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Die achtundvierzig Kurzgeschichten dieser Anthologie sind Ausdruck sehr unterschiedlicher literarischer Temperamente. So verschieden die stilistischen Stimmlagen, so weitgefächert sind auch die Stoffe, Motive und Blickwinkel dieser Texte. Die einen loten die Abgründe des Alltags aus, andere dringen dezidiert in Extremsituationen vor; manche spielen die Tragikomödien der Seele durch, einige atmen die Luft von anderen Planeten. Humoreske, Groteske und Apokalypse liegen nahe beieinander. Unerhörte Ereignisse tragen sich an fernen Küsten und auf exotischen Flughäfen zu, aber auch in heimischen Straßen, Wohnzimmern und Privatbunkern.
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Seitenzahl: 333
Veröffentlichungsjahr: 2013
Verlag Weyand
kurz
geschichtet
Autorengruppe Scriptum Trier
*
© Verlag Michael Weyand GmbH, Trier | www.weyand.de
Herausgeber: Albert Bisenius
Autorengruppe Scriptum Trier: Gabriele Belker, Albert Bisenius,
Klaus Gottheiner, Henrik Jäger, Claudia Nelgen, Christoph Riemenschneider, Gisela Siepmann-Wéber, Peter Spürk, Ursula Ruth Weber
Gestaltung: Jennifer Neukirch
Umschlagfoto: Fotolia, Burkhard Felies
Satz: Verlag Michael Weyand GmbH, Trier
Druck und Verarbeitung: CPI books GmbH, Leck
Nachdruck und Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Verlags.
1. Auflage November 2013
ISBN: 978-3-942 429-38-2
Vorwort von Klaus Gottheiner
Im chinesischen Mah-Jongg-Spiel führen nicht notwendig allein die Steine mit den ordentlich gefügten Zahlenfolgen zum Sieg. Man gewinnt nämlich auch dann, wenn kein einziger der eigenen Spielsteine zum anderen passt. Manche halten das für eine besonders elegante Form des Glücks im Spiel.
Die achtundvierzig Kurzgeschichten dieser Anthologie sind Ausdruck sehr unterschiedlicher literarischer Temperamente. So verschieden die stilistischen Stimmlagen, so weitgefächert sind auch die Stoffe, Motive und Blickwinkel dieser Texte, selbst innerhalb der Themencluster, zu denen sie sich zusammengefunden haben. Die einen loten die Abgründe des Alltags aus, andere dringen dezidiert in Extremsituationen vor; manche spielen die Tragikomödien der Seele durch, einige atmen die Luft von anderen Planeten. Humoreske, Groteske und Apokalypse liegen nahe beieinander. Unerhörte Ereignisse tragen sich an fernen Küsten und auf exotischen Flughäfen zu, aber auch in heimischen Straßen, Wohnzimmern und Privatbunkern.
Soll das etwa bedeuten, dass die neun Autorinnen und Autoren dieses Bandes rein gar nichts miteinander gemein hätten? Keineswegs! Denn fänden sie nicht immer wieder zu einer kompatiblen Sicht auf die Welt, die Literatur, die Menschen und übrigens auch auf bestimmte Tiere und Maschinen, sie hätten es sicherlich nicht so lange miteinander ausgehalten in der Autorengruppe „Scriptum“, die sich hier mit „kurz geschichtet“ zum ersten Mal kollektiv zwischen zwei Buchdeckeln präsentiert.
Die Beiträge zu dieser Sammlung bringen zwar zuallererst neun eigenständige Stimmen zu Gehör, sie sind aber auch ein Querschnitt durch dreizehn Jahre gemeinsamer Arbeit der Autorengruppe, einer Arbeit am besseren Text. Seit dem Millenniumsjahr 2000 trifft man sich, in gelegentlich leicht fluktuierender Zusammensetzung, einmal wöchentlich unter Triers Innenstadtdächern und stellt die eigenen Arbeiten dem Kreuzfeuer der Kritik – vielleicht nur ein paar Schritte entfernt von einem jener Salons, in denen der spätrömische Poet Ausonius, es ist noch keine zweitausend Jahre her, aus dem tintenfrischen Manuskript seiner Dichtung „Mosella“ vorlas.
Keine andere Satzung und kein anderer ästhetischer Kodex stehen über diesem Austausch der Ideen als das gemeinsame Streben nach dem richtigen Ausdruck und der literarischen Plausibilität. „Scriptum“ ist kein Scriptorium, in dem man kanonischen Texten hinterherschreibt, und erst recht wird ein „Manifest der Gruppe Scriptum“ auf ewig seinen Platz in der Bibliothek der ungeschriebenen Bücher und Broschüren behalten.
Das alles hat die Mitglieder seit jeher nicht daran gehindert, auch öffentlich als Gruppe in Erscheinung zu treten. Lesungen vor größerem Publikum gehören inzwischen zu den Fixpunkten in den Annalen der Vereinigung. Doch das gesprochene Wort ist flüchtig, und als plötzlich und unvermittelt, so wie im Mah-Jongg ein einziger glücklich ergriffener Stein ungeahnte Perspektiven auftut, eine dauerhaftere Präsentation des gemeinsamen Schreibens möglich wurde, war ein entschiedenes „Imprimatur“ die Losung der Stunde.
Dass sich dieser Weg überhaupt öffnete und dass an seinem Ende auch in der Tat dieses Buch stehen konnte, ist jedoch einer Reihe von Personen geschuldet, denen an dieser Stelle aufrichtiger Dank gesagt sei – darunter ganz besonders Franz-Peter Vollmer für seine akribische Korrekturarbeit.
Erinnerung
Albert Bisenius – Der Schatz
Warum ich ausgerechnet an diesem Morgen hier an dieser Stelle stehe?
Fügung? Schicksal?
An Zufälle glaube ich nicht mehr. Der türkische Obstladen liegt normalerweise nicht auf meinem Weg, ich habe einen Schlenker gemacht.
Vor dem Schaufenster des Ladens türmt sich eine meterhohe Apfelsinenpyramide, aufgestapelt in einem alten Holzbett.
„Ein Bett voller Apfelsinen!“, lese ich die nicht alltägliche Werbung des Obsthändlers. „Erraten Sie, wie viele Apfelsinen sich in diesem Bett befinden, und Sie dürfen sich so viele mitnehmen, wie Sie tragen können.“
Eine Apfelsine löst sich vom Stapel und fällt auf den Bürgersteig.
Erschrocken mache ich einen Schritt zurück.
Drei Jungs ergreifen die Gelegenheit: Apfelsinenfußball auf dem Weg zur Schule.
