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Beim vorliegenden Buch handelt es sich um Band II (1940-45) der Erinnerungen des Hans-Günther UNGER. Nach dem Frankreich-Feldzug und der Zeit als Besatzungstruppe erfolgte der Unterstellungswechsel des Gebirgsjäger-Regiments 100 von der 1. zur 5. Gebirgsdivision. Es folgten der Feldzug gegen Griechenland sowie die Besetzung Kretas. Anschließend wurde das Regiment nach Russland in den Raum Leningrad verlegt und zum Teil bataillonsweise mit wechselnden Unterstellungen als "Feuerwehr" missbraucht. Das letzte Kriegsjahr und das Kriegsende in Italien machte der Autor nicht mehr mit, weil er aufgrund seiner Verwundungen entlassen wurde und als SA-Angehöriger bzw. Führer im Volkssturm Verwendung fand.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt,
wird blind für die Gegenwart.
Richard von WEIZSÄCKER
(Altbundespräsident, 1920-2015)
Vorwort
Wir schnuppern Heimatluft im Krieg
Im B
ERCHTESGADENER
L
AND
tut sich was bei den Gebirgsjägern
Die Parolen verdichten sich
Der B
ALKAN
-Feldzug
Ö
STERREICH
- U
NGARN
- R
UMÄNIEN
G
RIECHENLAND
Der Einsatz KRETA
Der Flug über das Meer
M
ALEME
S
ISMANOGLIO
Insel E
UBÖA
. . . und wieder einmal: Lazarett
Zwischenspiel: Kennenlernen und Hochzeit
Der Soldatenfriedhof M
ALEME
Die traurige „Ausbeute“ des K
RETA
-Abenteuers
Rückkehr zum „alten Haufen“
Die Sumpfjäger
Wenn nur nicht die Langeweile wäre
Wir fahren gen Osten
Ankunft in R
USSLAND
Lazarett N
IKOLSKOYE
Erste L
ADOGA
-Schlacht
Angriff auf den feindlichen Brückenkopf
Umgliederung und Abbruch des Angriffs
Herbe Verluste
Verwundetenbergung und weiterer Angriff
Halten gegen feindliche Übermacht
Das Ende der Kämpfe für das Bataillon
Zurück an die Ostfront
Ankunft bei der Kompanie
Zurück an der Front
R
JABOWO
Es wird wieder Winter
Zur Ablösung an die N
EWA
In der N
EWA
-Stellung
Routine in der Stellung
Weihnachten im Bunker
Ein neues Jahr beginnt
Ablösung
Die Munitionsübergabemeldung stimmte nicht
S
INJAWINO
Dreh- und Angelpunkt einer L
ADOGA
-Schlacht
Dienst im Bunker
Der große Knall
Angriff auf P
OSELOK
7
Erholung und neue Aufgaben an der Ostfront
Im Erholungsheim der 5. Gebirgs-Division
Heimkehr zum „Haufen“
Als Ausbilder für die neue Panzerbüchse
. . . in der Praxis
Das Schicksal schlägt zu.
Auf Heimaturlaub
Ende meiner aktiven Dienstzeit als Soldat
Kriegsende
Nachwort
Personalia
Stellenbesetzung Geb.Jg.Rgt. 100
Die Ritterkreuzträger des Geb.Jg.Rgt.100
Schlussbemerkungen des Herausgebers
Anhang
Verwendete und weiterführende Literatur
Lebensdaten des Autors
Chronik Gebirgsjäger-Regiment 100
Geografische Angaben
Verzeichnis der Namen
Verzeichnis der Abbildungen
Weitere Veröffentlichungen des Herausgebers
Abb. 1: Hochzeit am 27.12.1941 in CHEMNITZ mit Maria Sophia UNGER (geb. AUERNHAMMER)
N ach Teil I der Erinnerungen des ehemaligen Gebirgsjägers Hans-Günther UNGER, der den Unterstellungszeitraum des Gebirgsjäger-Regiments 100 unter die 1. Gebirgsdivision umfasste, liegt nun auch der zweite Band über die Zeit von Dezember 1940 bis zum Kriegsende – der Zeitraum der Unterstellung unter die 5. Gebirgsdivision – vor. Dabei kann der Autor aus eigenem Erleben lediglich die Zeit bis April 1943 abdecken, weil er zu diesem Zeitpunkt aus der Wehrmacht entlassen wurde und vergleichbare Ausbildertätigkeiten im Bereich der Gebirgsjäger-Brigade der SA übernahm, sowie gegen Kriegsende als Führer im Volkssturm eingesetzt wurde.
Auch Teile des Einsatzes seines Bataillons (II./GJR 100) im Osten hat er wegen mehrerer Verwundungen nicht miterlebt. Hier greift er jedoch auf sachkundige Schilderungen von Kameraden zurück, was der Authentizität und Lebendigkeit der Gefechtsberichte keinen Abbruch tut.
Im direkten Vergleich zum ersten Band wird von Anfang an eine veränderte „Qualität“ des Krieges auch in den festgehaltenen Erinnerungen bestimmend: War der Einsatz in FRANKREICH noch ein „Waffengang“, der – ausgehend vom Nimbus der Elite-Truppe „Gebirgsjäger“ – Gefechtserfolg und Verluste in einem erträglichen Verhältnis erscheinen ließ, sprengte spätestens die Einnanhme von KRETA v.a. für die Beteiligten sämtliche Vorstellungen. Der anschließende Krieg im Osten fügte dem nicht nur die ideologisch-propagandistische Zielsetzung des „Kampfes gegen das bolschewistische Untermenschentum“ hinzu, sondern tat durch den zersplitterten Einsatz des Regiments am WOLCHOW und in den LADOGA-Schlachten dem militärischen „Heimatgefühl“ erheblichen Abbruch. Dieses Gefühl – bestimmt durch die Zusammengehörigkeit des Regiments und die langjährige persönliche Kenntnis der Kameraden untereinander – ging zunehmend verloren, nicht zuletzt aufgrund der horrenden Ausfälle, und wurde ersetzt durch den Verdacht, tagtäglich als „Feuerwehr“ mißbraucht zu werden.
So artikuliert der Autor auch immer wieder Zweifel – durchaus im Sinne der Titelfrage –, ob diese Art des Soldatentums mit seiner Entscheidung im jugendlichen Überschwang, sich freiwillig als Gebirgsjäger zu melden, noch in Einklang zu bringen ist. Dabei mag sich der Leser bisweilen erschrecken, wenn von „Iwan“ oder „der Russe“ die Rede ist, aber diese (verinnerlichte) Terminologie zeigt nur, wie die NS-Propaganda gerade von dieser Generation, die in ihrem bisherigen Leben bewusst ausschließlich die Zeit des Nationalsozialismus erlebt hatte, ganz und gar Besitz ergriffen hat. Andererseits wird aber auch immer wieder deutlich, dass für den Soldaten an der Front, das politische Geschehen in der Heimat – soweit er überhaupt davon erfährt – völlig zweitrangig ist im täglichen Angesicht von möglicher Verwundung und/oder Tod.
Aber auch in anderer Hinsicht hat sich der Autor durch den Krieg verändert: Hat er in der Zeit bis 1942 noch ausgiebig seinem Hobby als Fotograf gefrönt und viele Aufnahmen hinterlassen, so konnte ich für den vorliegenden Band kaum noch auf historische Fotos von ihm zurückgreifen. Da jedoch Erinnerungen ohne entsprechende Illustration – zumal für den militärisch weniger versierten Leser – eher Fragen aufwerfen als beantworten, habe ich diese Lücken durch „externes“ Bildmaterial zu füllen versucht. Dabei möge es mir der Leser nachsehen, dass im Einzelfall der Schwerpunkt mehr auf der Information als auf der Authentizität lag. Dies gilt insbesondere auch für das verwandte Kartenmaterial, die geografischen Veranschaulichungen, sowie die Darstellung von Gefechtslagen.
