Küstenschnee - Martina Bauer - E-Book

Küstenschnee E-Book

Martina Bauer

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Tatort Neuharlingersiel. Wenn das Küstenparadies zum blutigen Alptraum wird ... In der Friesenklinik in Neuharlingersiel landet ein Seemann mit schwersten Verletzungen. Die Ärztin Dr. Ylvie Martens findet Hinweise auf eine Foltermethode, mit der in der frühen Neuzeit Matrosen für schwere Vergehen bestraft wurden. Besorgt stellt Ylvie Nachforschungen an. Sie findet heraus, dass ihr Patient ein kleiner Fisch in einem Netzwerk ist, das Drogen über die Nordsee transportiert. Ihre neugierigen Fragen bringen Ylvie in Gefahr. Nach einem brutalen Überfall ist sie gezwungen, unterzutauchen. Als ihr Lebensgefährte Gabriel nach seiner Arbeit im Kutterhafen nicht zu ihr zurückkehrt, droht Ylvies Leben völlig aus den Fugen zu geraten. Ylvie hat nichts mehr zu verlieren, als sie den Kampf aufnimmt gegen einen übermächtigen Gegner: einen Ring von Kokainschmugglern. »Küstenschnee« ist ein temporeicher Drogenkrimi, der den Leser mitreißt wie die Brandung der Nordsee! Küstenschnee schließt chronologisch an Band 1 (Kinder des Watts) an, aber es handelt sich um eine eigenständige Geschichte, die unabhängig davon gelesen werden kann.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Küstenschnee

Ein Küstenkrimi von Martina Bauer

Teil 2 der

»Friesenleichen«-Reihe

Alle Rechte liegen bei der Autorin Martina Bauer

Copyright:

© 2025 Martina Bauer www.martinabauer.jimdo.com

Impressum:

Martina Bauer

Guttenbergstr. 1

76889 Schweigen-Rechtenbach

Covergestaltung:

Jacqueline Spieweg, FarbRaum4 (http://www.jspieweg.de/)

Coverfoto:

Ship lighthouse storm waves sea (www.shutterstock.com)

Lektorat: Christine Giegerich

(www.lektorat-giegerich.de)

Über die Autorin

Schon als Kind liebte Martina Bauer gruselige und packende Geschichten und schlich sich heimlich ins Wohnzimmer oder ließ sich ins Kino schmuggeln, um sich spannende Filme anzusehen. Heute schreibt sie mit Erfolg Thriller, Krimis und Horrorgeschichten. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt sie an der Südlichen Weinstraße und arbeitet als Fachkrankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie.

Alle Personen im nachfolgenden Text sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. 

1

Verschmitzt lächelte Luca seine kleine Schwester an. »Heute ist genau der richtige Tag für eine Schatzsuche«, sagte er.

Sofia zog die Nase kraus. Sie war nicht vollkommen überzeugt von Lucas Plan. »Wollen wir nicht warten, bis Mama und Papa aufgewacht sind?«

»Die schlafen noch ewig.« Es war kurz nach sechs, die Sonne war noch nicht einmal am Horizont erschienen. Ihre Eltern genossen es, im Urlaub ausschlafen zu können. Vor halb neun oder neun würden sie sich wohl nicht aus dem Bett quälen. Und Luca hatte nicht vor, diese Zeit tatenlos verstreichen zu lassen. Nächste Woche fing die Schule wieder an. Bis dahin wollte er noch einige Abenteuer erleben, von denen er seinen Schulfreunden erzählen konnte.

»Schreib ihnen einen Zettel, sonst machen sie sich vielleicht Sorgen«, bat Sofia.

»Bis sie aufstehen, sind wir längst zurück«, sagte Luca. »Und auf dem Rückweg gehen wir beim Bäcker vorbei und bringen frische Brötchen und ein paar Stück von diesem leckeren Teekuchen mit. Dann freuen sie sich.« Er öffnete die Schlafzimmertür einen Spalt breit. In kuschelige Decken eingewickelt wie zwei Mumien lagen ihre Eltern in einem Doppelbett. Der Fuß seiner Mutter mit den knallrot lackierten Zehennägeln schaute unter der Bettdecke hervor. Träge bewegte sie den Fuß, vielleicht träumte sie davon, durch den Schlick zu waten.

Sofia nickte. Sie hatte versucht, ihren Zopf selbst zu flechten, mit dem Ergebnis, dass Luca ihr helfen musste, einige verfilzte Strähnen zu entwirren. Sofia hatte dabei gejammert, als zöge er ihr den Skalp vom Kopf. Anschließend bürstete er ihr langes, blondes Haar, wickelte ein Haargummi um den dünnen Zopf, »das sitzt viel zu tief, das hält dann nicht, nein, jetzt ist es zu weit oben, dann ziept es so«, und half ihr, die verschwundene Haarspange zu suchen, die er schließlich im Wäschekorb zwischen schmutzigen Jeans und müffelnden Strümpfen fand.

Konzentriert brachte Sofia die Spange in ihrem Haar an. Dabei schob sie die Zungenspitze zwischen die Lippen, als müsste sie eine besonders schwierige Aufgabe lösen. Luca beobachtete sie und fragte sich, was seine jüngere Schwester an der Farbe Rosa fand. Genau genommen sah sie aus wie ein überdimensioniertes Bonbon: rosa Sneakers, rosa Sweatshirt mit aufgedruckten Herzchen, knallpinkfarbene Jacke. Auch die Haarspange war natürlich rosa. Wenn man Sofia anschaute, meinte man, sie wäre gerade aus einem rosafarbenen Überraschungsei geschlüpft.

»Wir müssen los! Das Wasser hat sich schon zurückgezogen.« Luca hielt Sofia sein Handy mit dem Tidekalender unter die Stupsnase. »Wir müssen die Ersten am Strand sein, sonst kommt uns jemand zuvor.« Er holte die Geldbörse seiner Mutter aus ihrer Handtasche und nahm ein paar Münzen für den Bäcker heraus.

»Aber Luca«, sagte Sofia altklug. »Gestern haben wir nichts als eine faulige stinkende Austernschale gefunden.«

»Heute haben wir bestimmt mehr Glück«, sagte Luca. »Komm schon!«

*

Hier im Urlaub mussten sie sich ein Zimmer teilen. Luca hatte nicht mehr schlafen können, und als er aufgestanden war, war Sofia ebenfalls wach geworden. Bevor sie auf die Idee kam, ihn zu bitten, ob er mit ihren Puppen spielen wollte, schlug er vor, am Strand nach Treibgut zu suchen. Souvenirs für zu Hause.

Leise zogen sie die Tür der Ferienwohnung hinter sich ins Schloss. Außer ihnen beiden schien in der ganzen Feriensiedlung noch niemand wach zu sein.

