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Das Kind wächst in einem Dreifrauenhaushalt auf. Mit einer lügenhaften Mutter, einer unzuverlässigen erwachsenen Schwester, einer verwöhnenden Oma. Den Vater kennt es nicht. Die Kleine ist von allem fasziniert, was in ihren Augen einen Mann ausmacht. Für sie steht fest: Sie steckt im falschen Körper. Zweifellos ist sie innen ein Junge. Die Idee, es der Wahrhaftigkeit zuliebe auch äußerlich werden zu müssen, ergreift Besitz von ihr. - Ein Katastrophenfall im kleinbürgerlichen Familienmief! Je mehr Prügel und Demütigungen sie dafür erntet, desto heftiger wird ihre Besessenheit, umso hartnäckiger verbohrt sie sich in ihre Vision: Ihre Selbstverwandlung in den Mann, der allen Rollenklischees gerecht wird.
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2021
Andrea Drols
Krümmungsversuche
Die kleine Andrea wächst in einem Dreifrauenhaushalt auf. Den Vater kennt sie nicht. Die Mutter lügt so notorisch, dass sogar die Dreijährige sie durchschaut. Die erwachsene Schwester verspricht allerlei und hält wenig. Die Oma lässt sich leicht um den Finger wickeln, kann aber gegen den Rest der Familie nicht genug Gewicht in die Waage werfen. Das kleine Mädchen ist von allem fasziniert, was einen Mann ausmacht. Für sie steht fest: Gott hat sich bei ihr geirrt. Sie steckt im falschen Körper. Zweifellos ist sie ein Junge. Sie will auch so aussehen. Das ist eine Katastrophe in ihrer kleinbürgerlichen Umwelt, die mit seelischer und körperlicher Gewalt unermüdlich an diesem Schandfleck herumschrubbt. Je gehässiger die Umerziehungsversuche von Mutter, Schwester und „Pädagogen“, desto renitenter wird Andrea, die nur als Andreas geliebt werden will. Verbissen kämpft sie um Kleiderordnungen wie Don Quichotte gegen die Windmühlen. Je mehr die anderen sie mobben und prügeln, desto hartnäckiger verbohrt sie sich in ihre Sehnsucht. Sie will ein ganzer Kerl sein, und so einer erträgt ja angeblich alles.
Andrea Drols, Jahrgang 1958, hat ihr halbes Leben lang um ihre persönliche Freiheit und sexuelle Identität gekämpft. Konsequent verfolgte sie ihren transsexuellen Lebensentwurf. Erst als ihr Traumziel, die operative Geschlechtsumwandlung, in greifbare Nähe gerückt war, begriff sie im Erschrecken vor dem Ausmaß der körperlichen Selbstzerstörung den Abgrund, vor dem ihr zerrüttetes Seelenleben stand. Sie suchte und fand den Ausweg aus ihrer persönlichen Hölle. Ihren Leidensweg erzählt sie hier in schonungsloser Offenheit. Sie bittet um Verständnis, dass sie ihre Privatsphäre schützen will. Darum schreibt sie hier unter Pseudonym.
Andrea Drols
Krümmungsversuche
Lebensbeichtemit spannenden Rezepten,die man nicht nachbacken muss
© Andrea Drols, 2021
Lektorat, Redaktion und Coverfoto: Marieluise Ritter
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44
22359 Hamburg
ISBN:
978-3-347-25247-9 (Paperback)
978-3-347-25248-6 (Hardcover)
978-3-347-25249-3 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorsatz
Der kleine Nemo, den sein Vater im weiten Ozean sucht, ist im Film ein Junge. Zoologisch ist das falsch. Es gibt keine Jungen und Mädchen. In einer Clownfischsippe ist der größte und stärkste Fisch ein Weibchen. Das einzige der ganzen Sippe. Sie verteidigt den Brutplatz in der Seeanemone. Stirbt die Chefin, wird der zweitgrößte Nestverteidiger nicht ohne Weiteres Chef. Zuerst wird er innerhalb weniger Tage eine Sie, und sie wird Chefin. Seine vorherige Position nimmt das stärkste Männchen aus der übrigen Sippe ein. Ein junger Clownfisch ist geschlechtslos. Sein Papa wird nach Mutters Tod seine Mama. Ich male mir aus, wie das Publikum in aller Welt auf einen Kinderfilm reagiert hätte, in dem diese biologischen Tatsachen dargestellt worden wären.