Ich habe mir das Apfelsinenessen abgewöhnt wie andere das Rauchen, habe mich von einer Sucht befreit.
Verrückt! Doch nicht weniger verrückt als mein Aufenthalt in Somalia, erst zweieinhalb Jahre her.
Eine Ewigkeit …
Dezember 2002. Heiligabend. Ein Flüchtlingslager. Nahe der Hauptstadt Mogadischu. 250.000 hungrige Menschen.
Über einer Schlange von Menschen mit traurigen Augen verliert sich mein Blick. Ich halte eine Suppenkelle und fülle den Becher eines kleinen Mädchens. Die Augen, die mich anstarren, wirken verloren und verlassen.
Ich kann mich diesen Blicken nicht länger aussetzen und rette meinen Verstand, indem ich mich auf die verschiedenen Behälter konzentriere, die mir die Menschen entgegenstrecken, mit bis auf die Knochen abgemagerten Armen: eine alte Konservendose, der Stumpf eines Plastikeimers, ein tellergroßer Rest eines Autoreifens – mir entgegengestreckt in der Hoffnung, heute vielleicht halbwegs satt zu werden.
Doch, obwohl der Kessel mit der heißen Suppe bis zum Rand gefüllt war, weiß ich, dass wir diese Hoffnung nicht erfüllen können.
Niemals.
Nicht hier und nicht heute.
Die meisten dieser Menschen werden selbst an diesem Heiligen Abend wieder hungrig bleiben.
Ärzte ohne Grenzen. Unfassbar, welche Ironie. Ich hätte niemals geglaubt, so schnell an meine Grenzen zu stoßen. An unser aller Grenzen.
Doch wenn schon keine Medikamente, dann wenigstens eine Kartoffelsuppe an Weihnachten. Eine Idee meines englischen Kollegen.
Genau wie der echte Tannenbaum, den er zusammen mit den Kartoffeln hatte einfliegen lassen. Doch das heiße, trockene Klima bekommt ihm nicht. Jeden Morgen liegen Tausende abgefallener Nadeln auf dem Boden.
Jede Nadel für ein gestorbenes Kind hat jemand gesagt.
Vielleicht hält er noch einen Tag, höchstens zwei.
Neben uns brennen die letzten Kerzen nieder, spiegeln sich in den Augen der Menschen, die nicht einmal wissen, was dieser brennende Baum zu bedeuten hat. Ob sie jemals etwas von Weihnachten gehört haben?
Mein Weihnachtspaket traf gestern ein.
Natürlich hat meine Mutter an eine Apfelsine gedacht. Sie steckt in einer Tasche meiner Jacke. Ich spüre sie.
Ob diese Menschen wissen, was eine Apfelsine ist?
Eine plötzliche Idee vertreibt meine Lethargie: Ich werde meine Apfelsine demjenigen geben, der als Erster vor dem leeren Suppentopf stehen wird.
Ich verringere die Portionen, strecke den Inhalt des Kessels. Besser wenig für viele als viel für wenige.
Doch irgendwann berührt die Kelle den Metallboden. Ich fülle die alte, zitternde Tontasse einer noch älteren Frau. Sie nickt, kaum merklich, humpelt zur Seite.
Noch zwei, drei Kellen.
Eine junge Mutter mit einem flachen Metallteller, ihr Baby auf den Rücken gebunden. Ein junger, alter Mann mit einem ausgehöhlten Stück Holz – der Kessel ist leer.
Vor mir steht ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt. In der einen Hand ein trübes Glas, mit der anderen klammert er sich an seine Mutter.
Ich schüttele den Kopf.
Große braune Augen verlieren ihren Glanz, werden plötzlich ganz klein.
Ich greife in meine Jackentasche, umfasse die Apfelsine mit beiden Händen und strecke sie dem Jungen entgegen. Langsam öffne ich meine Finger.
Ein Schatz. Sein Schatz.
Trockene Lippen entblößen weiße Zähne. Ein Lächeln.
Der Glanz schießt in die großen Augen zurück.
Behutsam ergreift der Junge mein Geschenk, drückt es an seine Brust und verschwindet im restlichen Meer der Hoffnungslosigkeit. Seine Mutter nickt mir zu.
Ihr Blick ist mein Weihnachtsgeschenk.
Noch zwei Wochen, dann bin ich wieder zu Hause. Mit zehn Sekunden Erinnerung, die mich mein restliches Leben begleiten werden.
Mein Schatz.
Der türkische Obsthändler greift nach der obersten Apfelsine und hält sie mir vor die Augen. „Raten Sie! Raten Sie, wie viele!“
Ich schüttele den Kopf. „Immer eine zu wenig!“
Gabriele Belker – Tangoträume
Es war nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, ganz im Gegenteil.
Schon als sie den Laden betrat, fiel sie mir auf. Bei Frauen schaue ich als Erstes auf die Beine, dann auf die Füße. Ich bevorzuge lange, schlanke Beine, schmale, anmutige Fesseln und zierliche Füße.
Von alledem hatte sie nichts. Ihre kurzen Beine erinnerten mich an die von Barocktischen vergangener Jahrhunderte, ihre Fesseln waren plump.
Als ihr suchender Blick durch den Laden schweifte, versuchte ich vergeblich, mich im Schatten grauer Stiefel zu verstecken. Aber schon hatte sie mich entdeckt. Sie steuerte geradewegs auf mich zu, griff mit Fingern, kurz und prall wie Würste, nach mir.
Es folgte kein Vorspiel, kein zärtliches Betrachten, kein Streicheln meines silberfarbenen Kalbsleders. Kaum dass sie auf dem Hocker Platz genommen hatte, riss sie sich ihre ausgetretenen Mokassins von den Füßen. Ich hörte ihr kurzatmiges Keuchen, als sie versuchte, ihre fleischigen Füße in mein Inneres zu zwängen. Mit Gewalt dehnte sie mein weiches Leder, um endlich zum Ziel zu gelangen. Ich fühlte mich zutiefst beleidigt, ja gedemütigt.
Jetzt galt es noch, meine schmalen Riemchen um ihre Fesseln zu legen und den Druckknopf zu schließen. Ich betete, es möge ihr nicht gelingen, jedoch, nach verbissenem Gezerre, hatte sie auch das geschafft. Zugegeben, ich genoss es, dass die Riemchen ihr ins Fleisch schnitten, ich ihr Schmerzen zufügte.
Dann erhob sie sich und stolzierte auf den hohen Absätzen zum Spiegel. Der Anblick war grauenvoll. Ihre Füße glichen einem Hefeteig, der über den Schüsselrand quillt. Spätestens jetzt musste sie doch einsehen, dass wir beide nicht füreinander bestimmt waren, dass wir nie und nimmer glücklich miteinander werden konnten.
