-31276-0 (Hardcover)

978-3-347-31277-7 (e-Book)

Für Johannes und unsere gemeinsamen Jahre.

Für Almuth.

Und für Lilith.

Inhalt

Prolog

Teil 1 – Erschütterung

Hochzeitstanz mit Krebs

Im Grenzland

Erleichterung

Operation

Veganer Honig

Im Grenzland 2

Erleichterung 2

Kleiner Exkurs in haarige Angelegenheiten

Teil 2 – Akzeptanz

Chemobitch die Erste

Almuth

Chemobitch die Zweite

Philomena

Maracay

Verrat oder Shit?

Max

Der Mai und der Tod

Juni

Fridays for Future

Man lebt jetzt bestimmt viel bewusster

Maracay 2

Körperwelten

Die Narben einer Kriegerin

Das Tolle am Tod

Einmal muss es vorbei sein

Strahlende Aussichten

Teil 3 – Durchbruch

Im Grenzland 3

Das Leben bleibt endlich

Kraft tanken bei einer Heiligen

Ein kleines Weilchen Normalität

Der Turm des Tarots

Epilog

Anhang

Danksagung

Zur Autorin

Infos und Links

Glossar/Anmerkungen

Prolog

Ich habe die Dunkelheit immer gemocht.

Ich komme vom Dorf. Dort war es nachts so dunkel, dass man bei Neumond die Hand nicht vor Augen sehen konnte. Undurchdringliches Dunkel, das einen Sog auf mich hat wie schwarze Löcher auf Materie.

Über diesem Dunkel meiner Kindheit und Jugend spannte sich ein funkelnder, klarer Sternenhimmel. Je dunkler es war, desto tiefer konnte ich in die Sterne schauen. Ich war schon immer eine Sternenguckerin.

Wie sollte ich da die Dunkelheit nicht mögen? Die Stille der Nacht. Die Tiefe des Alls.

Geborgener kann ich gar nicht sein.

Das vermisse ich in Berlin. Ich kann die Dunkelheit nicht finden. Auf der Suche nach ihr habe ich mir kürzlich eine Neumondnacht ausgewählt und bin nachts um drei Uhr in den unbeleuchteten Teil des Parks vor meiner Haustür spaziert. Nur um wieder einmal festzustellen, dass es nicht dunkel ist. Die Konturen der unzähligen Kaninchen konnte ich genauso gut erkennen wie den Weg vor meinen Augen.

Wie hell die Großstadt mitten in der Nacht in einem unbeleuchteten Park ist, das habe ich mir bis dahin nicht vorstellen können.

Als Frau, die das Dunkel so sehr mag, bin ich sicherlich melancholisch veranlagt.

Melancholie hat für mich die kräftigen Farben des späten Herbstes, kurz bevor die Welt in unseren Breitengraden in das milchige, fahle Licht des Winters eintaucht.

Die Melancholie schmeckt nach Sehnsucht und ist von tiefer Innerlichkeit und dem Gefühl begleitet, dass die Seele von sehr weit herkommt.

Bei mir erfüllt sie die Gegend um mein Herz mit einem leichten Ziehen.

Sie ist wunderschön, die Melancholie, und bringt mich manchmal zum Weinen.

Nur so, weil es gelegentlich viel verlangt, Mensch zu sein.

Während ich an diesem Buch schrieb, habe ich bei Google nachgeschaut, wie Melancholie definiert wird.

Hier der erste Eintrag: „… von großer Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Depressivität gekennzeichneter Gemütszustand …“

Wie bitte? Alles in mir sträubt sich gegen diese Definition.

Klingt, als sei wieder einmal ein Gemütszustand pathologisiert worden, der zum Leben und zum Menschsein dazugehört. So geht es den meisten Gefühlen, die im Bereich der Molltonarten schwingen.

Manchmal funkelt das Leben hell und man weiß gar nicht, wohin mit all der Freude.

„Läuft …“, denkt man und wünscht sich, dass es immer so weiter geht.

Aber das tut es nicht.

Um den Jahreswechsel 2018/2019 bin ich der bisher größten Angst meines Lebens begegnet: der Angst um mein Leben. „Brustkrebs“ lautete die Diagnose und eine Zeit lang blieb unklar, welches Ausmaß dieser Krebs hat.