Gibt man Teile von Erinnerungen als Teil II eines bereits veröffentlichten Bandes heraus, so steht man vor dem Problem, den Lesern, die bereits Teil I kennen, optisch einen Wiedererkennungswert bieten zu müssen und ihrer Erwartung – was Layout und Inhalt angeht – gerecht zu werden; andererseits darf man im Hinblick auf diejenigen Leser, die sich ausschließlich mit Teil II beschäftigen wollen, keine Informationen vorenthalten, die zum Verständnis wichtig, aber bisher nur in Teil I zu finden waren. So bitte ich v.a. meine „alten“ Leser, es zu tolerieren, wenn hier im Teil II gewisse Redundanzen auftauchen, die ihnen bereits aus dem ersten Band bekannt sind, wie Lebensdaten des Autors, Regimentsgeschichte oder „Klappentext“.
Ich hoffe, dass es mir trotz allem gelungen ist, mit Hilfe der Erinnerungen des Hans-Günther UNGER eine authentische Schilderung – auch wenn sie erst nach 50 Jahren erstellt wurde – einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die von einer letztendlich unseligen Zeit berichtet. Zu deren Verständnis mögen aus meiner Sicht auch die bisweilen geäußerten Selbstzweifel meines Autors ihren Beitrag leisten.
Zum Schluss gilt mein besonderer Dank Felix MEYER, der mir als Enkel des Autors nicht nur das Manuskript zugänglich gemacht hat und damit den Anstoss zur Bearbeitung und Herausgabe dieses Buches gegeben hat, sondern u.a. mit der Erstellung der Karten auch handwerkliche Arbeiten abgenommen hat. Die Jagd meines Schweizer Freundes Charly WIRTH nach vergessenen Kommata bedarf schon keiner gesonderten Erwähnung mehr; auch an ihn geht ein herzlicher Dank.
Hammah, im Frühsommer 2017
Rudolf KINZINGER
BERCHTESGADEN
Dezember 1940 – Februar 1941
D as Gebirgsjägerregiment 100 hatte den Aufstellungsraum der 5. Gebirgsdivision im November/Dezember 1940 erreicht. Es war aus der 1. Gebirgsdivision, der es seit der Aufstellung der Gebirgstruppen der Wehrmacht angehörte, ausgegliedert worden, nachdem der Plan „Seelöwe“1 zur Eroberung ENGLANDS nicht zur Durchführung gekommen war. Unser Divisionskommandeur wurde Generalmajor RINGEL2, unser Abzeichen wurde der Kitzbüheler „Gamsbock“ und unser Schlachtruf: „Hurra, die Gams!“
Abb. 2: Verbandsabzeichen der (neuen) 5. Gebirgsdivision
Das I. Bataillon lag im Raum BRANNENBURG, das II. Bataillon im Raum BERCHTESGADEN und das III. Bataillon im Raum BAD REICHENHALL, ihren Friedensstandorten. Alle Einheiten des Regiments waren meist in den Ortschaften der Umgebung in Privatquartiere eingewiesen worden. Die Kaserne des II./GJR 100 in der STRUB3, die erst 1939 fertiggestellt worden war, blieb durch unser Bataillon unbenutzt. Der Stab und die 10. als Stabskompanie waren direkt in der Marktgemeinde BERCHTESGADEN untergekommen. Die 6. war in SCHELLENBERG4, die 7. in KÖNIGSSEE, die 8. in der SCHÖNAU und die 9. (schwere) Kompanie im Heimatort ihres Kompaniechefs, Hptm. DIETRICH, in der RAMSAU untergebracht worden. Der Granatwerferzug, Führer Leutnant Walter PRÖHL, war dabei in den Hotels und den wenigen Privatquartieren in HINTERSEE untergekommen, bis er am 5. Januar 1941 aufgelöst und gruppenweise den in den anderen Orten liegenden Jägerkompanien zugeteilt wurde.
Abb. 3: Dislozierung des Gebirgsjäger-Regiments 100 (Ende 1940)
Durch diese Umorganisation kam die Gruppe KÖNIGBAUER zur 7. Kompanie, die Gruppe NONEDER zur 8. und die 3. Gruppe WITTGENS/BIMMESLEHNER landete bei der 6./100. Während der hinter uns liegenden Feldzüge in POLEN und FRANKREICH waren die 8-cm-Granatwerfergruppen den Kompanien zugeteilt gewesen und hatten dadurch die sofortige, wirksame Bekämpfung feindlicher MG-Nester und Laufgräben durch ihr Steilfeuer aufnehmen können. Durch diese Unterstellung im Kampf hatte es manchesmal mit der Versorgung der Gruppen mit Verpflegung gehapert, weil sie ja eigentlich einer anderen Kompanie angehörten. Und nichts war für den Kampfeswillen der Soldaten schädlicher als Hunger. Die als verloren gemeldeten „eisernen Rationen“ 5, die erst nach drei Tagen Hunger auf Befehl des Kompaniechefs verzehrt werden durften, waren beim Granatwerferzug besonders hoch. Hauptfeldwebel EHGARTNER von der Neunten bekam dadurch seine ersten grauen Haare. Durch den „Einbau“ der Granatwerfer in die Kompanien war jetzt gewährleistet, dass die „eisernen Rationen“ unangetastet in den Rucksäcken blieben. Die 9. (schwere) Kompanie stieg zur 10. (schweren) mit Pionierzug, Infanteriegeschützzug und Nachrichtenzug auf, und die nunmehrige 9. erhielt weitere schwere Maschinengewehrzüge.
Wir waren alle mit unseren Quartieren zufrieden, wurden wir doch von den Einheimischen wie die eigenen Kinder behandelt. Wir waren in heimischer Umgebung in unseren geliebten Bergen. WATZMANN, UNTERSBERG, JENNER, das HOHE BRETT und der GÖLL sahen auf uns nieder. Und in Richtung REICHENHALL konnten wir das LATTENGEBIRGE erblicken. Alles in winterliche Schneepracht gehüllt. In BERCHTESGADEN hatte sich trotz des Krieges wenig geändert. Gewiss, die Fremden kamen nicht mehr in so großen Scharen, wie es noch in Friedenszeiten üblich gewesen war.
Geld, um jeden Tag ins Wirtshaus zu gehen, hatten weder die Oberjäger noch die Mannschaften. In den Privatquartieren setzte man sich mit den Quartiergebern in der „Stub’n“ zusammen, spielte Karten, trank Berchtesgadener Hofbräu des Hausherrn und scherzte und sang miteinander. Da es genug Nebenbuhler um die Gunst der Dirndln gab, passte einer auf den anderen auf, damit niemand sagen konnte, er hätte die Marie, das Annemirl, die Sofie oder die Hedwig busserln können. Es ist klar, wenn sich ein Haufen Männer um ein einzelnes Mädchen schart, ist es gut um ihre sittliche und ethische Moral bestellt. Außerdem waren die Mädels auch darauf aus, nicht bloß mit einem Jäger, Gefreiten oder Obergefreiten gesehen zu werden. Da kamen bei den anderen Heiratsfähigen eben Neidgefühle auf, die nicht so umschwänzelt wurden. Die Herren Oberjäger hatten es da schon leichter, die weibliche Gunst zu erringen. Ihr Lametta6 zog die Mädchen schon schneller an. Aber alle sorgten dafür, dass der Ruf eines Mädchens nicht zerstört wurde. Und da viele Ehemänner eingezogen waren, war es natürlich Ehrensache, solchen Frauen die ihnen zukommende Ehrerbietung zu erweisen, damit ihr Ruf unbefleckt blieb. (Je länger der Krieg dauerte, desto unbekümmerter wurde man in Bezug auf den Ruf. Man nahm es nicht mehr so pingelig! Denn: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert!“ Aber das war ein paar Jahre später . . .)