Aber sie stöckelte wieder auf ihren Platz, warf einen kurzen, verächtlichen Blick auf mein Preisschild, stopfte mich zurück in den Karton und ging wild entschlossen zur Kasse.
Auf dem Weg, auf dem sie mich in der brauen Plastiktüte nach Hause beförderte, trug ich meine Träume zu Grabe: Ein langes Bein mit schlanken Fesseln, ein zierlicher Fuß, in mein weiches Leder gehüllt, der sich beim Tangotanzen leidenschaftlich um die Beine eines feurigen Latino schlingt. Nächte in schummrigen Hotelbars, meine hohen Absätze auf den Sprossen eines Barhockers ruhend.
Sie trug mich ein einziges Mal. An ihrem Hochzeitstag. Alle hässlichen Beine dieser Welt schienen sich zu dieser Feier verabredet zu haben. Nur drei Tänze musste ich über mich ergehen lassen: Den Eröffnungswalzer, einen Foxtrott und eine Rumba. Dabei trampelten die Schuhe des Bräutigams erbarmungslos auf mir herum.
Lange vor Mitternacht – im Schutze eines herabhängenden Tischtuchs – streifte sie mich mit einem Seufzer von den Füßen. Wir wussten beide, dass es das Ende einer kurzen, unglücklichen Affäre war.
Fast zwanzig Jahre ruhte ich in einem Karton in der Finsternis ihres Kleiderschranks, wartete nur darauf, irgendwann in einem Schuhcontainer entsorgt zu werden.
Doch gestern passierte etwas Unglaubliches: Die Schranktür wurde aufgerissen, samt Karton wurde ich ans Licht gezerrt. Weiche, warme Finger griffen nach mir, streichelten mich zärtlich, fast ängstlich. Während ich vorsichtig übergestreift wurde, sah ich schlanke Fesseln, spürte zierliche, nackte Füße, an die ich wie angegossen passte. Zusammen verließen wir das Zimmer. Sie trug mich den ganzen Tag – und die ganze Nacht. Beim Tanzen verschmolzen wir förmlich miteinander.
Tango scheint nicht ihre Leidenschaft zu sein, aber Abtanzen in der Disco ist auch nicht schlecht.
Claudia Nelgen – Die Zeitung
Das Haus wirkte verlassen. Nasses und teilweise fauliges Laub erstickte den Rasen und bedeckte den Weg zum Eingang.
Ob sie zu alt geworden war …?
Bernd blieb stehen. Er ließ seinen Blick über den mächtigen Stamm der Trauerweide gleiten, deren kahle Äste bis zum Boden reichten. Wie sehr er diesen Baum immer geliebt hatte. Die tiefen Furchen in der Rinde hatten ihn fasziniert. Kleine Schätze hatte er in ihnen verborgen und als Achtjähriger bemalte und krakelig beschriftete Briefchen für die Nachbarstochter. Und er hatte seine Eltern gefragt, ob die Furchen vom Alter kämen. Sie hatten gelacht. Heinrich, sein Vater, hatte die Pfeife aus dem Mund genommen und ihn amüsiert gemustert und seine Mutter Christine, ah, seine Mutter … Sie hatte leuchtende Augen und einen langen blonden Zopf, und sie war jung. Damals. Und sie sagte: „Ja, weißt Du, später sehen wir dann auch ein wenig aus wie diese Weide.“
Und er hatte sie sich beide vorgestellt, mit einer Haut hart wie Rinde, und dann hatte auch er gelacht, aber ihm war nicht wohl dabei.
Ihn fröstelte. Wie sie jetzt wohl aussah, die Mutter? So viele Jahre waren seitdem vergangen, so unendlich viele. Er überlegte, was er ihr als Erstes sagen sollte. Ob sie ihn überhaupt wiedererkennen würde?
Quatsch. Er hatte ihr doch immer wieder mal Fotos geschickt, vor allem die mit Familie. Und viele Male die Aufforderung: Besuch uns doch. Komm zu uns. Australien ist schön, wirklich wunderschön.
Vergebens. Ihre Briefe wurden immer kürzer, die Handschrift schlechter. Allerdings – und das war noch gar nicht so lange her – da hatte sie ihm einen am Computer geschriebenen geschickt! Noch gar nicht lange … Er überlegte. Vor zwei Jahren, vor drei …?
Schweiß legte sich über seinen Nacken, eine diffuse Unruhe packte ihn. Zeit ist so verstörend, dachte er. Sie konnte sich unangemessen dehnen wie diese letzten beiden Jahre, die ein Addieren der Tage in Zweifeln und Sehnen und Selbstvorwürfen und der Suche nach einer Erklärung waren. Jetzt aber stand ihm diese Zeit wie ein Block vor Augen, eine Wand zwischen ihm und dieser Haustür da drüben.
Wieder betrachtete er die Weide, dann das Haus. Die Vorhänge wirkten grau, unberührt.
Ob die Mutter sich wirklich einen PC angeschafft hatte? Ihr war es zuzutrauen. Ihr schon.
Er schüttelte den Kopf, machte entschlossen ein paar Schritte zur Tür hin.
Sie würde ihm Vorwürfe machen. Bernd, wo warst du die ganze Zeit? Deine Schwester hat bei euch angerufen, aber die Nummer gibt es gar nicht mehr. Was ist passiert? Weißt du, was ich ausgehalten habe, so ganz ohne Nachricht von dir und den Deinen?
Und dann, irgendwann, würde sie schließlich fragen: Bist du alleine da? Ohne Victoria, ohne Benni und Dennis?
Das ist es ja, würde er sagen. Deshalb war ich ja so lange verschwunden. Weil nichts mehr ist, wie es war.
Und dann würde sie sein Gesicht zwischen ihre Hände nehmen und ihn aufmerksam ansehen, so, wie sie es immer getan hatte, wenn etwas nicht in Ordnung mit ihm war.
Der Wind trieb ihm ein Weidenblatt ins Gesicht. Feucht war es und er wischte es mit dem anderen Feuchten zusammen weg. Schwere Wolken glitten hinter dem Haus nach Westen, es wurde dunkel und kühler. Doch im Haus ging kein Licht an. Vielleicht ist sie hinten im Wohnzimmer, dachte er. Er ging weiter, fast schleppend, das Gewicht all des Unausgesprochenen war da an ihm. Mit zittrigen Händen zog er den Schlüssel aus der Tasche. Keinen Moment zweifelte er daran, dass er noch passen würde. Er steckte den Schlüssel ins Schloss der alten Eichentür mit dem vergitterten kleinen Fenster in Augenhöhe. Erwachsenenhöhe – darüber hatte er sich immer geärgert, damals. Vor unendlich vielen Jahren.
