Laëtitia oder das Ende der Mannheit - Ivan Jablonka - E-Book

Laëtitia oder das Ende der Mannheit E-Book

Ivan Jablonka

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Beschreibung

In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2011 wird Laëtitia Perrais 50 Meter von ihrem Haus entfernt entführt, dann erstochen, erwürgt und zerstückelt. Die Lokalnachricht weitet sich zu einer Staatsaffäre aus: Der damalige Präsident Nicolas Sarkozy benutzt den Fall, um seine Law-and-Order-Politik durchzusetzen. 8000 Juristen gehen auf die Straße. Und auch die Medien instrumentalisieren Laëtitias Tod für ihre Zwecke. Ivan Jablonka nähert sich der Nachricht wie einem historischen Gegenstand und Laëtitias Leben als einer sozialen Tatsache: Ihre Biografie lässt den Zustand einer Gesellschaft erkennen, in der Jahre der Sparmaßnahmen die Sozialsysteme geschwächt haben und Gewalt gegen Frauen zum Alltag gehört. Doch wer war Laëtitia? Wie kann man ihre Geschichte erzählen, ohne sie von ihrem Ende her aufzurollen? Gegen alle Erzählungen, die den Täter zum Gegenstand haben, möchte Ivan Jablonka Laëtitia ihre Würde zurückgeben. Er trifft Familienangehörige, Freunde und Protagonisten der Ermittlung und wohnt 2015 dem Prozess des Mörders bei. Zusammen mit den Aussagen der befragten Zeugen entsteht eine sensible, vielstimmige Erzählung über das Leben eines vernachlässigten Mädchens in einem "Wohlfahrtsstaat". "Eines der besten Beispiele dafür, was aus der Auflösung der Grenzen der Literatur entstehen kann, ist für mich das Buch Laëtitia ou la fin des hommes von Ivan Jablonka, das die Grenzen zwischen Geschichtsschreibung, Soziologie, Reportage und Literatur ins Wanken bringt und mit seinem Rhythmus und seiner Sprache einen unwiderstehlichen Sog entwickelt." - Annie Ernaux, Le Monde

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ivan Jablonka

Laëtitiaoderdas Ende der Mannheit

Aus dem Französischenvon Claudia Hamm

Inhalt

Jessica

Wo ist Laëtitia?

Mutterschaft mit Cutterschnitten

Le Cassepot

Papa in der Ecke

»Ein letztes Fünkchen Hoffnung«

Eine Kindheit ohne Worte

Entführung mit Todesfolge

Zwei Mädchen vor Gericht

Ein besonderer Tag

Das Haus »mit schrägem Dach«

Die Nahestehenden und die Näherkommenden

Zeichnungen

Geburt einer Nachricht

Eine Pflegefamilie

In Schlamm und Sumpf

Herr Patron

Ein »mehrfach rückfälliger Sexualstraftäter«

»Ich bin nicht deine Frau«

Die Achse Patron–Sarkozy

Die Berufsschule von Machecoul

Vom Verbrecher als Mensch

Atlantische Räume

Das Blaue Loch

Laëtitia – ein Porträt

Die »Strafe« und der »Fehler«

Laëtitia auf Facebook

Der Kriminopopulismus

Der schöne Sommer

Die Fronde

»Di sone so phat«

Das lebende Gesicht

Schwermütige Laëtitia

»Haben Sie einen guten Fang gemacht?«

Raunächte

Die Zeit der Experten

Testamente

Der Mann mit der Säge

Letzte Tage

Das Leben danach

18. Januar, morgens

Der Étang de Briord

18. Januar, nachmittags

Die Bestattung

18. Januar, abends

Ende des Deals

»Sie hat zu mir gesagt: ›Hör auf!‹«

»Dinger« und »Schlampen«

Archaische Brüche

Feminizid

Die Stille in der Nacht

Sphären der Ungerechtigkeit

Der nächste Tag

Lokalnachricht, Demokratienachricht

Recht

Ich bin Laëtitia

Unsere Laëtitia-Jahre

Bibliografie (Auswahl)

Landkarten

Abkürzungen und Fachbegriffe

Liste der Pseudonyme

Laetitia est hominis transitio aminore ad majorem perfectionem.

Freude ist des Menschen Übergang vongeringerer zu größerer Vollkommenheit.

Spinoza, Ethik

Laëtitia Perrais wurde in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2011 entführt. Sie war achtzehn Jahre alt, Kellnerin und wohnte in Pornic im Departement Loire-Atlantique. Sie führte ein unauffälliges Leben in der Pflegefamilie, in der man sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester untergebracht hatte. Der Mörder wurde zwei Tage später verhaftet, doch es dauerte mehrere Wochen, bis man Laëtitias Leiche fand.

Der Fall bewegte im ganzen Land heftig die Gemüter. Der Präsident der Republik Nicolas Sarkozy kritisierte den Strafvollzug im Fall des Mörders und beschuldigte die Richter diverser »Fehler«, auf die er »Strafen« folgen zu lassen versprach. Seine Worte lösten eine in der Geschichte der Richterschaft beispiellose Streikbewegung aus. Im August 2011 – ein Fall im Fall – wurde ein Ermittlungsverfahren gegen den Pflegevater wegen sexueller Übergriffe auf Laëtitias Schwester eingeleitet. Bis heute weiß man nicht, ob auch Laëtitia Opfer einer Vergewaltigung durch ihren Pflegevater oder ihren Mörder wurde.

Dieser Kriminalfall ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich – durch die Schockwelle, die er auslöste, durch sein Echo in Medien und Politik, durch das Aufgebot an Mitteln, um die Leiche zu finden, durch die zwölf Wochen andauernden Ermittlungen, durch den Eingriff des Präsidenten, durch den Streik der Juristen. Es war nicht nur ein Fall, es war eine Staatsaffäre.

Aber was weiß man über Laëtitia, außer dass sie in einer aufsehenerregenden Zeitungsmeldung das Opfer war? Hunderte Artikel und Reportagen haben über sie berichtet, doch nur, um die Nacht ihres Todes und den Prozess zu beschreiben. Ihr Name taucht bei Wikipedia auf, doch nur auf der Seite des Mörders, im Abschnitt »Totschlag von Laëtitia Perrais«. Ausgelöscht durch die Berühmtheit, die sie ungewollt jenem Mann schenkte, der sie umbrachte, wurde sie zur Krönung einer kriminellen Laufbahn, zu einem Highlight in der Ordnung des Bösen.

Der Mörder ermächtigt sich »seines« Opfers: Er nimmt ihm nicht nur das Leben, sondern bestimmt auch dessen Richtung, denn von nun an läuft alles auf die verhängnisvolle Begegnung, das einseitige Räderwerk der Gewalt, die Mordhandlung und die dem Körper zugefügte Erniedrigung hinaus. Der Tod saugt das Gelebte aus ihm heraus.

Ich kenne nicht eine Erzählung eines Verbrechens, die nicht den Mörder auf Kosten des Opfers aufwertete. Der Mörder ist da, um zu gestehen, zu bereuen oder sich aufzublasen. In seinem Prozess ist er der Mittelpunkt, wenn nicht gar der Held. Ich möchte das Gegenteil tun und Frauen und Männer von ihrem Tod befreien, sie dem Verbrechen entreißen, das ihnen das Leben und sogar ihre Menschlichkeit nahm. Nicht ihrer als »Opfer« gedenken, denn das hieße, sie ein weiteres Mal von ihrem Ende her zu sehen, sondern sie wieder in ihrem Leben verankern. Zeugnis für sie ablegen.

Mein Buch wird nur eine Heldin haben: Laëtitia. Das Interesse, das wir ihr entgegenbringen, lässt sie gleichsam zurückkehren und schenkt sie sich selbst und ihrer Würde und Freiheit wieder.

Zu ihren Lebzeiten interessierten sich weder Journalisten noch Wissenschaftler und auch keine Politiker für Laëtitia Perrais. Warum ihr also heute ein Buch widmen? Das Schicksal dieser für kurze Zeit berühmten Passantin auf Erden ist seltsam: Für die Augen der Welt wurde sie erst in dem Moment geboren, als sie starb.

Ich möchte zeigen, dass man eine Lokalnachricht über einen Kriminalfall als geschichtlichen Gegenstand untersuchen kann. Eine Lokalnachricht ist niemals nur eine »Nachricht« und niemals nur »lokal«. Im Gegenteil, der Fall Laëtitia zeigt menschliche Tiefe und einen bestimmten Zustand der Gesellschaft: zerrüttete Familien, das stumme Leid von Kindern, Jugendliche, die früh ins Arbeitsleben eintreten, aber auch ein Land zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das Frankreich der Armut, Gegenden am Stadtrand, soziale Ungleichheiten. Man stößt auf die Räderwerke der Ermittlung, die Transformationen der Institution Gericht, die Rolle der Medien, die Funktionsweise der Exekutive, ihre Anklagelogik ebenso wie ihre Mitleidsrhetorik. In einer Gesellschaft im Umbruch ist die Lokalnachricht ein Epizentrum.

Doch nicht nur Laëtitias Tod ist von Bedeutung. Auch ihr Leben zählt, weil es eine soziale Tatsache ist. Laëtitia verkörpert zwei Phänomene, die größer sind als sie: die Schutzlosigkeit von Kindern und die Gewalt, der Frauen ausgesetzt sind. Als Laëtitia drei Jahre alt war, vergewaltigte ihr Vater ihre Mutter, später missbrauchte ihr Pflegevater ihre Schwester, sie selbst hat nur achtzehn Jahre gelebt. Diese Dramen erinnern uns daran, dass wir in einer Welt leben, in der Frauen beschimpft, bedrängt, geschlagen, vergewaltigt und getötet werden. Einer Welt, in der Frauen nicht vollständig als Rechtssubjekte gelten. Einer Welt, in der die Opfer auf Aggression und Schläge mit resigniertem Schweigen antworten. Einer geschlossenen Gesellschaft, in der am Ende immer dieselben unterliegen.

Es war nicht vorprogrammiert, dass Laëtitia, diese strahlende, von allen geliebte junge Frau wie Schlachtvieh enden würde. Doch seit ihrer Kindheit wurde sie aus dem Gleichgewicht geworfen, herumgestoßen, vernachlässigt und daran gewöhnt, in Angst zu leben, und dieser lange Prozess der Schwächung wirft sowohl ein Licht auf ihr tragisches Ende als auch auf unsere gesamte Gesellschaft. Um jemanden in Zeiten des Friedens zu zerstören, reicht es nicht, ihn zu töten. Man muss ihn erst in einer Atmosphäre der Gewalt und des Chaos zur Welt kommen lassen, ihn jeder emotionalen Sicherheit berauben, seine Familienzelle zerbrechen, ihn dann bei einem perversen Pflegevater unterbringen, sich dessen nicht bewusst werden und schließlich, wenn alles aus ist, seinen Tod politisch ausbeuten.

