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Luisa wird als zweites von acht Kindern geboren. Ihre Mutter, eine Fahrende, wurde von der Sippe verstossen, weil sie ihren Lebensunterhalt mit Prostitution verdient. Die Kinder sind weitgehend sich selbst überlassen, streifen durch die Gegend, stibitzen sich ihr Essen zusammen. Dann wird Luisa das Opfer der eigenen Mutter und ihrer Freier, bis die Behörden einschreiten und die Kinder in katholische Kinderheime stecken. Dort versuchen die Schwestern, Luisa mit körperlichen Züchtigungen, Folter und Teufelsaustreibungen zu einer "ehrbaren Frau" zu machen. Aber Luisa lässt sich nicht unterkriegen. Der trotz aller Härte poetische Bericht wird ergänzt mit Aktenauszügen und Notizen aus dem Journal der Schwester Andrusia, die über ihre herzlosen Erziehungs- und Bekehrungsversuche Buch geführt hat. "Kreuz Teufels Luder" erzählt die Geschichte eines aussergewöhnlich starken Mädchens, das sich nie aufgibt und den Nonnen zum Trotz seinen Weg findet.
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Seitenzahl: 559
Veröffentlichungsjahr: 2015
Evelyna Kottmann
Kreuz Teufels Luder
Limmat Verlag
Zürich
Evelyna Kottmann, 1961 in der Schweiz geboren. Schauspielerin, Clownin, Psychodramatikerin und Leiterin Themenzentriertes Theater, legt mit «Kreuz Teufels Luder» ihr erstes, autobiografisch geprägtes Buch vor.
Lilith war Adams erste Frau. Adam hatte Lilith geheiratet, weil er es müde geworden war, sich mit Tieren zu paaren. Sodomie war unter den Hirten des Mittleren Ostens eine gebräuchliche Sitte, auch wenn das Alte Testament sie als Sünde bezeichnete. Adam zwang Lilith, in der Missionarsstellung unter ihr zu liegen. «Verflucht sei der Mann, der die Frau zum Himmel und sich selbst zur Erde macht», sagte er zu Lilith. Katholische Autoritäten behaupteten später, jede andere Stellung als diese sei Sünde. Lilith verhöhnte Adams Grobheit, verfluchte ihn, floh und liess sich am Roten Meer nieder. Dort versuchten enthaltsame Mönche vergeblich, Lilith abzuwehren, indem sie im Schlaf ein Kruzifix umklammerten und die Hände gekreuzt über ihre Genitalien legten. Es hiess, dass Lilith jedes Mal lachte, wenn ein frommer Christ einen feuchten Traum hatte. Da Gott Lilith nun nicht mehr zu Adam zurückführen konnte, sah er sich gezwungen, als einen zahmen Ersatz für Lilith Eva zu erschaffen.
So gesehen trug Lilith den richtigen Namen. Sie kam 1935 an der Schweizergrenze zur Welt. Sie war das einzige Kind einer fahrenden Sippe. Bis sie zehn Jahre alt war, lebte Lilith mit ihrer Mutter mal da, mal dort, an keinem festen Ort. Aus der Sippe konnte nur ausgeschlossen werden, wer sich in einen Sesshaften verliebte, der nicht bereit war zu fahren. Oder wer sich der Prostitution zuwandte, wie es Liliths Mutter tat.
Liliths Mutter prostituierte sich, um überleben zu können. Über ihren Vater wusste Lilith gar nichts. Sie hatte nie ein festes Zuhause gehabt und kaum Kontakte zu anderen Kindern. Für Lilith gab es auf dieser Welt nur die Mutter und viele verschiedene Männer, die da, wo sie gerade zu überleben versuchten, ein und aus gingen.
Lilith ging kaum in die Schule, sie konnte weder schreiben noch lesen. Als sie in die Pubertät kam, wurde Lilith von ihrer Mutter getrennt und in eine Anstalt gebracht. Das Leben dort war für Lilith ein Gräuel. Dann begegnete sie einem Mann, verliebte sich vielleicht in ihn und wurde selber Mutter. Der Mann hiess Jakob.
Jakob erblickte das Licht der Welt 1931 zusammen mit seinem Zwillingsbruder. Er, Jakob, war der Zweitgeborene. Sie kamen aus einem Ei und sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Jakob hatte bereits einen älteren Bruder und eine ältere Schwester. Eine jüngere Schwester kam später dazu. Jakobs Familie war jüdisch und den Traditionen stark verhaftet. Sie waren arme Juden und kamen mehr schlecht als recht über die Runden. Der Vater und die Mutter hatten nicht mit einer Zwillingsgeburt gerechnet, so wie sie auch nicht damit gerechnet hatten, nach den Zwillingen nochmals ein Kind zu bekommen.
Jakob durfte keine Lehre machen, denn die Eltern konnten sich zwei Lehrlinge nicht leisten. Also überliess er seinem Zwillingsbruder das Privileg, einen ordentlichen Beruf zu erlernen. Jakob entdeckte schon früh den Alkohol für sich und machte ihn zu seinem Begleiter. Zusammen mit ihm konnte er so manches, was ihm schwerfiel, leichter nehmen. Jakob liebte es, in seiner eigenen Welt zu leben, die mit wenigen Worten auskam. «Ja», «nein» und «wie geht’s?» genügten ihm. Schon als junger Mann benötigte er ein Hörgerät, das er jedoch kaum benutzte. Was er aber gut hören wollte, das waren die Guuggen. Die Fasnacht war seine liebste Zeit, sie war ihm heilig, und er verpasste sie nie.
Jakob wurde Vater von vier Kindern, sein Zwillingsbruder hatte nur eines. Jakob arbeitete als Tagelöhner, sein Zwillingsbruder brachte es zu einem eigenen Geschäft und einer Villa. Zu seinen Geschwistern und seinem Vater hatte Jakob ein distanziertes Verhältnis, aber an der Mutter hing er sehr. In der Familie wurde er mehr geduldet als respektiert. Jakob war ein Eigenbrötler, der sich niemals wohlfühlte und nirgends zu Hause war, weil seine Welt das nicht zuliess.
Es war laut, und die Guuggen gaben ihr Bestes, um den Raum mit ihrer Musik zu füllen. Er war voller lebhafter, bunter Gestalten, kaum mehr als Menschen zu erkennen. Die Luft war stickig, der blaue Dunst mit den Händen greifbar. So bunt wie die Menschen hingen Ballons von der Decke und farbige Bänder. Vor den Fenstern hingen schwere Vorhänge, in denen die Nase jeden erdenklichen Geruch hätte finden können, wäre man ganz nüchtern gewesen. Die ausgelassene Stimmung war dem Alkohol zu verdanken. Durch die laute Musik drangen menschliche Geräusche, die aber keine Worte ergaben. Die Sprache war in dieser Nacht nicht wichtig für die Frauen und Männer. Ihre Ausdünstungen wurden von Stunde zu Stunde prägnanter, die lieblich zarten Parfümdüfte der Frauen übertüncht vom Schweissgeruch und der Lust auf das andere Geschlecht. In dieser Nacht ging es nicht darum, zu gefallen, es ging darum, übereinander herzufallen. Die wenigen Toiletten, die zur Verfügung standen, blieben schwer besetzt.
Auch Jakob und Lilith waren mitten in dieser Gesellschaft. Lilith und Jakob waren die Einzigen, die sich nicht verkleidet hatten. Sie kamen daher, wie sonst auch, und sie fielen auf, wie sonst auch. Sie, Lilith, mit ihrer ausgesprochenen Schönheit, und er, Jakob, in seinem eigenartigen Aufzug. Jakob, der Schüchterne, der ohne Alkohol kaum seinen Mund aufmachen konnte, ging auf die schöne Lilith zu, in der Hand ein Glas Bier. Lilith, die keine Berührungsangst kannte und, hatte sie einmal genug getrunken, auch keine Grenzen, strahlte Jakob entgegen, als hätte sie schon eine Ewigkeit auf ihn gewartet.
Beide waren gut angeheitert und taten so, als würden sie sich schon lange kennen. Lilith bezirzte Jakob mit ihren weiblichen Reizen und hatte so wieder einen Mann mehr, der ihre Getränke bezahlte. Jakob genoss es, von einer schönen Frau umworben zu werden, und zahlte und zahlte. Er war einfach glücklich, obwohl er nicht so recht wusste, was diese schöne Frau wollte.
Lilith und Jakob tranken um die Wette, denn Lilith behauptete, sie vertrage mehr als jeder andere Mensch auf der Welt. Das gefiel Jakob sehr, dass eine Frau gerne trank und Wetten abschloss. Er kannte das nur von seinen Kumpeln. Lilith hatte langes, blondes, gewelltes Haar, stahlblaue Augen und einen rosa Mund. Jakob hatte das Gefühl, gegen einen Engel anzutrinken. Er sagte, ihr fehlten nur noch die Flügel und er wolle mit ihr weit wegfliegen. Das gefiel Lilith, und sie tanzten, tranken und kamen sich in dieser Nacht ganz nahe. Dass sie die allerletzten Gäste waren, die der Wirt hinausbefördern musste, war Jakob und Lilith einerlei.
