Lass dich nicht verbiegen! Lass dich nicht brechen! - Beate Reinecker - E-Book

Lass dich nicht verbiegen! Lass dich nicht brechen! E-Book

Beate Reinecker

0,0

Beschreibung

Die Autorin Beate Reinecker beschreibt die Notwendigkeit einer Befreiung, einer Metamorphose, eines "big change", einer neuen Vision des Menschseins. In dem Buch geht es um den Verlust von Empathie, solidarischem Handeln und Selbstbestimmung. Sie möchte Mut machen zu Selbstreflexion und Veränderung, mahnt zu humanem Handeln und zur Übernahme demokratischer Verantwortung und warnt zugleich vor Selbstentfremdung.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 459

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhaltsverzeichnis

Einleitung

In einer globalisierten Welt

Lass dich nicht brechen!

Auf dem Weg zum seelenlosen Zombie

Zappelst du im Spinnennetz?

Zappelst du an Fäden?

Der Mantel des Schweigens

Die innere Stimme

Für die Phantasie – gegen die Luftschlösser!

Lass dich dir nicht wegnehmen!

Die Vielfalt des fremdbestimmten Elends

Für die »Paradiesvögel« – gegen die Anpassung!

Zünde keine »Nebelkerzen«!

Willst du überleben?

Was macht dich stark? Was macht dich schwach?

Das Weichei und der gemeine Mitläufer!

Bist du ein Mitläufer im Hamsterrad?

Das Loslassen

Die Schere im Kopf

Der Raubtierkapitalismus u. das individualisierte Weichei

Schweigend und verloren in Scheinwelten

Bist du durch den Weichspüler gegangen?

Mehr Schein als Sein

Willst du immer im Trend liegen?

Der mutige, authentische Mensch

Nimm dein Lebensruder in die Hand!

Spüre dich und rette dich!

Vermeide die Aushöhlung deines inneren Kerns

Keine giftige Gehirnwäsche!

Keine »Mindbombs«!

Das scheinbar ideale Menschenbild

Lass dir nicht dein Hirn vernebeln!

Werde nicht zum Opfer!

Im »Museum der Lügen«

Wahrheit braucht Mutige, die sie aussprechen

Jeder ist mutig, der der Wahrheit verpflichtet ist

Sich öffnen, sich selbst erleben, hinausgehen

Ein skurriler Maskenball

Die perfekte Tarnung

Stop it!

Nichts ist so unsexy wie eine hohle Birne!

Deine Aura ist deine Visitenkarte

Bist du Opfer einer »verkitschten« Lebensweise?

Die Notwendigkeit einer Befreiung

Deine Aura ist wie eine Visitenkarte

Dein Wachstum

Das Vermeiden von Aufklärung

Warum trauen sich Menschen nicht, sie selbst zu sein?

Der Eindimensionale und der Mehrdimensionale

Schwimmen gegen den Strom

Es geht um Menschlichkeit

Hat dich der Mainstream schon verschluckt?

Der heimliche Lehrplan

Wer will schon auf Philosophen hören?

Angst und Ohnmacht sind schlechte Berater!

Die »Rentenlügen«

Globale Lügen

Täuschungsmanöver

Du und deine Maskenbälle

Mein innerer Kern

Im Elfenbeinturm

Lasse deine Flamme niemals verglühen

!

Lippenbekenntnisse

Meide die Isolation! Meide die Abgehobenheit!

Was hält dich gefangen?

Unsere Verantwortung als Mensch erkennen

Was hält dich beweglich?

Machtmissbrauch

Selbstbestimmung

Metamorphose – The big Change«

Bitte keinen Konsumterror!

Meide Konsummentalität, pflege kreatives Chaos!

Ich denke, also bin ich! Ich fühle, also lebe ich!

Intrinsische Motivation und Lebensgestaltung

Entwickle deinen Traum!

Dein Lebensstrauß

Dein Kopf, dein Atelier

Deine Visionen

Ein Seismograf für Demokratie

Wenn du dich nicht mehr versteckst

Mut zur Veränderung

Verlass den Elfenbeinturm!

Kreise nicht nur um dich selbst

Interesse – für etwas brennen

Stehst du dir selbst im Weg?

Willst du gesund sein, gesund bleiben, gesund werden?

Entdecke dich!

Die Illusion des Habens

Warum ist die Selbstreflexion so wichtig?

Haben und Sein

Schätze deine Neugier aufs Leben

Egoismus und Glück

Du bist der Wellenreiter

Du und der blaue Dunst der großen weiten Welt

La Mer

Der multitasking Flüchtling

Du und deine Trampelpfade

Der »humane« Zeitgeist

Ist die Gesellschaft nachhaltig reformierbar?

Der Kampf hat begonnen

Was hindert dich, global zu denken?

Über alle Grenzen hinaus

Wir sind nur Gäste auf der Erde

Nimm dich ernst!

Begreife das Große und Ganze

Konstruktivität und Persönlichkeitswachstum

Der Pfropfen in unserem Kopf

Die Angstblockade

Komm raus aus deiner Schattenwelt!

Die Lüge als Sumpf des Lebens

Warum ist der Philosoph so vielen suspekt?

Ein Prozess innerer Umkehr

Die zu vermeidende Gleichgültigkeit

Das Leben als Überraschung

Die Schulung des Charakters

Genieße den Fluss des Lebens!

Werde achtsam! Unterbrich die Routine!

Jeder braucht einen Menschen, der an ihn glaubt

Flucht: Tarnen, täuschen und verpissen!

Verbanne das »innere Auge der Abwertung«!

Lebendige Philosophie

Gefahren auf dem Weg zu dir selbst

Philosophie als Weg aus der Dunkelheit

Das philosophische Auge

Der Philosoph als Entwickler von Lebenskonzepten

Der Philosoph als Utopist

Künstler brennen an beiden Enden

Prüfe dich! Kannst du vor dir selbst bestehen?

Lebst du in einer Parallelwelt?

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!

Öffne Augen und Herz, trau deinem Verstand!

Verwechsle nie Stabilität mit Stagnation!

Wer Anstöße geben will, muss anstößig sein!

Drohungen, Liebesentzug, Diskriminierungen

Vermeide die »Affenliebe«!

Liebe, Entlastung, Freiraum

Mäeutik und »sokratische Methode«

Nähe, Freiheit, Beziehung

Nähe, Freiheit, Wahrheit

Freiheit und Erkenntnis

Freiheit und Ideale

Beziehung und Wahrheit

Nichtauthentischer Mensch trifft authentischen Menschen

Kunst schafft Bewusstsein

Lebe niemals die Lüge

Bestechliche Charaktere

Bemühe dich um die Aufklärung

Der aufgeklärte Künstler

Lass dich dir nicht wegnehmen!

Lass dich niemals schmieren!

Verdrehung der Täter- und Opferrolle

Täter meiden die Wahrheit

Analysiere dich selbst und dein Leben!

Beginn mit dem Sein!

Lass dich nicht von Äußerlichkeiten einlullen!

Wer profitiert vom Kreisen um die Hülle?

Hinter die Kulissen schauen

Hüte dich vor Scheinwelten!

Nur Mut!

Dein Körper verfällt unaufhörlich

Stinkt es bei dir zum Himmel

?

Deine Bequemlichkeit ist dein Feind

Isolation durch Hoffnung?

Menschlichkeit und Kreativität – Ressourcen für morgen

Traumschlösser und Realitätsverlust

Dein Geschlecht darf nicht dein Schicksal sein!

Du als Teil der Evolution!

Geht nicht – gibt’s nicht!

Lass dir nicht deine Einzigartigkeit nehmen!

Die Zwangsjacke

Menschen lieben Menschen, die lachen und weinen

Gegen den Strom

Der Moralapostel

Die Sicherheitslüge

Nationalismus, Fundamentalismus, religiöser Faschismus

New York, New York – gedopt in New York

Du auf Kreuzfahrt

Du auf Kreuzfahrt, mit den geistigen Roststangen

Auf dich!

Was hindert uns auf dem Weg zum Bewusstsein?

Das globale Bewusstsein

Sterblichkeit und Überheblichkeit

Mein Anliegen

Einleitung

Ich hatte schon immer das Ziel, mich einzubringen, mit Haut und Haar, und das Leben so anzunehmen, wie es eben tickt. Ebenso die Menschen, die mir begegneten. Wenn wir uns trafen und ein Stück des Weges gemeinsam gingen, wunderbar! Und wenn wir uns dabei frei fühlten und harmonisch ergänzten, umso besser. »Liebe muss nicht bitten; auch nicht fordern. Liebe muss die Kraft haben, in sich selbst zur Gewissheit zu kommen«, schrieb einst HERMANN HESSE.

Mir wurde früh bewusst, dass wir uns nicht auf Erkenntnissen und dem Fundus unserer Erfahrungen ausruhen dürfen. Ich wollte meine Seele nie verkaufen. Und ich wollte nie Menschen gehören, denen ich mich nicht wirklich tief zugehörig fühle. Nie mit Menschen leben müssen, die manipuliert waren, die alles aussitzen oder ihr Fähnchen nach dem Winde drehen. Ich wollte mich selbst nicht für irgendwelche »Angebote« aufgeben. Jeder Tag bedarf der Wachsamkeit, des klaren Auges und des scharfen Verstandes! Wir sollten unser Bauchgefühl nicht überhören.

