Langsamer Sommer - Toni Buchegger - E-Book

Langsamer Sommer E-Book

Toni Buchegger

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Beschreibung

Eine besondere Biographie, ebenso berührend wie witzig - auf alle Fälle ist sie authentisch. Der Beginn der Geschichte ist ein bedeutsamer, dramatischer Moment im Leben des Autors, einerseits eine vom Schicksal erzwungene Wende, andererseits die Gelegenheit, das bisher Erlebte Revue passieren zu lassen. Der Leser wird auf die Reise mitgenommen, teils mit biographischen Informationen, teils mit Episoden aus der jeweiligen Zeit. Dabei werden vergangene Jahrzehnte mit ihren Lebensumständen deutlich. Die Chronologie des Erzählten wird immer wieder durch Exkurse ergänzt, die weltpolitisches Geschehen beleuchten und zeigen, dass diese bedeutsamen Ereignisse direkt oder indirekt Auswirkungen auf das Leben des Autors haben. Das Ende zieht bisherige Bilanz und ist vor allem Gelegenheit, seiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen.

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Seitenzahl: 606

Veröffentlichungsjahr: 2018

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INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

„LANGSAMER SOMMER“

10. JUNI 2001

GROSSGMAIN

KLEINE FISCHE

TRAUNECK

ZAUNERZEIT

LANGWIES

SAALBACH

NEUSTART

POST

ALTES HAUS

HOCHZEIT

MUTTER

SPARKASSE

ALLIANZ

BERLINER LUFTBRÜCKE

VIETNAM

BUNDESHEER

WESTBERLIN

OSTBERLIN – AUSFLUG

MICHAEL

MOSKAU

GARNISONSTRASSE

TEHERAN

GÜNTHER

VATER

FLO

BAHNHOFSTRASSE

MICHAEL

FLO

CHRISTBAUM

KANAL

HAUSDACH

TONIS PROBLEME

WEISSENSEE-URLAUB

ZWENTENDORF

GÜNTHERS TOD

HAINBURGER AU

OST – BERLIN FLUGREISE

INNERVILLGRATEN

TSCHERNOBYL

FLORENZ 1987

ST.WOLFGANG

FISCHERVEREIN

BOOTSBAU

RINDBACH HAUSBAU

GEBURTSTAGSÜBERRASCHUNG

HAARAUSFALL

ISTANBUL

ROTES KREUZ

AMPFELWANG

SCHOTTLAND 1991

PETER'S TOD

GOLDRUSH LASSING

TSCHECHISCHE PFERDE

DRESDEN 1994

ROM

VERSICHERUNGS-GESCHICHTEN

NEUES BÜRO

FRANKREICH

SEEFELD / TIROL

DIE ANKÜNDIGUNG: „7 MONATE“

FREMDENLEGION

„7 MONATE“

FORREST GUMP

FAHRNAU

FUSCHLSEE

POLEN

PKA

SCHWEDEN

MOUNTAINBIKE

JOGGEN

SONNSTEIN

KRAULEN

MUSIK

SCHLANGEN

KROATIEN

NACHWEHEN– HEISS / KALT

RIESACHSEE

FLIEGENFISCHEN MIT GERT

DAS EINFACHE GLÜCK

NACHWORT

VORWORT

Warum ich dieses Buch schreibe, hat drei Gründe:

Es ist für mich ein Schreibtraining und der Beweis, dass auch unter nicht einfachen Bedingungen ein Buch zustande kommen kann.

Schlaganfall-Opfern auch zu zeigen, dass das Leben trotzdem lebenswert ist und nochmals eine neue Chance bietet.

Das „FREI SCHREIBEN“ ein Begriff, der nicht eindeutig definiert ist und für mich heißt: aus der Seele zu schreiben, sich den verborgenen Zwängen und Ängsten zu stellen, die ich über Jahrzehnte verdrängt hatte.

„LANGSAMER SOMMER“

Ich konnte einmal gut lesen und schreiben, es ging aber beides großteils verloren, nun fand ich es langsam wieder, aber nicht durch Zufall …

Warum ich mit dem Buch zu schreiben begann, hat drei Gründe: Zum Ersten ist es für mich ein Schreibtraining, da ich auch 15 Jahre nach meiner Hirnblutung Wörter verwechsle und, erst wenn ich das Wort geschrieben habe, den Fehler sehe. Das ist insofern sehr mühsam, als dadurch fast jedes dritte Wort fehlerhaft ist und ich es wieder korrigieren muss. Und das, obwohl ich sofort nach meiner Therapie in Großgmain bei Salzburg, ich war dort fast zwei Monate auf Reha, begonnen hatte, wieder lesen und schreiben zu lernen. Darüber hinaus hatte ich den Großteil der Wörter und auch der Sprache „verloren“. Man nennt es eine Aphasie, eine „Sprachlosigkeit“, die durch eine Störung im Sprachzentrum aufgrund einer Erkrankung wie Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Gehirnblutung oder Tumore auftritt. Sie verursacht Beeinträchtigungen der einzelnen sprachlichen Modalitäten, wie Sprechen, Verstehen, Schreiben oder Lesen.

Sogar meine zwei Söhne Michael und Florian verwechsle ich bis heute, obwohl diese Namen keine exotischen sind.

Das ganz große Handicap bestand darin, das gelernte Lesen und Schreiben, wie ein Kleinkind, ganz vorne neu zu beginnen. Die einfachsten Wörter wie „Auto“, „Zug“ oder „Hund“ waren Neuland für mich und ebenso, diese auch zu „verstehen“. Ich musste auch wieder lernen, wie eine Kuh aussieht, und wurde von einer Therapeutin zu einer Wiese geführt, auf der Kühe weideten. Als ich wieder zuhause war, verstand ich das Wort, sprach es aber als „Kuhe“ aus. Wörter wie „Messer“, „Gabel“ oder „Löffel“ kann ich bis heute nicht zuordnen und verstehen. Es gibt aber dazu eine einfache Lösung: Wenn meine Frau mich ersucht, zum Essen aufzudecken, nehme ich ganz einfach alle drei Dinge mit zum Tisch, in der Hoffnung, dass alles stimmt. Wenn wir dann keine Suppe essen, wird der Löffel nicht benutzt und muss nicht in den Geschirrspüler geräumt werden. (übrigens macht das sowieso meine Frau!) Ich kannte die Wörter „Wasser“, „See“ oder „Baum“ nicht mehr und versuchte alles neu zu lernen. Also meldete ich mich zur Malgruppe und musste dann feststellen, dass ich nichts malen konnte, da ich die einfachsten Dinge nicht wusste oder verstand. Gleich nach der Maltherapie habe ich meine „Werke“ zerstört, ging in mein Zimmer und weinte bitterlich.

Die Farben richtig zu definieren, ist insofern schwierig, da ich nur die Grundfarben kenne und meistens falsch bezeichne. Als Hilfsmittel nehme ich die Farbe „Rot“ als „Rote Partei“, „Schwarz“ als die „Schwarze Partei“, „Grün“ wie die Wiese und „Blau – Azzurro“ wie das Meer!!? Die Farbe „Grau“ habe ich gestrichen, denn sie weckt zu viele negative Erinnerungen. „Rosa“, „Violett“, „Türkis“ und so weiter, diese Farben kann ich nur erraten oder jemand anderen danach fragen.

„Die Seele hat die Farbe deines Gedankens“ – Mark Aurel

Die eigentliche Einführung der Euro-Banknoten und -Münzen erfolgte mit deren Ausgabe im Jänner 2002. Bereits drei Monate zuvor hatte man in Österreich damit begonnen, die Preise doppelt, in Schilling und in Euro, auszuzeichnen. Es war auch für mich die unpassendste Zeit, da ich meine Probleme schon mit dem Zahlen mit Schillingen hatte. Nun kamen auch noch die Euro- und Cent-Münzen dazu, eine für mich „völlig neue Währung“, mit der ich überhaupt nichts anfangen konnte und die so exotisch klang wie japanischer Yen oder polnischer Zloty. Wenn ich in einem Lokal bezahle, habe ich nur eine Vorstellung, wenn ich den Betrag tatsächlich vor mir sehe, wenn ich ihn nur höre, verstehe ich „Bahnhof“.

Begriffe wie 17,90 oder 42,60 sind nur in Verbindung mit Zahlen für mich greifbar, ich spreche aber diese oft falsch aus. Auch hier habe ich mir eine einfache Lösung gesucht: Wenn ich in einem Lokal bin und keine Rechnung bekomme, habe ich immer mehrere Ein-Euro- und Zwei-Euro-Münzen eingesteckt. Dann zahle ich mit Euroscheinen, lasse mir herausgeben und gebe dann das Trinkgeld mit meinen Euromünzen. Jetzt suche ich gerade am Computer die Taste des Euro-Zeichens, habe sie nicht gefunden, dafür das $-Zeichen, das ich aber momentan nicht brauche. Vielleicht habe ich einen älteren Computer, mit dem kann man auf jeden Fall mit „Schilling“ rechnen und schreiben. Jetzt kommt gerade meine Frau herein und zeigt mir, dass es die €-Taste auf meinem Computer tatsächlich gibt. Ich bin beruhigt.

Meine Rechenleistungen waren massiv beeinträchtigt, dabei habe ich schon sehr große Fortschritte in Bezug auf Zahlen gemacht. Denn bei meinem ersten Test im Zahlenraum bis 100 in Großgmain, bei dem zwei Zahlen bis maximal 100 zu rechnen waren, hatte ich eine Trefferquote von 100, denn alle waren falsch. Am Ende meiner Therapie stand im Abschlussbericht, dass die verbale Rechenfähigkeit nachweislich vermindert sei, die schriftliche Rechenfähigkeit auf mittlerem Niveau, Addition und Subtraktion mit Hilfe von „Fingerzählen“ möglich sei. Gott sei Dank habe ich noch alle zehn Finger, sonst hätte ich ein Problem mehr!

