Kreisläufe des Lebens - Marina Feil - E-Book

Kreisläufe des Lebens E-Book

Marina Feil

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Beschreibung

Die Autorin beschreibt in ihren Erzählungen die Kreisläufe des Lebens einmal ganz anders. Die ersten drei Geschichten lassen den Leser denken, es handele sich hier um völlig verschiedene Abhandlungen, die nichts miteinander zu tun haben. Doch in den letzte beiden Geschichten finden sich Parallelen und Überschneidungen der Einzeltexte wieder. Die Hauptfiguren sind sowohl Menschen als auch Tiere, deren Schicksale miteinander verwoben sind und die irgendwann auf ihren Wegen irgendwie zueinander finden. Es werden nicht nur einfach Abläufe verschiedener Leben beschrieben, sondern es werden Themen wie Leben nach dem Tod, Wiedergeburt, Seelenverwandtschaft und übernatürliche Vorkommnisse angesprochen. Im Verlauf seines Lebens hat wohl fast jeder Dinge erlebt, die gar nicht oder zumindest in Teilen nicht erklärbar sind. Solche Begebenheiten versucht die Autorin aus ihrer Sicht zu thematisieren, ohne dabei unglaubwürdig zu erscheinen. Sie führt an, dass alle Geschichten und Figuren rein erfunden sind. Doch sind alle Beschreibungen sachlich und werden dem Leser auf verständliche Art und Weise nähergebracht. Das Buch soll in erster Linie unterhalten, aber auch zum Nachdenken anregen. Es soll helfen, das Leben in seinen vielfältigen Facetten aus anderen, neuen, vielleicht vorher nie bedachten Perspektiven zu betrachten. So ist ein Ende nicht immer negativ anzusehen. Ein Ende beinhaltet –und sei es noch so traurig und schmerzhaft- immer die Chance auf einen wohltuenden und willkommenen Anfang.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Marina Feil

Kreisläufe des Lebens

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

V o r w o r t

Matthi und Pfeffer

Zarefa

Kater und Flint

Die Heimkehrerin

Das Ende

Impressum neobooks

V o r w o r t

Mit meinem Buch Kreisläufe des Lebens lade ich Sie ein in eine Welt der Fantasie. Hier werden Themen berührt, die durchaus das Leben zur Vorlage haben könnten, jedoch von mir frei erfunden wurden. So sind Ähnlichkeiten zu lebenden Personen, Tieren und deren Geschichten reiner Zufall.

Gerade die etwas Älteren unter uns haben bestimmt schon einige Male erlebt, dass sich Kreisläufe im Leben nicht nur treffen und überschneiden, sondern auch schließen. So werden Wege oder Abschnitte oder gar das Leben selbst beendet. Gerade wenn das Leben endet, stellt sich oft von ganz allein die Frage nach dem: „Wo ist der nahestehende Freund geblieben, oder wo geht man hin, wenn es soweit mit einem selbst ist?“ Die Wissenschaft gibt hierauf keine echte Antwort, bzw. geht eher davon aus, dass nach dem Ableben nichts mehr kommt. Religionen sind in ihren Aussagen und Auffassungen wesentlich mutiger. So wird im Christentum von der Wiederauferstehung gesprochen, andere glauben an die Reinkarnation oder wieder andere meinen, dass wir zwar wiedergeboren werden, dann aber nicht mehr als Mensch.

In unseren Breiten ist ein größerer Teil der Bevölkerung nicht mehr gläubig. Trotzdem wird der eine oder andere schon einmal vor dem Grab eines geliebten Menschen gestanden und leise gefragt haben: „Wo bist du jetzt? Sehe ich dich irgendwann wieder?“ Vor etlichen Jahren habe ich im Kollegenkreis ein gestandenes Mannsbild gehabt, der von sich behauptete, der absolute Atheist zu sein. Bei irgendeiner Unterhaltung, ich erinnere mich nicht mehr an den Grund dazu, kam das Thema auf Gott und ich hörte ihn sagen: „Es gibt keinen Gott!“ Sein Einwurf hörte sich fast grimmig an. Im Verlauf des gleichen Gesprächs sagte aber dieselbe Person: „Natürlich hat der Mensch eine Seele, und natürlich ist diese nach dem Tod nicht einfach weg. Die Natur vergeudet doch schließlich nichts!!“

Oder kennen Sie das?

Sie haben sich schon einmal verwundert folgende Fragen auf spezielle Erlebnisse mit weniger Tragweite gestellt: „Wie kann das sein? Das geht doch gar nicht, oder? Ist das ein Zufall?“ Und manchmal gibt man sich selbst zur Beruhigung die Antwort: „Nee, ein Zufall ist das nicht!“ Doch dann denkt man lieber nicht weiter darüber nach, weil sich sonst eine Fantasiewelt öffnen könnte, mit der Sie sogar nichts anfangen können oder wollen, und Sie kennen vielleicht auch keinen, der dazu prädestiniert wäre, den Sie fragen würden. Außerdem fehlte so manchem der Mut, über diese geheimnisvollen Dinge zu sprechen oder auch nur tiefer gehend nachzudenken.

Doch Fakt ist, dass vieles unerklärlich bleibt und dass niemand von uns wirklich für immer weg sein möchte. Dieses Buch wird Ihnen keine Antworten geben. Dazu ist, so glaube ich, auch kein irdisches Geschöpf in der Lage. Es soll Sie schließlich auch nur unterhalten. Ich möchte Ihnen mitteilen, wie ich mir das so vorstelle mit den unerklärlichen Dingen. Deshalb wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen meiner Geschichten. Lernen Sie die Familien Gruhn, Hagen und Maiwald kennen. Nehmen Sie Teil an den Erlebnissen der Tiere Pfeffi, Zarefa, Kater und Akuti mit Taruna und vielen anderen. Lesen Sie von ihren Lebenskreisläufen, die zunächst miteinander nichts zu tun zu haben scheinen und sich dann doch treffen. Lassen Sie sich von irdischen und überirdischen Dingen mitreißen. Freuen Sie sich auf ein Kennenlernen mit Mr. Heatherford. Und seien Sie nicht traurig, wenn sich Kreisläufe wie im Leben schließen. Ein Ende birgt immer die Chance auf einen neuen Anfang.