Ich muss wohl kaum hinzufügen, dass ich Laëtitia nicht persönlich gekannt habe. Ich bin ihr durch Menschen begegnet, die sie geliebt haben – Eltern, Freunde, Kollegen – oder die die letzten Augenblicke ihres Lebens rekonstruiert haben – Richter, Polizisten, Experten, Anwälte, Journalisten. Meine Untersuchung ist aus ihrer erwachsen. Sie ist eine Meta-Untersuchung, die sich auf die Zuneigung der einen und die Arbeit der anderen gründet. Laëtitias Leben verstehen zu wollen setzt voraus, dass man viele Jahre zurückgeht, in eine Zeit, da nichts sie von anderen Kindern unterschied, aber auch, dass man die Entführung und Tötung nachzeichnet, durch die sie verschwand. Die Geschichte eines Lebens verschränkt mit der Untersuchung eines Verbrechens. Eine Biografie, die sich über den Tod hinaus fortsetzt.

Als misshandeltes Baby, vernachlässigtes Kleinkind, bei Pflegeeltern untergebrachtes Mädchen, schüchterner Teenager und junge Frau auf dem Weg in die Selbstständigkeit hat Laëtitia Perrais nicht gelebt, um zu einem Höhepunkt im Leben ihres Mörders oder einer Rede in der Ära Sarkozy zu werden. Ich stelle mir Laëtitia vor, als sei sie irgendwo anders, zurückgezogen an einem Ort, der ihr gefällt, vor Blicken geschützt. Ich träume nicht von einer Auferstehung der Toten, sondern ich versuche, die vergänglichen Kreise an der Wasseroberfläche nachzuzeichnen, die Menschen bei ihrem plötzlichen Verschwinden hinterlassen.

1

Jessica

Im April 2014, kurz nach dem Prozess des Pflegevaters, schrieb ich Cécile de Oliveira, der Anwältin von Laëtitias Zwillingsschwester Jessica Perrais, folgenden Brief:

»Sehr geehrte Frau de Oliveira,

als Historiker, Schriftsteller und Professor der Universität Paris 13 erlaube ich mir, mich an Sie zu wenden, denn ich möchte ein Buch über Laëtitia Perrais schreiben.

Ihre Geschichte berührt mich aus verschiedenen Gründen: Ich bin selbst Vater von drei Mädchen. Ich habe zum Thema vernachlässigte Kinder, die von ihren Eltern getrennt, in Pflegefamilien untergebracht und manchmal misshandelt werden, geforscht. Und ich habe eine Biografie über meine Großeltern geschrieben, die im Alter von achtundzwanzig und fünfunddreißig Jahren während des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden. In diesem Buch habe ich versucht, ihr Leben in seiner Normalität und mit allen Fehlschlägen, Plänen und Hoffnungen nachzuzeichnen, ohne mich ausschließlich von ihrem Tod leiten zu lassen. Herausgekommen ist eine historische Untersuchung und zugleich ein Grabstein zur Erinnerung an zwei Menschen, die in der Blüte ihres Lebens umgebracht wurden.

Dasselbe Gefühl drängt mich dazu, über Laëtitia zu schreiben. Ich möchte gern ihr Leben nachzeichnen, ihren Weg, die Bewährungsproben, die ihr auferlegt wurden, die Zukunft, die sie für sich plante, die Ungerechtigkeit und Grausamkeit eines zerstörten Lebens. Wie im Fall meiner Großeltern geht es mir um eine Hommage, aber auch und vor allem um die Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit.

Ich würde gern wissen, welche Empfindungen und Ratschläge dieses Vorhaben in Ihnen wachruft (mir ist insbesondere bewusst, dass Ihnen ein Berufungsprozess bevorsteht). Ich wäre sehr froh, mit Ihnen sprechen und dann in einem zweiten Schritt Jessica mein Vorhaben erklären zu können. Selbstverständlich werde ich mich in ein solches Unternehmen nicht ohne ihre Zustimmung stürzen.

In Bewunderung für den Kampf, den Sie führen, verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen,

Ivan Jablonka«

Nachdem Cécile de Oliveira mich zunächst allein traf, willigte sie ein, mich Jessica vorzustellen, auch wenn diese sehr labil war. Im Alter von acht Jahren war sie von ihren Eltern getrennt und später einer Pflegefamilie zugeteilt worden, wo sie von ihrem Pflegevater sexuell missbraucht wurde. Dann wurde ihre Schwester ermordet.

Juni 2014: Wir befinden uns in der Kanzlei der Rechtsanwältin in Nantes. Die Loire schimmert durch das Laub, das vom geöffneten Fenster eingerahmt wird. Die Vorstellung, auf Jessica zu treffen, schüchtert mich ein, nicht nur, weil mein gesamtes Vorhaben von ihrer Entscheidung abhängt, sondern auch, weil diese junge Frau ein verwaister Zwilling und eine Überlebende ist, die im Alter von zweiundzwanzig Jahren bereits zwei Strafprozesse miterlebt hat: den von Laëtitias Mörder und den ihres Pflegevaters. Bei Letzterem, einem Herrn von vierundsechzig Jahren, hatte sich die ganze Familie hinter ihn gestellt; der Täter verwandelte sich in ein Opfer und Jessica in die eigentlich schuldige Manipulatorin, der es gelungen war, einen etwas naiven Familienvater zu umgarnen. Er wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt und ging nicht in Berufung. Heute lebt Jessica allein und arbeitet in einer Behördenkantine in Nantes.

Um 16 Uhr trifft sie ein: eine schmale junge Frau mit kurz geschnittenen Haaren, dunklen Leggings und einem schwarzen Blouson, den sie nicht ablegt. Cécile de Oliveira teilt ihr verschiedene Neuigkeiten mit: das Datum des Berufungsprozesses von Laëtitias Mörder und die Entschädigungen, die sie sowohl für den Tod ihrer Schwester als auch für den in ihrer Pflegefamilie erlittenen Missbrauch erhalten soll. Jessica ist schüchtern, beinahe furchtsam, und sie weicht tunlichst meinem Blick aus. Während ihre Anwältin ihr die Abläufe erklärt, bleibt sie stumm, manchmal nickt sie eifrig. Ihr intensiver Blick steht in scharfem Kontrast zu der Ungelenkigkeit eines kleinen Mädchens, das befürchtet, etwas falsch zu machen.

Jessica zieht eine Liste mit Fragen heraus. Muss sie dem ganzen Prozess beiwohnen? Nein, nur ein oder zwei Tage, und auch nicht der Darstellung der »Fakten«. Ist es dann vorbei? Ja, denn wahrscheinlich wird er nicht in Berufung gehen. Ist es normal, dass jemand, der ihr nahesteht, sie ständig fragt, wann sie ihre Entschädigung ausgezahlt bekommt? Cécile de Oliveira wird nervös: »Nein, das ist nicht normal, du musst dich dagegen verwahren!« Schließlich zieht Jessica aus ihrem Rucksack ein Buch, das gerade über ihre Schwester erschienen ist. Es ist ein einziges Lügengespinst, sie ist schockiert.

Cécile de Oliveira stellt mich Jessica vor. Sie mustert mich schweigend. Ich wünschte, meine Gefühle von Freundschaft und Bewunderung könnten wie Wellen direkt von meinem Herzen in ihres schwappen. Aber ich bin gezwungen, ihr mit meinen armseligen Worten und professoralen Sätzen, die ich mir wiederholt im Kopf aufgesagt habe und die umso falscher klingen, mein spezielles Geschichts- und Erinnerungsprojekt darzulegen. Nämlich: Ich möchte gern, dass sie mir von ihren Kindheitserinnerungen erzählt, von den Orten, an denen sie und ihre Schwester gelebt haben, von glücklichen Dingen, von Freundinnen, Spielen, Streitereien oder Spaziergängen am Strand.

Jessica ist einverstanden. Sie ist bereit, mir von Laëtitia zu erzählen, aber nicht von »dem Fall«. An den Gedenkmärschen nimmt sie nicht mehr teil: Sie bringen nichts. Sie fürchtet sich vor jedem 18. und 19. im Monat.

Wir tauschen unsere Handynummern aus. Jessica bedankt sich bei ihrer Anwältin und nimmt etwas gezwungen fröhlich Abschied.

Nach ihrem Aufbruch wirkt das Zimmer leer. Ich fühle mich erdrückt vom Gewicht der Verantwortung, die Jessica mir zugesteht, und mich packt Angst davor, ins Land der toten Kinder zu reisen. Die Schwelle zu ihm liegt offen vor mir: das Fenster, hinter dem das Laub zittert. Dahinter fließt die Loire; in ihren silbrigen Wellen schwimmt die Erinnerung an die 1793 darin ertränkten Männer und Frauen. Meine Untersuchung hat begonnen.*

*Am Ende des Buches finden sich bibliografische Angaben, Landkarten sowie eine Liste der Abkürzungen und verwendeten Pseudonyme.

2

Wo ist Laëtitia?

Mittwoch, 19. Januar 2011

Jessica schließt das Tor und biegt in die Route de la Rogère ein. Es ist 7.15 Uhr, stockfinster und beißend kalt. Wie gewöhnlich ist sie zu früh: Der Schulbus hält um 7.30 Uhr auf der anderen Seite des Kreisverkehrs.

Nach 50 Metern entdeckt sie in der Dunkelheit am Straßenrand einen umgestürzten Motorroller, sie erkennt sofort den ihrer Schwester wieder. Der Scooter liegt auf der Seite, der Sitz ist vereist, Motor und Lichter sind erloschen, der Zündschlüssel steckt. Panisch rennt Jessica ins Haus zurück, wo ihr Pflegevater gerade sein Frühstück beendet:

»P’tit Loup, P’tit Loup, da draußen ist Laëtitias Scooter!«

Gilles Patron zieht sich hastig etwas über und beide stürzen hinaus. Die Straßenbeleuchtung an diesem Teil der Straße ist ausgefallen. Jessica leuchtet mit ihrem Handy den Weg. Neben dem Motorroller liegen schwarze Ballerinas.

