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Was prägt einen Menschen und was gibt er weiter an die folgende Generation? Wie wurde Richard, der Vater des Erzählers, zum glühenden Verfechter des Faschismus? War er nur ein fehlgeleiteter Idealist, der sich freiwillig zum Kriegsdienst meldet? Ernst Hilmer bricht in mehreren Etappen zu einer Spurensuche auf, folgt der Fluchtroute seines Vaters, der 1945 nach Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Weg nach Hause ist. Der Soldat der besiegten Deutschen Wehrmacht muss sich vor den Alliierten verstecken, hungrig und abgekämpft schlägt er sich durch. Aber es geht um mehr als nur diesen Weg, um die Familie und ihr Erbe, es geht um Entbehrungen, Ohnmacht, Menschlichkeit und Verzeihen. Während Ernst Hilmer wandert, mal allein, mal in Begleitung, nähert er sich Schritt um Schritt dem Leben seines Vaters und versucht zu verstehen. Fotografien ergänzen seinen erzählerischen Weg und lassen zugleich eine kulturhistorische Landschaft entstehen: zwischen den Flussläufen der Enns im Herzen Österreichs, der Donau und der Ilz im Bayerischen Wald - eine ur-menschliche Reise.
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ernst Hilmer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in einem kleinen Dorf im Bayerischen Wald, lernte zuerst den Beruf des Automechanikers, bevor er über den Zweiten Bildungsweg ein Studium von Maschinenbau und Betriebswirtschaft in München aufnahm. Nach mehreren Jahren Berufspraxis als Ingenieur studierte er Pädagogik, Politik und Germanistik und arbeitete als Lehrer für Maschinenbau und Deutsch an Beruflichen Schulen in Hessen.
Die berufliche Tätigkeit als Ingenieur und Berufspädagoge hat ihn zwischendurch mehrmals in die Länder der sogenannten Dritten Welt geführt. In den Jahren 1970 bis 1973 arbeitete und lebte er in Peru und von 1990 bis 1997 in Mosambik.
Ernst Hilmer schreibt Kurzgeschichten, Glossen, Lyrik. Immer mehr seiner Texte befassen sich mit dem fragilen Zustand der Natur und des eigenen Seins. Im Dezember 2021 erschien ein Sammelband seiner Gedichte unter dem Titel „Eisblumen. Der Siebte Tag.“
»Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.« (Walter Benjamin)
Erster Teil: Eisenerz
Zweiter Teil: Vom Ennstal ins Salzkammergut
Dritter Teil: Der stille Fluss. Das Inntal
Vierter Teil: Die Ilz aufwärts
Fünfter Teil: Grenzgebirge. Heimkehr
Dienstag, 7. Mai 2013
Gestern war noch ein sonnig-warmer Frühlingstag. Entsprechend stehe ich heute mit kurzer Hose und einem dicken Rucksack frierend auf dem Bahnsteig im Bahnhof von Fulda. Ich genehmige mir einen Milchkaffee, dazu ein Croissant, frisch aus dem Ofen. Meine Gedanken sind schon weit weg, alle Sorgen des Vortags sind vergangen. Ich warte auf den Zug nach Wien.
Einmal, vor langer Zeit, hat er mir erzählt, mein Vater, wie er, von Hunger und Durst zermürbt, an der Haustür eines Bergbauern anklopfte und diesen um ein Stück Brot bat. Und er, der Heimfliehende, in einer zerschlissenen deutschen Soldatenuniform, konnte dort schlafen in einem sauberen Bett und bekam eine warme Suppe. Voll tiefer Dankbarkeit erzählte dies mein Vater. Wo das gewesen wäre? Bei Eisenerz in Österreich. Ich meinte, Eisenstadt, das hätte ich schon mal gehört. Aber Eisenerz? Nein, bei Eisenerz wäre es gewesen, da sei er sich ganz sicher.