Ich wollte seit frühester Kindheit ein Junge sein. Ich habe dafür unaufhörlich körperliche und seelische Misshandlungen ertragen, mich dadurch immer hartnäckiger in mein Ziel verbohrt und als junge Erwachsene zielstrebig den langen Weg zum chirurgischen Eingriff angetreten, vor dessen Brutalität und Endgültigkeit ich lange die Augen verschloss. Erst kurz vor dem Ziel hielt ich inne, abgeschreckt von professioneller Gewinnsucht und Erlebnissen anderer, die meinen Sonderweg bis zu Ende gegangen waren. Ich suchte Hilfe und Beratung ohne kommerzielle Interessen und fand Menschen, die mir respektvoll und empathisch zur Seite standen. Sie halfen mir zu erkennen, dass ich einen Weg aus meiner Sackgasse finden musste, um mich wirklich frei fühlen zu können. Ich ließ mich sehr zögerlich auf die Suche nach meiner weiblichen Identität ein und erkannte nach und nach, dass mich trügerische Klischees von Männern und Frauen verblendeten. Ich erfuhr die Heilung von frühen Verletzungen und Traumata und begann mein Frausein nicht nur anzunehmen, sondern es mit der Zeit auch zu genießen.
Nun möchte ich Leidensgenossinnen helfen, mehr Klarheit über sich selbst zu gewinnen und sich selbst lieben zu lernen, bevor sie einen unsicheren, folgenschweren und nicht umkehrbaren Schritt wagen. Darum möchte ich meine Geschichte erzählen.
Zum Schutz der Personen habe ich in meinem Text die Namen aller Mitwirkenden geändert.
Eins
Duftender Kräutertee steht auf dem Tisch. Ich gucke die Tagesschau. Es klingelt an der Tür. Um diese Zeit? Das kann nur meine Schwester sein. Immer hat sie mir irgendetwas angeblich Wichtiges vorbeizubringen. Ich weiß schon, was sie will: Sie hat nie aufgehört, mich zu kontrollieren. Heute wird sie mir eine Predigt halten. Denn ich war gestern beim Friseur und habe mir erlaubt, mir die Haare mal wieder sehr kurz schneiden zu lassen.
Kaum ist sie über die Schwelle, schon ruft sie: „Andrea! Deine Haare! Du siehst ja schon wieder wie ein Mann aus!“ Es folgt der Vortrag, wie meine Frisur auszusehen hat. Und wie immer bemühe ich mich, nicht zornig zu werden.
„Ich gefalle mir so und das Föhnen dauert nur fünf Minuten. Möchtest du auch einen Tee?“
Doris presst die Lippen aufeinander und schüttelt den Kopf. Gleich wird sie auch noch Tränchen hervorpressen. Ich starre konzentriert in den Fernseher.
Sie schnieft. „Ich mein’s ja nur gut, aber bitte – wenn du nicht willst …“ Ich erfahre nicht, was passieren wird, wenn ich nicht will, denn sie zieht ihre Ziegenlederhandschuhe wieder an und bestraft mich, weil ich nicht reagiere, durch Verlassen meiner Wohnung.
Es ist mir klar, dass es sich nicht um einen Streit wegen verschiedener Geschmäcker handelt. Doris befürchtet selbst nach 30 Jahren noch, ich könnte in mein früheres transsexuelles Leben zurückfallen. Ich verbringe bereits die Hälfte meines Lebens als Frau, die mit sich ins Reine gekommen ist, und bin heute weit davon entfernt, ein Mann sein zu wollen. Aber sie glaubt es mir nicht. Das nervt. Nun ja, nicht alle Menschen lösen sich freiwillig von alten Denkgewohnheiten.
Die Erinnerungen an meine schmerzhafte Kindheit gehen bis ins dritte Lebensjahr zurück. Oft bin ich gefragt worden, ob es nicht belastend ist, sich an so viele traumatische Erlebnisse zu erinnern. Aber was soll ich tun? Ich habe ein Gedächtnis, um das mich jeder Elefant beneiden würde. Ich muss meine Erinnerungen bewältigen, wenn sie nicht zur Qual werden sollen.
Als Kind und Jugendliche habe ich unter körperlichen, mehr noch unter seelischen Misshandlungen gelitten. Immer häufiger stellte ich fest: Sie wurden von Menschen begangen, die selber hilflos waren und mit ihrem eigenen Leben nicht zurechtkamen. Das Verständnis erleichterte meine Bürde. Heute empfinde ich keinen Hass, keine Bitterkeit und keine Traurigkeit mehr. Ich habe sogar gelernt, meiner Mutter zu verzeihen, obwohl es mir lange Zeit unmöglich schien.