Zu uns selbst zu finden, zu unserem eigenen Kern, und diesen zu bewahren, ist eine zentrale Lebensaufgabe. Es wird jedoch von vielen Seiten versucht, uns davon abzubringen, uns zu manipulieren und zu verhindern, dass wir als Menschen vollständig erblühen. Allerlei Verlockungen und »Vorteile« werden uns in Aussicht gestellt, ja, wenn wir uns nur dem Mainstream anpassen. So finden wir uns schneller in Ketten vor, als wir glauben. Wir befinden uns in einem »goldenen Käfig«, noch bevor wir denken können. Plötzlich stellen wir fest, dass wir uns in »Sachzwängen« vollkommen verstrickt haben, in einer »Zwangsjacke« gefangen sind.

Wir alle können von unserem Kern entfremdet werden. Sofern wir uns selbst überhaupt spüren können, machen Angst und Harmoniebedürfnis es uns allzu oft schwer, an unseren inneren Impulsen festzuhalten. Wir können leicht verbogen werden. Und ein Mensch, der nah bei sich zu bleiben sucht, gilt manchen als »Spinner«, wird von anderen als »Traumtänzer« beschimpft.

Wir alle leben in einem Spannungsfeld aus eigener Erfahrung, biografischen Ereignissen, Familie und Herkunft – und der Gesellschaft, der Religion, des politischen Kontexts. Es werden daher ganz unterschiedliche, meist gänzlich widersprüchliche Erwartungen an uns gerichtet – und wir selbst entwickeln ebenso widersprüchliche Erwartungen an unser Dasein, an das Leben, auch an unsere Mitmenschen. Wir haben diverse Rollen zu erfüllen, als Frau, als Mann, als Kind oder Heranwachsende, als Schülerin, Student oder Arbeiter, als Ehefrau, vielleicht auch als Mutter, als Berufstätige, als Akademikerin, als Künstlerin. Wir versuchen den Bildern nachzueifern, die andere für uns entworfen haben und die uns in den Medien vorgehalten werden. Diese Bilder prägen uns unterbewusst. Und wir stellen entsprechende Rollenerwartungen an andere, fast immer ohne uns dessen bewusst zu sein. Wir können uns kaum dagegen wehren.

Dies alles überfordert die meisten von uns, zumindest zeitweilig. Der gesellschaftliche Druck, wie wir zu sein haben, drängt uns in Rollen, zu Verhaltensmustern, die uns kaum entsprechen. Wir alle sollen Leistung bringen, sollen konsumieren, funktionieren. Wir sollen arbeiten, um immer neue Güter zu erwerben. Kein Wunder, dass es uns schwer fällt, dabei unsere Bestimmung im Leben zu finden, zu unserer Selbstbestimmung und zur vollen Entfaltung unseres Potenzials zu gelangen, uns nicht zu verbiegen und zu erkennen, wofür unser Herz eigentlich schlägt.

Es geht hier also um Selbstfindung. Es geht um die Aushöhlung unseres Inneren, um eine Art »Gehirnwäsche«, die uns dem Mainstream verpflichtet. Es geht um den »Elfenbeinturm«, in dem sich viele von uns ängstlich und frustriert verkriechen. Es geht um die »verkitschte Lebensweise«, die uns tagtäglich auf sämtlichen Kanälen angepriesen wird. Es geht um das »Hamsterrad«, das »Spinnennetz«, in dem wir alle uns befinden. Es geht um das permanente »Kreisen um unsere Hülle«, mit dem wir unsere Mitmenschen beeindrucken wollen, aber gleichzeitig jeden Bezug zum Du verlieren. Es geht um unser verloren Sein in virtuellen Scheinwelten, um unsere »Schere im Kopf«, um den »Weichspülgang«, der unsere Träume und Visionen verblassen lässt. Es geht um die äußerst ungesunde Kompensation dieser sinnlosen Lebensweise, beispielsweise durch Konsum und Betäubungsmittel.

Es geht auch um den globalen Kontext, den wir meist verdrängen, der uns zu funktionierenden Rädchen des Raubtierkapitalismus macht, gleichzeitig zu Mittätern und Opfern. Ein Wechselspiel. Es geht um Systeme, die stellvertretend für uns gigantische Mauern und Grenzanlagen ziehen, die in unserem Namen Menschen verhungern lassen, die uns zu »seelenlosen Zombies« machen. Es geht um den Verlust unserer Empathie, unseres solidarischen Handelns, unserer Demokratien und unserer Selbstbestimmung. Um unser Mitläufertum, das Aufgeben von politischer Verantwortung, das Wegschauen – und immer wieder: das Verdrängen.

Es geht hier also um nicht weniger als die Notwendigkeit einer Befreiung, um unsere Metamorphose, “the big change”, um neue Lebenslust, um unser Wachstum, die Entwicklung unserer Phantasie. Es geht auch um Kunst, um Lebenskunst, Philosophie. Ich möchte Mut machen zur Selbstreflexion und Veränderung. Ich möchte dazu aufrufen, alte Trampelpfade zu verlassen, die »Pfropfen in unserem Kopf« zu lösen, Angstblockaden zu überwinden. Es geht um den Prozess einer inneren Umkehr, zu uns selbst. Es geht gleichzeitig um einen globalen Kampf. Ich möchte einen Aufbruch.

Obwohl ich von meiner akademischen Ausbildung her Philosophin bin, sind die hier vorgestellten Texte keine wissenschaftlichen Abhandlungen, keine akademischen Schriften, bilden kein in sich geschlossenes »philosophisches System«, nicht eigentlich eine Theorie. Ich stelle viele Fragen, stelle vieles in Frage, auch wenn ich selbst nicht immer Antworten darauf finden kann. Meine Texte spiegeln meine eigene tägliche Auseinandersetzung mit philosophischen, vor allem ethischen Fragen, mit Themen der Kunst, Ästhetik und Politik, insbesondere mit meiner Lebenspraxis. Sie sind Facetten meiner eigenen Denkbewegungen, ein intimes Kaleidoskop, das meine tägliche Selbstreflexion, Beobachtung und Kontemplation spiegelt. Sie dienen dazu, mich zu orientieren, zu ordnen und Erlebtes zu verarbeiten. Meine Methode ist die Philosophie.

Ich hatte mir während meines Studiums angewöhnt, alle Texte und Gedanken mit dem sezierenden Blick der Wissenschaftlerin zu betrachten. Gleichzeitig spürte ich, dass gerade dadurch viel verloren ging. Trotz meines »akademischen Auges« konnte ich mir ein berührt Werden durch die philosophischen Texte und ein tieferes Verständnis bewahren. Manche konnten mein Herz unmittelbar erreichen. Ein Werk, ein philosophischer Gedanke, erschließt sich nicht einfach durch akribische Analyse. Vieles spricht uns auch intuitiv an, ein Verständnis entwickelt sich erst später. Und was nutzen die philosophischen Konstrukte und Utopien, wenn wir sie nicht auch in unserem persönlichen Leben wiederentdecken – und anwenden? Die Liebe zur Wahrheit ist oft unbequem. Sie stößt auf Widerstand. Insbesondere auf den der akademischen Opportunisten. Es schmerzt mich, dass gerade die Stimme der Philosophie als angewandte Geisteswissenschaft in unserer Gesellschaft weitgehend fehlt, zumindest als aufrüttelnde, mahnende Kraft, die sich deutlich gegen die vielfach vorhandenen Missstände laut und kritisch Gehör verschafft. Es sind nur wenige, die mutig genug sind, für die Wahrheit einzutreten, für sie zu kämpfen. Die Zeiten ändern sich, aber die wahren Erkenntnisse der Philosophie überdauern, wenn auch häufig nur im Untergrund. Es mangelt uns nicht an fundierten Werken und ethischen Erkenntnissen, aber es besteht ein Mangel in ihrer Umsetzung.

Dies hatte ich schon während meiner Schulzeit intuitiv erkannt und in Essays, Zeichnungen und meiner Lebenspraxis sichtbar werden lassen. Aber es brauchte einige Zeit, bis ich nach meinem Studium eine eigene philosophische Praxis entwickeln und zu meiner Methode finden konnte.

Auch wenn in uns über den ganzen Tag hindurch Ideen und Gedanken gären, so finden wir selten Ruhe und Konzentration, ihnen nachzusinnen und daraus längere Abhandlungen zu formulieren. Ich habe mir daher schon vor vielen Jahren angewöhnt, meine Ideen in handlichen Notebooks, die ich ständig bei mir trage, zu notieren und in kleinen Zeichnungen, die die Inhalte knapp visualisieren, festzuhalten. Ich notiere mir diese unmittelbar und konsequent, auch nachts, bevor sie wieder verblassen könnten. Diese Einfälle spiegeln nicht nur kognitive Prozesse, nicht nur meinen Intellekt, sondern auch intuitive Denkbewegungen, Träume und Visionen. Gerade nachts unterliegt unser Denken weniger der Kontrolle des Intellekts, ist weniger einer strengen Logik unterworfen, kann frei fließen, entfaltet sein volles Potenzial. Viele Wissenschaftler berichten davon, dass sie in solchen Situationen, während der Entspannung oder sogar im Schlaf, ihre besten Einfälle hatten oder zu überraschenden Lösungen fanden.