Matthi und Pfeffer

Die Sonne scheint, er öffnet die Augen und blinzelt zunächst. Die starke Trübung der Pupillen lässt darauf schließen, dass er fast erblindet sein muss. Trotzdem er sich zusammengerollt hat, bleibt erkennbar, wie mager sein Körper ist. Sein hellbeiges, fast weißes Fell ist ungepflegt und verfilzt. Es war ursprünglich lockig und halblang. Außerdem hat es handteller große Flecken, die von pfefferig grauer Farbe sind. Wegen dieser Eigenheit erhielt der kleine Hund seinen Namen Pfeffer. Pfeffer ist ein reinrassiger Foxterrier und heißt laut seiner Papiere mit vollen Namen Pfeffer vom Uhlenhof im Eichengrund.

Pfeffer hat trotz seines Alters und der Lebensumstände immer noch ein drolliges Gesicht. Wenn er lauscht, kippen seine Schlappohren nach vorne und bedecken Teile seines Gesichts. Sein Gehör ist längst genauso schlecht wie seine Augen. Aber wem sollte er auch zuhören oder wen sollte er anschauen?

Er liegt an dieser Stelle schon eine Ewigkeit. Pfeffer hebt seinen Kopf und schnuppert. Dabei bewegt er seine schwarze Nase hin und her. Sein Geruchssinn ist noch recht gut. Sein Blick wandert zu dem entfernten Haus, das er nie aus der Nähe oder von innen sehen durfte.

Die Bäuerin kocht irgendetwas Wohlriechendes, und, wenn er Glück haben sollte, bekommt er von dem Essen später einen Rest ab. Vor ihm stehen zwei Näpfe. Der eine ist leer, schmutzig und von angetrockneten Futterresten verklebt. Der andere wird innen von einem grünen und schleimigen Rand geziert. In diesem befindet sich etwas trübes Wasser. Pfeffer hatte schon längere Zeit nichts bekommen und ihm knurrt der Magen. Er steht auf, reckt seine langen Beine und gähnt. Das durch die Bewegung ausgelöste Rasseln der schweren Kette erinnert den Hund an sein unendliches Leid.

Pfeffer wurde bereits als junger Hund hier angebunden. Man hatte ihm nicht einmal ein Halsband gegeben. Die Kette wurde einfach um seinen Hals geschlungen, so dass er keine Chance hatte, sich zu befreien. So hinterließ sie über die Jahre ihre schmerzhaften Spuren. Auf der anderen Seite endet die Kette, die ihm einen Bewegungsradius von etwa drei Metern lässt, an einem Eisenpflock. Dieser ist genau neben seiner Hütte ins Erdreich eingeschlagen. Die Hütte ist uralt, das Holz hat faulige Stellen und das Dach hat wegen der fehlenden Dachpappe Löcher. Sie bietet ihm kaum noch Schutz. Wenn es regnet oder sehr kalt ist, verkriecht sich Pfeffer bis nach ganz hinten. Hier kauert er sich dann an die Rückwand, damit er wenigstens etwas warm und trocken bleibt.

Oberhalb der Luke hängt mit einem einzigen Nagel fixiert ganz schief ein Schild, auf dem der Name Janusch geschrieben steht. Pfeffer weiß nicht, ob dieser Name nun an die Stelle seines Geburtsnamens getreten ist, und er jetzt so heißt oder ob dieser Name einem anderen Hund gehörte, der hier bereits vor ihm früher sein bemitleidenswertes Leben fristen musste.

Und so fing alles vor vielen Jahren an:

Pfeffer war ein junger temperamentvoller Rüde, der seinem Namen alle Ehre machte. Er war gerade erwachsen geworden. Damals war seine Hundewelt noch in Ordnung. Er hatte ein artgerechtes Leben und Spielen, ja Spielen und Herumtollen, das waren seine Leidenschaften…...

Pfeffer und seine drei Geschwister werden an einem sonnigen, warmen Morgen in der ersten Mai-Woche geboren. Schon in diesem ersten Lebensjahr geschieht für ihn und seine Familie großes Leid. Die Hündin Ondra zieht mit Pfeffer, Paula, Pina und Pinta ihren ersten Wurf groß. Sie ist eine gute Hundemutter und stetig um ihre Jungen bemüht. Als die Welpen für die Geburtskiste zu groß geworden sind und beginnen, ihr Umfeld zu entdecken, wird sie besonders wachsam, und bleibt, wo immer sie kann, in der Nähe der Hundekinder. Da Ondra selbst noch sehr jung ist, tollt und spielt sie mit den vier Geschwistern so oft wie möglich herum. Hierbei erhalten die Jungen ihre ersten Lektionen, wie sich ein Hund zu benehmen hat.

Es kommt leider auch bald die Zeit, in der die Tiere alt genug sind, um getrennt zu werden. So gehen Pfeffers drei Schwestern und auch die Mutter weg vom Uhlenhof. Es heißt, sie würden in gute Hände abgegeben. Was Pfeffer nicht wissen kann ist, dass sein Frauchen Christin, die Herrin vom Uhlenhof, keine Freude mehr an der Foxterrier-Zucht hat und sie deshalb auflöst, obwohl bereits viele Generationen dieser Tiere auf dem Uhlenhof im Eichengrund geboren wurden und gelebt haben, weshalb alle Hunde in ihren Papieren diesen Namen tragen und so auch beim Zuchtverband eingetragen sind. Wie erfolgreich die Zucht war, zeigen auch die vielen Pokale, die überall im Haus verteilt stehen, die Christin Gruhn auf Unmengen von Ausstellungen für ihre edlen Hunde erhalten hat.