Meine Eltern hatten nicht geheiratet und trennten sich nicht lange nach meiner Geburt. So wuchs ich in einer Familie auf, die aus Mutter, Großmutter und 18 Jahre älterer Schwester bestand. Drei Mütter, kein Vater. Doris, meine Schwester, ging mir mit ihren Bevormundungen oft auf die Nerven. Aber trotzdem liebte ich sie, denn sie schmuste mit mir. Oma war überaus nachgiebig, schenkte mir oft Süßigkeiten. Aber sie wollte nicht, dass ich sie mit anderen Kindern teilte. Sie sah mich nicht gern Wettkämpfe austragen, denn sie litt, wenn ich verlor. Ich war ein sportliches Kind und fand Verlieren nicht erschütternd. Ich wollte nicht in ein Glashaus gestellt werden. Wohltuend war hingegen, dass Oma innerhalb der Familie immer meine Partei ergriff, ob es gerechtfertigt war oder nicht. Diesen Umstand nutzte ich kräftig aus.
In der Wohnung gegenüber wohnte Familie Neumann mit fünf Kindern. Ich war mit allen Kindern eng befreundet. Am meisten liebte ich Hanna, die Älteste, sieben Jahre alt, mit einem einfühlsamen, gütigen Wesen begabt. Für mich stand fest, dass ich sie später heiraten würde. Ich freute mich, dass ich altersmäßig zwischen die beiden Jüngsten passte, denn in meinen Tagträumen gehörte ich zu dieser Familie. Ich saß oft an ihrem Tisch wie das sechste Kind.
Was ich aber in meinen Träumen ausblendete: Beinahe täglich war ich froh, dass ich kein Neumann-Kind war. Wenn der Vater wütend wurde, zog er seinen Gürtel aus und schlug damit zu. Mutter Neumann, mindestens genau so jähzornig wie ihr Mann, griff sich bei ihren Zornanfällen wahllos irgendetwas: Kochlöffel, Handfeger, Teppichklopfer. Wenn ich zusehen oder hinter geschlossenen Türen hören musste, wie meine Freunde misshandelt wurden, weinte ich oft, weil ich ihnen nicht helfen konnte.
Wann ich anfing, ein Junge sein zu wollen, weiß ich nicht. Vielleicht hatte ich anfangs nur den unbewussten Wunsch, das fehlende männliche Element in unserer Familie zu ersetzen? Aber schnell merkte ich, dass ich mit meinem seltsamen Wunsch im Mittelpunkt der Familie stand. Das entsprach meinem Bedürfnis nach Abgrenzung und sicherte mir Aufmerksamkeit. Außerdem merkte ich schon früh, dass Jungen etliches erlaubt wurde, das Mädchen verboten war.
Mit dem zentralen Kleidungsstück ging es los. Ich war sicher, dass eine lange Hose meine Beine besser vor Schrammen und Schürfwunden bewahren würde. Wenn ich Purzelbäume schlug und auf Klettergerüste und Bäume stieg, würde keine Unterhose zum Vorschein kommen. Die elementare Sehnsucht meiner dreijährigen Seele richtete sich auf den Besitz einer langen Hose. Aber nur Knaben und Männer dürfen Hosen tragen, hieß es. So wünschte ich mir, ein Junge mit Hosen zu sein.
Einmal stand ich an einem tiefgefrorenen Februartag mit Oma an einer Bushaltestelle. Ich trug einen dicken Anorak und war mit Schal und Mütze ausgestattet, aber meine Strumpfhosen waren zu dünn. Warum bekam ich keine lange Hose wie andere Kinder? Mädchen mussten zwar Röcke drüber tragen. Aber sie hatten eine Hose. Nur ich nicht. Ich wünschte, Beine könnten mit den Zähnen klappern, damit die Oma hörte, wie ich fror. Ich fühlte mich im Stich gelassen; entsprechend jämmerlich muss mein Wehklagen geklungen haben. „Oma!“, schluchzte ich, „ich friere! Ich brauche eine Hose, sonst werde ich ganz ganz ganz krank!“
Oma erschrak. „Nein, krank sollst du nicht werden. Dann kriegst du eben Hosen.“
Ich hörte vor sofort auf zu frieren und erinnerte sie bis zum Schlafengehen alle zwei Minuten an ihr Versprechen. Gleich am nächsten Tag kaufte sie eine, um ihre Ruhe zu haben. Eine plumpe dicke Baumwollhose mit Gummizügen, aber ich war froh. Meiner Mutter passte es nicht und Doris tobte, weil ich überhaupt nicht in ihr Lebensbastelbild passte, das sie bemüht für sich aufbaute. Aber ich war drei Tage lang das zufriedenste Kind der Welt, bis die Hose wegen eines Marmeladenflecks in die Wäsche musste. Es dauerte Wochen, bis sie wieder im Schrank lag.