Mir ist bewusst, wie subtil die Energie ist, die solche Denkbewegungen speist. Wenn wir solche »Eingebungen«, die oft nur für den Bruchteil einer Sekunde unser Bewusstsein erreichen, nicht unmittelbar festhalten, sind sie dem Vergessen preisgegeben, zumindest für gewisse Zeit.

Ich nutze die frühen Morgenstunden, in denen mein Gehirn entspannt, frisch und unbelastet ist, voller Energie und Kreativität, und in denen die klärenden Denkbewegungen der Nacht noch nachwirken, die Nervenimpulse »nachfeuern«. Die intuitiv gefundenen Lösungen können dann in »Sätze«, in nachvollziehbare Aussagen, in Sprache »hinübergerettet« werden. Wenn mir dies gelingt, löst es tiefe Zufriedenheit in mir aus, das Gefühl einer

Übereinstimmung mit mir und der Welt, ja, Glücksempfindungen. Ich kann so mein Bewusstsein mit meiner Intuition verbinden, mein Inneres transportieren. Die Kunst der Philosophie bedeutet mehr, als bloß logische Sätze zu formulieren; Weisheit entspringt einer tiefen Erkenntnis unserer selbst und einer intuitiven Verbindung mit dem Unter- und Überbewusstsein.

Bloße Rationalität oder Vorurteile schränken uns dagegen ein, machen uns unfrei und nehmen uns die Chance, Intuitionen zu »empfangen«. Wir können dies jedoch trainieren. Wir können Ängste gegenüber Neuem überwinden. Wir können einen Zustand der »Durchlässigkeit« erreichen, der Transzendenz. Das nicht zu Erklärende muss dabei nicht falsch sein. Manchmal ist auch Geduld erforderlich, um zu einem späteren Zeitpunkt Verständnis zu entwickeln und Zusammenhänge rational nachvollziehen zu können. Vielleicht klopft etwas in uns sogar mehrfach an, aber solange wir noch nicht reif dafür sind, diese Inhalte bewusst zu denken, können wir sie nicht in unsere Persönlichkeit integrieren. Ängste verhindern, dass wir uns diesen Denkbewegungen öffnen können, führen zu Blockaden, oder aber die Energie dieser Bewegungen ist noch zu schwach und verblasst schnell. Philosophieren heißt auch, sich darin zu üben, frei zu sein.

Vor einigen Jahren habe ich damit begonnen, die eher flüchtig festgehaltenen Gedankenskizzen in großformatigen Collagen zu visualisieren. In meinem kleinen Atelier pinselte ich philosophische Sätze, Appelle und Affirmationen auf die Leinwand, klebte passende Fotos und Zeitungsausschnitte hinzu, malte sie zu thematisch bezogenen Acryl-Gemälden aus. Oder ich entwarf große Zeichnungen zu den Themen, fügte Appelle wie Graffiti hinzu. Dabei war hilfreich, dass das Fach Kunst eines meiner Abiturfächer gewesen war und ich mich bereits seit meiner Kindheit mit der Malerei beschäftigt hatte.

Durch die Form der künstlerischen Visualisierung werden die philosophischen Themen und Sätze noch einmal enorm aufgeladen; an dem kreativen Prozess sind beide Gehirnhälften stark beteiligt. Ein Gefühl des Flow stellt sich oft schon nach kurzer Zeit ein. Eine Session dauert etwa sechs Stunden, und nach einer Ergänzung des Bildes am nächsten Tag widme ich mich einem neuen Thema.

Anschließend ist ein Thema, ein Gedanke, so »aufgeheizt«, dass ich die so gewonnene Energie für den Schreibprozess nutzen und das Thema in einem Aufsatz ausarbeiten kann. Über die Jahre füllte sich der Raum meines Ateliers so mit zahlreichen Bildern und in den Ablagen meines Schreibplatzes türmen sich Stapel von College-Blöcken. Die für diesen Band noch einmal intensiv überarbeiteten Texte sind nur ein kleiner Ausschnitt meiner Sammlung.

Die Collagen und Aufsätze sind das Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit mir und mit der Welt, das intime Resultat von Introspektion und Selbstkonfrontation, Selbstanalyse, Katharsis. Die vielen »Appelle« sind zunächst an mich selbst gerichtet, sollen mich als Affirmationen auf meinem eigenen Weg stärken, in meinem Denken und Verhalten festigen, sind Ermutigung, Zuspruch – und Ausdruck einer Befreiung. Sie warnen vor schlechten Gewohnheiten, vor Gier, vor Konsumterror und dem Mainstream, vor Destruktion, Unfreiheit und Entfremdung.

Meine Appelle sind ein Instrument meiner eigenen Befreiung, meiner Selbstreinigung; sie stehen den autoritären Befehlen und Appellen gegenüber, die im Laufe meines Lebens an mich gerichtet wurden, die mich getroffen und verletzt haben, mich klein machen sollten. Die Masse dieser Appelle, ihre Einschränkungen und Destruktivität, erforderte Klartext, einen kräftigen Ton, kräftige Farben; es sollte ein unübersehbar und unüberhörbar deutliches Zeichen an mich selbst gesetzt werden, es sollte ein Weckruf sein. Mir wurde bewusst, dass die Kürze unserer Lebensspanne klare Ansagen erfordert. Auch der Zustand unserer Welt, die Masse der falschen Entscheidungen der Politik, die uns täglich zu Ohren kommt, zwingt mich zu einer klaren Aussprache. Insofern richten sich meine Appelle gegen die Unterdrückung, gegen das Verbiegen, gegen das Zerbrechen. Die Leser und Leserinnen mögen meine Appelle auch auf sich beziehen. Ich will jedoch keine autoritären Sätze an Leser und Betrachter richten, ich will das Gegenteil: Ich will mir selbst und anderen Mut machen, uns selbst wachzurufen und aufzurütteln. Ich will Kraft mobilisieren und die Dynamik beschleunigen, in der Kürze unseres Daseins zur vollen Entfaltung zu kommen. Ich möchte dazu beitragen, dass wir alle die Steine aus dem Weg räumen, die bislang verhindern, dass wir uns selbst verwirklichen.

Im Jahre 1959 wurde ich in Essen-Werden geboren. Die ersten acht Jahre verbrachte ich mit den urtümlichen Menschen des Ruhrgebiets. Sie sprachen eine schnörkellose Sprache, geradeheraus, offen und unkompliziert. Sie zeigten deutlich ihre Gefühle.

Die Erinnerung an meine Kindheit ist prall gefüllt mit Bildern vom Spiel mit anderen Kindern, vom Gummitwist, Seilchenspringen, Rollschuhfahren, dem Malen mit bunter Kreide auf dem Asphalt. Wir bildeten Banden und nahmen uns im Bandenkrieg gegenseitig die Socken ab. Wir erkundeten Schrebergärten, alte Bunker – übriggeblieben vom letzten Krieg, die Straßen unserer Umgebung, die ganze Stadt. Alles war verboten. Doch wir alle tun ja auch gern Verbotenes. Abends habe ich gebeichtet.

Im Fernsehen liefen Lassie, Flipper und Fury. Ich war zeitweilig dafür bekannt, dass ich den wilden Mustang Fury so gut imitieren und so laut wiehern konnte, dass die Nachbarn aus ihren Fenstern guckten. Manchmal legten sie sich Kissen in ihre Fenster und sahen unserem Spiel zu: Ruhrpott-Kino. Auf der Toilette trällerte ich Drafi Deutscher (»Marmorstein und Eisen bricht …«) bis die Nachbarn meinen Eltern prophezeiten, dass ich ganz bestimmt einmal eine berühmte Sängerin werden würde. Und Heintje: »Maaamaaa«. Tagelang lösten Fernsehserien kalte Schauer aus: Belphégor!

Auch viele Stunden des intensiven Malens sind in meiner Erinnerung tief verankert. Wasserfarben und Zeichenstifte wurden nahezu täglich genutzt, um dem Innenleben Ausdruck zu verleihen. Ebenso das freie Erfinden von immer neuen Abenteuern, draußen mit den anderen. Die Gruppendynamik beim freien Spiel schulte – ganz beiläufig – unsere Kommunikation und unser Sozialverhalten.

Frühe Reflexionen über den Tod, über die Vergänglichkeit, sind mir bis heute im Gedächtnis, ausgelöst auch durch die vielen Friedhofsbesuche in meiner Kindheit.