Pfeffer bleibt allein auf dem Uhlenhof zurück, worüber er glücklich ist, obwohl ihm Mutter und Schwestern zunächst sehr fehlen. Doch da gibt es ja noch sein geliebtes junges Herrchen, dem Pfeffer verdankt, dass er bleiben darf. Matthias ist ganz verrückt nach dem kleinen Hund, nicht zuletzt deshalb, weil er der einzige Rüde in diesem Wurf war. Außerdem kann Pfeffi, wie ihn sein Herrchen liebevoll nennt, nicht wissen, dass Christin und Tristan Gruhn ihrem Sohn aus gutem Grund keinen Wunsch abschlagen.

Matthi ist ein etwas dicklicher Junge mit rundem Gesicht, braunen freundlichen Augen und blonden wild gelockten Haaren. Matthi ist Pfeffis bester Freund. Die beiden sind fast immer zusammen zu finden. Bereits morgens schallt die Kinderstimme hell durch das gesamte Haus: „Pfeffer! -------------Pfeffiiiiiiiii! ---------Wo steckst du??--------?“Pfeffer springt dann aus seinem Korb und rennt so schnell er kann zu Matthias. Dabei gerät er meist auf dem glatten Terrakottaboden ins Rutschen Die Beine scheinen sich bei seinem Spurt zu verheddern, und man kann hören, wie die Krallen ihren Halt suchen. Dass Pfeffis Korb im großen Flur des Hauses steht, ist für ihn normal. Hier stand die Wurfkiste, in der er geboren wurde, hier hatten all die anderen Hunde ihren Platz, und nun hat er hier seine Ecke.

Er versteht auch nicht die Bedeutung der Worte von Christin: “Der Hund muss im Flur schlafen. Tiere übertragen immer irgendwelche Keime, die von Matthi unbedingt fern gehalten werden müssen.“ Diese zwei Sätze wiederholt die Mutter meist mehrfach täglich. Dabei macht sie stets ein sorgenvolles Gesicht, und sie wirkt dann wie versteinert, als würde sie mit ihren Gedanken in eine völlig andere Welt eintauchen. Geht Matthi schlafen, darf Pfeffi nicht mit in das Zimmer des Jungen. Er schaut zwar täglich erwartungsvoll zu Christin hinauf, ob vielleicht doch eine Ausnahme zu erwarten ist, erhält aber jedes Mal den barschen Befehl: „Du bleibst hier!“ Christins Blick richtet sich dann scharf und bedeutungsvoll auf den Hund und ihr Zeigefinger weist spitz auf den Hundeplatz. Pfeffer gehorcht, geht wie befohlen in seinen Korb und setzt sich hinein, um von hier noch eine Weile das abendliche Geschehen im Haus zu beobachten bis die nächtliche Ruhe eintritt. Er legt sich dann brav nieder und lauscht den Geräuschen der Nacht. Er hört die Schreie der Eulen, die dem Hof seinen Namen gegeben haben. Hierunter mischt sich oft ein langgezogenes `Kiiiewitttt`. Diesen Ruf benutzt ein Kauz, der neben anderen Eulenvögeln im nahen Eichengrund sein Zuhause hat. Wegen der Ähnlichkeit mit den Worten `Komm mit` und dem Aberglauben vieler Menschen wird das harmlose Käuzchen zum Begleiter des Todes herabgewürdigt. Man sagt diesen Tieren nach, dass ein Mensch stirbt, wenn der Ruf erschallt. Hiervon weiß Pfeffi aber nichts.

Vielmehr beängstigt ihn ganz etwas anderes. Es passiert immer häufiger, dass das Leben im Haus nicht nur tagsüber sondern auch nachts in eine unerwartete Hektik aufschreckt. Pfeffis Menschen laufen dann durcheinander, und das Stimmengewirr lässt auf nichts Gutes schließen.

Und dann kommt der große fremde Mann, der so komisch riecht, und der Pfeffi nicht einmal dann beachtet, wenn dieser versucht, an ihm zu schnuppern. Dieser Mann hat immer eine schwarze lederne Tasche dabei. Um den Hals hängt ihm so ein blinkendes Ding, welches die Menschen Stethoskop nennen. Der Mann wird der Doktor genannt. Er betritt mit Eile das Haus und verschwindet mit der gleichen Eile in Matthis Zimmer. Matthias wird dann immer von schweren Hustenanfällen geschüttelt, und der Doktor greift nach seinem Stethoskop, um die Lunge des Jungen abzuhören.

Der Doktor achtet dabei aber auch auf den Herzschlag, indem er den Puls über dem Handgelenk fühlt. Pfeffi kann spüren, dass alle anwesenden Menschen voll der größten Sorge um Matthias sind. Christin wischt sich dann immer fast unmerklich für alle anderen Tränen aus den Augen. Sie liebt ihr Kind über alles und hat dabei die schrecklichsten Vorahnungen….

Wegen der Erkrankung kann Matthias nicht mit den anderen gesunden Kindern zusammen zur Schule gehen. Er erhält deshalb Hausunterricht. Hierfür kommt fast täglich das bereits etwas ältliche Fräulein Clarissa Rose zu den Gruhns, die mit Matthi den Stoff des dritten Schuljahres durchnimmt. Manchmal kommt an Stelle von Fräulein Rose auch ein junger Lehrer. Der zeigt Matthi den Lehrstoff anhand von vielen Bildern, Grafiken und auch kleinen Filmen. Diesen Unterricht mag der Junge besonders gern, und er kriegt dann vor lauter Aufregung ganz rote Wangen. Außerdem darf Matthias den Lehrer bei seinem Vornamen nennen. Aaron pflegt mit Matthi eine freundschaftliche Lehrer- Schülerbeziehung. Für Aaron ist Matthias ein ganz besonderer Junge, den er sehr gern unterrichtet. Pfeffis Begeisterung für den Unterricht hält sich in engen Grenzen, weil er in diesen Stunden nicht bei seinem kleinen Freund sein darf. Er soll das Kind vom Lernen nicht ablenken. Also erwartet der Hund artig an seinem Platz das Ende des Unterrichts, um dann schnell zu seinem Herrchen zu laufen, sobald die fremden Menschen gegangen sind.

