Kriegerwallfahrt nach Vierzehnheiligen - Georg Enzor Vojer - E-Book

Kriegerwallfahrt nach Vierzehnheiligen E-Book

Georg Enzor Vojer

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Beschreibung

Der Doppelmord von Sarajevo im Juni 1914 entzündete ein Feuer, das sich schnell zu einem weltweiten Flächenbrand entwickelte. Angefeuert von ihrem Volk, zogen junge deutsche Soldaten im Glauben an Gott und den Kaiser in einen grausigen Krieg, der Hunderttausende von ihnen dahinraffte. Und danach? Der heimgekehrte Krieger wurde vergessen und wohnte in der Ruine einer zerstörten Weltanschauung, eines verlorenen Lebenssinnes. Ein großer Roman über die Sinnfrage nach dem Grauen des Krieges, bis heute brandaktuell. Eine gefühlvolle Geschichte über eine fortwährende Suche, erzählt über drei Generationen. Ein Lebenszeugnis von Leid und Hoffnung eines einfachen Mannes, der trotz seines bewegten Schicksals nicht aufgibt. Exzellent recherchiert und so einfühlsam wie mitreißend geschrieben. Ein literarisches Ereignis zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges.

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Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Georg Enzor Vojer

Kriegerwallfahrt nach Vierzehnheiligen

Aus dem Leben des Welt-Kriegers Georg Vojer, erzählt von ihm selbst

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Einleitung

"Erzähl mir nichts!"

Die Kriegerwallfahrt

Wir beginnen

Gericht Verdun

O Haupt voll Blut und Wunden,

DAS GROSSE UMSONST

Litanei vom Leiden Christi

Die "geistigen Ursachen"

Ins Maintal grüßt hernieder

Der totale Krieg

O du hochheilig Kreuze, daran mein Herr gehangen

Nervenfrage und Willenssache, Versailles

Kommt her, ihr Christen insgemein,

Hitler

Herr, allmächtiger und barmherziger Gott,

Vater und Sohn, Litanei und Stoßgebet, statischer und dynamischer Krieg

Der Bewegungs- und Blitzkrieg

Wie mein Sohn fiel: der Kessel von Jassy-Kischinew

Der Verlauf der Schlacht

Tod und Vergehen waltet in allem,

Meine Schuld

Aus dem Wehrstammbuch meines Sohnes

Lebenslauf aus meiner Familien-Chronik, niedergeschrieben im Illustrierten Hausbuch für christliche Familien

Wir betreten die Kirche: "Wohin soll ich mich wenden?" Wo, wo, wo ist der Ort?

Zum Gloria: "Wir, die die Erde gebar." Graben, Grab und Geburt

Zum Offertorium: "Nur danken kann ich, mehr doch nicht." Hat mich der Krieg zum Individuum gebildet?

Reservistenkrug und Reservistenbild

Maschine und Gas

Heiliger Dionysius,

Leben im Frieden

Heiliger Georg,

"Grei doch nië, ich sterb doch nië"

Heilige Katharina,

mEin katholisches Weib

Heiliger Erasmus,

Zum zweiten Male: Begegnung mit den Amerikanern

Schlussgesang: "Herr, Du hast mein Fleh'n vernommen"

I had a Comrade

Deutsch: tapfer, ernst, einsam

Wir essen

Zum Schluss

Finis operis / Amen

Impressum neobooks

Einleitung

Georg Enzor Vojer

Kriegerwallfahrt nach Vierzehnheiligen

Aus dem Leben des Welt-Kriegers Georg Vojer

erzählt von ihm selbst

(DenkBar Bd. 4)

Jeweils am ersten Sonntag im Mai treffen sich die fränkischen Kriegervereine zur Wallfahrt nach Vierzehnheiligen. Unter den Teilnehmern ist Georg Vojer, Veteran des Ersten Weltkriegs. Angeregt durch die Gebete und Gesänge während der Wallfahrt, erlebt er die wesentlichen Stationen seines Lebens noch einmal: das Weißbluten vor Verdun und den Verlust des sinnstiftenden Glaubens an Kaiser und Vaterland; den "Schandfrieden" von Versailles und den Aufstieg und Untergang Hitlers; die Vernichtung der 6.Armee und so auch seines Sohnes im Kessel von Jassy-Kischinew; sein Leben als Kleinbauer und Korbmacher und den Tod seiner Tochter.

Georg Vojers Erinnerungen werfen Schlaglichter auf das 20. Jahrhundert. Seine Reflexionen über Krieg, Leid und Tod erhellen, dass der Mensch seinen Lebenssinn heute nicht mehr über eine kollektiv geteilte Weltanschauung finden kann. Er muss ihn individuell suchen und mit der Tapferkeit eines Kriegers die Schläge des Schicksals ertragen lernen.

DenkMal Verlag

DenkBar

Bibliographische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Bibliographic information published by Die Deutsche Nationalbibliothek

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in elektronische Systeme.

ISBN 978-3-935404-50-1

(c)DenkMal Verlag Bonn 2014

www.denkmal-verlag.de

Umschlaggestaltung: Kathrin Brecker

Satz: HINSETZEN! Bonn

Printed in Germany

Betr.:

Ihr Suchantrag im Rahmen der Registrierung

der verschollenen Soldaten des 2. Weltkrieges nach

Max V o j e r , geb. 5.11.24

Sehr geehrter Herr Vojer!

Als Ergebnis unserer Nachforschungen nach Ihrem Angehörigen haben wir alle Daten und die inzwischen festgestellten Fakten noch einmal sorgfältig überprüft; wir fühlen uns nunmehr verpflichtet, sie Ihnen im beiliegenden Gutachten zusammengestellt zu überlassen. Es schildert Ihnen ausführlich alle Ermittlungen, die zur Aufklärung seines Schicksals angestellt worden sind, und gibt Einblick in die für ihn entscheidend gewordene Phase des Kriegsgeschehens.