Da wurde mir klar, dass eine Hose nicht reicht. Man braucht mindestens zwei.
Mama trank in unserer Wohnung mit Frau Neumann Kaffee. Ich sprang hinüber, klingelte, Hanna öffnete, da stand ihr Bruder nackt im Flur, schrie auf und flitzte ins Badezimmer. Ich war von dem ungewohnten Anblick tief beeindruckt und brüllte: „Mama! Der Ernst hat vorne ein Schwänzchen. Warum hab ich so was nicht?“
„Aber Andrea, das haben doch nur Jungen“, kicherte Mama, dann prusteten beide los. Lachten sie mich aus? „Das ist gemein!“, rief ich, „warum kriegen immer nur die Jungen die tollen Sachen?“
Sie hörten gar nicht auf zu lachen. Ich wurde zornig. Jungen hatten immer die aufregenderen Spielsachen. Immer musste ich zusehen, wie nachsichtig Erwachsene mit ihnen umgingen. Niemand quälte sie nach dem Haarewaschen mit Ziepen, niemand regte sich auf, wenn neue Schuhe nach vier Wochen schrottreif aussahen. Das hier war ganz gewiss schon wieder so eine Bevorzugung!
„Andrea, ich kann dir so ein Dings nicht machen“, sagte Mama und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln, „das kann nur der liebe Gott.“
„Dann sag es dem Christkind oder einem Engel. Die wohnen ja im Himmel und da kennen sie den lieben Gott gut. Er kann doch dem Nikolaus eins für mich mitgeben.“ Nun lachten sie nicht mehr, sie wieherten. Beim Abendessen gab Mama den Vorfall zum Besten, da kreischte Oma, verschluckte sich, hustete und lachte gleichzeitig, sogar Doris lachte. Alle sahen mich liebevoll an, da nahm ich an, mein Wunsch werde erfüllt.
Am nächsten sagte ich ernst zu Ernst: „Vom Nikolaus krieg ich auch so’n Dings wie du!“ Er guckte mich verständnislos an, da zeigte ich die entsprechende Gebärde.
„Du altes Schwein!“, rief Ernst, denn seine Mutter stand hinter ihm. Aber die lachte nur und tätschelte ihm den Kopf. „Die Andrea meint das nicht so.“
Doch, ich meinte es! Und wie! Ich wollte so einen Körper wie Ernst. Er hatte tolle Muskeln, konnte damit schwerere Sachen heben als ich und gab damit an wie zehn Sack Seife.
Aber der liebe Gott vergaß, es dem Nikolaus mitzugeben, und so hoffte ich im Stillen auf Weihnachten. Das Christkind brachte mir auch nicht das ersehnte Geschenk. Ich war maßlos enttäuscht vom lieben Gott und seinem popligen Personal.
Oma war herzensgut, aber depressiv. Oft war sie krank. Manchmal spielte sie nur Theater. „Ach Andrea“, sagte sie mal (ihre Stimme wurde dabei ganz zittrig) und nahm meine Hand, „du kommst doch an mein Grab, gell? Ich muss nämlich bald sterben, weißt du?“
Oma war eine miserable Schauspielerin. Aber Angst machte sie mir doch. Der Tod war keine bildlose Vorstellung für die vierjährige Andrea. Mutter und Oma hatte mir den Anblick meiner Großtante in der Leichenhalle zugemutet. So blass und grau! Das war kein Schlaf, auch wenn sie es so nannten. Sollte meine geliebte Oma bald so stumm und gräulich in einer Holzkiste liegen? Ich drückte ihre Hand fest und rief: „Nein Oma, du darfst nicht sterben!“
„Doch, doch, Kind“, sagte sie kläglich, „ich muss bald sterben, aber du musst ganz oft zu meinem Grab kommen, hörst du?“
Mama brüllte aus der Küche: „Hörst du wohl auf, das Kind zu ängstigen? Wenn du damit nicht aufhörst, bring ich dich ins Altersheim!“
Oma fing aber immer wieder damit an, und jedes Mal regte Mama sich darüber auf, weil es mir Albträume verursachen konnte. Oma warf ihr vor, dass sie mich vor Kriegsgräueln im Fernsehen, bösartigen Nachbarskindern und Erkältung nicht schützte – je nachdem, was ihr so einfiel. So hatten die beiden immer eine Menge zu streiten, wobei Mama mit Tiernamen um sich warf, die sie bäuerlichen Stallungen entlehnte. Mir wurden Omas düstere Prophezeiungen immer unbehaglicher. Nachdem ich zweimal mit Flucht aufs Klo reagiert und mich darin eingeschlossen hatte, hörten ihre Todesahnungen auf. Sie lebte übrigens noch lange.
