Lapislazuli - Die entdeckten Jahre - Winfried Benkel - E-Book

Lapislazuli - Die entdeckten Jahre E-Book

Winfried Benkel

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Beschreibung

Juli 2041: Brit will Archäologie studieren, doch schon vorher hebt sie einen Schatz. Ein handschriftliches Manuskript, vermischt mit Briefen und Tagebucheinträgen. Zwanzig Jahre deckt es ab, von 1999 bis 2019. Immer wieder begegnet Brit auf den Seiten des Manuskripts die Farbe Blau. Ein blauer Judogürtel, blaue Tinte, ein Lapislazuli, die Briefleserin in Blau. Aber ihr begegnen auch Menschen, die sie inspirieren und zum Nachdenken bringen. Sie sprechen über Bäume, Kunst und Erinnerung, über Judo, Fotografie, Künstliche Intelligenz und Vergänglichkeit, über ihre Sorgen und das, was sie begeistert. Je mehr Brit über diese Menschen, ihre Gedanken und ihr Leben erfährt, desto mehr versteht sie ihre eigene Zeit - und sich selbst. Ein philosophischer Roman über die Kraft der Erinnerung.

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für meine Enkelkinder

Auf langen Stelzen eilt mein Schatten übers Feld – Dezembersonne

Der Wanderer und sein Schatten Sils Maria 2011

Der WANDERER. Und könnte ich dir nicht in aller Geschwindigkeit noch etwas zu Liebe tun? Hast du keinen Wunsch?

DER SCHATTEN. Keinen, außer etwa den Wunsch, welchen der philosophische „Hund“ vor dem großen Alexander hatte: gehe mir wenig aus der Sonne, es ist mir zu kalt.

DER WANDERER. Was soll ich tun?

DER SCHATTEN. Tritt unter diese Fichten und schaue dich nach den Bergen um; die Sonne sinkt.

DER WANDERER. – Wo bist du? Wo bist du?

(Friedrich Nietzsche: Der Wanderer und sein Schatten)

Inhaltsverzeichnis

X01: 14. Juli 2041

X02: Ende Juli 2041

X03: Anfang August 2041

Das Manuskript

X04: Oktober 1999

X05: Juli 1999

X06: Juli 2000

Brit

X07: 23. August 2041

Das Manuskript

X08: Frühjahr 2001

X09: Juni 2001

X10: August 2001

X11: August 2003

X12: Ende November 2003

Brit

X13: 13. September 2041

Das Manuskript

X14: Sommer 2007

X15: September 2007

X16: Mitte November 2007

X17: Frühjahr 2010

X18: Herbst 2010

X19: Frühjahr 2011

Brit

X20: Zürich, 4. Oktober 2041

Das Manuskript

X21: April 2017

X22: Mai 2017

X23: Juli 2017

X24: August 2017

Brit

X25: 22. Oktober 2041

X26: 10. November 2041

Zum Weiterlesen und Hören

X01

14. Juli 2041

„Verrückt“, sagt der Taxifahrer mit einem leichten Grinsen, während er mich über die Landstraße chauffiert.

„Ich komme mit dem Taxi von Bismark, bringe Sie von Kläden nach Stendal, weil Sie von dort nach Bismark und wieder zurück nach Kläden laufen wollen. So etwas habe ich in meiner dreiunddreißigjährigen Berufszeit auch noch nicht erlebt. Aber ich bin ja froh, dass Sie mich buchen, denn die Konkurrenz zu den vielen Mobilitätsdiensten und den selbstfahrenden Karossen ist enorm. Erst vor vier Monaten hat es in einem festgelegten Distrikt für hoch und voll automatisiertes Fahren sowie für autonomes Fahren höllisch gekracht. Schuld daran, so munkelt man, war wieder mal ein führerloses Fahrzeug. Und da sagen sie immer, dass das Unfallrisiko der selbstfahrenden Karossen geringer sei als bei den von Menschenhand gesteuerten Autos. Aber so ein Unfall schreckt die Leute nicht ab. Es ist billiger, weil man ein paar Leute einsammelt, die dann mit den noblen Karossen zu ihrem Bestimmungsort gebracht werden. Bei mir jedenfalls werden Sie nicht durch das Gequatsche anderer belästigt. Ich weiß ja: Was der Mensch sich in den Kopf setzt, was er unbedingt haben will, das bekommt er tatsächlich. So auch die Flugtaxis. Da braucht man nur nach oben zu schauen. Bloß komisch. Wenn man ihn nach langem Nachdenken nochmal fragt, dann will er oft nicht das, was er einst wollte. Und nicht selten dauert das Nachdenken Jahrzehnte. Dann kann ein einstiger Vorteil zu einem Nachteil werden oder aber auch ein Nachteil zu einem Vorteil.“

Stumm sitze ich neben dem Fahrer und spüre, dass er mir noch viel sagen möchte in den wenigen Minuten, die uns bis zum Ziel verbleiben. Über mein heutiges Vorhaben habe ich ihm bereits mit großer Begeisterung erzählt. Nun aber will ich nur noch dem lauschen, was er auf dem Herzen hat.

„Mein Vater übertrug mir das Taxi-Unternehmen vor dreiunddreißig Jahren, 2008. Damals machte das Autofahren noch Spaß. Zwar ist es heute geräuschloser auf den Straßen, aber sehr voll. Ich durfte meinen Job aufgrund meiner vielen Dienstjahre in diesem Beruf behalten. Mit meinem Gehalt bin ich zufrieden. Aber es ist schon seltsam. Einerseits bekomme ich vom Staat einen Zuschuss, andererseits muss ich einen beträchtlichen Teil meines Gehalts abführen an den ‚Fonds der Lernenden‘, wie all die anderen Verdiener auch. Trotz allem, ich hatte Glück. Ich darf arbeiten und fühle mich sehr frei. Sonst aber hätte ich alle sechs Monate ein Zertifikat vorlegen müssen, mit dem man bestätigt, dass man ein Lernender ist. O weh! Hunderttausende Chauffeure in der Welt haben ihren Job verloren, weil nicht mehr so viel Menschen gebraucht werden, um die Karossen zu steuern. Das ist bitter. Mit den Maschinen ist fast alles automatisiert. Ja, die Kunst des Steuerns besteht heute vor allem darin aufzupassen, dass der Mensch nicht ganz überflüssig wird beim Arbeiten. Das wäre dann das Ende. Die Leute brauchen noch einen kleinen Bereich, in dem ihnen die Maschinen nicht sagen, wie sie entscheiden sollen. Wir brauchen neue Utopien, und man sollte sofort beginnen, sie umzusetzen. Wir brauchen nicht überall die Jäger und Gejagten!“