Wenn am Ende dieser Darstellung auch der Schluß gezogen wird, daß Ihr Angehöriger zu den Opfern des 2. Weltkrieges gezählt werden muß, die nicht mehr nach Hause zurückkehren konnten, hoffen wir dennoch, Sie durch die Bekanntgabe des Nachforschungsergebnisses von jahrelang ertragener Ungewißheit zu befreien

Hochachtungsvoll

Deutsches Rotes Kreuz

Suchdienst München

Anlagen

*

Er hockte vielleicht in einem Erdloch und wartete, wartete erschöpft und angespannt. An Schlaf war ja nicht zu denken die letzten 48 Stunden, da alles in Bewegung war. Er hört die russische Panzerkolonne sich leise nähern. Das Geräusch wird lauter und lauter, es wächst an zum Dröhnen. Er sieht die Fahrzeuge. Er nimmt die Panzerfaust in den Anschlag. Hat ihn der Fahrer des Panzerkampfwagens bemerkt? Steuert er ohne Zögern über das Erdloch, um ihn, den Insassen, durch schnelles Um-die-Achse-Drehen zu erdrücken und ersticken? Und er, der Panzerfaustschütze, mein Junge: Wird er in dem Augenblick die Geistesgegenwart haben, um abzufeuern? Oder wird er bangen um sein Leben, in eine Schreckensstarre verfallen? Soll er denn den Abzug betätigen, oder soll er - gegen alle Wahrscheinlichkeit - hoffen, dass er überleben wird? Und wenn er abgefeuert haben sollte: Wurde er eins mit der Panzerbesatzung? Vereint im Tod? Sind Freund und Feind letztlich eins? - Einmal schoss ich, nur so zum Spaß, im Ersten Krieg mit meinem Infanteriegewehr in ein französisches Rotweinfass. Es schoss ein roter Strahl heraus. Es war des Feindes Blut. Und es war unser Blut. Und es war, wie ich heute weiß, auch meines Sohnes Blut. Und es war Dein Blut, Herr, das Du für uns vergossen. Für wen aber haben wir unseres vergossen?

"An Dir will ich erproben meine Herrlichkeit, und Du sollst gehen für mich durch den Tod. Die Auferstehung: dies wird sein Deine Aufgabe. Du wirst sie bestehen müssen, Du wirst Stärke gewinnen und dadurch erst werden zu dem, der Du nicht sein willst. Richte Du Dich nach dieser Aufgabe, sei ausgerichtet - sei gerecht! So wirst Du nicht mehr gerichtet. Denn es steht geschrieben: ‚Sei getreu, mein Sohn, getreu bis in den Tod! So will ich Dir geben die Krone des Lebens.'"

*

"Erzähl mir nichts!"

Der Zug hielt.

Und dies ist kein Roman.

Damit, lieber Leser, ist alles gesagt: Bewegung und Stillstand; sowie: Nichts ist bloß erdacht. Aller Inhalt, alle Handlung ist heraus; und es geht nicht um Fiktionen. Du, lieber Leser, kannst Dich auf anderes konzentrieren.

Bewegung und Stillstand. Wir rücken vor und geraten ins Stocken. Wir stocken und rücken vor. Bisweilen - bisweilen? - taumeln wir. Oder wir laufen sogar zurück.

Aber was habe ich eigentlich gesagt? "Zug" - was bedeutet dies? Nichts Eindeutiges, geradezu viel, sehr viel, erschreckend viel.Zug- das ist im Kontext meines Lebens, von dem Du, lieber Leser, etwas erfahren sollst, wenn Du nur willst: ein Gespann, in meinem Fall ein Gespann von zwei Kühen, zum Ziehen eines Wagens oder eines Pfluges; dann ein Fortbewegungsmittel, eines, das uns soeben nachLichtenfelsgebracht hat, den Ausgangspunkt unserer Kriegerwallfahrt nachVierzehnheiligen; aber doch auch die unter dem Kommando eines Zugführers stehende militärische Teileinheit von etwa 35 Soldaten, die wiederum in Trupps zerfällt und deren übergeordnete Einheit die Kompanie ist. "Zug" bezeichnet aber auch die gewundene Vertiefung im Lauf einer Feuerwaffe, um dem Projektil zur Stabilisierung der Flugbahn einen Drall zu verleihen. Aber auch die Bedeutung ‚Zug als Fortbewegungsmittel' ist komplex: Ein Zug in Friedenszeiten ist etwas anderes als ein Zug, der Soldaten an die Front fährt, ein Zug, der zur Kriegerwallfahrt fährt, etwas anderes als ein Zug, in dem man möglichst rasch eine Wegstrecke zurücklegen will. Undstockenundvorrücken: Wie viele Arten davon gibt es wohl?

Ich überblicke die Zeilen und bemerke, dass ich in eine Art merkwürdige philologisch-philosophische Reflexion geraten bin. Dabei wollte ich doch nur etwas verdeutlichen, wollte mich nur verständlich machen. Ich bin ein einfacher Mann. Weder studiert noch Facharbeiter oder dergleichen. Doch bin ich, das darf ich, muss ich sagen, empfänglich für das Andere, Höhere, über die bloße Arbeit Hinausgehende. Reflexionen über das Leben, über "Gott und die Welt", gehören zu mir, wie ich auch einen Bezug zur Musik habe. Zudem habe ich in letzter Zeit viel gelesen, vor allem auch Literatur über den Krieg, zum Krieg. Ja, ich habe mich gebildet: nicht aus Frivolität oder Langeweile, sondern weil es mir notwendig schien, das zu verstehen, was mir widerfuhr. Das, was ich gelesen und, wie ich glaube, auch verstanden habe, half mir und hilft mir noch, mein einfaches Leben reflexiv zu beleuchten, ihm nicht mehr bloß verhaftet zu sein. Steht man zu nah vor einer Sache, sieht man sie nicht mehr als Ganzes. Ich war mir selbst zu nah, daher musste ich Abstand gewinnen - um mich nicht zu verlieren. Ich habe mein naives Empfinden, das Empfinden eines Menschen ohne höhere Schulbildung, dadurch auf eine andere Stufe gestellt. Zunächst erzeugte dieses Vorgehen ein großes Chaos. Ich konnte beides nicht zusammenbringen: das Ganzheitlich-Naive meines Lebens (und ich meine das gar nicht abfällig) und das reflexive Durchdringen(das ja nicht selten rein destruktiv verfährt). Aber nach und nach, ich rede hier nicht von Wochen, auch nicht von Monaten, sondern von Jahren, nach und nach, sage ich, konnte ich etwas "anfangen" mit dem, was ich las: Ich konnte es einordnen, konnte es beurteilen und bewerten, war dem Gelesenen nicht einfach ausgeliefert. Und nach und nach fanden sich mein naives Leben und mein reflexives Durchdringen zusammen. Sie haben sich zusammengeschlossen, zusammengebildet. Mit der reflexiven Durchdringung, mit der Arbeit des Begriffs, wie die Philosophen sagen, habe ich mein naives Dasein bewerten und verstehen gelernt - soweit man es eben verstehen kann. Denn dunkel ist - und bleibt! - das Leben, bleibt der - Tod. Die Reflexion nimmt die Dunkelheit nicht in dem Sinne weg, wie man, darf ich es sagen?, einem gefallenen Kameraden die Erkennungsmarke wegnimmt oder den Mantel, wenn der eigene zerschlissen ist. Ja, in einem Sinn, den ich hier, auf den ersten Seiten, nicht sogleich darlegen will, steigert die reflexive Durchdringung die Dunkelheit sogar. Durch die Reflexion wachsen beide: Klarheit und Dunkelheit. Wie sollte ich heute nicht froh sein, dass ich mich gebildet habe!