Als Vierjährige hatte ich mir drei Hosen erkämpft und musste nie mehr aufs Waschen und Bügeln warten. Kleider und Röcke hingen aber bedrohlich im Schrank: Sinnbilder von Zwang und Unterdrückung. Ich hasste sie von Herzen.
Meine Schwester führte in Modesalons und auf Messen Kleider und Pelzmäntel vor, die sie sich nicht mal von ihrem ganzen Jahreseinkommen hätte leisten können. Hin und wieder wurde sie in Modezeitschriften abgebildet, und sie hatte schon ein passendes Bild von sich gestrickt. „Imätsch“ nannte sie das. Unsere kleinbürgerliche Familie passte nicht in dieses Imätsch. Die abartige kleine Schwester war eine Bedrohung.
Robert hielt sich für was Besseres, weil er ihr Freund sein durfte. Er half ihr oft, mich zu erziehen. Einmal machten sie sich für einen Spaziergang fertig. Ich wollte mit. Robert hob mich hoch, sodass mein Gesicht nur wenig von seinem entfernt war und sagte süßlich: „Du bist doch meine kleine Prinzessin, gell?“ Ich schüttelte den Kopf. Da folgte weniger süß: „Und weil du meine kleine Prinzessin bist, ziehst du zum Spazierengehen ein Kleidchen an.“
Ich schrie: „Ich bin nicht deine Prinzessin!“, und boxte, aber er hielt mich mit ausgestreckten Armen hoch und lachte nur.
„Und ich zieh kein Kleid an!“, brüllte ich unter Tränen.
„O doch!“, rief Doris. Robert hielt mich fest. Sie zog mir Hose und Pulli aus und stülpte mir ein Kleid über den Kopf. Ich wehrte mich und schrie wie am Spieß.
„Sei nicht so undankbar! Du gibst dem Robbie jetzt einen Kuss“, sagte sie, während sie den Reißverschluss an meinem Rücken hochzog.
„Nein, nein, nein!“, schrie ich. „Der ist eklig!“
„Du gibst ihm einen Kuss, aber dalli!“, brüllte Doris, und Robert hob mich wieder seinem grinsenden Gesicht entgegen. In diesem Moment kam Oma vom Einkaufen zurück. Robert stellte mich sofort auf den Boden. Schluchzend warf ich mich in Omas Arme und berichtete. Sie schimpfte mit den beiden und gab mir Hose und Pulli zurück.
Ich hatte keine Lust mehr zum Spazierengehen. Doris und Robert wollten mich zum Abschied küssen. Aber ich wehrte mich. Mama platzte in die Szene und empörte sich, ausnahmsweise mal auf meiner Seite: „Ein Kind zum Küssen zwingen? Wenn ich so was noch einmal höre, schmeiße ich euch beide raus!“
Leider hatte sie kein Wort über das gewaltsame Verkleiden geäußert, mit Grund: Ständig versuchten sie und Doris, mir mit List oder Gewalt ein Kleid anzuziehen. Ich wehrte mich dagegen immer hitziger und bekam jedes Mal Schläge. Falls Oma meine Schmerzensschreie hörte, griff sie sofort ein. Leider war sie schwerhörig.
Mama fürchtete sich davor, in der Öffentlichkeit aufzufallen, selbst wegen einer Kleinigkeit. Einmal wollte sie mit mir zum Einkaufen fahren. Nachdem sie mir unter Ohrfeigen ein himmelblaues Kleid übergestreift hatte, zog sie mich gewaltsam aus der Wohnung. Ich stemmte vergeblich die Füße in den Boden und schrie, doch sie zerrte mich in den Aufzug. Einer Frau, die mit uns einstieg, erzählte sie kurz von meiner dummen Abneigung gegen Kleider und Röcke und schloss: „Die Andrea ist halt hysterisch.“
„Sie sind mit diesem Kind wirklich gestraft“, kommentierte die Frau.
Mein Protestgebrüll ging in kummervolles Weinen über. Ich fühlte mich verraten. Mama setzte noch eins drauf. Vor dem Haus sagte sie zu den Kindern, die dort spielten: „Seht euch mal diese hysterische Zicke an. So was muss ich den ganzen Tag ertragen.“
„Du Schwindelschwein“ schrie ich und schlug nach ihr.