»Sind das deine Schuhe?«, fragt Herr Patron.

Nein, es sind die von Laëtitia, sie ist also barfuß unterwegs, mitten im Winter. Herr Patron schreit ihren Namen in die frühmorgendliche Finsternis.

Jessica kommt völlig panisch an der Bushaltestelle an. Sie kann nur drei Brocken stammeln: »Laëtitia, Scooter, Schuhe.« Ihre Freundinnen verstehen kein Wort und sehen sie auf der Rückbank des Busses weinen. Auf Laëtitias Handy meldet sich nur die Mailbox.

Im Schulflur wirft Jessica sich Kévin in die Arme, dem Freund ihrer Schwester. Alle versuchen, Laëtitia auf ihrem Mobiltelefon zu erreichen. Zu Unterrichtsbeginn erklärt Jessica dem Lehrer, sie müsse ihr Handy eingeschaltet lassen.

Frau Patron wiederum läuft zu den Nachbarn und ruft die umliegenden Krankenhäuser in Pornic, Machecoul, Saint-Nazaire, Challans und Nantes an. Niemand hat in der Nacht eine verunglückte junge Frau aufgenommen. Gegen 7.40 Uhr wählt sie die Notrufnummer 17. Die Einsatzzentrale beauftragt die Polizei von Pornic, sich darum zu kümmern. Zehn Minuten später ist eine Streife da.

Um 8.15 Uhr geht die Sonne nicht über einem Verbrechen, sondern über einer Abwesenheit auf. Laëtitias roter Motorroller liegt auf dem Rollsplitt des Seitenstreifens, auf der Straße finden sich Reifenspuren und kleine Plastikscherben. Die Polizisten spannen gelbe Bänder quer über die Straße, der aus Pornic kommende Verkehr wird beim Kreisverkehr gesperrt.

Die benachbarten Häuser, Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten, sind durch einen kleinen, weißen Zaun abgeschirmt. Auf der anderen Seite der Straße beginnen Polizisten die Felder und Brachen zu durchsuchen. Der Morgen ist frostig, das Gras von weißlichem Raureif bedeckt. Die Spürhunde können keine Richtung ausmachen, das heißt, Laëtitia ist von ihrem Unfallort aus nicht irgendwohin gelaufen, sondern wurde direkt von diesem entfernt. Forensiker fotografieren die mit gelben, nummerierten Markierungen gekennzeichneten Spuren. Ein Hubschrauber kreist über der Unfallstelle.

Während der Oberstaatsanwalt in Saint-Nazaire Nachricht von einer »alarmierenden Vermisstenmeldung« erhält, trifft auf der Gendarmerie von Pornic ein Koordinator der kriminaltechnischen Maßnahmen ein. Auf Weisung des Staatsanwalts wird ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das verschiedenen Hypothesen nachgeht: Ausreißen, Selbstmord, Entführung. Die erste Frage: Wer hat Laëtitia zuletzt gesehen?

Herr und Frau Patron tauchen mitten im Unterricht in der Schule auf. Sie nehmen Jessica zur Gendarmerie von Pornic mit, wo die drei die ersten Aussagen machen. Laëtitia und Jessica Perrais sind Zwillinge, achtzehn Jahre alt und seit ihrem achten Lebensjahr Mündel des Jugendamts (ASE) des Departements Loire-Atlantique. Als sie volljährig wurden, beschlossen sie, bei Herrn Patron wohnen zu bleiben, der Pflegevater von Beruf ist und sie seit ihrem dreizehnten Lebensjahr zusammen mit seiner Frau betreut. Sie bewohnen ein schönes Haus an der Route de la Rogère in Pornic.

Jessica macht eine Facharbeiterlehre zur Köchin (CAP cuisine) an der Berufsschule von Machecoul. Laëtitia arbeitet im Hôtel de Nantes, einem drei Kilometer von ihrem Wohnort entfernten Hotel-Restaurant in La Bernerie-en-Retz, und bereitet ihr Diplom zur Restaurantfachfrau (CAP service) in einem Ausbildungszentrum in Saint-Nazaire vor. Ihre Arbeitszeiten im Hôtel de Nantes sind: Mittagsdienst von 11 bis 15 Uhr und Abenddienst von 18.30 Uhr bis 21.30 Uhr, dazwischen eine mehrstündige Pause. Außerhalb ihrer Arbeit führt Laëtitia ein sehr geordnetes Leben: Sie raucht nicht, trinkt nicht, geht wenig aus, fährt mit ihrem Roller nicht zu schnell und setzt immer ihren Helm auf. Sie ist noch nie von zu Hause ausgerissen. All ihre Freunde sind Berufsschüler oder Lehrlinge.

Vier junge Leute aus Laëtitias Umfeld werden von der Polizei vernommen.

Kévin, achtzehn, Berufsschüler

Kévin ist Laëtitias Freund und Berufsschüler in Machecoul. Sie rufen sich mehrmals täglich an. Am Vorabend – Dienstag, den 18. Januar – hat er Laëtitia zweimal am Telefon gehabt.

Der erste Anruf fand gegen 18.30 Uhr statt, als sie ins Hôtel de Nantes zurückkehrte, um vor Schichtbeginn dort zu essen. Kévin ist gerade aus der Schule gekommen, Laëtitia gesteht ihm, sie habe mit Freunden am Strand »braunes Zeug« geraucht. Kévin ist überrascht und verärgert: Laëtitia hat schon einmal mit Freundinnen davon probieren wollen und er es ihr ausgeredet. Sie weiß genau, dass Hasch eine Droge ist, Dreckzeug, das man nicht anrühren soll.

Zweiter Anruf gegen 21.40 Uhr nach Dienstende. Kévin hört jemanden neben ihr flüstern. Wer ist das? »Ein Mann um die dreißig«, erklärt Laëtitia. Die Antwort beruhigt ihn nicht. Sie bittet ihn, sich keine Sorgen zu machen, sie rufe später zurück. Im Laufe des Abends versucht Kévin, sie nochmals zu erreichen. »Nach zehn Anrufen gab ich auf. Vielleicht war sie eingeschlafen.«

Steven, achtzehn, Kochlehrling

Steven arbeitet mit Laëtitia im Hôtel de Nantes. Als er kurz vor 18.30 Uhr von seiner Pause ins Hotel zurückkam, sah er sie mit einem etwa dreißig Jahre alten Mann, einem Herumtreiber mit Ganovenmiene, der ihr in aggressivem Ton nachrief: »Denk dran, heut Abend hol ich dich ab!«

Normalerweise fahren Laëtitia und Steven nach der Arbeit mit ihren Scootern zusammen nach Hause. An diesem Abend weicht sie von ihrer Gewohnheit ab: »Nein, Coco, ich fahre später heim.« Auf dem Rückweg wird Steven von einem weißen Peugeot 106 verfolgt. Das Fahrzeug bleibt eine Weile hinter ihm, dann beschleunigt es, heftet sich an ihn, überholt, bremst ab, damit er einen Vorsprung gewinnt, dann schließt es mit Geblinke und Gehupe wieder auf. Der Wagen drängt ihn nach rechts ab. Steven ist gezwungen, auf dem Seitenstreifen auf der Höhe des McDonald’s von Pornic stehen zu bleiben.

Der Fahrer lässt schwer gereizt die Fensterscheibe herunter. Steven erkennt ihn sofort wieder: Es ist der Mann, der mit Laëtitia vorm Hôtel de Nantes stand.

»Wer bist’n du? Wo ist Laëtitia?«

»Sie ist noch auf Arbeit.«

»Will ich auch hoffen!«

Der Mann rast am Steuer seines 106 zurück.

William, achtzehn, Kochlehrling

William ist ein Freund von Laëtitia, ein sowohl einflussreicher Vertrauter als auch abgewiesener Geliebter, eine Art ständiger ritterlicher Begleiter. Sie haben sich im Hôtel de Nantes kennengelernt, wo William ein paar Monate lang in der Küche gearbeitet hat. Den ganzen Tag lang sind sie per Telefon oder SMS in Kontakt gewesen. Insgesamt haben sie zweiundachtzig Nachrichten und Anrufe ausgetauscht.

Gegen 16.30 Uhr erzählt Laëtitia ihm, dass sie mit Kévins bestem Freund geschlafen hat. Sie hat Angst, dass Kévin es ihr übel nimmt, wenn er davon erfährt. Gegen 23 Uhr gesteht sie William, sie habe Alkohol getrunken; sie bereut es und wirkt traurig. Gegen halb eins schickt sie ihm eine SMS: »mus dir etw schlims sagn«. Kurz vor eins schließlich der letzte Anruf: Sie ist vergewaltigt worden. Sie hat spürbar Angst und kann nur stammeln. In der Ferne hört man Musik, vielleicht ein Autoradio. Laëtitia legt auf, weil ihr Akku leer ist, sie will ihn von zu Hause aus zurückrufen.

Antony, neunzehn, Soldat

Antony ist der Sohn von Laëtitias Arbeitgebern, den Eigentümern des Hôtel de Nantes. Er wohnt in einer Einliegerwohnung neben dem Hotel-Restaurant seiner Eltern. Er hat den Abend des 18. Januar damit verbracht, mit Freunden Playstation zu spielen.

Gegen ein Uhr morgens hören sie ein Motorengeräusch und Türenschlagen. Durchs Fenster sieht Antony Laëtitia mit ihrem Helm in der Hand zum offenen Fenster eines weißen Peugeots hingebeugt wütend und erregt mit dem Fahrer sprechen. Die Warnblinker des Autos werfen orangefarbene Blitze an die Hauswände der kleinen, verschlafenen Straße. »Dann wird es laut und ich höre eine Männerstimme und Laëtitia, die etwas erwidert.«

Während Laëtitia mit ihrem Motorroller in Richtung des Rathauses von La Bernerie davonfährt, jagt der 106 »wie wild« die Einbahnstraße entlang, bevor er kehrtmacht und in verbotener Richtung zurückrast.

Die Polizisten erhalten noch weitere beunruhigende Informationen. Ein Arbeiter, der im Hôtel de Nantes logiert und beim Abendessen noch von Laëtitia bedient wurde, erklärt, er habe sie gegen 22.30 Uhr im Barbe Blues gesehen, einem berüchtigten Nachtklub in La Bernerie. Herr Patron und Jessica wiederum hörten zwischen 1 Uhr und 1.30 Uhr auf der Route de la Rogère ein Türenschlagen. Herr Patron lief im Schlafanzug und mit einer Taschenlampe hinaus, konnte aber nichts entdecken. Um 7.15 Uhr morgens fand Jessica dann den Scooter ihrer Schwester.