Um die Jahreswende 1940/41 achtete man noch mehr auf den Ruf, ehrsame Hausfrau zu sein. Der totale Krieg7 war noch nicht propagiert! Und auf Jungfräulichkeit wurde noch Wert gelegt, man versuchte den Anschein zu wahren und achtete auf die Zurückhaltung der Mädchen. Doch das war mehr Aushängeschild, sich spröde zu zeigen. In der Nacht herzte und küsste man sich trotzdem ganz ungeniert. Da Verdunkelung war, konnte sowieso niemand erkannt werden. In den Heustadeln wurde geseufzt und gestöhnt, die Jugend kam zu ihrem Recht und die Maderln zu ihrem Buam. Heiraten war nicht schwierig. Wenn alle Papiere, Geburtsurkunde, Staatsangehörigkeitszeugnis und eventuell der Ahnenpass8 beim Standesamt vorlagen, war man in kürzester Zeit Mann und Frau. Und . . . – ob ihr es glaubt oder nicht – viele Ehen, die damals geschlossen wurden, halten heute noch! Und falls sich Nachwuchs einstellte, während man im Feld war ohne verheiratet zu sein, konnte dieser durch Kriegstrauung legalisiert werden. Man gab im Kompaniegefechtsstand, der zu dem Zweck etwas aufgeräumt und geschmückt worden war, vor dem Kompaniechef der in der Heimat weilenden Braut das Jawort und war fortan ohne kirchliche Trauung im heiligen Stand der Ehe, denn die Flitterwochen hatte man schon vorher genossen. Viele meiner Kameraden haben durch ihren Tod ihren Nachwuchs nie gesehen. Aber durch die Trauung waren auf alle Fälle Mutter und Kind finanziell abgesichert.
Von uns Soldaten ging keiner auf den OBERSALZBERG9, es sei denn, er hatte dort sein Mädchen wohnen oder war dort beheimatet. Von der Waffen-SS, der Leibstandarte, Abkürzung: LAH10, kamen nur die Ordonnanzen, die dienstlich Post oder sonstige Botengänge zu erledigen hatten, tagsüber in die Marktgemeinde. Ansonsten war es der Leibstandarte – Offizieren wie Soldaten – verboten, solange die Gebirgsjäger im Standort waren, abends die von den Jägern bevölkerten Gaststätten aufzusuchen. Der Grund lag noch gar nicht so lange Zeit zurück.
Abb. 4: Der Berghof Adolf HITLERS, OBERSALZBERG
Bei ihrer Rückkehr nach dem FRANKREICH-Feldzug im November 1940 hatte die SS im Markt das Bild beherrscht. Vermutlich war es den Mädels egal, ob „er“ den grauen Rock mit dem Adler am Arm und den Runen auf den Kragenspiegeln oder den Adler an der Brust und das „Edelweiß“ am Arm hatte. Hauptsache, er war ein Mannsbild! Als nun die Gebirgsjäger tagsüber und auch abends zu sehen waren, schwenkten die Mädels um. Wir mit unseren geflickten Uniformhosen und ausgewaschenen Uniformröcken hatten auf einmal mehr Schlag beim weiblichen Teil der Bevölkerung. Außerdem sprachen die „Jaga“ den gleichen Dialekt, während sich die Leibstandarte vorwiegend aus „Preiß’n“ rekrutierte. Diese hatten wohl die vornehmeren Uniformen an – vor allem ungeflickte – und so setzte denn das Pokern um den Mädchencharme, um das Gewinnen weiblicher Begleitung zum Verschönern der dienstfreien Stunden ein.
Die Gebirgsjäger gewannen diesen Zweikampf.
Er wurde eines Tages beim Buhlen um die Gunst der Schönen mit Fäusten, Bierkrügen und Stuhlbeinen unter Zertrümmerung eines Lokals ausgetragen. Einige von uns hatten wohl „Veilchen“, aber die stärker Blessierten und vor allem in ihrer Ausgehuniform Derangierten waren die Leibstandartler. Unser Kommandeur, Major FRIEDMANN, wurde zum Berghof befohlen. Da er ein Weltkriegsmann aus Adolfs gleichem Regiment11 war, kamen wir mit drei Tagen Ausgangssperre davon. (Sie wurde nie eingehalten, denn Einsperren ließ sich ein Jäger nur ungern, und wer wollte denn schon kontrollieren, ob jeder nach Dienstschluss zu Hause im Quartier blieb?) Der LAH wurde jedoch verboten, in der Zeit während das Gebirgsjägerbataillon II./ 100 in seinem Standort lag, die Marktgemeinde BERCHTESGADEN zu betreten. Außer natürlich zu dienstlichen Zwecken. Aber tagsüber hatten wir sowieso keine Zeit zum Charmieren. Da machten wir Dienst, bildeten den Nachwuchs aus, integrierten ihn in die Jägergruppen, damit sich jeder auf jeden verlassen konnte.
Wir waren Soldaten und hatten aufgrund der uns innewohnenden, preußischen Disziplin zu gehorchen, selbst wenn wir auch von anderen Volksstämmen waren. Wir waren dazu da, Befehle auszuführen. Und dies möglichst schnell und exakt. Die uns in den Jahren der Zugehörigkeit zur Hitlerjugend anerzogene freiwillige Folgeleistung der Befehle durch die jeweiligen Führer, war mit dem Eintritt in die Wehrmacht noch vertieft worden. Kein Mensch dachte nach, ob der gegebene Befehl oder die wegen zu lascher Ausführung an den Kopf geworfene, obszöne Titulierung etwa die Menschenwürde entweihte. Wir taten wie befohlen und hatten dadurch unsere Ruhe. Denken taten wir im Stillen schon etwas dabei. Aber sich dazu äußern? Wir hielten es, wie LERMONTOW12 schon hundert Jahre vorher geschrieben hatte: „Sie haben mich gepeinigt, weil ich zu denken wagte, sie haben mich gesteinigt, weil ich mein Denken sagte!“ Dem konnte man entgehen, indem man tat, was der mit dem höheren Dienstgrad anordnete. Bedenken gegen Befehle äußern? Oh weh, dann hieß es gleich: „Überlasst das Denken den Pferden, die haben größere Köpfe als ihr!“
Nun, denken hatten wir uns nicht abgewöhnt. Wir hielten es mit S CHOPENHAUER13: „Man muss denken wie die Wenigsten, und reden wie die Meisten.“ Damit kam man am weitesten. Zog sich keinen Rüffel zu und war folglich ein guter Soldat. Vom später unsere Geisteshaltung charakterisierenden, vielgebrauchten Wort des „Kadavergehorsams“, den man uns vorwarf und unterstellte, wissen die wenigsten, von wem es stammt. In allen Armeen der Welt war und ist Gehorsam zu Hause. Stifter von Mönchsorden – und sind eigentlich Soldaten nicht so etwas wie Mönche? – hatten diesen Kadavergehorsam gepredigt und ihren Brüdern vorgeschrieben. „Sich von der göttlichen Vorsehung durch ihre Oberen tragen und leiten zu lassen, als seien sie ein Leichnam, der sich überall hin tragen und auf jede Weise behandeln lässt.“ (Ignatius VON LOYOLA14; Stifter des Jesuitenordens). Dieses Ausschalten des eigenen Denkvermögens für die Masse der Soldaten war eben ein Ziel der Schöpfer der Armeen jeglicher Nationen. Also von Kadavergehorsam bei der deutschen Wehrmacht – dies gilt für alle drei Truppenteile einschließlich der Waffen-SS – zu sprechen und diesen ihr zu unterstellen, ist vollkommener Blödsinn. Das Denken lässt sich nicht ausschalten. Wohl aber kann man schweigen, falls einem nicht richtig gedachte Befehle zugemutet werden. Zum Diskutieren über einen Befehl hat man sowieso keine Zeit. Denn es ist doch so, dass der einzelne Soldat nicht erkennt, warum und wieso der Befehl eigentlich ergangen ist. Und wenn man den Befehlen folgte, zeigte der Untergebene, dass er nicht bereit war, gegen den Befehl Widerstand zu leisten. Was einem übrigens auch schlecht bekommen wäre, wie viele spätere Beispiele bewiesen haben.