Lilith und dieser Wirt mussten sich kennen, denn der Mann hatte für Lilith auf seine Kosten ein Taxi bestellt. Das gefiel Jakob nicht, denn er hatte Lilith in dieser Nacht zu seiner Frau gemacht. Und was Jakob sein Eigen nannte, das gab er nicht so schnell aus der Hand. Die beiden Männer begannen zu streiten und prügelten sich. Jakob sagte, er könne selber ein Taxi bezahlen und werde mit Lilith zusammen fahren. Das war nun wieder dem anderen Mann gar nicht recht. Sie schlugen sich so heftig, bis sie beide bluteten, und so lange, bis Jakob reglos am Boden lag. Lilith versuchte, ihn zum Aufstehen zu bewegen, und meinte, es mit ein paar Ohrfeigen zu schaffen. Sie, die sich nicht eingemischt und es genossen hatte, dass sich die Männer um ihretwillen schlugen, geriet nun in Rage. Sie tobte und schlug um sich, weil Jakob von ihren Ohrfeigen nicht wach wurde. Sie lachte und weinte gleichzeitig.
Jakob wachte erst im Spital wieder auf. Neben ihm auf einem Stuhl sass lächelnd seine Lilith, und als sie bemerkte, dass er aufgewacht war, begann sie zu weinen und entschuldigte sich immer wieder. «Du bist wirklich ein Engel», sagte Jakob mit schwacher Stimme. Liliths Augen fingen bei diesen Worten an zu leuchten wie zwei Sterne in pechschwarzer Nacht. Das brachte sein Herz zum Rasen. Lilith nahm Jakobs Hand in ihre Hände, die ganz warm waren und feucht. Sie liessen einander nicht mehr los, bis Jakobs Eltern das Krankenzimmer betraten.
Jakob zuckte zusammen und riss seine Hand von ihr los. Seine Augen wurden matt, und sein Herz stand fast still. Sein Bauch fing Feuer, und sein Körper verkrampfte sich. Lilith konnte sein Verhalten nicht deuten, ihre Augen leuchteten weiter, und sie versuchte vergeblich, wieder seine Hand zu nehmen. Liliths Lächeln galt auch seinen Eltern, in deren Augen sie aber nur Wut sah. Sie befahlen Jakob, Lilith aus dem Zimmer zu weisen, was er ohne Widerrede tat. Doch Lilith überging Jakobs Bitte, denn sie sah keinen Anlass dazu. Nochmals bat Jakob sie, das Zimmer zu verlassen. Da kam Lilith ihr Trotz in die Quere. Sie setzte sich auf Jakobs Krankenbett und lächelte seinen Eltern entgegen. Als Antwort darauf versuchte Jakob, sie von seinem Bett hinunterzuschieben. Doch Lilith hatte ein gutes Gleichgewicht in der Hüfte, und ihm fehlte die Kraft.
Jakobs Eltern redeten auf ihn ein, ihnen diese Frau aus den Augen zu schaffen, sonst würden sie das Personal verständigen. Diese Drohung liess Lilith nun doch begreifen, dass sie gehen musste. Sie verliess das Krankenzimmer mit einem bösen Lächeln auf dem Gesicht, das Jakobs Eltern galt. Vorher küsste sie Jakob aber noch auf den Mund. Sie wollte seinen Eltern zeigen, dass dieser Mann nun ihr gehörte. Als sie den Eltern auch noch die Hand zur Verabschiedung reichte, schlüpften deren Hände rasch in die Taschen, und ihre Blicke waren voller Abscheu.
Als sein Engel aus dem Zimmer war, lag Jakob blass und leblos im Krankenbett. Er nahm das schwere Atmen seiner Eltern wahr. Er lauschte der eindringlichen, harten Stimme seines Vaters, ohne seinen Worten jedoch zu folgen. Er konnte und wollte sie nicht hören, er war für den Vater nicht erreichbar. Seine Eltern wollten ihn in ihre Welt zurückholen, eine Welt voller Regeln, ohne Lust und Genuss, nur beseelt von lauter Ritualen. Aus dieser Welt wollte Jakob ausbrechen, um sich selbst zu erfahren und zu erleben. In der Welt seiner Eltern war für ihn kein Platz.
Nun versuchte die Mutter, auf ihn Einfluss zu nehmen. Auf sie hatte er bisher immer gehört. Doch Jakob hörte einfach nicht hin. Er sah seine Mutter nicht einmal an, was sie von ihrem Jakob überhaupt nicht kannte. Die Eltern verliessen das Zimmer schliesslich mit einem durchdringenden «Schalom!». Sie vergassen dabei, dieses Schalom auch für sich selbst in Anspruch zu nehmen.
Jakob war froh, wieder allein zu sein. Mit dem Biertrinken war es aussichtslos, da er das Bett nicht verlassen konnte. Auch sein trinkender Engel erschien nicht mehr. Er sehnte sich sehr nach Lilith, und je mehr er sich nach ihr sehnte, desto unruhiger wurde er. Sie musste kommen, denn er hatte sie in der Fasnachtsnacht doch zu seiner Frau gemacht. Dieses Weib sollte ihm dankbar sein, dachte er, und sich jetzt um ihn kümmern, wo er doch nur ihretwegen ans Bett gefesselt war. Jakob wusste, dass Lilith ihn verhext hatte und ihn nicht mehr loslassen würde. Er wusste, dass er ihr verfallen war. Seine Sehnsucht war zügellos, und ihn dürstete ebenso sehr nach seinem Engel Lilith wie nach Bier.
Jakob wusste nichts über Lilith, weder wo sie lebte noch was sie machte. Er kannte nicht einmal ihren vollen Namen. Er kannte nur ihre Augen, ihr langes, gewelltes, blondes Haar und ihre verschiedenen Körperdüfte, die ihm noch immer in der Nase hingen. Auch an ihre Hände und Füsse erinnerte er sich genau, an ihre Zartheit und die knallrot lackierten Nägel. Ihr rosaroter Lippenstift wollte nicht recht zum roten Nagellack passen. Jakob stellte sich Lilith mit rotem Lippenstift vor, was ihn noch viel unruhiger machte.
Jakob verbrachte eine ganze Weile im Spital, ohne dass Lilith sich wieder sehen liess. Seine Sehnsucht wurde immer grösser, und er hätte diesen Schmerz, den er im Herzen spürte, am liebsten mit Alkohol betäubt. Ihm war klar, dass ein Familienrat einberufen werden würde, sobald er wieder daheim bei den Eltern war. Es konnte und durfte nicht sein, dass ein Familienmitglied auf Abwege geriet.
Der Familienrat versammelte sich beim Sabbatessen, gemeinsam mit einem Rabbiner. Mit den Vorbereitungen hatte Jakobs Mutter einen ganzen Tag lang zu tun. Jakobs kleine Schwester half ihr dabei, die grosse brachte am Abend selbst gebackenen Zopf mit. Jakobs grosse Schwester hatte vor nicht allzu langer Zeit einen Mann geheiratet, der dem Klosterleben untreu geworden war und sich den irdischen Freuden zugewandt hatte. Er verliebte sich noch als Mönch in Jakobs Schwester. Sie war ihrem Zukünftigen in Rom auf dem Petersplatz begegnet. Man kam ins Gespräch und genoss gemeinsam die heissen römischen Nächte. Von der Reise kehrte die junge Frau guter Hoffnung zurück, zum Entsetzen der Familie.
Auch da war der Rabbi eine grosse Hilfe gewesen. Er brachte den Mönch so weit, dass er die junge Frau heiratete, seinem katholischen Glauben abschwor und sich dem Judentum anschloss. Auch seine Schwester kam in den Genuss eines Familienrats und fand so den rechten Weg, wie ihn die Eltern eben haben wollten.
Jakob wusste, dass er dem Familienrat nicht entkommen konnte. Er wusste, dass dieser Sabbat für ihn grausam werden würde, da es am Sabbat kaum Alkohol gab. Die eine Flasche Wein, die erlaubt war, musste er mit dem Rabbi, dem Vater, der Mutter, dem grossen Bruder, dem Schwager und mit seinem Zwillingsbruder teilen. Die Schwestern tranken nur Traubensaft. Dieser Abend würde sehr lang werden. Und so schlich er, wie so oft, am Nachmittag in eine Kneipe und trank so einiges zusammen, damit ihm die ganze Welt nicht mehr so ungerecht vorkam. Nur so konnte er zufrieden nach Hause gehen, ohne befürchten zu müssen, an dem Abend zu verdursten. Zur Freude seiner Familie kam er pünktlich zum Sabbatbeginn heim.
Jakob war sehr betrunken und ertrug die Gesellschaft und das Familienritual geduldig, er konnte zuhören und sogar selbst ein paar Worte beitragen. Nach dem Nachtisch ergriff dann der Vater das Wort, und seine Frau stand ihm dabei zur Seite. Den Blick zum Boden gewandt, hörte Jakob still zu. Es kam ihm vor, als plätschere ein Wasserfall. Jakob liess sie gewähren, und bald redeten alle durcheinander. Bis der Rabbi zu sprechen begann.