Es würde ein schöner Tag werden. Der Himmel war weit und klar. Der Wind trug den salzigen Geruch des Meeres mit sich.

Unterwegs fand Luca einen Stock. Er kämpfte damit gegen einen imaginären Gegner, schwang ihn hin und her wie ein Schwert, mit dem er Piraten in die Flucht trieb. So etwas Kindisches hätte er sich in Gegenwart seiner Freunde nie getraut. Mit fast zwölf Jahren war er dafür viel zu alt, sie hätten ihn schallend ausgelacht. Aber hier, wo außer seiner kleinen Schwester weit und breit niemand zu sehen war, war es völlig in Ordnung, eingebildete Bösewichter das Fürchten zu lehren.

Sie erklommen den Deich. Auf der Spitze drehte sich Sofia um und schaute zu ihrem Haus zurück, als hoffte sie, dass sich das Fenster öffnete, und ihre Mutter nach ihnen Ausschau hielt und sie zurückwinkte. Einfach nach draußen zu gehen, ohne Bescheid zu sagen, war ihr nicht geheuer. Sie war die Brave, die Angepasste von ihnen beiden, Mut und Entdeckerlust gehörten nicht zu ihren Stärken. Ihren drei Jahre älteren Bruder, der das genaue Gegenteil verkörperte, himmelte sie an. Naiv und immer etwas ängstlich folgte sie Luca, ohne zu zögern. Luca würde schon aufpassen, dass ihr nichts zustieß.

*

Die Luft war so früh am Morgen kühl und frisch, Luca wünschte sich, er hätte ebenfalls eine Jacke oder wenigstens ein Sweatshirt angezogen. Aber er ließ kaum eine Gelegenheit aus, sich in seinem coolen neuen T-Shirt von Minecraft zu zeigen.

Wie ein endloses Band aus feinem Sand breitete sich der Strand vor ihnen aus. Sie zogen ihre Sneakers aus und liefen barfuß weiter, ihre Zehen gruben sich tief in den Schlick. Sie fanden unzählige kleine Muschelschalen, aber keine davon war besonders hübsch; dann noch zwei Coladosen, eine Plastiktüte und einen toten Fisch.

»Von wegen Schatz«, meckerte Sofia. Sie wurde langsamer und drehte sich immer wieder zu den Häusern um. Inzwischen hatten sie das Küstenstädtchen weit hinter sich gelassen.

»Komm schon, wir gehen noch ein kleines Stück.«

Sofia maulte.

»Da vorne«, sagte er. »Da ist was.«

»Das ist doch wieder nur so eine dumme Tüte.« Aber es sah nicht aus wie eine einfache Plastiktüte, die ein Umweltsünder am Strand zurückgelassen oder ins Meer geworfen hatte. Sofia zog an ihm vorbei und rannte auf den angespülten Gegenstand zu. Er war orangefarben und für eine Tüte viel zu groß.

»Luca!«, kreischte Sofia panisch. »Da liegt ein Mensch!«

Einem ersten Impuls folgend verspürte Luca den Drang, umzudrehen und wegzulaufen. Zurück zu Mama und Papa, in die Sicherheit der Ferienanlage, wo es bald nach warmem Kakao und den frischen Brötchen duften würde, die Sofia und er holen wollten. Aber dann trat er doch ein paar Schritte näher und sagte: »Das ist kein Mensch.«

»Aber da liegt eine Jacke«, sagte Sofia.

»Das ist eine Rettungsweste«, sagte Luca. Vorsichtig, als könnte sie beißen, näherten sie sich der Weste. Zwischen Algen und Treibholz lag sie im nassen Sand, aufgeblasen, mit zwei großen, neongelben Fronttaschen. Der Klickverschluss war geschlossen. Als wäre ein Mensch herausgerutscht. Aber das ging doch gar nicht, oder? Vielleicht, wenn sie viel zu groß war? Wenn ein Kind darin gesteckt hatte?

An der Weste waren mehrere Päckchen befestigt.

Luca kniete sich hin, um die Päckchen genauer zu betrachten. Sie hatten alle dieselbe rechteckige Form, waren fest in Folie eingepackt und mit einer roten Schnur umwickelt, die von der salzigen See und dem Sand zerfressen war. Sie erinnerten Luca ein wenig an die Zeitungspakete, die an den Nachbarsjungen geliefert wurden, und die er austrug, um sein Taschengeld aufzubessern.

»Was ist das?«, fragte Sofia mit großen Augen. »Denkst du, es ist von einem Schiff gefallen?«

»Ich denke schon.« Luca überlegte. Er wusste aus den Nachrichten, die er abends gerne mit seinem Vater schaute, dass manchmal Containerschiffe einen Teil ihrer Ladung verloren. Dann konnte es sein, dass ihr Inhalt an irgendeinen Strand geschwemmt wurde: Computerteile, Schuhe, Möbelstücke, alles, was man sich vorstellen konnte. Aber diese Päckchen sahen eigenartig aus. Und warum waren sie an der Rettungsweste festgemacht?

War vielleicht ein Schiff gesunken, und jemand hatte verzweifelt versucht, etwas Wertvolles zu retten?

Nein, dachte er, davon hätten sie doch gehört. Ein untergegangenes Schiff in der Nähe eines Ferienortes wäre doch bestimmt in allen Schlagzeilen. Andererseits, wer wusste schon, welchen weiten Weg dieses seltsame Ding zurückgelegt hatte.

Luca zückte sein Handy und machte ein Foto von der Rettungsweste. Dann löste er eins der Päckchen. »Steck das in deinen Rucksack«, sagte er.

»Es ist aber schmutzig.«

»Ich helfe dir später, ihn sauber zu machen«, sagte Luca. »Wir müssen das Mama und Papa zeigen. Es ist irgendwas – Komisches.«

»Okay«, sagte Sofia mit dünner Piepsstimme und nahm das Päckchen. »Das ist ganz schön schwer.«

»Lass uns zurücklaufen«, sagte Luca. Auf einmal spürte er eine starke Beklemmung. Irgendetwas stimmte nicht. Es war nicht einfach eine Umweltsünde, die sie da gefunden hatten. Das war mehr. Mehr, und es war – gefährlich.

Er nahm Sofia an die Hand. Als sie sich anschickten, den Deich zu erklimmen, tauchte oben auf der Deichspitze ein Mann auf. Er war groß, breitschultrig, trug einen Vollbart, und er blickte ziemlich finster.

»Komm mal hoch«, rief er über die Schulter. Und dann an Luca und Sofia gewandt: »Was macht ihr denn hier?«

»Wir … waren nur spazieren«, stammelte Luca.

