Landgang - Stefan Berg - E-Book

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Stefan Berg

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Beschreibung

Zwischen Aufbruch und Kaserne: Der bewegende Briefwechsel zwischen dem »Bausoldaten« Stefan Berg und Günter de Bruyn DDR, 1982: Auch in Ost-Berlin, Leipzig und Dresden gibt es eine Jeans und Parka tragende Generation, die aufbegehrt. Zu ihr gehört der siebzehnjährige Schüler Stefan Berg, der dem bekannten Autor Günter de Bruyn einen Brief schreibt, in dem er ihm für einen mutigen Vortrag zur Friedensbewegung dankt. In der Folge entwickelt sich ein freundschaftlicher Briefwechsel, in dem es um Literatur und Politik, vor allem aber um ein zentrales Thema geht: das Leben des jungen Wehrpflichtigen Stefan Berg als sogenannter Bausoldat. Ein einzigartiges Dokument, das die Sehnsucht nach Freiheit – nur wenige Jahre vor dem Mauerfall – für heutige Leser spürbar und erlebbar macht.

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Stefan Berg | Günter de Bruyn

Landgang

Ein Briefwechsel

 

 

Biografie

 

 

Stefan Berg wurde 1964 in Ostberlin geboren. Nach dem Abitur 1982 Wehrdienst als Bausoldat. Seit 1986 Redakteur bei verschiedenen kirchlichen Zeitungen. 1991 Wechsel zum ›Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt‹. Seit 1996 schreibt Stefan Berg für den SPIEGEL. 2011 erschien die Erzählung ›Zitterpartie‹ (Edition Chrismon/Suhrkamp).

 

Günter de Bruyn, 1926 in Berlin geboren, lebt im brandenburgischen Görsdorf als freier Schriftsteller. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Heinrich-Böll-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis. Zu seinen wichtigsten Werken gehören u.a. die beiden kulturgeschichtlichen Essays ›Als Poesie gut‹ und ›Die Zeit der schweren Not‹, die autobiographischen Bände ›Zwischenbilanz‹ und ›Vierzig Jahre‹ sowie die Romane ›Buridans Esel‹ und ›Neue Herrlichkeit‹.

 

Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Covergestaltung: buxdesign, München

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2014

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-400665-9

 

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Inhalt

Vorwort

Ein sozialistisches Märchen mit Folgen

Morbus DDR

Eine Begegnung

Briefwechsel und Dokumente

Nachwort

Dank

Vorwort

Ein sozialistisches Märchen mit Folgen

Am Sonntag, dem 13. Dezember 1981, kommt es im Kongress-Saal des Ostberliner Hotels Stadt Berlin zu einem Treffen, das sehr viele Beobachter auf sich zieht. 88 Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler finden sich in dem Hochhaus am Alexanderplatz ein. 60 von ihnen stammen aus der DDR, sechs aus »weiteren sozialistischen Ländern, 22 aus der BRD, anderen nichtsozialistischen Ländern und Berlin-West«, so vermerkt es der DDR-Staatssicherheitsdienst. Dessen Mitarbeiter – offizielle und inoffizielle – verfolgen die Begegnung sowie 34 Korrespondenten aus »der BRD, anderen nichtsozialistischen Staaten und Berlin-West«. Und natürlich die Medien der Deutschen Demokratischen Republik. Titel der Versammlung: »Berliner Begegnung zur Friedensförderung«.