Der Schlüssel ließ sich mühelos drehen, er drückte die Klinke herunter und die Tür auf. Fast wäre er gestolpert.
Ich darf sie nicht erschrecken, dachte er. Nur das nicht. Er starrte in die Dunkelheit des Flurs und er roch den Muff des alten Hauses.
„Mutter?!“, rief er, wobei seine Stimme etwas abrutschte. „Mutter, ich bin’s, Bernd.“
Ohne Zögern griff er zum Lichtschalter rechts an der Wand und schaltete ein. 40 Watt, maximal, dachte er und blickte sich um. Alles war in Ordnung. Ein paar Dinge hingen an der Wand, an die er sich nicht erinnern konnte, aber das war normal. Der lange Schuhlöffel aus Perlmutt, den der Vater so gern benutzte, hing jedenfalls an seinem alten Platz, nur war er jetzt kürzer als in seiner Erinnerung. Als der Vater ihn einmal benutzt hatte, um ihm den Hintern zu verdreschen, da war er furchtbar lang gewesen und furchtbar hart. „Heinrich!“, hatte seine Mutter geschrien und sich rettend zwischen ihn und den Vater geworfen, „willst du ihn umbringen?“
Wie lange der Vater schon tot war! 15 Jahre waren es bestimmt …
Neben dem alten Schlüsselkästchen hing ein Foto. Er sah es genauer an – es zeigte ein Kind um die fünf. Wahrscheinlich das Jüngste seiner Schwester.
Von seinen Kindern war nichts zu sehen.
„Mutter!“, rief er wieder. Jetzt spürte er die Kühle im Haus.
Er ging in die Küche. Da war er, der gute alte Küchenschrank, dessen untere Etage er einmal in Erweiterung seiner Spielfläche kurzerhand von allem Geschirr befreit hatte.
Donnerwetter, das war schon etwas, wie die Erwachsenen sich da aufgeführt hatten! Wenn Flammen aus den Fenstern geschlagen wären, hätte es nicht großartiger sein können. Er grinste bei der Erinnerung. Natürlich hatte es auch da etwas gesetzt, aber das war schon in Ordnung gewesen.
Er strich mit der Hand über die vertraute Oberfläche des Schrankes und hob sie dann ungläubig. Staub klebte an ihr. Schmieriger Staub.
Sie ist nicht da, dachte er. Panik ergriff ihn. Er riss die Tür zum Wohnzimmer auf. Dunkel und schwer standen die Möbel da, mit einem Mal schien alles fremd. Und eng. Er griff sich an den Hals. Ruhig bleiben, sagte er sich. Ganz ruhig bleiben.
Er fuhr mit der Hand über den Mahagonitisch, der stets spiegelblank von ihr gehalten wurde. Vielleicht weniger Staub als in der Küche, aber genug um zu wissen, dass seit vielen Wochen niemand mehr über ihn gewischt hatte. Er versuchte, sich zu konzentrieren. Sie konnte verreist, schlimmstenfalls im Krankenhaus sein. Er hätte eben doch die Schwester zuvor anrufen sollen. Unbedingt.
Grübelnd stand er da, die Beklemmung so hart und fest, dass er sie hätte packen und wegreißen mögen. Dann fiel sein Blick auf den Ofen. Einige Holzscheite lagen in einer Kiste, in einer zweiten stapelten sich Zeitungen. Er ging hin und öffnete die Ofentür. Ein bisschen Wärme würde er vertragen können. Die Klammer um den Hals wegschmelzen, dachte er. Ja, vielleicht ginge das. Er griff sich die oberste Zeitung, zerknüllte sie und steckte sie in den Ofen, legte ein paar dünne Scheite Holz darüber und entzündete das Papier mit seinem Feuerzeug. Die Flamme leckte am Papier, gebannt schaute er zu, griff dann nach einer zweiten Zeitung und steckte sie ebenfalls hinein. Er wartete auf ihr Auflodern, und als es geschah, erkannte er kurz einen in größeren Lettern gedruckten Namen. Zimmermann. Obgleich sein Familienname, merkte er nur kurz auf. In Australien war er eine Rarität, aber hier … Die Flammen züngelten weiter, als er den dicken schwarzen Rand neben dem Namen bemerkte.
„Aahhh.“
Sein Stöhnen klang fremd, klang ihm selbst fremd, als er ungeachtet des sich rasch vorfressenden Feuers in den Ofen griff und ein paar brennende Blätter neben sich auf den Boden warf. Mit den noch immer feuchten Sohlen erstickte er die Flammen; ob sich nun überhaupt noch etwas entziffern ließe? Skeptisch blickte er auf das, was von der Zeitung übrig geblieben war, trug es zum Couchtisch.
Wozu tue ich das?, fragte er sich. Gut, es konnte jemand aus seiner Verwandtschaft sein. Aber wenn dem so war, würde er das ohnehin noch erfahren.
Einen Moment lang suchte er nach dem Schalter der Stehlampe, der unerwartet helle Strahl irritierte ihn dann.
Vorsichtig breitete er die teilweise zu Asche zerbröselnden Papierfetzen auf dem Couchtisch aus.
Der Vorname in der Todesanzeige war bis auf die letzten drei Buchstaben verkohlt, …ine Zimmermann. Auf einem war immerhin das Erscheinungsdatum zu erkennen, oder zumindest Anfang und Ende davon: 17.1.… Die nächsten drei Zahlen waren verwischt von der Nässe aus dem tiefen Relief seiner Sohlen, aber die vierte konnte gut eine 0 oder eine 2 sein und die letzten beiden waren mit Sicherheit 8 und 9.
17.10.1989. Oder 17.12.
Er sah auf seine Armbanduhr: Es war der 19. Dezember. Der 19. Dezember 1989.
Der Vorname in der Todesanzeige war bis auf die letzten beiden Buchstaben verkohlt …ne Zimmermann … und das nur sehr dünn gedruckte Geburtsdatum war gänzlich verwischt. Ein zerfranster schwarzer Brandrand zog sich bis in die Namen der Angehörigen hinein und durch einen Teil der unteren Hälfte der Anzeige. Der Ort der Traueranschrift indessen …
Bernd stockte. Es war sein Heimatdorf.
Es dauerte einen Moment, bis der Verdacht in ihm zu keimen begann, dann aber, im nächsten Moment schon, keinen anderen Gedanken mehr zuließ.