»Spazieren«, sagte der Hüne. »Soso.« Langsam schritt er den Deich hinab. Oben erschien ein weiterer Mann, dünn, drahtig und ebenfalls mit mürrischem Blick. Sein Gesicht war lang, ein bisschen wie bei einem Pferd. Beide starrten auf die Rettungsweste im Schlick.

Und dann sagte Sofia: »Wir haben das gefunden. Es gehört uns!«

Luca schloss die Augen. O nein, dachte er. Seine kleine Schwester hielt ihren seltsamen Fund wohl immer noch für einen Schatz.

Die Männer kamen näher. Sie wirkten bedrohlich. Luca entging nicht, wie sie einen Bogen schlugen. Einer näherte sich von links, der andere von rechts. Sie versuchten, die Kinder einzukreisen.

Luca tastete nach seinem Handy, um seine Eltern anzurufen. Hoffentlich hörten sie es klingeln und gingen gleich dran!

Blitzschnell war der Hüne bei ihnen. »Ihr zwei kommt mit mir mit«, sagte er. Er packte Sofia am Arm. Sie jaulte schmerzerfüllt auf. »Gib das Handy her.«

Luca dachte gar nicht nach. Er schleuderte das Handy ins Gesicht des Angreifers. Der zuckte zurück, der Griff um Sofias Arm lockerte sich, und seine kleine Schwester reagierte blitzschnell und riss sich los.

»Sofia, lauf!«, schrie Luca.

*

Sofia konnte rennen wie der Wind. Bei den Sportwettbewerben an der Schule war sie stets eine der Ersten, die die Ziellinie überquerte, und beim Weitsprung könnte man meinen, sie hätte Sprungfedern in den Beinen. Sie flog regelrecht über den Boden.

Sofia jagte den Deich hoch, dicht gefolgt von Luca, der drahtige der beiden Männer hinterher. Für jeden seiner Schritte brauchten Sofia und Luca drei. Trotzdem fiel der Mann schnell hinter ihnen zurück.

Inständig hoffte Luca, auf Fahrradfahrer oder Spaziergänger zu treffen, die er um Hilfe bitten konnte. Er verstand nicht so richtig, was passiert war. Er wusste nur, dass von den beiden Männern eine Gefahr ausging. Sie schienen Luca und Sofia übel zu nehmen, dass sie das Ding am Strand gesehen hatten. Vermutlich war Falschgeld darin verpackt oder irgend so was.

Ihr Vater würde es wissen.

Auf der Straße unterhalb des Deiches kam von hinten ein Lieferwagen angerollt. Der Hüne saß am Steuer. Langsam kam das Fahrzeug näher und zog an ihnen vorbei. Wieder versuchten die Männer, sie in die Zange zu nehmen.

Sie könnten ins Watt fliehen, aber dort gab es kein Versteck, sie wären weithin zu sehen, und was, wenn das Wasser wieder zu steigen begann und die Typen ihnen den Weg zurück an Land abschnitten? Blieb nur die andere Richtung, über die Felder und Wiesen.

»Nach links, Sofia!«, rief Luca keuchend. Sie überquerten die Straße, wo der Hüne aus dem Auto ausstieg, aber sie konnten ihm mühelos ausweichen und rannten über einen Acker. Sofia jagte vor Luca her, sie schlug Haken, verschwand hinter einem Gebüsch und tauchte hinter einem anderen wieder auf. Luca keuchte. Ihr Abstand zu den Verfolgern vergrößerte sich, doch dann blieb Sofia stehen und sagte: »Luca, ich kann nicht mehr. Auf der Wiese zu laufen ist so anstrengend.«

»Vielleicht sind die inzwischen auch schon weg«, sagte Luca hoffnungsvoll. Aber dann sah er den Hünen in einigem Abstand auf sich zukommen. Er sprach in ein Handy.

Sie nahmen sich an der Hand und liefen weiter.

Luca wusste, dass diese Gegend sehr dünn besiedelt war. Aber irgendwann musste doch eine Ortschaft kommen. Er war schweißgebadet und voller Angst. Er war müde und wollte nur noch nach Hause. Aber die beiden Kerle waren dicht hinter ihnen. Zurück konnten sie nicht, sie würden ihnen direkt in die Arme laufen.

In der Ferne sah Luca, wie der Hüne sich mit den Händen auf den Oberschenkeln abstützte und um Atem rang.

Hoffentlich kriegt er einen Herzanfall, dachte Luca wütend. Und dann waren die Männer nicht mehr zu sehen.

»Ich glaube, wir haben sie abgehängt …«

»Lauf weiter, Sofia. So weit, wie du kannst.«

»Da vorne ist ein Haus«, sagte Sofia hoffnungsvoll.

*

Es handelte sich nicht wirklich um ein richtiges Haus. Vielmehr um ein Häuschen. Es war weiß verputzt, die Fensterläden in einem knalligen Dunkelblau gestrichen. Einsam und verwunschen lag es am Ende eines Bohlenwegs, der vom Deich wegführte. An der Vorderseite umgab ein niedriger Zaun das Grundstück, nach hinten lag ein Obstgarten, umrahmt von wucherndem Brombeergestrüpp.

Es wirkte ein bisschen wie das Haus im Märchen, auf das zwei verirrte Kinder stießen. Das Lebkuchenhaus, dachte Luca.

Die Gartentür war nur angelehnt. Sofia drückte auf die Klingel, während sich Luca gegen die Hauswand lehnte. Verzweifelt schloss er die Augen.

Niemand machte auf.

»Die sind nicht da! Luca, was machen wir, wenn die Männer uns einholen?«

»Sieh mal, vielleicht liegt ein Schlüssel unter der Fußmatte …« Er glaubte es selbst nicht, dass jemand so dumm sein könnte, aber Sofia hob die Ecke der Matte an und beförderte einen Schlüssel zutage, den sie ihm triumphierend unter die Nase hielt.

»Aber …«, sagte sie dann, als sie den Schlüssel ins Schloss steckte, »was ist, wenn die Männer hier wohnen?«

2

Vier Tage früher

Hieke Jansson, pflegerische Leitung der Friesenklinik, zog an ihrem sterilen Einweghandschuh wie an einem Pfeil an einer Armbrust. Mit einem lauten Knallgeräusch schnalzte der Handschuh in den Abfalleimer am anderen Ende des Behandlungsraums.

»Hundert Punkte!«, sagte Hieke. »Hast du das gesehen, Ylvie?«

»Habe ich. Ich bin stolz auf dich, Hieke.« Ylvie Martens lächelte.