Er hatte sich auf die Suche gemacht nach dieser Lilith und sie auch gefunden. Diese Frau sei nicht ehrbar, und es dürfe nicht sein, dass Jakob sie noch einmal treffe. Man beschwor ihn, an die Familie zu denken und ihre Ehre zu bewahren. Man wolle nicht zum Gespräch anderer Leute werden. Der Rabbi schlug Jakob vor, eine ehrbare Frau für ihn zu suchen, eine, die das Judentum lebte und den Glauben pflegte. Vater und Mutter waren damit sehr einverstanden. Alle wussten, an welche Frau der Rabbi dachte, doch ihren Namen sprach niemand aus.
Jakobs Mutter meinte, eine solche Frau könne ihm geben, was er brauche, und ihn vor Schlechtigkeit bewahren. So bleibe er im Familienverbund eingebettet und gewinne Stabilität, denn alleine könne er sich nicht zurechtfinden in dieser Welt. Jakob hörte zu und sah gleichzeitig Lilith vor sich, im weissen Kleid mit rotem Lippenstift und roten Nägeln, einen Blumenkranz im gelockten, blonden Haar. Beim Gedanken an sie lächelte Jakob, und alle meinten, sein Lächeln gelte den Worten des Rabbi.
Für Jakob war Lilith eine ehrbare Frau und diejenige, die er für sein ganzes Leben haben wollte. Er verstand nicht, warum man ihn von ihr fernhalten wollte. Jakob wollte wissen, wo Lilith denn wohne. Da der Rabbi über sie nachgeforscht hatte, musste er doch mehr erfahren haben als nur, dass sie unehrbar sei. Der sonst so schweigsame Jakob begann, den Rabbi auszupressen wie eine süsse, überreife Grapefruit. Weil der Rabbi dachte, Jakobs Lächeln habe ihm gegolten, entschied er, ihm alles zu erzählen, was er über Lilith in Erfahrung gebracht hatte.
Alle sassen noch immer um den grossen Tisch mit dem frisch bestückten Kerzenständer. Die Deckenlampe wurde gelöscht, damit das Kerzenlicht noch mehr zum Leuchten kam. Jakob gefiel es, in die kleinen Flammen zu schauen. Sie flackerten sanft und kaum merklich. Doch wenn er sich auf sie konzentrierte, erkannte er ihren Tanz. Ihm wurde ganz warm im Herzen, und er konnte Liliths Duft riechen.
Der Rabbi erzählte von einer älteren Frau, die am Stadtrand mit ihrer Tochter in einem kleinen Häuschen wohnte, neben dem ein Wohnwagen stand. Das bescheidene Häuschen bot den beiden Frauen nicht allzu viel Raum. Es gab kein heisses Wasser und keine richtige Küche. Es gab auch keine richtige Toilette. Waschen musste man sich in der Küche in einem Becken, das man auch für das Geschirr und die Wäsche benutzte. Es gab so etwas wie eine Wohnstube mit einem kleinen Holzofen darin. Hinter einem rosaroten, mit Blumen bestickten Vorhang war ein winziger Raum, in dem ein grosses Bett stand. Es war ein Bett für Eheleute, doch es war so, dass Mutter und Tochter es sich zum Schlafen teilten. Ausser dem Bett war in dem Raum nur gerade noch Platz für ein grosses Bild der Muttergottes in blauem Schleier und weissem Kleid, ein rotes Herz auf der Brust und auf dem Kopf einen übergrossen, goldenen Kranz.
Jakob gefiel, was der Rabbi zu erzählen wusste. Seine Fantasie erwachte, und er stellte sich vor, wie er mit Lilith in diesem Bett lag und wie die Muttergottes mit rotem Herz und lieblichem Blick auf sie beide herunterschaute.
Der Rabbi berichtete, das Zimmer an diesem erbärmlichen Ort sei durchschnittlich sauber gewesen. Die Wäsche der Frauen habe verstreut auf dem Wohnzimmerboden gelegen, alles durch- und übereinander, doch habe die Wäsche trotz Unordnung nicht schlecht gerochen. Alle Schuhe seien in Reih und Glied gestanden, sauber geputzt und in vollem Glanz, jedoch alle mit hohen, spitzen Absätzen. Diese Schuhe waren pink, rot, himmelblau und schwarz. Dem Rabbi hatten sie einen besonderen Eindruck gemacht. Auf dem Tisch war laut dem Rabbi das reinste Chaos von Flaschen, Tellern, Tassen und Gläsern, halb voll mit Flüssigkeiten, die sich nicht zuordnen liessen. Der Raum roch nach Rauch, die Aschenbecher waren randvoll. Neben dem Ofen lagen Zeitschriften und Zeitungen, die nicht aussahen, als hätte man sie gelesen. An dem Ort, den die Frauen ihre Küche nannten, lagen Lippenstifte und Schminke.
In Jakobs Ohren erzählte der Rabbi aus einer Wundertüte. Dieser Ort, wo seine Herzensdame wohnte, schien ihm höchst reizvoll zu sein. Er musste ihn mit eigenen Augen sehen, denn er wusste, dass der Rabbi gerne Geschichten erzählte und so einiges auszuschmücken pflegte. Solch eine Unordnung, wie er sie geschildert hatte, konnte bei einer so schönen Frau mit solch bunten, spitzen Schuhen doch nicht herrschen. Jakob unterbrach den Rabbi mit der Frage, was es denn mit dem Wohnwagen beim Haus auf sich habe. Aber Jakobs Eltern wollten nicht, dass man auch noch über den Wohnwagen redete. Ihnen war das Häuschen wohl schon genug, um zu wissen, mit wem ihr Sohn es zu tun gehabt hatte.
Der Rabbiner jedoch fand, Jakob sollte wissen, dass der Wohnwagen den beiden Frauen als Arbeitsort diene. Aber Jakob verstand das nicht so recht. Der Rabbi erklärte weiter, die ältere Frau sei für ihre Liebesdienste bekannt. Und da Jakob ein junger Mann war und auch als Tagträumer nicht ganz weltfremd, sagte er: «Eine Hure!» Die Familienrunde erschrak ob diesem Wort, wie konnte der junge Jakob es nur laut aussprechen. Man war betreten und schaute beschämt zu Boden. Jakob kam es vor, als atme keiner mehr am Tisch. Was er mit diesem Wort bewirkt hatte, gefiel ihm. Für einmal hatte nicht er sich verkrampft, sondern alle anderen.
Plötzlich aber schoss es ihm durch den Kopf, dass laut der Geschichte des Rabbi auch Lilith eine Hure sein musste. Bei diesem Gedanken begann das Bild der schönen Blonden mit den roten Lippen und Nägeln zu bröckeln. Der Gedanke an Lilith durchbohrte sein Herz wie ein Schwert. Jakob begann zu weinen. Er glaubte, sterben zu müssen, sollte Lilith eine Hure sein. Der Rabbi und die Eltern meinten, nun hätte Jakob seine Lektion gelernt.
Jakobs Vater sprach mit dem Rabbiner ein Gebet, und kurz darauf verliess dieser das Haus. Jakob verzog sich in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Als alles ganz dunkel und ruhig war, schlich er sich in die Nacht hinaus, um in der Stadt das Abenteuer zu suchen. Er lief dorthin, wo er Lilith getroffen und die Schlägerei stattgefunden hatte, und trank ein Glas nach dem anderen, bis er den Schmerz nicht mehr spürte. Von nun an begann Jakob, noch früher am Tag und noch mehr zu trinken.
Die Mutter spaltete Holz für den kleinen Ofen im Häuschen. Ein Bauer hatte das Holz für sie aus seinem eigenen Wald geholt. Es war die Bezahlung für die Liebesdienste, die Lilith ihm geboten hatte. Mit Geld konnte er sie nicht bezahlen, denn seine Frau durfte von seinem lustvollen Treiben natürlich nichts wissen. Aber die beiden Frauen in dem kleinen Häuschen mussten schliesslich auch über die Runden kommen. Und da sie keinen Zuhälter hatten, war das Geschäft mit der Liebe für sie nicht ganz einfach.
Genau genommen war die Mutter die Zuhälterin, denn Lilith musste ihr das Geld, das sie verdiente, abgeben. Die Mutter sah nicht mehr so frisch aus wie Lilith, die Tochter war für die Männerwelt noch reizvoll. Lilith machte sich hübsch zurecht für die Männer. Sie wusch sich mit einer süsslich riechenden Seife, deren Duft die Männer mehr liebten als Parfüm. Lilith wählte ihre Aufmachung je nach Freier.
An diesem Tag war hoher Besuch angesagt, und dafür putzte Lilith sich richtig heraus. Sie benutzte sogar Puder und schminkte sich ganz dezent. Ihr langes, blondes Haar band sie zu einem Pferdeschwanz. Sie benutzte rosa Lippenstift, den sie besonders liebte, denn das Rosa passte zu ihrem Gesicht. Sie zog fleischfarbene Strümpfe an, einen hellblauen Mini und eine rosarote Bluse. Und zum Schluss schlüpfte sie in die hellblauen, spitzen Stöckelschuhe. Lilith gefiel sich sehr.