Da hat er recht, denke ich und mache mir bewusst, dass ich mich auf keinen Fall als Jägerin fühle, auch wenn ich in wenigen Minuten meinen langen Lauf starte. Es ist schon recht warm an diesem Juli-Vormittag. Doch ich bin gut gerüstet, ich brauche nicht viel: ein ärmelloses T-Shirt, Shorts, Socken und gute Laufschuhe. Für die Taxifahrt habe ich mir noch ein zweites, altes, löchriges T-Shirt übergezogen. Das wandert nachher in den Müll. In meinen Händen halte ich lediglich eine kleine Flasche Wasser. Der Taxifahrer hat mich im Blick und ich ihn auch.

„Wenn ich Sie so sehe“, sagt er, „bekomme ich den Eindruck einer selbstbewussten und starken Persönlichkeit. So etwas brauchen wir. Sie strahlen Originalität und Tatkraft aus, wenn ich das so unter uns sagen darf. Bravo! Es scheint, als würden Sie mit einer Leichtigkeit gegen den Strom der Zeit schwimmen, eine Zeit, in der man nun die Folgen all des Modernen spürt: die vielen geistigen Hilf- und Obdachlosen. Diese armen Orientierungslosen. Die Frage ist doch: Was wollen wir? Sie aber haben das Zeug, der Gesellschaft zu einer anderen Richtung zu verhelfen. Werden Sie Kybernetikerin! Bitte, werden Sie Kybernetikerin! Wir brauchen dringend solche Steuerfrauen wie Sie. Werfen Sie das Steuer rum!“

Das sitzt, was der Taxifahrer da äußert, nach nur zehn Minuten unserer Bekanntschaft. Ich überlege kurz, ob es echt gemeint ist und nur mir gilt. Oder ist es eine Beweihräucherung, die er in seiner seelischen Bedrängnis vielleicht schon hundert oder tausend Mal von sich gegeben hat?

Der Herr neben mir am Steuer wirkt nach seinem Statement deutlich erleichtert. Offenbar würde er das Rad der Geschichte gerne um dreißig Jahre zurückdrehen. Nun aber zählt er zu derjenigen Generation, die weit mehr hinter sich hat als vor sich. Ich schätze, dass er fast dreimal so alt ist wie ich. Na klar, in dem Alter muss er nicht unbedingt wissen, was bei den jungen Menschen alles abgeht. Denn ich bin nichts Besonderes. Menschen mit ähnlichen Ansichten wie den meinen gibt es mittlerweile Hunderttausende in der Mitte Europas. Und es werden immer mehr.

Ich lasse mich in Stendal am Winckelmannplatz absetzen und wünsche dem Fahrer nach dem Bezahlen noch alles Gute. Gleich neben mir, wo eben das Taxi hielt, steht eine Bank, auf der ich Platz nehme. Noch einmal sortiere ich meine Gedanken: „Warum will ich, die einundzwanzigjährige Brit, ausgerechnet hier, in der mir bisher unvertrauten Altmark, einen neuen Lebensabschnitt lostreten? Noch vor einem Jahr war doch mein weiteres Leben völlig anders geplant ...“

Wieder spüre ich, wie jeder noch so kleine Zweifel an meiner felsenfesten Entschlossenheit für den neuen Weg abrutscht. Es sind drei Quellen, aus denen ich eine unvorstellbare Kraft schöpfe: Winckelmann, Flors Vater und Flor. Ich bin berauscht von dem Gedanken, dass diese drei Quellen nun in mir zu einem gewaltigen Strom werden. Und alles begann vor fast einem Jahr mit meinem unglaublichen Fund. Aber darüber später mehr! Das Buch „Traum der ewigen Schönheit“ über Winckelmann war dann das i-Tüpfelchen für die Korrektur meines Lebensweges.

Aus meiner Gürteltasche ziehe ich einen Zettel, auf dem ich grob skizziert habe, über welche Straßen ich hier laufen muss. Den weiteren Weg weisen mir ja die Verkehrsschilder übers Land. Außerdem stecken in meinem Täschchen noch eine Kreditkarte, ein kleines Notizheft und ein Stift. Eigentlich trage ich den Laufgürtel nur, um diese wichtigen Utensilien bei mir zu haben. Ein Wearable, also ein tragbares Computersystem am Körper oder in der Kleidung integriert, habe ich nicht, auch kein Handy. Unter meinen Gleichgesinnten gilt es als cool, auf längeren Strecken netzunabhängig unterwegs zu sein. Man ist stolz, ein bisschen „gefährlicher“ zu leben, und lässt das hin und wieder andere auch wissen. Gleichzeitig üben wir mit dieser Unerreichbarkeit noch mehr Gelassenheit. Dennoch haben wir eine erreichbare Telefon-Nummer bei uns, vor allem, wenn wir länger und allein unterwegs sind.

Ich stehe auf und gehe ein paar Schritte bis zum Winckelmann-Denkmal. Da steht er nun vor mir, riesig, hoch oben auf einem Sockel. Das also ist er, der berühmte Archäologe und Bibliothekar, der hier das Licht der Welt erblickte.

Ich schaue hoch zu ihm und denke: „Wenn du wüsstest, wie du mein Leben in diesem Jahr umgekrempelt hast! Deinetwegen zog ich meine Einschreibung für ein Geologie-Studium an der TU Bergakademie Freiberg zurück. Ich hatte mir diesen Studienort in der Nähe des Elbsandsteingebirges ganz bewusst ausgesucht. Seit vielen Jahren kam für mich kein anderes Studium in Frage. Leidenschaftlich sammle ich seit meiner Kindheit Mineralien, Fossilien und Steine. Steine sind meine Welt! Auch das Phänomen der Vulkane fasziniert mich bis heute. Doch dann tauchst du ganz plötzlich in meiner Gedankenwelt auf, und ich schmeiße meine Pläne über den Haufen. Du bist die Initialzündung für meinen Entschluss: Ich will Klassische Archäologie studieren.“

Das stumme Selbstgespräch hier ist Balsam für meine Seele. Doch jetzt geht’s los. Ich ziehe mir das alte T-Shirt vom Leib, als wäre es eine Haut, werfe es in einen Abfallbehälter und laufe los.

