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Als Hannelore Uzarski zur Schule kam und ihre Freude am Lernen entdeckte, saßen die Nazis bereits in den Startlöchern, um ´die Macht zu ergreifen´. Als sie schließlich ihre Ausbildung zur technischen Zeichnerin in Ballenstedt abbrach, um auf abenteuerlichen Wegen nach Hause zu gehen, begegnete sie den Alliierten, die mit ihren Panzern dem Hitlerspuk ein Ende bereiteten. Dazwischen liegt eine Zeit, in der eine ganze Generation um ihre Kindheit und Jugend betrogen worden war. Jahre später hat Hannelore diese Erlebnisse aufgezeichnet. Ihr Sohn Hartwig fand das Manuskript nach ihrem Tod und gibt es hier unverändert, mit Kommentaren versehen, heraus. Der Text ist aktuell, denn Flucht und Vertreibung ereignen sich bis heute, überall auf der Welt.
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Seitenzahl: 87
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für Margrit
Meine Mutter Hannelore Mishal, geb. Uzarski, wurde am 9. Oktober 1924 in Mülheim/Ruhr geboren. Sie starb am 5. September 2021 in Demmin. Als Hitler an die Macht kam, war sie 9 Jahre alt, als der 2. Weltkrieg endlich vorbei war, hatte sie ihren 21. Geburtstag. Ihre Kindheit und Jugend war damit von dieser Zeit, besonders aber vom Krieg, geprägt. Sie gehört damit zu den Zeugen, die uns aus einer Zeit berichten, die wir uns nicht mehr vorstellen können. Es ist aber so wichtig, sich zu erinnern. Es gibt zum Glück viele Berichte, etwa von Franz Werfel oder Anita Lasker, von Menschen also, die unter Lebensgefahr flüchten mussten oder den Holocaust überlebten. In diesem Zusammenhang ist der Bericht von Hannelore Uzarski ein kleines Mosaiksteinchen. Wichtig aber ist er in jedem Fall, auch weil er viele Einzelheiten aus dem Alltag jener Zeit vermittelt, vom Lebensgefühl, Hoffnung und Angst.
Als Hannelore 8 Jahre alt war, antwortete sie einmal auf die Frage eines Erwachsenen, was sie denn mal werden wolle: Malerin und Dichterin. Das Schreiben war ihr ein existentielles Bedürfnis, sie schrieb schon Gedichte, als sie die Grundschule besuchte, sie äußerte ihre Gefühle in Gedichten, als sie meinen späteren Vater kennen lernte, und als er starb, entstanden auch dazu Gedichte. Sie schrieb eine Reihe von Kinderbüchern, für die sie auch Verlage fand. Ihre letzte Geschichte handelt von ihrer Freundschaft zu einer Laufente: Benedikte oder das Jahr der Ente. Da war sie über 90 Jahre, und noch im Pflegeheim schrieb sie kleine Gedichte. Ihr kindlicher Berufswunsch hat sie somit durch ihr Leben begleitet, auch wenn der Krieg verhinderte, dass daraus ein Beruf wurde. Mit 14 Jahren musste sie ihre geliebte Schule verlassen, mit 23 Jahren heiratete sie, ohne einen Beruf erlernt zu haben. Sie wurde „Hausfrau“. Und auch, wenn ich es dieser Tatsache verdanke, dass ich hier sitzen und schreiben kann, bedauere ich das doch und hätte ihr ein anderes Leben gewünscht. Ihre Kindheit verbrachte sie zunächst in Mülheim, dann in Hannover. Dort besuchte sie nach der 4. Klasse die Elisabeth-Granier-Schule, ein Mädchengymnasium. Sie war eine gute, eine begeisterte Schülerin. Der Umzug in das Dorf Poggenhagen, 25 km von Hannover entfernt, war traurig für sie. Zur Elisabeth-Granier-Schule war es zu weit, aber sie konnte die Scharnhorstschule, eine Realschule in Wunstorf, mit dem Fahrrad erreichen. Vielleicht hat dieser Umzug auch ihr Leben gerettet. Hannover wurde schon ab 1940 bombardiert. Es gab zwei „kriegswichtige“ Betriebe, eine Batteriefabrik und die Continental-Gummiwerke. Im Folgenden berichtet sie über ihre Erlebnisse während der letzten beiden Kriegsjahre.Ich habe mich entschieden, ihre Aufzeichnungen unter ihrem Geburtsnamen, den man ja lange auch „Mädchenname“ nannte, herauszugeben. Einmal hat sie das alles ja als Hannelore Uzarski erlebt. Und: als sie in ihren letzten Lebensjahren die von ihr verfassten Kinderbücher noch einmal zur Hand nahm, schrieb sie über den Namen „Mishal“ den Namen „Uzarski“. Ich möchte ihr dieses Stück Identität gern zurückgeben.