Ich weigere mich bis heute, von dieser und der dann folgenden Zeit als dunkelsten in meinem Leben zu sprechen.

Weil es nicht stimmt.

Teil 1

Erschütterung

„Es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war.“

Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt 1637–1706

Hochzeitstanz mit Krebs

Ich weiß noch genau, wie es begann.

Zuerst waren es juckende Pickel an den Füßen. Sie kamen, und sie gingen.

Eigentlich gingen sie nie so ganz. Aber wenn man will, kann man es sich eine Weile einbilden.

Diese Pickel waren ein weiteres kleines Ausrufezeichen nach einer langwierigen Blasenentzündung im Herbst.

Jetzt ist es schon fast Winter.

Meine Abwehr ist wirklich nicht okay, muss ich mir zu meiner Verwunderung eingestehen.

Dabei bin ich an sich beinahe unverschämt gesund. Eine kräftige Frau. Robust. Belastbar.

„Wenn ich dich sehe, fällt mir das Wort Kraft ein“, sagte eine Bekannte zu mir und brachte mich damit zum Strahlen.

Große innere Kraft und Stärke; so empfinde auch ich meinen seelischen Zustand.

Und der Körper entspricht diesem Inneren. Nun ja: entsprach.

Aus November ist unterdessen Dezember geworden. Zu den wiederkehrenden juckenden Stellen an den Füßen gesellen sich welche an den Handgelenken. Mir fällt auf, dass sie in der Nähe von Adern verlaufen. Beinahe zwanghaft ordentlich reihen sie sich aneinander.

Es gibt einen Zeitpunkt, an dem ignorieren und hoffen, dass sich die Dinge von selbst erledigen, nicht mehr funktioniert. Eine Woche vor Weihnachten gehe ich zum Arzt.

Eine sehr jung aussehende Hautärztin fertigt mich in neunzig Sekunden ab. „Krätze“ lautet ihre Diagnose, und sie verschreibt mir eine Salbe, mit der ich den ganzen Körper einreiben soll. Zwölf Stunden einwirken lassen, abduschen und damit ist dann der Spuk vorbei.

Noch ahne ich nicht, dass ein weitaus größerer Spuk bereits in den Startlöchern steht. Und den werde ich nicht mit einer Salbe behandeln können.

Erstmal bin ich beinahe glücklich. Es ist schön zu wissen, was genau ich habe und dass ich was tun kann. Beschwingt tanze ich nach Hause.

Dort erwartet mich eine klatschnasse Wand in der Küche. Wie ich erfahre, hat es im 13. Stock einen derartigen Wasserschaden gegeben, dass alle darunterliegenden Wände bis runter zum 3. Stock mit baden. Wow, denke ich. Und jetzt tue ich mir leid.

In fünf Tagen werde ich heiraten. Und fünfzig Jahre alt werden. Das Hochzeitskleid hängt in meinem Zimmer, sieht dabei sehr gut aus und reicht allein schon aus, mich wirklich aufgeregt zu machen.

Wir werden ein großes Fest geben, für sechzig geladene Gäste. Seit einem guten halben Jahr planen wir diesen Tag. Eigentlich wollte ich in diesen letzten Tagen nur noch einen auf „baldige Braut“ machen.

Mich einstimmen, mich freuen, letzte Vorbereitungen treffen. Nun stehe ich da, mit meiner Krätze, in der nassen Küche.

Es dunkelt schon an diesem Dezembertag, als ich mich nackt vor den Spiegel stelle mit meiner Krätze-Salbe und beginne, mich damit einzureiben.

Ich bin bei der linken Brust angekommen. Unterhalb der Brustwarze stimmt etwas ganz und gar nicht. Da ist eine deutlich spürbare, große Verhärtung. Knoten kann ich das nicht nennen, dazu ist es zu riesig. Fassungslos taste ich wieder und wieder. Wie konnte mir denn DAS entgehen? Und uns? Ich meine, sexuell inaktiv bin ich nicht. Und ja, die Brüste spielen dabei eine Rolle.

Ich stehe dort nackt vor dem Spiegel und spüre Angst. Gewaltige Angst. Beinahe knicken mir die Beine weg. Zeitgleich setzt ein anderer Mechanismus ein. Der geht in etwa so: Okay. Das muss abgeklärt werden. Aber nicht mehr vor der Hochzeit. Mir reicht‘s.