Dennoch glaube ich, mein Wesen als einfacher Mann behalten zu haben. Ja, manchmal kommt es mir sogar vor, dass ich erst durch dieses "Studium" recht eigentlich einfach geworden bin, da ich erst jetzt das Einfache und seinen Zusammenhang mit dem Abgeleiteten und Komplexen zu bewerten weiß. Was wir einfachen Leute den anderen voraushaben, ja voraushaben, ist dies: Wir nehmen die Dinge schwer; wir nehmen die Dinge schwer, ohne es zu wissen; "schwer" heißt: für sich, nicht nur und sogleich in Relation zu anderem. Wir kennen nicht schon tausend Gründe, warum es so ist und nicht anders, warum es aber auch hätte anders kommen können, wenn nur das oder jenes eingetroffen wäre. Erzähler, zumal die, die sich allwissend gebärden, gehören zu den Leuten, die die tausend Gründe kennen oder vielmehr so tun, als würden sie diese kennen. Ich will nichts erzählen. Ich bin kein Erzähler, geschweige denn ein "Romancier". Ich verachte sie alle, die Erzähler und "Romanciers": Sie erfinden, anstatt zu erleben. "Erzähl' mir nichts!" sagt unwillig und leicht erzürnt bisweilen ein Bekannter oder Freund zu mir, wenn ich ihm etwas zunächst Unglaubwürdiges mitteile. "Erzähl' mir nichts!" - das sollte man heute allen Erzählern entgegenrufen. Wenn ich hier, auf diesen Seiten, von mir berichte, so kann ich versichern, dass ich keine "Figur" bin in einem fiktiven Geschehen, sondern ein Mensch, ein Mensch durchaus. Es gibt somit auch keine "Figuren-Konstellationen", denn alle Personen, die hier vorkommen, sind wirkliche Menschen oder waren wirkliche Menschen. Ich habe erlebt - zu viel, zu Großes. Sind diese Erfahrungen überhaupt mitteilbar? Erzählen kann ich sie jedenfalls nicht, hätte ich das Erzählen auch erlernt gleich einem professionellen Erzähler. Und Du, lieber Leser, spendetest mir ein großes Lob, könntest Du sagen - ist es denn schon einmal gesagt worden in der langen Geschichte des Erzählens? -: Man glaubt, einen Geschichtenerzähler vor sich zu haben, und man erkennt - einfach nur einen Menschen, einen einfachen Menschen.

Aber vielleicht, lieber Leser, zweifelst Du auch daran, dass ein so einfacher Mensch wie ich das nun Folgende niederschreiben kann. Das wäre einerseits ein großes Lob für mich, fast schon das größtmögliche, andererseits aber auch betrüblich, denn Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit sind ja für ein Buch wie dieses sehr, sehr hohe Werte. Ich gebe hier für alle Zweifelnden zu bedenken: Wer sagt, es sei unmöglich, dass ein Mensch mit Volksschulbildung all das, was nun im Folgenden behandelt wird, sich aneignen und für den Leser verständlich niederschreiben kann, der, möchteichmit der Erfahrung des Kriegers sagen, weiß nichts davon, dass ein von einer Sache geführter und von ihr eingenommener Mensch wahrlich mehr als nur Gewöhnliches und Erwartbares vollbringen kann.

Ich gebe aber auch zu - doch eigentlich ist da gar nichts "zuzugeben" -, dass ich in einigen Angelegenheiten und Problemen meinen Enkel, von ihm wird noch die Rede sein, oftmals um Rat gefragt habe, um den Rat dessen, der an der Akademie jahrelang Philosophie und andere Dinge studiert hat. Und ich gebe auch zu - wenn, wie gesagt, "zugeben" hier das rechte Wort ist -, dass einige Stellen des nun Vorliegenden in Zusammenarbeit oder im Gespräch mit ihm entstanden sind. Bei einigen Passagen wird dies offensichtlich sein, etwa wenn es gegen Ende dieser Ausführungen um die Übersetzung und das Verständnis einer griechischen und lateinischen Sentenz geht. Dieses gemeinsam Erörterte und Verhandelte habe ich unmittelbar nach dem Gespräch aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Es ist aber unmöglich, jetzt zu sagen, welcher Satz nun von mir und welcher von ihm, welcher von uns beiden ist.

Gar manches von dem, was ich hier schriftlich vortrage, habe ich schon Bekannten und Freunden vorgelesen. Und diese waren nicht selten überrascht ob der Thesen und der Ausführungen, die ich ihnen vortrug. Sie sagten dann gelegentlich: Das ist ja gar nicht von dir, das hast du von deinem studierten Enkel, und jetzt erzählst du das einfach nach. Ich gebe zu: Man kann so denken und es so sagen, und ich habe mich in diesen Fällen auch nicht weiter verteidigt. Ich hätte natürlich manches anführen können: meine eigenen Studien, die Gespräche mit meinem Enkel, die Diskussionen, auch die Einwände und Kritikpunkte, die ich ihm gegenüber aufgrund meiner reichen Kriegs- und Lebenserfahrungen machen und zu bedenken geben konnte. Aber ich ließ es bei diesen Vorwürfen. Einmal war bei solch einer Vorlesung zufällig mein Enkel dabei und musste sich diese Einwände anhören, also etwa, dass das alles "geklautes Zeug" und nicht von mir selbst sei. Da sagte mein Enkel, dass gerade in diesen Dingen nicht der kleinste Spalt zwischen ihm und mir sei. Wörtlich sagte er, und ich erinnere mich genau: "Ich und der Großvater sind eins." Aber niemand merkte, dass, was mein Enkel da vortrug, fast schon einen blasphemischen Touch hatte, denn es steht ja bei Johannes geschrieben: "Ich und der Vater sind eins."