Am rechten Auge hat es mich auch erwischt, das heißt, ich habe in die Mitte des Auges genau von Oben nach Untern einen kleinen Streifen, auf dem ich nichts sehe. Dafür sehe ich links und rechts des Streifens bestens. Mein linkes Auge wurde gerade geläsert, dann operiert und eine neue Linse aus Amerika(!!) eingesetzt.

Ich sehe jetzt fast besser als ein Luchs!

Was mich sehr beeinträchtig und stört, ist die Tatsache, dass das Lesen eines Buches oder einer Zeitung mühsam ist. Bei jeder Zeile fehlen mir die nächsten rechtsstehenden Buchstaben und ich kann nur weiterlesen, wenn ich mit den Augen „mitgehe“. Mache ich das nicht, ist es wie bei einer alten Schreibmaschine, wenn ein Buchstabe hängenbleibt! Trotz intensiven Augentrainings und Tests über Monate habe ich diesbezüglich kaum mehr Fortschritte machen können, da vermutlich durch das Alter die Augen nicht besser werden. Natürlich ist es dann auch sehr schwierig, bei Ballspielen wie Fußball oder Tischtennis mitzumachen, was mir des Öfteren wirklich fehlt. Golfen geht eher überhaupt nicht, denn das habe ich nie probiert und ich würde den Golfball sowieso nicht treffen.

Auch ganz einfache Begriffe wie „Jahr“, „Monat“, „Woche“ oder „Tag“ waren lange ein großes Problem, denn ich verwechselte sie mit Ziffern oder Zahlen. So suchte ich ein Jahr im Monat und landete beim Freitag, was aber bei genauer Betrachtung nicht stimmen kann. Es könnte aber auch sein, dass meine ganze Überlegung tatsächlich stimmte, nur die anderen Millionen Menschen sich irrten?! Diese Denkweise hatte ich zwar nie, nehme sie aber ab und zu zum Trost.

DER ZWEITE GRUND, dieses Buch zu schreiben, ist der, eine Chance zu bekommen und alles zu versuchen, das Beste aus dieser Misere zu machen. Wer eine Chance hat, sollte sie nutzen, wenn sie ihm geboten wird. Die Bedingungen für den Erfolg gelten nicht als garantiert und sollten auch nicht hinterfragt werden. Im Spiel kann die Chance, bedingt durch Einsatzart und Einsatzhöhe, 50:50 stehen. Für viele Betroffene eines „Schicksals-Schlages“ kann die Chance nur mehr 95:5 stehen, also nicht der Rede wert sein, dennoch – die Chance lebt. Nur nicht aufgeben und sich fallen lassen, sollte die tägliche Devise, also der Leitsatz sein! Man sollte es einfach probieren, am besten mit viel Einsatz, Ausdauer und Ehrgeiz. Es heißt nicht umsonst: „Am Ende der Ausrede beginnt das Leben!“ Denn Zeit hat man nun genug, sehr viel Zeit, und es ist ein ganz anderes neues Leben, aber auch ein langsames Leben.

Als Betroffener hat man sich gezwungenermaßen damit auseinanderzusetzen, dass mit einem Schlag das Leben völlig anders verläuft als bisher und das bisherige Leben Geschichte ist. Es sollte auch irgendwie ein kleiner Trost sein zu wissen, dass jährlich über 20.000 Personen (alle 6 Minuten!!), alleine in Österreich, dasselbe zustößt. Was mir passiert ist, gilt weltweit als zweithäufigste Todesursache, in Deutschland alleine mit 65.000 Todesfällen im Jahr 2006. „Schlaganfall“, im Englischen auch „Stroke“ genannt, ist eine plötzlich auftretende Erkrankung des Gehirns und häufigste Ursache für mittlere und schwere Behinderungen.

Das sollte auch ein Buch sein für alle betroffenen Familien oder Betreuer, die Patientinnen und Patienten besser zu verstehen und den Glauben an eine Besserung nicht aufzugeben. Denn diese Gruppen sind es, die genauso leiden und es sich aber nicht anmerken lassen. Sie sind auch diejenigen, die mit so viel Liebe, Zuneigung und Aufopferung wieder Hoffnung geben.

In Großgmain bei Salzburg hängt im Essensraum an der Wand ein treffender Spruch:

FAST ALLE MENSCHEN HABEN VIELE WÜNSCHE – KRANKE NUR EINEN!

10. JUNI 2001

Am 10. Juni 2001 bekam ich heftigste Kopfschmerzen. Sie waren so stark, wie ich sie im ganzen Leben noch nie hatte. Meine Frau und ich waren am Vortag in Obertraun zur Geburtstagsfeier vom Schwiegervater meines Sohnes Michael eingeladen. Er hatte den 50er und wir fuhren das erste Mal mit unserem alten, gebrauchten Wohnwagen zu dieser Feier. Den Wohnwagen hatten wir im Vorjahr von einem Nachbarn gekauft, als dieser sich einen neuen anschaffte, wir waren erstmals damit unterwegs. Der Hintergrund war der, dass wir nach der Geburtstagsfeier nicht die 42 Kilometer nach Hause fahren mussten.

Die Feier war um Mitternacht schon zu Ende, da einen Tag vorher mit Arbeitskollegen auch schon ein Fest stattgefunden hatte. Ich trank nur drei kleine Bier und ging dann schlafen. Wir frühstückten mit dem Geburtstagskind samt seiner Frau und fuhren anschließend mit dem Wohnwagen nach Hause. Mittags konnte ich auch nichts essen, da die Kopfschmerzen so heftig waren. Danach versuchte ich, ein neues Buch, welches ich von Flo zum Vatertag geschenkt bekommen hatte, zu lesen. Ich schlug es auf, konnte aber keine Zeile lesen und hatte den Eindruck, dass das ganze Buch verdruckt war, denn es war für mich „unleserlich“. Da ich so etwas noch nie gesehen hatte, fragte ich meine Frau, die mir aber sagte, dass das ganze Buch in Ordnung sei und keinen Druckfehler habe.

Lisi, meine Frau, reagierte sofort, rief beim Roten Kreuz an, es war Sonntag, um den zuständigen Arzt zu verständigen. Gleichzeitig verständigte sie unseren Sohn Michael, der auch sofort vorbeikam. Der Arzt war in kürzester Zeit bei uns, sah die Symptome und veranlasste die unverzügliche Einweisung in das Krankenhaus Bad Ischl. Michael fragte mich noch, ob ich die Turnschuhe selbst anziehen könne, was für mich problemlos ging. Er war früher beim Roten Kreuz Zivildiener und hatte demnach die Ausbildung zum Sanitäter durchgemacht. Die Rettungsleute brachten einen Liegesessel ins Haus, den ich aber ablehnte, und ich stieg selbst ins Rettungsauto ein. Nach einer ersten CT (Computertomografie)-Aufnahme im Krankenhaus wurde ich dann sofort in die Spezialklink nach Linz, ins Wagner-Jauregg, transportiert, bei dem Transport fuhr auch noch Michael mit. Es folgten noch Kontroll-MPT- (Magnetfeldresonanz) Untersuchungen und eine Angiographie. Ab diesem Zeitpunkt kann ich mich nicht an alles erinnern. Am nächsten Tag, am 13. Juni, war meine Frau bei mir, ich wurde für die Operation vorbereitet und unterschrieb das Erklärungsformular mit meinem Namen wie immer. Die OP war unvermeidlich, da meine Blutung größer war als vermutet. Meine Frau und auch Flo, der aus Wien kam, waren dabei, als mein ganzer Kopf kahl rasiert wurde, Lisi hielt das fast nicht aus, dabei zuzuschauen. Auch heute noch, wenn wir über das „Haareabschneiden“ sprechen, leidet sie schrecklich darunter. Ich war ganz entspannt, vermutlich bekam ich eine „Wurstigkeitsspritze“ und wurde in die Schleuse des OP transportiert. Man entschuldigte sich bei mir, da ich längere Zeit auf die OP warten musste, man sagte, es sei etwas dazwischengekommen. Mir war das sowieso ganz egal und ich wurde schließlich in den OP geschoben. Die zwei Ärzte, die mich operierten, unterhielten sich noch kurz mit mir und schon war ich weggekippt.

In der Intensivstation wachte ich wieder auf und musste feststellen, dass ich nicht der Einzige war, der hier lag. Meine Familie war immer bei mir und meine Frau und die Söhne wechselten sich ab. Zuerst meine Frau Lisi mit Flo, der in Wien lebt und auch dort studiert hatte. Wenn sie am Parkplatz vom Wagner-Jauregg waren, riefen sie Michael an, der dann in Ebensee wegfuhr und anschließend bei mir im Krankenhaus war.