Es gelingt mir in den kommenden Tagen, die massive unheilvolle Vorahnung in Schach zu halten. Irgendwie – hey! – bin ich doch unverwundbar. Beschützt vom Universum und von Gott. Außerdem sagt auch die „Apotheken-Umschau“, dass drei von vier getasteten Verhärtungen in der Brust völlig harmlos sind. Na also. Mir passiert schon nichts.

Und doch lässt es mir keine Ruhe. Über das Internet ergattere ich für den 21.12., einen Tag vor der Hochzeit, einen Termin bei einem mir wildfremden Gynäkologen. In dieser Zeit vor Weihnachten muss ich nehmen, was ich kriegen kann.

Ich soll mich auf die Liege legen. Mit einem Ultraschallgerät fährt der Arzt über meine Brüste. Es gefällt ihm nicht, was er da sieht. Das sagt er recht unverblümt. Und dass es ihn wundern würde, wenn DAS gutartig wäre. „Sehen Sie hier, wie wenig differenziert das Brustgewebe ist?“

Ich starre auf das Bild. Eine Träne läuft mir die Wange hinunter. Ich sehe und sehe doch nicht.

Das Einzige, was durchdringt – irgendwie – ist der Gedanke: „Jetzt ist es vorbei.“

Ich ziehe mich wieder an. Der Pullover will einfach nicht über meinen Kopf.

Ich brauche gefühlte Ewigkeiten. Es ist ganz still in der Praxis. Ich bin dankbar, dass dieser fremde Mensch einfach wartet, bis ich fertig angezogen bin. Und das dauert immer noch.

Dann sitzen wir einander gegenüber.

Ob ich heute noch einen Biopsie-Termin will?

Ich will jetzt gar nichts mehr. Heiraten, das ja. Aber wie soll das jetzt gehen?

Ich frage, ob es aus seiner ärztlichen Sicht vertretbar ist, mit der Biopsie bis zum Neuen Jahr zu warten. „Auf jeden Fall“, sagt er. Und einen Kernsatz: „Was Sie haben, ist meiner Ansicht nach seit mindestens zehn Jahren gewachsen. Da kommt es jetzt auf Tage nicht an.“

Okay. Dann wird jetzt erst mal geheiratet, bevor gestorben wird.

Ja. Der Gedanke ans Sterben ist sofort da. Ich frage gar nichts weiter. Für mich ist die Sache hier und jetzt klar: Der Tumor ist groß. Ist seit Jahren gewachsen. Damit, so meine Überzeugung, ist es kein früh erkannter Brustkrebs. Der wäre heilbar. Vielleicht. Meiner sicher nicht.

Ich stolpere aus der Praxis auf den Friedrich-Wilhelm-Platz. Starre direkt auf eine Kirche. Und fühle mich unendlich verraten vom Universum und von Gott.

Mein Mann. Ich muss meinen Mann anrufen.

Und dann breche ich zusammen. „Ich bin im Schock“, sage ich die ganze Zeit. Und nein, er soll mich nicht holen. Ich muss jetzt laufen. Sonst werde ich auf der Stelle verrückt.

Meine Füße tragen mich instinktsicher Richtung Wilmersdorf. Jahrelanges Taxifahren hat seine Spuren hinterlassen. Ich weiß gerade gar nichts, doch ein Teil von mir funktioniert einwandfrei.

Dauernd schaue ich die Menschen an. Wissen die eigentlich, wie glücklich sie sich schätzen können? Sie dürfen leben. Ich bald nicht mehr.

Hier auf diesem Stolpergang ist es, dass eine unsichtbare Mauer zu entstehen beginnt zwischen mir und den anderen Menschen. Ich spüre sie wie eine Glaswand und falle aus jeder Normalität.

Jetzt gibt es die, die weiterleben dürfen, und mich.

X-mal an diesem Tag sage ich zu meinem Mann: „Ist das wirklich real? Oder träumen wir?“

Fast ist es Gnade, dass wir noch dies und das zu tun haben für unseren großen Tag.

Wir machen einfach.

Am späten Nachmittag kommen meine Mutter und mein Bruder am Bahnhof an. Als ich die beiden sehe, muss ich wieder weinen. Sie schreiben es wohl den Hochzeitshormonen zu.