Mit einem kleinen Umweg über die Brauhausstraße führt mein Weg über die Uenglinger Straße zum Stadtausgang. Ab hier geht es von Dorf zu Dorf bis nach Bismark. Schneller als gedacht lande ich im dritten Ort, Steinfeld. Er ist wie ausgestorben. Lediglich in einem kleinen Haus schaut eine alte Frau aus dem Fenster. Offensichtlich staunt sie über mein ungewöhnliches Outfit. Ich laufe vorbei und kehre nach einigen Metern wieder um. Die Frau könnte vielleicht meine Wasserflasche auffüllen. Angekommen an ihrem Fenster trage ich freundlich meine Bitte vor, mit der leeren Flasche in der Hand.

„Na, gerne“, sagt sie und kommt kurze Zeit später mit der aufgefüllten Flasche zurück. Sie meint, dass ich heute erst die zweite Person sei, die sie ohne Fahrzeug an ihrem Fenster vorbeikommen sehe. Wir tauschen noch ein paar Worte und ich laufe gezielt zum Schützenplatz. Dort lege ich eine geplante längere Pause ein und betrachte in Ruhe die Steine des Hünengrabes.

Ich rätsle. Beim Anblick der großen Steine kann ich mir gut vorstellen, dass die Menschen früher glaubten, sie könnten nur von Riesen beziehungsweise Hünen bewegt worden sein. Daher der Begriff Hünengrab. Genauer gesagt handelt es sich bei dieser Anlage um ein Großsteingrab. Es ist eines der größten Megalithgräber der Altmark. Also, schon seit tausenden Jahren dienen Steine dem Gedenken der Toten.

Ich setze mich auf einen der Steine und sinniere darüber nach, wie viele Funktionen sie doch haben. In Gedanken führe ich einige Funktionen auf und meine Aufzählung endet bei den Grenzsteinen, Gerichtssteinen und Grabsteinen. An manchen Grabsteinen sind schon seit Jahren QR-Codes angebracht, die man mit einem Mobiltelefon scannen kann. Man erfährt dann sofort viel über den Verstorbenen und sieht vielleicht auch ein Bild von ihm.

Doch Grabsteine gibt es immer weniger. Mir kommt in den Sinn, dass Grabsteine unseres Jahrhunderts vielleicht die letzten Zeitzeugen von Profilen sein werden, die in Stein geschlagen sind. Profile der Toten sowie der lebenden Menschen haben ihre Existenz ansonsten längst im Internet. Allerdings ist Vorsicht geboten, denn ein Profil könnte gefälscht sein, was auf einem Grabstein weniger wahrscheinlich als in der digitalen Welt ist.

Aus meiner Sicht sind Personennamen für die Identität der Menschen heute weniger von Bedeutung als früher. Jemanden identifizieren kann unter anderem das Internet inzwischen schon viel besser, ganz ohne die entsprechenden beglaubigten Dokumente mit den Personennamen.

Internet ist überall. Ich kenne es nicht anders. Internet ist allgegenwärtig.

Vielleicht wird wegen dieser Fremdbestimmung die scheinbare Selbstbestimmung immer mehr herausgehängt. Seit letztem Jahr dürfen alle Menschen mit unserer Staatsbürgerschaft selbst entscheiden, ob sie ihren Vornamen behalten oder auswechseln möchten. Diese neue Möglichkeit ergab eine Abstimmung der Bürger für mehr Selbstbestimmung. Allerdings gibt es dafür eine klare Bedingung: Abgesehen von Pseudonymen kann man den neuen Vornamen des Realnamens ohne Grund nur einmalig und nur im Zeitraum vom 21. bis zum 25. Geburtstag annehmen.

Derzeit ist Mode, bei neuen Vornamen je eine Silbe aus dem Vornamen des Vaters und der Mutter zu übernehmen. In aktuellen Berichten heißt es, dass sich viele von uns jungen Menschen bei diesem anspruchsvollen Puzzle ereifern. Einigen ist die Wortakrobatik sehr wichtig, weil sie damit ihre Verbundenheit zu Vater und Mutter zum Ausdruck bringen wollen, ohne dass es gleich offenkundig wird.

Auch ich werde in etwa drei Monaten einen neuen Vornamen annehmen. Welchen, das verrate ich später.

Jetzt wird es mir aber doch zu unbequem auf dem harten Stein. Ich stehe auf und gehe zu den davorstehenden Bänken. Während ich mich so umschaue, geht mir durch den Kopf, dass einst der junge Winckelmann bestimmt auch diese Gegend hier durchstöberte.

In den vergangenen Wochen las ich einiges über die Altmark. Ein Buch handelte von der Welt der Sagen in dieser Region. Jetzt aber bin ich eigentlich hier, um an dieser markanten Stelle die Einleitung für das gefundene Manuskript zu schreiben, das für mich der größte Schatz ist, den ich in meinem bisherigen Leben geborgen habe. Man wird es nicht glauben, dass alles, was darin festgehalten ist, sich tatsächlich zugetragen hat. Auch ich konnte es nicht fassen. Aber heute, nach fast einem Jahr unzähliger Recherchen und einem sehr aufregenden Puzzle, glaube ich, dass alles in dem Manuskript der Realität entspricht. Ich bin berauscht. Nun aber versuche ich mich erst mal in aller Ruhe an einer Einleitung:

Lieber Leser,

dieses unvollendete Manuskript, das ich vor fast einem Jahr entdeckte, sollte eigentlich für sich allein stehen. Da es aber nach vielen Seiten abrupt abgebrochen wurde, sah ich mich als Betroffene doch dazu veranlasst, noch recht Aufschlussreiches zu ergänzen. Und das habe ich mit großer Begeisterung getan.