Ich kann mich noch sehr gut an das alles erinnern, wusste aber nicht mehr, ob Tag oder Nacht sei, es brannte auch immer Licht. Ich hatte einmal einen zweiten Patienten im Zimmer, der mir sagte, dass er auch im Kopf operiert werde und einen Tumor habe. Er erzählte mir noch von seiner Familie, ich konnte der Geschichte nicht folgen, vermutlich schlief ich ein. Am nächsten Tag wurde er hinausgebracht, ich sah ihn dann nicht mehr. Einmal dachte ich mir, irgendwann sollte ich auf die Toilette gehen, vergaß es aber wieder. Dann verstand ich auch nicht, warum ich keinen Hunger hatte. Tatsache war, dass ich überall angeschlossen war und dies erst mitkriegte, als alle die Geräte bei mir entfernt wurden. Zwei Pfleger halfen mir aus dem Gitterbett, (vorher hatten sie wahrscheinlich Angst, dass ich davonlaufe könnte und joggen gehe)!! Das erste Mal wieder auf den Beinen, war es einfach unmöglich zu stehen oder zu gehen, doch wurde ich von den Pflegern tatkräftig unterstützt. Dann sah ich mich im Spiegel; ich war das blühende Leben und schloss sofort die Augen.

Nach zwei Wochen wurde ich ins Krankenhaus nach Gmunden überstellt. Es war eine wesentliche Erleichterung für meine Familie, da die Fahrzeit wesentlich kürzer war und die Entfernung nach zuhause nur 17 Kilometer betrug. Nach ein paar Tagen kam ein Arzt zu mir in mein Zimmer, da er die Fäden der Operation auf meinem kahlen Kopf entfernen sollte; ich wusste allerdings nicht, was er damit meinte.

Ist das alles Wirklichkeit oder doch nur ein schlechter Traum? Warum werde ich nicht wach? Ist das die Tatsache oder doch nur eine Vermutung? Lebe ich wirklich noch? Eine gute Woche vorher hatte ich mir im Fernsehen am späten Abend noch den Film mit Bruce Willis und Brad Pitt „Twelve Monkeys“ angesehen. Ich hatte diesem Film damals keine besondere Beachtung geschenkt, erst nach meiner Kopfoperation im Wagner-Jauregg in Linz ist er ein Thema geworden und hat mich seither unheimlich beschäftigt. Er handelt von Zeitsprüngen, von dem, was früher war, was jetzt ist, und davon, ob das alles stimmt oder nur eine Einbildung. Das Festbinden oder Festschnallen, dazu die totale Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein und dazu noch die Umgebung, die für mich erschreckend war. Bruce Willis, ohne Haare, direkt oberhalb des linken Ohres und am linken Hals mit „Barcode-“ beziehungsweise „Strichcode- Markierung“ und Verletzungen am Kopf. Wurde er auch operiert oder nur ich? Ich war mir nicht ganz sicher! Es beschäftigte mich über Jahre und ich sah damals verschiedene Gleichheiten beziehungsweise Übereinstimmungen.

Mich besuchten nun auch Freunde und Bekannte. Manche wollten vorbeikommen, kamen aber nicht, da sie nicht wussten, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten.

Alleine die verschiedensten Aussagen über meinen Gesundheitszustand trugen noch zum Drama bei, wie: „Ich habe ihn gesehen, hätte ihn aber nicht mehr erkannt“, „er schaut schrecklich aus“ und „er war immer sehr nett“, die Betonung lag auf „WAR“. Bin ich jetzt nicht mehr nett oder schon tot? Dasselbe passiert auch Patienten, die Krebs haben, Freunde und Bekannte verschieben immer wieder den Besuch, weil sie mit solchen Krankheiten schwer umgeben können. Gerade hier wäre es immens wichtig, sowohl Kranken als auch Behinderten zu zeigen, dass man einfach da ist und man sie nicht vergessen hat. Eines ist ganz, ganz sicher, man soll einfach vorbeikommen und besuchen; es profitieren immer beide davon!

Der Krankenhausbetrieb beginnt schon um sechs Uhr und endet am Abend, dazwischen liegen Essen, Untersuchungen, Visite und Besuche. Lesen oder Fernsehen, beides war für mich nicht möglich, sogar Hörspiele verstand ich kaum, da mir das Ganze zu schnell ging und ich dem nicht folgen konnte. Das Beste war überhaupt, die Augen zu schließen und auf den nächsten Tag zu warten, denn so eine Nacht ist sehr, sehr lange. Was ich immer liebend gerne hatte, war die Musik, und so hatte ich den CD-Player samt CDs in meinem Nachttisch. Immer in der Nacht hörte ich die erste Zeit Musik von den Dire Straits, von Eric Clapton und Zucchero. Damals habe ich erst langsam realisiert, was mit mir passiert ist, konnte es aber trotzdem nicht fassen. Immer wieder glaubte und hoffte ich, dass das alles ein schrecklicher Traum war, doch es war Realität. Langsam wurde mir bewusst, dass es mich schlimm erwischt hatte, konnte aber den ganzen Umfang und das Ausmaß erst später begreifen. Warum es gerade mir passiert ist, habe ich nie hinterfragt, warum auch? Hatte ich doch in meinem Beruf sehr schöne Dinge erlebt, genauso aber sehr schwere Unfälle und auch Tote. Wenn mir jemals etwas passieren sollte, hatte ich eher an einen Autounfall gedacht, denn ich fuhr in der Nacht meistens zu schnell. Kurz nach acht Uhr abends hatte ich Besuch von einem meiner besten Freunde, er war das erste Mal bei mir im Krankenhaus. Über mein Befinden gab es nicht allzu viel zu erzählen, ich merkte aber, dass bei ihm etwas nicht stimmte. Er war völlig niedergeschlagen und fertig, konnte schließlich nicht mehr verhindern, dass er in Tränen ausbrach und mir sagte, dass seine Frau Krebs habe. So gut ich konnte, wollte ich ihn trösten und ihm Mut zusprechen. Doch dieser Krebs ist nicht heilbar und es war nur eine Frage der Zeit, wann seine Frau sterben muss. Wir hielten uns bei der Hand und weinten.

Als ich Ende des Monats entlassen wurde, konnte ich kaum etwas alleine machen als im Bett liegen und versuchen, langsam, (mit Unterstützung) aufzustehen. Damals musste ich täglich 13 verschiedene Medikamente nehmen, beim Großteil wusste ich nicht warum, ich schluckte sie einfach. Ich bekam zwar einen Medikamenten-Verordnungsplan, ich selbst konnte mit dem überhaupt nichts anfangen, Lisi, meine Frau, musste auch diese Dinge übernehmen. Es waren Antidepressiva dabei, also Medikamente, die bei der Behandlung einer Depression sehr wirksam sein können. Ich hatte diese Medikamente längere Zeit genommen und konnte dann für mich das „Licht am Ende des Tunnels“ erleben. Aber es war ein sehr, sehr weiter Weg dorthin und dauerte über drei Jahre!

Nach ein paar Tagen versuchte Lisi, mit mir das erste Mal aus dem Haus zu gehen, und mit ihrer Unterstützung schaffte ich eine ganz kleine Runde um die Nachbarhäuser. Gleich am Anfang hatte ich ein starkes Handicap beim Gehen und das über Jahre. Es waren die Gleichgewichtsstörungen, die aber in keinem Zusammenhang mit Alkohol standen, da ich überhaupt keinen Alkohol trinke. Ich wusste einfach nicht, ob ich gerade stehe und hatte sehr oft das Gefühl umzufallen oder zu torkeln. (übrigens: Torkeln wird bezeichnet als Gehen und dabei Schwanken, vor allem, weil man betrunken ist!!!). Richtig in den Griff bekam ich es erst drei Jahre später, als ich im PKA übte, einem Zentrum für Physiotherapie in Gmunden, bei der auch Gleichgewicht und Koordination trainiert werden. Kaum konnte ich die ersten Runden gehen, bekam ich starke Schmerzen an der Fußsohle und konnte überhaupt nicht mehr aufsteigen. So „humpelte“ ich auf einem Bein, brauchte aber zwei Krücken. Wir haben eine Holzstiege und unsere Schlafräume befinden sich im ersten Stock des Hauses. Über die Stiege konnte ich nicht mit den Krücken hinauf oder herunter, also rutschte ich auf dem Hintern.

Hatte ich ohnehin am Kopf eine „Beeinträchtigung“, nun auch ganz unter an der Ferse. Es war ein Fersensporn, der häufig mit 40 bis 60 Jahren auftritt und von falscher Lauftechnik oder unzureichendem Aufwärmen vor sportlichen Aktivitäten herrührt. Er könnte von Überbelastungen der Bänder und Sehnen herrühren. Demnach konnte man diese Ursachen dezidiert ausschließen, da ich in den letzten eineinhalb Monaten fast nur im Bett gelegen und sicher keinen Sport betrieben hatte. Vermutlich war es die Erschlaffung der Muskulatur in den Beinen und die Schmerzen verschwanden, wenn ich die Fußsohle beim Sitzen oder Liegen entlastete. Beim Aufstehen war der Schmerz sofort wieder da. Einen guten Monat vorher ging ich drei Mal in der Woche joggen, meistens eineinhalb bis zwei Stunden. Jetzt konnte ich nicht einmal ohne Unterstützung gehen. Mittlerweile war ich fast zwei Monate zuhause, sollte dringend auf Therapie gehen, aber es bestand keine Möglichkeit, früher dorthin zu kommen. Lisi versuchte alles und rief auch immer wieder in Großgmain an, um doch einen früheren Termin zu bekommen. Zuhause gab es darüber hinaus keine Therapeuten, da diese ausschließlich in Krankenhäusern oder Reha-Zentren arbeiten oder zur Verfügung stehen.