Apropos Anspielungen: Oft haben wir, also mein Enkel und ich, uns gefragt, ob denn der Leser, der zukünftige Leser, all das verstehen wird, was wir da in gemeinsamen Diskussionen erdacht und erörtert haben. Ich bezweifle es. Obgleich ich, obgleich wir Spitzfindigkeiten und Abseitiges zu vermeiden suchten - das Vorliegende sollte ja schließlich von allen gelesen und verstanden werden -, obgleich wir also weit davon entfernt waren, die Kenntnisse und die Sprachen von Spezialisten in dieses Buch einzulassen, so sind doch hier und da Anspielungen zu lesen, die womöglich nicht jeder sogleich verstehen wird. Ich werde später, gegen das Ende hin, z. B. vom "führenden Vegetarier Deutschlands" reden, und es ist mir doch tatsächlich vorgekommen, als ich eine kleine Probelesung vor nicht einmal ungebildeten Menschen hielt, dass diese nicht wussten, wer das ist oder war, dieser "führende Vegetarier Deutschlands". So geschichtsvergessen sind wir mittlerweile geworden. Es wird Zeit, dies wieder in Erinnerung zu rufen. Es wird Zeit für dieses Buch.

Mein Geist ist trotz aller Bewegtheit ruhig. Durchstößt man die Oberfläche, so sind Welle und Wasser, Geformtes und Gestaltlos Unendliches, eins. Ich musste lernen, die Oberfläche zu durchstoßen, wie ich lernen musste, mit dem Seitengewehr zuzustoßen. Und vielleicht gelingt es mir, etwas von dieser Ruhe in die Sprache zu bringen, und alle Bewegung aus dieser Ruhe ihren Ursprung nehmen zu lassen, wohin sie auch wieder zurückfinden soll. Oft ist unser Geist, ist unser Herz ja bloß unruhig, unruhig auch in Dir, Herr. Das immer wieder neue Aufreißen der alten Wunde, die nie ganz vernarbte, gehört zu dieser Unruhe. Aber ein Dasein ist möglich, in dem Ruhe und Unruhe, Wund-Sein und Gesund-Sein eins sind, so wie Welle und Wasser eins sind, wenn man die Oberfläche durchstoßen hat.

Die Kriegerwallfahrt

Was habe ich erlernt? Ich habe gelernt, ein Land zu bebauen und Weidenkörbe zu flechten. Und ich habe gelernt, die Waffe zu führen. Ich bearbeitete das Land und die Weiden. Und ich ging den Weg des Kriegers. Doch der Reihe nach: Wer bin ich, wo befinde ich mich? Ich heiße Georg Vojer und bin hier, zusammen mit meinem Enkel und Mitgliedern der Sodatenkameradschaft (ehemals Kriegerverein) Marktgraitz, auf der Kriegerwallfahrt nach Vierzehnheiligen. Hier ein Bild von mir. Was soll ich mich mit Worten beschreiben, wenn Du, lieber Leser, mich sehen kannst? Ich amüsiere mich geradezu über die "Romanciers", die verzweifelt-gequält versuchen, die Erscheinung eines Menschen in Worte zu fassen, wenn doch ein Bild - so man sehen gelernt hat (das wohl!) - mehr sagt als tausend Worte! Solche Versuche scheinen mir antiquiert, nicht zeitgemäß. Das hängt bei den "Romanciers" natürlich mit dem fiktiven Charakter ihres Machwerks zusammen: Sie könnten ja gar nichts vorweisen, selbst wenn sie wollten! Sind ihre "Figuren" doch alle erfunden - und sie müssten dann ja auch die Bilder erfinden. Eines Tages wird auch das geschehen! Das vorauszusehen ist nicht schwer.

Abb. 1

Abb. 2 Ein Krieger – etliche Jahre nach dem Krieg

Hier also mein Bild, bestimmt nicht erfunden. Auf den Bildern siehst Du eine eher leptosome denn eine athletische Gestalt, oder sagen wir vielleicht etwas positiver: eine leptosom-athletische Gestalt. Aber täusche Dich nicht! Es ist die ideale Kriegergestalt. 1,72 m groß, 67 kg schwer, muskulös und sehnig, kein überflüssiges Fett; und mit "nerviger Faust", wie Hölderlin einst schrieb. Hunger, Durst und Strapazen konnte und kann ich ohne Jammern ertragen, lange ertragen - wenn andere längst schon zusammengebrochen sind. Diese Gestalt, dieser Mensch, dem die Gestalt zugehört, der die Gestalt ist, war - und auch das, wohlgemerkt!, eine ideale Bedingung für einen Krieger - nicht frei von Todesfurcht, konnte diese aber im entscheidenden Augenblick immer wie- der überwinden, ja sie diente ihm, wenn ich es recht bedenke, als Stachel zu weit überdurchschnittlichen Leistungen.

Wenn wir hier schon bei Bildern sind: Hier noch mein offizielles Soldaten-Bild aus dem Jahre 1912, kurz vor Entlassung aus meiner zweijährigen Dienstzeit aufgenommen.

Abb. 3 und 4 Der Krieger als junger Mann, aufgenommen gegen Ende meiner Militärdienstzeit von 1910-1912

Stimmt es, dass Bilder mehr als tausend Worte sagen, so sind wir schon recht weit fortgeschritten in dem, was ich zu sagen habe und was keine Erzählung, kein Roman ist.

Zurück zu unserer Wallfahrt. Vierzehnheiligen wirst Du kennen. Es ist weit über die Grenzen meiner Heimat hinaus bekannt, eine kunsthistorische Kostbarkeit, wie man sagt. Aber darum geht es heute nicht - oder vielmehr: darum geht es heute nicht nur. Denn natürlich nehme auch ich die Kirche wahr in ihrer Schönheit, Erhabenheit. Das, was wir hier erleben, hat mit dieser Schönheit und Erhabenheit zu tun, aber es geht beileibe nicht in ihr auf.