Um 18 Uhr 20 begrüßt der Schriftsteller Stefan Hermlin die Gäste »in der Hauptstadt der DDR«. Er hat zu diesem Treffen eingeladen: »Die Sache, die wir uns vorgenommen haben, beginnt.« Die »Sache«, das ist ein Gespräch über Krieg und Frieden und die »Herstellung von Vertrauen«. Erkennbar stolz verliest Hermlin die Liste derjenigen, die zugesagt haben: Jurek Becker, Thomas Brasch, Günter de Bruyn, Ingeborg Drewitz, Bernt Engelmann, Erich Fried, Günter Grass, Stefan Heym, Ernst Jandl, Heiner Müller, Christa Wolf …

»Manches Unsinnige«, fährt Hermlin fort, sei über das Zustandekommen dieses Treffens vermutet worden. Dabei sei die Sache »viel einfacher, als manche denken.« Er habe da mit »ein paar Freunden« gesprochen. Manchmal ließen sich, erklärt er, »Dinge ganz einfach verwirklichen, die manche Leute für ausgeschlossen halten, weil sie nicht bereit sind, einen Versuch zu wagen«.

»Ein paar Freunde«, das ist nicht nur nicht die ganze Wahrheit. Das ist ein sozialistisches Märchen.

Das zweitägige Treffen im Interhotel hat Hermlin nicht nur mit »ein paar Freunden« besprochen, er hat es mit der Führung der SED eng abgestimmt.

Bereits im August haben Hermlin und sein Freund, der Filmemacher Konrad Wolf, mit Staats- und Parteichef Erich Honecker über das Vorhaben geredet. Auch der für Kultur zuständige Mann im SED-Politbüro, Kurt Hager, wird »über den gegenwärtigen Stand der Vorbereitungen« informiert. Namenslisten werden abgestimmt, Einschätzungen abgegeben. Sie klingen alles andere als »ganz einfach«. In der »Akademie der Künste der DDR« wird im November »Intern!«[1] eine »Argumentation« zu dem Treffen verfasst. Darin heißt es: »Die Vertrauensatmosphäre bei schonungsloser Offenheit sollte bei den westlichen Teilnehmern dazu beitragen, die Errungenschaften des realen Sozialismus besser zu verstehen und zu bewerten.« Vom Staatssicherheitsdienst werden »Vertrauliche Verschlusssachen« produziert, »operativ bedeutsame Hinweise« über »operativ bedeutsame Personen« wie Grass, Heym und Becker zusammengetragen.

Von alldem wissen die Gäste aus dem Westen natürlich nichts, als sie im Interhotel erscheinen, auch viele Teilnehmer aus der DDR können nur ahnen, wie sehr das Treffen der Schriftsteller die »Staatsorgane« beschäftigt. Allerdings: Nur Naivlinge können glauben, dass alles so einfach gewesen sei, wie Hermlin es darstellt.

Denn ein deutsch-deutsches Schriftstellertreffen zu organisieren, ist aus mehreren Gründen kein einfaches Unternehmen. Das Verhältnis der Staatspartei SED zu den Künstlern des Landes ist schwer belastet. Der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR im Jahr 1976 folgten Ausreisen von Künstlern gen Westen und Ausschlüsse mehrerer kritischer Autoren aus dem DDR-Schriftstellerverband; der prominenteste von ihnen ist Stefan Heym, immerhin ein Mann, der einst gegen die Nazis gekämpft hatte. Das Vorgehen gegen die Intellektuellen hat das Verhältnis zwischen den Autorenverbänden in Ost und West belastet. Schriftsteller wie Günter Grass haben sich mit den Bedrängten in und aus der DDR solidarisiert. Literatur ist zu einem Unruhefaktor in der DDR und in den deutsch-deutschen Beziehungen geworden.

Von Hermlin, dem früheren Widerstandskämpfer und Exilanten, ist bekannt, dass er einen persönlichen Zugang zu Honecker hat. In diesem Fall hat er ihn eingesetzt, um auch Kritikern der DDR die Teilnahme an der Diskussion auf offener Bühne zu ermöglichen. Gegenüber dem Parteichef soll Hermlin die Autoren Thomas Brasch und Jurek Becker als seine »Freunde« bezeichnet und für deren Einladung geworben haben.[2] Das ist allerhand: Brasch und Becker hatten sich mit Biermann solidarisiert und später die DDR verlassen. Honecker erfüllt Hermlins Wunsch: »Einverstanden. E.H.« Genau wie die Zulassung zahlreicher West-Journalisten zum Treffen ist das eine Sensation.