Ein prägendes Erlebnis war der Tod meines Urgroßvaters, der in unserer Wohnung verstarb, als ich etwa drei Jahre alt war. Ich wartete in der Küche auf meine Verwandten, weil ich das Zimmer meines Urgroßvaters nicht betreten sollte, der nebenan im Sterben lag. Ich versuchte mir vorzustellen, was totsein, was Sterben bedeutet. Später, als ich am frisch aufgeschütteten Grab des Urgroßvaters stand, konnte ich nicht begreifen, dass dieser Mensch nun unter der Erde lag, mit dem ich täglich so viel Zeit verbracht hatte. Ich war in seinem Zimmer immer willkommen gewesen, und er hatte mir aus Texten vorgelesen, die er selbst verfasst hatte: Er beschrieb Heidelandschaften im Nebel, dichtete über die Natur, über die Liebe, über das Leben allgemein. Natürlich konnte ich seine Texte damals noch nicht verstehen, aber ich begriff, dass sie aus seinem tiefsten Innern kamen. Und sie haben in dem Moment mein Herz berührt. In seinem Zimmer spürte ich eine Aura der Ruhe, der Gelassenheit, der Liebe und Kreativität.

Seine Tochter, meine Oma, hatte mir stundenlang aus Märchenbüchern vorgelesen und mit ihrer Stimme alles sehr anschaulich herübergebracht, so dass die Figuren der Märchenwelt meine Phantasie beflügelten.

Ihr Mann, mein Großvater, malte. Seine Motive waren schöne, dekorative Bilder, vor allem Blumen. Er war auch handwerklich äußerst begabt und schmiedete Lampen, Besteck, Haushaltsinterieur. Wenn ich seine Wohnung betrat, lud er mich sofort dazu ein, Häuser und Straßen und ganze Städte aus Streichhölzern auf dem Fußboden zu legen. Er fläzte sich dann neben mich auf den Boden. Wir verzierten die Straßen und Wege mit Nüssen, während uns Oma Kartoffelsalat auf dem Fußboden servierte. Manchmal ließen wir meinen Goldhamster die Streichholz-Straßen entlanglaufen. Oder ich war der »Löwe mit dem goldenen Puschel«, habe gebrüllt, versteckte mich in Höhlen aus Decken, war glücklich.

Gelegentlich erzählte Opa mir auch vom Krieg, in dem er seine Zehen verloren hatte: Sie waren ihm erfroren und mussten amputiert werden. Er lief seither mit orthopädischen Schuhen und stets am Stock. Seine Frau ging immer – ganz langsam – neben ihm her.

An der Front hatte mein Opa miterlebt, wie einem seiner Kumpel die Beine von einer Granate zerfetzt worden waren. Er hatte immer wieder nach Wasser geschrien. Und mein Opa hatte verzweifelt versucht, im Kugelhagel seinem Freund Wasser zu bringen – bis dieser schließlich verblutet war. Zeit seines Lebens spürte ich, dass mein Großvater durch den Krieg traumatisiert worden war. So wurde schon in meiner Kindheit der Keim für meine pazifistische Einstellung gelegt.

Die Schilderungen, Bilder und Eindrücke unserer Kindheit prägen unseren Blick auf die Welt vielleicht viel nachhaltiger, als uns dies bewusst wird.

Mit acht Jahren zog ich mit meiner Familie von Essen nach Everswinkel ins Westfälische, natürlich nicht freiwillig, musste ich doch alle meine Freunde zurücklassen. Es war ein schmerzlicher Einschnitt, auch für meine Großeltern.

Das dörfliche Umfeld war so ganz anders als das städtische im Ruhrgebiet. Ich besuchte das Aufbau-Gymnasium in Warendorf. 1977 machte ich dort mein Abitur. Es folgte das bewusst gewählte Studium der Germanistik, Philosophie (und als Begleitfach Pädagogik). Mein Anliegen war es, zu zentralen Themen des Lebens vorzudringen: die Entfaltung des Selbst, der Schutz des Individuums (vor allem Schutz der Armen, Schwachen, Kranken und Kinder), die Unterdrückung allgemein. Weitere Themen: Frieden, Gerechtigkeit, die Gier. Frauen und Männer sollten sich verwirklichen können. Die Frage, wie wir besser kommunizieren, war mir ebenfalls wichtig. Ich wandte mich gegen den Rassismus, gegen Krieg, gegen die permanente Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur. Ich teilte (und teile bis heute) mit vielen Menschen das Ziel, ein friedliches Miteinander, ein erfülltes Dasein, das selbstbestimmte Ausleben der eigenen Persönlichkeit zu ermöglichen.

Mir wurde sehr früh deutlich, dass die Menschen – teilweise aus bloßer Profitgier, teilweise um höheres Ansehen zu erlangen – alle Probleme ausblenden. Umso mehr fühlte ich mich dazu verpflichtet, die freie Entfaltung in Würde, in Respekt, in einer gewaltfreien Umgebung zu fordern, wandte mich gegen Rassismus, gegen Unterdrückung, demonstrierte gegen Folter, gegen Atomkraftwerke, gegen Krieg, gegen Ausbeutung. Ich wollte insbesondere dem Konkurrenzgedanken keine Chance geben. Ich wollte Solidarität statt Angst vor Armut, statt gesellschaftlicher Ausgrenzung. Ich misstraute der Mentalität der Wirtschaftswunderzeit, die ich als Kind noch miterlebt hatte.

Ich mochte die Botschaften der Werbung nicht, nicht den Geist des Weines, der angeblich in einem Weinbrand steckte, nicht Tante Tilly, die die Finger ihrer Kundinnen in Spülmittel tunkte, nicht den Duft der weiten Welt, der angeblich von Zigaretten verbreitet wurde und mit denen alles wie von selbst gehen sollte. Mir gingen auch die vielen Hausfrauen auf den Senkel, deren Leben ganz im Backen, Kochen, Putzen und in der Familienwäsche aufging. Ich wollte für die Frauen mehr als nur das.

Meine Vorbilder waren u. a. Künstler, die sich selbst auslebten, die mit kräftiger Stimme, guter Literatur und in mitreißenden Bildern ihr Innenleben präsentieren konnten. Es waren Menschen jeden Alters, jeder Kultur und Hautfarbe. Es waren Menschen wie PABLO PICASSO, der mit großer Strahlkraft bis ins hohe Alter konsequent an seinen Visionen festhielt und sowohl künstlerisch als auch politisch arbeitete. Solche Menschen, die gegen den Strom schwammen, hatten große Ideale. Sie fürchteten keine Repression. Wer alles verplant oder sich nichts traut, kann das Leben nicht kennenlernen. Solange man lebt, muss man wagen, das pure Leben zu schmecken – sapere aude! –, versuchen, zu verstehen und immer weiter lernen. Man muss seine Angst überwinden. Die Welt ist reich und unerschöpflich. Wenn man offen und neugierig bleibt, ist das Leben eine spannende Aufgabe – und bleibt Herausforderung bis in den Tod. Die eigene Neugier gibt dem Selbst die Strahlkraft.

HERMANN HESSE war ebenso eine zentrale Figur, weil er in seinen Werken die Liebe, den Lebensfluss, ein freies Denken, Authentizität und die bewusstseinserweiternde Grenzüberschreitung suchte. Ich wollte an meine Ideale nicht nur glauben, sondern sie auch ausprobieren, sie leben. Denker und Dichter waren meine Vorbilder. Ich war dabei nicht festgelegt auf eine bestimmte Epoche. Für mich war ausschlaggebend, dass ich mich von der Literatur, der Malerei, der Bühnenkunst angezogen fühlte und mich mit Form und Inhalt identifizieren konnte. GOETHE, KLEIST und KAFKA gehörten dazu. Und BÜCHNER. Aber auch WALTER BENJAMIN, GÜNTER GRASS. Und die ROLLING STONES, JIMI HENDRIX, DOORS, SANTANA, DORO PESCH und LINKIN PARK.

Philosophie, Musik, Kunst – und nicht zuletzt das Reisen – wurden zum Motor meines Lebens, gaben mir Orientierung und Schwung. Die Identifikation mit den Künstlern war auch Trost in schweren Stunden.

Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums widmete ich mich der Erziehung meiner beiden Kinder. Ich wollte ihnen möglichst viel Raum, viel Freiheit geben, um ihre Persönlichkeit, ihre Anlagen, ihre Interessen optimal reifen zu lassen. Wir besuchten täglich Spielplätze und Parks; kein Wetter konnte uns abhalten – und die Wohnung sah ebenso wie ein Spielplatz aus. Es waren immer viele Kinder bei uns zu Besuch. Dennoch vernachlässigte ich nicht mein philosophisches Forschen nach Antworten auf Fragen der menschlichen Existenz. In den Abendstunden las ich und schrieb: „Worauf kommt es im Leben eigentlich an? Wie kann eine ethische Ausrichtung in Freiheit und Selbstverantwortung aussehen? Wie kann Individualität geschützt und gefördert werden?“

Die Partizipation an Gedachtem längst vergangener Epochen, das Lesen der Werke von Philosophen und Literaten, das berührt Sein durch das Betrachten von Kunst, die emotionale, seelische und intellektuelle Auseinandersetzung mit Musik in Kombination mit Texten eröffnete neue Welten, Zugänge, Teilhabe am menschlichen Ausdruck, der über das Alltägliche, das Notwendige, das Profane und das Ritualisierte hinausging. Das Partizipieren an Kultur gab mir wichtige Impulse, wirbelte mein Inneres durcheinander und ordnete es gleichermaßen. Ebenso wertvoll waren und sind die Gespräche und intensiven mitmenschlichen Auseinandersetzungen. Viele Reisen in andere Länder abseits der touristischen Routen lenkten meinen Blick auf ein Leben, das in ständig wechselnden Ausprägungen und mit immer anderen Schwerpunkten seinen Ausdruck findet. Intensive Gespräche mit Einheimischen anderer Länder gaben Aufschluss über ihre Sichtweisen und Vorlieben. Andere Kulturen (mit ihren Religionen, Gebräuchen und Lebensformen) weiteten meine Perspektive, schärften den Blick für globale Fragen menschlicher Existenz.