Erst am Abend war dann der Jäger Herr und Meister bei der Weiblichkeit. Und so, wie es in der Marktgemeinde war, spielte es sich auch in den umliegenden Ortschaften ab, in denen die Kompanien in Privatquartieren untergebracht waren.
BERCHTESGADEN
Februar 1941
In ALBANIEN hatte MUSSOLINI15 seine Truppen gelandet und kämpfte gegen die Griechen, ohne groß Boden gewinnen zu können. In JUGOSLAWIEN gärte es auch. Dort waren einige Politiker für DEUTSCHLAND und andere waren gegenteiliger Meinung. Dass ENGLAND seine Finger im Spiel haben könnte, davon waren wir überzeugt. Schließlich war es eine Flanke, die verwundbar war. Und Soldaten wissen genau, wie wichtig Flanken für jede militärische Operation sind. Sie sind die gefährdetsten Stellen, und die Kriegsgeschichte kennt Schlachten genug, deren Ausgang an der Flanke entschieden worden sind. Der BALKAN war schon immer ein Pulverfass. Was wussten wir Soldaten schon von den dort wohnenden Völkerschaften, die sich gegenseitig an die Gurgel gingen?
Schon während des I. Weltkrieges hatte DEUTSCHLAND die schlimmsten Erfahrungen mit dieser Südostflanke gemacht. Der Schuss, der das verhängnisvolle – für uns 1918 tragisch ausgehende – Ringen auslöste, fiel auf dem BALKAN. Als die Mittelmächte16 im Herbst 1916 im Westen an der SOMME, im Osten gegen die BRUSSILOWsche russische Offensive17 und an der ISONZOFRONT schwerste Blutopfer bringen mussten, vollendete die Entente18 durch die Mobilisierung des BALKANS die Einkreisung Mitteleuropas. RUMÄNIEN zog in den Krieg und das neutrale GRIECHENLAND wurde Aufmarschgebiet. Zwei Jahre lang kämpften deutsche, österreich-ungarische und bulgarische Soldaten gegen die SALONIKI-Armee der Entente in den rauhen Bergen MAZEDONIENS. Die Abwehrfront der Mittelmächte wurde erst im Herbst 1918 durch vier englische, sechs serbische, acht französische und elf griechische Divisionen durchbrochen, nachdem durch Abberufung vieler Truppenteile an andere Fronten die BALKAN-Front geschwächt war.
Und neuerdings war seit 1940 ENGLAND wieder dabei, diese Südostflanke militärisch auszunutzen. Es hatte ein Expeditionskorps aus Truppen, die in PALÄSTINA erfolgreich gegen die Araber gekämpft hatten, zusammengestellt und diese Truppen in griechischen Häfen an Land gesetzt. Jedenfalls wurden Vorbereitungen getroffen, um einen Feldzug zu beginnen. Flugplätze ausgebaut, die Bodenorganisation eingerichtet, alles deutete darauf hin, sich auf dem BALKAN häuslich einzurichten. So berichteten jedenfalls die Zeitungen, denen man damals auch nicht alles glauben durfte, vor lauter Propagandageschrei. Und die Soldaten machten sich keine Gedanken, wenn sie so etwas im Berchtesgadener Anzeiger zu lesen bekamen. Das Denken wurde „denen da oben“ überlassen. Die hatten mehr Gehalt und durften sich deshalb auch über alles den Kopf zerbrechen. Der Landser nahm es so hin, wie es kam.
Die 5. Gebirgsdivision war einsatzbereit, hatte unzählige Übungen hinter sich und war ein zusammengeschweißter Haufen. Wo wir eingesetzt werden sollten, wussten wir nicht. Höchstens die vom Stab, und die durften nichts verraten. Im WATZMANN-Gebiet war das Bataillon ab Februar 1941 marschbereit.
Wir, die „Granatschmeißer“ hatten uns in der SCHÖNAU im Gästebuch mit nachfolgendem Gedicht verewigt:
Einquartierung Kriegswinter 1940/41
Herrgott, war das ein Essen! Das werden wir ja nie vergessen,
zwei Leberwürste, ‘ne Blutwurst, Kartoffeln und auch Kraut,
‘Leut’, wie ham mir da eini g’haut!
Doch leider war’s das Abschiedsessen,
denn bald müssen wir uns mit dem Feinde messen.
Doch abgesehen von dem kommenden Schlamassel,
unsere Gastgeber und Quartierleute, die liebe Familie GRAßL.
Und die Tochter, das liebe Mariedl AIGNERLEIN,
sie werden uns alle ewig in Erinnerung sein.
14 Jäger waren hier einquartiert.
Aber mit unser’m Quartier haben wir alle anderen ausgeschmiert.
Denn soviel Liebe, Freundlichkeit und diese Betten,
die anderen hatten’s nicht, ich möchte wetten.
So gingen wir vom November bis zum Februar hier ein und aus,
und fühlten uns genau als wie zuhaus’.
So jetzt ist es Schluss, jetzt ist es aus,
nur ungern verlassen wir dieses Haus,
denn wenn wir die ganze Welt auch seh’n,
so gut wird es uns wohl kaum mehr geh’n.
Zum Abschied soll unser Schlachtruf steh’n:
„Hurra, die Gams!“ - und auf Wiederseh’n!
Darunter folgten die Unterschriften der dort einquartiert Gewesenen und unsere Feldpostnummer 03474 D19.
Aber auch in KÖNIGSSEE hatten die Granatwerfer ihre dichterische Ader entdeckt und in einem Gästebuch folgendes hinterlassen:
Zur Erinnerung an die vier Auserwählten der Zigeunerartillerie20
Ein Jäger ist sonst sehr bescheiden,
doch eines können sie nicht leiden,
zu lange an einem Orte träumen,
und dort die schönste Zeit versäumen.
Das Reich der RAMSAU war mit Brettern vernagelt,
ein jeder von uns hat darüber getadelt,
drum kehrten wir froh und mit Entzücken
der einsamen Gegend dort unser’n Rücken.
Das, was wir suchten, das fanden wir bald,
am KÖNIGSSEE hoch oben am Wald.
Erholungsbedürftig, so kehrten wir ein,
in den „siebenten Himmel“ HAUS FICHTENHAIN.
Seid herzlich willkommen und ruhet Euch aus,
Frohsinn und Heiterkeit sind hier zu Haus.
So sprach zu uns mit herzlichem Wort
Herr und Frau PFNÜR, die Besten im Ort.
Die Tage vergingen, nie zu vergessen,
bei Musik, Gesang und Kartendreschen.
Schafkopfen, ein Spiel, das uns allen beliebt.
Unsere Kurgäste aber hat dies sehr betrübt.
Es ist im Leben immer so,
wo viele sind, ist keiner froh.
Nach diesem Grundsatz entschwanden dem Trubel,
Frau ISRAEL mit ihrer Trudl.