Es war der „langsame Sommer“, den ich irgendwie so empfand und der auch so war. Langsam in jeder Hinsicht! Der langsame Sommer stand aber nicht im Zusammenhang mit dem Film des Kanadiers John Cook, der im September 2001 in Wien starb. Lisi war die ganze Woche im Büro, das ja auch weiterlaufen musste. Wir waren selbstständig, das heißt, dass wir selbst ständig arbeiten mussten!! Im Büro hatten wir noch eine Angestellte, Heidi, die uns enorm unterstützte, gute Arbeit leistete und zu uns sehr loyal war. Michael, der das Büro nun alleine leitete, konnte mit meinem „Abgang“ die Arbeit kaum bewältigen. Wir waren ein eingespieltes Team, ich betrieb das Büro schon über 30 Jahre und war der „Platzhirsch“ im Ort, darauf war ich stolz. Michael hatte nach der Matura eine ausgezeichnete Ausbildung erhalten, lernte auch bei der Allianz und war zudem an der UNI in Linz. Er hatte praktisch alles von Pike auf gelernt und war seit September 1993 bei uns im Büro tätig. Er sagte dann auch immer, für die Alten sei ich zuständig, für die Jungen er, was ja auch stimmte.

Ich lag zuhause, konnte kaum schreiben, kaum lesen und kaum fernsehen. Ich konnte weder spazieren gehen, wandern, Rad fahren oder Sport betreiben. Meinen Audi A6 habe ich sofort abgemeldet und verkauft, da ich ohnehin selbst nicht mehr in der Lage war, Auto zu fahren. Wenn ich Besuch bekam, wurde ich unruhig, fing an zu schwitzen und war sofort komplett geschafft und ganz, ganz müde. Lebensfroh und lebenswert, diese Begriffe waren wie Fremdwörter, die ich nicht mehr kannte. Ich war körperlich und seelisch am Ende. Das Einzige, das ich noch tun konnte, war Tag und Nacht Musik hören. Perspektiven hatte ich keine mehr und war nur unendlich traurig.

GROSSGMAIN

Ende August brachte mich Michael mit dem Auto nach Großgmain, dort hatte jeder Patient ein eigenes Zimmer, ich jenes mit der Nummer 100! (vermutlich, damit ich dann mein Zimmer wiederfinde!). Das Erste, was ich in meinem Zimmer tat: Ich stellte das Foto von Julia, meinem Enkelkind, sie war damals zwei Jahre alt, auf meinem Schreibtisch auf.

Das Reha-Zentrum Großgmain bei Salzburg liegt direkt an der Grenze zu Bayern und ist spezialisiert auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und neurologische Erkrankungen wie Schlaganfälle und verfügt über eine kardiologische Ambulanz. Es gibt dort 150 Betten und etwa 200 Mitarbeiter, davon sind 120 im medizinischen und pflegerischen Bereich tätig. Nach dem Frühstück beginnen die Therapien und Behandlungen. Sie werden nur vom Mittagessen samt Ausruhen unterbrochen und am Nachmittag fortgesetzt. Das ganze Programm der Behandlung war für mich dringend erforderlich, da ich überall große Defizite hatte. Zum Beispiel wurden in der Logopädie das Sprechen, die Sprache und Sprachstörungen nach dem Schlaganfall behandelt. In der Ergometrie wurden die Handlungsfähigkeit und Einschränkungen im Alltag, Teilnahme und Verbesserungen der Lebensqualität trainiert und erklärt. Die neurologischen Erkrankungen des Zentralen Nervensystems, eine Folge unter anderem nach Schlaganfällen, verlangen ein Erlernen und Üben von Bewegungen, der Gleichgewichtsempfindung, ein Verbessern von Defiziten in der Groß- und Feinmotorik. Mit den Mitteln der Physiotherapie wurde gegen die Ausfallserscheinungen, Störungen der Wahrnehmungsfähigkeit, Störungen der sensomotorischen Entwicklung und Beeinträchtigungen gearbeitet. Das Training der Augen, bei dem ich beim Lesen am Anfang immer das Gefühl hatte, ich müsste zuerst die Augen „entziffern“, um sie dann „lesbar“ zu machen, empfand ich als besonders anstrengend. Ein Empfinden, das ich nicht anders beschreiben konnte, da dieser Begriff für mich treffend war. Außer den Störungen des Bewegungsablaufes entgegenzuwirken, galt es, geistige Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Konzentration, Merkfähigkeit, Gedächtnis oder Leseverständnis, Erfassung von Räumen, Zeit und Personen zu schulen. Ebenso das Training von Alltagsaktivitäten in Hinblick auf die persönlichen und häuslichen Bedürfnisse.

Die Patienten, also die Betroffenen eines Schlaganfalles oder einer Gehirnblutung, kamen aus verschiedenen Berufen und jedem Alter. Der Großteil waren Männer, die meisten hinkten und hatten Behinderungen beim Gehen und an den Armen. Alle waren automatisch per DU (man gehörte einfach zusammen) und es half einer dem anderen. In einer eigenen Abteilung gab es nur Schlaganfall-Patienten, die im Bett lagen, wir bekamen sie kaum zu Gesicht. Die einen saßen im Rollstuhl, die meisten anderen hatten eine Gehhilfe und nur ganz wenige hinkten nicht, hatten aber Gleichgewichtsstörungen, waren teilweise orientierungslos und andere konnten kaum sprechen. Wenn man diese „Truppe“ sah, musste man fast lachen, und wir lachten oft selbst über uns. Fast jeder kannte die Beeinträchtigungen des anderen und dessen Lebensgeschichte. Wir hatten kaum Kontakt zu den Patienten, die einen Herzinfarkt hatten, diese waren in einer ganz anderen Abteilung untergebracht. Wir waren praktisch unter uns! Gleich das erste Problem, das ich hatte, ich kannte die Uhr nicht. Obwohl ich es schon zuhause versucht hatte, gelang es mir nicht; ich sah zwar die Uhr, konnte aber mit den Zahlen überhaupt nichts anfangen. Wenn ich einen Termin um 08:15 Uhr hatte und gefragt wurde, sagte ich vermutlich 10:30 Uhr. Darum hatte ich einen Zettel für den ganzen Tag eingesteckt, auf dem mein Therapie-Programm mit der Uhrzeit daraufstand. In Kürze wusste zudem jeder Bescheid und half mir dabei, wenn es um die genaue Uhrzeit ging. Natürlich sagten sie mir auch gelegentlich eine falsche Zeit und ich kam dann völlig durcheinander. Ich hatte zwar immer meine Uhr (eine Swatch) am rechten Arm, trug sie aber vermutlich nur zum Angeben. Wer mir dabei wirklich half und auch die genaue Uhrzeit sagte und auch zeigte, war eine Frau mit nicht einmal dreißig Jahren. Sie saß im Rollstuhl ohne elektrischen Antrieb, ich war öfter ihr „Chauffeur“ und schob sie. Das war natürlich ihr Vorteil, ich hatte zwei: Ich konnte mich am Rollstuhl festhalten und hatte dadurch auch weniger Gleichgewichtsprobleme.

Es war auch ein Patient dabei, der auch im Kopf etwas abbekommen hatte und beim Liftfahren völlig orientierungslos war. Er stieg im ersten Stock in den Lift ein, fuhr in den zweiten Stock und dann wieder in den ersten Stock. Man musste ihm dann helfen, denn sonst hätte er den ganzen Tag im Lift verbracht. Aus Innsbruck wurde ein neuer Patient gebracht, der dort bereits längere Zeit in Behandlung gewesen war. Er war selbstständig, hatte neun Angestellte und konnte nach seinem Schlaganfall überhaupt nicht mehr sprechen oder sich artikulieren. Wenn wir auf einer Bank im Park saßen und er schaute nur in die Luft, glaubte ich zu wissen, dass er uns bei unseren Gesprächen trotzdem versteht. Manchmal lächelte er!

Dies ließ mir keine Ruhe und beschäftigte mich immer wieder, da ich vor längerer Zeit den Film „Zeit des Erwachens“ gesehen hatte. Dieser Film basiert auf wahren Begebenheiten, die der britische Arzt Malcolm Sayer 1969 im New Yorker Montefiore Medical Center erlebte. Er erforschte die Europäische Schlafkrankheit und die seit Jahrzehnten darunter leidenden Patienten, die als unheilbar galten. Sayer war aber nach einer Weile überzeugt, dass die komatösen und apathischen Kranken lediglich an einer Art „Locked-In-Syndrom“ leiden und wiedererweckt werden können. Sayer benutzte dabei ein Mittel, von dem er sich die Rückkehr der seit Jahrzehnten im komatösen Zustand befindlichen Patienten zum normalen Leben versprach. Der erste Patient, an dem das Medikament ausprobiert wurde, war Leonard Lowe, der sich zu diesem Zeitpunkt schon seit 30 Jahren im Zustand des Komas befand. Lowe erlangte tatsächlich das Bewusstsein wieder, seine Rehabilitation begann und er verliebte sich. Auch die anderen Patienten wurden nun behandelt und erwachten. Nach einiger Zeit aber kam es zu schweren Nebenwirkungen, sodass man die Behandlung abbrechen musste, und schließlich fielen Lowe und die anderen ins Koma zurück. Da das Pflegepersonal nun wusste, dass sich in den scheinbar leblosen Körper fühlende Menschen verbergen, behandelten sie die Patienten fortan mit mehr Respekt und Zuwendung.

Genau dieser Film zeigt dieses Thema auf, um zu verstehen, dass sehr viele Patienten zwar „nur in die Luft schauen“, wie der Mann aus Innsbruck, der vielleicht aber nur in einer anderen Welt lebt.