Während sie sich entzückt im Spiegel betrachtete, schweiften ihre Gedanken zu Jakob, der seit jener Nacht immer wieder in ihre Welt hineindrängte. Sie fragte sich, ob sie Jakob so wohl auch gefallen würde. Denn sie wusste über diesen Mann nur, dass er sich ihretwegen prügelte, was noch keiner für sie getan hatte. Dieser Gedanke weckte in ihr die Sehnsucht nach Jakob und den Wunsch, ihn wiederzusehen.
Sie öffnete den Pferdeschwanz wieder, sodass die blonden Locken ihr Gesicht einrahmten und sie aussah wie in der Nacht, als sie Jakob getroffen hatte. Sie sehe aus wie ein Engel, hatte er zu ihr gesagt, und das gefiel ihr. Sie träumte davon, der Muttergottes auf dem Bild ähnlich zu sehen.
Das laute Rufen ihrer Mutter riss sie aus ihren Träumen. Der hohe Besuch war da und verlangte nach ihr.
Lilith vergass, ihr Haar wieder zusammenzubinden. Das gefiel der Mutter gar nicht, sie wetterte vor dem Besucher und jagte Lilith mit einem Holzscheit ins Haus zurück. Lilith machten die Ausbrüche der Mutter nichts aus, denn sie kannte von ihr nichts anderes. Jeder Kunde hatte seine Vorlieben, die man beachten musste, um ihn nicht zu verärgern. Und es war wichtig, dass jeder Kunde wiederkam. Dieser liebte es, wenn Lilith für ihn das kleine Mädchen spielte, und er bezahlte viel Geld für dieses Kinderspiel. Andere Kunden waren mit weniger zufrieden und nahmen Liliths Dienste auch nicht so ausgiebig in Anspruch wie dieser.
Seit sie Jakob getroffen hatte, war Lilith oft in Gedanken versunken. Manchmal vergass sie, dass sie sich nicht für Jakob herausputzte, sondern für ihre Männerkundschaft.
Lilith zog noch schnell die Lippen nach und trat wieder vor das Haus zu ihrem Besucher. Heute hatte der nicht allzu viel Zeit, und Lilith musste sich beeilen, um ihn zufriedenzustellen. Die Mutter ermahnte sie, ihn nicht zu verärgern, denn er zahle heute eine volle Stunde, obwohl er nur die halbe in Anspruch nehme.
Lilith gefiel es gar nicht, wenn dieser Kunde mit wenig Zeit kam, denn dann war er besonders brutal. Sie mochte es viel lieber, wenn ihre Kunden Zeit hatten, dann waren sie meist liebevoll und redeten mit ihr. Dieser Kunde aber schlug dann so heftig zu, dass sie manchmal blutete am Ende. Sein Wunsch war, dass sie nicht schrie, obwohl ihr zum Schreien war. Sogar von draussen konnte man die Schläge hören, doch die Mutter verschwand dann immer im Häuschen und braute sich einen starken Kaffee mit einem grossen Schuss Kirsch.
Lilith verschwand also mit dem Kunden im Wohnwagen, und die Mutter rief ihm noch nach, er solle nicht zu fest zuschlagen, da Lilith noch andere Arbeit vor sich habe. Nach einer halben Stunde ging der Mann wieder, doch Lilith kam erst nach einer Stunde aus dem Wohnwagen. Ihre Augen waren matt, der rosa Lippenstift verschmiert, ihr Haar durcheinander und ihr Körper gekrümmt. An ihrer rosaroten Bluse fehlten die Knöpfe, Laufmaschen liefen über ihre Strümpfe.
Lilith wusste, dass sie sich nach getaner Arbeit nicht bei der Mutter ausheulen konnte, sie müsste gleich nochmals Schläge einstecken. Langsam ging sie ins Haus und wusch sich mit viel Seife. Manche Stellen an ihrem Körper taten so weh, dass sie zusammenzuckte und leise winselte. Die Mutter gab ihr einen stark gekochten Kaffee mit viel Kirsch und sagte: «Stell dich nicht so an, du bist keine Prinzessin. Eine Hure zu sein ist harte Arbeit und ehrlich verdientes Geld.»
Der heisse Kaffee tat Liliths Lippen weh, doch der Kirsch nahm ihr bald die Schmerzen. Lilith dachte an Jakob, der nicht zugelassen hätte, dass man so schlecht mit ihr umging. Er hätte sich vor sie gestellt und sich mit dem Kunden geschlagen. Sie musste Jakob unbedingt wiederfinden.
Der Mann, der sie so unmenschlich behandelte, war der Wirt und Veranstalter des Fasnachtsballs. Er hatte der Mutter von Lilith und Jakob erzählt, und sie freute sich gar nicht darüber. Lilith musste sich von der Mutter anhören, diesen Jakob könne sie gleich vergessen, da er ihr Geschäft ruinieren werde. Als Mutter bestimme sie, mit welchem Mann Lilith zusammen sein dürfe. Sie sei für ein Leben mit vielen Männern bestimmt, nicht für einen einzigen Mann, denn ihre Schönheit sei ihr nicht umsonst gegeben worden. Wäre das nicht Liliths Bestimmung, dann hätte sie bestimmt keine Tochter, sondern einen Sohn geboren.
Lilith wusste selber nicht so recht, was sie mit Jakob und ihren Gedanken an ihn anfangen sollte. Sie kannte das schöne Gefühl, verliebt zu sein, nicht. In ihrer Welt sprach man nicht über solche Dinge, das passte nicht hinein. Liebe, das war nur eine Erfindung, um die Menschen einzuschränken in ihrer Lust. In Liliths Welt gab es nur Frauen, die mit sich tun und machen lassen mussten, was der Mann haben wollte. Die eigene Lust kannte sie nicht. Lilith wusste nichts von der Welt und kannte ausser einem Haufen Männer eigentlich nur ihre Mutter, ihr Häuschen, den Wohnwagen und die paar Kneipen, in denen sie verkehrte und wiederum nur Männer traf. Diese Männer erzählten ihr allerhand über ihre Frauen, doch waren es immer dieselben Geschichten. Sie gaben Lilith das Gefühl, nur sie sei eine richtige Frau, weil sie alles mit sich machen liess. Sie machte sich nicht viele Gedanken darüber, dass sie der Macht und Gewalt dieser Männer ausgesetzt war. Doch seit Jakob in ihre Welt getreten war, begann sie sanft, sich gegen die Mutter aufzulehnen. Und je mehr sich Jakob in ihren Kopf, ihr Herz und ihren Bauch schlich, desto stärker wurde ihre Rebellion.
Lilith wurde immer wütender auf ihre Mutter, weil sie, Lilith, die Männerarbeit erledigen musste. Ihre Mutter hatte nur noch selten Kunden, und wenn einmal einer für die Mutter kam, dann musste sie mit in den in den Wohnwagen, um die Hauptarbeit zu erledigen und den Kunden samt Mutter zu befriedigen. Das Geld, das sie so verdiente, steckte die Mutter ein. Um jeden Rappen musste sie betteln. Die Mutter kaufte mit dem Geld Alkohol und grosse Mengen Kaffee. Auch Lilith war sich das Trinken gewohnt, es liess sie ihre Arbeit mit den Männern leichter ertragen.
Liliths Herz sehnte sich sehr nach Jakob und Jakobs Herz nach Lilith, und beide wussten es nicht voneinander. Doch ihre Herzen wussten es. An einem Samstag machten Lilith und Jakob sich schön füreinander, in der Hoffnung, ihre Wege würden sich in der Stadt zufällig kreuzen oder sie könnten sich in einer Kneipe wiederfinden. Jakob hatte sich am Geld seiner Eltern vergriffen, um sich, wenn das Schicksal es wollte, grosszügig zu zeigen. Lilith hatte sich heimlich einen letzten Rest Geld aus der Dose genommen. Der Mutter sagte sie, sie gehe auf Werbetour für ihre Geschäfte. Sie glaubte ihr, weil Lilith sich besonders schön gemacht hatte.
Jakob und Lilith gingen beide gleichzeitig los. Das Städtchen war klein, und die Zahl der Kneipen war es auch. Doch Glück mussten die beiden trotzdem haben. Sie wussten, sie sollten die Finger voneinander lassen. Jakobs Familie war ebenso bekannt wie die stadtbekannte Hure. Jakob und Lilith gingen in Kneipen und tranken im Glauben, ihre Sehnsucht bringe sie einander mit jedem Schluck einen Schritt näher. Es blieb nicht bei einem Glas.
Lilith war in jeder Kneipe bekannt für ihre Dienste, und man zahlte kräftig, um sie vielleicht einmal etwas günstiger in Anspruch zu nehmen. Wenn Lilith schnelles Geld verdienen konnte, so hatte sie nichts dagegen. Um einen ihrer Freier auf die Schnelle zu bedienen, gab es immer wieder Gelegenheit. So musste sie der Mutter auch keine Rechenschaft ablegen und ihr das Geld nicht geben. Hatte Lilith einmal genug getrunken, konnte sie viele Männer auf die Schnelle befriedigen.