Die Großherzigkeit folgt politischem Kalkül. Am 11. Dezember, zwei Tage vor den westdeutschen Autoren, kommt Bundeskanzler Helmut Schmidt in die DDR. Die Einladung zu einem freimütigen Dialog von Ost- und West-Autoren sorgt im Vorfeld für ein freundliches Echo im Westen, sie nährt die Hoffnung auf Annäherung und auf Wandel in der DDR.

Menschen in Ost und West dürsten nach solchen Signalen der Entspannung. Seit Monaten wächst die Angst vor immer neuen Runden im Rüstungswettlauf. In Bonn sind im Oktober 1981 Hunderttausende gegen die Stationierung von Pershing-Raketen auf die Straße gegangen, ihr Protest gilt selbstverständlich auch den SS-20-Raketen der Sowjets. In dieser Lage sucht DDR-Staatschef Honecker offenbar einen eigenen außenpolitischen Kurs, westliche Beobachter machen jedenfalls Distanz zum »großen Bruder« in Moskau aus. Können deutsch-deutsche Dialoge die Blockkonfrontation abschwächen oder gar überwinden helfen?

Doch am Abend des 13. Dezember, während sich Schmidt noch in der DDR aufhält und die Autoren sich im Hotel am Alexanderplatz treffen, wird in der Volksrepublik Polen das Kriegsrecht ausgerufen. Solidarność hatte die Kommunisten nicht nur in Polen das Fürchten gelehrt.

In der DDR gibt es im Jahr 1981 weder Großdemonstrationen wie jene in Bonn noch Streiks wie im Nachbarland Polen. Eine Friedens- und Freiheitsbewegung existiert dennoch. In den evangelischen Kirchengemeinden und in ihrem Umfeld diskutieren Gruppen offen Abrüstungsfragen. Sie sprechen auch über Themen, die es offiziell in der DDR nicht geben darf: über Umweltprobleme und den Mangel an Freiheitsrechten. Wer sich hier trifft, gibt sich wie jene Friedensbewegten im Westen: Man trägt Jeans, Parka, färbt Hosen bunt und hört Blues. In Berlin, Jena oder Dresden gibt es eine »Szene«, eine Generation, die aufbegehrt.

In den Schulen der DDR haben die Parteisekretäre, Direktoren und Staatsbürgerkunde-Lehrer Mühe mit dieser neuen Generation, die angstfrei diskutiert und sich nicht länger mit Phrasen abspeisen lassen will. Besonders ein »Argument« sorgt für Empörung unter den Jugendlichen, die wie ihre Altersgenossen »drüben« gegen die Aufrüstung demonstrieren wollen. Solch ein Protest sei im Arbeiter-und-Bauern-Staat nicht nötig, erklären die SED-Propagandisten. Schließlich sei die ganze DDR, insbesondere ihre Staatsführung, eine einzige große Friedensbewegung.

Diese Phrase bekommt auch ein 17-jähriger Schüler zu hören, der 1981 die Erweiterte Oberschule Max-Planck in Berlin-Mitte besucht. Mit der politischen Sprengkraft von Literatur hat er bereits Erfahrungen gesammelt. In der Schule hatte er im Juni 1979 für eine Lesung von Stefan Heym geworben, der zuvor aus dem Schriftstellerverband geworfen worden war. Heym konnte öffentlich nun nur noch in Kirchen lesen, aus seinem Buch »König David Bericht« etwa.  Und dieser Schüler hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er diese Veranstaltung besuchen wird. Am Tag nach der Heym-Lesung in Eichwalde bei Berlin war die Aufregung an der Schule groß: Der damals 15-Jährige sollte sich für ein angebliches Fehlverhalten rechtfertigen. Als er das nicht tat, drohte gewaltiger Ärger. Er sollte vorzeitig und ohne Abitur die Schule verlassen. Erst nach Protest von Eltern und Kirchen revidierte das DDR-Bildungsministerium diesen Beschluss. Von einem verdeckten Schulermittlungsverfahren der Staatssicherheit wird er erst Jahre später erfahren.