Der Letzte, der Laëtitia gesehen hat, ist also der Mann mit dem weißen Peugeot. Mithilfe der verschiedenen Zeugenaussagen können die Polizisten ein Phantombild erstellen: 1,85 Meter groß, braune Haare, athletisch, zurückgegelte Haare und rasierte Schläfen, Lederjacke, Hoodie.

Die Staatsanwaltschaft von Saint-Nazaire leitet Ermittlungen wegen »Entführung und Freiheitsberaubung« ein. Die Gendarmerie des Departements Loire-Atlantique unter Leitung von Oberst Hubscher wird informiert. Die Ermittlungskommission (SR) der Region Pays de la Loire mit Sitz in Angers informiert Oberfeldwebel Frantz Touchais, einen der versiertesten Ermittler der Abteilung »Delikte gegen die Person«. Frantz Touchais befindet sich gerade wegen eines Polizeigewahrsams in Nantes. Er begreift sofort den Ernst der Lage: Laëtitia ist 50 Meter von ihrem Zuhause entfernt verschwunden, wäre sie ausgerissen, hätte sie ihren Scooter genommen, und sie hat keine Schuhe an, obwohl Frost herrscht. »Das riecht schwer nach Entführung.«

Vom Nachmittag an werden Laëtitias Handy und ihre Bankkarte unter Überwachung gestellt. Um ihre Kontakte identifizieren zu können, werden von den Telefongesellschaften die Verbindungsdaten angefordert. Die Steuerprüfung des Finanzamts von Nantes gibt die Kontonummern bekannt, mit denen dieses operiert: Es sind keine Geldbewegungen festzustellen. Gegen 15 Uhr landet ein Flugzeug des Kriminalamts der Nationalgendarmerie IRCGN auf dem regionalen Flugplatz.

Die Gendarmen durchsuchen das Haus von Herrn und Frau Patron. Laëtitias winziges, fensterloses Zimmer ist spartanisch eingerichtet: ein kleines Bett, ein Regal, ein Schrank mit ein paar Kleidungsstücken. Um über ihre DNA zu verfügen, werden Zahn- und Haarbürste versiegelt. In einer Collegetasche aus Jeansstoff finden die Gendarmen drei handgeschriebene Briefe von Laëtitia, in denen sie sich von ihren Angehörigen verabschiedet und ihre letzten Wünsche mitteilt.

Im Hôtel de Nantes, das mitten in La Bernerie liegt, steht der jungen Frau im Obergeschoss ein Zimmer als Umkleideraum zur Verfügung. Dort ist nichts Verdächtiges zu entdecken. Ihre Dienstkleidung liegt sorgfältig ausgebreitet auf dem Bett.

Um 16.53 Uhr berichtet die Webseite von Ouest-France von »einer alarmierenden Vermisstenmeldung einer jungen Frau aus La Bernerie-en-Retz«. Anderthalb Stunden später titelt die Agence France Presse (AFP): »Großfahndung nach einer jungen Frau aus Pornic«. La Bernerie, eine kleine Gemeinde von 2500 Einwohnern, gehört zum Großraum Pornic, der etwa 14 000 Bewohner zählt. Wir befinden uns an der Atlantikküste, etwa 50 Kilometer vor Nantes entfernt.

Dank der Zeugenaussagen von Gästen des Barbe Blues und der Zuarbeit der Polizisten aus Nantes kennen die Gendarmen am frühen Abend den Namen des Peugeot-Fahrers. Sein Strafregister ist sieben Seiten lang. Der 106 ist ein gestohlenes Fahrzeug. Die Gendarmen sind in der Zwickmühle: Sollen sie versuchen, den Mann über seine Handys zu orten, oder unverzüglich die Aufenthaltsorte von ihm durchsuchen, deren Adressen man kennt? Einer davon ist das Haus seines Cousins in Le Cassepot bei Arthon-en-Retz, einem Weiler in der Nähe von La Bernerie. Die Gendarmen wissen, dass sich dort ein großes Gelände mit einer Lagerhalle und Wohnwagen befindet und dass der Cousin verreist ist: der beste Ort, um Laëtitia gefangen zu halten.

Die Zeit drängt.

Um 23 Uhr erkunden die Gendarmen Le Cassepot. Das Nest, fünf verlorene Häuser mitten in der Bocage, liegt im Finstern. Es ist eiskalt und vollkommen still. Die Gendarmen schleichen sich lautlos an. Die Häuser haben Lichtanlagen mit Bewegungsmeldern, hinter den Zäunen lauern Wachhunde. In der Befürchtung, entdeckt zu werden, machen die Gendarmen kehrt. Da der Mann bewaffnet ist und wahrscheinlich Laëtitia in seiner Gewalt hat, fordert Oberst Hubscher das Spezialeinsatzkommando der Nationalgendarmerie (GIGN) an.

3

Mutterschaft mit Cutterschnitten

Im Bauch ihrer Mutter waren sie beieinander.

Auf dem Foto, das auf der Geburtsstation aufgenommen wurde, drückt die Mama ihre beiden Neugeborenen an sich. Aufs Kopfkissen gebettet schaut sie mit dem typisch glücklich-erschöpften Lächeln einer Frau in die Kamera, die viele Stunden im Kreißsaal verbracht hat. Auf einem anderen Foto erwischt der Blitz die inzwischen vier Monate alten, überrascht blickenden Babys mit Schnullern im Mund. Mit sieben Monaten sitzt Laëtitia in einem rosa Schlafanzug von Kissen abgestützt da. Jessica, die das Album mit mir durchblättert, erklärt stolz: »Laëtitia hat keine Pausbacken, sie ist schmächtiger. Ich habe diese Pausbacken!«

Die beiden Schwestern wurden am 4. Mai 1992 in Nantes geboren, Jessica um 11.15 Uhr, Laëtitia um 11.16 Uhr. Sie sind zweieiige Zwillinge, haben also die Hälfte der Gene gemeinsam.

Ihre Mutter Sylvie Larcher ist vierundzwanzig Jahre alt. Sie arbeitet als Reinigungskraft beim Schulamt. Der Vater Franck Perrais ist fünfundzwanzig und Kellner. Sie haben sich ein Jahr zuvor kennengelernt und bald schon beschlossen zusammenzuziehen. Franck erinnert sich, beim Ultraschalltermin freudig überrascht gewesen zu sein: »Zwei auf einen Streich, das wird ein Spaß!« Alain Larcher, der Onkel mütterlicherseits und Patenonkel von Laëtitia, behauptet dagegen, die Nachricht einer Zwillingsgeburt sei als Katastrophe empfunden worden. Franck Perrais habe gebrummt: »Eine wäre ja noch o. k., aber was sollen wir mit zwei?« Wenige Tage nach der Geburt erkannte er die Vaterschaft an.

Auch über Laëtitias und Jessicas Kleinkindalter gehen die Ansichten auseinander. In Franck Perrais’ Erinnerung ist es eine glückliche Zeit: Die Zwillinge sind unkompliziert, Laëtitia schläft die ganze Zeit, Jessica weint fast nie. Laut Alain Larcher dagegen ist es der Anfang vom Chaos. Der Vater kommt jeden Abend betrunken nach Hause und gibt Mutter und Töchtern die Schuld.

1993 trennen sich die Eltern. Sylvie, die mit den Mädchen allein bleibt, stürzt in eine Depression. Franck besucht sie von Zeit zu Zeit. Er möchte, dass sie wieder zusammenziehen; um ihrer Beziehung noch eine Chance zu geben, willigt sie ein, doch Franck schlägt weiter über die Stränge und wird erneut gewalttätig. Er hasst es, wenn Laëtitia und Jessica auf dem Boden spielen: »Schluss jetzt! Steht auf! Hoch mit euch!« Sylvie geht dazwischen, der Ton wird scharf, und das Ganze endet in einem Ehestreit. Wenn jemand einschreitet, erwidert Franck: »Das sind meine Töchter, mit denen mach ich, was ich will!«

Alain Larcher erinnert sich: Einmal weint Jessica, weil ihre Windel voll ist. Franck reißt sie wütend hoch und wirft sie von einem Sofa über den Couchtisch auf ein anderes. Der Hund, eine große Schäferhündin, stellt sich über sie, um sie zu beschützen. Ein andermal hält Franck Laëtitia an den Trägern ihrer Latzhose aus der dritten Etage ins leere Treppenhaus. Als Alain Larcher die Treppe hinaufkommt, um seine Schwester zu rächen, droht Franck: »Wenn du näher kommst, lass ich los!« Jessica schluchzt und klammert sich an die Beine ihrer Mutter.

Ich befinde mich in Alain Larchers Wohnung in einem Vorort von Nantes. Er hat mich mit seiner Tochter an der Busstation abgeholt. Wir unterhalten uns im Wohnzimmer. Auf dem Kamin steht eine Urne mit der Asche der Hündin. Alain Larcher hat lange als Chefkoch gearbeitet. Die Fotos, die auf dem Computer vorbeiziehen, lassen uns in die Vergangenheit blicken: Ferien in der Bretagne, ein Plastikplanschbecken für die Mädchen, Laëtitia auf dem Rücken einer Kuh thronend. Ein Tannenbäumchen aus grüner Pappe, das Laëtitia und Jessica ihm zu Weihnachten gebastelt haben, mit aufgeklebten Fotos der beiden als Schülerinnen. Alain Larcher hätte seine Patentochter gern auf ihren ersten Schritten ins Erwachsenenleben begleitet, er wäre gern bei ihrer Hochzeit dabei gewesen. Stattdessen hat er Gedenkmärsche organisiert.

Er ist ein großer, athletischer Kerl mit blauen Augen, braunem Haar mit Bürstenschnitt und einem kantigen, verbrauchten, von den Zeiten der Arbeitslosigkeit und den Prüfungen des Lebens gezeichneten Gesicht. Sein schwarzes Hemd steht offen über einer Silberkette. Die Erinnerung an die Szene, in der Franck Laëtitia nur an ihren Latzhosenträgern hielt, treibt dem Koloss Tränen in die Augen.