Kurz war die Freude der Einsamkeit,
da kamen wieder zwei angeschneit.
Aus HANNOVER kamen die Keuschen,
als Muster für Schönheit der Abteilung Preußen.
Rodeln beim Mondschein war unser Sport,
doch blieben wir immer zu lange fort,
Frau PFNÜR hat gar oft uns klar gemacht,
dass zwei Stunden vor besser sind als nach Mitternacht.
Vorbei sind nun all’ die schönen Stunden,
die wir im Hause PFNÜR gefunden,
unser Dank jedoch gebührt allein,
der lieben Mutter vom FICHTENHAIN.
Herr PFNÜR war uns auch stets beliebt,
wie es wohl selten einen gibt.
Waren beim Schafkopf wir zu Drei’n,
dann sprang er immer gerne ein.
Froh folgen wir nun der Soldatenpflicht,
die Liebe der Heimat vergessen wir nicht,
den Kampfruf im Herzen, rufen wir munter:
„Uns geht die Sonne nicht unter.“
Mit einem Bild vom WATZMANN geschmückt, hatten HÄRLE, SINGER, ABSMEIER und MEHLING von der Feldpostnummer 03474 C21 unterschrieben.
Abb. 5: ST.BARTHOLOMÄ mit WATZMANN
Ende Februar 1941 wurden wir verladen. Die Winterausbildung hatten die Werfer mit allem Drum und Dran geübt. Schließlich waren die an und für sich selbstständigen Werfergruppen als Zug Angehörige einer Jägerkompanie. Das bisher übliche Unterstellungsverhältnis entfiel. Beim Abrücken aus der SCHÖNAU wurden wir von der Bevölkerung mit Blumensträußen bedacht. Wohin diesmal die Reise gehen sollte, wussten wir nicht. An den Bahnhofsschildern merkten wir, es geht in Richtung Süden.
1 Das Unternehmen Seelöwe war die von der Wehrmacht vorbereitete, aber nicht verwirklichte Invasion GROßBRITANNIENS (Siehe dazu auch Band I dieses Buches!).
2Julius Alfred RINGEL (* 16. November 1889 in VÖLKERMARKT, KÄRNTEN; † 11. Februar 1967 in BAYERISCH GMAIN, BAYERN) war ein österreichischer und deutscher Offizier, zuletzt General der Gebirgstruppe und Befehlshaber mehrerer Großverbände, u.a. Kommandeur der 5. Gebirgsdivision (von der Aufstellung bis 10.02.1944).
3 heute: Ortsteil von BISCHOFSWIESEN
4 seit 1911 eigentlich MARKTSCHELLENBERG
5 Die Überlebensration als Notverpflegung für deutsche Soldaten – fälschlich als „eiserne Ration“ bezeichnet – hieß offiziell eiserne Portion. Bei Ausfall der regulären Verpflegung durfte die besonders verpackte Notverpflegung nur auf ausdrücklichen Befehl des kommandierenden Offiziers geöffnet und verzehrt werden. Dieser Befehlsvorbehalt ließ sich im Verlauf des Krieges jedoch nicht aufrechterhalten.
Pro Soldat wurden zwei eiserne Portionen auf der Feldküche oder einem Trossfahrzeug mitgeführt. Für die Wehrmacht bestand diese eiserne Portion standardmäßig aus 300 g Brotration (einer Packung Hartkekse, Knäckebrot oder Zwieback), einer 200-g-Fleischkonserve (z. B. Dose mit Schinkenwurst), 150 g Fertiggericht (z. B. eingedoster Gemüseeintopf oder Erbswurst) und 20-g-Tütchen Kaffeepulver.
Die halbeiserne Portion oder gekürzte eiserne Portion bestand nur aus der verpackten Brotration und der Fleischkonserve und wurde von jedem Soldat in seinem Tornister mitgeführt. Auch sie durfte nur auf Befehl verzehrt werden.
6 salopp für die (silbernen) Dienstgradabzeichen (Unteroffizier-Borte)
7 Als totaler Krieg wird eine Art der Kriegsführung bezeichnet, bei der die gesellschaftlichen Ressourcen umfassend für den Krieg in Anspruch genommen werden, insbesondere für eine industrialisierte Kriegsführung. Weit verbreitet wurde der Ausdruck im Zweiten Weltkrieg, als er von Joseph GOEBBELS am 18. Februar 1943 während der Sportpalastrede im Berliner Sportpalast gebraucht wurde
8 Der Ahnenpass wurde seit 1933 vom „Reichsverband der Standesbeamten Deutschlands“ herausgegeben; er diente dem Nachweis der „arischen Abstammung“ seiner Inhaber.
9OBERSALZBERG war Teil der selbstständigen Gemeinde SALZBERG im BERCHTESGADENER LAND. Ab 1923 nutzte Adolf HITLER dort regelmäßig verschiedene Häuser erst zur Miete als Feriendomizil und später den eigenen Berghof als repräsentative Zweitresidenz. Nahezu der ganze Ortsteil inklusive des KEHLSTEINS wurde ab 1933 zum Führersperrgebiet ausgebaut. Womöglich führte der Einschluss des KEHLSTEINS in das Führersperrgebiet auch zum späteren Sprachgebrauch, von „OBERSALZBERG“ in Veröffentlichungen wie von einem Berg zu sprechen, wiewohl es sich ausschließlich um die Bezeichnung eines Ortes bzw. Ortsteils handelt.
10 Der am 17. März 1933 von Adolf HITLER als Stabswache Berlin gegründete und ihm persönlich unterstellte paramilitärische Truppenverband firmierte ab September 1933 unter dem Namen Leibstandarte SS Adolf Hitler (kurz LSSAH oder auch LAH). Zusammen mit den Politischen Bereitschaften bildete die Leibstandarte die SS-Verfügungstruppe, aus der 1940 die Waffen-SS hervorging.
11 Hier hat die Legendenbildung dem Autor wohl einen Streich gespielt! Beide taten zwar im Ersten Weltkrieg in bayerischen Truppenteilen Dienst; aber Adolf HITLER im Kgl. Bayer. Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 16 und Friedrich FRIEDMANN im I./Kgl. Bayer. Jäger-Regiment Nr. 1.
12Michail Jurjewitsch LERMONTOW (* 3. Oktober 1814, MOSKAU; † 15. Juli 1841 im Duell in PJATIGORSK), war ein russischer Dichter. Neben Alexander PUSCHKIN und Fjodor TJUTTSCHEW ist er einer der bedeutendsten Vertreter der romantischen Literatur in RUSSLAND.
13Arthur SCHOPENHAUER (* 22. Februar 1788 in DANZIG; † 21. September 1860 in FRANKFURT am Main) war ein deutscher Philosoph, Autor und Hochschullehrer.
14Ignatius von LOYOLA (* 31. Mai 1491 auf SCHLOSS LOYOLA bei AZPEITIA, BASKENLAND, SPANIEN; † 31. Juli 1556 in ROM) war der wichtigste Mitbegründer und Gestalter der später auch als Jesuitenorden bezeichneten Gesellschaft Jesu (lat.: Societas Jesu, SJ). Er wurde 1622 heiliggesprochen.
15Benito Amilcare Andrea MUSSOLINI (* 29. Juli 1883 in DOVIA, Region EMILIA-ROMAGNA; † 28. April 1945 in GIULINO DI MEZZEGRA, Region LOMBARDEI) war ein italienischer Politiker und Ministerpräsident des Königreiches ITALIEN (1922–1943) und der Italienischen Sozialrepublik (1943–1945), ab 1926 diktatorisch regierend. Als Gründer und Führer der Faschistischen Partei (1921–1945) und des faschistischen Regimes führte er den Titel Duce del Fascismo („Führer des Faschismus“; in der Kurzform auch Duce).