Meine Suche setzt sich bis heute fort. Mit Sorge verfolge ich die Entwicklungen unserer Gesellschaft, die sich durch technischen Fortschritt und Demografie bereits drastisch verändert hat (und in den kommenden Jahren noch drastischer verändern wird), und der Länder und Kulturen an der Peripherie, in denen sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet, ihren wirtschaftlichen und politischen Niedergang sowie ihre kriegerischen Konflikte, die wiederum Raum für Fundamentalismen aller Art eröffnen. Dies alles erfordert unseren kritischen Blick. Wir können nicht einfach wegschauen. Unser Aufbruch erfordert, auf einander zuzugehen, uns zuzuhören. Wir können das Leben nicht nur aus zweiter Hand kennenlernen, ausschließlich aus Büchern oder Filmen. Wir können uns nicht wegducken, müssen uns einbringen, uns mitten ins Leben werfen. Es ist Zeit, Farbe zu bekennen.

Foto links: 17 Jahre alt (auf dem Schulhof mit Freundin Hiltrud).

Meine ersten acht Jahre habe ich in Essen verbracht. Später zogen wir nach Everswinkel (Westfalen), wo ich das Auf-bau-Gymnasium in Warendorf besuchte.

Das Porträt zeigt mich in unterschiedlichen Phasen mit 17/18 Jahren. (Zeichnung: Benno Sökeland)

Mit 18 begann ich mein Studium der Philosophie und Germanistik an der Westf. Wilhelms-Universität zu Münster

Benno Sökeland und ich vor einigen Jahren während einer seiner Ausstellungen in Sassenberg. Benno ist nicht nur Maler, Designer, sondern auch ein hervorragender Gitarrist.

rechts oben: Porträt (Foto: Edith Glischke, Düsseldorf)

rechts unten: mit Freundin Johanna. (Foto: Mario Gessi)

In Akaba (Jordanien).

Mit 19 begann eine Phase des Reisens: Mit einem alten Mercedes von Münster über Griechenland, Türkei bis nach Damaskus (Syrien), mit dem Bus weiter nach Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens, und nach Amman (Jordanien).

unten: Überall begegnete uns Gastfreundschaft und Neugier: Mit Werner Sommer zu Besuch bei einer christlichen Familie in Aleppo, die uns im Bus angesprochen und spontan eingeladen hatte.

Wüste soweit der Horizont reicht: mit Werner, der nahezu die ganze Welt bereist hat, zwischen Jordanien und Syrien. Auch für die Wüstenbewohner ist Gastfreundschaft heilig.

Aufstieg mit Werner und seinem Freund Salah Saluha zu einer der bewohnten Höhlen im Gebirge in der Umgebung von Damaskus.

Im Gespräch mit Salah in einem »Hab-libabli«-Café in Damaskus, das Frauen normalerweise nicht betreten dürfen.

Spaß mit dem Fotoautomaten in Münsters Bahnhof und (oben rechts:) mit 25 Jahren in Matala auf Kreta, einem alten Fischerdorf, damals besonders beliebt bei »Hippies« und Globetrottern aus aller Welt.

Unten: Tagesausflug mit Wolfgang auf Ibiza

Und immer wieder Mallorca: Dieter im Hafen von Cala Figuera

Abendparty bei unserem Freund Willem Holtslag in Sa Rapita. Willy hatte als Architekt zahlreiche Häuser in Form von Iglus geschaffen, deren große Fenster mich an »Augen« erinnerten und sich zu Plätzen öffneten, die zur Begegnung einladen. Die Kinder fanden sich hier immer schnell zu kleinen Banden zusammen.

Inzwischen sind meine beiden Kinder längst erwachsen und außer Haus: Felix hat für sich die Kunst entdeckt und Svenja die Sozialarbeit und den Tanz (hier in unserer Küche mit Milan).

Orte, an denen ich gerne bin: (links) mit Dieter vor unserer Terrasse, die unsere Küche in den Garten verlängert,

(rechts) auf einem der vielen romantischen »Philosophenwege« in Münster,

(unten) auf dem »Philosophenspielplatz«, so nenne ich den alten Hörster Friedhof ganz in der Nähe unserer Wohnung, auf dem ich mich entspanne (und Milan frei herumtollen darf). Fotos: F.-H. Richter (S. →–28)

In meinem Atelier entstanden 2007–2010 Gemälde und Collagen mit Texten. Mich inspirierten u. a. Konzerte, Bücher und Fotos von Rockbands, und selbstverständlich auch die Begegnungen mit ihnen. Die Collagen spiegeln meine philosophischen Ideen, die ich zunächst in Notebooks festhalte.

Malerei und Collage als Denkmethode: Die visuell entwickelten Themen dienen als Vorlage für vertiefende Texte. Ich habe mir angewöhnt, täglich daran zu arbeiten.

In einer globalisierten Welt

Der Mensch, der Einzelne, ist häufig damit überfordert, sich ein Bild, eine realistische Einschätzung seines Lebensumfeldes zu erarbeiten. Die tägliche Informationsflut, eigene soziale, psychische und wirtschaftliche Probleme belasten jeden Menschen. Wir alle sind von den weltweiten, aber auch den ganz nahen, ganz persönlichen Problemen betroffen. Keiner kann sich davon freisprechen.

Die Philosophie bietet (wie die Psychologie) Möglichkeiten der Erkenntnis und der Verarbeitung an. Es wird in der Wissenschaft geforscht und viel zu den drängenden Themen des Menschseins veröffentlicht. »Alles hängt mit allem zusammen!« Politik wird nicht in einem Vakuum betrieben. Sie hängt von Staatsformen, Staatsverträgen, gesellschaftlichen Veränderungen und dem Einfluss aus Politik und Wirtschaft ab. Ethikkommissionen, Anregungen mündiger Bürger zeigen, dass nicht nur der Politiker gefordert ist, sich zu informieren und zu orientieren, sondern jeder Einzelne in dieser Gesellschaft. Jeder ist gefordert, sich ein Bild von seiner Umgebung, von der Zeit, in der er lebt, von seinem eingebunden Sein in die Gesellschaft zu erarbeiten. Die unterschiedlichen Wissenschaftsbereiche forschen und lehren, die fächerübergreifenden Kommissionen tagen und die einzelnen Sachverständigen beraten sich. Der mündige Bürger möchte sich informieren und aufgeklärt werden. Der Wechsel zwischen dem individuell orientierten Reflektieren und dem gesellschaftspolitischen, global orientierten Denken und Forschen führt zu einer Betrachtungsweise über den eigenen Tellerrand hinaus. Das egozentrierte Nur-um-sich-selbst-Kreisen kann aufgelöst werden, wenn man sich als soziales Wesen und als ein global eingebundenes Ich verstehen kann. Dazu gehört es, individuelle Themen bewusst zu reflektieren und dabei gesellschaftliche Voraussetzungen mit einzubeziehen. Jeder Einzelne lebt nicht losgelöst von der Gesellschaft, vom Zeitgeist und der Beeinflussung von außen. Wir alle sind Teil dieser Gesellschaft, dieser Zeit – und dennoch oder gerade deshalb ist es so wichtig, sich einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten. Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, ja, eine eigene Identität können nicht erreicht werden, wenn der Einzelne nur reagiert. Die eigene Persönlichkeit bedeutet eine große Verantwortung für jeden Einzelnen.

Wer bin ich?

Wozu stehe ich?

Welche Werte vertrete ich?

Was macht mich tief im inneren Kern aus?

Welchen Platz nehme ich innerhalb der Gesellschaft ein?

Welche Haltung und Einschätzung nenne ich im Kontext der Globalisierung mein Eigen?