»Meine Prinzessin hing im Nichts.«

Alain Larcher ist voller Zorn gegen Franck Perrais. Lange vor meinem Besuch hat er sich schon in Paris Match darüber ausgelassen: Seine Schwester suchte mit Blutergüssen, blauen Flecken, Schnittwunden und Cutterspuren auf dem ganzen Körper Zuflucht bei ihm. Franck zwang sie zum Sex, auch wenn sie keine Lust hatte. Er schlug seine Töchter. Sylvie wagte ihren Eltern nichts davon zu erzählen, weil diese ihr dringend abgeraten hatten, sich mit ihm zusammenzutun. Außerdem kannte Sylvie sexuelle Gewalt schon aus ihrer Kindheit: Ihr Vater war selbst Alkoholiker und gewalttätig gewesen. Doch schließlich gelang es ihr mit dessen Hilfe, Franck im April 1995 vor die Tür zu setzen.

Laëtitias und Jessicas Unglück begann sehr früh. Ist es möglich, dass ihre Geburt durch eine Vergewaltigung, die sie in utero erlebten, ausgelöst wurde? Nachdem sie auf der Welt waren, erfuhren sie die familiäre Gewalt aus der Innenperspektive, denn das Kleinkind lebt nicht getrennt von seiner Mutter. Niemand war zu Hause sicher. »Davor«, erinnert sich Alain Larcher, »ging es meiner Schwester gut: Sie war aktiv, fröhlich und lebenslustig. Wäre sie nicht so misshandelt worden, wäre sie nicht depressiv geworden und die Mädchen wären ihr nie weggenommen worden.« Mehrmals habe er versucht, ihr die Augen zu öffnen, doch sie sei verliebt gewesen; das mit Franck, das sei stärker gewesen als sie, und sie habe mit dem Vater ihrer Töchter leben wollen. Eines Tages passte Alain Larcher seinen Schwager nach Arbeitsschluss in einer Unimensa ab und brach ihm die Nase. »Dann trennte man uns – zum Glück für ihn.«

In der Strafakte von Franck Perrais, die die Oberstaatsanwältin von Nantes mir einzusehen gestattete, steht zu lesen, dass Franck am 16. Oktober 1995 nach Schulschluss seine Töchter abpasste. Er folgte Sylvie und lud sich selbst zu ihr ein. Nachdem die Zwillinge abends im Bett waren, nahm er ihr das Telefon weg, zwang sie, sich auszuziehen, knebelte sie mit einem Geschirrtuch und vergewaltigte sie, bedrohte sie dabei mit einem Cutter und fügte ihr einen drei Zentimeter tiefen Schnitt auf dem Unterarm zu. Eine Woche später wollte er dasselbe tun, doch sie schloss sich auf der Toilette ein und rief von dort um Hilfe. Als die Nachbarn eintrafen, weinte sie.

Mit der Unterstützung ihres Bruders zeigte sie ihn an. Franck Perrais wurde verhaftet und zwei Jahre später, am 16. September 1997, vom Schwurgericht des Departements Loire-Atlantique wegen Vergewaltigung und bewaffnetem Vergewaltigungsversuch verurteilt. Er bekam fünf Jahre Gefängnis, davon zwei auf Bewährung, und sie eine Depression, die mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie nötig machten.

Ich traf Franck Perrais in der Kanzlei seines Anwalts. Ein kleiner, kompakter, in seinem schwarzen Anzug sehr korrekt aussehender Mann mit Boxernase und blondem Bürstenhaar. Mit seinen Armen und seinem Oberkörper voller Tattoos gibt er den Harten mit dem weichen Herzen. Sein Satzbau ist so strukturlos wie sein Leben, er verwechselt Wörter, die Sätze laufen ins Nirgendwo. Der Zeitarbeitsjobs und Scheinausbildungen müde, macht er sich auf seine Weise nützlich und unterhält eine Internetseite zur Erinnerung an seine Tochter. Unser Treffen kommt ihm wie gerufen: Er war gerade auf der Suche nach einem Schriftsteller.

Franck Perrais wurde 1967 geboren. Er wuchs in Couëron in der Nähe von Nantes mit einer Schwester, seinem Bruder Stéphane und einem zweiten, behinderten Bruder auf. Sein Vater, ein Anstreicher, hatte Alkoholprobleme. Seine Mutter, die als Reinigungskraft in Krankenhäusern gearbeitet hat, glaubt, Franck habe eine schwere Kindheit gehabt, doch er selbst bewahrt diese Zeit in guter Erinnerung. Mit Stéphane klaute er kleine Dinge, rannte den Mädchen nach und spielte mit Winzigkeiten wie Murmeln und Holzstückchen. Mit neun Jahren schickte man ihn auf ein Internat – »weil ich mit der Zunge anssstiesss«, wie er sagt. Dort waren die Erzieher streng: obligatorischer Religionsunterricht, Strafen für alles und nichts. Mit zwölf kam er in eine Sonderpädagogikklasse einer Mittelschule in Nantes. Mit sechzehn begann er eine Anstreicherlehre, dann war er Tischlerlehrling, Konditorlehrling, Mechanikerlehrling, kurz Lehrling im Lehrlingsein, bevor er »Kellner in der Spitzengastronomie« in einem Restaurant an der Küste wurde. Danach häuften sich die Zeitarbeitsverträge.

Sein Bruder Stéphane wurde in einem Heim untergebracht. Er hatte von sich aus die Sozialstelle aufgesucht, und eines schönen Tages wurden die Eltern durch Erzieher ersetzt. Für Stéphane war Franck ein guter Vater: »Wir machten Fahrradausflüge mit den Kindern. Mein Bruder nahm seine Töchter mit auf sein Rad, eine vorn, eine hinten. Wir picknickten und spielten Fußball. Ich sehe das breite Lachen der Mädchen auf dem Fahrrad noch vor mir.«

Franck Perrais ist ein vom Leben gebeutelter Mensch und wenig gebildet, reizbar und gewalttätig, doch ich habe die Überzeugung gewonnen, dass er seine Töchter geliebt hat, zumindest nach einer gewissen Zeit. Er hat nie den Kontakt zu ihnen abgebrochen, hat stets von seinem Umgangsrecht Gebrauch gemacht und immer Unterhalt gezahlt. Er betonte schon vor zwanzig Jahren und beteuert es noch einmal mir gegenüber: »Ich liebe meine Töchter, ich bete sie an.« Heute erkundigt er sich bei Jessica, wie es ihr geht, macht ihr kleine Geschenke und ist für sie da, wenn sie das Bedürfnis hat, ans Grab ihrer Schwester nach La Bernerie zu fahren.

Umgekehrt weiß ich nicht, ob man sagen kann, er habe ihre Mutter geliebt. Man müsste sich über die Bedeutung von Worten wie »Liebe«, »Zusammenleben«, »gegenseitiger Beistand« verständigen, doch im Blick von Sylvie Larcher liegt heute eine ungeheure, tief verwurzelte Angst, die mehr sagt als alle Berichte über Gewalt an Frauen. Angst vor dem Vater, der trinkt und schlägt, Angst vor Männern, die einen aufschlitzen, die sich anmaßen, einen wie Eigentum zu behandeln, die in einen eindringen, wann es ihnen passt, aber auch Angst vor anderen, Angst vor den Behörden, Angst vor der Welt – eine Mischung aus Schockstarre und Wartezustand, die die Gestalt eines unbewegten Lächelns angenommen hat und die Befürchtung spiegelt, etwas falsch zu machen, die stumme, eilfertige Anstrengung, den anderen nicht zu verärgern.

Alain Larcher erzählt auch, seine Schwester habe allem zugestimmt, doch er sei nicht sicher, ob sie sich wirklich darüber im Klaren gewesen sei. Was nicht verwundere, bei all den Medikamenten, die sie einnehme. Sie lasse sich ein Bad ein, gehe inzwischen den Hund ausführen, und bei ihrer Rückkehr stehe die Feuerwehr da wegen der Überschwemmung.

Während des Ancien Régime und im 19. Jahrhundert wurde sexuelle Gewalt mit großer Nachsicht behandelt. Der Mann zeigte lediglich sein Begehren, die Frau reizte ihn dazu. Diese Umkehr von Schuld beruht auf einem Werturteil, welches das »schwache Geschlecht« dem starken und die »bessere Hälfte« dem »ganzen Wesen« unterordnet. Innerhalb einer Paarbeziehung ist allein schon der Begriff sexuelle Gewalt widersinnig. Nach dem napoleonischen Zivilgesetz schuldet die Frau ihrem Mann »Gehorsam«. Es ist selbstverständlich, dass die sexuellen Bedürfnisse des Ehemanns ein Ventil finden müssen. Der Sex, den dieser in der Hochzeitsnacht seiner jungfräulichen, unerfahrenen jungen Ehefrau auferlegt, ist eine Pflichterfahrung. Gewalt gehört zu den Rechten des Mannes.

Erst sehr spät – in Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz und England Anfang der 1990er Jahre – hat die Rechtsprechung Frauen gestattet, ihre Partner wegen sexueller Gewalt anzuzeigen. In Frankreich wird eine Vergewaltigung (die als Akt der Penetration unter Gewaltanwendung, Bedrohung oder durch Überrumpelung definiert ist) seit 2006 von Gesetzes wegen als besonders schwer behandelt, wenn sie vom Ehemann oder Partner verübt wird. Doch innerhalb einer Beziehung gibt es eine breite Palette verschiedenster Gewalttätigkeiten, deren Ziel die Dominierung oder Unterwerfung des anderen ist: wiederholte Beleidigungen, Einschüchterungsversuche, Belästigung, Erpressung auf Gefühlsebene, psychologischer Druck, Drohungen im Hinblick auf die Kinder, erzwungene sexuelle Kontakte, Ohrfeigen, Schläge, Misshandlungen und so weiter.

Nach der Staatlichen Umfrage zu Gewalt an Frauen in Frankreich aus dem Jahr 2000 geben fast 10 Prozent der in einer Beziehung lebenden Frauen an, im vorangegangenen Jahr psychologische, verbale, körperliche oder sexuelle Gewalt erlitten zu haben. Junge Frauen (von zwanzig bis vierundzwanzig Jahren) sind deutlich häufiger betroffen als ältere. Die Hälfte der missbrauchten Frauen wurde dabei von ihrem Partner oder einem Ex-Partner vergewaltigt und dieser nur selten angezeigt und noch seltener gerichtlich verfolgt. Alle sozialen Klassen sind betroffen, doch eine 1996 unter Allgemeinmedizinern im Departement Loire-Atlantique durchgeführte Befragung macht bei der Hälfte der Fälle eine prekäre Arbeitssituation und bei mehr als 90 Prozent Alkoholismus verantwortlich.