Es wäre schade, wenn Du den Text schon nach wenigen gelesenen Seiten in die Tonne schmeißt, weil Deine Geduld auf zu schwachen Beinen steht. Aber das Recht dazu hast Du natürlich, wie jeder andere auch. Ich weiß nicht, wie viel der kostbaren Zeit der Leser sich heutzutage noch gönnt, um einer möglichen Enttäuschung zu entgehen, weil er im Lesestoff nicht rasch genug das findet, was er erwartet.

Erwarte erst mal nichts! Oft versteht man erst am Ende den Anfang und brennt dann darauf, unbedingt alles noch einmal mit anderen Augen zu lesen. Spätestens dann erkennst Du mit Vergnügen, wie alles wurde, was es am Ende ist.

Auch wenn der Schreiber dieses unvollendeten Manuskripts weit davon entfernt ist, ein professioneller Schriftsteller zu sein, so kann doch gerade durch das Fehlen ausgebuffter und eleganter Formulierungen, die so leicht von der Hand gehen, viel nachhaltiger das Natürliche des Stoffes transportiert werden. Also, sei es, wie es sei. Mache Dir ein Bild! Vor allem aber sollst Du erfahren, wieso ich jetzt mein großes Glück gefunden habe, obwohl es vor mir ein großes Unglück gab.

X02

Ende Juli 2041

Nassgeschwitzt und verstört wache ich auf. Eben noch war ich eine Riesin und Flor auch. Ich wohnte in Kläden und Riesin Flor in Steinfeld. Einmal am Tag aßen wir gemeinsam in Kläden, und das in größter Zufriedenheit. Dafür bereitete ich den Backofen vor, und wenn er heiß genug war, schlug ich kurz mit einem Stein gegen den Backtrog. Das war dann das Signal für Riesin Flor, mit dem Teig zu mir zu kommen. Diese Verständigung über die große Entfernung funktionierte wunderbar. Und überhaupt verstanden wir uns bestens.

Eines Tages tauchten in meiner Umgebung drei junge Halbriesen auf. Ich hörte nur, wie einer von ihnen sagte: „Oh, ein Riese.“

Dann eilten sie fort. Das enttäuschte mich nicht nur, weil sie Angst vor mir hatten. Ich erzürnte mich, weil einer von ihnen mich als Riese bezeichnet hatte und nicht als Riesin. In meiner Erregung nahm ich einen Stein und schlug mit aller Wucht auf eine Fliege, die sich auf meinen Backtrog gesetzt hatte. Die Fliege entkam, doch der Schall bedeutete für Riesin Flor, sich mit dem Teig auf den Weg zu machen. Noch hatte sie aber nicht alles fertig und geriet in Stress. Als sie dann zu mir eilte und sah, dass der Ofen noch nicht heiß war, fühlte sie sich von mir getäuscht. Verärgert zog sie wieder ab. Mich wiederum brachte ihre böswillige Haltung völlig aus der Fassung. Ich war frustriert. Und so passierte es, dass wir uns, als Riesin Flor wieder in Steinfeld war, über die weiten Felder hinweg mit Steinen bewarfen. Zuerst mit kleinen und dann mit immer größeren. In meiner furchtbaren Angst, dass es eine von uns treffen könnte, wachte ich auf und dachte: „Bloß gut, dass das alles nicht wahr ist!“

Flor lernte ich vor einem dreiviertel Jahr kennen. Sie ist ein Jahr älter als ich, wuchs in Köln auf und zog noch vor ihrer Einschulung mit ihrer Familie in die Schweiz.

Schon auf den ersten Blick waren wir uns sympathisch. Nur ihr habe ich das gefundene Manuskript zum Lesen gegeben. Vor zwei Monaten radelten wir mehrere Tage durch Bayern und staunten über das schöne Bundesland. Obwohl ich bei Karlsruhe großgeworden bin, war ich erst einmal zuvor in Bayern, und das vor vielen Jahren. Meistens hatte ich mit meinen Eltern Urlaub in Frankreich gemacht. Ich liebe Frankreich.

Aufgrund meiner guten Sprachkenntnisse in Französisch und Englisch fällt es mir sehr leicht, im Ausland Kontakte zu knüpfen. Auch in Latein bin ich fit. Nebenbei lerne ich jetzt Griechisch.

Auf unserer Radtour machten Flor und ich uns mit einigen bayerischen Orten vertraut. Größere Pausen legten wir unter anderem in Andechs, Altötting und Freising ein. Am Alten Gefängnis in Freising lasen wir in einer kleinen Broschüre etwas über die Stadtgeschichte. Dann ließen wir uns ein wenig über den ersten Bischof dieser Stadt aus. Einer Sage nach bürdete er, als Freising noch im ungeteilten Frankenreich lag, auf seinem Pilgerweg nach Rom einem Bären sein Gepäck auf. Das war die Strafe dafür, dass der Bär zuvor sein Lasttier gerissen hatte.

Dann kamen wir aufs Bier zu sprechen, das hier mit der Braustätte in Weihenstephan eine langjährige Tradition verzeichnen kann. Über die Zeit der Hexenverfolgung sprachen wir auch noch, danach endete unser historischer Rückblick.

Wir schnappten unsere bepackten Drahtesel und schoben sie den Domberg hinauf. Flor meinte beim Schieben, sie würde nun all ihr Vertrauen in die Handbremsen ihres Fahrrads setzen. Ich schmunzelte und sah, wie gut gelaunt und zuversichtlich sie war. Oben am Dom angekommen, sagte Flor im Spaß, dass sie lieber hundert Bilder malen würde, als einen bepackten Drahtesel den Berg hochzuschieben. Wir stellten unsere Räder ab und hatten einen wunderbaren Ausblick auf das Freisinger Umland.