Den Abend verbringen wir mit Familie und Freunden. Es ist wunderschön. Formationen dieser Art bringen nur Familienfeste hervor. Noch nie haben meine Mutter und mein Bruder einen Abend mit meinen langjährigen Freunden Gabi und Jürgen verbracht, obwohl wir alle lange Zeit in einem kleinen Dorf gewohnt haben.

Wir essen, wir trinken, wir erzählen wild durcheinander und freuen uns unermesslich am Beisammensein. Der Höhepunkt ist gebackenes Eis. Es wird uns als Nachtisch angeboten und macht uns schrecklich neugierig. Tatsache: Vanilleeis in einem heißen Teigmantel. Was es nicht alles gibt!

Wir kriegen uns über das gebackene Eis nicht wieder ein. Dauernd kichert wieder jemand los und flüstert fassungslos: „Gebackenes Eis!“

Ich verstehe etwas ganz Elementares: Für die Dauer der Hochzeit und bis auf Weiteres muss ich mir keine Gedanken über Krankheit und Tod machen. Niemand kann mich daran hindern, ganz im gegenwärtigen Moment glücklich zu sein.

So eingestellt feiern wir zwei Tage vor Weihnachten ein rauschendes Hochzeitsfest.

Ich genieße es unendlich, diese wichtigen Menschen um uns herum zu haben. Familie, Freundinnen und Freunde. Mein Leben fühlt sich stimmig an. Ich bin einverstanden bis zu diesem Punkt; bin voll zufrieden mit meinem Leben.

Meine Eltern, seit Jahrzehnten geschieden, fegen über das Parkett und zeigen allen, wie es geht, getrennt zu sein und dabei zu harmonieren.

Ich bin fünfzig Jahre alt geworden und begreife zum ersten Mal, wie sehr meine Eltern es geliebt haben, tanzen zu gehen. Erstaunlich, dass sie drei Kinder großgezogen haben, von denen nicht eines auch nur halbwegs im Paartanz geübt ist. Wir tanzen und tanzen und tanzen. Tanzen geht immer. „[…] in guten wie in schlechten Zeiten.“

Heute sind gute Zeiten.

Oh bitte, lass diese Nacht niemals enden.

Lass uns ausgelassen sein und albern. Verliebt und verheiratet. „Kannst du haben“, sagt das Leben. „Bleib einfach hier, in diesem Moment.“

Nachts packen wir Geschenke aus. Da ist ein Buch für mich. „Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück. Warum wir den Tod nicht fürchten brauchen“, so der Titel. Gottseidank. Das hört sich genau richtig für mich an, denn jetzt, als ich aus dem Trubel in die Stille der Wohnung komme, fürchte ich mich sehr. Auch im Traum kommt die Angst zu mir. Ich schrecke hoch, geweckt vom aufgeregten panischen Klopfen meines Herzens. Zwischen mir und meinem Mann sehe ich zwischen Wachen und Träumen den Tod als reale, vermoderte, verfaulte Gestalt liegen. Mein Herz schlägt mir annähernd aus dem Hals heraus. Atemnot.

Ich kann die Angst kaum ertragen.

„Atme“, sage ich mir und beruhige mich für Momente durch ein paar tiefe und regelmäßige Atemzüge. Irgendwie taumele ich wieder in einen unruhigen Schlaf.

In den nächsten Tagen hilft mir das Buch sehr. Es beruhigt mich und nimmt mir das namenlose Entsetzen.

Ich beschließe: Wenn es sich bestätigt, dass dieser Tumor mein Todesurteil ist, dann bleibe ich, so lange es geht, bei Johannes. Und wenn dann die Zeit des Sterbens gekommen ist, fliege ich zu dem Autor des Buches nach Japan. Er leitet dort ein Zentrum für Buddhismus. Dort werde ich meditierend und in aller Abgeschiedenheit den Rest meiner Zeit verbringen.

Im Grenzland 1

Trotz des Trosts durch das Buch ist meine Welt von jetzt auf gleich so kräftig aus den Fugen geraten, dass allein der Schmerz über den Verlust der Fugen kaum auszuhalten ist.

Meine Mutter und mein Bruder bleiben noch ein bisschen in Berlin. Die Zeit mit ihnen ist schmerzhaft schön. Mein Bruder war all die Jahre, die ich nun in dieser Stadt lebe, noch nicht zu Besuch.