Lilith und Jakob hatten beide bis spät in die Nacht getrunken, ohne sich zu begegnen. Die Polizeistunde nahte, die Stühle wurden auf die Tische gestellt und die übrig gebliebenen Gäste gebeten, sich auf den Heimweg zu machen. Vereinzelt bewegten sich dunkle Gestalten durch die Schatten der Nacht, nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Manche pinkelten an die Strassenlaternen wie Hunde auf ihrer Nachtrunde. Doch in dieser Nacht konnte man zwei singende Stimmen hören. Die eine war ein bisschen höher als die andere, und beide tönten nicht ganz klar. Die höhere Stimme sang: «Er stand im Tor im Tor und ich dahinter!» Die tiefere sang: «Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da!»
Hin und wieder verstummten die Stimmen, wenn ein Auto vorbeisauste oder ein Hund zu bellen begann. Und dann war plötzlich Ruhe, kein «Er stand im Tor im Tor» mehr, keine «roten Lippen». Die zwei standen unter einer Laterne, Lilith und Jakob. Sie sahen sich an, und vier Sterne funkelten in diesem Augenblick so hell, dass man die Laterne getrost hätte löschen dürfen. Sie standen da und glaubten an ein Wunder. Ihre Hände bewegten sich aufeinander zu, berührten sich und hielten sich fest. Sie wollten sich nicht mehr loslassen, um den anderen nie mehr zu verlieren. Dann verschwanden Lilith und Jakob Arm in Arm glücklich schwankend in die Nacht, bis die Dunkelheit die beiden verschlang. Nach dieser glückseligen Nacht waren sie für immer verstossen.
Ohne Familienbande, versuchten Jakob und Lilith, einander Familie zu sein, so gut es ging. Lilith ohne ihre Mutter, die ihre Lebensbahn bestimmt hatte, und Jakob ohne seine Eltern und die jüdische Gemeinde, die für ihn stets die Kohlen aus dem Feuer geholt hatten. Beide waren nach dieser einen Nacht ganz auf sich selbst gestellt. Jakob und Lilith fanden ein kleines Zimmer mit Platz für ein Ehebett und einen Tisch mit vier Stühlen. Dusche und Toilette waren im Treppenhaus, ein Stockwerk höher. Warmes Essen gab es nicht, da eine Kochgelegenheit fehlte. Man ging für warmes Essen in eine Wirtschaft, was Jakob und Lilith nur recht war, hatten sie doch ausser ihren Saufkumpanen keine Freunde.
Jakob hatte als Tagelöhner nur wenig Geld zur Verfügung, und manchmal gab es für ihn keine Arbeit. Doch er wollte Lilith beweisen, dass er als Mann für sie sorgen konnte. Lilith gefiel es, dass sie nun keiner Arbeit nachgehen musste, dass sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Am Tag schlief sie, und die Nacht schlug sie sich mit Trinken um die Ohren. Damit sie beide genug zu trinken hatten, musste aber auch genügend Geld durch ihre Hände fliessen. Sie sparten beim Essen, weil sie beim Alkohol nicht sparen konnten, da er ihnen das Leben erträglicher machte.
Es kam der Zeitpunkt, da Jakob nicht mehr für Lilith sorgen wollte und sie bedrängte, sich eine Arbeit zu suchen. Er verbot ihr jedoch, sich zu prostituieren. Lilith versuchte, mit Putzen Geld zu verdienen. Doch sie hatte bald keine Lust mehr, diese Arbeit für andere zu verrichten. Sie sah auch nicht ein, weshalb die Menschen es so sauber haben wollten, und verlor immer wieder ihre Arbeit. Lilith trieb sich lieber in den Kneipen herum und liess sich von anderen aushalten. Das war nicht anstrengend und an keine Zeit gebunden. Sie konnte zu Bett gehen und aufstehen, wann sie wollte. Und ausserdem war Lilith zum ersten Mal schwanger und sollte sich schonen, nicht arbeiten.
Je runder Lilith wurde, desto mehr musste sie an so manches denken. Aber Denken und Nachdenken war für Lilith und Jakob eine anstrengende Sache und gehörte nicht in ihre Welt. Jakob und Lilith tranken lieber Bier, und je mehr sie tranken, desto ausgelassener und entspannter waren sie. Nur so konnten sie vergessen, was am Tag zuvor gewesen war. Und nur so liess es sich einigermassen miteinander leben. Lilith und Jakob wurden abhängig voneinander, denn sie hatten beide ihre Familien verloren. Sie glaubten, zusammen zu sein sei nun ihr Schicksal für den Rest ihres Lebens.
Jakob wusste, dass man den Bund der Ehe eingehen sollte, wenn man Kinder in die Welt setzte. Lilith brauchte keinen Altar, denn ihr genügte ein Gebet vor der schwarzen Madonna, die ihre Schutzpatronin war. Jakob war dieser Schutz zu wenig. Am liebsten wollte er eine jüdische Hochzeit, die ihm jedoch verwehrt blieb. So beschlossen Lilith und Jakob, katholisch zu heiraten. Nur – mit welchem Geld und welchen Gästen? Das Geld, das sie hatten, reichte ja kaum bis zum Ende des Monats.
Sie begannen am Stammtisch über ihren Heiratswunsch zu reden und hofften auf einen Weg, damit die Hochzeit doch stattfinden könnte. Sie versuchten es mit Lotto und anderen Spielen, bei denen sie auch das wenige Geld, das Jakob verdiente, verloren. Schulden wurden gemacht und häuften sich an. Und weil der Schuldenberg immer höher wurde, schauten Lilith und Jakob immer tiefer in ihre Gläser.
Lilith und Jakob sahen bald nicht mehr über den Berg hinaus. Sie hatten keine Ahnung mehr, wem sie was schuldeten, und lange Zeit war es ihnen auch egal. Doch unter den Stammtischfreunden regte sich Unmut, sie wollten ihr Geld zurück und übten Druck aus auf Jakob und Lilith. Jakob sah, dass er auf dem Weg ins Verderben war, wenn er sich nicht um eine feste Arbeit bemühte. Er suchte wie ein Verrückter. Doch man konnte seine Neigung zum Alkohol meilenweit riechen und wollte ihn nicht haben.
Da Lilith schwanger war und Jakob der Überzeugung, für sie sorgen zu müssen, koste es, was es wolle, schloss er einen Pakt mit dem Teufel. Er wusste, dass Lilith nichts dagegen haben würde, denn sie war glücklich, bei ihm zu sein. Sie sah in Jakob ihren Befreier, der ihr ein kleines Haus bot, ohne dass sie einen Finger krümmen musste. Als Gegenleistung dafür hätte er ihren Körper also ganz für sich allein haben können.
Lilith wusste nicht, dass Jakob einen Pakt mit dem Teufel eingegangen war. Und Jakob wusste nicht, dass Lilith mit dem Teufel schon längst einen Pakt hatte. Wenn er allein auf Kneipentour ging, traf er nicht selten ihre ehemaligen Freier. Lilith lachte oft mit ihnen und Jakob glaubte, sie hätten einfach noch immer ein gutes Verhältnis. Zudem offerierten sie Lilith laufend Getränke. Und so machte Jakob sich zu Liliths Zuhälter, weil er dachte, so könnte man einige Probleme lösen. Jakob machte nun die Preise und versprach, der Meistbietende dürfe nach der Geburt der Erste sein, noch bevor er, Jakob, Lilith wieder anrühre. Die Freier gingen auf sein Angebot ein. Jene, bei denen er keine Schulden hatte, mussten im Voraus bezahlen. Bei den anderen bezahlte er seine Schulden ab, indem er seine Lilith vergab.
Was Jakob nicht wusste, war, dass Lilith wegen der Geldsorgen schon seit einiger Zeit ihre Dienste wieder zur Verfügung stellte. Sie erlebte, wie sehr es die Männer reizte, dass sie sich ihnen schwanger anbot, und das brachte ihr viel Geld ein. Lilith hielt es gut versteckt, damit sie am Ende doch noch vor den Traualtar kämen. Denn wenn Jakob sich dies so sehr wünschte, wollte sie, Lilith, auch etwas beitragen. Ihre Freier hatte sie gebeten, Jakob nichts zu verraten, denn sie wolle ihn überraschen. Wenn sie den Mund halten konnten, würde sie dafür mit dem Preis heruntergehen, oder ihre Dienste durften dann ein wenig länger dauern.
Am Stammtisch machte man sich lustig darüber, dass Jakob so blauäugig war. Diejenigen, die im Voraus bezahlten, machten zur Bedingung, dass sie zum Hochzeitsfest eingeladen würden. Das war Jakob nur recht, da sonst kaum jemand kommen würde, und feiern tat man ja in Gesellschaft. Auch Lilith hatte ihren Freiern eine Einladung versprochen.
Jakob dachte, er hätte einen guten Handel gemacht. Er hatte im Sinn, nach der Heirat umzuziehen, in eine andere Stadt, wo er einer Arbeit nachgehen konnte. Auch hatte er den Wunsch, viele Kinder zu haben. Und wenn Lilith immer schwanger wäre, dann hätte keiner mehr Lust auf ihre Dienste. Doch Jakob hatte nicht bedacht, dass Lilith über das Kinderkriegen anderer Ansicht war. Lilith und Jakob redeten nicht viel über die Zukunft, und so träumten sie ihren Traum vom Leben zu zweit in verschiedene Richtungen. Nur in einem trafen sie sich genau und gleichermassen ausschweifend: in ihrem Durst nach Sex und Alkohol. Was sie ebenso verband, war die Einsamkeit, die sie auch in der Zweisamkeit fast nicht aushalten konnten, denn beide hatten Sehnsucht nach ihren Familien.