„Hu, was ist die Andrea frech zu ihrer Mutter!“, riefen die Kinder. Eine Passantin mischte sich ein. „Das dürfen sie sich nicht gefallen lassen!“
Ich wusste nicht, was daran falsch war. Das Wort hatte ich ja von Mama, die das immer rief, wenn Oma log.
Heimlich zerrte ich an meinem Kleid, bis ein Knopf absprang. Da fuhr Mama mit mir wieder hinauf und zog mir dieses blöde Kleid aus. Ich griff nach meiner Hose.
„Das könnte dir so passen! Du ziehst ein anderes Kleid an!“
Ich schrie und versuchte sie abzuschütteln. Doris kam aus dem Bad und wollte mich festhalten. Ich biss in ihre Hand. Nun schrie sie auch. Endlich kam Oma aus ihrem Zimmer, zog mich hinein und schloss die Tür hinter uns. Stunden später wollte Mama mich in den Arm nehmen, als wäre nichts gewesen. Ich sagte: „Lass mich! Ich mag dich nicht mehr!“ Sie sah geknickt aus. Ich genoss es. Lange dauerte ihre traurige Stimmung aber nie. Sie war Rekordhalterin im Verdrängen ärgerlicher Vorfälle.
Zwei
Das Essen im Kindergarten enthielt fast immer übertrieben viel Fett. Oft musste ich mich nach dem Mittagessen übergeben. Wenn ich es nicht mehr rechtzeitig in den Waschraum schaffte, bekam ich von der Erzieherin eine Ohrfeige. Anfangs befürchtete ich, mit mir sei etwas nicht in Ordnung, aber eines Tages fasste ich Mut und erzählte es auf dem Weg in den Kindergarten meiner Oma.
Sie schnappte nach Luft. „Sie schlägt dich?“
Ich nickte beklommen, weil ich ihr Entsetzen nicht einordnen konnte.
„Das ist ja die Höhe! Andrea, heute hol ich dich vor dem Mittagessen ab.“
Aber sie kam nicht rechtzeitig und die pappigen, weichgekochten Nudeln in fetter Soße blieben mir nicht erspart. Gleich nach dem Mittagessen verließ ich an der Hand meiner Oma das Haus. Im Hof gab ich das Mittagessen wieder von mir. Meine Gruppenleiterin kam sofort herbei. Ich hoffte, dass sie nicht wagen würde, mich zu schlagen, weil Oma dabei war. Sie tat es nicht. Aber sie war rot im Gesicht und sagte von oben herab: „Würden sie der Mutter des Kindes bitte mitteilen, dass ich sie zu sprechen wünsche. Das Kind erbricht sich jeden Tag.“
„Und das sagen Sie erst jetzt? Da frage ich mich doch, ob sie ihre Fürsorgepflicht ernst nehmen“, schimpfte Oma und ließ sie stehen.
Mama brachte mich zum Arzt. Zu meiner Verwunderung war der Arzt kein Mann, sondern eine junge Frau. Sie hatte Hosen an. Und ganz kurze Haare. Auf dem Nachhauseweg sprach ich Mama darauf an.
„Ärzte dürfen das!“, war ihre kurze Antwort. Danach beschäftigte ich mich lange mit der Vorstellung, dass Frau Arzt vielleicht mein Traumberuf sein könnte.
Nach mehreren Konsultationen hatte sich das Erbrechen noch nicht gelegt. Eines Tages fragte mich die Frau Arzt: „Hättest du Lust, mal in einem Haus mit vielen netten Kindern zu spielen?“
„Gibt’s da auch Autos?“
„Klar.“
„Und auch andere Spielsachen für Jungen?“
„Klar.“
„Und ich darf mit allem spielen?“
„Aber sicher.“
„Au ja! Da will ich hin!“
Einige Wochen spät war es so weit. Mama arbeitete tagsüber und hatte erst am Abend Zeit. Sie trug einen kleinen Koffer. Wir stiegen zweimal um und kamen nach dem Abendessen in einer Klinik mit einem langen Namen an. Bei unserer Ankunft begrüßte uns eine Frau mit einer weißen Haube, führte uns in ein Zimmer mit vielen Betten und sagte einen Satz mit „Auspacken“. Ich beobachtete die Kinder, die zum Teil schon im Bett waren oder noch geschäftig zwischen Bad und Schlafsaal hin- und herliefen.