Matthi hustet im Verlauf der Zeit immer öfter und heftiger. Die Anfälle sind so qualvoll, dass der schnell herangeholte Doktor ihn jetzt meist ins nahegelegene Krankenhaus begleitet. Hier bleibt er dann für einige Stunden bis die verabreichten Medikamente ihre Wirkung tun. Sobald das Kind wieder daheim ist, ist die Familie einschließlich des Doktors total aufgelöst. Matthi weint meist, da er die Schmerzen kaum noch aushält und die Medikamente, die erhebliche Nebenwirkungen haben, auch immer höher dosiert werden müssen, um überhaupt noch eine befreiende Wirkung zu erzielen. Die Aufregung ist dann sehr groß. Alles spielt sich im Kinderzimmer ab. Selbst der Doktor bleibt aus Sorge immer länger im Haus. Draußen bleibt allein der kleine Hund, der sich in seinen Korb verzieht und geduldig wartet bis wieder Ruhe einkehrt. Wenn ein Tier den Begriff Sorge kennt, dann ist es Pfeffi. Zumindest die Empfindungen, die damit einhergehen, kann der Hund nachvollziehen. Er spürt ganz instinktiv den Schmerz und die Qual seines Herrchens und die damit verbundenen Ängste der anderen Menschen. Angst gehört genauso wie Vertrauen zu den Instinkten eines jeden Tieres. Hunde sind Rudeltiere. Die Zugehörigkeit zum Rudel baut auf das gegenseitige Vertrauen der einzelnen Mitglieder auf. Nur so kann ein Rudel funktionieren. Angst schützt die Tiere vor falscher Einschätzung der Feinde. Werden die Funktionen des Rudels durch fremde Einflüsse empfindlich gestört, so bleibt den Tieren keine andere Möglichkeit als geduldig abzuwarten bis sich die Abläufe wieder normalisieren. Genau das tut Pfeffi. Er wartet ab und hofft, dass sich alles normalisiert…...

Christin ist nicht nur eine liebevolle Mutter, sondern auch eine sehr reinliche Hausfrau. Sie hält alles mit größter Genauigkeit sauber. So wundert es Pfeffi nicht, dass sein Korb regelmäßig geseift und abgeduscht wird. Er erhält täglich frische Kissen und seine immer blitz blanken Näpfe stehen stets an einer eigens dafür vorgesehenen Stelle in der Küche auf einer abwaschbaren Platzdecke. Nur an dieser bestimmten Stelle darf Pfeffi fressen. Pfeffer selbst wird einmal wöchentlich gebadet und geföhnt, wobei der Hund ahnt, dass diese aufwendigen Prozeduren irgendetwas mit Matthis Husten zu tun haben müssen. Pfeffi nimmt es hin und freut sich über jede Minute, die er bei seinem Freund sein darf. Doch hört er eines Tages Tristan sagen: “Eigentlich dürfte der Hund nicht mehr bei dem Jungen sein! Ich habe da große Bedenken.“ Christin antwortet müde: „Du hast natürlich Recht, Tris, aber ich bringe es einfach nicht über das Herz, ihm Pfeffer wegzunehmen!“ Pfeffi erschrickt über diese Worte und wird nachdenklich. Ob er wohl irgendetwas tun kann? Er schaut hilfesuchend zu Tristan hoch. Dieser dreht sich weg und wischt sich die aufkommenden Tränen aus den Augen. Pfeffer kennt mittlerweile die Auswirkungen der menschlichen Trauer. Tristan trauert still und in sich gekehrt und hofft, dass dies seine Frau nicht bemerkt. Mit dem Kopf auf den Pfoten liegend beobachtet der kleine Hund die Szene. Dann steht er umständlich auf, geht zu Tristan und leckt seine Hand. Tristan bückt sich nach ihm und krault den Kopf des Tieres, wobei er seinen traurigen Gedanken nachhängt.

Es fängt ein neuer Tag an. Eigentlich ist alles wie immer, nur dass Matthias schon seit Tagen keinen Unterricht mehr hat. Da heute sowieso Sonntag ist, käme ohnehin kein Lehrer ins Haus. In der Nacht hat Matthi wieder viel gehustet und schrecklich geweint. In solchen Nächten wacht dann Christin bei dem Jungen und versucht ihm Trost zu spenden. Sie gibt ihm Medizin und hofft, dass es unnötig sein wird, den Doktor zu holen. In dieser Nacht ist Matthi nach einiger Zeit tatsächlich wieder eingeschlafen. Christin blieb trotzdem zur Sicherheit bei ihrem Sohn. Tristan war ebenfalls aufgestanden und lief im Arbeitszimmer hin und her. Seine Hände steckten in den Taschen des weinroten Morgenmantels, den er übergezogen hatte. Dennoch fror er und seine Gedanken waren düster und sorgenvoll.

Nun ist aber der Morgen angebrochen. Der Tag verspricht warm zu werden, obwohl der Herbst mit seinen bunten Farben bereits Einzug genommen hat. Dick und warm eingepackt trägt Tristan seinen Sohn auf die Terrasse. Die frische saubere Luft soll ihm gut tun und seiner kranken Lunge etwas Erleichterung bringen. Auf dem Weg dahin erklingt Matthis Stimme wie immer hell, aber doch wesentlich leiser und kraftloser als sonst: „Pfeffer, Pfeffi! Komm zu mir!“ Der kleine Hund gehorcht sofort und läuft zu seinem Herrchen. Er merkt, dass etwas anders ist als sonst, ja er kann diese Veränderung sogar riechen. Deshalb legt er sich ganz vorsichtig neben den Liegestuhl des Jungen. Mit dem Kopf auf den Vorderpfoten schaut er das Kind unentwegt an, wobei das Weiße in seinen Augen sichtbar wird. Pfeffi ist ganz still und bleibt auch ganz verhalten als Matthias nach dem roten Bällchen greift, das auf dem Blumenkasten liegt, der auf der Fensterbank neben dem Liegeplatz des Jungen steht. In dem Kasten befindet sich derzeit nur Erde. Christin hatte dieses Jahr keine Lust, irgendetwas zu pflanzen. Es wird ohnehin bald der Winter kommen, und die üblichen bunten Herbstblumen hat sie dieses Mal ausgelassen. Pfeffi hebt den Kopf als Matthi den Ball in den Hof wirft. Er steht auf und läuft ihm ohne Eile nach. Er fängt den hüpfenden Ball auf, kehrt zu dem Kind zurück und legt ihn in den Schoß des Jungen auf die Wolldecke. Dabei stellt er sich auf seine Hinterbeine und stützt sich nur mit einer Pfote am Liegestuhl ab, so als ob Pfeffi Angst hätte, das Kind zu berühren. Es ist aber nicht die Angst vor der Berührung, die den Hund so vorsichtig sein lässt…...