»Und Dr. Lotte van der Meer wäre erst stolz auf mich, wenn sie das gesehen hätte! Denke ich jedenfalls. Was meinst du? Kann man die neue Chefärztin der Chirurgischen Tagesklinik Neuharlingersiel mit einer solchen Zielsicherheit beeindrucken?«

»Tja«, sagte Ylvie, »ich habe so meine Zweifel.« Chirurgische Tagesklinik Neuharlingersiel. In großen Leuchtbuchstaben prangte dieser Name weithin sichtbar über dem Eingangsbereich der Klinik. Aber alle nannten sie nur die Friesenklinik. Die Pläne der Belegschaft, die Leuchtbuchstaben entsprechend auszutauschen und die Klinik ganz offiziell umzubenennen, waren an Lottes erstem Arbeitstag zunichtegemacht worden. »Friesenklinik« klang in den mit goldenen Kreolen behängten Ohren der neuen Chefärztin zu platt, zu banal.

Es war Freitagabend. Die Hauptsaison an der Nordseeküste ging langsam zu Ende, in dieser Woche endeten die Sommerferien auch im letzten der Bundesländer. Es waren arbeitsreiche Monate gewesen, in denen neben den üblichen ambulanten Operationen etliche Touristen nach Badeunfällen in der Friesenklinik behandelt werden mussten.

Normalerweise hätte Ylvie um diese Uhrzeit schon Feierabend gehabt, aber sie war heute für die Bereitschaft zuständig. Gerade hatten sie und Hieke einen Mann versorgt, der von einer Möwe attackiert worden war, die es auf sein Fischbrötchen abgesehen hatte. Wild fuchtelnd hatte er versucht, das Tier zu vertreiben, war dabei gestolpert und hatte sich übel den Kopf an der Bordsteinkante gestoßen. Er kam in die Friesenklinik mit einer kapitalen Platzwunde und schlechter Laune, die er anfangs an Ylvie und Hieke ausließ.

»Was mich aber am meisten interessiert«, sagte Hieke zu ihm, während Ylvie die Wunde vernähte. »Wer hat denn jetzt am Ende das Fischbrötchen bekommen?«

Ylvie konnte ein Lachen nur schwer unterdrücken. Hieke machte große Unschuldsaugen und klimperte mit den Wimpern.

*

»Hast du heute noch etwas vor?«, fragte Hieke. »Ich kann alleine den OP-Saal aufbereiten. Dann kannst du nach Hause gehen.«

»Ich weiß das zu schätzen, Hieke, aber ich lasse dich nicht im Stich«, sagte Ylvie. »Und nein, ich habe mir heute nichts vorgenommen. Ich werde den Abend mit einem Buch ausklingen lassen - alleine. Falls kein weiterer Notfall reinkommt.«

»Bei Odins Bart!«, sagte Hieke. »Für heute reicht es.«

Ylvie nickte zustimmend. »Morgen kommt Gabriel zu mir, wir werden den Samstag zusammen verbringen«, fuhr sie fort.

»Oh, wow«, sagte Hieke und wackelte mit den Augenbrauen.

»Zumindest ist das der Plan«, seufzte Ylvie. »Ali hat morgen die Bereitschaft, aber er hat seine Sommergrippe noch nicht ganz auskuriert. Ich habe ihm angeboten, seinen Dienst zu übernehmen, wenn es ihm noch nicht gut geht.«

»Oh, Ylvie! Du bist eine schreckliche Gutmenschin.«

»Das bin ich wohl.« Ylvie zuckte die Achseln. »Ich bin es Ali schuldig. Er hat schon so viel für mich getan.« Der junge Chirurg und seine Ehefrau hatten Ylvie nach den Ereignissen im Frühjahr zur Seite gestanden. Alis und Shirins Tür war die ganze Zeit für sie offen gestanden, sie hatte bei der freundlichen, quirligen Familie immer ein offenes Ohr gefunden. Ali hatte sich um die Unterbringung ihrer Möbel gekümmert, als sie Hals über Kopf aus ihrer Wohnung ausziehen musste. Sie wusste nicht, ob sie das jemals wiedergutmachen konnte.

»Und wie sieht es bei dir aus, Hieke? Was machst du morgen?«

Hieke lächelte vielsagend. »Rate mal.«

»Du hast ein Date?«

Wieder wackelte Hieke mit den Augenbrauen.

»Das freut mich sehr für dich. Wie heißt der Glückliche?«

»Es ist eine Sie. Johanna. Wir verbringen den Tag in der Nordsee-Therme in Bensersiel. Und den Abend werden wir auch miteinander verbringen, wenn meine Wünsche in Erfüllung gehen.«

»Wie schön für dich«, sagte Ylvie. »Ich wünsche dir alles Gute.«

»Danke! So, ich verschwinde in meiner Kommandozentrale und kümmere mich um die Dokumentation.« Hieke drehte sich um, ging in den Eingangsbereich, der gleichzeitig als Stationszimmer für die Pflegekräfte diente, und setzte sich an ihren PC.

Ylvie warf die benutzte OP-Kleidung in den Wäschecontainer, wusch sich ausgiebig die Hände, zog ihre privaten Sachen an – ein gestrickter Pullover im nordischen Fair-Isle-Muster, den sie kürzlich bei einer Shopping-Tour mit Gabriel gekauft hatte, weil er meinte, sie sähe darin bestimmt bezaubernd aus. Tatsächlich mochte sie sich sehr in dem Pullover. Dazu trug sie Jeans und flache Pumps. Sie freute sich auf einen gemütlichen Bummel mit Gabriel über den Wochenmarkt; anschließend wollten sie auf dem Hausboot, in das sie während der Sommermonate gezogen war, mit den frisch gekauften Zutaten gemeinsam etwas kochen. Die winzige Küche des Bootes war dafür nur bedingt geeignet, aber es würde schon funktionieren.

Sie hatte Gabriel kennengelernt, als sie in einem Geschenkartikelladen in Schillig eine wunderschöne Tischlampe mit einem Lampenfuß aus Treibholz entdeckt hatte. Die freundliche Verkäuferin legte die Visitenkarte des Künstlers dazu und empfahl seine Werke wärmstens, worauf Ylvie spontan in dessen Atelier auftauchte, um sich umzuschauen.

Gabriel Willenborg schnitzte aus hiesigen Hölzern Figuren und Weihnachtskrippen, schuf Möbel aus Treibholz und machte wunderschöne Naturaufnahmen vom Meer und der Natur Ostfrieslands, die er selbst rahmte und in Galerien ausstellte, wann immer sich die Möglichkeit bot. Schüchtern und ein wenig verlegen hatte er Ylvie zugeschaut, als sie in seinem Atelier begeistert von einem Kunstwerk zum anderen ging und ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck brachte, dass sie auf dem Hausboot zu wenig Platz hatte. Gabriel hatte sich bereiterklärt, ihre Wunschprodukte für sie zu reservieren, bis sie eine dauerhafte Bleibe gefunden hatte. Sie hatte einen kleinen Holztisch und zwei Bilder bezahlt und sich spontan mit einer Einladung in den Krabbenkutter, ihr Lieblingsrestaurant, bedankt. Gabriel hatte sich gefreut und rote Wangen gekriegt.