Ich freue mich riesig, dass es ihm in meiner Stadt gefällt. Als Kinder waren wir uns sehr nah. Ich, die gerade knapp ein Jahr Ältere, hatte ihm gegenüber einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Als Mädchen war ich eigentlich viel mehr der Junge. Und er war das Mädchen. Wie oft fragte jemand: „Na, ist das deine kleine Schwester?“

Schon als Kinder wunderten wir uns, wie wenig die Leute wissen.

Jetzt und hier in Berlin durchströmt mich unsere Geschichte. Ich weiß, auch wenn wir uns längst nicht mehr so nahe sind, meinem Bruder bricht das Herz, wenn er erfährt, dass ich ernsthaft krank bin.

„Ilona Clemens darf nicht sterben!“, fällt mir ein. Die Geschichte geht so:

Ich bin zehn Jahre alt. Das erste Mal in meinem Leben liege ich im Krankenhaus mit einer ernsten Lungenentzündung. Mein Zustand bessert sich nicht und meine Eltern sind in großer Sorge. Mein Bruder schnappt einige Gespräche zwischen ihnen auf. Am nächsten Tag zieht er mit einem Heft und einem Stift durch das kleine ostfriesische Dorf, in dem wir leben. Er klingelt an vielen Türen und bittet die Leute um eine Unterschrift unter seine Forderung. Diese lautet: Ilona Clemens darf nicht sterben!

In meinem Krankenhausbett weine ich, als ich sehe, wer alles unterschrieben hat. Und weil mein Bruder um mein Leben kämpft. Und weil ich so große Sehnsucht nach ihm habe.

Nein, so lange ich keine Gewissheit habe, werde ich nicht ihm, nicht meinen Eltern und nicht meiner Schwester erzählen vom Krebsverdacht.

Denn noch ist es ein Verdacht. Darauf weist mich ein Freund hin. Es kann immer noch sein, dass sich das Gewächs in meiner Brust als harmlos entpuppt.

Dann ist Weihnachten. Das irgendwie kommt und geht. Am zweiten Weihnachtstag liege ich im Bett und habe die Angst, die in diesen wenigen Tagen bereits chronisch geworden ist. Sie schnürt die Herzgegend ab und macht ein Gefühl, wie ich es noch nie hatte. Nicht zum Aushalten. Ich muss sofort aus meinem Leben raus, wo die Dämonen aus jeder Ecke grinsen. „Jetzt geht es ans Sterben lernen“, flüstern sie hartnäckig.

Ich will aber leben. Ich will dieses kostbare Glück, diesen inneren Frieden, den ich immer öfter genieße, diesen Erfolg – alles das, was bei mir in späterem Alter so jung erblüht ist; ich will das nicht hergeben!

Johannes, mein frisch angetrauter Mann, kommt ins Zimmer. „Zieh dich an, wir fahren raus!“ Mit einem Blick hat er erfasst, dass ich nicht gedeihe, wenn ich hier liegen bleibe.

Ich bin einfach mal brav und folge ihm.

Wir fahren raus zur Pfaueninsel.

Einer unserer Lieblingsorte, wenn wir es nicht weit haben wollen. In der Dämmerung kann man die Schreie der Pfauen hören. Mystisch. An einem Sommerabend beim Schwimmen habe ich es zum ersten Mal gehört. Mir ist das Herz ganz weit aufgegangen. Was für ein Geschenk, am Leben zu sein – ich weiß noch, dass ich das empfand.

Es ist ein heller Weihnachtstag. Auf der kleinen Fähre stelle ich mich so hin, dass ich die Sonne und den Wind in meinem Gesicht spüre. Und da empfinde ich es wieder, dieses tief am Leben sein. Und für Momente ist mir egal, was wird, weil ich glücklich bin mit dem, was ist. Jetzt, genau jetzt, bin ich so am Leben, dass mir Sterben keine Angst macht.

Die Raunächte, diese Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig, habe ich immer geliebt. Eine Zeit, die aus der Zeit fällt. Alles verlangsamt, alles still. Ständig irgendein Feiertag oder der Tag vor oder nach demselben.

Es heißt, die Träume in dieser Zeit hätten besondere Bedeutung. Es heißt, die Schleier zwischen den Welten seien jetzt besonders dünn.

Bevor ich wusste, dass ich zu diesem Jahreswechsel aus jeglicher Normalität fallen würde, habe ich einen Workshop geplant; einen Workshop, der die Teilnehmenden mit der Magie der Raunächte verbinden will. Dieser Workshop ist seit Wochen ausgebucht.