Christin beobachtet die Szene von der Küche aus und sieht, dass Matthi seinen rechten Arm frei gemacht hat, der nun unter der Wolldecke hervorkommt, um mit dem Hund zu spielen. Sie läuft auf die Terrasse und will ihren Jungen wieder richtig zudecken. Der aber mault: „Mu, lass` mich doch ein bisschen, bitte!“ Er nennt seine Mutter häufig so, besonders dann, wenn sie ihm so wie im Augenblick zu fürsorglich erscheint. Christin lässt Matthi seinen Willen -nicht ohne die Ermahnung: „Aber nicht herumtollen, mein Kind.“ „Mein Kind…“, wiederholt Matthi. Er mag nicht, wenn seine Mutter ihn so nennt. Aber er liebt seine Mu über alles und nimmt deshalb den Überschwang ihrer Fürsorglichkeit hin. Er deckt sich daher auch nicht weiter auf. Einarmig spielt er mit Pfeffi weiter. Der Hund bringt ihm nach jedem Wurf den Ball zurück. Hüpft dieser in den Hof, fängt Pfeffi ihn und legt das Bällchen immer in der gleichen Weise auf den Hinterbeinen stehend und sich mit einer Vorderpfote am Liegestuhl abstützend Matthi auf die Wolldecke in den Schoß. Pfeffi hatte dieses Spiel gleich verstanden. Er bringt dem Jungen den Ball gern und unermüdlich zurück. Dabei trabt der Hund hin und her und legt den Ball immer so ab, dass Matthi mit der einen freien Hand problemlos danach greifen kann. So verbringen die beiden ein Weilchen mit ihrem Spiel.

Dann aber plötzlich….! Matthi schreit kurz auf, fast gleichzeitig verschluckt sich der Junge und beginnt zu husten. Er hustet so wie Pfeffi seinen Freund hat noch nie husten hören. Pfeffer vergisst den Ball und rennt voller Panik ins Haus. Er rutscht aus, springt wieder auf und bellt Tristan entgegen. Dieser schaut kurz auf den Hund, dann in den Flur. Er sieht seine Frau auf die Terrasse laufen. Sie ruft ihm zu: „Tristan, schnell!“ Tristan greift nach dem Telefon und ruft dieses Mal nicht wie sonst den Doktor an. Er wählt die Notrufnummer: „Hallo, spreche ich mit dem Notruf der Feuerwehr?“ Tristan versucht ruhig zu bleiben und bemüht sich um Fassung. „Es geht um meinen achtjährigen Sohn. Er hat einen Anfall. In seinen Lungen befinden sich Tumore, die nicht mehr operiert werden können. Bitte schicken Sie den Notarztwagen zum Uhlenhof. Es ist sehr eilig!“ Nachdem Tristan das Telefonat beendet hat, eilt er auf die Terrasse. Er sieht seinen Jungen und erblasst. Matthias wird von schrecklichen Hustenkrämpfen geschüttelt. Er weint und hält den Mund geöffnet, um besser Luft zu kriegen. Matthi schlägt voller Panik um sich, Christin fängt seine Arme ein und hält den Jungen fest. Dann flößt sie ihm die Notfallmedizien ein, die ihr der Doktor für den schlimmsten Fall dagelassen hat. Die Tränen laufen dem Jungen über das Gesicht. Er versucht sich freizukämpfen. Er will alles loswerden, was ihn einengt; die Decken, die ihn eigentlich wärmen sollen; ja selbst die Mutter, die ihn festhält, um ihm Schutz zu geben. Matthi hustet von neuem und es läuft Blut über seine Lippen. Seine weitaufgerissenen Augen suchen die Mutter. Matthi ist nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu sagen. Pfeffi steht ein wenig abseits. Er riecht das Blut und erstarrt. Schon vorhin hatte er diesen Geruch in der Nase, nur nicht so intensiv.

Tristan beobachtet voller Sorge die Szene. In diesem Moment fährt endlich der ersehnte Notarztwagen auf den Hof. Aus dem roten Auto springen zwei mit roten Hosen und weißen Shirts bekleidete Männer. Der eine Mann öffnet die Seitentür des Fahrzeugs und holt eine metallene Flasche heraus, an der eine durchsichtige Kunststoffmaske hängt. Der andere greift nach einem Aluminiumkoffer. Ein dritter bleibt am Steuer sitzen und schaut zu dem Jungen, dem der erste Mann schon die Maske auf das Gesicht drückt. Er dreht an einem an der Flasche befindlichen Rad. Das Rauschen verrät, dass ein Gas fließt. Dieses Gas soll Matthi einatmen und Ihm Erleichterung bringen. Trotz des Sauerstoffs kann der Junge nur schwer ein- und ausatmen. Er hält sich nun krampfhaft an der Mutter fest. Die Decken liegen auf dem Boden und Christin greift danach, um ihr Kind zu wärmen. Matthi will dies aber nicht. Er hofft wohl, besser Luft zu kriegen, wenn ihn nichts bedeckt.