Inwieweit hat Franck Perrais die Mutter seiner Töchter zugrundegerichtet? Sylvie Larcher starb eine Art psychischen Tod. Andere Frauen starben ganz. Pro Jahr sind es in Frankreich mehr als hundert: erwürgte oder erschossene Mütter, mit Faustschlägen getötete Ex-Freundinnen, die vorher Zielscheibe Dutzender beleidigender, zu jeder Tages- und Nachtzeit versendeter SMS geworden waren, Frauen, die erstochen wurden, weil sie eine sexuelle Beziehung verweigerten. Manche dieser Fälle landen auf dem Schreibtisch von Jessicas Anwältin Cécile de Oliveira.

Das Schwurgericht des Departements Loire-Atlantique hat seinen Sitz im Landgericht (TGI) von Nantes und dort in einem Saal von recht bescheidener Größe, aber mit einer Decke von sieben oder acht Metern Höhe. In diesem von den roten Steinplatten an den Wänden getönten Lichtwürfel habe ich Cécile de Oliveira mehrmals am Werk gesehen. Die schwarze Robe ersetzte (oder überdeckte vielmehr) Jeans und geblümtes Oberteil. Cécile de Oliveira hört zu, macht sich Notizen, fragt und hält schließlich ihr Plädoyer. Wenn sie einen Nebenkläger vertritt, versucht sie in ihrem Kontakt zum Angeklagten eine Art moralischen Vertrag zu schließen, um gemeinsam zur Wahrheit zu finden. Ist das nicht möglich, bringt sie ihn mit unpassenden Fragen aus dem Konzept, die das Gespräch in eine unerwartete Richtung lenken und Umwege nehmen, um am Ende besser informiert auf die Straftat zurückzukommen.

Heute ist Bernard an der Reihe. Er ist angeklagt, eine Kollegin mit einem Schraubenzieher erstochen zu haben. Motiv: enttäuschte Liebe. Das Opfer wurde in Blut badend im Technikraum der Firma gefunden. Bernards Auto war von oben bis unten gereinigt worden, doch die Polizisten überprüften es mit Bluestar, einem Mittel, das abgewischte Blutspuren sichtbar macht, und auf dem Gaspedal wurden welche gefunden. Auf der Anklagebank hinter Glas wartet brav ein Mann um die vierzig in Anzug, mit gesenktem Kopf und sanftem, harmlosem Aussehen. Bernard ist Informatik-, Musik- und Filmliebhaber und ein einsamer, verschlossener Mann. Sein Papa habe ihn immer gedrängt, mehr hinauszugehen.

Von Prozessbeginn an antwortet er ausweichend und behauptet, sich an nichts erinnern zu können. Unablässig beteuert er, er habe es vergessen, er wisse nichts mehr, er habe einen »Blackout« – bis Cécile de Oliveira, die die Familie des Opfers vertritt, sich vor ihn hinstellt. Die Szene wird in der Ouest-France vom 25. Juni 2014 geschildert, die ich bei meiner Ankunft am Bahnhof von Nantes kaufte:

»Wo haben Sie Ihre Turnschuhe mit all dem Blut denn hingetan?«

Das Publikum hört Bernard brummeln:

»In einen Mülleimer.«

Cécile de Oliveira ermutigt ihn, weiterzusprechen:

»Ich bin mir sicher, Sie können die ganze Szene schildern.«

Sie fragt ihn sanft, ob er sich verlassen gefühlt habe, als seine Kollegin den Kontakt zu ihm abbrach, weil er »zu sehr zur Klette« geworden war, ob er von jenem Tag an in seinem Leben wohl nichts mehr gehabt habe als seine Mutter, seinen Vater und die Religion. Bernard bricht ein:

»Wir standen uns in diesem Raum gegenüber. Ich höre noch ihre schrecklichen Schreie.«

Eine halbe Stunde lang ist Cécile de Oliveira Geburtshelferin seines grauenhaften Geständnisses.

4

Le Cassepot

Von Beginn an empfiehlt mir Cécile de Oliveira (die ich auch einfach Cécile nennen könnte, denn wir sind schnell Freunde geworden), den Tatort aufzusuchen. Sie bietet mir an, mich mit dem Auto hinzubringen.

Es ist Juli 2014, ein strahlender Tag. Während der Fahrt sprechen wir über den Anwaltsberuf. Zu Beginn der Laufbahn muss man einen Eid ablegen: »Ich schwöre, meine Pflichten in Würde, gewissenhaft, unabhängig, redlich und mit Menschlichkeit zu erfüllen.« Ihre einzige schlaflose Nacht war die vor einer Hauptverhandlung, in der ihr Mandant entweder freigesprochen oder zu einer schweren Strafe verurteilt werden sollte. Nachdem er in letzter Minute seine Schuld gestanden hatte, bekam er achtundzwanzig Jahre. Innerhalb weniger Stunden war über ein Menschenleben entschieden worden.

In erster Instanz wurde Laëtitias Mörder zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe von zweiundzwanzig Jahren ohne Haftminderung mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt – eine unter Nicolas Sarkozy eingeführte Kombination von Strafe und Maßregel, die erlaubt, dem eigentlich entlassbaren Gefangenen weiterhin die Freiheit zu entziehen, wenn er immer noch als gefährlich gilt. Das ist eine der schwersten Strafen, die man im französischen Recht verhängen kann, da gewissermaßen erst die Sicherungsverwahrung eine wirklich lebenslange Haft garantiert.

Cécile de Oliveira macht sich wegen des Berufungsprozesses, der im Herbst 2014 in Rennes stattfinden soll, keine Sorgen. Sie wäre sogar erleichtert, wenn Meilhon weniger bekäme, zum Beispiel lebenslänglich ohne Sicherungsverwahrung oder nur dreißig Jahre mit möglicher Haftminderung. Das überrascht mich.

»Doch«, sagt sie, »die Leute müssen irgendwann wieder heraus. Er ist kein Monster oder Verrückter, sondern nur ein armes Schwein, das ein schreckliches Verbrechen begangen hat. Das Ganze war ihm nicht vorbestimmt.«

Im Übrigen hätte sie ihn gern verteidigt und auf das Badinter-Prinzip plädiert, denn jeder Mensch habe das Recht, verteidigt zu werden, und zwar gut, selbst ein Terrorist oder Kinderschänder. Die Idee der Sicherungsverwahrung widert Cécile de Oliveira an, weil diese die Haft nicht von einer ungesetzlichen Tat abhängig macht, sondern davon, wie Experten eine Persönlichkeit beurteilen.

Wir erreichen La Bernerie, einen kleinen, jetzt, in der Sommerzeit, überfüllten Badeort am Atlantik. Wir fahren an der kleinen Kirche vorbei, in der drei Jahre zuvor, am 25. Juni 2011, die Totenmesse für Laëtitia stattfand. Das Barbe Blues, die berüchtigte Bar, in der sie nach ihrem Dienst gesehen wurde, hat seinen Namen geändert. Man könnte meinen, die Bar ziehe den Horror geradezu an: Im Februar 2011 wurde ihr früherer Besitzer verurteilt, weil er seine Lebensgefährtin erwürgt, zerstückelt und in zwei Koffern ins Wasser geworfen hatte.

Wir essen im Hôtel de Nantes zu Mittag. Die Fassade ist kanariengelb gestrichen und mit blauen Vordächern bestückt. Der Speisesaal ist ein großer, angenehmer Raum mit etwa fünfzehn Tischen, gefliestem Boden und einer ausgesucht kitschigen Dekoration: einem Laute spielenden Engel, leeren Vogelkäfigen, einem Poster zu Ehren von »PARIS« mit einem Eiffelturm anstelle des »I«, einem kubanisch anmutenden Poster mit einer auf weißen Holzplanken liegenden Zigarre. Das Hotel-Restaurant veranstaltet Karaoke-Abende. Auf jedem Tisch verkündet ein Schildchen: »Hier im Hôtel de Nantes wird in der Nebensaison jeden Samstagabend ohne Aufschlag und ohne Mäßigung getanzt.« Die papierenen Tischsets sind mit einer Landkarte der Île d’Yeu und touristischen Attraktionen, Fährverbindungen und Werbekampagnen bedruckt.

Frau Deslandes, die Wirtin und ehemalige Chefin von Laëtitia, serviert uns Crêpes. Dann sagt sie halb jammernd, halb belehrend:

»Wir sind von fliegenden Ameisen belagert. Da wird es gewittern.«

»Das kann gut sein«, amüsiert sich Cécile de Oliveira.

Das Hôtel de Nantes ist ganzjährig in Betrieb. Laëtitia war hier seit dem Sommer 2010 Kellnerin. Im Winter, in der Nebensaison, serviert man »Handwerkermenüs«, mehrgängige Gerichte zu sieben oder acht Euro für die Arbeiter auf den Baustellen der zu renovierenden und zu restaurierenden Häuser, von denen es in dieser Gegend nur so wimmelt. Sie wohnen im Hôtel de Nantes, bis die Arbeiten abgeschlossen sind. Auch am letzten Tag ihres Lebens hat Laëtitia Handwerkermenüs serviert.

Am Dienstag, den 18. Januar 2011, war der Badeort wie ausgestorben. Nur das Hôtel de Nantes, das Barbe Blues und ein paar Läden waren geöffnet. Wie die Fotos von Laëtitia beweisen, die man auf dem Mobiltelefon ihres Mörders fand, war es ein klarer Wintertag. Heute ist La Bernerie von einer Unmenge von Urlaubern bevölkert. Unter Fahnen, die im Wind flattern, warten Strandsegler und Katamarane. Kleine und Große schmoren am Strand in der Sonne.

Wir steigen zum Friedhof hinauf, einem höher gelegenen, sandigen Gelände. Der rosa Marmor ist mit Blumen und Grabplatten bedeckt.

Laëtitia Perrais, 1992–2011

Die parallel zur Küste verlaufende Route de la Rogère durchquert eine sich zwischen Kreisverkehren und Werbetafeln erstreckende Gegend von Einfamilienhäusern. Dort wohnen Herr und Frau Patron, dort hat Laëtitia mit ihrer Schwester gelebt, dort wurde sie in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2011 gegen ein Uhr morgens entführt.