Mama sagte: „Hör mal, Andrea, ich gehe einkaufen. Spiel doch ein bisschen mit den Kindern. Ich hol dich nachher wieder ab.“ Ich nickte. Als sie gegangen war, suchte ich die Frau mit der weißen Haube und fragte, wo die Spielsachen seien. Sie öffnete Mamas Koffer und meinte nach einigem Suchen: „Äh … das hat ja Zeit bis morgen. Du bist sicher müde. Wir machen jetzt ein Schläfchen …“
„Ich schlafe nicht hier. Meine Mama holt mich wieder ab.“
„Äh, Andrea … so heißt du doch? Du musst eine Zeit lang bei uns bleiben, weil du krank bist.“
„Ich bin nicht krank. Ich will zu meiner Mama!“
Die Frau sagte nichts. Die anderen Kinder sahen mich erstaunt an, da war ich auf einmal müde und ließ mich zu Bett bringen. Die Frau würde schon sehen. Mama hatte es ja versprochen. Ich wollte nicht einschlafen, weil ich fürchtete, sie würde mich im Dunkeln nicht finden. Am Morgen war sie immer noch nicht zurück.
Es gab noch mehr Frauen mit weißen Hauben. Sie behaupteten, sie seien alle Schwestern. Aber sie sahen sich überhaupt nicht ähnlich. Wir durften auch nicht Elisabeth oder Helga oder Marianne sagen, sondern mussten immer „Schwester“ hinzufügen. Dabei war ich sicher, dass ich nur eine wirkliche Schwester hatte.
Ein Mann untersuchte mich. Das war der Arzt. Zwei Frauen ohne Haube halfen ihm. Sie hatten Kurzhaarfrisuren, trugen aber keine Hosen, sondern Röcke unter ihren weißen Kitteln. Deshalb, schloss ich, konnten sie keine Ärzte sein. Schwestern aber auch nicht; sie hatten ja keine Hauben auf. Egal, ich hatte wichtigere Probleme. Ich flehte: „Bitte sagen Sie meiner Mama, dass sie mich abholen soll!“
„Leider geht das nicht!“, sagte der Arzt. „Aber du bist ja schon ein großes Mädchen, du schaffst das schon.“
Nach zwei unendlichen Tagen war ich überzeugt, dass Mama mich vergessen hatte. An diesem Nachmittag kam sie endlich. Ich sprang auf und klammerte mich an sie. „Mama, nimm mich mit heim! Du hast es mir versprochen!“
Sie hielt nach den Schwestern Ausschau. Aber keine kam ihr zu Hilfe. „Ähm … na gut“, sagte sie nach einigem Zögern. „Aber es geht erst heute Abend.“
„Ganz, ganz wirklich?“
„Ganz bestimmt!“
Aber der Abend kam und ging vorbei. Fast die ganze Nacht saß ich im Bett und hoffte. Die Ruinen meiner kleinen Welt verwandelten sich in Brösel.
Am Tag darauf gab es weitere Untersuchungen. Mehrmals wurde mir Blut abgenommen. Ich war müde und überreizt. Als mir die Pikserei zu viel wurde, schrie ich, und weil das nichts bewirkte, fing ich an, um mich zu schlagen. Zwei Schwestern hielten mich fest, damit der Arzt weitermachen konnte. Ich trat nach ihnen. Eine Schwester traf ich am Schienbein. Sie schrie auf und gab mir eine Ohrfeige. Da hatte ich den Beweis! Ich war ein verlorenes, vergessenes Kind. Mama hatte mich einsperren lassen, weil ich ihr zu lästig war.
Sie besuchte mich alle paar Tage. Ich sprach nicht mehr mit ihr. Sie versprach mir jedes Mal das Blaue vom Himmel, aber ich hatte schon gemerkt, dass aus ihrem Mund nichts als Lügen tropften. Nach und nach gab ich die Hoffnung auf, jemals wieder in Freiheit zu leben.
Es gab zu wenig Spielzeug und zu viele Jungen. Die hielten alles besetzt, was mich zum Spielen reizte, und überließen mir höchstens mal für kurze Zeit einen bunten Holzbagger oder vier Schienenteile und einen Waggon von „ihrer“ Holzeisenbahn. Die Frau Arzt hatte mich belogen. Alle Erwachsenen waren Lügner. Nach sechs Wochen sagte Schwester Hannelore, morgen dürfe ich wieder nach Hause. Ich hielt auch das für eine Lüge.
Doch am nächsten Abend lag ich in meinem eigenen Bett. Als Schlaftrunk bekam ich ein Glas Wasser. Es schmeckte süßlich. „Da ist Medizin drin“, erklärte Mama, „damit du besser schlafen kannst.“
Die Beruhigungstropfen gab es nun jeden Abend. „Ball-Tran-Tropfen“ verstand ich. Hießen sie so, weil man nach ihrer Einnahme nur noch tranig einen Fußball kicken könnte?