Ylvie lächelte bei dem Gedanken an ihr erstes Treffen. Sie hoffte, dass es für Hieke genauso gut lief wie für sie und Gabriel.

Sie hörte Hieke singen, während sie die Patientendaten in die Tastatur eingab. Hieke hatte immer gute Laune. Zumindest hatte Ylvie sie nie anders erlebt. Das mochte sie so an ihrer Arbeit, seit sie ihre stressige Anstellung als Allgemeinchirurgin in einem großen Münchener Krankenhaus aufgegeben hatte und an die Nordseeküste gezogen war, um in der Friesenklinik anzufangen. Die Kollegen waren auch bei hohem Arbeitsaufkommen entspannt und freundlich, nichts konnte sie aus der Ruhe bringen. Keine Sekunde lang hatte Ylvie bereut, diesen Schritt getan und ihre bayerische Heimat hinter sich gelassen zu haben.

Wie sich die Friesenklinik unter der neuen ärztlichen Leitung weiterentwickeln würde, musste sich noch zeigen. Dr. Lotte van der Meer stammte aus den Niederlanden, entsprang einer Adelsfamilie, war schön, mondän, exaltiert und ehrgeizig. Sie war ganz anders als der frühere Chefarzt Bente Pedersen. Und das war gut so, denn Bente saß inzwischen im Gefängnis und würde es so schnell nicht wieder verlassen.

Lotte trug gerne sündhaft teuren Schmuck und war behängt mit auffallenden Armbändern und Colliers, die sie nur im OP ablegte. Im Team hatte Ylvie schon gehört, wie jemand ihr heimlich den Spitznamen »Christbaum« verpasst hatte. Lotte betonte gerne ihre vornehme Herkunft und hätte am liebsten eine Privatklinik aus der Friesenklinik gemacht, war aber auf massiven Widerstand beim Personal sowie bei den Einwohnern Neuharlingersiels gestoßen. Daraufhin hatte Lotte nachgegeben, aber Ylvie befürchtete, dass sie diesen Plan längst nicht zu den Akten gelegt hatte.

Die Friesenklinik sollte für alle da sein, nicht nur für die Gutbetuchten.

»So«, sagte Ylvie. »Fertig.« Sie fuhr ihren PC herunter, räumte das Diktiergerät in die Schublade und nahm ihre Teetasse, um sie in der Küche zu spülen. »Hieke, wie sieht es bei dir aus?«, rief sie über den Flur. »Bist du so weit?«

»Gleich«, antwortete die Pflegerin.

Ylvie betrat die Personalküche. Die Spülmaschine war voll mit schmutzigem Geschirr. Sie checkte den Plan für den Küchendienst: Hassan, wie sie sofort vermutet hatte. Sie mochte den lustigen operationstechnischen Assistenten sehr, aber mit der Ordnung hatte er es nicht so. Das gibt eine Strafmünze, Hassan, dachte sie. Neben der Mikrowelle stand ein Sparschwein, in das jeder Mitarbeiter, über den sich die Kollegen ärgerten, ein Geldstück werfen musste. Darüber hing eine Liste mit möglichen Vergehen und dem jeweiligen Strafbetrag.

Schlechte Laune: 1 Euro

Den letzten Schluck Tee trinken, ohne neuen zu kochen: 1 Euro

Spülmaschine nicht ausräumen: 2 Euro

Volle Spülmaschine nicht einschalten: 2,50 Euro

Jemand hatte mit der Hand dazugeschrieben: Pupsen, je nach individueller Lärm- und Geruchsbelästigung: 50 Cent bis 5 Euro.

Natürlich war diese Liste nicht sonderlich ernst gemeint, und es stand jedem Mitarbeiter frei, seine »Strafe« zu bezahlen, aber das Porzellanschwein war dennoch stets gefüllt mit freiwilligen Spenden und wurde regelmäßig geschlachtet. Von dem Inhalt besorgte Hieke Kuchen für alle.

Ylvie war sich heute keiner Schandtat bewusst, aber sie kramte trotzdem nach ein paar Münzen in ihrem Portemonnaie und warf sie in den Schlitz des fröhlich grinsenden Schweins.

»Ylvie! Ylvie, kommst du mal? Schnell!« Hieke klang panisch. So hatte Ylvie sie noch nie gehört.

Ylvie rannte los.

*

Hieke stand in der offenen Eingangstür der Friesenklinik. Sie beugte sich über etwas auf dem Boden. Beim Näherkommen sah Ylvie einen Mann daliegen, zusammengekrümmt wie ein Fötus. Er war blutüberströmt.

»Atmung stabil, Pulsschlag beschleunigt, er ist nicht ansprechbar, aber er versucht meine Hand festzuhalten«, zählte Hieke die Vitalparameter auf.

Ylvie schnappte eine Behandlungsliege und rollte sie zum Eingang. Hieke hatte den Verletzten inzwischen in eine sitzende Position gebracht. Er stöhnte, schien langsam zu sich zu kommen. Mit geübten Griffen und vereinten Kräften hievten sie ihn auf die Behandlungsliege. Die Kleidung des Mannes war mit Salzwasser durchnässt. Und völlig zerfetzt.

Oh mein Gott, dachte Ylvie, diese Wunden. Langgezogene Schnittverletzungen zogen sich über den gesamten Rumpf. Was war diesem armen Kerl nur zugestoßen?

Sie schoben die Liege in einen Behandlungsraum. Während Hieke EKG-Elektroden anbrachte und den Blutdruck maß, rüttelte Ylvie den Verletzten sanft an der Schulter.

»Mein Name ist Dr. Ylvie Martens, ich bin Chirurgin hier in der Friesenklinik. Können Sie mich verstehen?«

Er stöhnte erneut. Dann begann er zu würgen. Ylvie drehte seinen Kopf zur Seite, und er erbrach eine beträchtliche Menge einer wässrigen Flüssigkeit.

»Können Sie mir sagen, was passiert ist?«, sagte Ylvie, als er sich wieder beruhigt hatte.

Sie bekam keine Antwort.

Gemeinsam lösten Ylvie und Hieke die Kleidung von seinem Körper. Die Sachen waren eiskalt und klebrig vom Salz. Ein Schiffsunfall? fragte sich Ylvie. War er etwa in eine Schiffsschraube geraten? Nein, dann wären die Schnitte tiefer, womöglich wären sogar Gliedmaßen abgetrennt worden. Aber sicher sein konnte sie nicht.