Nun soll sie aber selbst zu Wort kommen:
Als ich siebzehn Jahre alt wurde, gratulierten mir die Nachbarn mitten in der Nacht unter freiem Himmel. Das Heulen der Sirenen hatte uns aus dem Schlaf gerissen. Fliegeralarm! Nun standen wir auf dem Weg und lauschten dem unheimlichen Dröhnen oben am Himmel. Wir hatten nun seit zwei Jahren Krieg, und da oben in der Dunkelheit waren englische Flugzeuge auf dem Weg nach Hannover. In Poggenhagen gab es keinen Bunker oder Unterstand zum Schutz gegen Angriffe. Aber niemand mochte bei Fliegeralarm in den Häusern bleiben. Alle Leute kamen auf die Straße heraus oder standen in ihren Gärten, während die Bombergeschwader über uns in der Finsternis dahinzogen.
„Wie viele das heute sind,“ sagte jemand, „nimmt das denn gar kein Ende?“
Die armen Leute in Hannover! Die saßen nun in ihren Kellern und wussten nicht, ob sie mit dem Leben davonkommen würden. Wie gut, dass mein Vater damals diese Sehnsucht aufs Land gehabt hatte und mit uns aus Hannover weggezogen war! Sonst würden wir auch in dieser Gefahr leben müssen.
Plötzlich erinnerte sich eine Nachbarin daran, dass ich Geburtstag hatte. Natürlich, Mitternacht war längst vorüber. Ich hatte tatsächlich schon Geburtstag, nicht erst am nächsten Morgen. Von allen Seiten wurden mir Hände entgegengestreckt. „Da gratuliere ich aber!“ hieß es. Glück und Gesundheit wünschte man mir. Ich wünschte mir, dass dieser Krieg endlich ein Ende haben würde.
Am nächsten Morgen wurde der Himmel gar nicht richtig hell. Ich schaute hinaus, und es war so, als schaute ich in braunes Glas hinein. Und in dieser braunen Luft kamen lauter kleine schwarze Fitzelchen dahergesegelt. Die Luft war voll davon. Ich lief hinaus und fing so einen kleinen Fetzen ein, fand aber schon viele andere, die auf dem Weg liegen geblieben waren. Es war versengtes Papier, Fetzen von verbrannten Büchern. Ich konnte die schwarzen Buchstaben darauf lesen und erkannte staunend ein Buch, das ich selber besaß: „Das große Grab“ von Erich Edwin Dwinger.
In Hannover war also in der vergangenen Nacht eine große schöne Buchhandlung verbrannt! So weit waren diese Fetzen geflogen? Fünfundzwanzig Kilometer!
Anmerkung: Es ist möglich, dass Hannelore hier den 9. Oktober 1943 meint. Das wäre dann ihr 19. Geburtstag gewesen. An diesem Tag fand der schwerste Bombenangriff auf Hannover statt. Es wurden etwa 3000 Sprengbomben, 28000 Phosphorbomben und 230000 Brandbomben abgeworfen. 1245 Menschen fanden den Tod.
Hannelore war vor drei Jahren von der Schule in Wunstorf abgegangen. Der Vater arbeitete beim Wehrbezirkskommando in Nienburg und hatte sich dort ein Zimmer nehmen müssen. Es war zu weit, um täglich hin und her zu fahren. Die Mutter arbeitete in einer Fabrik, die Bauplatten herstellte, als Sekretärin. Wer also sollte den Haushalt und die Einkäufe erledigen, wer die kleine Schwester versorgen!
Im nächsten Frühling kam meine Schwester zur Schule. Wir hatten in Poggenhagen nur eine Dorfschule. Alle Schüler saßen zusammen in einem einzigen Klassenraum, die sechsjährigen wie auch die vierzehnjährigen. Ein Lehrer war nur nötig, um sie zu unterrichten, er hieß Herr Lange.
Der erste Schultag musste doch etwas versüßt werden!
Ich nahm ein wenig Zucker, ließ ihn in der Pfanne bräunen und machte Bonbons daraus. Die nahm ich mit, als ich das Kind von der Schule abholte. Wie hat sie sich über diese Bonbons gefreut!
Von nun an wurden jeden Mittag Schularbeiten gemacht. Da war ich „Schulhelferin“ genug. Später hat sie oft eine Steckrübenscheibe statt eines Schulbrotes mitgenommen für die Pause. Ich habe sie nie gefragt, was sie empfand, wenn sie die Schulbrote der Bauernkinder sah.