16 Die Mittelmächte waren eine der beiden kriegführenden Parteien im Ersten Weltkrieg. Ihr Kontrahent war die Entente. Das Militärbündnis erhielt seinen Namen wegen der zentral-europäischen Lage der beiden Hauptverbündeten DEUTSCHES REICH und ÖSTERREICH-UNGARN. Später schlossen sich das OSMANISCHE REICH und BULGARIEN dem Bündnis an.
17 Die BRUSSILOW-Offensive der russischen Armee an der Ostfront des Ersten Weltkrieges begann am 4. Juni 1916 und endete nach großen Gebietsgewinnen am 20. September desselben Jahres. Die nach dem verantwortlichen General Alexei Alexejewitsch BRUSSILOW benannte Offensive stellte den größten militärischen Erfolg RUSSLANDS im Ersten Weltkrieg dar, doch beschleunigten die hohen Verluste die Demoralisierung des russischen Heeres.
18 Die Siegermächte im Ersten Weltkrieg waren FRANKREICH, das VEREINIGTE KÖNIGREICH VON GROßBRITANNIEN und IRLAND, die VEREINIGTEN STAATEN und ITALIEN. Die Triple Entente von 1907 umfasste nur FRANKREICH, GROßBRITANNIEN und RUSSLAND. ITALIEN trat erst 1915 der Entente bei. RUSSLAND war schon nach der Oktoberrevolution 1917 ausgeschieden. Die Siegermacht USA betrachtete sich lediglich als assoziierte Macht der Entente. Die Entente siegte über die Mittelmächte und bestimmte die Pariser Vorortverträge.
19 8. Kompanie des Gebirgsjäger-Regiments 100
20 eigentlich eher abwertende Bezeichnung für die Granatwerfer/Infanteriegeschütze der Infanterie-/Gebirgsjäger-Regimenter (da es sich nicht „wirklich“ um Artillerie handelte).
21 7. Kompanie des Gebirgsjäger-Regiments 100
BERCHTESGADEN
Februar 1941
Überall wurde uns zugewunken, und die Siebenbürger Schwaben22 kamen mit ihren alten Trachten und brachten uns Gastgaben. Zur Überraschung aller wurde unser Güterzug durch rumänische Soldaten bewacht. Aber wie sahen die aus?!? Sie hatten zum Teil zerrissene Uniformen an, manche waren barfuß und hatten Wickelgamaschen schlampig um die Waden zur Stiefelhose gebunden. Und bei anderen mit Schnürschuhen schauten die Zehen hervor. Sie hatten die Aufgabe, die Zivilbevölkerung von uns abzuhalten. Aber wir fanden doch Wege, die angebotenen Eier, Speck und Wein einzuhandeln oder zu kaufen. Scharf war die Bevölkerung auf Salz, Feuersteine oder Feuerzeuge. Auch Nähzeug war gefragt. Manch einer gab für Wein Nadel und Faden her. Aber wir hatten auch Schlitzohren dabei, die sich auf Betrügereien einließen. Sie hatten von Aluminiumdraht gleichgroße Stücke abgezwickt, die wie Feuerstein aussahen, warteten bis die Lok Kohle und Wasser aufgenommen hatte und verhökerten die wertlosen Stifte gegen „Jeika“ (Eier). Auf ihren Beschiss angesprochen – schließlich hob es nicht das Ansehen der Gebirgstruppe – reagierten sie mit „nach uns die Sintflut“. In diese Gegend käme man sowieso nicht mehr.
In CRAIOVA23 war Endstation. Ausladen. Marsch zum Quartier, einer Turnhalle. Hier erfuhren wir, dass der Ort 29 Kirchen und ein Schloss hat, in dem jetzt das Armeekorps säße. Vergatterung vorm Stadtausgang nicht nur wegen der käuflichen Mädchen mit der Auflage, sich bei der Heimkehr vom Mädchenkontakt ja zum Sani zum Sanieren24 zu begeben, sondern auch als Gebirgssoldat fremden Offizieren gegenüber einen zackigen Gruß als Ehrerbietung zu erweisen. Dann wurde es Ernst. Die ruhigen Stunden im Viehwaggon waren vorbei. Wir wurden nicht mehr gefahren, sondern marschierten. Eine spiegelebene Landschaft, unsagbar eintönig und melancholisch. Kahle, weite Flächen, kaum einmal ein Hügel, kaum einmal ein bisserl Wald. Ab und an mal ein in der Landschaft stehender Ziehbrunnen. Das Wetter war einigermaßen.
Unsere etwa 20 Kilogramm schweren Rucksäcke auf dem Rücken. Sie enthielten alles, was wir zur Körperpflege, zum Übernachten auf freiem Feld einschließlich „Eiserner Ration“ und persönlichen liebgewonnenen Dinge brauchten. Am umgeschnallten Koppel („Gott mit uns“)25 hingen Brotbeutel mit Kochgeschirr, Seitengewehr, Gasmaske, Spaten, Patronentaschen bzw. Pistolentasche um die Hüften. Die Zug- und Gruppenführer hatten dazu noch ihre Meldekartentasche am Koppel hängen. Und auf der Schulter hatten die Jäger das Gewehr und die MG-Bedienung ihre „Spritze“ zu schleppen. So ging es Schritt für Schritt mit unseren Bergschuhen die staubigen Feldwege abseits der großen Straßen, auf denen sich der motorisierte Heerwurm bewegte, Richtung Süden. Unser Gebirgsjägerregiment war schon ein stattlicher Haufen. Durch unsere Muligeschwader, jede Kompanie war mit Mulis, Bergreitpferden (Haflinger Schlag), neben bespannten Gefechtsfahrzeugen auch mit Lastkraftwagen und Beiwagenmaschinen ausgestattet, hatten wir die doppelte Marschlänge wie der gleiche Haufen Infanterie.
Abb. 6: Der Weg zur METAXAS-LINIE
Bei unserer Marschgeschwindigkeit, fünf Kilometer in der Stunde, mit zweimaliger Gurtrast, zwei Stunden Mittagspause, fanden wir abends unsere, mit Motorrädern vorausgefahrenen Vorkommandos, die uns in die Biwakplätze einwiesen. In dieser endlosen Weite, meist Wiesengelände, Rucksäcke ab, Zeltplanen raus, Bahnen zusammenknöpfen, Heringe einschlagen und schon war das Nachtquartier bereit. Gut, dass es nicht regnete. Der harte Boden massierte unsere Kreuze, sodass am nächsten Morgen nach ‘ner Katzenwäsche (auf die Zeigefinger spucken und die Augen auswischen, wenn kein Wasser in der Nähe war) und dem frugalen Frühstück die nächsten 60 Kilometer unter die Füße genommen wurden. Rechts und links der Staubstraßen Zigeunersiedlungen. Im Gelände kralartige, spitze Erdhügel, mit Grassoden bedeckt, aus denen sich Rauch kringelte. In den in die Erde gegrabenen Höhlen wohnten sie. Die Bewohner säumten mit zerschlissenen Kleidern, braunen Gesichtern und langen, schwarzen Haaren die Straße. Die Hand aufhaltend, nicht nach „4711“26 duftend und bei uns um Zigaretten bettelnd, die ihnen auch von den Landsern aus Mitleid gegeben wurden. In den Dörfern wurden wir mit unserem Muligeschwader immer gut aufgenommen. Es war ja nur für eine Nacht, wenn wir uns in die teilweise schon mal benutzten Strohlager in Schuppen und Scheunen nach unserer täglichen Marschleistung niederließen.