Roger Ebert von der Chicago-Sun-Times gab dem Film vier von vier Sternen und schrieb: „Nachdem ich „Zeit des Erwachens“ gesehen hatte, las ich das Buch, um mehr zu erfahren, über die Vorgänge, in diesem Krankenhaus in der Bronx. Was der Film und das Buch vermitteln, ist der immense Mut der Patienten und die profunde Erfahrung der Ärzte, als sie im Kleinen wieder erlebten, was es bedeutet, geboren zu werden, die Augen zu öffnen und erstaunt zu entdecken, dass du lebst.”

Die Hauptdarsteller spielten Robert De Niro und Robin Williams, die Filmmusik stammte von Randy Newman. Das Buch mit dem Titel „Awakenings“ oder in Deutsch „Bewusstseinsdämmerung“ schrieb Oliver Wolf Sacks, britischer Neurologe und Schriftsteller. Er schrieb weitere Bücher, wie „Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte“, „Stumme Stimmen“, „Der Tag, an dem mein Bein fort ging“, „Eine Anthropologin auf dem Mars“, „Die Insel der Farbenblinden“ oder „Der einarmige Pianist“. Sacks beschäftigte sich auch damit, dass Musik und Gehirnaktivität eng zusammenhängen.

Wegen eines Melanoms musste Oliver Sacks am Auge behandelt werden, wodurch er die Sehfähigkeit auf diesem Auge einbüßte. Er verstarb im August 2015.

In unserer Abteilung war auch eine Frau, die im Rollstuhl saß, sie war knapp vor 60 und hatte einen Schlaganfall, mit den üblichen Folgen, erlitten. Sie suchte keinen Kontakt mit den anderen, hatte sich völlig abgeschottet und wollte auch von niemandem unterstützt werden. Als ich das erste Mal zur Maltherapie kam, waren wir nur zu dritt und ich hatte riesige Probleme mit meinen Augen, was sie vermutlich auch merkte. Sie kam mit dem Rollstuhl auf mich zu und versuchte, an meinem Pullover etwas zu entfernen oder wegzuwischen. Ich glaubte dann, ich hätte mich beim Essen angepatzt. Da sie es einige Male probiert hatte, versuchte ich es ebenfalls, aber ohne Erfolg. Wie sie mir dann später erzählte, hatte sie so wie ich große Probleme mit den Augen. Wir merkten beide nicht, dass auf meinem dunkelgrünen Pullover ein dunkelroter Polospieler gestickt war und es auch nichts wegzuwischen gab. Wenn ich jetzt darüber schreibe, muss ich gestehen, dass das Wort „Pullover“ für mich noch immer ein Fremdwort ist, ich die Farbe Grün aber kenne, aber oft noch verwechsle. Weil ich jetzt nachgeschaut habe, weiß ich, ich hatte ein Polo von Ralph Lauren an, das ich auch dann über lange Zeit nicht mehr tragen wollte, denn es erweckte schlimme Erinnerungen.

Meine „Mal-Therapie“ endete bereits nach einer Woche, da ich keinerlei Vorstellung hatte, was Malen ist und ich mit diesem Begriff überhaupt nichts anfangen konnte. Ich saß da, hatte ein großes Blatt Papier bekommen mit der Aufforderung, ich sollte nach meinen Vorstellungen und Ideen irgendetwas malen. Ich überlegte, was ich nun machen sollte, denn die zwei anderen „Maler“ hatten bereits mit ihrer Arbeit begonnen. Mir fiel absolut nichts ein und der Therapeut begann nun, mir Vorschläge von Motiven zu machen, wie zum Beispiel Blumen. Da ich mir nicht vorstellen konnte, was Blumen sind, konnte ich sie auch nicht malen oder zeichnen. Was sind Bäume, Steine, Tiere, was ist ein Stern oder was ist Wasser? Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen, leider! Wie sieht ein Fisch aus? Ich wusste es nicht. Dabei war ich Jahrzehnte leidenschaftlicher Angler, woran ich mich nicht mehr erinnern konnte. Unvorstellbar! Zu guter Letzt strich ich mit dem Pinsel nur über das Papier, völlig unkontrolliert, wie ein Kleinkind. Es war die einzige und letzte Zeichnung auf der Maltherapie in Großgmain. Als ich dann später entlassen wurde, sah ich mein Werk wieder, sie hatten es für mich aufgehoben. Meine große Bitte lautete: sofort zerreißen und zerstören! Ich wollte nicht, dass es irgendjemand sieht.

Wir hatten auch einen ganz jungen Mann mit 15 Jahren dabei, er begann gerade mit einer Lehre, und einen weiteren mit Mitte 20, er arbeitete in der Computerbranche. Eine Patientin aus Salzburg, ebenfalls ein Schlaganfall, wurde erst nach zwei Tagen in ihrer Wohnung gefunden, sie hinkte stark und konnte kaum sprechen. Einem ehemaligen Kollegen und späteren Landesleiter in Oberösterreich passierte etwas Ähnliches: Er hatte in einer Tiefgarage in Wien einen schweren Schlaganfall erlitten und wurde längere Zeit in seinem Auto nicht gefunden. Er blieb als „Pflegefall“ in einem Krankenhaus, konnte nicht mehr sprechen und starb ein paar Jahre später, er war so alt wie ich. Mit den meisten Patienten wurden Ausflüge gemacht und sie waren in zwei verschiedene Gruppen aufgeteilt. Die einen waren „normale“ Ausflüge, die andere Gruppe unternahm jeweils nur einen ganz kurzen Ausflug, bei dem hinter ihnen ein Rettungswagen im Schritttempo mitfuhr. Mich nahmen sie bei beiden Gruppen nicht mit, ich weiß aber bis heute nicht, warum. Genauso wurde ich vom Fahren mit dem Heimtrainer und beim Krafttraining ausgeschlossen, vermutlich weil ich die „Uhr“ nicht kannte?!

Sehr zu schaffen machte mir die Schwimmtherapie in dem kleinen Hallenbad. Wir waren fünf Personen und als ich ins Wasser gehen wollte, war mir so kalt, ich hielt es einfach nicht aus. Die Wassertemperatur war 28 Grad, für mich fühlte es sich an, als wären es fünf Grad. Warum das so war, weiß ich nicht und ich musste mich daher immer wieder überwinden, ins Wasser zu gehen. Ein Therapeut (oder war es nur der Bademeister?) stand direkt am Beckenrand und passte auf, dass niemand ertrinkt oder das Wasser aussäuft. Aus Sicherheitsgründen durften auch nicht mehr Personen in das Becken.

Am 11. September nachmittags kam ich von einer Therapie und wollte gerade in mein Zimmer gehen, als mehrere Leute beim Fernseher standen und schauten, was um diese Zeit sonst nie der Fall war.

Manche waren ganz aufgeregt, manche diskutierten lautstark, einige schauten ganz ungläubig und ich glaubte, es laufe wieder ein amerikanischer Film. Die einen behaupteten, dass gerade ein großes Flugzeug in einen Wolkenkratzer in New York geflogen sei, die anderen sagten, es laufe nur wieder ein blöder Film. Gerade während dieser Diskussion sahen wir, dass nun ein zweites Flugzeug in den danebenstehenden zweiten Wolkenkratzer flog und dort explodierte. Manche sprangen auf und es konnte keiner fassen, was gerade passiert war. Die Diskussionen wurden immer lauter, immer mehr Leute liefen zum Fernseher und sahen nun die Bilder, die tatsächlich unglaublich waren. Es kamen immer mehr Details und Informationen aus dem Bildschirm. Als dann um etwa 16:00 Uhr der erste Turm des World Trade Center in New York einstürzte und zusammenbrach, fing eine Frau zu weinen und schreien an. Sie schrie immer wieder „Die Welt geht unter, die Welt geht unter!“ und war nicht mehr zu beruhigen. Sie wurde gleich zu einem Arzt gebracht.

Dann überschlugen sich die Ereignisse: Das dritte Flugzeug stürzte auf das Pentagon und ein paar Stunden später brach nun auch der Südturm des WTC 2 zusammen. Bei diesen schrecklichen Ereignissen gab es über 2 900 Tote, 250 Menschen sprangen in den Tod. Die ganze Welt war geschockt und von diesem Tag an wurde die Geschichte neu geschrieben. „09/11“ wurde die Zäsur, die in der Geschichte einen markanten Einschnitt zwischen zwei Zeitepochen beschreibt, oder aber auch ein gravierender, auch markanter Einschnitt einer Entwicklung ist. Ebenso verhält es sich mit dem „Ground Zero“, es ist der Begriff für die wahrscheinlich höchsten Schäden und einer gleichzusetzen Atombombe. Die Hymne „Only Time, Tribute for 9/11“, sie wurde als musikalische Untermalung für die Fernsehübertragungen immer wieder verwendet, stammte von „Enya“, einer irischen Sängerin und Song-Writerin.

Ende September veröffentlichte das FBI Fotos und persönliche Daten der 19 Entführer. Unter anderem eine „Fibel für Selbstmörder“, handschriftliche Briefe sowie Kopien und ordnete sie drei der Piloten zu. Unter anderem Testamente, in denen etwa stand: „Öffne dein Herz, heiße den Tod im Namen Gottes willkommen…, denn du bist nur einen kurzen Moment entfernt von dem guten, ewigen Leben in der Gesellschaft der Märtyrer“.