Aber was ist eine Kriegerwallfahrt? Der Name stammt nicht von mir. Er ist offiziell - oder vielmehr: Er war offiziell. Denn seit einiger Zeit nennt man sie, sucht sie wenigstens so zu nennen: "Friedenswallfahrt". Dieser neue Name ist töricht, zumindest gedankenlos. Denn auch auf der Kriegerwallfahrt haben wir niemals zu er-beten versucht, dass es wieder einmal einen Krieg gibt; und die geführten Kriege wurden niemals glorifiziert. Wer in dem Krieg war, in dem ich war, glorifiziert den Krieg nicht, auch nicht im Nachhinein. Mag sein, dass man das, was mit dem Krieg einhergeht, wie etwa die Kameradschaft der Kämpfer, bewundert; aber damit verherrlicht man doch niemals den Krieg als solchen. Darüber wird noch zu sprechen sein. Bei einer Kriegerwallfahrt - ich bleibe bei diesem Namen -, wie sie einmal jährlich nach Vierzehnheiligen stattfindet, immer am ersten Maiensonntag, treffen sich die Mitglieder der Kriegervereine oder eben jetzt "Soldatenkameradschaften" (warum nicht "Friedensvereine"?) der näheren und weiteren Umgebung, um gemeinsam nach Vierzehnheiligen zu wallfahren. Welchen Zweck diese Wallfahrt hat? Sie ist, im Gedenken an den Krieg und das Soldatentum, zu Ehren Gottes, sie ist zu seinem Lobpreis. Aber was haben die Kriegervereine, was hat der Soldat mit dem "lieben" und "friedfertigen" Gott zu tun? Nun, darüber redet man nicht gerne, offiziell wenigstens nicht. Inoffiziell gesprochen, und damit offen und wahrhaftig, der Wahrheit verpflichtet, haben Gott und Krieg viel, sehr viel miteinander zu tun. War es nicht unsere Religion, die das Bild des Feindes im grundlegenden Sinne, des "Ur-" und "Erz-Feindes", erst geschaffen hat? Denn der Teufel als Widersacher Gottes (ein gestürzter Engel) ist ja geradezu das Musterbild des Feindes. Vor ihm, so die offizielle Lehre, muss man ständig auf der Hut sein. Denn ein für allemal besiegen kann man ihn nicht. Er steht immer wieder auf! Dann ist ja speziell unser Gott, der Gott des Christentums, ein Gott des Leidens, der Schmerzen und des Blutes, ein Gott, der gedemütigt wird mit dem schändlichsten aller Tode, dem Kreuzestod. Freilich ist unsere Religion auch eine Religion der Auferstehung. Doch die ist eine Sache des Glaubens, während Leid und Tod real, erfahrbar sind. Zu unserer Religion gehört eine Mutter, die ihren Sohn verliert, vor der Zeit und durch gewaltsame Eingriffe. Erzfeind, Tod, Schmerz, Leid, Blut, verlorene Söhne, trauernde Mütter und Väter: das alles gibt es im Krieg im Überfluss. Sie sind der Krieg. Mir zerreißt es noch heute das Herz, wenn ich daran denke, dass mein Sohn aus dem Zweiten Krieg nicht zurückgekehrt ist. Er gilt als vermisst. Aber das kann heute nur heißen: Niemand weiß, wo und auf welche Weise er gefallen ist. Da wird mein Herz noch schwerer. Offiziell, laut amtlicher Mitteilung des Englischen Roten Kreuzes an meine Frau, bin auch ich gefallen, und zwar - dieser Mitteilung zufolge - bei Ypern.

Abb. 5 Telegramm aus dem Felde vom 21 XII 17, das meinen "Tod" revidierte: "Unteroffizier Vojer gesund bei der Kompanie"

Wohl kämpfte ich bei Ypern, aber es handelte sich um eine Verwechslung. Wäre doch auch bei meinem Sohn dergleichen noch möglich. Aber das zu hoffen ist gegen alle Wahrscheinlichkeit, gegen alle Vernunft. Meine Frau, ein wenig schlichter noch als ich und mit allen Vor- und Nachteilen sehr katholisch erzogen (darüber wird noch zu sprechen sein), wartet aber noch immer auf die Heimkunft unseres Sohnes aus dem Zweiten Weltkrieg. Wartet noch immer. Und jedes Mal, wenn sie diesen Schlager "Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus!" hört, entweicht ein Seufzer, der aus dem Herzen kommt, ihrem Mund. Dann sagt sie bisweilen, dass sie wartet auf den vermissten, den - verlorenen Sohn. Auch mir wird dann schwer ums Herz, ja mir stehen die Tränen in den Augen. Doch muss ich Haltung bewahren, damit das Elend nicht überhandnimmt.

Was also soll die Frage nach dem Zweck der Kriegerwallfahrt? Es gehört zur Unbekümmertheit, ja Verworrenheit dieser Zeit, die beinahe alles ins Gegenteil von dem verdreht, was es wirklich ist, dass man die Frage nach dem Zweck der Kriegerwallfahrt stellt, bei Wallfahrten, die Kegelclubs, Gemütlichkeitsvereine und dergleichen unternehmen, aber nicht. Was hat, diese Frage ist doch wohl eher angebracht, der Gemütlichkeitsverein auf einer Wallfahrt verloren, was hat die "Gemütlichkeit" mit unserer Religion gemein? Sogar die Pfarrer auf der Kanzel, die unsere alte Religion "zeitgemäß" machen wollen, kämen da ins Stottern.

Auf einer Kriegerwallfahrt versammeln sich die Mitglieder der Kriegervereine, also Männer, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, zusammen mit ihren Angehörigen, so sie dabei sein wollen, morgens um 8.15 Uhr amSeubelsdorfer Kreuz, und das ist am Fuße des Berges oder besser der Anhöhe, auf der die Kirche Vierzehnheiligen steht, um gemeinsam zur Kirche zu wallfahren, um in der Kirche Gottesdienst zu feiern, um am Ehrenmal für die Gefallenen einen Kranz niederzulegen, während das Lied "Ich hatt' einen Kameraden" unter dem Abfeuern von drei Böllerschüssen erklingt. Und nicht erst diese Böllerschüsse rufen zurück die Detonationen ungeheuren Ausmaßes, denen ich als Infanterist im Ersten Weltkrieg an der Westfront ausgesetzt war.

Dies ist der äußerliche und gleichsam protokollarische Ablauf der Wallfahrt. Innerlich können sich andere und wesentlichere Szenen abspielen. Dann kann es vorkommen, dass, angeregt durch die wesentlichen Merkmale unserer Religion - Erzfeind, Leid, Kreuz, Blut, Verlust des Sohnes, Schmerz der Mutter -, der Krieg noch einmal ersteht, noch einmal, sage ich, aufsteht und fürchterlich dasteht: als wäre er auch heute noch.