Flor machte den Vorschlag, die Annahme unserer neuen Vornamen mit einem kleinen Fest zu verbinden. Ich war von ihrer Idee sehr angetan und willigte freudig ein. Nach einer Weile verkündete Flor, dass sie gerade eine Idee für ein Event habe, welches sie während meines geplanten Besuchs bei ihr arrangieren wolle. Und zwar ein „Gastmahl für die Musen“ mit einem anspruchsvollen Begleitprogramm. Dazu würde sie auch einige Freundinnen und Freunde einladen. Im Gegensatz zum „Saufgelage“ der alten Griechen werde sie aber ganz auf Bio-freundliche Speisen, Wasser und Kaffee setzen, allerdings nebenbei auch auf Wein. Ihr gehe es vor allem um den Hunger des kreativen Geistes. Aber das Thema, über das die Griechen damals philosophierten, reize sie schon sehr. Flor hatte sich gedacht, dass sie zur Erheiterung der Gäste zwei Kabarettisten einladen würde, die zum Thema „Die Kunst der Liebe in der Mitte unseres Jahrhunderts“ sprechen würden. Für die musikalische Unterhaltung sollten drei Männer sorgen: ein Flötenspieler, ein Klarinettist und ein Saxophon-Spieler.

Ich war begeistert von ihrer originellen Idee und staunte, auf welche Einfälle Flor immer wieder so spontan kam.

Auch meinte sie, dass sie mir bei der Suche nach einem neuen Studienplatz und bei der Beschaffung von Wohnraum helfen würde. Flor stammt aus einem gutbetuchten Haus. Geldsorgen kennt sie nicht. Ihre Ferien verbringt sie oft in Italien. Ihre Eltern haben ein Landhaus in der Toskana. Flor liebt diese idyllische Landschaft, die mit dem Duft ihrer Kräuter, den Zypressen und Pinienalleen all ihre Sinne weckt. Und sie schwärmt von der mediterranen Küche, besonders von der Frucht der echten Ölbäume, den Oliven. Regelmäßig zieht es sie nach Florenz und immer wieder macht sie Ausflüge nach Rom.

Flor stellt sehr hohe geistige Anforderungen an sich, besonders im künstlerischen Bereich. Aus meiner Sicht ist sie schon jetzt eine besondere Künstlerin. Ihre Portraitmalerei und ihr Klavierspiel versetzen mich immer wieder in Staunen. Sie sagt, dass sie besonders bestimmte Strömungen des 18. Jahrhunderts in der Malerei und Musik beeindrucken. Auf unserer Radtour scherzte sie: „Ich bin leider dreihundert Jahre zu spät auf die Welt gekommen.“

Worauf ich sagte: „Gott sei Dank.“

Flor ist überaus fleißig. Ihr Eifer kennt zuweilen keine Grenzen. Ich könnte denken, ihr Tag hat dreißig Stunden.

X03

Anfang August 2041

Seit drei Wochen bin ich von meiner Reise in die Altmark schon wieder zurück zu Hause. Ich fühle mich gestärkt und überhaupt, ich bin glücklich, ein Kind dieser Zeit zu sein. Endlich neigen sich die verrückten Technik-Jahre ihrem Ende zu. Es weht ein frischer Wind im Land. Vorbei ist der kurzfristige Optimierungswahn. Der Gedanke der Nachhaltigkeit bestimmt das Denken vieler Menschen. Und es scheint, als würde nun eine Zeit anbrechen, die so lebenswert ist wie lange nicht mehr.

Für meinen neuen Lebensweg habe ich einige Schritte unternommen. Außerdem habe ich mich mit verschiedenen Bewegungen meines Vereins „L-P-G Neuer Weg“ vertraut gemacht, in dem für fast dreihunderttausend Mitglieder spezielle Aktivitäten koordiniert werden. Die Gleichgesinnten in unserem Verein lieben das Einfache. Wir sind gegen die permanente Erreichbarkeit und die nerventötenden Selbstdarstellungen. Außerdem unterstützen wir die vielen Wanderbewegungen, die es inzwischen gibt. Ja, auch das schreibt sich der Verein auf die Fahnen; ich selbst gehöre allerdings nicht gerade zu den Wanderfreundlichen.

L-P-G steht für eine Ausrichtung, deren Schwerpunkte man grob mit zwölf Schlagwörtern umreißen kann:

L: Lachen, Liebe, lyrisch, Liberté und leise

P: Planet, Power, Peace und Pause

G: Gleichgewicht, Gefühl, Gewissen

Eine Aktion des Vereins für das nächste Halbjahr lautet: „Bitte unterbreite Vorschläge, was man deiner Meinung nach vom ‚Auslaufmodell der romantischen Liebe‘ noch reaktivieren kann.“

Heute bin ich besonders happy. Vorhin erhielt ich eine Briefsendung im DIN-A4-Format. Sie ist von Flor. Sie schickte mir acht Karikaturen, fünf davon nur über mich. Überwiegend sind sie auf unserer Radtour entstanden. Ich habe mich gebogen vor Lachen.

Auf einer Karikatur sieht man, wie Flor und ich auf einem Karren knien, der von einem Bären den Berg hochgezogen wird. Wir knien vor unserem Gepäck und halten gemeinsam siegesbewusst einen langen Stock in die Luft, an dessen oberen Ende ein Wimpel flattert. Er trägt in großen Lettern die Aufschrift „Auf-Ladung“.

Die Karikatur erinnert mich sofort an ein Bild, auf dem Lou Andreas-Salomé mit einer Peitsche in der Hand auf einem Karren kniet, der von Nietzsche und Rée anstelle von Pferden gezogen wird. Flor zeigte mir einmal dieses Bild, das 1882 in Luzern entstand. Sie ist fasziniert von außergewöhnlichen und geistreichen Frauen der letzten Jahrhunderte und sagte mir, dass sie einiges über Lou Andreas-Salomé gelesen habe, die vor hundertfünfzig Jahren an der Universität Zürich Vorlesungen hörte.

Ich bin ein Fan von Flors Karikaturen, da ich durch sie ihren Reichtum an Witz und Humor erlebe, den sie so treffend und schön verbal wohl kaum äußern könnte. Ist es nicht sehr reizvoll für einen Karikierten zu erfahren, wie man von einer anderen Person gesehen wird? Und überhaupt, wer wollte nicht gesehen werden? Mich jedoch interessiert jetzt vor allem, wie Flor mich sieht oder sehen will.

Das Lustige beim Malen ist auch die Verfremdung! Personenfotos reizen mich kaum noch und schon gar nicht die Selfies, diese peinlichen Ego-Momente der Menschen, wie sie früher jahrelang Mode waren. Aber im Grunde genommen unterscheiden sich die Selfies mit ihren wichtigsten Selfie-Filtern für große Augen, kleine Nase, verdeckte Pickel und so weiter gar nicht so sehr von der Porträtmalerei. Doch der wesentliche Unterschied ist: Hier liegt es letztendlich an der Gabe und Macht der Maler, in welchem Licht ihre Porträtierten erscheinen.