Diese komplizierte, schnelllebige Zeit wirft täglich neue Fragen auf. »Alles hängt mit allem zusammen!« In einer globalisierten Welt bekommt dieser Satz eine ganz eigene Bedeutung und Dynamik. Die Informationsflut fordert jeden Einzelnen heraus. Die Länder- und kulturübergreifende Informationsvernetzung schafft die Voraussetzung für Aufklärung und den Zugang zu einem extremen Informationsangebot. Jeder, der Zugang zum Internet und ein Mindestmaß an Bildung genossen hat, sprich: lesen und schreiben kann, partizipiert am globalen Netz. Der Einzelne befindet sich nicht länger in einer kulturellen Nische. Die eigene Religion, Kultur, der individuelle Lebensraum können als eines unter vielen reflektiert werden. Der Mensch kann über den eigenen Tellerrand hinausschauen und Werte, ethische Komponenten reflektieren, die für jeden Menschen weltweit von Bedeutung sind. Es geht dabei um Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und eine globale Sicht auf die Welt. Die Umverteilung von Ressourcen, die Lösung von weltweiten Problemen (wie Armut, Klima) und die Lösung von Konflikten aller Art rücken bei einer globalen Betrachtung in den Vordergrund. Der Schrei nach Gerechtigkeit auf dem fruchtbaren Boden eines ethischen Bewusstseins ist auf der ganzen Welt zu hören. Wir brauchen starke, mündige, aufgeklärte Persönlichkeiten, die im Zuge eines globalen Bewusstseins ethische Konzepte liefern. Die Appelle »Lass dich nicht verbiegen! Lass dich nicht brechen!« sind tragende Säulen in meiner Philosophie. Sie zogen sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Stationen meines Lebens und meiner Arbeit – und zeigten ihre Relevanz unter immer neuen Gesichtspunkten. Der Ruf nach Wahrung der Würde, in jedem Alter, in jeder Lebenssituation, in jeder Notsituation, wird in ihnen hörbar. Der Anspruch auf ein würdevolles Leben kommt in den Appellen »Lass dich nicht verbiegen! Lass dich nicht brechen!« zum Ausdruck, soll doch die Demütigung des Einzelnen unterlassen, vermieden werden. Jede Lebenssituation, jede Notsituation, in der ein Mensch sich befinden kann, birgt die Gefahr einer Erniedrigung, Abwertung und der Würdelosigkeit. Jeder Mensch ist eingebunden in ganz individuelle Systeme. Diese bedeuten eine immense Herausforderung bezüglich der Wahrung und Entfaltung der Persönlichkeit. Seine Identität zum Ausdruck zu bringen und seine Würde in jedem Alter bewahren zu können, stellt für den Menschen eine Herausforderung, eine Lebensaufgabe dar. Die Stolpersteine, die Hürden, die psychischen Vergiftungen müssen erkannt und als Gefahr für das eigene Selbst gebannt werden. Es geht um ein Leben ohne Demütigungen und Erniedrigungen.

Lass dich nicht brechen!

Vor allem Menschen, die nicht gelernt haben oder lernen durften, auf ihre innere Stimme zu hören, die ihnen sagen kann, was für ihre eigene Persönlichkeit förderlich ist, sind in größter Gefahr, sich immer weiter von ihrer natürlichen Persönlichkeitsstruktur zu entfernen. Der Prozess der Entfremdung wird oftmals nicht ausreichend wahrgenommen. Das beklemmende Unwohlsein wird überspielt, nicht ernst genommen. Manifestiert sich die Entfremdung immer mehr, so kann es zu schweren psychischen Störungen kommen. Der oder die Betroffene kann suchtabhängig, depressiv oder psychotisch werden. Sie können oft nicht mehr unterscheiden zwischen ihren eigentlichen, natürlichen, ihnen guttuenden Wünschen und Vorstellungen und den Forderungen, die von anderen an sie herangetragen werden. Man muss dabei streng zwischen den Lebenssituationen unterscheiden, etwa der Arbeitswelt mit ihren legitimen Aufgaben, wo das Individuum leider auch mal fremdbestimmte Anweisungen zu erfüllen hat, und dem natürlichen Privatbereich, wo sich die menschliche Identität nach ihren genetischen, ursprünglichen Neigungen entfalten könnte. Wird von einer Person immer wieder und immer hartnäckiger Anpassung, Verzicht und Selbstaufgabe erwartet, so muss sich niemand wundern, dass die Betroffenen irgendwann zusammenbrechen oder schlichtweg nur noch vegetieren. Denn: Ihre eigentliche Meinung ist ja nicht gefragt. Ihre eigentlichen Bedürfnisse werden nicht ernst genommen. Es wird ihnen ein fremdbestimmender Anforderungs- und Anpassungskatalog übergestülpt. Sie werden quasi entmündigt. Wer dies über sich ergehen lässt, verliert irgendwann den unmittelbaren Kontakt zu seiner ursprünglichen Persönlichkeit. Heftige Stimmungsschwankungen, Aggressivität und schließlich Teilnahmslosigkeit sind oft die Folge. Daher die Appelle:

»Lass dich nicht verbiegen!

Lass dich nicht brechen!

Lass dich nicht zerbrechen!

Lass dich nicht geistig spalten!«

Der Bezug zu mir selbst ist die Grundvoraussetzung für ein seelisch und körperlich gesundes Leben. Daher ist es ratsam, eine möglichst hohe Übereinstimmung von Privat- und Arbeitsbereich mit seinen Aufgaben und Anforderungen und meiner ursprünglichen, natürlichen Persönlichkeit zu realisieren. Zu vegetieren und fremdbestimmt zu funktionieren ist eine total unbefriedigende und krankmachende Lebenssituation. Daher die Appelle:

»Habe Mut!

Höre auf deine eigene innere Stimme!

Gib die eigene Stimme frei!

Lebe dich!

Respektiere dich!«

Auf dem Weg zum seelenlosen Zombie

Jeder Mensch hat genetisch bedingte Neigungen, eigene Vorlieben und Merkmale einer Persönlichkeit mitbekommen. Eine »naturgegebene« Veranlagung. Jeder kann sich glücklich schätzen, wenn in seiner Kindheit diese Neigungen und der natürlich angelegte Charakter unterstützt und gefördert wurden, wenn ihm als Kind oder Jugendlicher nicht das »Rückgrat« gebrochen wurde. Vielen Jugendlichen (und später den Erwachsenen) wird nicht bewusst, dass sie eventuell manipuliert und indoktriniert wurden. Wenn die naturgegebenen Neigungen und Charaktereigenschaften in der Vita nicht ausgelebt werden können, wenn Interessen und eigene Vorstellungen nicht ihre Verwirklichung finden, fühlt sich das Individuum unverstanden, unwohl, ungeliebt, nicht angenommen. Die Person hat dann das Gefühl, am Leben vorbei zu leben, nicht ausgefüllt, nicht erfüllt zu sein. In der heutigen Zeit hat kaum jemand Verständnis für spezielle, individuelle Vorlieben. Diese stören beim Funktionieren. Man schaue sich die genormte, gleichgeschaltete Arbeitswelt an. Nur in wenigen Berufen ist uneingeschränkte Kreativität gefragt. Ansonsten ist die »Schere im Kopf« angesagt. Schon im Vorfeld sollen unangepasste, einfach unbequeme oder vielleicht ganz neue Ideen herausgefiltert werden. Man muss nicht besonders betonen, dass jeder Einzelne natürlich möglichst systemimmanent »ticken« soll. Was heißt das? Haben wir nicht alle die Möglichkeit in dieser ach so freien, vielfältigen Gesellschaft, unseren ganz individuellen, selbstbestimmten Platz zu finden? Jeder möge sich selbst fragen: »Kann ich meine Talente einbringen?« »Wie viele ›faule‹ Kompromisse muss ich täglich eingehen?« »Stehe ich zu meiner Meinung?« »Kann ich sie frei äußern?« »Wo habe ich und in welchen Punkten habe ich gegen meine eigenen Überzeugungen verstoßen?« »Bin ich mir treu geblieben?« »Hab ich mich überhaupt zur Entfaltung bringen können?«

Bei fast jedem Individuum in unserer heutigen Gesellschaft ist die Liste der Kompromisse, der Angleichungen und Anpassungen sehr lang. Bei vielen Menschen ist die Zahl der Verbiegungen sehr hoch und ihre Lebenssituation ist für sie selbst gefährlich geworden. Warum gefährlich? Bewusst oder unterbewusst haben sie viel zu viel mit sich geschehen lassen. Das Ruder ihres Lebens haben sie partiell oder ganz aus der Hand gegeben. Dies ist oft schleichend passiert. Das unangenehme Gefühl, dass man in einer Schieflage lebt, wurde immer wieder beiseitegeschoben. Lebensentscheidungen wurden vertagt und Gestaltungsfreiräume aufgegeben. Stattdessen wurden »Alltagsfluchten« gesucht und gefunden. Wenn diese schädlich sind und nur kurzfristiger Betäubung dienen (Süchte aller Art), stabilisieren sie nur die missliche Lage. Ein Aufbegehren, Verändern wird immer schwieriger. Die Entfernung vom eigenen, inneren Kern geht stetig voran. Das Ruder könnte nur noch mit größter Anstrengung herumgerissen werden. Denn alle fremdbestimmten, von Süchten und destruktiven Verhaltensweisen geprägten Lebensformen entwickeln eine Eigendynamik: Sie schädigen und schwächen. Das Individuum verliert immer mehr den Bezug zu sich selbst, wird zunehmend verwirrter, entscheidungsschwächer und weiß zu guter Letzt gar nicht mehr um einen eigenen Standpunkt. Eine gesunde Selbstbestimmung mit einer selbst gewählten Lebensführung rückt in unendliche Ferne. Viele klammern sich an andere unglückliche Individuen und man trinkt zum Beispiel gemeinsam sehr viel und häufig, denn gemeinsam lässt sich das Elend besser ertragen, ja, die Täuschung, alles sei ja ganz normal und wie bei allen anderen auch, beruhigt auf schädliche Weise das ab und zu anklingende Aufbegehren. Die positiven Keime werden schon im Ansatz erstickt oder die nach Veränderung schreienden »Hot Spots« im Gehirn immer wieder besänftigt. Lethargie und Mutlosigkeit verbreiten sich mehr und mehr. Dem kann ein Ende gesetzt werden! Umkehr ist gefordert!