Gespannt verfolgt dieser Schüler das Treffen der Schriftsteller im Hotel Stadt Berlin. Wird sich einer der Autoren zum Fürsprecher der DDR-Friedensbewegten machen? Die Zeitungen der DDR vermelden – als wäre es pure Selbstverständlichkeit – eine Konferenz von Schriftstellern aus »beiden deutschen Staaten«. Doch die DDR-Medien gehen auf Nummer Sicher, sie übertragen die Reden nicht direkt. Kritische Worte zu den Verhältnissen in der DDR oder zur Politik der Ostblockstaaten finden nur selten und dann nur indirekt den Weg in die von der SED gesteuerten Tageszeitungen, in Rundfunk und Fernsehen. Etwa so: »Der Präsident der Akademie der Künste, Konrad Wolf, wies in einer bewegenden Rede die These des Schriftstellers Günter Grass zurück, er fühle sich von sowjetischen wie von amerikanischen Raketen bedroht.« Grass hatte Widerstand gegen Vor- und Nachrüstung gefordert: »Nur noch Verweigerung und anhaltender Protest können eine Umkehr erzwingen.«

Im West-Radio werden die brisanten Reden übertragen, bald kursieren sie, abgetippt mit mehreren Durchschlägen. So wird auch die Rede des Schriftstellers Günter de Bruyn bekannt, die dieser am zweiten Tag des Treffens, am 14. Dezember, kurz vor der Mittagspause hält. De Bruyn, Jahrgang 1926, war als junger Mann Soldat. Nach dem Krieg wurde er Bibliothekar, dann Schriftsteller. »Buridans Esel«, »Preisverleihung« und seine »Märkischen Forschungen« werden Bestseller. Er ist in Ost und West geschätzt. Die Hardliner der Partei halten ihn für einen unsicheren Kantonisten. Aber der Fontane-Verehrer de Bruyn ist keiner, der vor die Kameras drängt, er benötigt viel Zeit, um politische Reden vorzubereiten.

De Bruyn verliest im Kongress-Saal einen zuvor ausformulierten Text, er beginnt mit einer historischen Schilderung, der »Kriegserklärung gegen den Krieg« von Jean Paul.[3] Aber de Bruyn wendet sich rasch der Gegenwart zu, und er findet klare Worte: »So erfreulich die Unterstützung der westeuropäischen Friedensbewegung durch die DDR auch ist, so fraglich wird ihr Nutzen bleiben, solange der Eindruck entstehen muss, dass das drüben Bejubelte hüben unerwünscht ist. Die auf Frieden gerichtete Politik der DDR, die das Bündnis mit den Friedensbewegten in aller Welt anstrebt, schädigt sich selbst, lehnt sie das Bündnisangebot unabhängiger Friedensbestrebungen im eigenen Land ab, das junger Christen z.B., die einen sozialen Friedensdienst fordern. Drängt man die in den Untergrund, verliert man nicht nur wichtige Friedenskräfte, sondern schädigt auch die eigene Glaubwürdigkeit […].«

Untergrund? Unabhängige Friedensbestrebungen? Das sind Reizworte, welche die Beobachter mit ihren unterschiedlichen Aufträgen aufhorchen lassen. Der SPIEGEL vermeldet »öffentliche Kritik« ostdeutscher Bürger »an ihrem Staat«, der Staatssicherheitsdienst »pazifistisches Gedankengut«.