Das Ritual morgens: Wecken, Decken zusammenlegen, Rucksack packen, Anstellen an der Feldküche, Kaffee – Muckefuck – gefasst, im Deckel die Portion Butter und Marmelade. Auf dem Rucksack sitzend das opulente Frühstück verzehren. Inzwischen waren die Muli gesattelt, es wurde aufgelastet und dann ging es weiter. Anfangs sangen wir noch beim Ausrücken aus dem Dorf, aber dann wurde es immer ungemütlicher. Schlurf, schlurf, mit jedem Schritt wurde man immer müder. Trotteten stets über unbefestigte Straßen. Je höher die Sonne stieg, desto müder wurden wir. Mittags zwei Stunden Pause. Ablasten, Muli halten, denn der Tragtierführer musste Wasser und Futter holen, während die anderen auch die Verpflegung für die mit ihrem Tier länger Beschäftigten mitnahmen. Siesta – also die Augen zumachen und ‘ne Mütze Schlaf nehmen, hatten alle Neulinge gleich raus. Die Alten fielen wie ein Sack um und schliefen auf der Stelle ein. Damit wurden Kräfte gesammelt für die nächsten zurückzulegenden Kilometer.
Je näher wir zur Grenze nach BULGARIEN kamen, links und rechts nur Wasser! Die DONAU war über die Ufer getreten und hatte eine riesige Wasserwüste hinterlassen. Nur die Straßen waren so hoch angelegt, dass wir wie auf einem Damm zur Grenze zogen. Über die DONAU hatten Pioniere eine schwere Pontonbrücke gebaut. Rumm-rumm-rumm dröhnten die Bohlen unter unseren genagelten Bergschuhen. Am Ende der Brücke lehnte unser Kommandeur am Geländer, und da riss es den müden Haufen wieder hoch. Denn zwanzig Schritte weiter war ein Empfangskomitee. Vor einer – dem Aussehen nach vermutlich – Kaserne standen am Tor einige bulgarische Offiziere und Priester der russischorthodoxen Kirche. Ob die uns segneten, konnten wir nicht erfahren. Jedenfalls wurde jede Kompanie mit militärischem Gruß durch die Offiziere und erhobener Hand der Priester begrüßt. Aber wenn wir glaubten, endlich mal wieder in einer Stadt übernachten zu können, hatten wir uns getäuscht.
In BULGARIEN sind wir herzlichst empfangen worden. Anfangs wussten wir nicht, was ihr Kopfnicken und Kopfschütteln bedeuten sollte. Denn, wer von uns sprach schon Bulgarisch? Viele wussten, dass die Bulgaren 1915-18 auf dem BALKAN an unserer Seite gestanden hatten. Und auch diesmal so etwas wie unsere Verbündeten waren. Jedenfalls war ihr Zar Boris III.27 sehr deutschfreundlich. Uns erzählte man, dass die Bulgaren so etwas wie die Preußen des BALKANS seien. Die Dörfer waren nach der auf der anderen Donauseite vorgefundenen Schmuddeligkeit, sauber und aufgeräumt. Und dort fanden wir Alte, die ein paar Brocken Deutsch konnten. Sie klärten uns auf, dass Kopfschütteln „Ja“ und Kopfnicken „Nein“ heiße. Also entgegengesetzt unserer Verständigungsart ohne Worte. Frühling herrschte. Regen und Sonnenschein lösten sich ab. Schwalben jubilierten am Himmel. Und wir Alten hatten das Gefühl, als seien wir wie früher irgendwo im Manöver. Denn wir marschierten und marschierten, ohne irgendwelche Gefechtseinlagen dazwischen.
Eines Tages, wir hatten nur fünfzig Kilometer zurückgelegt, fanden wir unser Quartier in einem größeren Dorf. Unser Trupp wurde in ein Gehöft eingewiesen. Im Hof standen Strohmieten, in die wir eigentlich kriechen wollten. Aber wir wurden alle ins Haus gebeten, in dem man für uns ein Zimmer freigemacht hatte. Stroh ins Zimmer, unter der im Hof stehenden Wasserpumpe endlich mal den Schweißgeruch abwaschen können. Nicht mit Wasser geizen müssen. Der Bauer hatte – was wir nicht wussten – für uns ein Lamm geschlachtet. Beim Einrücken hatten wir es am Schuppen hängen sehen. Im Gang des Hauses war ein großes Feuer an. Die Bäuerin hatte einen flachen, mit einem Deckel versehenen Zuber bereitgestellt, in den das Lamm mit vielen Gewürzbeilagen und Zwiebeln gelegt wurde. Die lodernde Glut wurde auseinandergemacht, der Zuber hineingestellt und anschließend wieder mit der Glut zugedeckt. Als wir uns fertigmachen wollten, um unsere Abendverpflegung an der Feldküche zu holen, wurde uns – mit Händen und Füßen redend – gedeutet, dass wir ihre Gäste seien und das Lamm für uns zwölf Mann bestimmt wäre.
Obwohl der eine oder andere aus unserem Kreis, vor allem ich, der noch nie Hammel gegessen hatte, etwas lange Zähne machte, als wir uns vor dem Zuber im Kreis setzten und uns unsere Gastgeber durch Zeichen deuteten, dass wir essen sollten, nahm ich das Lamm auseinander und verteilte die Stücke. Und . . . tatsächlich, es schmeckte vorzüglich. Vor allem die Stücke mit eingelegten Zwiebeln mundeten zu unserem Kommissbrot hervorragend. Wir beschlossen, nicht alles aufzuputzen, sondern ein Drittel am Morgen zum Frühstück zu verzehren.
Mir wurde die besondere Ehre zuteil, inmitten der Gastgeber in ihrem Zimmer auf einem Teppich die Nacht zu verbringen. Ich weiß nicht, ob diese Ehre auch die Sitte der Überlassung eines weiblichen Wesens mit einschloss. Ich musste mich zwischen die Bäuerin und eine etwa vierzehnjährige Tochter legen, hütete mich aber, ihnen zu nahe zu kommen.
Ob das ein Fehler war, die Offerte auszuschlagen?
Ich weiß es nicht, denn was wussten wir schon von bulgarischen Sitten, Gebräuchen und Gepflogenheiten? Nur, sie rochen ziemlich streng, hatten ihre Haare mit Hammelfett eingeschmiert, (um einen besseren Eindruck auf mich zu machen?), und sie hatten mehrere Unterröcke sowie ein Staatskleid angelegt. Also ich rührte sie nicht an. Das war vielleicht ein Fehler und für den Gastgeber eine Beleidigung. Jedenfalls sahen wir die weiblichen Wesen am nächsten Morgen auch nicht mehr. Simmerl, der als Tragtierführer als Erster von der Wache geweckt wurde, damit die Maulesel zu ihrem Recht des Fütterns und Tränkens kamen, bemerkte, dass unser Frühstück, kaltes Lamm, nicht mehr vorhanden war. Der Hund, eine undefinierbare Rassenmischung hatte sich in der Nacht unserer Vorratshaltung bemächtigt und nur noch Knochen übrig gelassen. Dass er dafür von seinem Herrn Prügel bezog, hat er vermutlich ob des genossenen, zarten Fleisches hingenommen.
Parolen, die uns umschwirrten, nachdem wir mal so nebenbei eine Parade vor unserem Kommandierenden, General BÖHME28, hingelegt hatten, dass wir durch SOFIA marschieren würden, blieben Parolen. Vielleicht waren wir auch nicht die Paradesoldaten. Schimpfen über den Tschoch29, den schweren Rucksack auf dem Buckel, zehn Pfund um die Hüften, die schweren Bergschuhe an den Füßen, taten wir schon immer. Aber solange der Soldat schimpft, geht es ihm gut. Erst wenn mal Ruhe herrscht, die Köpfe runterhängen und beim Anreden das Götz-Zitat als Antwort kommt, wird’s gefährlich. Wir marschieren schon lange im bergigen Gelände. RHODOPEN-Gebirge30 soll’s heißen. In der Ferne blinken die Berge mit weißen Hauben. Man merkt, es ist noch Ende März. Je näher wir dem vor uns aufragenden Gebirge kommen, desto kälter wird es. Dann kam nochmal der Winter.