Ich musste nie mehr im Kindergarten zu Mittag essen. Oma kochte zu Hause. Die Ohrfeigen blieben aus, die Erzieherin war freundlicher zu mir, und ich fühlte mich im Kindergarten wohler.
Doris hatte eine bewundernswerte Haarpracht. Eine solche strebte sie auch für mich an. Auf einem Foto von meinem fünften Geburtstag liegen meine Haare locker auf den Schultern. Das tägliche Bürsten war nicht angenehm, das Kämmen tat weh. Wenn ich jammerte, beschied Doris: „Das ist nun mal so. Wer schön sein will, muss leiden!“
Aber ich wollte nicht schön sein. Ich wollte kurze Haare. Ganz kurze! Als ich das mal laut äußerte, kam wieder die Standardantwort, dass nurJungen …
Ich stampfte durchs Zimmer und schrie: „Kur-ze Haare! Kur-ze Haa-re!“
Leider war Robert zugegen. Er packte mich am Oberarm und gab mir eine Ohrfeige. Mit zusammengebissenen Zähnen murmelte er: „Du behältst deine langen Haare. Klar?“
„Du hast mir gar nichts zu sagen! Ich sag’s der Mama, dann schmeißt sie euch raus!“
Robert hob wieder die Hand, da hörten wir die Wohnungstür. Das war Oma. Doris flüsterte: „Hör auf!“ Er ließ mich los. Ich rannte in den Flur und rief: „Der hat mich gehauen!“
Oma hielt ihm eine erboste Predigt, aber er grinste nur heimlich zu Doris hinüber.
Als ich später mit Oma allein war, sagte ich: „Das Kämmen tut immer so weh, dass ich beinahe in Ohnmacht falle.“ Sie guckte erschrocken und ich spürte, dass die Situation günstig war. Listig vermied ich den Hinweis, dass ich wie ein Junge aussehen wollte. Kurzerhand behauptete ich: „Alle Kinder und am meisten der Robert, die zieh’n mich immer an den Haaren und manchmal reißen sie mir ganz viele raus. – bitte, Oma, kann ich auch kurze Haare haben?“
Ich sah sie recht flehend an. Oma überlegte lange, dann nickte sie. „Ich geh mit dir zum Friseur. Aber sag’s keinem. Das wird eine Überraschung.“
Es wurde eine. Und was für eine! Ich tollte übermütig im Hof herum und genoss es, in der Julihitze nicht mehr unter meiner Haarfülle schwitzen zu müssen. Oma saß auf einer Bank und sah mir lächelnd zu. Mama und Doris kamen zusammen durch den Torweg, erblickten mich, starrten ungläubig und brachen in empörtes Wehgeschrei aus. Sie überschütteten Oma derart mit Beschimpfungen, dass man meinen konnte, sie hätte mir eine grün gefärbte Glatze verpasst. Oma schaltete ihr Hörgerät ab. Das beeindruckte mich. Was für eine geniale Idee! Ich bildete mir ein, ich hätte auch eins, und schaltete es ebenfalls ab.
Robert sprach zwei Tage lang kein Wort mit mir und Oma. Wir litten beide nicht darunter. Doris schmollte wochenlang. Wir hatten ihrem Willen zuwidergehandelt, da konnte sie nicht zugeben, dass ich recht schick aussah. Mama erkannte bald, wie praktisch meine Kurzhaarfrisur war, und bezahlte mir fortan sogar regelmäßig den Friseur. Doris kam aus dem Schmollen gar nicht mehr heraus.
Vor anderen Kindern machte meine Mutter mich so oft lächerlich, dass ich ein bequemes Mobbingopfer für sie wurde. Eines Sonntags schaukelte ich auf dem Spielplatz unserer Siedlung alleine. Vier Jungen tauchten auf. „Guckt mal die Andrea!“, rief Kurt gedehnt, „die will’n Bub sein!“
„Ist die blöd?“, fragte Matze.
„Und wie!“, rief Jojo, und Eddie blökte: „Blöde Kuh! Blöde Kuh!“
„Selber blöd!“
„Die wird verkloppt!“, rief Kurt. Sie rissen mich von der Schaukel. Als ich am Boden lag, trat mir Jojo in den Magen. Es folgten einige Tritte in die Seiten von den anderen Jungen. Ich hörte einen Mann rufen: „Was ist denn das für eine Sauerei? Vier Jungen gegen ein Mädchen?!“ Die Feiglinge ließen von mir ab und rannten davon. Ich wusste, ich hätte mich freuen sollen. Aber ich hätte die Angelegenheit lieber wie ein Mann ertragen, auch wenn es eine Niederlage war.