Mir ist ganz und gar nicht magisch zumute. Den Workshop aber will ich durchführen. Mir zuliebe. In der Abwesenheit jeder Normalität, allein der besonderen Jahreszeit wegen, brauche ich irgendetwas, an dem ich mich festhalten kann.

Gerne darf das meine berufliche Identität als Astrologin sein. Also packe ich meine Siebensachen zusammen und verlasse die Wohnung von Johannes, um zu mir zu fahren und dort den Workshop vorzubereiten.

Wir sind zwar verheiratet, haben aber unsere jeweils eigene Wohnung behalten.

Wer sagt denn, dass man unbedingt zusammenziehen muss?

Und zum ersten Mal, seitdem der Krebsverdacht im Raum steht, bin ich alleine.

In meiner Wohnung sind die Wände immer noch nass. Das Trockengerät röhrt vor sich hin.

Gemütlich geht anders.

Zögerlich nehme ich meine Wohnung und auch mein Alleinsein wieder in Besitz. Ich halte es zunächst kaum aus. Überfallartig kommen die Ängste. „Verdrängt ist nicht vergessen“, kreischen die Dämonen schrill aus allen Ecken.

Es tut gut zu wissen, dass ich mir nichts beweisen muss. Wenn ich nicht allein sein kann, fahre ich eben zurück zu Johannes. Mit diesem Wissen setze ich mich an den Tisch und beginne mit der Vorbereitung des Workshops. Darüber vergesse ich alles andere. Sogar der nervige Trockner wird zum brummenden Hintergrundgeräusch.

Der Jahreswechsel ist seltsam unspektakulär. Für 2019 habe ich nur einen Wunsch. Gesundheit. Wenn mir bisher zu Neujahr Gesundheit gewünscht wurde, hatte ich ehrlich gesagt immer ein leicht abfälliges Gefühl dazu. „Ja. Ja. Habe ich doch eh. Ist doch für mich selbstverständlich.“

Und jetzt?

Nichts als einen gesunden Körper – diese als Selbstverständlichkeit angenommene Realität – will ich zurück. Dauerhaft und sicher. Und nicht als Wackelpudding in Warteschleife.

Gewissheit will ich. Der Mammografie-Termin Anfang Januar scheint noch unendlich weit weg.

Die Tage vergehen. Das Gewächs bleibt. Immer wieder fasse ich hin. Fassungslos. „Was willst du?“, frage ich. In mir tobt es. Ich versuche – und halte es für möglich –, die Verwachsung allein durch die Kraft meiner Gedanken zum Verschwinden zu bringen.

Schwierig finde ich auch die Vorstellung, dass irgendetwas in mir ist, was da nicht hingehört.

Meine Welt ist die des Akzeptierens. Anzuerkennen, was ist. Lieben, was ist.

„Ich liebe dich“, sage ich zu dem Alien in meiner Brust. Keine Antwort.

„Ich hasse dich.“ Keine Antwort.

Und der arme Johannes muss immer wieder tasten.

„Findest du nicht, dass das Gewächs schon viel kleiner geworden ist?“

Aber so sehr Johannes das auch bedauert: Er findet es nie.

Und dann ist er da. Ein trüber Montag Anfang Januar. Der Tag der Mammografie.

„Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat.“ Diese Zeilen aus einem Lied von Fehlfarben kommen mir in den Sinn, als ich aus dem Auto auf die trübe Stadt schaue. Und dieser Grauschleier liegt auch auf meiner Seele. Mir fehlen alle Worte.

Johannes ist ebenfalls ungewöhnlich schweigsam.

In der Umkleidekabine überkommt mich eine bisher so noch nicht erlebte Zuversicht. Eine riesige Hoffnung. Es kann doch sein, dass ich wirklich keinen Krebs habe. Dass sich jetzt im so jungen neuen Jahr endlich alles in Wohlgefallen auflöst.

„Da haben Sie uns aber einen Schrecken eingejagt, Frau Clemens.“ Befreites Lachen. Eine Zeit, von der ich noch Jahre später erzählen werde. Wie es war, als mir mal so richtig der Arsch auf Grund ging.

Eine knappe halbe Stunde später teilt mir auch dieser Arzt mit, dass es sich sehr sicher um Krebs handelt.