Meterhohe Schneewände an der kehrenreichen Straße über den PETROHAN-Pass. Je sechs Ochsen wurden vor die schwer mit unserem Gepäck beladenen Gefechtswagen gespannt und im Ochsentemposchritt, den auch die bulgarischen Treiber mit ihren eisenspitzenbewehrten Stöcken und ohrenbetäubenden Geschrei nicht beschleunigen konnten, überschritten wir den Pass. Und dann latschten wir weiter bis erneut Berge vor uns aufstiegen bis zur Grenze GRIECHENLANDS. Die Gerüchteküche tischt auf, dass wir BULGARIEN vor GRIECHENLAND sichern sollen. Von PETRITSCH31 aus stiegen wir hoch. Fahrwege? Denkste! Einen Meter breite Wege bei Regen, der in Schnee überging, fluchend hochgekeucht. Unsere Rucksäcke mussten wir selber tragen. Unsere Mulis, die treuen, folgten uns mit unserem Gerät auf ihrem Buckel. Unterhalb der stacheldrahtbewehrten Grenze zwischen BULGARIEN und GRIECHENLAND gruben wir in den harten, steinigen Boden Höhlen, in denen wir bei dem Sauwetter unterkriechen konnten. Unsere Tragtiere mit ihren Führern mussten täglich von PETRITSCH aus den Weg zu uns hoch machen und die Verpflegung bringen.
Mir wurde aufgetragen, die durch das Tal der STRUMA32 auf der anderen Seite liegende METAXAS-LINIE33 zu zeichnen und eventuell auszumachende Schießscharten kenntlich zu machen. Da lag ich nun im Laufgraben der Bulgaren, mit bulgarischer Schirmmütze und dem braunen Mantel der Bulgaren ausgestattet und zeichnete. Der am Stacheldraht entlang gehende Zöllner blieb kurz stehen, sah zu mir hin, der seine Zeichnung versteckt hielt und völlig uninteressiert in die Gegend sah, und meinte zu mir gewandt: „Du germanski Soldat!“ Ob er wohl ahnte, was demnächst hier los sein würde? Als dann tatsächlich das links von uns liegende Zöllnerhaus bei Angriffsbeginn in die Luft flog, hatte ich doch ein wehmütiges Gefühl, als ich an den Zöllner dachte, dessen letztes Stündlein geschlagen hatte. Ich hatte nichts gegen ihn und er nichts gegen mich. Und trotzdem standen wir, obwohl wir uns nicht kannten, feindlich gegenüber. Warum eigentlich? Diese Frage blieb in den langen Jahren des Krieges unbeantwortet. Pflichterfüllung über alles!
PETRITSCH / BULGARIEN - METAXAS-LINIE / GRIECHENLAND
April 1941
Ja, und dann zogen wir, in der HKL34 als Regimentsreserve liegend, mittels Seilzug unter dem Gejaule der auf die Feindseite zufliegenden Granaten und der langsamen Schussfolgeantwort – tak-tak-tak – der griechischen Maschinengewehre eine 8,8-cm-Flugabwehrkanone den steilen Weg hoch. Die angreifenden 85er35 und die anderen Bataillone von uns, versuchten todesmutig die METAXAS-LINIE zu knacken. Die Zugmaschine konnte nicht weiter. Mit Hauruck, viel Schweiß und Gefluche hievten wir das Geschütz bis in die Nähe unserer Granatwerferstellung. Die Kanoniere schleppten noch genügend Munition in ihren Kisten hoch, und dann setzte die Außergefechtsetzung der verschiedenen Bunkerscharten ein, aus denen die langsam schießenden Maschinengewehre der Griechen ihre tödliche Fracht auf uns Angreifer losfeuerten. Wenn eine Scharte mit dem MG getroffen war, schwieg sie nur kurze Zeit. Dann hatten die heldenhaft sich verteidigenden Griechen ohne Rücksicht auf ihr Leben ein neues Gewehr in Stellung gebracht und ballerten wieder los.
Unser Kommandeur FRIEDMANN, der bei uns in der Beobachtungsstelle der Werfergruppe war und den wir um Feuergenehmigung baten, meinte nur: „Ihr werdet schon noch früh genug dran kommen. Wir sind Regimentsreserve. Und wenn ihr schießen würdet, träft ihr nur unsere eigenen Leute, die schon auf den Festungsbergen sind.“ Und so war es ja auch. Das Gebirgsjägerregiment 100 hatte mit unserem Schwesterregiment 85 die METAXAS-LINIE binnen 48 Stunden geknackt. Der OKW-Bericht36 vom 09.04.1941 (am 06.04.1941 morgens 5 Uhr begann der Angriff) teilte im 3. Absatz mit: „An der griechischen Grenze durchbrachen dem Generalfeldmarschall LIST37 unterstehende Gebirgs- und Infanteriedivisionen, unterstützt von Sturzkampffliegern und Flakartillerie, nach erbittertem Ringen die METAXAS-LINIE, einen in jahrelanger Arbeit in das Gebirge eingebauten, neuzeitlichen Befestigungswall.“ Und eine Sondermeldung vom 12.04.1941 verbreitete: „Am Durchbruch durch die von griechischen Elitetruppen vollbesetzten, zum Großteil in Fels gehauenen Bunkerstellungen der METAXAS-LINIE haben Gebirgstruppen aus dem süddeutschen Raum entscheidenden Anteil. Bei den Kämpfen um die METAXAS-LINIE haben sich der Major ESCH38, die Hauptleute MAYERHOFER und PFEIFFER (unser späterer Bataillonskommandeur) durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet.“
Neben unserer Gebirgsdivision war über JUGOSLAWIEN kommend, außer vielen anderen Einheiten, auch die 6. Gebirgsdivision in die Kämpfe um GRIECHENLAND eingesetzt. Und Generalmajor SCHÖRNER39, ihr Kommandeur, wollte sich den Ruhm nicht nehmen lassen, als Erster in ATHEN einmarschiert zu sein. Er ließ seine Division nicht von unserer 5. Gebirgsdivision ablösen. Und so marschierten wir, über die unbändige Hitze fluchend, die staubigen Straßen entlang. Früh um drei Uhr Wecken, fertigmachen zum Marsch, kompanieweiser Abmarsch in Marschkolonne, dahintrotten bis elf Uhr, Siesta für Tier und Mann bis um drei Uhr, mit anschließendem Weiterschlurfen, bis gegen sieben Uhr der Biwakplatz erreicht wurde. Als wir von fern die ÄGÄIS40 erblickten, rief einer, der in der Schule in der griechischen Geschichte aufgepasst hatte: „Thalatta, Thalatta!“41 wie die griechischen Söldner 401 v. Chr. beim Anblick des Meeres. Wir waren aber noch lange nicht am Ziel. Wir zogen nicht nur die staubige Straße, sondern auch auf der entlang des Meeres führenden Eisenbahntrasse hinunter nach Süden. Vor KATERINI42 erwischte eine englische Fliegerbombe den Tross43 des III. Bataillons und neben anderen, mir aus der Friedenszeit bekannten Kameraden, fiel auch mein ehemaliger Hauptfeldwebel ANDRESS. Dass das gegnerische Flugzeug durch eine Me 10944