Der andere Mann ist Arzt. Er hat, genauso wie Matthis Hausarzt, ein Stethoskop, mit dem er Herz und Lunge des Jungen abhört. Außerdem prüft er den Blutdruck. Zu diesem Zweck stülpt er Matthi eine Manschette über den linken Oberarm. Mit einem Blasebalg pumpt er Luft in die Manschette bis diese fest um den Arm des Jungen liegt. Nun lässt er mit Hilfe einer kleinen Schraube die Luft wieder ab und misst mit einem Manometer den Druck des Blutes zwischen den Pumpvorgängen des Herzens von Matthi. Die Gesichtszüge des Mannes wirken angespannt. Er öffnet eilig seinen Koffer und holt eine Ampulle und ein Spritzbesteck hervor. Mit einer kleinen Pfeile sägt er das obere Ende der Ampulle auf, um mit Nadel und Spritze das darin befindliche Medikament aufzuziehen. Der andere Mann hat in der Zwischenzeit mit einem Gummischlauch den Oberarm des Kindes abgebunden. Er reibt nun mit dem Zeigefinger die Innenseite der Armbeuge und findet die Vene. Der Doktor spritzt die Flüssigkeit in das Blutgefäß und es dauert nicht lange und Matthi wird ruhiger und atmet etwas leichter. Erst jetzt spricht der Doktor: „Das Kind muss sofort ins Krankenhaus. Unsere technischen Möglichkeiten im Fahrzeug sind begrenzt und der Junge sollte an die Herz- Lungenmaschine.“ Tristan nickt. Der Arzt nimmt Matthi auf den Arm und legt ihn auf die Bahre im Krankenwagen. Die Maske bleibt auf seinem Gesicht und das Gas fließt weiter. Er schnallt das Kind an und lässt Christin auf dem Sitz neben der Bahre Platz nehmen. Diese schaut voller Sorge auf das blutverschmierte Gesicht ihres Sohnes und schnallt sich ebenfalls auf Geheiß des Arztes an. Dieser bleibt bei dem Jungen und prüft ununterbrochen Blutdruck und Lunge des Jungen. Tristan klettert zu den beiden anderen Männern in den Fond des Wagens.

Pfeffi hatte sich die ganze Zeit still im Hintergrund gehalten. Er hatte sich aber einen Platz gesucht, von dem er alles genau beobachten konnte. Nun hört er, wie das rote Feuerwehrauto gestartet wird. Auf dem Dach des Fahrzeugs beginnt eine blaue Leuchte ihre Arbeit. Der Wagen fährt vom Hof und das Geheul der Sirene deutet allen anderen Verkehrsteilnehmern, dass hier ein Notfall transportiert wird. Pfeffer steht jetzt auf der Terrasse und blickt dem davonbrausenden Auto nach. Er lauscht und hört noch eine Zeit lang das sich immer weiter entfernende und damit leiser werdende Geräusch. Dann ist alles still. Es dauert noch eine geraume Weile bis der kleine Hund sich endlich bewegt. Er dreht sich um und geht zu Matthis Liegestuhl. Er schnuppert an den am Boden liegenden Decken, die den Geruch des Jungen tragen, legt sich auf einer nieder und platziert seinen Kopf in seiner eigenen üblichen Manier auf den Vorderpfoten. In dieser Position verbleibt Pfeffi den Rest des Tages. Erst als es bereits dunkel ist, geht er in das Haus und legt sich in seinen Korb. Er hört –wie so oft- den Geräuschen der Nacht zu. Im nahen Eichenwald bellt ein Rehbock, der offensichtlich sein Rudel ruft. Ein Uhu gibt Kund, dass er auch noch da ist. Selbst die scheue Hofkatze lässt sich sehen und hören. Das Rauschen der Bäume zeigt aufkommenden Wind an. Mehrere Igel sind auf der Suche nach etwas Fressbaren. So vergehen Stunden. Und plötzlich fährt es Pfeffi durch Mark und Bein. Er hört den langgezogenen Schrei: „Kiiiiiiewittt!“ Er hebt den Kopf und spitzt die Ohren. Es folgt erneut: „Kiiiiiewittt, Kiiiiewittt!“ Das Käuzchen ist ganz in der Nähe des Hofes. Pfeffi, der eigentlich alles andere als ängstlich ist, fürchtet sich. Er zittert sogar ein wenig. Er bleibt jedoch in seinem Korb zusammengerollt liegen, macht sich ganz flach und wartet weiterhin ab. Es vergehen wieder Stunden und Pfeffi ahnt, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Irgendwann schläft er ein. Doch es ist ein unruhiger Schlaf. Pfeffi zuckt ununterbrochen mit den Pfoten. Er träumt von Matthi, der ihn ruft und zum Spielen auffordert. Er hört das Lachen des Kindes und sieht, wie Matthi das Bällchen wirft. Pfeffi will dem Ball nachlaufen, um ihn einzufangen und dem Jungen zurückzubringen. Pfeffi springt auf und wird in diesem Moment wach. Er steht nun total durcheinander vor seinem Korb. Es ist dunkel und Matthi ist nicht da. Der kleine Hund fühlt in diesem Augenblick große Trauer und jault auf. Er senkt den Kopf und schaut nach, ob Matthi vielleicht doch zurückgekommen sei. Er geht zu seinem Zimmer, aber es ist leer. Der kleine Hund fühlt einen Schmerz in seinem Herzen, den er zunächst noch nicht versteht. Da er nicht weiß, was er tun soll, wandert er weiter suchend durch das Haus. In diesem Moment hört er, wie ein Auto auf das Grundstück fährt. Pfeffi wirbelt erwartungsvoll herum und rennt über den Flur zur Terrasse auf den Hof. Dort steht mit laufendem Motor ein vom Mondlicht angestrahltes beigefarbenes Taxi. Im Innenraum geht das Licht an. Gleichzeitig wird ein schwarzes Schild mit dem gelben Wort Taxi auf dem Autodach beleuchtet. Pfeffer wird hiervon für einen kurzen Augenblick abgelenkt und schaut darauf. Er blinzelt etwas, weil sich seine Augen an das plötzliche Licht erst gewöhnen müssen. Dann aber erkennt er drei Personen im Innenraum des Fahrzeugs. Zwei befinden sich im hinteren Teil des Wagens, der Dritte sitzt hinter dem Steuerrad. Er erkennt seine Menschen Christin und Tristan. Tristan, der seine Frau im rechten Arm hält, reicht mit der freien Hand dem Fahrer etwas nach vorn. Dann öffnet sich die hintere rechte Tür und Tristan und Christin steigen gemeinsam an dieser Seite aus. Dabei lässt Tristan Christin keinen Augenblick los. Pfeffi schaut auf seine Menschen und sieht die unaufhörlich über ihre Gesichter laufenden Tränen. Christin schluchzt herzzerreißend. Tristan wirft die Tür des Wagens hinter sich zu und geht mit Christin ins Haus. Pfeffer stellt sich auf seine Hinterpfoten und blickt kurz in das Innere des Autos, weil er Matthi vermisst. Aber außer dem Fahrer ist niemand mehr im Fahrzeug. Dieser schaut noch eine Sekunde seinen Fahrgästen nach und fährt dann mit einem bekümmerten Gesichtsausdruck los. Pfeffi wendet den Kopf und sieht hinter seiner Familie her. Im Haus geht jetzt das Licht an, und er hört, wie Christin nun ihrer Trauer freien Lauf lässt. Ihr Weinen endet in ein entsetzliches Jammern und Schreien. Es folgt die leise aber von Tränen und Trauer erstickende Stimme von Tristan. Pfeffer wusste nun: Sein bester Freund war im Alter von acht Jahren heute Nacht im Krankenhaus der nahegelegenen Stadt gestorben.