Zappelst du im Spinnennetz?

Hast du dir selbst das klebrige Netz aus Lügen und faulen Kompromissen zu Recht gesponnen und sitzt nun als Opfer dieser Konstrukte wie eine ohnmächtige Fliege, wie ein machtloses Insekt zappelnd im Netz? Du wolltest eine schöne, angenehme Welt erschaffen und hast ein gefährliches Netz gewebt: Kompromiss und Anpassung hier, Lüge und Selbstbetrug dort. So wurde das Netz immer zäher und undurchsichtiger. Dass der Einzelne sich nur noch mit starkem Willen und großem Mut daraus befreien kann, ist Fakt, und es gelingt auch nicht immer. Der klebrige Schleim des Netzes ist oft zu zäh und fesselnd.

Zappelst du an Fäden?

Kennst du die Kasperlepuppen aus deiner Kindheit? Diese Puppen bringen die Kinder zum Lachen, zum Weinen, zum Staunen. Die Kinder können sich mit den Puppen identifizieren, aus den Geschichten lernen. Sie lieben die guten Puppen, die mit den sonnigen Charakteren, zum Beispiel den Kaspar, der immer hilft und nett zu den Menschen ist. Doch wir wissen, wir Erwachsenen wissen, dass die Puppen an Fäden zappeln und die Puppen nicht aus sich heraus handeln, handeln können. Seien wir mal ehrlich zu uns selbst und beantworten uns die Frage: »Handle ich selbstbestimmt? Habe ich mein Leben selbst im Griff? Kann ich selbst entscheiden, was ich für richtig halte und dementsprechend handeln? Muss ich leider erkennen, dass ich an Fäden zapple? Lassen mich andere wie eine Puppe, eine Marionette agieren?«

Die Frage nach der Selbstbestimmung sollte sich jeder stellen und sich auch gleichzeitig fragen: »Bin ich überhaupt noch in der Lage, frei zu entscheiden? Habe ich noch Wahlfreiheiten und Möglichkeiten, nach meinen Vorstellungen zu agieren?«

Diese Fragen kann jeder für sich ehrlich beantworten. Nicht jeder wird dies vor sich selbst auch realisieren. Denn es tut weh zu erkennen, dass man selbst nicht mehr das Ruder in der Hand hat.

Der Mantel des Schweigens

Glaubst du, dass der Mantel des Schweigens in deinem Leben Sicherheit bietet? Glaubst du, dass man auf dem Mantel des Schweigens irgendetwas Konstruktives aufbauen kann? Kann er ein Fundament bieten? Irgendetwas abwehren? Nein, er kann nur verdecken. Zeitlich begrenzt zudecken, was an destruktiven, faulen Tatsachen existiert. Die Machenschaften müssen aufgedeckt werden, damit nicht noch Schlimmeres passiert und sich das Schlimme nicht noch weiter ausbreitet.

Die innere Stimme

Viele Menschen fühlen sich zunehmend unwohler. Sie spüren eine Diskrepanz zwischen den Tätigkeiten, die sie tagtäglich verrichten müssen, und ihrer inneren Stimme, die sie immer wieder darauf hinweist, dass etwas falsch läuft, dass Widersprüche existieren. Der Einzelne muss im schlimmsten Fall fremdbestimmt funktionieren. Doch wenden wir unseren Blick auf die Mehrheit der Menschen: Man kann feststellen, dass die Kompromisse partiell und nicht allumfassend sind. Sowohl im Berufsund Privatleben gibt es den einen oder anderen Kompromiss, und für eigene Interessen bleibt wenig Lebenszeit. Da diese Lebensform voller Kompromisse die gängige Lebensform ist, fällt dem Einzelnen oft gar nicht mehr auf, worin seine eigenen Kompromisse liegen. Es ist ja allgemein verbreitet, dass man mehr oder weniger fremdbestimmt zu funktionieren hat. Doch lauern bei diesem Lebensmuster, angereichert mit mehr oder weniger vielen, faulen Kompromissen, überall Gefahren. Die Statistiken der Krankenkassen, die psychologischen Erhebungen, die medizinischen Beobachtungen und Auswertungen müssten uns alle alarmiert aufhorchen lassen, müssten für uns wie Alarmglocken klingen: Immer mehr Menschen erkranken an seelischen und körperlichen Leiden, die auch eine fremdgesteuerte, unbefriedigende Lebensführung als Ursache haben. Die überfüllten Psychiatrien, aber auch die überfüllten Gefängnisse müssten als Alarmsignal und nicht als hinzunehmender Zustand gesehen werden. Es liegt der Verdacht nahe, dass sich hinter jedem Schicksal eine Lebensführung verbirgt, die entweder krank gemacht hat oder durch die der Einzelne zum Außenseiter dieser Gesellschaft wurde. Wenn man die betroffenen Personen mit ihrem Einzelschicksal genauer beleuchtet, so kann man immer wieder feststellen, dass die Grenzen der Missstände fließend sind. Mangelnde Bildung und Armut führen häufig zu einer Lebensführung, die Störungen aller Art beinhalten kann: Kriminalität, Suchtabhängigkeiten, psychische Erkrankungen und körperliche Gebrechen. Die gesellschaftlichen Bedingungen lassen immer mehr Menschen durch ein Raster fallen. Der Mensch wird leider zu selten ganzheitlich, mit seiner Psyche und seinem Körper, in seinen eigenen Lebensumständen beleuchtet. Wenn er dann durchs Raster gefallen ist und die Gesellschaft stört oder bedroht, so wird er kaserniert.

Viele Menschen hatten nie die Chance oder nicht die Stärke, sich selbst zu verwirklichen. Wir verdrängen das manchmal, wenn wir es nicht mehr aushalten, über das Elend nachzudenken. Deshalb sollten wir uns bewusst machen, wo Menschen verbogen werden sollen und wo sie ihre Neigungen und Leidenschaften nicht leben dürfen. Warum, und das ist hier die Frage, muss es für so viele Menschen so weit kommen?

Für die Phantasie – gegen die Luftschlösser!

In den Diskussionen mit anderen Menschen über Lebensmodelle, Lebensplanungen fällt immer wieder auf, dass viele eine Schere im Kopf haben und ihre Zukunftsplanung häufig an den Manipulationen anderer Menschen (Eltern, Partner, Geschäftspartner etc.) ausrichten. Die unterschwellige Überflutung mit Werbebotschaften und die beruflichen Zwänge stellen einen weiteren Angriff auf das Unterbewusste dar.

Selten realisieren die Betroffenen ihre Fremdbestimmung. Sie werden schleichend in irgendeine Richtung manipuliert. Dies ist für eine gesunde Identitätsfindung und -erfüllung nicht förderlich. Manipulationen fordern immer ihren Tribut: Eigene Lebensmodelle werden erst gar nicht zugelassen. Konstruktive, lebbare Phantasien in Richtung Selbstentfaltung und auch realisierbare Berufswünsche und private Entfaltungsmöglichkeiten werden oft schon im Ansatz als »Spinnereien« abgetan und erstickt. Gängige Berufsmodelle sollen herhalten. Sicherheit, Absicherung und Rente sollen gewährleistet sein. Nun gut, was spricht gegen einen »sicheren Lebensentwurf«? Kurz gesagt: Wenn ich den »vernünftigen, sicheren« Entwurf an mir selbst vorbeigeplant habe, bleibt meine Identität, bleiben meine Neigungen oft auf der Strecke. Das Individuum verbiegt sich hier ein wenig und dort noch etwas mehr. Überall werden Abstriche gemacht, es geht ja schließlich nicht anders, bis es tatsächlich kaum noch anders geht, da zu viele Grenzen, Mauern, Verträge, Kompromisse, das enge Territorium der eigenen »Vita« abgesteckt haben. Wenn der Einzelne sich nun rundherum zugerödelt hat mit Scheinsicherheiten, dies gilt es noch genauer zu definieren, fühlt er sich oft wie lebendig begraben. Viele spüren selbst das nicht mehr, da schon das erste »Grummeln im Bauch«, verursacht durch das sich Verbiegen, ins Unterbewusstsein abgeschoben wird.