Der Verletzte trug ein neongelbes Langarmshirt aus Polyester und eine schwarz-orange gemusterte Hose. Industriekleidung, wie sie Seeleute trugen. Wasserfeste Sicherheitsschuhe, dicke Wollsocken. Ylvie griff in seine Hosentaschen. Keine Papiere, kein Portemonnaie.

»Die Körpertemperatur beträgt 32,4 Grad«, sagte Hieke.

»Hol bitte eine Wärmelampe. Sofort.«

Hieke eilte davon und kam mit einer Wärmelampe zurück, unter der sie weiterarbeiteten. Ylvie geriet sofort ins Schwitzen. Aber eine Körpertemperatur von 32 Grad war ein lebensbedrohlicher Zustand, der Verletzte musste dringend aufgewärmt werden. Ylvie hörte mit einem Stethoskop die Lungen ab und vernahm kräftiges Rasseln und Blubbern. Der Mann hatte Salzwasser geschluckt, und davon nicht zu wenig.

»Beinahe-Ertrinken«, murmelte sie. Die Schnittwunden waren längst nicht sein einziges Problem. Das Salzwasser schädigte die Alveolen und behinderte den Gasaustausch, und ohne entsprechende Therapie würde er eine üble Lungenentzündung bekommen.

Ylvie legte eine Infusion und verabreichte ein Schmerzmittel. Der Mann atmete jetzt ruhiger. Das meiste Wasser hatte er wohl aushusten können.

»Sie müssen in ein größeres Krankenhaus«, sagte Ylvie. »Sobald ich Sie stabilisiert habe, werde ich alles Entsprechende in die Wege leiten.«

Seine Augen blieben geschlossen, aber die Lider flatterten. Ylvie war sicher, dass er sie gehört hatte.

»Ich möchte mir seinen Rücken ansehen«, sagte sie zu Hieke.

Gemeinsam drehten sie den Patienten vorsichtig zur Seite. Auf der Rückseite seines Körpers waren kaum Schnittwunden vorhanden. Stattdessen entdeckte Ylvie etliche stark gerötete Striemen. War er gefesselt worden? Mit einem Schiffstau?

Sie legten ihn auf den Rücken zurück. Nun besah sich Ylvie die Schnittverletzungen genauer. Die Schnittränder waren unsauber und ausgefranst, wie mit einem sehr stumpfen Messer ausgeführt. Fast schon Risse statt Schnitte, dachte sie. Ein in Forensik geschulter Mediziner könnte vielleicht feststellen, womit der arme Kerl so zugerichtet worden war.

»Bevor wir hier mit den Verbänden anfangen«, sagte Ylvie, »möchte ich, dass du die Wunden fotografisch dokumentierst. Zum einen für unsere eigene Dokumentation, zum anderen für die Polizei.«

»Wird sofort erledigt«, sagte Hieke und zückte die Kamera.

Während sie die Aufnahmen tätigte, bereitete Ylvie alles für die Wundversorgung vor. Sie spülte die Wunden aus, reinigte sie sorgfältig, brachte ein Antibiotikum ein und tamponierte sie aus. Über die weitere Versorgung mussten die Kollegen in Wilhelmshaven entscheiden.

Inzwischen hatte die Blutung nachgelassen, es sickerte nur noch leicht aus den Schnitten.

»Ich rufe die Polizei«, sagte Ylvie. »Die müssen sich das ansehen. Und dann kümmere ich mich um die Verlegung.«

»Die Körpertemperatur ist bereits leicht gestiegen auf mittlerweile 33,4 Grad«, sagte Hieke.

»Gut«, sagte Ylvie. Sie nahm Hieke zur Seite. »Hast du eine Ahnung, wie er hergekommen sein könnte?«

»Ich hörte ein Hämmern an der Tür«, sagte Hieke. »Als ich aufmachte, lag er da. Ein Mann ist weggelaufen und um die Ecke verschwunden. Ich habe nicht weiter auf ihn geachtet, sondern erst mal nach dem Verletzten gesehen.«

Ylvie nickte. »Unser Patient hat sich also nicht aus eigener Kraft hergeschleppt, sondern er wurde zu uns gebracht.«

»Hergebracht und vor die Tür gelegt«, sagte Hieke.

Ylvie kaute auf ihrer Unterlippe. »Du rufst mich bitte sofort, wenn irgendwas ist«, sagte sie. »Wenn sich sein Zustand verschlechtert, oder wenn er aufwachen sollte.«

»Natürlich.«

»Ich bin in meinem Büro«, sagte Ylvie.

*

Ihre Gedanken rasten, als sie sich an den Schreibtisch setzte. Warum legte man einen Schwerverletzten vor einer Tagesklinik ab, anstatt den Notarzt zu rufen? Was, wenn Hieke und sie regulär Feierabend gemacht hätten? Es war fraglich, ob er rechtzeitig gefunden worden wäre. Die Friesenklinik lag am Ende der Straße, es gab wenig Durchgangsverkehr, zumindest nicht an einem Freitagabend. Strandspaziergänger wählten eine andere Route.

Der Mann war lange nicht über den Berg. Mit Sicherheit würden Wundinfektionen auftreten, und die Lunge machte Ylvie große Sorgen.

Die Tatsache, dass er wie ein Sack Müll abgeladen worden war, machte sie misstrauisch. Schwarzarbeit? Nein, das alleine wäre wohl nicht tragend genug, um ihn einfach irgendwo liegen zu lassen und zu hoffen, dass er rechtzeitig gefunden wurde.

Es war nicht Ylvies Aufgabe, herauszufinden, womit sie es hier zu tun hatten. Sie musste sich um ein Bett auf einer Überwachungsstation für den Patienten kümmern. So sehr sie sein Schicksal mitnahm, so gerne sie dafür gekämpft hätte, dass er in absehbarer Zeit gesund nach Hause entlassen werden konnte: Die Friesenklinik war nicht der richtige Ort für ihn.

Sie telefonierte mit dem Bereitschaftsarzt der Klinik in Wilhelmshaven und er war bereit, den Patienten sofort zu übernehmen. Ylvie versprach, sich um den Krankentransport zu kümmern.

Dann wählte sie die Nummer der Polizei.

»Hier spricht Dr. Ylvie Martens von der Friesenklinik in Neuharlingersiel.« In knappen Sätzen schilderte sie, wie Hieke den Verletzten vorgefunden hatte. »Seine Identität ist mir nicht bekannt. Sein Alter schätze ich auf dreißig, fünfunddreißig Jahre. Die körperliche Untersuchung hat ergeben, dass er knapp dem Ertrinkungstod entgangen ist. Sein ganzer Körper weist klaffende Wunden auf.«

»Wir schicken einen Beamten zu Ihnen, der Sie und die Mitarbeiterin ausführlich befragen wird, Frau Dr. Martens. Bleiben Sie bitte vor Ort.«

»Das machen wir«, sagte Ylvie.