*

Meine Stimme, mein Körper soll beben, soll werden zum Resonanzboden meiner Gedanken, meiner Stimmungen. Und nicht möge der Leser, der Hörer weglaufen, weil er solche Schwingung nicht mehr erträgt!

*

Wir beginnen

Wie in jedem Jahr verlassen wir den Zug inLichtenfelsund laufen zumSeubelsdorfer Kreuz, dem Treffpunkt aller Vereine. Hier stellen wir uns zur Wallfahrt auf.

Abb. 6 Wir stellen uns auf, am 1. Sonntag im Mai, viertel neun

Insgesamt nehmen etwa 200 Vereine mit je eigener Fahne teil; die Zahl der Personen beläuft sich auf etwa 3 000 bis 4 000. Das Wetter ist sehr schön, ein wunderbarer Maientag, sonnig, doch nicht zu warm. Begleitet werden wir von einigen Musikkapellen, vorwiegend Blechbläsern. Neben uns Kriegsveteranen aus dem Ersten und Zweiten Krieg sieht man auch junge Soldaten und Reservisten der Bundeswehr. Sie sind noch nie heimgekehrt wie wir, wissen also auch nicht, was Krieg ist. Der große Zug setzt sich in Bewegung. Die Musik setzt ein, wir singen ein Lied:

Freundlich grüßt ins Maintal nieder vom Berg dies herrlich Gotteshaus. Manchem wird hier Tröstung wieder, der Hilfe sucht vom Himmel aus. Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod! Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod!

Jesus stand in eurer Mitte als lieblich Kind an diesem Ort. Seitdem schallt der Pilger Bitte aus wunden Herzen immerfort: Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod! Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod!

Euren Glaubensmut verkünden die Siegespalmen in der Hand. Guter Kampf lässt uns auch finden die Himmelskron als ew'ges Pfand. Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod! Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod!

Ihr besonders seid verehret, Georgius, Sankt Blasius! – Alles Übel von uns wehret, o hört die Bitte, unsern Gruß. Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod! Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod!

Martertod die meisten zieret, nur Sankt Aegid geht Büßerbahn. Weltverachtung demnach führet zum Himmel glücklich uns hinan. Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod! Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod!

Schön zum Vorbild für die Jugend, inmitten der Nothelfer Schar, strahlt des Knaben Vitus Tugend im Kampf für Gott, so hell und klar. Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod! Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod!

Zarte Jungfraun auch nicht fehlen im tapfern Streit für Christi Lehr; Jesum sie sich auserwählen, ihr Name glänzt so licht und hehr. Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod! Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod!

Dich auch wollen wir noch grüßen, der Christen treue Helferin. Mög' durch dich uns Gnad' zufließen, Maria, Himmelskönigin. Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod! Ihr Vierzehn Heiligen, groß bei Gott, o helfet uns in Not und Tod!

So beginnen wir. Und Singen und Beten - sie haben eine beruhigende Wirkung auf mich, ja ich fühle mich nicht selten glücklich bei diesem Hersagen und Hersingen, glücklich aufgehoben im gleichmäßig-rhythmischen Fluss, versunken und geborgen im Umfassenden, Umgreifenden. Ein Gefühl der Dankbarkeit und des Dazugehörens umfängt mich. Ich bin ganz Empfindung, erregt und entspannt zugleich. Auch die erwachende und blühende Natur des Obermaintals gehört zur Kriegerwallfahrt nach Vierzehnheiligen. Dieses Gehen in der wieder zum Leben erwachenden Natur stimmt mein Herz ein auf den heiligen Ort, die Kirche. Mein Herz ist froh, hoffnungsfroh gestimmt. Doch dieses Frohsein kann mich nicht abhalten, an das Geschehen, an die Schrecken des Krieges zu denken. Unser Gott ist wohl ein Gott der Zuversicht, ein Gott, der Zuversicht gibt. Er gab uns diese Zuversicht ja auch, als wir in den Krieg zogen, sogar noch, als wir in die Erste Linie des Grabensystems vorrückten. Gott mit uns, Gott ist mit uns: Das lasen wir oft, lasen wir uns oft laut vor, das stand auf vielen Koppelschlössern, und es stand noch auf dem Koppelschloss meines Sohnes im Zweiten Krieg. Im Krieg, den ich geführt, wurde der Feldgottesdienst mit Militärpriestern regelmäßig abgehalten. Und auch im Krieg meines Sohnes gab es, wie er mir berichtete, noch den Divisionspfarrer, obgleich er den Scharfmachern aus der Partei ein Dorn im Auge war. Aber mir scheint, dass auch die Wehrmacht, der mein Sohn ab '42 angehörte, traditionell ausgerichtet und damit prinzipiell kirchenfreundlich war. Die Pfarrer, die ich im Ersten Krieg gehört habe, sagten zu uns, dass dieser Krieg gerecht sei, dass er im Namen Gottes geführt werde, dass er heilig sei. "Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war" - das proklamierte unser Kaiser in seinem Aufruf an das deutsche Volk vom 6. August 1914. Das Weihnachtsfest - welche Zuversicht! - wollten wir entweder in Paris oder zuhause feiern. Als daraus nichts wurde, gab es Weihnachtskarten, auf denen zu lesen war: "Mit Gott für Kaiser und Reich". Und doch dämmerte mir schon damals, dass es nicht so einfach ist mit diesem "Gott mit uns". Denn unser Gott war ja auch der Gott des Feindes. Auch der Feind hatte diese Zuversicht des Gott mit uns". Und warum sollten wir mehr Gottesbeistand haben als der Feind? Weil wir tiefer glaubten, inbrünstiger fühlten?Was hat uns der Franzos' getan, dass so viel müssen's Leben lan, ist's wahr, dass sie verraten han Herrn Jesum Christum? So müssen's mit dem Leben geben.Nein, sie haben ihn nicht verraten, das haben andere getan. Darauf komme ich noch zurück. Es ist nicht leicht, darauf nicht zurückzukommen. Wir werden ja gleichsam gezwungen, immer wieder darauf zurückzukommen. Gezwungen von wem?

Meine Gedanken schweifen ab, schweifen selbst auf dieser Wallfahrt ab. Aber was kann ich dafür? Sind wir doch nicht die Herren unserer Gedanken und Gefühle. Sie kommen und gehen, wie und wann sie wollen.