Das Haus ist leer ohne Matthi. Es wird nur erfüllt von tiefster Trauer. Alle Fenster sind mit leicht durchsichtigen schwarzen Tüchern verhangen. Auf den Sofern, Sesseln und Stühlen liegen schwarze Decken, ja selbst die Tischdecken sind schwarz. So ist es im Haus auch am Tage so dunkel, dass die Deckenlampen fast immer angeschaltet bleiben. Auf den Kommoden, Regalen und auch auf Tristans großem Schreibtisch stehen Bilder von Matthi mit schwarzen Rahmen und Trauerfloren über den rechten oberen Ecken. Daneben hat Christin an jedem Bild eine kleine Vase mit roten Moosröschen positioniert. Sie hofft, dass der Junge von irgendwoher diese sehen kann und weiß, wie sehr sie ihn liebt. Schließlich war Matthi ihr einziges eigenes Kind und wird es auch bleiben.

Am Tag der Beerdigung kommen viele schwarz gekleidete Menschen ins Haus. Alle sprechen ihr Mitgefühl aus. Es ist Tristan, der Stärke zeigen muss, und die Trauerbekundungen entgegennimmt. Christin hält sich mit ihrer Trauer im Hintergrund. Sie erscheint erst, als es an der Zeit ist, sich auf den Weg zur kleinen Kirche zu machen, wo die Trauerfeier stattfinden soll, und wo auch der weiße Sarg mit Matthi darin in mitten einem Meer von Blumen steht. Die leisen Gespräche der Trauergemeinde verstummen als Christin erscheint. Alle drehen sich zu ihr um, und jeder einzelne Gast kann ihr Leid nachempfinden. Einige Frauen weinen leise, aber Christin ist wie versteinert. Man sieht ihr auch durch den schwarzen Schleier an, wie sehr sie die letzte Zeit gelitten und gezeichnet hat. Alle sind gekommen, um Matthi die letzte Ehre zu erweisen und um seinem Sarg zu der letzten Ruhestätte auf dem Friedhof zu folgen.

Auch Pfeffer will wissen, wo man sein geliebtes Herrchen hinbringen wird. Er möchte den Platz sehen, wo man Matthias beerdigt. Deshalb will Pfeffi den Menschen vorsichtig und in einem gebührenden Abstand folgen, die er liebt und die Matthi lieben. Doch es wird für den treuen Hund alles ganz anders kommen….

Pfeffer ist besorgt, dass er den Anschluss an die Trauergemeinde verpasst. Deshalb läuft er aufgeregt hin und her und schaut nach jedem, der gekommen ist. Bei seinem Handeln ist er so eifrig, dass er wohl dem einen oder anderen lästig ist. Er wird von den meisten Gästen wieder und wieder zur Seite geschoben bis Tristan ihn greift. Er klemmt sich den kleinen Hund unter den linken Arm und hält mit der linken Hand dessen Vorderpfoten fest. Pfeffi missversteht die Situation völlig, begrüßt seinen Herrn freudig und leckt ihm über die Wange. Dieser zieht aber den Kopf ärgerlich weg und brummt irgendetwas, was Pfeffi nicht versteht. Tristan läuft mit ihm eilig durch den Flur zu einer Abstellkammer. Er öffnet die Tür, hockt sich nieder und schiebt den Hund nicht grob, aber doch bestimmt und auch ein wenig mürrisch in die Kammer. Er schließt die Tür, und ehe Pfeffi überhaupt begreift, was passiert ist, sitzt der kleine Hund in der Falle. Er schaut hoch zur Türklinke, dreht den Kopf hin und her und erwartet, dass ihm wieder geöffnet wird. Doch nichts passiert. Er beginnt zu bellen, es passiert weiterhin nichts. Er springt in seinem Gefängnis hin und her, wirbelt herum, springt hoch zur Türklinke, erreicht sie aber nicht, und bellt immer weiter bis sich seine Stimme überschlägt und in Hysterie übergeht. Doch es nützt alles nichts, die Tür bleibt verschlossen. Pfeffer gibt auf und legt sich nieder. Erst jetzt bemerkt er, dass man ihm Futter und Wasser auf den Boden gestellt hat. Er soll wohl hier länger bleiben müssen. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er von seiner Familie enttäuscht. Leise weinend und fiepend bleibt er liegen. Sein Blick folgt einem Lichtschein auf dem Boden und er sieht, dass die Tür nicht komplett schließt. Durch einen Spalt zwischen Türblatt und Rahmen kann er einen Teil des Flures sehen und auch etwas vom Wohnzimmer. Die Menschen waren in der Zwischenzeit alle gegangen. Es ist im Haus völlig still geworden. Pfeffer fühlt sich vergessen und beginnt von neuem an zu bellen. Zunächst kläfft er ärgerlich, dann heult er so laut er kann; es hört ihn aber niemand, weil keiner mehr da ist. Zum Schluss winselt der kleine Hund nur noch und irgendwann schläft er ein.