»Wir sind so schnell wie möglich bei Ihnen.«

Ylvie hörte einen Rumms, dann klapperte etwas. »Einen Moment«, sagte sie zu dem Polizisten. »Hieke, ist alles in Ordnung?«, rief sie laut. Sie bekam keine Antwort. Wahrscheinlich hatte Hieke etwas fallen gelassen oder umgestoßen.

»Der Patient muss dringend ins Klinikum verlegt werden, ich kann ihn nicht hierbehalten, bis Sie da sind. Wie ich das einschätze, dauert es noch, bis er vernehmungsfähig sein wird.«

»Verstehe. Wir nehmen Kontakt zu den Ärzten in Wilhelmshaven auf.«

»Danke«, sagte Ylvie. Sie legte auf. Nun musste sie noch Lotte van der Meer informieren. Draußen auf dem Flur hörte sie Hieke rumoren.

Ylvie tippte eine kurze Mail an die Chefärztin.

Hallo Lotte, es hat einen Vorfall in der Friesenklinik gegeben. Ein schwerverletzter Unbekannter wurde vor der Eingangstür abgelegt, ich tippe auf einen Bootsunfall, Verlegung nach WHV veranlasst, die Polizei wird gleich zur Befragung hier sein. Gruß, Ylvie.

Nun konnte Lotte selbst entscheiden, ob sie zurückrief, oder ob sie herkommen wollte.

Ylvie stand auf und trat auf den Flur hinaus. Sofort spürte sie, dass etwas nicht stimmte.

Die Tür zum Behandlungsraum stand weit offen.

Mit klopfendem Herzen eilte Ylvie darauf zu. Die Behandlungsliege war leer, der Patient verschwunden. Die Papierauflage war zerknüllt und zerrissen und lag in einem blutigen Knäuel am Fußende. An der Infusion baumelte die Kanüle, die sich der Patient entfernt hatte. Darunter bildete sich eine Pfütze, weil die Kochsalzlösung munter weitertropfte. Der Abfalleimer war umgestoßen worden, Verbandmull lag überall verstreut.

Inmitten dieses Chaos lag Hieke ausgestreckt auf dem Boden.

Ylvie kniete sich neben die Pflegerin. »Hieke, was ist passiert?«

Hieke blinzelte ein paarmal. Sie versuchte sich aufzusetzen. »Mein Kopf! Verdammt!« Ihr Gesicht verzog sich vor Schmerz. Eine Beule zierte ihre Stirn.

»Wo ist der Patient?«, fragte Ylvie.

Hieke schaute sich verständnislos um, dann sagte sie: »Weg, oder?«

Ylvie half ihr in eine sitzende Position.

»Mir ist schlecht.« Hieke schloss die Augen.

»Hier«, sagte Ylvie. »Lehn dich an die Wand.« Sie stand auf, stieß sich den Kopf an der Wärmelampe, fluchte, schob die Lampe zur Seite und schaltete sie aus. Hieke saß mit geschlossenen Augen da und atmete langsam und tief ein und aus.

Ylvie holte ein Coolpad und legte es sanft auf die Beule. »Halt es fest«, sagte sie. »Ich bin sofort wieder da.«

Ylvie eilte auf den Flur hinaus. Nun sah sie die schwache Spur aus vereinzelten Blutstropfen auf dem dunklen Laminat, die kerzengerade zum Ausgang führte. Sie trat auf die Straße hinaus. Der Patient war nirgends zu sehen.

»Hallo?«, rief Ylvie.

Ein Krankenwagen bog um die Ecke. Langsam rollte er auf die Friesenklinik zu. Die menschenleere Straße wurde in ein sanftes, pulsierendes Blau getaucht, das von Schildern und Autoscheiben reflektiert wurde.

3

»Er benötigt dringend medizinische Hilfe. Er könnte sterben, wenn er diese nicht bekommt.«

Ylvie saß mit zwei Beamten im Aufenthaltsraum der Klinik. Sie hatte Tee kochen wollen, aber einer der Polizisten, Kommissar Carlsen, bestand darauf, das selbst zu erledigen. Sie hörte ihn in der Küche hantieren.

Die Sanitäter hatten Hieke mitgenommen. Die Krankenpflegerin hatte eine Gehirnerschütterung erlitten. Das Bett im Klinikum, das für den Schwerverletzten gedacht war, würde sie nun belegen.

Die Frage, wie der Patient entkommen konnte, konnte sie nicht beantworten. »Ich habe einen Schlag bekommen«, murmelte sie. »Ich habe etwas aus einer Schublade geholt, und als ich mich umdrehte, raste etwas Dunkles auf mich zu … danach weiß ich nichts mehr.«

»Ob die Erinnerung zurückkehrt, ist bei einer Gehirnerschütterung fraglich«, erklärte Ylvie dem zweiten Beamten mit dem Namen Schröder. »Ein Ausfall des Gedächtnisses während des schädigenden Ereignisses ist typisch, man nennt das kongrade Amnesie.«

Schröder nickte, als wüsste er darüber Bescheid. »Und Sie haben niemanden gehört? Nicht mitbekommen, ob sich jemand unbefugt Zutritt zur Klinik verschafft und dem Patienten zur Flucht verholfen hat?«

»Ich denke schon, dass er die Friesenklinik aus eigener Kraft verlassen konnte, aber kilometerweit laufen kann er sicher nicht. Ich war in meinem Büro und habe telefoniert. Ich habe etwas scheppern gehört, aber ich dachte, das sei die Kollegin.« Sie schalt sich in Gedanken. Hätte sie mit einem solchen Vorfall rechnen müssen? Wenn der verschwundene Patient tatsächlich in irgendeine kriminelle Geschichte verstrickt war? Zumindest hätte sie Hieke nicht alleine mit ihm lassen dürfen.

Aber, sagte sie sich, woher hätte sie denn ahnen sollen, dass so etwas passierte?

Carlsen kam in den Aufenthaltsraum, ein Tablett mit einer Thermoskanne, Tassen und einer Packung Butterkeksen balancierend. »Die Kekse habe ich im Schrank gefunden«, sagte er entschuldigend, »ich dachte, ich bringe sie mit. Eine Stärkung wird Ihnen guttun, Frau Dr. Martens.«

Ylvie hatte eher das Gefühl, die Beamten hätten eine Stärkung nötig, vielleicht waren sie schon seit Stunden im Dienst, so begeistert, wie sie die Kekse futterten. Sie selbst hatte kaum Appetit. Trotzdem nahm sie höflich einen Keks, als Carlsen ihr die Packung anbot.