De Bruyns Rede emotionalisiert nicht nur die Debatte im Hotel Stadt Berlin. Das Wort »Untergrund« macht die Runde, und es wird »übersetzt«. Untergrund, das heißt Opposition und Widerstand, Gefängnis. Und da ist noch ein Tabuwort in der Rede de Bruyns: »Sozialer Friedensdienst«.

Immer wieder haben christliche Gruppen, Friedenskreise und Bischöfe solch einen Ersatzdienst gefordert, jetzt tritt auch ein prominenter Schriftsteller dafür ein. Ob der soziale Friedensdienst – kurz SOFD – nun kommen wird? Einen Zivildienst – wie im Westen Deutschlands – gibt es nicht in der DDR. Wer die Wehrpflicht von 18 Monaten verweigert, der landet im Gefängnis. Es sei denn, er lässt sich auf einen Kompromiss ein und wird Bausoldat. Wer als Bausoldat dient, der ist zwar Soldat in der DDR-Armee, er muss Uniform tragen und Befehle ausführen, aber er wird nicht an der Waffe ausgebildet. Vor allem junge Christen gehen zu den Bausoldaten. Aber sie wollen nun endlich mehr: SOFD.

Für den Schüler der Max-Planck-Schule ist das kein theoretisches Thema. Er muss sich bald entscheiden, ob er Bausoldat wird oder nicht. Ein Sozialer Friedensdienst, das ist auch sein Wunsch. Er fürchtet nicht nur den militärischen Drill. Eine sehr konkrete Angst treibt ihn um, Kriegsangst. In den DDR-Zeitungen wird schon vor der Verhängung des Kriegsrechtes von den angeblich »konterrevolutionären Zielen« der Solidarność berichtet. »Konterrevolution« war bereits 1956 und 1968 das Stichwort für die Niederschlagung der Freiheitsbewegung in Budapest und Prag. Steht wieder ein Einmarsch bevor? Sollen etwa DDR-Soldaten in das Polen der Solidarność einmarschieren?

Günter de Bruyn hat 1981 eine kleine Wohnung in der Auguststraße in Berlin-Mitte, nicht weit entfernt von der Erweiterten Oberschule, die der Schüler besucht. Die Straße sieht aus wie eine Kulisse für einen Kriegsfilm. Überall bröckelt der Putz, verfallen Balkone. Auch das Haus, in dem de Bruyn wohnt, ist in einem beklagenswerten Zustand. Ein höhnischer Slogan kursiert über den Umgang der DDR mit der Altbausubstanz: Ruinen schaffen ohne Waffen.

Die Max-Planck-Schule ist in einem früheren jüdischen Wohnheim untergebracht. Bis zur Wohnung des Schriftstellers sind es nur ein paar hundert Meter. Am 1. Januar 1982 schreibt der Schüler einen Brief, den er – mit Herzklopfen – in den Briefkasten des damals 55-jährigen Schriftstellers wirft. Er dankt dem prominenten Autor für dessen Rede. Wenig später erhält der Schüler Antwort vom Schriftsteller. Er wisse, dass er nicht nur in seinem eigenen Namen gesprochen habe.

Die Anzahl der jungen Männer, die den Waffendienst ablehnen und sich zu den Bausoldaten melden, steigt in dieser Zeit. Immer mehr Kasernen müssen Platz für Bausoldaten schaffen, auch eine in Saßnitz. Am 1. November 1982 sitzt der Abiturient aus der Max-Planck-Schule in einem Zug der Deutschen Reichsbahn Richtung Rügen. Noch trägt er Zivil, aber nicht mehr lange. Vom Bahnhof geht es per Lastwagen in die Kaserne. In der Hafenstadt Saßnitz ist bereits ein Bautrupp der Marine stationiert. Da es nicht ausreichend Platz in den Wohngebäuden gibt, werden die Bausoldaten in Zelten untergebracht. Es herrscht Kontaktverbot zwischen normalen Soldaten und den Waffenverweigerern. Der Bausoldat schreibt viele Briefe – auch an Günter de Bruyn.