Auf Landstraßen fahren wir nach Le Cassepot. Cassepot, »Topfzerschlager«: ein so vulgärer wie beunruhigender, célinesker Name wie Casse-pipe: Lebensgefahr, Pfeifenbrecher, Krieg; oder Casse-tête: Geduldsspiel, Kopfnuss, Totschläger. Cécile de Oliveira biegt in einen Feldweg ein, dann stellt sie den Motor ab. Hinter dem Tor erstreckt sich ein Gelände voller Autowracks, schwarzer, öliger Motoren, Hohlblocksteine, Bauschutt, Schrottteile, alter, auf dem Rücken liegender Kühlschränke – eine Art Freiluftwerkstatt auf der grünen Wiese. Eine Brücke mit Kette und Flaschenzug dient dazu, die Autowracks anzuheben, um sie auseinanderzunehmen. Auf der rechten Seite steht eine Lagerhalle. Im hinteren Teil des Gartens, an der dichten Baumreihe, die das Gelände einschließt, erkennt man einen Hühnerstall und zwei Wohnwagen.

Eine Frau hängt gerade Wäsche auf. Als ich sie anspreche – eine bescheidene Frau mit breitem Lächeln –, erzähle ich ihr, ich schriebe über »die kleine Laëtitia«. Sie vergewissert sich, dass ich kein Journalist bin. Dann beginnen wir ein Gespräch: Ihr Mann, der Cousin des Mörders, ist Schrotthändler. Er klappert die Müllplätze ab, sieht sich dort nach Autos um, zerschneidet sie dann und verkauft den Schrott an ein Recyclingunternehmen in der Vendée: Kupfer, Messing, Alu. Die Geschichte hat ihr Leben aus der Bahn geworfen. Zur Tatzeit waren sie zum Skifahren in den Pyrenäen, 900 Kilometer von hier entfernt. Eine Nachbarin erzählte ihnen, Gendarmen seien bei ihnen gewesen und hätten alles durchsucht. Bei ihrer Rückkehr war ihr Haus dann versiegelt. Mit ihren drei Kindern mussten sie sich an verschiedenen Orten durchwohnen, obwohl sie weiter Miete zahlten. Schließlich erlaubte man ihnen zurückzukommen. Eines Tages sind die Kinder trotz der Siegel in den Wohnwagen gegangen, um sich dort verbotenerweise Bonbons zu holen.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Es ist 4.30 Uhr am Morgen. Die Bocage ist über Nacht vereist. Die Männer der GIGN verteilen sich lautlos im Weiler Le Cassepot. Sie kennen sich bestens aus: Der Bürgermeister von Arthon-en-Retz muss ihnen mitten in der Nacht Einblick ins Grundbuch gewährt haben. Sie steigen übers Tor, verteilen sich im Gelände, schleichen wie Schatten an den Mauern entlang. Der Verdächtige wurde nicht im Wohnwagen geortet, wo er gewöhnlich schläft, sondern im Erdgeschoss des Hauses.

Als die Gendarmen der Eliteeinheit die Tür aufsprengen, trifft die Keramikpatrone, die zufällig in den Wohnraum geschleudert wird, den Mann direkt am Kopf. Da er mit blutüberströmter Stirn bewusstlos auf dem Wohnzimmersofa liegt, kann er weder verhört noch in Polizeigewahrsam genommen werden. Der Arzt der GIGN leistet erste Hilfe, dann wird er ins Krankenhaus von Saint-Nazaire eingeliefert.

Die erste Bestandsaufnahme des Orts ergibt: Der weiße Peugeot 106 ist vor der Lagerhalle abgestellt. Im Wohnwagen werden ein 22lr-Karabiner und etwa dreißig Handys gefunden, ebenso 700 Gramm Haschisch. Aber keine Laëtitia.

Die Fahndung beginnt nach Schneckenhaustaktik: Ausgehend von Le Cassepot wird der Suchradius spiralförmig erweitert.

Die Erfassung der Fingerabdrücke bestätigt die Identität des Mannes: Es handelt sich um Tony Meilhon, geboren am 14. August 1979, Schrotthändler, wegen verschiedener Delikte und Straftaten dreizehn Mal verurteilt. Bei seiner Entlassung aus dem Krankenhaus gegen 11.30 Uhr wird er in Polizeigewahrsam genommen und über seine Rechte belehrt. Er antwortet:

»Nehmen Sie doch gleich Ihre 9-mm, dann sind wir schneller fertig.«

Meilhon wird auf die Gendarmerie von Pornic gebracht. In Anbetracht seines Strafregisters wirkt er erstaunlich wenig nervös.

Mai 1996: Verurteilung zu drei Monaten Gefängnis auf Bewährung wegen Diebstahls. Da die Bewährung nach einigen Monaten widerrufen wird, wird der sechzehnjährige Meilhon zum ersten Mal in seinem Leben eingesperrt.

April 1997: vier Monate Gefängnis wegen Diebstahls. Er vergewaltigt seinen Mithäftling mit einem Besen. Der Mitgefangene hatte seine eigene Schwester missbraucht und Meilhon wollte »das Mädchen rächen«.

März 1998: sechs Monate Gefängnis wegen Gemeinschaftsdiebstahls.

März 2001: Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnis durch das Jugendgericht des Departements Loire-Atlantique wegen der Vergewaltigung seines Mithälftlings (Meilhon war seit August 1999 in Untersuchungshaft gewesen).

August 2003: Raubüberfall auf drei Geschäfte mit Strumpfmaske, Tränengasspray und Pistole, um seinen Drogenkonsum zu finanzieren. Mehrere hundert Euro Beute. Vorläufige Festnahme.

Juni 2005: Verurteilung zu sechs Jahren Gefängnis durch das Schwurgericht von Loire-Atlantique. Seine Haft ist mit Zwischenfällen gespickt: Drohungen gegen das Wachpersonal, Anbau von Cannabis auf dem Zellenfenster, Eskapaden mit seiner Freundin im Besucherraum. Er ist Räuber und Raubein zugleich; man »respektiert« ihn.

Juni 2009: ein Jahr Gefängnis, davon sechs Monate auf Bewährung, wegen wiederholter Richterbeleidigung und -bedrohung.

Februar 2010: Entlassung. Als Postanschrift wählt Meilhon das Sozialhilfezentrum von Nantes. Seine Schwägerin, die allein mit ihren Kindern in einer Sozialwohnung lebt (weil Meilhons Bruder seinerseits im Gefängnis sitzt), nimmt sich seiner an.

Während des Polizeigewahrsams argumentieren die Gendarmen nicht schlüssig. Einerseits täuschen sie Gleichgültigkeit vor: »Du kriegst sowieso lebenslänglich, uns ist egal, ob wir sie finden.« Andererseits drängen sie darauf, dass er gesteht, wohin er die junge Frau gebracht hat. Auf der Videoaufnahme des Verhörs erkennt man, dass Meilhon sich irgendwann denkt: »Okay, es reicht.« Er schweigt, schaut weg. Als die Gendarmen ihn mit dem Szenario »Vergewaltigung, Entführung, Totschlag« konfrontieren, lächelt er. Ab und zu lässt er fallen: »ist mir egal«, »keine Ahnung« oder »ich hab sowieso nur noch ein paar Stunden«. Er verweigert die Nahrungsaufnahme und jegliche Unterschrift.

Von der Keramikpatrone verletzt und von den Ermittlern unter Druck gesetzt, fühlt Meilhon sich auch in seiner Ganovenehre gekränkt. Während des ersten Prozesses gibt er zu: »Ich war darauf gefasst, dass die Bullen kommen, aber nicht so schnell.«

Kurz nach 13.30 Uhr bilanziert die AFP: »Neben der GIGN sind vierzig Gendarmen für den Fahndungseinsatz und fünfundzwanzig Ermittler für Untersuchungen und Vernehmungen bereitgestellt worden.« Der Artikel ist mit dem Kürzel »axt« signiert, es steht für Alexandra Turcat, die seit gut zwanzig Jahren Journalistin bei der AFP ist und ebenfalls eine Freundin werden wird. Wohnungen von Mitgliedern aus Meilhons Umfeld werden durchsucht, vor allem die seiner Ex-Freundin in einer Trabantenstadt von Nantes. Während die Gendarmen mit Unterstützung von Hundeführern, Tauchern und einem Hubschrauber die Gegend um Le Cassepot durchkämmen, verteilen sich die Techniker der Spurensicherung im Haus des Cousins. Männerkleidung wird beschlagnahmt. In der Mitte des Gartens wird unter einem als Grill dienenden Einkaufswagen eine gelöschte Feuerstelle gefunden. Der Kofferraum des Peugeots ist voller getrockneten Bluts. Es ist viel Blut, zu viel.

Um 17 Uhr gibt Florence Lecoq, Oberstaatsanwältin in Saint- Nazaire, auf einer Pressekonferenz ausweichend und optimistisch bekannt: »Wir haben keinerlei Hinweise darauf, ob sie noch lebt oder nicht.« Da man lieber auf die Entführungsthese setzt, wird »bis zum Beweis des Gegenteils« davon ausgegangen, dass Laëtitia am Leben ist.

Oberfeldwebel Frantz Touchais, der »Mister Schwerverbrechen« der SR von Angers, trifft in Begleitung seines Mitarbeiters, eines Profilers, bei der Gendarmerie von Pornic ein. Während seine Kollegen Meilhon vernehmen, ziehen sich die beiden in ein Büro zurück: »Wir kauen alles durch, was man bisher weiß, und versuchen zu verstehen, was passiert ist. Die Handys von Meilhon und Laëtitia haben sich beide um Mitternacht ins Netz von Arthon-en-Retz eingewählt. Das heißt, er hat das Mädel mit nach Le Cassepot genommen.«

Am späten Nachmittag bricht Meilhon auf der Gendarmerie von Pornic endlich sein Schweigen.