Ganz selten machte sich die eine oder andere Schulfreundin mal auf den weiten Weg und besuchte mich.
Anmerkung: aus der Scharnhorstschule in Wunstorf
Als Schülerinnen hatten sie ganz andere Interessen als ich. Wir hatten uns auseinandergelebt. Ellen Walbrecker war meine beste Freundin gewesen. Kein anderes Mädchen konnte so lustig sein wie sie. Wie viel hatten wir während der Schulzeit miteinander gelacht! Auch heimlich im Unterricht, hinter dem Vordermann versteckt. Sie steckte voller fröhlicher Einfälle. Als sie mich wieder mal besuchte, wirkte sie seltsam still. Es schien mir so, als wollte sie mir etwas sagen und traute sich nicht so recht. Ich fuhr ein Stückchen mit, als sie nach Hause musste. Da fragte sie mich plötzlich: „Du, sag mal, warst du schon mal verknallt?“ „Nee,“ sagte ich ganz verdattert, „du denn?“ Sie nickte und wurde brennend rot im Gesicht. „In unseren Franzosen“, flüsterte sie.
„Wieso habt ihr denn einen Franzosen?“
„Der hilft meinem Vater im Geschäft,“ erklärte sie, „ein Gefangener.“ Und traurig fügte sie hinzu: „Das ist doch unser Feind.“
Das war wohl traurig für Ellen. Sie liebte einen Feind. Wieso eigentlich Feind? Wenn sich zwei Menschen leiden können, sind sie doch keine Feinde! Wurde uns das eigentlich befohlen: der da ist euer Feind und der und der?
„Einmal ist der Krieg zu Ende,“ tröstete ich Ellen, „dann ist er kein Feind mehr.“
Gefangene gab es jetzt überall. Die Russen in der Fabrik zogen unter Bewachung ins Moor, um dort zu arbeiten. Die Fabrik brauchte Torf für ihre Bauplatten. Viele deutsche Arbeiter, die das früher gemacht hatten, kämpften jetzt an irgendeiner Front. Die Russen traten an ihre Stelle. Abends wurden sie in die Fabrik zurückgebracht. Dort hausten sie in einer Baracke hinter Stacheldraht. Sie mussten wohl noch mehr Hunger haben als wir. Jemand hatte gesehen, dass sie Maikäfer von der Straße auflasen, ihnen die Hornflügel abrissen und sie aßen. Frau Hermann arbeitete auch in der Fabrik. Sie muss wohl erkannt haben, unter welchen Bedingungen die Russen dort lebten. Sie erzählte uns das mal mit Tränen in den Augen. Manchmal steckte sie den Gefangenen heimlich ein Brot zu. Das durfte aber niemand wissen. Sie vermittelte uns auch den kleinen Bollerwagen, den die Russen für uns machten, gegen Brot. Frau Hermann lebte etwas besser als wir, war Teilselbstversorger mit Schweinen im Stall. Die konnte eher mal ein Brot entbehren.
Wenn man zum Bahnhof wollte, kam man an einem einsamen Bauernhaus vorbei. Der Bauer war an der Front gefallen, und der jungen Frau hatte man einen polnischen Gefangenen zugeteilt, der ihr bei der Arbeit helfen sollte. Sie hatte ihr Herz an diesen Polen verloren, und irgendjemand war dahinter gekommen und hatte sie angezeigt. Deutsche Frauen hatten keine Ausländer zu lieben. Eines Tages wurde der Pole abgeholt, und der jungen Frau hat man alle Haare abgeschnitten.
Hannelore ist überfordert. Sie muss alles organisieren, und überall herrscht der Mangel. Dazu kommt, dass sie keine leidenschaftliche Hausfrau ist. Ihr Bericht gibt einen Eindruck, wie schwierig die Situation damals war:
Ein Holzfeuer ist ja so schnell weggebrannt. Ich vergaß oft, rechtzeitig was aufs Feuer zu legen, vor allem dann, wenn ich Gedichte schrieb. Dann dachte ich nicht daran, dass Zeit etwas ist, das einem zwischen den Fingern zerrinnt. Mit einem Mal war es kalt in der Küche, und wenn ich dann die innere Herdplatte mit einem Eisenhaken hochnahm, gähnte mir ein großes schwarzes Loch entgegen. Wenn es dann schon auf fünf Uhr zuging, packte mich das Entsetzen. Dann zerknüllte ich Papier und suchte dünne Späne zum Feuer machen, und wenn keine mehr da waren, rannte ich auf den Holzplatz und musste erst Holz schlagen und Späne machen.