Lilith wusste, dass ihre Mutter kleine Mädchen liebte, weil sie in ihnen eine Geldquelle sah. Würde sie ein Mädchen gebären, dachte sie sich, könnte die Mutter ihren Ungehorsam vergessen. Doch bevor die Geburt anstand, musste sich Lilith nun um die Hochzeit kümmern. Sie bat Jakob darum, die Vorbereitungen dafür allein treffen zu dürfen. So fiel ihm nicht auf, wie viel Geld sie dafür beiseitegelegt hatte.
Geheiratet wurde in einer grossen Kirche, und die geladenen Gäste waren ihre Stammtischfreunde. Es waren nur wenige, aber sie tranken viel und assen gerne. Lilith trug ein weisses Kleid, das sie eigens für sich zugeschnitten hatte. Nach dem Trinken hatte sie sich in der Kneipe oft an den Tisch gesetzt und noch daran genäht. Als Lilith hochschwanger an dem grossen Tag neben Jakob vor dem Altar stand und gerade ihr Jawort «bis dass der Tod euch scheidet» geben wollte, platzte die Fruchtblase.
Lilith schrie vor Schreck, sodass alle, die versammelt waren, erschraken. Der Pfarrer staunte über die grosse, nasse Pfütze, die er auf seinem heiligen Boden erblickte. Plötzlich redeten alle durcheinander, und jeder wollte etwas tun, nur Jakob behielt die Ruhe und meinte, nun sei es an der Zeit, ins Spital zu fahren, damit Lilith gebären könne. Doch Lilith wusste, dass sie ihr Kind in der Kirche zur Welt bringen würde.
Liliths Mutter war während der Hochzeit vor der Kirche gestanden. Sie hörte Liliths Schrei und eilte mit heftigen Schritten herbei, denn sie war die Einzige, die wusste, was zu machen war. Der Pfarrer hatte keine Freude, dass ein Kind in seiner Kirche zur Welt kommen sollte. Wie angewurzelt stand er auf dem nassen, heiligen Boden. Lilith spreizte ihre Beine im Stehen und schrie ihren Schmerz in die kirchliche Stille hinaus. Die geladenen Gäste standen rund um Lilith, stützten sie oder hielten ihre Hände zwischen Liliths Beine, um das Kind aufzufangen, wenn es denn kommen sollte.
Andächtig wartete man auf den Kopf des Kindes. Alle halfen Lilith beim Atmen, als beteten sie gemeinsam. Auch gepresst wurde gemeinsam, bis das Kind in ihre Mitte kam, aufgefangen von Jakobs Händen. Alle waren erleichtert und erstaunt, wie schnell es doch gegangen war. Nur Lilith war noch nicht am Ende und schrie noch einmal laut. Mit Zwillingen hatten Jakob und Lilith nicht gerechnet. Der Zweite kam fast noch schneller als der Erste. Fast wäre er auf dem harten Steinboden aufgeschlagen, wäre da nicht Liliths Mutter gewesen, die schnell und flink zur Stelle war.
Da der Krankenwagen auf sich warten liess, wollte Lilith die Kinder gleich taufen. Und obwohl das dem Pfarrer gar nicht passte, hob sie den Holzdeckel vom Taufbecken und bat Jakob, die Kinder ins geweihte Wasser zu tauchen. Die von der Käseschmiere noch glitschigen Wesen hatten keine Wahl. Sie mussten aus der Wärme direkt ins kalte Nass und wurden so für diese Welt abgehärtet. Namen gab man ihnen nicht. Das war wohl zu hart für die Kleinen, denn ihnen war nur ein ganz kurzes irdisches Leben beschieden.
Lilith erholte sich schnell und war bald nicht mehr müde und erschöpft. Jakob hingegen war es sehr. Ihn plagte der Gedanke an seinen teuflischen Handel, dass er Lilith, die ihm das Jawort am Ende nicht hatte geben können, an andere Männer verkauft hatte. Jakob suchte nach einer neuen Bleibe und nach Arbeit. Lilith war damit einverstanden, denn ihrer Arbeit konnte sie noch nicht wieder nachkommen.
Jakob fand schliesslich Arbeit auf einem Bauernhof, nicht allzu weit weg von der Stadt. Die Bleibe war ein Stöckli mit mehreren Räumen, Toilette, Dusche und einer Küche. Für Lilith war das ein Luxus, und am Anfang lief alles sehr gut. Jakob ging regelmässig zur Arbeit, und Lilith half der Bauersfrau im Garten, wenn sie Lust dazu verspürte. Doch schon nach einer Weile hatte der Alkohol die beiden wieder fest im Griff. Man vertrieb sie vom Hof und aus dem Stöckli. Sie fanden abermals eine neue Bleibe, die aber mehr schlecht als recht war.
Lilith nahm ihre Arbeit wieder auf, und die Herren lösten nun bei Lilith ein, was sie schon im Voraus bezahlt hatten. Lilith und Jakob feierten immer verruchtere Feste. Würde und Moral gab es in ihrem Leben nicht mehr. Die Liebe oder das, was Liebe hätte sein können, hatten sie beide vergessen. Lilith wurde wieder schwanger, und wieder zogen sie um, diesmal mit Kind. Arabat hiess es.
Als Lilith wieder schwanger war, wusste sie nicht, wer der Vater war. Sicher war nur, dass ihr erstes Kind das von Jakob war. Als Lilith die Schwangerschaft bemerkte, wollte sie das Kind nur loswerden. Sie versuchte es mit Schlaftabletten und Alkohol, doch es gelang ihr nicht, weil sie zu wenig davon nahm. Lilith hatte Angst, sie könnte selber sterben. Sie versuchte es damit, die Treppen hinunterzufallen, bis sie sich einen Rippenbruch holte. Doch das Kind in ihr war fest entschlossen, Liliths Unterfangen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Lilith versuchte, es mit einer Stricknadel aus sich herauszubekommen, was ihr einen Spitalaufenthalt und lange Bettruhe brachte. Lilith war fast im siebten Monat schwanger und die Ärzte versuchten, das Kind zu retten. Und es half kräftig mit, weil es für sich entschieden hatte, das Licht dieser Welt zu erblicken. Die Ärzte hatten Lilith klipp und klar gesagt, sie hätte Glück, wenn es ein gesundes Kind würde. Das Kind hatte gewonnen, und Lilith war verzweifelt, fand sich aber damit ab, dass es nun wohl auf die Welt kommen sollte.
Lilith bekam Besuch von der Behörde der Gemeinde, in der sie gerade lebten, und das gefiel ihr überhaupt nicht. Man schlug ihr vor, den Buben in einem Heim unterzubringen, und legte ihr ans Herz, das Kind, das sie erwartete, zur Adoption freizugeben. Lilith wollte nicht und bekam es mit der Angst zu tun, solche Angst, dass sie noch am selben Tag den Wohnort wechselte, ihre drei Zuhälter immer im Schlepptau. Einer war Pietro aus dem Tessin, einer Kurt aus dem Berner Oberland, und der Dritte war Jakob. Alle kassierten ein, und wenn sie genug hatten, verliessen sie sie für ein paar Tage oder Monate, damit der nächste wieder sein Geschäft machen konnte. Waren sie knapp bei Kasse, tauchten sie wieder auf. Sie reichten Lilith in der ganzen Schweiz an ihren Stammtischen herum.
Lilith war abgestumpft, verbraucht und hatte alles Mitgefühl verloren. Luisa kam im November 1961 in einem kleinen Dorf zur Welt, ohne Arzt und Hebamme. Lilith wollte nicht ins Spital, weil sie fürchten musste, dass man ihr das Kind wegnehmen würde. Lilith roch von nun an immer, wenn die Behörden bald vor der Tür stehen würden. Sie zog mit ihren beiden Kindern von einer Gemeinde in die andere und konnte sich so der Justiz entziehen.
Auf Luisa folgten noch Mascha, Alioscha, Mara, Mira, Lisa und als Letztgeborene Veronica.
Ich, Luisa, liebte meinen Bruder Arabat, der sehr ängstlich war, blond gelocktes Haar hatte und wie ein blasser Engel aussah. Wir lebten seit Kurzem in einem Häuschen am Dorfrand, auf einem Fabrikareal, wo es immer nach Eisen roch. Wir waren weggezogen aus einem Haus, das meine Mutter Lilith nicht behalten durfte. Denn es gab dort keinen Strom und kein Wasser, und es war nicht schön dort für uns Kinder.