Christine Zimmermann.
Mutter.
Ein längerer Krankenhausaufenthalt, die Zeitung war deswegen nicht abbestellt worden, dann ihr überraschender …
Hart setzte er sich in einen der beiden Sessel, kauerte sich dann in ihn hinein. Auf den gepolsterten Armlehnen waren Brandflecken. Der Gedanke, dass es Heinrichs Sessel war und die Mutter ihn aus Sentimentalität so belassen haben musste, schob sich mit überraschender Schärfe zwischen das pulsierende Dröhnen in seinem Schädel.
Vielleicht stand die Beerdigung noch bevor, vielleicht konnte er wenigstens so noch Abschied von ihr nehmen.
Er würde seine Schwester anrufen. Gleich. Nein, jetzt sofort.
Als er sich erheben wollte, hörte er, wie draußen eine Wagentür zugeschlagen wurde. Dann Wortfetzen. Dann – einen langen Moment später – wurde die Haustür geöffnet, jemand kam herein. Eine zweite Person folgte, es wurde etwas Schweres abgestellt. Durch das Milchglas der Wohnzimmertür konnte er eine gerade Gestalt in einem dunklen Mantel erkennen. Sie drehte sich zur Wohnzimmertür, einen Moment lang glaubte er, das Oval ihres Gesichtes im Licht der Flurlampe zu erkennen.
Wie gelähmt saß er in dem Sessel und starrte auf das Milchglas.
„Schön, wieder zuhause zu sein“, hörte er sie sagen. Und dann, verstört: „Ist da schon jemand?“
„Ihre Tochter wird sich um alles kümmern“, sagte der Mann nur. Er nahm sich klein und korpulent gegen die Mutter aus, als er hinter ihr hervortrat.
„Die Medikamente lege ich hiiier hin“, sagte er und er sagte es sehr laut und sehr deutlich. „Ihre Tochter wird dafür sorgen, dass Sie sie regelmäßig einnehmen.“ Er drehte sich wieder zur Mutter um, hob den Arm, reichte ihr vielleicht die Hand. „Ich muss weiter. Alles Gute.“
Bernd hörte die Tür ins Schloss fallen.
Die Mutter blieb stehen. Dann machte sie ein paar zögerliche Schritte und öffnete die Wohnzimmertür. Unverwandt sah sie ihn an. Ihr Haar war kurz und grau und ihre Mundwinkel hingen ein wenig nach unten, aber ihm schien, sie sei noch immer schön. Um ihren Kopf lag der Schimmer von 40 Watt.
„Heinrich“, sagte sie ganz ruhig. Und mit ein wenig Schalk in der Stimme: „Du Schlemihl. Komm, lass uns zu Bett gehen.“
Henrik Jäger – Das Licht der Erinnerung
Mit zitternden Händen faltete sie den letzten Brief zusammen und legte ihn zu den anderen, die quer verstreut auf dem dunklen Mahagonitisch lagen. Gestern noch – sie hatte mit ihrer Tochter und deren Familie ihren 87. Geburtstag gefeiert – glaubte sie, endlich einen abgeklärten Blick auf ihr Leben gefunden zu haben, aber nun war er durch die Erinnerung an ihre Liebe zu Philipp, den sie kurz vor seiner Einberufung kennengelernt hatte, erschüttert worden. Damals war Mathilde so sicher gewesen, dass sie nichts mehr würde trennen können und dass sie selbst ihre Mutter noch würde überzeugen können, dass sie mit Philipp ein Leben aufbauen wollte – auch wenn er nicht katholisch war.
Doch dann war er mit einem Mal weit weg gewesen und Mathilde wartete und wartete auf seine Post. Vergebens – sie waren auch nicht lange genug zusammen, sodass sie seine Verwandten oder Freunde kennengelernt hätte, die sie nach Philipp hätte fragen können. Und sie fürchtete sich auch ein wenig, zu hören, dass er sich vielleicht doch für Ruth entschieden hatte, – seine erste Liebe, an der er immer noch zu hängen schien.
Als Mathilde gestern das alte Fotoalbum ihrer Mutter aus dem Regal zog, war es ihr aus der Hand gerutscht und auf den Boden gefallen – und da lagen sie plötzlich, gut ein Dutzend Briefe mit vergilbter, manchmal kaum mehr zu lesender Schrift. Ihre Mutter hatte eine fast nicht sichtbare Falttasche auf der letzten Seite als Versteck gewählt.
Sie waren ungeöffnet und trugen den Absender verschiedener Feldpoststationen in den besetzten Gebieten Russlands und der Ukraine, man konnte an ihren Daten gut nachvollziehen, wo sich Philipp bis zu seinem Tod im Mai 1943 aufgehalten hatte. In den ersten Briefen schwang noch viel Leidenschaft und gemeinsame Erinnerung mit, Philipp beschwor Mathilde mit allen nur erdenklichen Worten der Zärtlichkeit, sie möge ihm doch antworten – er warte so sehr auf ihre Post und wisse aber nicht, ob seine Briefe sie und ihre Briefe ihn überhaupt erreichen könnten. Und dann beschrieb er seine Träume von der Zeit nach dem Krieg und von einem gemeinsamen Leben mit Mathilde – er wollte viele Kinder mit ihr haben und schickte ihr auch schon Vorschläge möglicher Namen – sie solle doch diejenigen ankreuzen, die ihr gefielen.
Mathilde hatte auf Wunsch der Mutter kurz nach dem Krieg Paul geheiratet – einen katholischen Gymnasiallehrer, der trotz einer leichten Kriegsverletzung am linken Bein eine stattliche Figur machte. Er war ein deutliches Stück älter als sie gewesen. Sie hatte zwar keine Leidenschaft für ihn empfunden, aber sie wusste sich bei ihm in guten Händen.
Die Ehe mit Paul war fast frei von Tiefen, aber auch von Höhen gewesen, sie lebten einfach nebeneinander her, zogen zwei Kinder groß und freuten sich an den gemeinsamen Reisen. Doch jedes Jahr, wenn es Mai wurde, musste sie an jenen Tanzabend in ihrem schlesischen Heimatdorf denken, an dem sie Philipp das erste Mal geküsst hatte. Ein so warmes, bis in die Haarspitzen pulsierendes Gefühl hatte sie mit Paul nie erlebt.