Sie hörte das Klackern von Absätzen auf dem Flur. Kurz darauf rauschte Lotte van der Meer herein. Ihr honigblondes Haar mit den hellen Strähnchen war perfekt frisiert und geföhnt. Sie trug einen hellbraunen Trenchcoat und ein Halstuch von Hermès, das wahrscheinlich mehr gekostet hatte als Ylvies komplettes Outfit, obwohl sie beim Kleiderkauf beileibe nicht geizte.

»Ylvie! Was genau ist passiert? Wo ist Hieke?«

Carlsen stand auf. »Ich bin Hauptkommissar Carlsen von der Kriminalpolizei«, sagte er, »und das ist mein Kollege, Kommissar Schröder.«

Lotte nickte kurz, ohne sich vorzustellen. Sie ging wohl davon aus, dass die Chefärztin der Friesenklinik weithin bekannt sein musste.

Ylvie setzte Lotte ins Bild. Nach der Mail, die sie ihr geschickt hatte, hatte sie keine Gelegenheit mehr gehabt, ihre Vorgesetzte auf den neuesten Stand zu bringen. Lotte hörte mit großen Augen zu.

Ylvie entging die Faszination nicht, mit der Carlsen die Chefärztin musterte.

Als Ylvie fertig war mit ihrem Bericht, presste Lotte die Lippen zusammen. Sie nickte. »Das ist ja furchtbar«, sagte sie. »Wie geht es dir? Wirst du dir ein paar Tage freinehmen? Ich checke gleich mal den OP-Plan für Montag, aber ich glaube, du stehst mit einigen Eingriffen drauf.«

»Das ist nicht nötig, Lotte. Es geht mir gut. Mir ist ja nichts passiert. Aber Hieke wird eine Zeitlang ausfallen. Wir müssen schauen, ob wir den OP-Plan so stehen lassen können, und wer bereit und in der Lage ist, sie zu vertreten.«

»Ich kümmere mich darum«, sagte Lotte sofort. »Hat Hieke jemanden, der nach ihr schaut?«

»So genau weiß ich das nicht.« Hiekes Date, dachte Ylvie bedrückt. Sie hatte sich so auf das Wochenende gefreut. Ob die Beziehung schon so weit war, dass Johanna Hieke besuchen und ihre Blumen gießen würde, wusste Ylvie nicht. »Ich fahre morgen nach Wilhelmshaven und schaue nach ihr.«

»Wenn dir das nicht zu viel ist.«

Carlsen räusperte sich. »Könnten wir uns dann die Aufnahmen ansehen?«, fragte er.

»Oh, stimmt! Natürlich. Ich hole die Kamera.« Ylvie stand auf und ging hinüber in den Behandlungsraum. Dieses chaotische Durcheinander würde auch jemand aufräumen müssen, sobald die Beamten mit der Befragung fertig waren.

Die Kamera lag auf einem Verbandswagen. Ylvie rief die Aufnahmen auf. Hieke hatte eine Menge Bilder geschossen. Die Fotos waren von ausgezeichneter Qualität, die Wunden waren aus verschiedenen Winkeln fotografiert worden, Hieke hatte keine einzige ausgelassen.

Ylvie nahm einen Laptop mit in den Aufenthaltsraum und schloss die Kamera an. Lotte und die Beamten schoben ihre Stühle näher, damit sie gemeinsam die Bilder betrachten konnten. Auf dem Bildschirm, in gestochen scharfer Auflösung, wirkten die Verletzungen noch dramatischer.

»Ich schicke Ihnen die Bilder zu«, sagte Ylvie zu Carlsen. Er nickte und nannte ihr eine E-Mail-Adresse.

Als das Gesicht des Patienten auf dem Bildschirm erschien, beugten sich die Polizisten gespannt vor. Schröder schaute Carlsen erwartungsvoll an, aber der zuckte die Achseln. »Bekannt kommt er mir nicht vor.«

»Wenn er nicht schnell wieder auftaucht, müssen wir über die sozialen Netzwerke versuchen, ihn zu finden.«

Auch Lotte besah sich die Wunden genau. Sie legte zwei Finger auf die Lippen, überlegte. »Was denkst du?«, sagte sie zu Ylvie. »Wie kann das passiert sein?«

»Ich weiß es nicht.«

»Irgendein Arbeitsunfall«, sinnierte Lotte. »Mit nicht fachgerecht gesichertem Arbeitsgerät.«

»Ich dachte zuerst an eine Schiffsschraube«, sagte Ylvie.

»Zuerst? Und was denkst du jetzt?«

»Soviel ich weiß, wird man durch den Sog in die Schiffsschraube hineingezogen. Aber das hier sieht eher aus, als … als hätte jemand eine Machete geschwungen, immer und immer wieder, und gleichzeitig darauf geachtet, die Schnitte nicht allzu tief zu setzen. Das klingt unwahrscheinlich, ich weiß«, sagte sie schnell, als Lotte die Augenbrauen hochzog. »Außerdem wären die Schnittverletzungen mit einer Machete viel glatter, nicht so ausgerissen, wie es hier der Fall ist.«

»Wie Peitschenhiebe mit einer neunschwänzigen Katze«, murmelte Schröder und fing sich einen missbilligenden Blick von Carlsen ein.

Ylvie runzelte die Stirn. Schröders Bemerkung war vielleicht nicht sonderlich ernst zu nehmen, aber bei seiner Aussage hatte sich etwas im hinteren Winkel ihres Gehirns geregt.

»Unsere Spezialisten werden sich die Bilder ansehen«, sagte Carlsen. »Wir stellen ein Suchteam auf. Nicht, dass er hilflos irgendwo im Straßengraben liegt. Ich denke, wir lassen einen Hubschrauber zum Einsatz kommen. Weiterhin nehmen wir Kontakt zu allen Krankenhäusern der Region auf, aber auch zu Arztpraxen. Wenn er irgendwo Hilfe suchen sollte, haben wir ihn.«

»Könnte er entführt worden sein?«, fragte Lotte.

»Ich denke, dann hätte es einen Kampf gegeben«, sagte Ylvie. Sie dachte an das scheppernde Geräusch, das sie vernommen hatte, als sie in ihrem Büro am Telefon saß.

»Ich dachte, das hätte es«, sagte Lotte kühl.

Etwas Dunkles ist auf mich zugerast, hatte Hieke gesagt.

Ylvie dachte einen Moment nach, dann sagte sie: »Nein, das glaube ich nicht. Ein Kampf hätte noch wesentlich mehr Lärm verursacht. Wenn Sie mich fragen – ich glaube, er hat es aus eigener Kraft geschafft, sich hinauszuschleppen. Und jetzt versteckt er sich irgendwo vor den Menschen, die ihm das angetan haben.«

4
---ENDE DER LESEPROBE---