Ich soll die Befunde der Mammografie zu meinem Gynäkologen bringen. Dazu ist es aber noch zu früh am Tag.

Plötzlich weiß ich, was ich will.

In Schöneberg gibt es eine esoterische Buchhandlung, in der ich immer gerne herumstöbere.

„Fährst du mich hin?“, bitte ich Johannes.

Wie geht es mir? Seltsamerweise überraschend gut.

Offenbar bekommt mir die Klarheit. Es war so lange so neblig. Wie ferngesteuert zieht es mich zu den Büchern über Tod und Sterben.

Bücher, die mich besonders ansprechen, greife ich heraus und verziehe mich mit ihnen in eine Ecke. Elisabeth Kübler-Ross „Über den Tod und das Leben danach“; für mich gerade sinniger als jede Rentenversicherung. Dasselbe gilt für „7 Gründe für ein Leben nach dem Tod“ von Dr. Jean Jaques Charbonier.

Erstaunlich, wie viel Sicherheit ich daraus ziehen kann, mich mit dem Tod auf diese Art zu beschäftigen.

Geborgenheit umgibt mich.

Ich lese mich hinein und ich lese mich fest. Ich treffe Vorkehrungen für den Fall der Fälle.

Der Tod hat mich schon immer fasziniert.

Ich habe nie zu denen gehört, die annehmen, dass mit dem Tod alles zu Ende ist. Dass unser Körper zerfällt und mit ihm das, was man vielleicht Seele nennen könnte.

Als Kind war ich mir sicher, dass alle Toten in den Himmel kommen. Dort sind sie dann bei Gott, den ich mir seltsamerweise immer als liebenswerten Clown vorgestellt habe.

Jeden Abend habe ich gebetet.

Ich bin klein, mein Herz ist rein;

soll niemand drin wohnen als Jesus allein.

Anschließend beauftragte ich Gott, alle mir bekannten Toten herzlich zu grüßen. Jede einzelne tote Person zählte ich namentlich auf. So nahm ich Abend für Abend Verbindung auf. War im Dorf jemand frisch verstorben, so bat ich Gott, ihm oder ihr die Ankunft im riesigen Himmel zu erleichtern. Gott waberte dann über und durch die Wolken hindurch zu den Toten, die ich erwähnt habe, um meine Grüße auszurichten. Unterwegs hielt er das ein oder andere Schwätzchen. Im Himmel ist es bestimmt gemütlich.

Heute bin ich nicht mehr klein.

Mein Herz ist auch nicht mehr ganz so rein.

Zu Jesus habe ich keinen besonderen Draht.

Und gleichzeitig hat sich gar nichts verändert.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir, wenn wir sterben, lediglich die Ebene wechseln.

Sterben sehe ich wie geboren werden. Will das Baby aus der schützenden und nährenden Gebärmutter heraus? Gott, nein. Und doch erwartet es ein ganzes, reiches Leben.

Da sitze ich mit meinen Büchern in der Buchhandlung. Ganz plötzlich weiß ich: Genau diese Bücher werde ich lesen, wenn es hart auf hart kommt und ans Sterben geht.

Ich lege sie nebeneinander und fotografiere sie.

Und dann wende ich mich vom Thema Tod und Sterben ab. Jetzt soll es um mein Leben gehen.

Zutiefst beruhigt und gestärkt verlasse ich die Buchhandlung. Irgendwie ist es, als hätte es sich ausgeängstigt. So wie man sich auch ausweinen kann. Dann kommen keine Tränen mehr.

Am darauffolgenden Tag findet die Biopsie statt. Viel Schlimmes und Schmerzhaftes habe ich darüber und davon gehört. Ich finde sie, genau wie die Mammografie, eher unspektakulär. Aber vielleicht ist das so bei einer Frau wie mir, die Parodontose-Behandlungen beim Zahnarzt mag und auch sonst die ein oder andere masochistische Ader aufweist.

Auch wenn die Befundbesprechung aussteht; ich solle leider mit Krebs rechnen, sagt die Ärztin.

Krebs ist jetzt keine Möglichkeit mehr, sondern eine in mir gewachsene Realität.

Die Ärztin ist ruhig. Behutsam fragt sie, ob ich zurechtkomme. Sie rät mir, mich nicht verrückt zu machen. Und zum ersten Mal höre ich, dass Brustkrebs in sehr vielen Fällen sehr gut behandelbar und sogar heilbar ist.