*

Gericht Verdun

Ich kämpfte in schwersten Schlachten den über vier Jahre dauernden Krieg an Frankreichs Front entlang bis hinauf nach Flandern, von Gottes Segen reich beschenkt und also beschützt. Am 18. August, mittags 2 Uhr, kam ich zum ersten Mal ins Gefecht, erhielt ich die Feuertaufe. Es war in den Vogesen bei Weiler. Mein Name "Vojer" hat übrigens nichts mit Feuer zu tun, obgleich ich ihn so ausspreche. Zunächst war meine Vermutung - und das hätte die Angelegenheit noch brisanter gemacht -, dass mein Familienname französischen Ursprungs ist und auf eingewanderte Hugenotten zurückgeht. Es ist belegt, dass in Erlangen (Fürstentum Ansbach) und Bayreuth (Fürstentum Bayreuth), unweit meines Heimatdorfs, Hugenotten aufgenommen wurden. Hätte sich meine Vermutung bewahrheitet, dann hätte ich in Frankreich gar auf meine Herkunft geschossen. Aber diesen Gedanken musste - durfte ich wieder verwerfen, denn der Name "Vojer" ist, geschrieben noch als "Fohÿer", in der Nachbargemeinde Schwürbitz seit 1660 belegt. Der große Hugenotten-Strom nach Deutschland setzte aber erst um das Jahr 1685 ein. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass französisches Blut in meinen Adern fließt. Aber ganz ausschließen kann man es nicht.

War ich tapfer, war ich ein guter Krieger? Ich denke doch. Ich erwähne hier meine zwei Orden: das Eiserne Kreuz 2. Klasse und das bayerische Militärverdienstkreuz 3. Klasse mit Schwertern. Da diese Orden sehr oft, millionenfach, vergeben wurden, sagt das nicht viel, ich weiß. Aber ich will hier versichern, dass es bisweilen, und nicht nur bisweilen, so war, dass wir unter Einsatz unseres Lebens Heldenhaftes vollbrachten und unsere Offiziere, oft gar nicht am eigentlich gefährlichen Geschehen beteiligt, dafür die Orden kassiert haben. Nun ja. Vielleicht mehr als meine beiden Orden sagt folgende Begebenheit aus: Bei einem Sturmangriff auf die französischen Stellungen zerschoss man mir, wohl ein Streifschuss oder ein Granatsplitter, den Befestigungsriemen meines Stahlhelms. Noch heute ist davon eine kleine Narbe an meinem Kinn zu sehen. Wie habe ich damals reagiert? Nun, ich war, einfach und ohne Pathos gesagt, verblüfft - und später dann auch dankbar dafür, dass ich mit dem Leben davongekommen bin. Zeit zum Ausruhen und Zittern hatte ich während dieses Sturmangriffes nicht. Das hätte mich wohl das Leben gekostet. Deine Überlebenschancen vermindern sich rapide, wenn Du während eines Angriffs zu lange an einem Ort verharrst.

Ich nenne zunächst nur einen Namen: "Verdun". Ich war dabei. Ich wurde verlegt zur Offensive. Die Tage und Wochen vor der Offensive, ich betone: vor der Offensive, waren, nun ja, ich kann es nicht anders sagen: schön. Wir hatten genug zu essen und zu trinken, gutes Essen, auch Alkohol, keine Feindberührung, wohl aber Kontakt zu französischen Mädchen, die uns gar nicht feindlich gesinnt waren. Es entwickelte sich in der Tat das, was man heute einen "Flirt" nennt. Sogar einige Brocken Französisch haben wir von unseren Offizieren gelernt, um mit den Mädchen, hübschen Mädchen übrigens, in Kontakt treten zu können. "Mademoiselles, vous êtes jolie ... Revenir de-main ...? Bien? Très bien!" Meist lächelten sie dann, die Mädchen. "Konkretes" hat sich nicht ergeben, in unserem Zug wenigstens nicht; nicht, dass ich wüsste. Aber gehört hat man immer wieder davon, dass sich etwas ergeben hätte. Bei den Offizieren vielleicht. "Krieg" ist im Französischen übrigens weiblichen Geschlechts. "La Grande Guerre" oder - seltener - "La Première Guerre mondiale" sagen die Franzosen zum Ersten Krieg.

Aber dann ging es los. Die Schönen waren nichts als des Schrecklichen Anfang. Von diesem Schrecklichen kann man sich keine Vorstellung machen, wenn man nicht dabei war. Man kann einige Zahlen nennen, aber was heißt das schon. Den ersten Schuss gab die Artillerie mit dem "Langen Max" ab, einem 38-cm-Kampfgeschütz. Das Geschoss schlug in der Innenstadt von Verdun ein. Darauf eröffneten 1 225 Geschütze das Feuer: auf die französischen Frontlinien, auf rückwärtige Stellungen, auf Straßen, Bahnhöfe und die Stadt Verdun. Der Angriffsplan hatte übrigens den Decknamen "Gericht". Geschossen wurde den ganzen Tag. Gegen 16.00 Uhr ging man zum Trommelfeuer über. Die Geschütze werden dann nicht mehr punktuell ausgerichtet, sondern so schnell wie möglich für den nächsten Schuss geladen. Das Bombardement ist flächendeckend. Das hat, ich habe es umgekehrt ja selbst erlebt, eine ungeheure Wirkung auf das Gemüt des Infanteristen. Es ist schlicht demoralisierend - und wenn das Wort, im grundlegenden Sinne verstanden, angebracht ist, dann hier -, es ist schlicht demoralisierend, stundenlang in seinem Unterstand beschossen zu werden - bevor man auch nur einen Schuss aus dem eigenen Gewehr abgeben kann. Kennt der Leser die Sekunden oder auch nur Zehntelsekunden, die vergehen vom ersten Hören eines leichten Sirrens, das das Fliegen des Geschosses in der Luft versursacht, bis zum Einschlagen und zur Detonation? Es ist die spannendste, die Nerven anspannendste Zeit, die man sich denken kann. In diesen Bruchteilen von Sekunden konzentriert sich die Zeit: sie ist erfüllt, das Gericht ist nahe, man schließt ab - wenn man denn die psychische Kraft hierzu noch hat. Und wenn das Bombardement zum Trommelfeuer übergeht, dann kann man noch nicht einmal mehr dieses Geräusch als ein einzelnes vernehmen, dann ergibt sich das weiße Rauschen des allgegenwärtigen, in der Luft liegenden Todes. Nah ist dann der Tod, allgegenwärtig und nicht zu fassen.