Ich war blondrot, klein, frech und grenzenlos lebendig. Arabat und ich stritten uns nicht, wir spielten miteinander, und ich gab den Ton an. Meine Mutter Lilith durften wir nicht stören, wenn sie Besuch von Männern hatte. Wir durften dann nur in unserem Zimmer sein. Arabat hielt sich an ihre Anweisungen, ich, Luisa, aber nicht. Mir war im Zimmer langweilig. Manchmal hatte ich Hunger, eigentlich immer, denn Mutter Lilith kochte selten für uns. Also musste ich mir selbst helfen und in der Küche nach etwas Essbarem stöbern. Tisch und Stühle halfen mir, in die höheren Gegenden zu gelangen. Am Abend vor dem Schlafengehen bekam Arabat immer noch Muttermilch. Arabat genoss diese Zweisamkeit am liebsten ungestört, weil die Mutter am Tag kaum Zeit für uns hatte. Ich gewährte ihm seine Zeit. Dieses Muttermilchritual gefiel mir nicht. Ich ertrug diese Nähe nicht.
Mutter Lilith zwang mich manchmal trotzdem an ihren widerlichen Busen, an dem so mancher nuckelte und der so voller verschiedener Gerüche war. Da half nur kräftiges Beissen, um dieser Nähe zu entkommen. Sie suchte sie immer wieder, doch ihre Zuckerstimme nützte nichts und auch nicht ihr süsses Geschwätz: «Meine Prinzessin, mein Schätzeli und Zuckerpüppchen!»
Arabat schlief oft an ihrem Busen ein. Mich brachte Lilith wortlos zu Bett, was wohl als Strafe gedacht war, weil ich ihren Busen ablehnte. Wir standen oft wieder auf, um hungrig in der Küche etwas Essbares zu suchen. Egal ob es ein Glas Gomfi war oder einfach ein wenig Brot, wir assen alles, was unsere Augen sehen und unsere Hände greifen konnten.
Lilith war nachts auf der Jagd nach Männern, und wir waren allein. Wenn gerade ein Zuhälter bei uns wohnte, waren wir bei dem. Die Zuhälter hatten nicht viel übrig für uns Kinder. Sie sassen am liebsten vor einem Harass Bier und Frauen, die wir nicht kannten. Wir mussten nur leise genug sein, dann konnten wir machen, was wir wollten. Wenn kein Zuhälter da war und wir ganz allein waren, ging es laut zu und her. Die Küche wurde zum Bergsteigerparadies. Arabat und ich rückten den Küchentisch vor den grossen Schrank, wo Mutter Lilith meistens ein Kilo Zucker, Schokolade, Brot und verschiedene Gomfis aufbewahrte. Dazu eine Unmenge Raucherwaren und Flaschen mit stark riechendem Wasser, manchmal war es sogar farbig. Wenn wir es probierten, brannte uns der Mund, und wir mussten heftig husten. Und wenn wir zu viel von diesem Zeug getrunken hatten, mussten wir kötzeln. Um an die Flaschen heranzukommen, stellten Arabat und ich einen Stuhl auf den Tisch und auf diesen Stuhl nochmals einen Stuhl. Diese Sache mit dem Tisch und den Stühlen war unser Abenteuer. Wir waren auf Bergtour. Weil Arabat Angst hatte, den Berg zu besteigen, stürmte ich den Gipfel und fiel manchmal auch herunter, wenn er zu beben anfing. Mit der Zeit aber wusste ich genau, wie ich mich hinaufbewegen musste.
Die Nächte, in denen unsere Mutter auf der Jagd war, dauerten lange. Wir hatten viele Ideen, seilten die Flaschen an Schnüren herunter und wieder hoch auf den Gipfel – das war die Kunst des Gleichgewichts. So manche Flasche ging in die Brüche. Solange wir aber alles auf- und wegräumten, würde uns nichts geschehen. Das wussten wir. Oft war ich ganz klebrig von der Gomfi und dem Zucker, sogar meine Haare klebten. Mit der Zeit breitete sich auf meinem Kopf so etwas wie ein Filzteppich aus, denn Waschen war für uns nicht alltäglich, das machte man nur ab und zu. Da wir uns selbst überlassen waren, kam es auch gar nicht darauf an, was für Kleider wir trugen. Alles roch süss und manchmal auch leicht nach Urin. Durfte ich einmal in warmem Wasser baden, fand ich das schön, aber ich vermisste danach den Geruch nach Süssem und Urin. Diese Gerüche verliehen mir ein Wohlgefühl, und ich fühlte mich sicher in meiner Welt.
Wenn wir unsere Bäuche gefüllt hatten, gingen wir schlafen, und ich wickelte mich in das klebrige, süss riechende Leintuch. Arabat wimmerte oft vor sich hin und lullte mich damit langsam in den Schlaf. Arabat war traurig, aber mir gab er mit seinem Wimmern das Gefühl, nicht allein zu sein. Arabat war der einsamste Junge, den es auf der Welt gab. Arabat und ich standen am Morgen immer allein auf, denn Mutter Lilith schlief meist noch und war manchmal gar nicht zu Hause. Dann fing die Suche nach Essen wieder von vorne an. Am Abend gingen wir mit den Kleidern ins Bett und standen am anderen Tag fertig angezogen wieder auf. Wir wechselten die Kleider erst, wenn Mutter Lilith endlich Zeit und Lust dazu hatte, uns frisch einzukleiden. Aber diesen frischen Geruch mochte ich nicht.
Wenn am Morgen niemand zu Hause war, machten Arabat und ich uns auf den Weg in die grosse weite Welt hinaus, obwohl Mutter Lilith und Vater Jakob uns dies verboten hatten. Die Menschen, denen wir draussen begegneten, verstanden wir nicht. Und diese Menschen verstanden auch uns nicht. Die grosse Welt war uns fremd. Aber für mich war sie voller Reize. Ich war sehr neugierig und kannte keine Grenzen. Alles, was ich sehen, riechen und anfassen konnte, war für mich wie ein grosses Abenteuer. Bei diesen Ausflügen in die Welt hinaus konnte ich mein kleines Herz klopfen hören. Das gefiel mir sehr, und ich fühlte mich lebendig. Ich hatte keine Angst. Ich war dort draussen ganz zu Hause.
Oft kam es vor, dass ich aus Gärten Blumen holte. Die Menschen, die mich dabei erwischten, waren lieb und lächelten mich an, auch wenn ich mit ihnen redete und wir uns nicht verstanden. Da ich ein kleines Mädchen war und sehr anders war als andere kleine Mädchen, hatte man nur Mitleid mit mir. Ich wurde sogar mit Essen belohnt. Es war viel besser als das, was ich zu Hause bekam. Ich genoss das Mitleid sehr. Es gab mir das Gefühl, alles nehmen zu dürfen und überall eintreten zu können.
Mutter Lilith freute sich über die Blumen, die ich ihr von den verbotenen Ausflügen mitbrachte, ermahnte mich aber, zu Hause zu bleiben. Meine zerzausten Blumen standen dann im Wohnzimmer, und ich dachte, wie schön der Raum doch war und wie gut es roch. Weil die Blumen, die ich pflückte, im blauen Dunst einen guten Duft verbreiteten, gewöhnte ich mir an, nur solche Blumen zu pflücken, die besonders intensiv dufteten. Mutter Lilith wurde von den Leuten im Dorf oft aufgefordert, mir zu sagen, ich solle das Stehlen, wie sie es nannten, doch unterlassen. Meiner Mutter war das aber einerlei, denn ich wusste mich ja selbständig zu bewegen. So hatte sie ihre Ruhe und musste mich und meinen Bruder nicht beschäftigen.
Einmal aber ging ich viel zu weit. Das brachte Mutter Lilith wieder das Sozialamt ins Haus, wovor sie grosse Panik hatte. Auf Entdeckungsreise im Dorf kamen wir wie so oft an einem Haus vorbei, das einen grossen Reiz auf mich ausübte. Ich wollte dort unbedingt die Umgebung erforschen, und da die Besitzerin immer sehr lieb war, dachte ich nicht an etwas Unrechtes. Es gab dort eine Scheune, an der ein Strauch mit lauter stark duftenden Blüten emporwuchs, und viele fleissige, summende, fliegende Tierchen kamen und gingen, woher und wohin wusste niemand. Mit meinen klebrigen Händen fing ich an zu buddeln, und Arabat half kräftig mit. Die Finger taten mir bald weh und verkrampften sich. Es stellte sich als zu schwierig heraus, den Strauch auszugraben. Er hatte so viele Wurzeln, die sich nicht aus der Erde lösen wollten. Der Strauch konnte nicht loslassen, und das ärgerte mich so, dass ich böse wurde und anfing, seine Blüten abzurupfen. Wütend zerstörte ich seine Wurzeln. Ich stopfte so viele abgerupfte Blüten in meine Kleider, wie ich nur konnte, und auch in die meines Bruders – egal, ob sie wieder herausfielen. Wir stopften uns richtig aus damit. Bald sah der Strauch erbärmlich aus, und mir kam es vor, als würde er weinen, ja sogar schreien, und da überkam mich ein ungutes Gefühl. So schnell und zielgerade waren Arabat und ich noch nie nach Hause gerannt, mit der Angst im Nacken, es könnte uns jemand folgen. Zu Hause angekommen, war ich gar nicht mehr so ausgestopft, und auch Arabat nicht. Es waren nur noch wenige Blüten da, die aber noch immer ihren intensiven Duft verströmten, und wir rochen beide so herrlich!