Sie hatte die ganze Nacht überlegt, ob sie die Briefe überhaupt lesen sollte. Sie hatte Angst vor den Erinnerungen und Gefühlen, die diese wohl auslösen würden. Doch dann hatte sie sich nach dem Frühstück ein Herz gefasst und einen nach dem anderen geöffnet. Sie war beim Lesen in einen merkwürdigen Zwischenzustand – zwischen realem Erleben der Gegenwart und einem völligen Entrücktsein in vergangene Tage – geraten, einen Zustand, der zu einer Leinwand wurde, auf der sie all die Jahre ihres Lebens noch einmal wie einen Film vorbeiziehen sah. Und gleichzeitig durchzog sie mit einem unbändigen Schmerz das Wissen, dass Philipp so lange in Russland auf ihre Post gewartet und geglaubt haben musste, dass sie ihn vergessen hatte. Dieser Schmerz wurde in manchen Momenten nur noch übertroffen von dem Zorn auf ihre Mutter. Und all die Erlebnisse und Gefühle jener Zeit schlugen mit mächtigen Flammen hoch und ließen ihr Leben in einem neuen Licht erscheinen: Wie wenig hatte sie doch gelebt und geliebt, wie sehr sich mit dem oberflächlichen gleichförmigen Leben in sicheren Bahnen arrangiert. Das Feuer der Erinnerung beleuchtete alles Halbherzige und Starre, alles Seichte und Angepasste in ihrem Leben und Mathilde fing – das Gesicht über den Briefen in die Hände gestützt – leise an zu weinen.
Albert Bisenius – Neulich, im Lavendel
„Was war die schärfste Nummer deines Lebens?“ Nina lachte hämisch und drückte den Zigarettenanzünder. „Was war die schärfste Nummer deines Lebens?“, wiederholte sie in gackerndem Stakkato. „Unfassbar. Das war doch eine typische Männerfrage, die Manni beim letzten Mal gestellt hat. Und Doro, die liebe, süße, kleine Doro lacht noch, wenn er von dieser spanischen Tussi und seinem Abenteuer in Las Palmas angibt. Hättest du diese Frage beantwortet, mein Hase? Ehrlich beantwortet? Ich meine …“ Sie kurbelte das Fenster halb nach unten, zündete sich eine Zigarette an und atmete den Rauch flüchtig ein und nach draußen. „Ich meine, so mit allem Drum und Dran, wie Manni das getan hat. Hättest du?“
Rolf blickte geradeaus und konzentrierte sich auf den Verkehr. Sein „Hmm“ kam für Ninas Geschmack etwas zu beiläufig.
„Ach du, mein lieber Hase im Strickpullover, du würdest mit deiner begnadeten Fantasie sicherlich die tollsten Geschichten erfinden, mit den wildesten Stellungen, mmhi.“ Sie gluckste wie ein Huhn. „Mal abgesehen davon, dass alle wissen, wie es um deine Bandscheiben bestellt ist und dass dein Rücken dich schnell als Lügner entlarven würde …“
„Wir“, unterbrach Rolf, „wir alle haben beschlossen, dass Mannis Geschichte über die angeblich schärfste Nummer seines Lebens eine Lüge war. Und genau darum musste er uns alle zum Italiener einladen, weil wir ihm nicht geglaubt haben. Hast du das schon vergessen?“
Rolf kochte. Er drehte den Kopf um 90 Grad nach rechts und starrte Nina an, als versuchte er sie mit seinem Blick mundtot zu machen. Es ärgerte ihn, von seiner Frau als Biedermann bezeichnet zu werden.
„Schau nicht so grimmig, sondern nach vorne, mein Hase“, sagte Nina. „Ich will damit doch nur sagen, dass diese Frage eine typische Männerfrage ist. Wir Frauen würden uns gewählter ausdrücken, niemals so profan wie Manni. Für uns steht der Sex niemals im Vordergrund. Wir wollen Gefühle.“
„Manni hat die Frage nach der schärfsten Nummer seines Lebens eben ohne viel Umschweife beantwortet“, zischte Rolf.
Nina zog etwas länger an ihrer Zigarette, blies den Rauch noch länger aus dem Fenster und meinte schließlich: „Eben, halt wie ein Mann. Wir Frauen sind eindeutig das gefühlvollere und intelligentere Geschlecht.“
„Das kannst du heute Abend unter Beweis stellen“, entgegnete Rolf. „Schon vergessen, wie ihr, vor allem du, euch beim letzten Mal so köstlich über Mannis profane Frage amüsiert habt.“
Nina warf die angerauchte Zigarette aus dem Fenster und kurbelte die Scheibe wieder nach oben. „Du tust ja gerade so, als hättest du dich gelangweilt. Hast du dich gelangweilt, mein Strickhäschen?“
„Ich habe mich nicht gelangweilt“, knurrte Rolf, „weil ich die Frage ja nicht beantworten musste.“
„Ah, verstehe“, zischte Nina. „Du hättest nur langweilige Abenteuer erzählen können. Dann kommt der heutige Abend ja gerade recht, um dich aus deiner Langeweile herauszureißen.“
„Pah“, machte Rolf und konzentrierte sich weiter auf den Verkehr. Er ertappte sich bei einem Blick in den Rückspiegel. Was konnte er dafür, wenn er mit seiner Glatze und seinem akkuraten Zentimeterbart wie der typische Lehrer wirkte, während Nina so verdammt toll aussah, auch wenn sie mit ihren knapp 50 Jahren mittlerweile eineinhalb Stunden im Badezimmer benötigte und anschließend sämtlichen Männern den Kopf verdrehen konnte, während es bei ihm keine Rolle spielte, ob er eine Viertelstunde oder zwei Stunden im Bad verbrachte. Das Ergebnis hinterher war immer das Gleiche: Rolf, gekämmt und gebürstet wie ein Lehrer. Morgen würde er sich den Bart rasieren. Und er würde seine Strickpulloversammlung der Caritas vermachen.
Manni und Doro wohnten am anderen Ende der Stadt und waren die heutigen Gastgeber des gemeinsamen Spieleabends.
Rolf lenkte den alten Passat direkt vor Mannis Garage.
Zwei Umarmungen, sechs Küsschen und acht Schnittchen später saß er zusammen mit Dieter und Sylvie, Manni und Doro und natürlich Nina an einem großen Tisch im Wohnzimmer.
Den Auftakt des Spieleabends machte eine Runde Siedler von Catan. Rolf war mit seinen Gedanken nicht richtig bei der Sache, hatte er doch ein Gespür für kommendes Unheil.