Nach diesem Trommelfeuer auf die Franzosen mussten wir dann auf Befehl losstürmen: Mit dem Gewehr und mit Handgranaten versehen, mussten wir das Niemandsland, schrecklich zugerichtet durch die vielen Granaten, überqueren und die französischen Gräben stürmen. Es gab, wenigstens bei meinem Trupp und meiner Kompanie, massiven Widerstand der Franzosen. Wir hatten geglaubt, die Artillerie habe schon alles "erledigt", "vernichtet", wie es offiziell heißt: "den Feind vernichten". Aber dem war nicht so. Es war ein Nahkampf, Mann gegen Mann, geführt mit Feuer- und Stichwaffen. Wir obsiegten und setzten uns in den vorderen französischen Gräben fest.

Auch in der Nacht ließen die Kämpfe nicht nach. Immer hin durften wir uns etwas ausruhen, indem wir von der vorderen Frontlinie zurückgenommen und durch andere Einheiten ersetzt wurden. Aber an Schlaf war nicht oder kaum zu denken. Aller Lärm des Krieges blieb ja: der Einschlag der Granaten, das Maschinengewehrfeuer, der helle, weithin sichtbare Schein der Flammenwerfer - eine schrecklich-wirkungsvolle Waffe, die Menschen zu brennenden Fackeln macht oder sogleich verkohlt. Und dann war es ja auch kalt, sehr kalt, zu kalt zum Schlafen. Höchstens kurz einnicken konnte man bisweilen. Aber im Grunde waren Erschöpfung und Anspannung auch zu groß, um Schlaf zu finden. Der Körper rebelliert auf seine Weise; er rebelliert gegen die Erschöpfung mit Erregtheit und falscher Wachheit. Jedenfalls war an Ruhe nicht zu denken. Und dann hatte man ja immer das Jammern und Stöhnen der Sterbenden im Ohr, die Hilferufe der Verletzten, die schnell behandelt, wenigstens aus der unmittelbaren Kampfzone getragen werden wollten. Oft wusste man im Halbschlaf nicht, ob man die Geräusche und Schreie vom letzten Angriff noch hörte oder ob wirklich einer jammerte und nach den Sanitätern schrie.

Und das war nur der erste Tag, der erste Tag von 300 Tagen dieser furchtbaren Schlacht. Dauerte in früheren Kriegen eine Schlacht einige Stunden, höchstens einmal wenige Tage, so waren es nun 300; und diese Schlacht war nur eine von vielen in diesem unseligen Krieg. Wie kam es, dass sich der Krieg so verändern konnte? Wo lagen die Ursachen?

Immerhin konnten wir zunächst Geländegewinne machen und auch zwei Forts einnehmen - Geländegewinne, die am Ende der Offensive aber größtenteils wieder zunichte gemacht wurden, da der Feind standhielt und sogar zum Gegenangriff übergehen konnte.

Verdun war, wie es unser (ich setze das "unser" wohl eher in Anführungszeichen), wie es "unser" General Falkenhayn gesagt und auch gewollt hatte, eine Blutmühle, freilich auch für uns, nicht allein für die Franzosen. Die Kämpfe wurden im Verlauf immer erbitterter geführt, man wollte mit unüberbietbarer Entschlossenheit, Willensstärke und Gewalt den Feind zur Aufgabe seiner Stellungen zwingen. Hierfür wurden immer neue Konzepte entwickelt, teuflische Konzepte, wie etwa das der Unterminierung der feindlichen Stellungen: Es wurden unterirdische Gänge hin zu den feindlichen Stellungen gegraben, lange Stollen, oft kilometerlang, um unter den französischen Stellungen große Mengen Sprengstoffs deponieren zu können, die den Franzmännern "Feuer unter dem Arsch" machen sollten. Ich habe erlebt, wie bei solchen Grab- und Schachtarbeiten die eigenen Leute verschüttet wurden und dadurch zu Tode kamen.

Das Nervenaufreibende begann aber schon vor dem eigentlichen Angriff. Wir waren für den 12. Februar 1916 zum Losschlagen gerüstet und bereit. Doch an diesem Tag war dichter Nebel. Schlecht für die Artillerie, die ihre Geschütze nicht ausrichten kann. Der Angriff wird verschoben. Am 13.2. wird das Wetter noch schlechter, es kommen Orkane mit schweren Regengüssen. Unsere Gräben laufen voll mit Wasser, und unsere Kleidung wird durchnässt. Wir müssen sie - bei Minusgraden! - am Leibe mit unserer Körperwärme trocknen. Soweit eben möglich. Noch heute leide ich schubweise an Gliederreißen. Erst am 21.2. - soll man sagen: endlich? - begann die Offensive.

Es ging voran, wenngleich langsamer als erwartet. Erst am vierten Tag konnten wir nennenswerte Geländegewinne machen, und am fünften Tag hatten wir, ich selbst war nicht beteiligt, einen spektakulären Erfolg zu verzeichnen: Wir nahmen das Fort Douaumont ein, das modernste und größte Fort, das die Franzosen besaßen. Das Fort war kaum besetzt, so dass nur 60 Gefangene gemacht werden konnten. Im Grunde hatte die Besatzung nur das Geschütz des Panzerturms bedient. Die Eroberung war so ein Leichtes, und sie hatte für uns, die Kämpfenden, den großen Vorteil, dass wir uns nun unter dem meterdicken Beton vom Gefecht ausruhen und in Sicherheit glauben konnten, wenigstens für einige Stunden. Leider war das Geschütz für uns nicht von Bedeutung, da es nur nach Westen und Norden auszurichten war. Aber immerhin hatten wir mit dem Turm einen guten Aussichts- und Überblickspunkt für die folgenden Operationen gewonnen. Doch so schnell, ich greife jetzt vor, wir das Fort genommen hatten, so schnell musste es auch verlassen werden, und zwar im Oktober 1916. Die Franzosen hatten ein neues 40-cm-Geschütz entwickelt, das den Beton der Forts zu durchschlagen vermochte. Der sechste Treffer traf das Munitionsdepot, die MG-Munition sowie die Leuchtgeschosse explodierten, und die Handgranaten lagerten im Nebenraum! Da das Feuer nicht mehr zu löschen war, entschloss sich der Kommandant, das Fort zu räumen. Welch ein Hohn! Es waren die Franzosen, die das Geschütz entwickelten, mit dem sie den von ihnen selbst gegossenen und für die nächste Ewigkeit als undurchdringbar geltenden Beton durchschlugen.