Professor Oskar und Dagmar Enzfelder mit dem Künstlernamen „Houdiny“ zählten einst zu den weltbesten Illusionisten, mit ihren Entfesselungen und Raubtiernummern mit vier eigenen Geparden. Sie traten auf allen Show-Bühnen, in TV-Sendungen und Circussen, in Paris, Tokio oder Las Vegas auf. Sie waren die Vorreiter für die Raubtiernummern, wie zum Beispiel Siegfried & Roy später. Nicht umsonst wurden sie mit dem internationalen „Oscar“ ausgezeichnet. Auf Grund ihrer Leistungen berief man sie als Gast-Stars an die Wiener Staatsoper, zu den Salzburger Festspielen, an die New Yorker MET und Mailänder SCALA. Sie verloren ihren einzigen Sohn und ihre Welt brach denn zusammen. Oskar hatte dann einen Schlaganfall, zog beim Gehen ein Bein nach und konnte einen Arm nicht mehr bewegen. Oskar wohnte auf Zimmer 106, fünf Zimmernummern neben mir und war einer, der mir sehr oft die falsche Uhrzeit gesagt hatte, die ich im guten Glauben „nachplapperte“. Nach solch guten Ideen konnte er sich fast immer „totlachen“. Er organisierte in Großgmain eine Veranstaltung, bei der ein Zauberkünstler kostenlos auftrat, der ein Freund von ihm war. Natürlich war es eine willkommene Abwechslung. Zum Abschluss der Veranstaltung fuhr er mit seiner Harley Davidson laut knatternd weg, alle winken und er fuhr noch im Gelände von Großgmain gegen eine Mauer.

In diesem Jahr war die Währungsumstellung von Schilling auf den Euro und ich bekam sehr wenig davon mit. Der Euro, Cent, Geld, Zahlen und Umrechnungen, das alles waren spanische Dörfer und fast so einfach zu lernen wie die kyrillischen Schriftzeichen. Die Verwechslungen der Tage, Wochen, Monate und Jahre waren für mich kaum nachvollziehbar und zu begreifen. Die sieben Tage der Woche verwechselte ich häufig und brachte dabei öfter einen Monat dazwischen. Es hört sich dann beim Zählen der Woche so an: Montag, Dienstag, März, Freitag und Sonntag. Das kann auch nicht jeder! Es gab aber dazu trotzdem nichts zu lachen, denn Herbert Grönemeyer sagte einmal: „Lachen, wenn es nicht zum Weinen reicht.“

Mit meiner Therapeutin, die Nerven aus Stahl haben musste, wurde nun dieses Thema ganz vorsichtig angegangen. Vermutlich habe ich trotzdem bei gewissen Aufgaben öfter „gefehlt“ und bin daher bis heute nicht sattelfest. Bei dauerndem Training wollte ich nun einmal in der Praxis beweisen, dass ich alleine einkaufen gehen und auch mit der neuen Währung zahlen kann. Wie ich das anstellen sollte, war mir noch nicht klar, da ich ja überhaupt nichts brauchte. Am nächstem Tag beim Rasieren wusste ich, was ich kaufen sollte: Ich hatte im Gesicht EINEN Pickel, also musste ich einen Stift zur Abdeckung des Pickels kaufen. Ich war auf diese Idee ganz stolz, wusste aber nicht die Bezeichnungen für „Pickel“ und „Abdeckstift“. So versuchte ich, den Begriff für die Wörter zu umschreiben, am nächsten Tag hatte ich die zwei Wörter und schrieb sie sofort auf. Die nächste Aufgabe war: Wo bekomme ich einen Abdeckstift? Ich verließ nun das erste Mal das REHA-Zentrum und ging in den Ort, um einzukaufen! Und tatsächlich fand ich ein Geschäft, ich glaube es war ein Drogeriemarkt, ging aber nicht hinein, da mir der Name „Abdeckstift“ nicht mehr einfiel. Also drehte ich eine Runde, der Name fiel mir inzwischen wieder ein, ich startete einen neuen Anlauf und ging in das Geschäft. Ich wusste momentan nicht, wo ich war, denn ich stand in einem ganz anderen Laden, entschuldigte mich und stolperte hinaus. Ich war so aufgeregt und kann mich nicht mehr erinnern, ob es ein Kleidergeschäft oder etwas Anderes war. Die danebenliegende Eingangstüre war nun richtig, ich war der einzige Kunde im Geschäft und eine Verkäuferin kam auf mich zu und fragte, was ich brauche. Es ging mir zu schnell und ich konnte nicht sagen, was ich brauchte und auch nicht, was ich wollte. Ich stand da wie ein Esel vor dem Tor. Die Verkäuferin dürfte meine Probleme sofort erkannt haben, (es kommen wahrscheinlich öfter solche „Kandidaten“ in dieses Geschäft) und half mir beim Suchen des Artikels. Ich zahlte dann mit einem 20-Euroschein, bekam das Restgeld zurück, mit dem ich aber wieder nichts anfangen konnte, und steckte es einfach ein. Rückwirkend gesehen, brachte dieser Einkauf keine neue Sicherheit, sondern noch mehr Unsicherheit!

Gleich neben meinem Zimmer, schräg gegenüber, wohnte ein etwa 45jähriger Mann, der erst vor kurzem hierhergekommen war. Er hinkte stark, hatte sein Musikinstrument von zuhause mitgenommen und versuchte, mit diesem wieder zu spielen, was aber nicht einfach war. Durch den Schlaganfall war auch sein Arm stark in Mitleidenschaft gezogen worden und hing ihm nach. Ein paar Tage später bekam er Nachricht von seiner Frau, die ihm mitteilte, dass sie sich scheiden lasse und sie auch nicht zu Besuch komme. Sie sei noch zu jung, um mit diesem Mann noch weiter zu leben, wo „er doch jetzt stark behindert sei”!!

Wenn nach dem Schlaganfall eine Welt zusammenbricht und man dann das noch erlebt; es fehlen mir einfach die Worte!

Es waren manche Leute hier auf Reha, die eigentlich nicht mehr leben wollten, über dieses Thema wurde weniger gesprochen. Alle bekamen die verschiedensten Medikamente, die in der hauseigenen Apotheke ausgegeben wurden, über diese hat man sich allerdings ausgiebig unterhalten. Hier hatte keiner mehr etwas zu verbergen, warum auch? Viele mussten mit Antidepressiva behandelt werden, was auch unbedingt erforderlich war. Ich kann mich an einen „Kollegen“ im selben Trakt erinnern, der nicht mehr leben wollte, was man ihm ansah. Uns fiel daher schon beim Frühstück auf, dass er pausenlos lachte und strahlte. Da es den ganzen Vormittag so weiterging, stellte sich dann aber heraus, dass er eine größere Menge Antidepressiva genommen hatte und er dadurch einen wunderschönen und glücklichen Tag hatte.

Nach dem Abendessen ging ich in mein Zimmer, hörte Musik mit meinem CD-Walkman und fühlte mich sehr einsam. Es gab nur ein Fernsehzimmer im ganzen Trakt und einen Fernseher für alle. Meistens waren nur ein paar Leute dort und schauten sich einen Krimi an; Tatort, SOKO oder so etwas Ähnliches, ich kannte beides nicht. Mit dem Fernsehen war ich noch immer auf Kriegsfuß und so schaute ich mir nur die Nachrichten an, das reichte.

Am Abend hatte ich sehr viel Zeit zum Nachdenken und als mir meine Ärzte dezidiert sagten, ich könnte nie mehr in meinem Beruf arbeiten, brach für mich eine Welt zusammen. Zwar behauptete ich, ich schaffe es trotzdem, ich werde es euch schon beweisen! „Es geht trotzdem nicht, leider.“, sagten die Ärzte. Sie erklärten mir auch, warum: Es wurden alle Tests mit mir gemacht, sie kannten meine Untersuchungen der Schädel-CT vom Wagner-Jauregg Krankenhaus, alle Auswertungen und Befunde. „Leider!! Es geht nicht mehr! Sie können in Ihrem Beruf nicht mehr arbeiten.“

Dabei war mir meine Arbeit zu wichtig, es war ein ganz großer Bestandteil von mir und ich arbeitete so gerne. Ohne Arbeit konnte ich es mir überhaupt nicht vorstellen, war ab dem 14. Lebensjahr immer dabei und sollte nun nichts mehr tun können? Für mich fast undenkbar. Die harten Zeiten, die Durststrecken, die beruflichen Erfolge und der Kundenkontakt, der mir solche Freude machte und auf den ich immer sehr großen Wert legte. Ich hatte noch viel vor, wollte erst nach 65 Jahren in Pension gehen, nun war alles aus und vorbei. Ich wollte auch nicht mehr leben, warum auch? Ich war so verzweifelt und sah alles nur noch ganz schwarz. Tagelang hatte ich nur mehr ein Ziel, mir das Leben zu nehmen und hatte auch keine Angst davor, doch wusste ich nicht einmal mehr, wie so etwas funktionieren sollte. Es war einfach schrecklich! Der einzige Lichtblick, den ich hatte, war Julia, sie hielt mich am Leben und war meine Rettung.

Am späten Abend suchte ich noch das Ärztezimmer auf, sie hatten gerade eine Dienstbesprechung, kümmerten sich aber sofort um mich, gaben mir ein Medikament und ich wurde dann ganz „ruhig“. In Großgmain erfuhr ich von Ärzten und Pflegepersonal große Unterstützung, schließlich wurde ich am 9.Oktober 2001 entlassen. Dort habe ich wieder sehr, sehr viel lernen und erlernen können und bin allen in großer Dankbarkeit verpflichtet. Ich habe so viel gelernt, dazugelernt und neue Erfahrungen gesammelt. Im Abschlussbericht wurde mir noch empfohlen, nach einem Jahr wieder nach Großgmain zur Therapie zu kommen, was ich sicherlich nicht mehr tat oder machen würde. Hier habe ich zu viel Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit und Mutlosigkeit erlebt und so fuhr ich mit großer Angst und mit Depressionen nach Hause. Denn: „Angst essen Seele auf“ ist auch ein geflügeltes Wort und muss nicht unbedingt mit dem Film von Rainer W. Fassbinder in Verbindung gebracht werden.