Zwei Stunden später, vor jedem lagen ein kleiner Schreibblock und ein Bleistift, meinte Doro: „Also, ihr kennt ja noch die Regeln von unserem Mut-zur-Wahrheit-Spiel. Jeder darf eine persönliche Frage auf seinen Block schreiben. Sechs zusammengefaltete Zettelchen landen in diesem Knobelbecher. Dann wird reihum gezogen und der Würfel bestimmt, wer die jeweilige Frage beantworten muss. Der Rest muss entscheiden, ob die Frage wahrheitsgemäß beantwortet oder ob ihm eine Lüge aufgetischt wurde. So weit alles klar?“
Der Mut-zur-Wahrheit-Abend begann. Sylvie musste eine Antwort auf die Frage nach dem schönsten Mann in der Stadt finden. Aufgeregt warf sie ihre langen, wasserstoffblonden Haare nach hinten und beantwortete die Frage mit langweiligen und ausgedehnten Geschichten über ihren schwulen Fitnesstrainer. Die Gruppe stimmte für Wahrheit.
Doro erwischte die Frage: Was war deine peinlichste Situation in den letzten zehn Jahren. Sie gestand einen versehentlichen Beinahe-Diebstahl in einem Kaufhaus, bei dem sie erwischt worden war und erst nach Aufnahme ihrer Personalien durch die Polizei nach Hause durfte.
Auch diesmal stimmte die Gruppe für Wahrheit.
Die dritte aus dem Knobelbecher gezogene Frage lautete: Was war dein erotischstes Abenteuer?
Rolf wusste sofort, wer diesen Zettel geschrieben hatte. Er würfelte und zwei Minuten später starrten fünf erwartungsvolle Augenpaare ihn an.
„Jetzt bin ich aber mal gespannt“, flüsterte Nina Doro ins Ohr.
„Hast du denn gar keine Angst?“, fragte Doro.
„Rolf hat nichts zu verbergen“, kicherte Nina.
Rolf blickte seine Frau mehrere Sekunden lang an, dann begann er.
„Nun, es ist eine Geschichte, die mir erst neulich wieder durch den Kopf gegeistert ist, als ich unseren blühenden Lavendel im Garten bewundert habe.“
„Wieder?“, fragte Dieter. „Dann denkst du öfter daran?“
Rolf zuckte mit der Schulter.
„Also, was war denn nun neulich im Lavendel“, meinte Nina mit leicht spöttischem Unterton.
„Ich war gerade dreizehn, als wir …“
„Dreizehn? Gott sei Dank“, unterbrach Nina erneut. „Dann bin ich ja fein raus. Mit dreizehn kannte ich dich noch nicht.“
Rolf wollte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. „Wir nahmen mit unserer Französischklasse an einem Schüleraustausch teil und verbrachten zwei Wochen in Frankreich, genauer gesagt, in einem kleinen verschlafenen Ort in der Provence. Ich, mit meinen eins neunzig, war ausgerechnet dem kleinsten Franzosen zugeteilt worden, Jean oder Jan, ich weiß schon gar nicht mehr seinen Namen …“
„Ihr müsst ja lustig ausgesehen haben, wie Pat und Patachon“, warf Manni ein.
„Jetzt lasst ihn doch mal erzählen“, ermahnte Doro.
„Genau so fühlte ich mich anfangs“, sagte Rolf. „Doch spätestens in dem Moment, als Jan oder Jean mich seiner großen Schwester vorstellte, ihr Name war Noelle, spätestens seit diesem Moment beneideten mich meine Klassenkameraden.“
Noelle war damals drei Jahre älter als wir, also so um die 16, war groß, schlank und hatte dickes, pechschwarzes Haar, welches ihr in tausend kleinen Löckchen fast bis zur Hüfte reichte.“
„Also ein Rasseweib“, bemerkte Dieter.
„Von Rasseweib oder Ähnlichem hatte ich mit 13 noch keine Ahnung“, gestand Rolf. „Was ich aber an mir bemerkte, waren Atemnot, Herzrasen und Bauchflattern. Diese Symptome überfielen mich, sobald Noelle den Raum betrat oder mich anschaute und anlächelte. Es war …“ Er suchte nach den passenden Worten. „Es war etwas ganz und gar Neues für mich. Ein ganz neues Gefühl. Und zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich eine unüberwindbare Kluft zwischen einem 13-jährigen und diesem, in allen Situationen lächelnden und überlegen wirkenden Mädchen. Sie schien um Lichtjahre weiterentwickelt zu sein als ich und die Angst, mich vor ihr zu blamieren, lenkte all mein Tun und Handeln irgendwie ins Lächerliche. So sehr ich mich auch bemühte, besonders groß und erwachsen zu wirken, umso blöder kam ich mir selbst vor. Nach einigen Tagen erlöste mich Noelle aus meiner Qual, indem sie mir aus dem Wege ging. Doch überall, wo wir auch waren, hielt ich Ausschau nach ihr, jede Stunde, jede Sekunde.“
„Tolles erotisches Abenteuer“, murmelte Nina und schüttelte ihren Kopf.
„Bis zum letzten Tag meines Aufenthaltes“, fuhr Rolf fort.
„Wusste ich’s doch“, rief Manni. „Diese Französinnen. Machen einen scharf bis zum Gehtnichtmehr und dann, am letzten Tag …“
Doro stellte ihn mit einem Schlag ihres Ellenbogens in seine Rippen ruhig. „Erzähl weiter“, meinte sie.
„Unsere französischen Austauschschüler sollten uns zur Abreise zum Bus bringen, doch Jean, er hieß Jean, ich bin mir wieder sicher, Jean lag mit Fieber in seinem Bett. Noelle erschien an diesem Morgen wie aus dem Nichts und bot mir an, mich zu unserem Abreiseplatz zu begleiten, doch vorher wollte sie mir etwas zeigen. Sie brachte mich an ihren Lieblingsplatz, einem in der Nähe gelegenen Lavendelfeld. Unter einer uralten Eiche breitete sie eine Decke aus, ließ sich in ihrem knappen T-Shirt und ihren Hotpants rücklings einfach auf die Decke fallen und forderte mich auf, mich neben sie zu legen. Während ich also neben ihr lag, vor Angst halb bewusstlos in den Himmel starrte, spürte ich, wie sie meine feuchte Hand ergriff, warm und zart. Ich hörte ihren leisen, gleichmäßigen Atem, bemerkte aus den Augenwinkeln, wie sich ihre Brüste langsam auf und ab bewegten, als sei es für Noelle das Natürlichste, mit einem fremden Jungen hier zu liegen, Hand in Hand, und in den Himmel zu starren. Allmählich löste sich meine Anspannung, mein Atmen wurde ruhiger und auf einmal war meine Angst wie weggeblasen. Obwohl wir uns keinen Zentimeter weiter aufeinander zu bewegt hatten, fühlte ich mich mit diesem fremden Mädchen mehr verbunden als mit einem Menschen jemals zuvor. Und ich genoss den Lavendelduft, den ich bis dahin kaum wahrgenommen hatte. Ich bildete mir ein, der Duft käme von diesem Mädchen neben mir. Es war wie ein Rausch. Die vorbeiziehenden Wolken verwandelten sich in die abenteuerlichsten Gebilde, beflügelten meine Fantasie, ließen mich und Noelle darin versinken. Bis ich irgendwann, wir lagen sicherlich seit über einer Stunde unbeweglich auf dieser Decke, bis ich irgendwann den Drang verspürte, dieses Mädchen küssen zu wollen, ihre Lippen zu spüren, ihr Gesicht in meinen Händen zu fühlen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sich ihre Haut anfühlte, wie sie sich mit ihrem weichen Körper an mich schmiegte, wonach ihre Lippen schmeckten. Und die ganze Zeit, während mich diese Gedanken und der Lavendelduft berauschten, versuchte ich weiter flach und ruhig zu atmen, um mich nicht zu verraten, um sie nicht zu erschrecken.“
Rolf machte eine Pause. Am Tisch war es auffallend still geworden. Jeder schien mit seinen Gedanken neben Noelle auf einer Decke im Lavendelfeld zu liegen.