Natürlich, ich muss jetzt den Befund abwarten. Drei weitere Tage warten. „Tun Sie sich einen Gefallen und googeln Sie nicht!“ Dieser Rat von ihr kommt sehr eindringlich.

Ich werde ihn befolgen. Das fällt mir sogar leicht. Je weniger ich weiß, desto besser. Das spüre ich sehr deutlich. Bloß nicht den ganzen Kopf voller Horror packen.

Nachdenklich spaziere ich am Ufer des Landwehrkanals nach Hause. Dass es regnet, merke ich erst, als ich ganz durchnässt zuhause ankomme.

Ich rufe Johannes an. „Ich habe Krebs“, sage ich schlicht. Und höre ihn weinen.

„Der Junge muss an die frische Luft“, heißt der Film über das Leben von Hape Kerkeling, den ich mit einer Freundin am Abend vor der Befundbesprechung im Kino anschaue.

Wir sind durch und durch begeistert. So muss Kino sein. Die Stimmung in den siebziger Jahren ist perfekt eingefangen worden.

Was uns beide mit Hape Kerkeling verbindet, ist das Aufwachsen in weitläufigen familiären Strukturen. Immerzu sind irgendwelche Onkels und Tanten präsent und nahezu ständig wird irgendetwas gefeiert.

Der Film beschreibt diese Art von Familienleben auf wunderbare Art und Weise.

Während des Films entdecke ich einen Song wieder.

Everyday von Buddy Holly. Wie lange habe ich den nicht mehr gehört! Dabei hat er mich immer schon gut drauf gebracht. Flockig, flauschig, leicht kommt er daher und erinnert mich daran, dass das Leben eben auch ganz leicht sein kann.

Dem Himmel sei Dank für Youtube. Zuhause höre ich Everyday in einer Endlosschleife und tanze dazu. Tut das gut!

In meine Wohnung wird eingebrochen. Die Einbrecher sind männlich und kommen über den Balkon. Ich bin im Zimmer und sehe, wie sie sich an der Balkontür zu schaffen machen. Ich bin zutiefst empört und reiße die Balkontür auf. „Was fällt euch ein!“, brülle ich. Mir fällt ein, dass es gut wäre, mich größer zu machen als ich bin, und so nehme ich eine aufrechte Haltung ein. Ich bin vollkommen furchtlos. „Verschwindet. Aber sofort!“ Und das tun sie.

Der Morgen der Befundbesprechung beginnt mit Everyday. Früh um acht kommt der Mann, der regelmäßig prüft, wie weit die Wand in meiner Küche bereits getrocknet ist. Völlig überraschend teilt er mir mit, dass er das Gerät wieder mitnehmen kann.

Das nehme ich als weiteres gutes Vorzeichen für diesen Tag.

Auf dem Weg zum Urban-Krankenhaus komme ich mit dem Bus an der Heilig Kreuz Kirche vorbei. Ein riesiges Transparent hängt dort, auf dem steht: Rechtspopulismus schadet der Seele.

Das ist doch mal eine Ansage.

Krebsverdacht schadet der Seele ebenfalls. Aber ich will nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

Johannes wartet bereits am Haupteingang auf mich.

Dann sitzen wir im Wartezimmer und sind einmal mehr ganz still.

Erleichterung

Konzentrierte Anspannung.

Die erlösenden Worte kommen zu mir wie durch einen Nebel. „Eine Form von Krebs, die gut behandelbar ist“, höre ich wie durch Watte. „Wahrscheinlich brusterhaltende OP möglich.“ „Hormonsensitiv“.

Operation, Bestrahlung, Hormontherapie, Heilung.

Es klingt, als hätte ich das ganz große Los gezogen.

Ich sitze da und kann es kaum fassen.

Weiterleben? Gar gesund werden? Und dazu noch beide Brüste behalten?

Bei der Größe des Tumors – später wird seine Größe auf 4,5 cm beziffert werden – habe ich damit am allerwenigsten gerechnet.

Die Vorstellung, eine Brust zu verlieren, hat mich weniger geschockt, als man annehmen könnte.

Ich hatte von jeher einen sehr eigenwilligen Begriff von Weiblichkeit und weiblicher Schönheit.