Michael holte mich mit seinem Auto ab, wir hatten aber noch einen Fahrgast mit, der ebenfalls seine Reha beendete. Ich lernte ihn im Speisesaal kennen, er hatte einen schweren Herzinfarkt erlitten und ersuchte uns, über die Westautobahn zu fahren, in Regau würde er dann von seiner Schwägerin abgeholt. Kurz bevor er ausstieg, sagte er noch: „Gott sei Dank, ich hatte NUR einen Herzinfarkt …..“

Mit 23. September begann der Herbst und mit meiner Langsamkeit endete der Sommer.

KLEINE FISCHE

“Jagdschloss Langbathsee 2“ lautete meine erste Adresse.

Der Langbathsee hat zwei Seiten – das Urlaubsparadies mit der fantastischen Schönheit dieser Bergwelt und die abgelegene Gegend als Bewohner dieses Tales. Es kommt nur auf die Betrachtungsweise an: als Kind mit dieser Freiheit und all den Möglichkeiten, als Erwachsender die harte Realität mit der Grenze des Möglichen.

Mein Vater war gelernter Tischler, wurde aber wie viele andere arbeitslos. Er erwarb die Jagdprüfung und wurde bei den Bundesforsten als Berufsjäger angestellt. Auch sein Vater war schon Jäger und als „Kaiserjäger“ beschäftigt. Wir zogen 1939 ins Jagdschloss am Langbathsee. Meine Mutter kam aus Ebensee und verlor schon mit 12 Jahren ihren Vater. Sie lernte das Schneiderhandwerk in Strobl am Wolfgangsee und kam daher nur am Wochenende nach Hause. Meine Eltern und meine Geschwister bewohnten das Erdgeschoß des Jagdschlosses, der Rest des Hauses, das unter Kaiser Franz-Josef erbaut wurde, war für die Jagdgesellschaften eingerichtet. Der östliche Teil des Grundstücks wurde begrenzt vom vorderen Langbathsee. Es gab natürlich keinen elektrischen Strom, das Haus wurde durch Petroleumlampen mit Glaszylindern beleuchtet. Vater hatte einen Jagdhund, ein „Gebirgsschweißhund“ der jagdlich ausgezeichnet und scharf abgerichtet war. Dies war auch erforderlich, da wir sehr abgelegen wohnten und zum nächsten Ort nach Ebensee einen Fußmarsch von über zweieinhalb Stunden hatten. Da die Straße im Winter des Öfteren nicht geräumt wurde und außerdem durch Lawinen manchmal eine oder zwei Wochen verschüttet war, waren wir völlig abgeschlossen und auf uns allein gestellt. Auch heute noch ist die Straße längere Zeit bei Lawinengefahr gesperrt und oft meterhoch verschüttet. Neben dem Haus waren in einem kleinen Stall die zwei Kühe, Hühner und Hasen untergebracht. Um Lebensmittel und andere Dinge einzukaufen, hatten meine Eltern ein „Sachs”-Kleinmotorrad, welches nur einsitzig war, aber einen Gepäcksträger hatte. Der Langbathsee ist meistens ab Dezember zugefroren und im März wieder eisfrei.

Wenn Anfang Jänner das „Eis wächst“, dann sind das Geräusche, als würden Teile des Eises brechen. Befindet man sich auf dem Eis, hat man ein mulmiges Gefühl gleich einzubrechen. Schlittschuhlaufen und Eisstockschießen sind in dieser Winterzeit sehr beliebt. Ende April, Anfang Mai sind die Seesaiblinge, ein köstlicher, wunderschöner Fisch, zu fangen. Bach- und Regenbogenforellen ergänzen dieses Angebot aus diesem kristallklaren Gebirgssee. Da der damalige Pächter der Jagd und des Sees, ein Sägewerksbesitzer, sehr oft auch mit Gästen das Jagdschloss bewohnte, fuhr mein Vater mit dem Boot hinaus und fing die Fische mittels Netze. Die Bootshütte stand in der Nähe des Jagdschlosses. Anfang des Jahres begann dann auch immer die Zeit des „Fröschelns“, das in dieser Gegend noch bis in die 1980er-Jahre betrieben wurde. Hauptsächlich von meinen Geschwistern wurden die Frösche mit der Hand gefangen, dann geköpft und abgezogen. Die Froschschenkel bereitete man mit Butter zu und briet sie. Es war für uns ganz normal und ein besonders schmackhaftes Essen. In Frankreich und verschiedenen anderen Ländern gelten Froschschenkel nach wie vor als Spezialitäten.

Meine Geschwister verbrachten den Großteil des Tages draußen in der Natur, wo sie das Alleinsein gerne hatten und auch daran gewohnt waren. Die einzige Abwechslung war ein „Volksempfänger“, ein Radio mit sehr schlechtem Empfang. Gespielt wurden außer Musik auch Naziprogramme, verboten waren „Feindsender“. Englische Wörter oder Musik waren kaum jemandem bekannt, da auch der Großteil der Bevölkerung nicht Englisch konnte und verstand. Es gab zwar im „Kaiserzimmer“ einen Plattenspieler, welcher aber von den Kindern nicht benutzt werden durfte.

Oma war Witwe und eine Seele für die ganze Familie. Sie verlor ihren Mann gleich, nachdem dieser nach Hause kam, er war im Krieg am Isonzo, an kriegsbedingter Lungenentzündung erkrankt. Italien erklärte am 23.Mai 1915 Österreich und Ungarn den Krieg. Von November 1916 bis Oktober 1917 wurden am Fluss Isonzo / Soca zwölf Isonzo-Schlachten ausgetragen, bei denen von den Italienern auch Gaspatronen eingesetzt wurden. Als Verteidiger wurde auch das Linzer Landwehr-Infanterieregiment Nr.2, bei dem mein Großvater eingezogen wurde, eingesetzt. Durch die eiskalten Wintertage mit extremer Kälte, Erfrierungen und fehlender Ernährung wurde dieser Kampf auf Bergen unter unvorstellbaren Bedingungen ausgetragen. Man sollte auch hier nicht vergessen, dass die italienischen Soldaten für ihr Land kämpfen und nicht freiwillig diesen Wahnsinn ertragen mussten.

Da Oma ein altes Haus direkt in der Bahnhofstraße im Ort hatte, war sie auch die Anlaufstelle für die ganze Familie. Unter der Woche wohnten in der Schulzeit meine älteren Geschwister bei ihr und waren nur über das Wochenende am Langbathsee. Sie unterstützte und half allen, als der Zweite Weltkrieg immer näher kam und auch in Ebensee Bomben fielen; übrigens nur hundert Meter von ihrem Haus gab es auch Tote. Vorher waren Luftschutzkeller im Berg gebaut worden, der nächste nur zweihundert Meter von ihrem Haus entfernt. Sie weigerte sich aber, diesen Schutz anzunehmen und blieb im Haus. Nach dem Krieg war ich unheimlich gerne bei ihr und wir besuchten sehr oft ihre Schwester, die außerhalb des Ortes wohnte. Die Gehzeit betrug über eineinhalb Stunden am „Strehn“, einer historischen Trasse des Soleweges, der von Hallstatt nach Ebensee führt. Es war die älteste Pipeline der Welt, war damals mit Holzrohren verlegt und transportierte die Sole. Dieser Weg führt immer am Berg entlang und im Winter ist er von zahlreichen, meist großen Lawinen unterbrochen. Dies war die Zeit, in der ich mit Oma über die Lawinen kletterte und dabei voller Begeisterung war. Wenn ich bei Oma schlafen durfte, hatte ich mich schon immer darauf gefreut, sie hatte ein Wohn-Schlafzimmer und so schliefen wir gemeinsam in diesem Raum. Mir brachte sie immer drei Rosshaar-Matratzen, die am Holzboden aufgelegt wurden, eine ganz kuschelige Decke und ein Polster. Entweder las sie mir vor oder sie erzählte mir Geschichten. Vorher stellte sie sich noch ein Wasserglas zum Bett und ich glaubte immer, sie hätte in der Nacht Durst. Später war aber das Geheimnis gelüftet – sie legte ihre Zähne hinein. Für mich lag ein Nachttopf in Reichweite, da das Klo außerhalb des Hauses war, ein Plumpsklo.

Oma hatte nie einen Reisepass, (wozu auch) und bekam Anfang 1947 ihren „Identitätsausweis“. Dafür war er viersprachig: deutsch, englisch, französisch und russisch und kostete einen Schilling!

Ihr Sohn Anton war mit einer Südtirolerin, sie kam aus Bruneck, verheiratet. Viele Südtiroler wanderten 1939/40 aus, mehrere Familien kamen auch zu uns. Er selbst hatte keine Kinder und arbeitete als Tischler in Ebensee. Er kam dann zur Bahnpolizei, verlor aber diesen Posten, da er Partei-Gegner war und das System Adolf Hitlers ablehnte. Er wurde 1941 in den Kriegsdienst eingezogen und war bis 1944 in Griechenland stationiert. Seine Einheit wurde dann in einem Luftlandesegler mit einem Schleppflugzeug vor Kreta abgesetzt und musste dort landen. Die Aktion hieß Mercur und es waren dort über sechzig „Gleiter“ eingesetzt, die nur den Zweck hatten, Soldaten und Ausrüstungsgegenstände dorthin zu bringen. Die Lastensegler wurden nur für den einmaligen Gebrauch konzipiert.