Auf einem beigelegten Blatt schrieb mir Flor:

Zürich, 29. Juli 2041

Liebe Brit,

heute schon Sauerkraut geradelt? Ich hoffe, Du hast was zu lachen, wenn Du die Karikaturen siehst. Es hat Spaß gemacht! Irgendwann, wenn ich im Malen besser bin, möchte ich von Dir ein Portrait in Öl anfertigen. Einverstanden?

Hier, in meiner neuen Heimat, nutze ich des Öfteren Gelegenheiten, unbeobachtet Personen in ihrem Alltag zu skizzieren. Auch wenn es mir nicht gelingt, den hiesigen Dialekt anzunehmen, so habe ich doch Freude daran, besondere Verhaltensweisen der Menschen zeichnerisch festzuhalten. Beim Zeichnen verstehe ich meine Umwelt.

Neulich lieh mir eine Freundin ein Fastnachtsbuch „… und das böggenwerck solt abgeschafft syn: Zürcher Fasnacht – Sakkaden – 1489 bis 1999“. Die Erzählungen darin über diesen Brauch mit den wechselnden Traditionen sind sehr interessant. Dazu gibt es viele ausdrucksstarke Skizzen verschiedener Gesichter und Figuren in ihrem fastnächtlichen Treiben. Fein, obwohl ich nicht wirklich zu den Fans der Fastnacht gehöre.

Gestern, am 28. Juli, dem 291. Todestag von Johann Sebastian Bach, hörte ich mir sein Oster-Oratorium an, grandios! Im Adagio dazu heißt es: „Kommt, eilet und laufet, ihr flüchtigen Füße, erreichet die Höhle, die Jesum bedeckt!“

Ist das nicht schön gesagt? Jedenfalls musste ich bei dieser Stelle an Deinen langen Lauf denken und die geplante Pause beim Hünengrab in Steinfeld. Ich bewundere Deine Energie!

Hoffentlich verlief alles nach Deinen Vorstellungen. Ich glaube, es war recht warm an diesen Tagen. Und, hast Du noch ein paar Spuren von Winckelmann entdeckt? Bestimmt! Aber pass auf, dass Du nicht weniger findest als Deine Fantasie ersehnt! Spaß, Fantasie ist enorm wichtig! Ohne sie sind wir arme Geschöpfe!

Es ist schon seltsam: Du begeisterst Dich so sehr für Winckelmann, ich schwärme von Angelika Kauffmann. Da könnte man denken, es gab eine Chance für den Zufall, dass wir uns begegneten. Nun aber wissen wir, es ist weit mehr!

Stell Dir mal vor, als Angelika K. den Winckelmann malte, war sie noch jünger als ich! Die Frau ist genial!

Doch wie kann man nur „Kauff-Mann“ heißen (Lachen!!). Weißt Du, dass in drei Monaten ihr 300. Geburtstag ist? Das werden wir gehörig feiern, wenn Du nach Zürich kommst. Ich werde Dir dann auch ihr Gemälde von Winckelmann im Kunsthaus zeigen.

So, jetzt muss ich aber weiterarbeiten, es ist schon 23:30 Uhr. Komm gut voran!

Es liebt Dich,

Deine Flor

Ich freue mich auf die Herausforderungen der kommenden Zeit und lege den Brief von Flor mit den Karikaturen in meinen Schreibtisch. Dann hole ich aus dem darunterliegenden Fach das gefundene Manuskript heraus und lege es auf den Tisch. Dieses handbeschriebene Papier ist für mich etwas ganz Besonderes, ein heiliges Schriftstück. Es ist, als würde ein Baum mit einem Mal viele Blätter ausschlagen, weil er seine Wurzeln stärker als je zuvor spürt.

Ich rücke meinen Stuhl zurecht, schlage das erste Blatt auf und schwebe, wie Stephan Zweig es so schön sagt, in die Welt von Gestern:

Das Manuskript

X04

Oktober 1999

Tami ist die Einzige in der Familie, die wieder Kontakt zum Vater aufgenommen hat. Das war nicht einfach und für ihre Familie schwer nachzuvollziehen. Doch sie will nun nach über einem Jahr zum dritten Mal zu ihm in den Norden fahren, wo er mit seiner neuen Familie lebt.

Dieses Mal ist Tami ganz allein mit ihrem Vater. Seine Partnerin ist mit den beiden Kindern aus ihrer früheren Beziehung für vier Tage zu Verwandten gefahren, damit der Vater am verlängerten Wochenende viel Zeit mit seiner Tochter verbringen kann. Tami hat die neue Familie ihres Vaters früher schon kennengelernt.

Wie zuvor übernachtet sie auf der Couch im Arbeitszimmer des Vaters. Zum ersten Mal spürt sie, dass sich ihr Verhältnis zu ihm deutlich entspannt. Das tut ihr gut, denn ihr liegt einiges auf dem Herzen, das sie loswerden möchte. Und so erzählt sie ihm mit Sympathie von den Marotten ihrer Brüder. Außerdem bringt sie die hohe Achtung zum Ausdruck, die sie vor ihrer Mutter hat. Doch diesbezüglich hält sie sich mit Worten zurück. Sie möchte den Vater nicht in Bedrängnis bringen.

Die beiden machen zusammen einen langen Spaziergang. Ihre Schuhe rascheln in den heruntergefallenen Blättern dieses sonnigen Herbsttages. Unter den Bäumen liegen frische Kastanien, von denen Tami zwei, drei, vier aufhebt und in ihre Jackentasche steckt. Sie lauscht den Worten ihres Vaters, der ein wenig über seine berufliche Tätigkeit erzählt, dem Dokumentieren und Speichern technischer Daten. Das Vertrauen zwischen den beider wächst, doch bereits morgen muss Tami wieder ihre Heimreise antreten.