Später ist man gut trainiert, diese Trampelpfade des Verdrängens zu gehen, die Ohnmachtsgefühle durch eine eigene Betäubung zu bekämpfen. Man verdrängt sehr gern, zum Beispiel mittels Shoppings, übertriebenen Alkohol- und Zigarettenkonsums oder anderer Betäubungsstrategien. Die Spirale der Fremdbestimmung setzt sich fort. Befindet man sich in ihr, kann es nur ungesund ablaufen. »Störfaktoren« wie Menschen, die anstößig und mahnend daherkommen, werden gemieden. Schließlich möchte man nicht in das grelle Licht der Wahrheit schauen. Vor sich zuzugeben, dass man sich immer mehr ein Stück weit aufgegeben hat, das möchte man natürlich nicht. Man hängt festgezurrt an Bildern, ja, an Scheinbildern. Diese können Mitmenschen betreffen, die man nicht realistisch sehen, anschauen möchte. Schließlich hat man sich ein Bild von ihnen gemacht und möchte dieses innere Bild, das man von ihnen in sich trägt, nicht zerstören. Es würde ja wehtun, man müsste von inneren Bildern Abschied nehmen, diese aufgeben. Liebgewonnene Gewohnheiten, die man mit diesen Menschen verbindet, würden in Frage gestellt. Auch pekuniäre Verluste schrecken manchmal vor einer Kehrtwende ab. Ein Stück weit müsste man sich selbst als gescheitert empfinden.

Dieses Denkmodell ist jedoch gefährlich. Denn: Es lässt viel zu viele Luftschlösser ohne Basis, Fundament und Substanz zu: Dies führt zu falschen Entwürfen über Menschen, zu fragwürdigen Freizeitgestaltungen, zu fragwürdigen »Freunden«, Lebenseinstellungen, Berufsmodellen, die am Kern unserer Persönlichkeit vorbeigehen. Hier ist schnellstens die Notbremse zu ziehen. Diese lautet:

»Höre auf deine innere Stimme!

Höre auf sie, bevor du sie gar nicht mehr hören kannst!

Höre auf sie, bevor du immer mehr Angst entwickelst!«

Denn je weiter du dich von dir selbst und deiner inneren Stimme entfernst, desto schlimmer steht es um dich und deine Lebensplanung. Natürlich wissen wir alle, dass viele, viele Menschen in bitterste Armut hineingeboren, mit schlimmsten Behinderungen oder Krankheiten geboren werden. Viele haben niemals eine Chance auf Selbstbestimmung. Doch es gibt auch immer wieder erstaunliche Gegenbeispiele: Menschen, die eisern ihren individuellen, von der konstruktiven Phantasie beflügelten Lebensentwurf gegen alle Widerstände verfolgen. Sie wollen das schaffen und ausleben, was ihrer natürlichen Identität entspricht. Sie verfolgen dieses Ziel mit Mut gegen alle Begrenzungen und Widerstände. Sie setzen sich gegen Alter, Krankheit, Armut oder andere Begrenzungen und Eingrenzungen zur Wehr. Sie wollen ihre Natur leben, sich erleben und daraus etwas kreieren: nicht gegen sich oder gegen andere, sondern im Einklang mit ihrer eigenen Persönlichkeit konstruktiv für andere, ohne Konkurrenzgedanken. Die Mitmenschen, die »mitmachen« und helfen, mithelfen, die solidarisch sind, sind selbstverständlich stets willkommen. Diejenigen, die zerstörerisch und destruktiv sind, können und sollten keine Beachtung erfahren. Sie lassen die Phantasie, das konkurrenzlose Miteinander nicht zu; sie zerstören dies voller Neid und Konkurrenzsucht. Der destruktive Charakter sucht die Zerstörung, den Konkurrenzdruck, ja, sogar den Krieg der Nationen und Religionen. Er lässt ein konstruktives Miteinander nicht zu.

Lass dich dir nicht wegnehmen!

Es handelt sich hierbei nicht um einen ungebremsten Egoismus auf Kosten anderer. Viel mehr: Schütze und lebe dich selbst, dann bist du auch stark für andere! Und es ist selbstverständlich, dass die natürlichen Grenzen des Anderen respektiert werden sollten.

Die Vielfalt des fremdbestimmten Elends

»Lass dich nicht spalten in den, der du bist,

und in den, der du sein sollst!

Sonst gibt es dich bald nicht mehr!«

Steckt eine Person erst einmal in einer »Zwangsjacke« – und hierfür gibt es so viele Beispiele wie Personen, die darin eingewickelt sind – so ist es schwer, wieder herauszukommen.

Leider gilt für viele Menschen, dass sie den Weg der Befreiung nicht gehen können. Wenn man sich Lebenswege unterschiedlicher Menschen ansieht, so fällt auf, dass es weit verbreitet ist, dass sie Lebensmuster übergestülpt bekommen haben bzw. sich haben überstülpen lassen, die sie so gar nicht wollten. Oft werden Ausreden bemüht, wenn ihr Leben thematisiert wird: Man habe sich aus diesen oder jenen Gründen arrangiert, ja, man habe andere Pläne gehabt, aber die Lebensumstände waren ungünstig und sie ließen keine freie Entscheidung zu. Natürlich gibt es Lebenswege, die dem Einzelnen keine Chance der freien Wahl lassen. Hierzu kann man alle Gegebenheiten zählen, in denen ein Individuum unter Androhung von massiver Gewalt, psychisch oder körperlich, zu Entscheidungen und Handlungen gezwungen wurde. So manche Handlungsanweisungen und Lebensmodelle werden unter Androhung der Tötung durchgesetzt. Man denke nur an die vielen Regime, die immer noch existieren. Selbstbestimmung ist unter solchen Voraussetzungen undenkbar. Man betrachte die vielen Soldaten auf der Welt, die eigentlich keine sein wollen, oder die vielen Ehefrauen, die gegen ihren Willen verheiratet wurden. Es seien auch die extrem vielen Arbeiter genannt, teilweise auch Kinderarbeiter, die keine andere Wahl haben. Die Vielfalt des fremdbestimmten Elends ist grenzenlos und die psychischen und körperlichen Qualen sind kaum vorstellbar. Solche Missstände sind überall in der Welt in unterschiedlichsten Formen anzutreffen. Der Missbrauch am Menschen variiert je nach den Gesellschaftsformen mit ihren jeweiligen politischen und religiösen Gegebenheiten. Wenn Menschenrechte nicht gelten, Menschen unterdrückt werden und Missbrauch ungeahndet bleibt, herrscht das größte Elend.

Für die »Paradiesvögel« – gegen die Anpassung!

Wir wollen uns dem psychologischen Aspekt der Persönlichkeitsspaltung näher zuwenden. In der zivilisierten, scheinbar freien, westlichen Welt kann man bei genauerem Hinsehen immer mehr manipulative Tendenzen feststellen. Bevor hier einige Hintergründe benannt werden sollen, muss man die Frage stellen, warum sich so viele Menschen sichtlich unwohl fühlen. Warum sie das Gefühl haben, dass sie fremdbestimmt funktionieren müssen, kaum die Möglichkeit haben, ihr Leben nach ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen und Vorstellungen auszurichten. Was ist ihnen und wodurch ist es ihnen abhanden gekommen? Sind sie sich selbst fremd geworden? Wodurch haben sie mehr und mehr den Bezug zu sich und ihren Bedürfnissen und Vorstellungen verloren? Warum fühlen sie sich fremdbestimmt und im Hamsterrad? Genau hier möchte ich die Appelle noch einmal aufgreifen: »Lass dich nicht spalten! Lass dich nicht spalten, in den der du bist und in den, der du sein sollst!« Diese Appelle sollen eine Warnung sein. Eine Warnung davor, es geschehen zu lassen, dass man zu jemandem wird, der sich immer mehr von der natürlichen Persönlichkeit entfernt, ja, schließlich so weit entfernt hat, dass er den Bezug zum eigenen Ich gar nicht mehr herstellen kann. Das Individuum hat sich im Dschungel der Ansprüche, der Zwänge, der manipulativen Lebensumstände immer weiter angepasst, verformt, bis es sich Schritt für Schritt aufgegeben hat. Personen, die sich selbst kaum noch spüren, wahrnehmen können, ihre ursprünglichen Interessen aus ihrem Fokus verloren haben, fühlen sich oftmals leer, ausgebrannt, unzufrieden und hilflos. Sie spüren dennoch unbewusst, dass das Leben an ihnen vorbeirauscht. So hatten sie es sich in Kindertagen und in ihrer Jugendzeit nicht vorgestellt. Doch sie wurden älter und die Weichen wurden nicht nach ihren Empfindungen und Vorstellungen ausgerichtet. Viele Chancen haben sie nicht bekommen, andere konnten sie aus mangelndem Wissen und Bewusstsein nicht nutzen. So wurde der Kreis der Möglichkeiten immer kleiner und das Lebensgefühl undefinierbar trostlos. Die Fremdbestimmung griff immer stärker um sich.

Konsum und Betäubungen aller Art halten oft als Ersatzbefriedigung Einzug in ein unerfülltes Leben. Schließlich konsumiert der Einzelne nicht mehr selbstbestimmt und aus Überzeugung, sondern um schlechte Gefühle zu betäuben. Das stärker werdende Unwohlsein braucht immer mehr Ablenkungen, Betäubungen. Es ist ein kranker, destruktiv werdender Kreislauf. Das Individuum verstrickt sich zunehmend in Abhängigkeiten, die keine wahre Erfüllung bieten. Wie kann man es gar nicht erst so weit kommen lassen? Wie kann man der Spirale nach unten entfliehen? Wie kann man Fremdbestimmung erkennen, benennen, analysieren? Wie sich Schritt für Schritt wieder selbst näher kommen? Seine Wünsche benennen, eigene Ziele entwickeln?