Es sollte ein schneller Angriff der 14.000 Gebirgsjäger und 15.000 Fallschirmspringer werden. Dieses Luftlandeunternehmen auf Kreta war das größte im Zweiten Weltkrieg. Die alliierten Truppen bestanden aus Neuseeländern, verschiedenen britischen und australischen Einheiten und Griechen, zusammen maximal 15.000 Soldaten. Sie hatten den Vorteil, dass die Briten die Verschlüsselungsmaschine „auslesen“ konnten, die Angriffspläne wussten und auch die Funksprüche mithören konnten. Der Großteil der deutschen Fallschirmspringer wurde schon in der Luft durch die Sperrfeuer der Empiresoldaten erschossen oder verwundet, große Verluste gab es auch bei den Soldaten der Lastensegler. „Auf Kreta im Sturm und im Regen – und sind auch viele gefallen, der Ruhm der Fallschirmjäger aber blieb“ und dieses Lied wurde auch noch lange nach Kriegsende gesungen, sogar bei unserem Bundesheer. Mein Onkel sollte dann mit einem Transportschiff nach Afrika gebracht werden, dieses sank jedoch. Er überlebte, da er im Hafen von einem Fahrzeug angefahren wurde und sich dabei ein Bein brach.

Als er nach dem Krieg nach Hause kam, brachte er Maria ein Puppenhaus und Oskar einen Matador-Baukasten mit. Er fing bei den Bundesforsten als „Holzknecht“ an und blieb die ganze Woche im Wald. Zuhause mit seiner Frau führte er ein zurückgezogenes Leben, war viel in seiner Werkstätte und konnte mit Holz sehr gut umgehen. Er war einer der Ersten in unserer Gegend, die Schallplatten mit Klassikern und auch deutschen Schlagern kauften, löste gerne algebraische Gleichungen, beschäftigte sich mit Zahlen und auch Hintergründen.

Meine jüngere Schwester Maria, sie kam 1943 zur Welt, lebte dann die ganze Woche mit der Mutter am Langbathsee, da ihre Geschwister in Ebensee zur Schule gingen. Der Vater war in dieser Zeit im Krieg und sie kannte ihn klarerweise nicht. Als sie ihn dann das erste Mal sah, sagte sie, er sei ein schwarzer Mann. Vater, ein dunkler Typ, war immer braungebrannt durch die Sonne, er war in der Nähe von Kiel stationiert gewesen. Da Mutter ganz auf sich alleine gestellt war, musste sie auch die ganze Arbeit alleine machen. So brachte sie Maria in den Garten, die vom Jagdhund, er hieß „Bergmann“, bewacht wurde. Sobald jemand vorbeikam, es war nicht oft der Fall, ließ er zwar die Leute herein, bellte aber wie verrückt und ließ niemanden mehr weg. Darum behaupteten Marias Geschwister, Bergmann, der Jagdhund, hätte sie großgezogen. Wenn sie gefragt wurde, wie sie heiße, sagte sie immer „Mimi Bagger“, also Maria Buchegger. Noch bevor Maria sechs Jahre alt war, brachte sie die Milch mit dem Rucksack, wir hatten zwei Kühe, zur Kreh, das war das nächste Haus, zirka drei Kilometer entfernt. Im Winter wurde die Milch mit dem Schlitten transportiert. Später, als die Amerikaner auch bei uns wohnten, hatten diese auch Pferde. Außerdem gab es Erdnussbutter und Kaugummis in Hülle und Fülle. Neben dem Haus war eine Wirtschaftsküche, ähnlich wie ein Keller und genauso finster, mit Lebensmittelvorräten. Von ihrem Bruder wurde ihr immer gedroht, wenn sie nicht folge, in den finsteren Vorratskeller gesperrt zu werden. Sie drohte aber dann damit, alle Lebensmittel aufzuessen.

Als mein Vater im Wald ein ganz kleines Rehkitz fand, dessen Mutter vermutlich umgekommen war, nahm er es mit nach Hause, um es großzuziehen. In der großen Küche, in der Nähe vom Ofen, war nun der Platz für das kleine Reh geschaffen worden. Mit einer Babyflasche wurde es großgezogen und wuchs dort in der Familie auf. Es lief immer meinem Vater nach, sogar bei Waldarbeiten oder im Winter bei der Wildfütterung. Auch der Hund hatte sich daran gewöhnt. Als mein Vater zur Gämsenjagd den sehr ausgesetzten „Schafluckensteig“ gehen musste, hatte er das Reh zurückgejagt, da es für dieses schroffe Gebiet nicht geeignet war. Als er von der Pirsch zurückkam, fand er sein Reh tot beim Aufstieg zur steilen Wand. Vermutlich war es meinem Vater nachgegangen und dabei abgestürzt.

Vater wurde nun im Krieg eingezogen, nicht aber als Hochgebirgsjäger, für das Naheliegende, für das er auch ausgebildet war, sondern zur KRIEGSMARINE, als Funker. Natürlich war er vorher noch nie am Meer gewesen. Er war in Kiel stationiert und erlebte dort auch die furchtbaren Bombardierungen und Zerstörungen in dieser Stadt mit. Das Schrecklichste waren jedoch die Abwürfe der Brandbomben und Phosphorkanister durch die Engländer, die bewusst zivile Ziele der Innenstadt und Wohngebiete trafen. Das löste einen verheerenden Flächenbrand aus. Daher kamen auch die Worte: „Gott strafe England!“ Kiel hatte 1942 etwa 240.000 Einwohner und war Stützpunkt der Kriegsmarine von 1939 bis 1945. Das Deutsche Reich hatte damals zwei Reichskriegshäfen, Kiel für die Ostsee und Wilhelmshaven für die Nordsee. 1944 wurden sowjetische und polnische Zwangsarbeiter für die „Arbeitserziehungslager Nordmark“ verpflichtet. Die drei Großwerften wurden von den Alliierten zu 80 Prozent zerstört, jetzt befindet sich dort die größte Werft Deutschlands, Thyssen-Krupp Marine.

1936 wurden dort auch die Wettbewerbe der Olympischen Spiele ausgetragen und die Segelregatten der Kieler Woche gehören zu den größten der Welt. Bereits 1944 kamen aus den ostdeutschen Gebieten des Baltikums, Ost- und Westpreußen, Pommern und Mecklenburg Kriegsflüchtlinge nach Schleswig-Holstein. Der Großteil waren Frauen, Kinder und alte Leute, die übers Meer flüchten mussten und von Schiffen und Booten aufgenommen wurden. Diese wurden aber wieder mit Flugzeugen und anderen Schiffen angegriffen und großteils versenkt. So starben Abertausende an der Ostsee. Als Vater unerwartet „Fronturlaub“ bekam, von dem Mutter nichts wusste, ging er von Ebensee in der Nacht nach Hause zum Langbathsee. Mutter war mit ihrer kleinen Tochter alleine, als Vater an der Türe klopfte. Mutter erwachte und fragte, wer hier sei. Vater sagte nur „ein Mann” und Mutter lud sofort ihre Pistole durch. Sie hatte diese normalerweise auch den ganzen Tag in der Kleiderschürze eingesteckt. Mutter konnte exzellent schießen und mit Waffen sehr gut umgehen. Die Umstände, in dieser abgelegenen Gegend zu wohnen, komplett auf sich alleine gestellt zu sein und dabei auch die Kinder zu beschützen, zeigten, welch starke Persönlichkeit sie war.

1943 wurde das KZ in Ebensee, es war ein Nebenlager von Mauthausen, errichtet und die ersten Häftlinge wurden dorthin gebracht. Im Februar 1945 wurden 35 deutschsprachige Familien in der Ebenseer Offenseestraße, in den damals neuen Häusern, untergebracht und der Ortsteil wird heute noch als „Lager“ bezeichnet.

Vierzehn Tage vor Kriegsende, am 25.April 1945, wurde der Bahnknotenpunkt Attnang-Puchheim bombardiert und es kamen dabei 1000 Menschen ums Leben. Der 8. Mai 1945 markierte das Ende des Zweiten Weltkrieges. Für den norddeutschen Raum gab es bereits am 4. Mai 1945 eine Teilkapitulation in der Nähe von Lüneburg. 1945 unterstand Kiel der britischen Besatzung, die deutschen Soldaten wurden in Lagern untergebracht und nach der „Entnazifizierung“ nach Hause entlassen.

Bei uns im Haus wurde nun auch ein Lazarett eingerichtet und auf dem Dach des Hauses eine große weiße Plane mit dem „Rot-Kreuz-Zeichen“ gespannt. Gleich am Anfang zogen Amerikaner und sechs Franzosen ein. Am anderen Ende des Langbathsees stand ein Holzgebäude, in dem dann Russen untergebracht wurden. Mit den „Amis“ war das Zusammenleben problemlos, es sei denn, sie waren betrunken. So schossen sie mit der MP in der nahegelegenen Wildfütterung auf die Tiere, worauf sie dann ein Problem mit meinem Vater bekamen. Sie hatten einen Jeep, mit dem sie des Öfteren Ausflüge machten. Einmal wollten sie in den Ort zum Tanken fahren. Mein Bruder wollte mitfahren, um die Oma zu besuchen, doch dies erlaubte die Mutter nicht. Bei dieser Ausfahrt kam der Wagen ins Schleudern, stürzte in den Langbathbach und dabei kam ein amerikanischer Soldat ums Leben.