Während des Spaziergangs redet der Vater zum ersten Mal etwas ausführlicher über seine Eltern, die nicht mehr leben. Schließlich kommt er auch auf den Zweiten Weltkrieg zu sprechen und erwähnt, dass sie da, wie Millionen andere Menschen, all ihr Hab und Gut und auch ihre Bücher verloren.

„Zu den ersten neuen Büchern nach dem Krieg, die ich bei meinen Eltern entdeckte, zählt das Büchlein ‚Lebensfreude – Sprüche und Gedichte gesammelt von P. J. Tonger‘. Diese Sammlung von Sprüchen war meiner Mutter sehr ans Herz gewachsen. Sie hat einen Eintrag von ihrem Namen und der Jahresangabe 1950. Wahrscheinlich hat der Verlag von P. J. Tonger aus Köln dieses Büchlein viele Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg herausgegeben. Heute findet man einige der Sprüche im Internet, das es damals ja nicht gab.

Mutter nutzte lediglich oft eine Schreibmaschine, vor allem, wenn wichtige Texte zu verteilen waren. Für ein Schriftstück in dreifacher Ausführung wurde dann das Originalpapier zweimal hinterlegt, mit jeweils einem Bogen Blaupapier und dem dünnen Durchschlagpapier. Dann wurde alles zusammen in die Schreibmaschine eingespannt. Auch ein Tonbandgerät gab es anfangs nicht. Oft erlebte ich, wie meine Eltern plötzliche eigene Ideen oder wichtige Reden, die in normalem Tempo gesprochen wurden, in Stenographie mitschrieben.

Zu den Lieblingsbüchern meines Vaters zählte das Buch von Heinrich Spoerl ‚Man kann ruhig darüber sprechen. Heitere Geschichten und Plaudereien‘, herausgegeben vom Paul Neff Verlag, mit einem handschriftlichen Vermerk des Jahres 1950. Die Verfilmung von ‚Die Feuerzangenbowle‘, für die Heinrich Spoerl zusammen mit Heinz Rühmann das Drehbuch verfasste, gehörte zu seinen und auch zu meinen frühen Lieblingsfilmen. Und von den anfangs wenigen Schallplatten sind mir besonders die Opern von Mozart und Verdi, die Musik von Beethoven, Richard Wagner und die vom Walzerkönig Johann Strauß in Erinnerung.“

Dann kam der Vater auf die Einstellung seiner Eltern zum Sport zu sprechen: „Das Herz meiner Eltern und besonders das meines Vaters schlug sehr für den Sport, als die schönste Nebensache der Welt. Sie brachten mir gegenüber recht klar zum Ausdruck, dass Sport Spaß machen muss und nie vorrangig als Broterwerb dienen darf.

Trotzdem aber war die körperliche Ertüchtigung für sie von großer Bedeutung. Schon in jungen Jahren war Mutter im Kunstschwimmen aktiv und Vater erhielt eine Urkunde als Rettungsschwimmer. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg und vernichtete das Leben vieler Millionen Menschen. Außerdem wurden in Vernichtungslagern Millionen Menschen ermordet.

All das war die Hölle auf Erden und darf sich nie wiederholen. Diejenigen, die überlebten, mussten sich neu aufrichten und neu orientieren.

Ich erinnere mich an eine kurze Schilderung meines Vaters über seine Tätigkeit als Funker und wie das Morsen funktioniert. Kurz erzählte er mir über seinen Einsatz als Rettungsschwimmer am Ende des Krieges in der Po-Ebene. Erschütternde Szenen …! Mir, der ich noch in der Pubertät war, brannten sich Bilder in den Kopf wie von einer großen Schlacht auf einem Meer.

Danach kam Vater mit tausenden anderen deutschen Soldaten in Italien in ein britisches Gefangenenlager. Während im Krieg die Feldpost zu seiner Frau einen, zwei oder drei Monate unterwegs gewesen war, kam der Kontakt zur Heimat seit dem Kriegsende noch viel schleppender zustande. Erst nach einem dreiviertel Jahr erhielt meine Mutter ein erstes Lebenszeichen von ihrem Mann durch ihre Schwester, die eine Karte aus München vom Roten Kreuz bekommen hatte. Darin wurden Grüße meines Vaters, die er über den Schweizer Kurzwellensender bestellte, übermittelt. Das bestärkte den Mut meiner Mutter.

Alle Briefe wurden vom Absender handschriftlich nummeriert. Einige der Briefe zwischen meinen Eltern, die ihre jeweiligen Adressaten erreichten, waren ausgehend von den letzten Kriegswochen sogar dreizehn Monate unterwegs!

Nach weit über einem Jahr wurde Vater aus dem Gefangenenlager entlassen und fand mit Unterstützung von Schwager und Schwägerin seine Familie. Die Eheleute wurden wiedervereint. Dann folgte zwischen November 1946 und März 1947 der sogenannte Hungerwinter. Viele Menschen mussten sehen, wie sie überlebten. Ringsum war alles zerstört. Neben der Sorge um ausreichende Ernährung galt nun ihre große Sehnsucht einer Zukunft in Frieden. Es begann eine Zeit unendlicher Arbeit. Und das, was dieser Generation durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre nicht vergönnt war, wollte sie später umso mehr in ihren Kindern verwirklicht sehen.

Ich erinnere mich an eine zufriedene Kindheit. Sicher, es gab viel zu tun und es fehlte an vielen grundlegenden Dingen. Das aber war mir als Kind kaum bewusst. Es gab bei uns kein Telefon. Ich kannte es nicht anders. Und trotz Schule und kleiner Aufgaben, die ständig im Haus, Hof und Garten zu erledigen waren, blieb noch Zeit, sich auf dem Land in völliger Freiheit auszutoben. Herrlich!

Eines Tages entdeckte ich als Kind die versteckten Liebesbriefe meiner Eltern aus der Zeit der Gefangenschaft. Von der exotischen Ausstrahlung der frankierten Kuverts war ich zutiefst beeindruckt. Heimlich schnitt ich die reizvollen italienischen Briefmarken aus den Umschlägen und legte sie nach Lösung vom Papier und dem Trocknen sorgfältig in mein kleines Briefmarkenalbum. Diese Briefmarken waren für mich etwas Besonderes, wobei mich der Inhalt der Briefe zu jener Zeit kaum interessierte. Heute bedaure ich meine damalige Aktion, durch die historische Kuverts zerstört und letztendlich vernichtet wurden.