Mutter Lilith, im Morgenrock, war diesmal gar nicht begeistert. Sie murmelte vor sich hin und nahm einen Schluck aus einer Flasche. Sie schloss uns im Zimmer ein, und da sollten wir bleiben. Vater Jakob war wieder einmal zu Hause, und ihm gefiel das nicht. Die beiden stritten sich laut, als wäre ein Gewitter ausgebrochen. Ich hörte, wie Tisch und Stühle krachten, verzweifelte Schreie – nichts, was mich ängstigte. Wenn die beiden zusammen waren, war das ihr Umgang miteinander. Arabat aber kroch dann immer unter die Decke, wo er für eine Weile blieb, so lange, bis Vater Jakob ins Zimmer trat und uns einen Würfelzucker gab. Ich wusste nicht, warum wir den bekamen, aber er schmeckte und machte uns zufrieden.
Kurz darauf klingelte es an der Tür. Es klingelte öfter bei uns, doch diesmal stand kein Mann vor der Tür, sondern eine Frau, die mit Lilith reden wollte. Vater Jakob hörte, wie Mutter Lilith wetterte. Sie fluchte vor sich hin, liess die Frau kaum zu Wort kommen und bedrohte sie mit einem Stuhl, sodass Vater Jakob eingreifen musste. So hatte ich meine Mutter noch nie gesehen. Wie sie mit fremden Menschen umging, machte mir Angst. Trotzdem beobachtete ich alles ganz genau von der Schlafzimmertür aus, sodass ich, falls es schlimm würde für mich, schnell die Tür schliessen konnte. Die Frau zeigte immer wieder auf mich, wedelte mit Blüten vor sich herum, als wollte sie ihren guten Duft im Raum versprühen. Mutter Lilith drückte sie zur Tür hinaus und Vater Jakob versuchte, Lilith zu besänftigen, was ihm nicht gelang. Es gab lautes Geschrei, bis die Tür zuknallte. Ich schämte mich, denn ich war schuld. Der Strauch hatte mich verraten. Ich, Luisa, war schuldig, weil ich ihm wehgetan hatte. Lilith und Jakob stritten heftig weiter, und Lilith warf Dinge nach ihm – er duckte sich ständig –, bis das Zimmer nicht wiederzuerkennen war für meine Kinderaugen.
Ich schloss die Tür hinter mir zu. Ich war ganz still, denn ich wusste, jetzt musste man die beiden in Ruhe lassen. Ich musste still sein, nicht da sein, mich gab es nicht. Ich musste abwarten, wie immer, wenn sich Vater und Mutter stritten. Ich musste sie ihre farbigen Getränke trinken lassen, und wenn ich ganz still in der Stille verharrte, konnte ich die komischen Geräusche der beiden hören, und ich wusste, bald darauf würde Vater Jakob uns wieder verlassen. Es war immer so, und es machte mir nichts aus. Wenn Vater Jakob gegangen war, kam meistens ein anderer, der brachte uns keinen Würfelzucker. Aber meine Mutter bekam jedes Mal etwas in die Hand, und ich musste an Würfelzucker denken.
Wieder einmal hatte Mutter Lilith bei uns zu Hause ein kleines Männerfest. Wir durften nicht aus unserem Zimmer, obwohl wir nicht schlafen konnten. Ich hatte aber keine Lust mehr, schlaflos im Zimmer zu liegen und diesem Treiben zuzuhören. Es war fürchterlich laut, und der Gesang der Herren machte mir in der Dunkelheit Angst. Ich wollte bei meiner Mutter sein. Ich ging aus dem Zimmer, ohne zu wissen, was mich draussen erwartete. Ich hätte es bleiben lassen sollen.
Bis dahin war das Kinderzimmer für mich ein schützender Ort gewesen, dort konnte mir nichts geschehen. Es war unsere Welt, meine und die meines Bruders. Für mich war unser Zimmer harmonisch und lieb, voller Kinderträume, Farben und Fantasie, auch wenn es unordentlich war. Mein Bruder und ich waren eins in dieser Welt, die nur uns gehörte. Mit dem Öffnen der Tür hatte ich das Tor zur Hölle geöffnet, und es gab kein Zurück mehr. Der scharfe Geruch, die Erregtheit der Stimmen, das völlig Verruchte – das alles drang nun in unser Zimmer, das bis dahin mein Schutzraum gewesen war.
Die Männer sassen auf jeder brauchbaren Fläche, einige standen, die meisten hielten eine Flasche in der Hand und andere nuckelten an braunen, dicken, stinkenden Stumpen, die wie Holz aussahen. Einige hatten dicke Bäuche, andere waren dünn, und bei jedem hing zwischen den Beinen etwas herunter. Bei zweien oder dreien hing es nicht, sondern stand hervor. Es sah aus wie Würste. Manche hatten ihre Würste in den Händen und bearbeiteten sie, alleine oder gegenseitig. Einer beugte sich mit dem Bauch über den Tisch, hielt sich verkrampft mit beiden Händen am Tischrand fest, und ein zweiter hinter ihm war in einer Bewegung, die ich noch nie gesehen hatte. Die Geräusche unter dem Gesang und der Musik waren erschreckend. Meine Mutter sass auf dem Sofa, den Rücken zu mir gewandt. Sie hatte vier Beine, und ihre Arme waren verdreht. Ihr langes, blondes, gelocktes Haar war das einzig Liebliche und Vertraute an ihr. Ich wusste nicht, wo ich war, und dachte, ich hätte mich einfach verirrt. Ich stand da und konnte mich nicht bewegen, ich schaute und schaute und fand doch nichts mir Bekanntes. Ich spürte, wie alles an meinem kleinen Körper hart wurde, ich wurde plötzlich so schwer und konnte kaum mehr atmen. Ich sah Farben an diesen Menschen, die ich noch an keinem gesehen hatte. Ich atmete Gerüche ein, die mein kleines Hirn nicht zuordnen konnte. Ich spürte, wie kleine, eiskalte Tropfen meinen Körper bedeckten und mich zum Frieren brachten. Ich zitterte, und es hörte nicht mehr auf. Ich stand da und konnte nicht zurück ins Bett, meine kleinen Füsse waren wie festgenagelt. Ich war gefesselt, wollte rennen, wollte in mein Zimmer, doch es ging einfach nicht.
Ich weiss nicht, wie lange ich da stand, bis mich einer dieser wurstgreifenden Männer bemerkte und auf mich zukam. Er brummte etwas vor sich hin, und ich starrte einfach in die Menge, ohne etwas zu sehen, als schweiften meine Gedanken weit, weit weg und verliessen mich. Die Männer gingen vom Tisch weg, und ich stand plötzlich darauf wie ein Brett. Für sie war ich wie ein zartes Erdbeerchen, so jung, so frisch, sodass sie mich verzehren wollten. Ich aber wollte ein Radieschen sein, möglichst scharf bei jedem Biss. Die Männer standen rund um den Tisch, klatschten in die Hände, jaulten und grunzten und hatten den Blick dabei immer auf mich gerichtet. Je mehr sie mich mit ihren gierigen Blicken verschlangen, desto leiser wurden die Stimmen und desto mehr verdufteten die Gerüche. Als Mutter Lilith mich lächelnd ansah, spürte ich meinen Körper plötzlich nicht mehr. Ich war aufgelöst, gespalten, meine Augen waren an der Decke und konnten von dort alles mit ansehen. Ich sah meinen kleinen Körper auf dem Tisch, erstarrt. Ich sah, wie Hände diesen kleinen Körper berührten – zu viele Hände. Ich spürte nichts, ich konnte sehen, aber nicht fühlen, auch nicht, als meine Mutter mir die Kleider auszog und mich berührte. Ich wachte klatschnass in meinem Bett auf, und die Angst hielt mich fest in ihrem Griff.
Mit dem Öffnen dieser Tür zur Hölle war mein Kindsein vorbei. Von dieser Nacht an konnte Mutter Lilith mehr Geld verdienen, und mein Körper musste ihr und ihrer Männerwelt dienen. Sie nahm sich jetzt viel mehr Zeit für mich, auch wenn sie müde war von der Nacht. Mutter Lilith wollte, dass ich mit ihr tanze, und dafür stellte sie mich auf den Tisch. Das Tanzen gefiel mir aber nicht, trotz der Musik. Schon wenn sie mich auf den Tisch heben wollte, schrie ich laut in den Raum. Sie konnte mich nicht zum Tanzen bringen, auch nicht, wenn sie Arabat mit auf den Tisch stellte. Kaum war ich hinuntergeklettert, stellte mich die Mutter wieder auf den Tisch. Dieser Kampf mit ihr und dem Tisch ermüdete mich sehr. Ich versuchte, dem Tisch, so gut es ging, fernzubleiben. Ich spielte auch keine Spiele mehr mit ihm. Es gab kein Bergsteigen mehr. Wenn wir einmal gemeinsam assen, setzte ich mich auf den Boden, denn der Tisch war zu meinem Feind geworden, und ich hatte Angst vor ihm.