Es ist ein traumloser fester Schlaf aus dem er jäh gerissen wird. Die Tür der Kammer ist geöffnet worden. Im Türrahmen steht Matthis Vater. Pfeffer weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Er versucht ein Schwanzwedeln, um Tristan zu zeigen, dass er nicht beleidigt ist und bietet seinem Herrn auf seine Weise an, Frieden zu schließen. Er steht auf und geht weiter schwanzwedelnd mit gesenktem Kopf auf Tristan zu. Erst jetzt erkennt Pfeffi, dass hinter Tristan noch jemand steht. Es ist ein älterer kleiner und schmuddelig wirkender Mann, der Pfeffi mustert. Der Mann tritt etwas beiseite, um besser an Tristan vorbei in die dunkle Kammer gucken zu können. Pfeffi sieht, dass dieser Mensch einen alten speckigen schwarzen Anzug trägt. Er riecht ungewohnt. Von seinen Menschen ist Pfeffi den Geruch von Seife und Sauberkeit gewohnt. Jetzt riecht es nach Schweiß, billigem Schnaps und alter ungewaschener Wäsche. Pfeffi spitzt irritiert seine Ohren und schaut den Mann an. Dieser hat schwarze von billiger Pomade glänzende Haare. Seine Hände sind schmutzig und die Fingernägel schwarz vor Dreck. „Was will dieser Kerl hier??“ Pfeffer kann nicht glauben, was er jetzt hört, denn Tristan sagt: “Nehmen Sie ihn bitte mit und sorgen Sie dafür, dass er in gute Hände kommt! Er war der Spielkamerad unseres verstorbenen Sohnes. Meine Frau hat große Probleme mit der Gegenwart des Tieres. Sie kommt mit der Erinnerung nicht zurecht, wenn der Hund im Haus bleibt. Es ist alles viel zu schmerzhaft besonders für Christin. Sie hat nicht verlangt, dass Pfeffi wegkommt, aber ich glaube, es ist besser so.“ Pfeffi erschrickt über diese Worte. Ihm wird in diesem Moment ganz schlecht. Er sieht noch, wie Tristan diesem schrecklichen Menschen Geldscheine herüberreicht, der danach gierig greift. Dann dreht sich Tristan um und geht, ohne noch einmal nach dem kleinen Hund zu schauen. Der Mann lächelt unterwürfig hinter Tristan her und brummt schleimig: “Das wird alles erledigt, Herr Gruhn. Ich suche für ihr Tier ein besonders gutes Zuhause!“ Nun greifen diese schmutzigen Hände nach dem Hund. Pfeffer erstarrt bis ins Mark. Sein kleines Herz rast, und es droht zu zerspringen. Er wird gepackt und in einen uralten Lieferwagen geworfen. Niemand rührt das Schicksal des jungen Hundes. Aber das soll noch nicht alles sein. In diesem Moment erkennt er den Mann. Es ist derselbe alte Mann, den Matthi und er schon öfter auf dem Hof gesehen haben. Christin hatte beiden immer verboten, zu diesem Menschen hinzugehen. Und nun wird Pfeffi der Willkür dieses Mannes ausgesetzt….

Der Mann, den alle nur bei seinem Vornamen Arthur nennen, hat schon einige Male mit dem alten grauen Lieferwagen auf dem Hof vor der Küche gestanden. Familie Gruhn ist zwar nicht reich aber doch wohlhabend. Christin, die eine recht gläubige Frau ist, vertritt die Meinung, von den Gaben, die sie von Gott und dem Leben erhält, etwas wieder abzugeben besonders an Mitmenschen, denen das Leben nicht so wohl gesonnen ist. In ihrer Gutmütigkeit achtet sie nie darauf, dass der eine oder andere Mensch möglicherweise an seinem Schicksal doch eine gewisse Mitschuld trägt. So kauft sie von dem alten Bauern Arthur regelmäßig Eier, Obst, Gemüse und Kartoffeln. Dieser verdient sich auf diese Weise mit seinem heruntergekommenen Hof etwas Geld. Kind und Hund haben Arthur nur aus der Entfernung gesehen. Er parkte sein Auto stets an der Küche, die über einen eigenen Hofeingang verfügt. Hier gab er seine Ware ab und erhielt sein Geld, das Christin für diese Zwecke in einer Teetasse aufbewahrte. Arthur trug sonst immer die gleiche Kleidung: Ein altes braunes Wollhemd und eine Latzhose, die wohl einmal blau gewesen sein musste. Seine Sachen waren stets schmutzig und löcherig. Außerdem hat Christin wahrscheinlich durchaus bewusst den Fuselgeruch ignoriert, den Arthur regelmäßig umgibt. Sie hat eben ihre eigene Meinung über die menschlichen Unzulänglichkeiten und verzeiht, was nach ihrer Meinung nach zu verzeihen gilt, oder wo es die Aufgabe anderer Mächte ist, ein Urteil zu fällen. Da sie aber ihr Kind immer geschützt hat, und Schmutz für Matthi gefährlich werden konnte, durften weder er noch der kleine Hund in Arthurs Nähe. Niemand war über diesen Umstand etwa betrübt. Pfeffi hätte die Seite seines Herrn ohnehin nicht verlassen, und Matthi konnte mit dem alten Bauern nichts anfangen, was umgekehrt ebenfalls zutraf.