Erhalten blieb ein Kuvert meiner Mutter mit einem Briefstempel vom 27.5.46. Er wurde für die Versendung nach ITALIA mit vier Briefmarken der Deutschen Post im Gesamtwert von 78 Pfennig frankiert. Der Brief wurde kontrolliert. Ich weiß nur noch, dass auf dem Klebeband ‚OPENED BY …‘ stand und dass es abgestempelt war mit den vier Worten ‚MILITARY CENSORSHIP … CIVIL MAILS‘.

In meiner Kindheit hatten wir in zwei Stuben Kachelöfen, im Schlafzimmer einen kleinen eisernen Ofen und in der Küche einen Küchen- sowie einen Gasherd. Letzterer war an einer großen Gasflasche angeschlossen. Wir mussten unsere beiden Gasflaschen abwechselnd zu einer Sammelstelle tragen, von der aus sie zum Auffüllen abtransportiert wurden. Und vielleicht schon am nächsten Tag konnten wir die etwas schwerer gewordene Gasflasche wieder abholen.

Geheizt wurde nur, wenn es notwendig war. In der kalten Jahreszeit brauchten wir mehrere Öfen. Dann war für das Anheizen mehr als eine halbe Stunde erforderlich: Überall war die alte Asche zu entleeren. Täglich mussten mit einem Eimer Holzstücke, Briketts oder auch Eierkohle geholt werden. Und dann galt es, mit zerknülltem Zeitungspapier, dünn gespaltenem Holz und wenigen Kohlestücken alles zum Brennen zu bringen. Auch bei Schnee und Frost war es selbstverständlich, Holz und Kohle von draußen aus dem Schuppen zu holen.

Doch ganz andere Bilder habe ich im Kopf von der damaligen warmen Jahreszeit. Ich erinnere mich, wie wir im Sommer draußen oft barfuß spielten. Und nicht selten waren wir vor dem Schlafengehen zu faul, noch Wasser zum Waschen zu holen.

Bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr waren wir abhängig von einer Pumpe, die auf einem Hof eines anderen Grundstücks stand. Bis dorthin über die Straße waren es etwa fünfzig Schritte. Im Winter passierte es mehrmals, dass kein Wasser aus der Pumpe kam. Es war gefroren. In diesen Situationen mussten wir mit heißem Wasser nachhelfen, das wir in die Pumpe auf das Gefrorene gossen. Also, etwas Wasser musste man immer im Haushalt parat haben. Wir gingen mit Wasser sparsam um. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass es daran mangelte. Wenn man Wasser brauchte und kaum noch etwas im großen Eimer war, dann musste man eben neues holen. Meistens mit einem Eimer, manchmal aber auch mit zwei.

Wasserholen war für uns etwas ganz Normales. Nur wenn Mutter ihren Waschtag hatte, dann hieß es für mich, mehrere Male Wasser mit zwei Eimern von der Pumpe heranzuschleppen. Schließlich sollte die Wäsche auch gründlich gespült werden.

Als ich etwa elf oder zwölf Jahre alt war, gab mir Vater beim Wasserholen noch ein Gedankenbild mit auf den Weg. Ganz entspannt wies er mich auf die Pflicht hin, verunglückten Menschen unter allen Bedingungen sofort zu helfen. Und in größter Selbstverständlichkeit sagte er, dass man dafür alle Kraft aufbringen müsse. Er sah die Wassereimer und meinte leicht schmunzelnd, dass man dann unter Umständen so viel Kraft brauche, wie wenn man zum Beispiel zwei volle Wassereimer zu Fuß bis in unsere Kreisstadt tragen müsste. Das beeindruckte mich sehr, denn bis zur Kreisstadt waren es vierzehn Kilometer ...!

Zum Glück trat diese Situation nie ein. Aber das Bild, das mir Vater über die Mobilisierung von Kräften mitgab, blieb nicht ohne Folgen. Aus der Not machte ich eine Tugend. Immer, wenn es möglich war, wollte ich unbedingt Wasser holen. Ich verband es mit einer Übung zur Ertüchtigung. Anfangs hob ich den vollen Wassereimer auch mal bis zur Brust. Später versuchte ich hin und wieder, den vollen Wassereimer an den gestreckten Armen kurz baumeln zu lassen. Ein Ritual war geboren, es machte Spaß.

Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit wurden mir immer wichtiger, wenn sie aus Einsicht in eigene Verantwortung entstanden. Wohin dagegen ein blinder Gehorsam führen kann, veranschaulicht Siegfried Lenz brillant in seinem Roman ‚Deutschstunde‘, in dessen Mittelpunkt die Frage nach den Freuden der Pflicht steht. Der Bestseller berührte mich sehr. Der Mensch glaubt, Berge versetzen zu können. Doch dabei kann er mit bloßen Händen nicht mal einen großen Stein heben. Er erkennt schnell die Grenze seiner körperlichen Kraft, nicht aber immer die seines Geistes.

Ich zähle, Gott sei Dank, zu der Generation, die nach dem Krieg aufgewachsen ist. Aber auch wir lebten einen Alltag, wie er heute oft schwer vorstellbar ist. Da gab es zum Beispiel unser Toilettenhäuschen aus Holz, ein Plumpsklo, gleich neben dem Misthaufen auf dem Hof. Mit fünf Familien war es zu teilen. Bis wir dann eines Tages, ich war dreizehn, das stille Örtchen mitten im Wohnhaus hatten, ein eigenes WC.

Doch zurück zum Sport. Mein Vater meldete mich persönlich in einem Judo-Verein an. Alles Weitere lag dann erst mal weitgehend an mir. Obwohl, einen wesentlichen Beitrag für meine sportliche Betätigung leistete meine Mutter. Ich sehe noch heute, wie sie sich meist am späten Abend mühte, den schweren, gewaschenen Judoanzug noch trockenzubügeln, da er am nächsten Tag gebraucht wurde.“

Tami ist sehr beeindruckt von der Rückschau ihres Vaters auf seine Kinder- und Jugendjahre. Sie stellt viele Fragen und nach einem regen Gedankenaustausch kommen die beiden frohgelaunt auf einige aktuelle Dinge zu sprechen.