»M«-Maßnahme ist der Stasi-Code für den Bruch des Postgeheimnisses. Der Geheimdienst fängt regelmäßig Briefe der Bausoldaten ab, denn viele von ihnen stehen der Opposition nahe, einige haben Ausreiseanträge gestellt. Aus Sicht des Ministeriums für Staatssicherheit sind schon einzelne Bausoldaten »feindlich negativ«, eine echte Gefahr sieht der Geheimdienst aber in der Gruppenbildung durch die Kasernierung. Deshalb werden sowohl Briefe aus der Kaserne als auch Post, die von den Heimatadressen versendet wird, geöffnet. So fallen der Stasi auch Briefe des Bausoldaten aus Berlin in die Hände, die er an Freunde im Westen schickt. Das ist verboten, denn Armeeangehörige dürfen keinen Kontakt zu Bundesbürgern haben.

Die Briefe werden ausgewertet, brisante Stellen unterstrichen und abgeschrieben:

»Unsere Wirtschaft befindet sich in einem Zustand eines ständigen Bummelstreiks«

»von was für Idioten man sich befehlen lassen muss«

»warum leben Jurek Becker und Manfred Krug nicht mehr hier?«

»warum sollte ich einen Staat schützen, der nicht der meine ist. Warum sollte ich?«

»Geist und Kultur werden vertrieben«

Der Staatssicherheitsdienst ist alarmiert über die »feindliche Grundhaltung«, er führt eine »Operative Personenkontrolle« (OPK) durch, legt später einen »Operativen Vorgang« (OV) an. Schriftproben werden verglichen, konspirative Spindkontrollen durchgeführt, gesucht wird nach »feindlich-negativer Literatur.« Auch Briefe des Bausoldaten an Günter de Bruyn werden abgefangen und ausgewertet.

Im Januar 1984 verschärft die Staatssicherheit ihr Vorgehen gegen den Bausoldaten, den sie in den Akten »Künstler« nennt. Der Geheimdienst hat weitere Briefe an einen Freund in Westberlin gesichtet, in einem heißt es: »Ich habe es satt, hier zu sein, um jeden Mist ringen, kämpfen zu müssen.« Ein Offizier der Hauptabteilung Volksmarine notiert: Aus dem Material werde ersichtlich, dass »Künstler« sich »intensiv mit dem Gedanken beschäftigt, die DDR zu verlassen«. Aus seinen Briefen sei ersichtlich, dass er »für die aus der DDR ausgewiesenen bzw. übergesiedelten Schriftsteller bzw. Schauspieler, Becker und Krug, Partei ergreift und sich zu ihnen bekennt«. Der Bausoldat plane ein »Fahnenfluchtverbrechen«. Darauf stehen mehrere Jahre Haft. Ziel der Staatssicherheit ist die »Aufklärung der operativ-bedeutsamen Kontakte und Verbindungen des B.« Die Observation von »Künstler« wird ausgeweitet.

Der Staatssicherheitsdienst in Rostock schaltet die Zentrale in Berlin ein. Durch die Abteilung »M« seien zwei Kopien von Briefen zugestellt wurden, die »Künstler« an den Schriftsteller Günter de Bruyn geschickt habe. Was verbindet den Bausoldaten mit dem Dichter? Und: Welche Rolle spielt de Bruyn überhaupt im Schriftstellerverband? Welche Verbindungen unterhält er?

Immer wieder erhält »Künstler« Briefe, Karten und Bücher von de Bruyn, der ihm Mut macht, diese Zeit zu überstehen. Mehrfach wird der Bausoldat nach seinem Kontakt zu dem Schriftsteller befragt. Mehrere Tage wird »Künstler« observiert – aber am Ende geschieht ihm nichts. Keine Verhaftung, kein Strafverfahren. Am 26. April 1984 verlässt der Bausoldat aus Berlin die Kaserne in Saßnitz.