„Irgendwann setzte Noelle sich auf, schaute mich mit diesem schmerzenden, überlegenen Lächeln an und meinte: ,Vite, vite, Rolf. Wir dürfen deinen Bus nicht versäumen.’“
Rolf seufzte und ärgerte sich sofort, diesen Seufzer vor seinen Freunden und seiner Frau nicht unterdrückt zu haben.
Einige Sekunden herrschte eine ungewohnte Stille im Wohnzimmer. Bis Manni abfällig meinte: „Und das war dein erotischstes Abenteuer? Jetzt versteh ich, warum du so viel Lavendel in deinem Garten hast.“
„Unkraut“, zischte Nina.
„Also ich fand’s toll“, lächelte Sylvie. „Und schrecklich romantisch. Das sind ja ganz neue Seiten an dir. Und habt ihr euch noch voneinander verabschiedet?“
Rolf nickte. „Noelle brachte mich mit meinem Koffer zum Bus und noch heute sehe ich die Blicke meiner Klassenkameraden, als sie mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange drückte und mir ein ‚Merci’ ins Ohr hauchte.“
Eine halbe Stunde später versuchte Rolf, sich wieder auf den nächtlichen Verkehr zu konzentrieren. Nina starrte schweigend aus dem Seitenfenster.
„Ihr habt gar nicht abgestimmt, ob ich die Wahrheit erzählt oder gelogen habe“, versuchte Rolf eine Reaktion von Nina herauszulocken.
„Ach“, machte Nina abfällig, ohne den Kopf zu drehen.
Klaus Gottheiner – In der Deutschherrenstraße
Raben, las ich neulich in der Wissenschaftsbeilage zum „Linksrheinischen Morgenblatt“, verfügen über ein Vokabular von über zweihundert idiomatischen Wendungen. Daran musste ich denken, als ich einige Tage später, zurück aus dem Büro, mein Fahrzeug an der Deutschherrenstraße abstellte und wie immer die schwarzen Schwärme über den Wipfeln der Alleebäume kreisten, um sich ihre Schlafplätze zu suchen (wie ich bisher gedacht hatte) oder den Klatsch und Tratsch des Tages auszutauschen (wie ich es jetzt durchaus für möglich hielt).
Einer dieser Vögel hatte sich von seinen Gefährten abgesondert und landete, gerade als ich die Wagentür abschloss, mit einer eleganten Drehung seiner weiten schwarzen Flügel direkt neben mir auf dem kniehohen Mauerstück am Rand der Straße. Mir fiel die ungewöhnliche Zeichnung seines Gefieders auf, bei dem sich einige Striche Weiß in das gewohnte Blauschwarz verirrt hatten. Der Rabe erwiderte kühl meinen interessierten Blick, machte eine scharrende Bewegung mit der Kralle, breitete gleich darauf seine Flügel wieder aus und flog mit einem sarkastisch-missbilligenden „Kekekekekek“ davon. Früher hätte ich diese Bemerkung einfach überhört, nun aber fragte ich mich doch, was er damit wohl gemeint haben konnte.
Am nächsten Abend sah ich ihn wieder, wie er dieselbe niedrige Mauer wie am Vortag entlangstakte. Ich erkannte ihn sofort an den weißen Federn in seinem schwarzen Gewand, er aber würdigte mich keines Blickes, was mich dazu provozierte, ihm ein ausgelassen-freches „Kekekekekek!“ zuzurufen.
Der Rabe wandte den Kopf und sah mich strafend an. „Das ist ein Wort, das niemand leichthin aussprechen sollte“, sagte er mit unfroher Betonung.
„Aber erst gestern haben Sie es selbst gebraucht, und zwar mir gegenüber“, protestierte ich.
„Ich? Ihnen gegenüber?“, rief er verächtlich. „Bestimmt nicht. Ich würde dieses Wort nie grundlos äußern, schon gar nicht zu einem Individuum, das nicht meines Standes ist. Wenn ich es wirklich gesagt haben sollte, dann zu mir selbst, als ich an Ereignisse in meinem früheren Leben dachte. An den Augenblick, an dem das Wort ‚Kekekekekek‘ diesem Leben eine dramatische Wendung zum Schlechteren gab.“
„Wie bitte?“ Meine Neugier war geweckt. „Erzählen Sie!“ Ich setzte mich auf die Mauer, um ihm besser zuhören zu können.
„Sie wollen es wirklich wissen?“, fragte er traurig. „Nun gut. Ich heiße Alfred Baron Harkentokrax. – Das ist ein bekannter Name in Westfalen“, ergänzte er hochmütig, als er mein ungläubiges Gesicht sah. „Als zehntem Sohn eines alten, aber verarmten Geschlechtes, auf dessen Ländereien nicht einmal die Nager und Kleintiere mehr genügend Körner fanden, geschweige denn wir selbst genug Nager und Kleintiere, blieb mir nichts übrig, als mich um meines Auskommens willen einem geistlichen Ritterorden anzuschließen, dem einzigen seiner Art, dem es gelungen war, seine Existenz ins achtzehnte Jahrhundert hinüberzuretten, indem er ein Refugium in diesem beschaulichen Städtchen fand.“
„Ritterorden? Sie meinen mit Rüstungen, Turnieren und so weiter?“, fragte ich. „Ich wusste gar nicht …“