Am Dienstag, den 18. Januar 2011, habe er beim Verlassen eines Wettbüros in La Bernerie Laëtitia gesehen, die er im Sommer zuvor kennengelernt habe. Sie seien am Strand spazieren gegangen, wo sie Hasch geraucht hätten. Laëtitia sei guter Laune gewesen. Er habe sie auf ein Glas ins Barbe Blues eingeladen. Als sie gegen 18.30 Uhr zu ihrem Dienst ins Hôtel de Nantes zurückkehrte, habe er sich aufgemacht, um ihr im Leclerc von Pornic ein Paar Handschuhe zu kaufen. Nach ihrem Schichtende gegen 22 Uhr seien sie noch einmal ins Barbe Blues gegangen, dann, nach einem Streit zwischen zwei Gästen, in eine Lounge-Bar in Pornic, das Key46. Auf dem Weg dorthin hätten sie auf der Kühlerhaube des Wagens einvernehmlichen Sex gehabt. Gegen 1 Uhr morgens sei Laëtitia mit ihrem Scooter nach Hause gefahren, habe aber die Handschuhe vergessen. Als er ihr nachgefahren sei, um sie ihr zu bringen, habe er sie versehentlich angefahren. Er habe einen Aufprall gehört, das Auto sei vorn angehoben worden. Der Scooter habe auf dem Boden gelegen und Laëtitia sich nicht mehr gerührt. Nachdem er den Körper in den Kofferraum geladen habe, sei er zu seinem Cousin nach Le Cassepot gefahren. Mit blutüberströmten Händen habe er sie in der Lagerhalle auf ein Brett gelegt, um zu sehen, was mit ihr los sei. Dann sei »der Teufel los« gewesen: In Panik habe er die Leiche von der Saint-Nazaire-Brücke in die Loire geworfen.

Seine Version lässt die Ermittler skeptisch zurück – außer in einem Punkt: Laëtitia ist tot.

Um 20 Uhr wird die Nachrichtensendung von TF1 mit einer »alarmierenden Vermisstenmeldung« von einem achtzehnjährigen Mädchen aus dem Raum Pornic eröffnet. Ein Verdächtiger sei festgenommen worden.

5

Papa in der Ecke

Nach Franck Perrais’ Inhaftierung im November 1995 leben die Zwillinge bei ihrer Mutter in Nantes. Jessicas erste Erinnerungen: kalte Duschen, wenn sie einen Trotzanfall hat, Schläge mit dem Kochlöffel auf den Hintern, wenn sie etwas Dummes angestellt hat. In ihrem Fotoalbum sieht man die Zwillinge auf einer Wippe, Alain Larchers Schäferhund neben dem Sofa, eine Geburtstagstorte, die beiden beim Ostereiersuchen im Garten der Großeltern. Laëtitia und Jessica sind genau gleich frisiert und angezogen: Zöpfe und eine orangefarbene Daunenjacke. Ihre Mama ist ebenfalls auf dem Foto zu sehen.

»War Ihre Mutter zärtlich?«

Jessica lächelt:

»So würde ich es nicht nennen …«

Sylvie Larcher geht gern tanzen, an solchen Tagen hütet eine Freundin ihre Töchter. Manchmal dreht sie durch. Dann kommt es vor, dass sie Gegenstände zerschlägt oder den Fahrstuhl blockiert. Die Mädchen träumen schlecht wegen ihres Vaters. Manchmal schlafen sie zu dritt in einem Bett. Im Januar 1996 erklärt Frau Larcher den Psychologen: »Ich habe Albträume. Darin habe ich vor allem Angst, dass Laëtitia von ihrem Vater umgebracht wird, weil er sie nicht liebt.«

Als ihre Mutter schließlich wegen Depressionen in die Psychiatrie eingewiesen wird, ziehen die Zwillinge zu Frau Perrais, ihrer Großmutter väterlicherseits, ins Randviertel Petite Sensive im Norden von Nantes. Wir befinden uns in den Jahren 1996 bis 1997, die Mädchen sind vier beziehungsweise fünf Jahre alt. Man erzählt ihnen, ihr Papa sei »in die Ecke gestellt« worden, doch Jessica weiß, die Rede ist vom Gefängnis. Die Treffen im Besucherraum, die Gitterstäbe, die Käfige, in die man die Leute steckt, versetzen das Mädchen in Angst und Schrecken, und es klammert sich an seine Oma. Laëtitia dagegen behauptet, sich an nichts zu erinnern.

Ihre unterschiedlichen Charaktere beginnen sich abzuzeichnen. Laëtitia ist schmächtig und schwächlich. Wenn sie nicht greint, zieht sie sich schweigend zurück. Sie ist die Kleine, die man nicht weiter beachtet. Jessica kümmert sich um sie und beschützt sie: Sie ist die Mutter ihrer Schwester.

Laut Franck und Stéphane Perrais sind die beiden Mädchen bei ihrer Oma glücklich. Vor dem Wohnblock spielen sie Ball oder Verstecken oder rutschen. Die Erwachsenen behalten sie vom Fenster der Wohnung aus im Auge. Doch laut Alain Larcher hat die Oma nicht mehr alle Sinne beisammen, oft vergisst sie sich und brüllt herum. Die Mädchen sagen: »Wenn Oma uns da abreibt, tut sie uns weh.« Zumindest gehen sie regelmäßig in die Schule.

Nantes, Juli 2014. Bevor ich mit Cécile de Oliveira nach Le Cassepot fahre, treffe ich Jessica noch einmal zu einem Gespräch. Wir setzen uns in ein Café im Stadtzentrum. Ich schlage vor, dass wir uns duzen, sie ist einverstanden, siezt mich aber weiter, wie in einer Komödie.

Jessica hat diese Woche Ferien. Sie nutzt sie, um morgens auszuschlafen. Nachmittags zieht sie mit einer Freundin in der Stadt herum. Sie begleiten deren Vater, der seinen Lebensunterhalt als Feuerschlucker verdient. Irgendwie sind sie stolz auf sein Talent und seine Künstlerfreiheit.

Am Montag beginnt für Jessica die Arbeit wieder. In der Betriebskantine ist sie dafür zuständig, die Speisen in die Auslage und das Geschirr in die Spülmaschine zu stellen. Manchmal hilft sie auch bei der Zubereitung des Gemüses mit: Karotten müssen geschält, Tomaten in Scheiben und Gurken in Würfel geschnitten werden. Die Atmosphäre ist gut. Manchmal scherzen ihre Kolleginnen freundschaftlich: »He, Jessica, heut Mittag gibt’s Miesmuscheln!« Ihr Chef lässt sie früher gehen, wenn sie zu ihrer Anwältin oder Psychologin muss. Die Kantine wird von Büromenschen, Beamten und Polizisten genutzt.

»Da fällt mir ein«, sagt sie plötzlich, »als ich vor Kurzem die Kartons von meiner Schwester aufgemacht habe, habe ich an Sie gedacht. Da war das T-Shirt vom Gedenkmarsch mit drin, das wir Herrn Sarkozy geschenkt haben. Manchmal ziehe ich Sachen von ihr an. Sie sind zwar alt, aber ich habe zu jedem Stück Erinnerungen. Das mag ich.«

Jessica hat mir ein kleines, schwarzes Oberteil mitgebracht mit zwei Kordeln, die man vorn zusammenbindet.

»Das hat sie oft angezogen, wenn sie ausgegangen ist. Es riecht noch nach ihr.«

»Was ist das für ein Geruch?«

»Es ist einfach ihr Duft, ein ganz besonderer, frischer Geruch, den man gern riecht. Er ist immer noch da, auch wenn er schon lang in den Kartons eingeschlossen ist. Er riecht nach ihrem Leben.«

Jessica hat verschiedene Gerüche in ihren Kartons ausgemacht: den von Laëtitia, ihren eigenen, den ihrer Wäsche und, vermischt mit den Gerüchen ihrer beider Leben, den von Herrn Patron, »ein muffiger Geruch nach alter Mann«.

Jessica begleitet mich zur Kanzlei von Cécile de Oliveira, aber sie will nicht mit hinauf. Ich sehe ihr nach, wie sie sich mit ihrem Rucksack entfernt: eine einfache junge Frau in der Stadt.

Während unserer »Meilhon-Tour« zwischen La Bernerie und Le Cassepot erzählte ich Cécile de Oliveira, ich würde für Jessica gern einen Text schreiben, damit sie beim Berufungsprozess nicht sprachlos dastehe und, durch den Mörder ihrer Schwester eingeschüchtert, darauf reduziert sei, vor ihm zu weinen. Cécile de Oliveira erwiderte, das sei keine gute Idee, Jessica äußere sich nicht in Worten, sondern in Haltungen: Reserviertheit, Freundlichkeit, der Fähigkeit zuzuhören, der Pflege des Grabs ihrer Schwester. Und manchmal spreche ihr Körper für sie: durch Schmerzen oder Hautausschläge.

Worte müssen Jessica immer mehr oder weniger abgerungen werden, durch Erzieher, Polizisten, Richter, Journalisten. Diese Worte, die ich meinerseits sorgfältig sammle, sind die ihren und auch wieder nicht. Manchmal formulieren sie kurz und bündig komplizierte, persönliche Dinge, manchmal sind sie von anderen Quellen gespeist: den Ratschlägen ihrer Anwältin oder ihres Vormunds, einem Gerichtsurteil oder einer Fernsehreportage; dann fließen sie als Rinnsal durch sie hindurch, ohne sie zu berühren.

Immer ist es Jessica, die etwas gefragt wird. Sie selbst erhebt selten die Stimme: Das Wort haben die anderen. Deshalb wird unser Gespräch schleppend, sobald ich aufhöre, es zu nähren. Aber ich bin gern in ihrer Nähe: Die Zeit geht dahin, ohne anderes Ziel als die Freude am Zusammensein, und diese Beinaheleere ist Fülle für mich. Worte klingen falsch, wenn sie diesen offenen Raum besetzen sollen. Wir können Laëtitia nur umringen, sie streifen und einfassen; unsere Worte ähneln dann jenen Schmuckstücken, die untergegangene Zivilisationen überdauern. Nichts sagt mehr über sie als ihre pinkfarbene Tunika, ihr leichter, frischer Geruch, ihr Mofahelm mit dem blauweißen Rankenmuster, ihre Halskette mit dem kleinen Metallherz, das an einem zusätzlichen Kettchen hängt. Jessica hat sie einmal auf der Arbeit getragen. Ihre Kollegen bemerkten sie sofort. »Oh, die ist aber hübsch, woher hast du die?« Die Komplimente haben sie gefreut.

Ein andermal, im September, blätterten wir ihr armseliges, zu drei Vierteln leeres Fotoalbum durch, eine Sammlung von nach einem Schiffbruch zusammengetragenen Trümmern. Jessica besitzt so viele Fotos von ihrer Kindheit, wie ich von meinen Töchtern in einem Monat schieße. Das Gespräch dreht sich um ihre Ähnlichkeit mit Laëtitia: »Na, was glauben Sie, ist das sie oder bin ich das?« Doch sie sind kaum zu verwechseln: Laëtitia ist zarter, sie schaut verwunderter.

6

»Ein letztes Fünkchen Hoffnung«

Freitag, 21. Januar 2011