Vor Kurzem, mein Vater ist nun schon mehr als ein Jahr tot, durchblätterte ich den Diercke Weltatlas, der sich in seinem Nachlass befand. In dem er immer nachforschte, wenn er von einem Ereignis in der Welt hörte, das ihn berührte. Neugierig geworden blätterte ich weiter. Und ich fand eine Seite mit der Überschrift: In 10 Tagen war ich daheim. Und eine wellige Linie, mit Kugelschreiber gezogen, führte über die zwei Seiten der aufgeschlagenen Europakarte. Im ersten Drittel der Linie von Osten nach Westen fand ich einen Ort dick unterstrichen: Eisenerz. War das der Ort der Rettung aus großer Not?
Ort der Erschöpfung und der Rettung markiert: Eisenerz in der Steiermark
Ich sitze im Intercity-Express, gerade laufen wir in Nürnberg ein. Bis Wien habe ich noch Zeit, mich der vielen kleinen Geschichten aus dem Mund meines Vaters zu erinnern. Vielleicht gelingt es mir, sie zusammenzupacken zu einem Schatz aus Erfahrungen. Erfahrungen meines Vaters als Kind und Jugendlicher, aufgewachsen nach einem mörderischen Krieg, in einer unsozialen und traditionell autoritären Gesellschaft, in der faschistische Einstellungen immer mehr zur Normalität und für die Jugend zum Vorbild wurden. Oft sind es Verletzungen, die Menschen für das ganze Leben prägen: ein Verlust, eine Herabsetzung vor geschätzten Menschen, eine Beschämung, die nach Wiedergutmachung drängt, nach Kompensation. Die Zerstörung der eigenen Würde war Programm, um die jungen Menschen anschließend Genugtuung finden zu lassen im nationalen Größenwahn und in der Abwertung anderer. Eine Bürde, die mein Vater zu tragen hatte. Welche Kräfte blieben ihm für ein humanes Leben? Woher kam dieser Bodensatz von Menschlichkeit, sofern diese überhaupt in Erscheinung trat? Das wäre ein Wissen, das uns, den nachfolgenden Generationen, helfen würde, unsere Vorfahren – und damit uns selbst – besser zu verstehen.
Ich werde versuchen, mir die Ereignisse des Krieges zu vergegenwärtigen, die sich in sein Herzen so eingegraben hatten, dass er es nicht vermochte, sie in seinem Innersten zu behalten. Er musste sie seinem kleinen Sohn preisgegeben, der ihm mit offenem Mund und offenen Augen gegenübersaß und nicht genug bekommen konnte von den Erzählungen seines ansonsten so wortkargen Vaters …
Der »Einmarsch« in Österreich steht bevor. Alle privaten Fahrzeuge, die die Besitzer nicht als unabkömmlich und für die Volkswirtschaft notwendig darstellen konnten, werden eingezogen: Autos, Anhänger, Pferdefuhrwerke. Der Schmiedebetrieb Karl Froschauer Straubing bekommt eine Menge Aufträge. Die Fahrzeuge müssen kriegstauglich gerüstet, Pferdefuhrwerke für motorisierte Zugfahrzeuge umgerüstet werden. Das Erscheinungsbild der Kunden verändert sich: Es passiert, dass Männer in brauner Uniform oder auch nur mit einem kleinen Hakenkreuz am Revers die Werkstatt betreten und Meister wie Gesellen mit barschen Worten zur schnelleren Erledigung ihrer Aufträge drängen.
Am 12. März überschreitet die Deutsche Wehrmacht die Grenze nach Österreich. Du hörst im Radio, wie auf dem Heldenplatz in Wien zweihundertfünfzigtausend Österreicher und Österreicherinnen ihrem neuen Führer zujubeln. Du wirst, ein halbes Jahr vor Vollendung deiner Lehrzeit, zur Gesellenprüfung zugelassen. Im Lehrzeugnis vom 15. März 1938 wird dir bescheinigt: »Seine Fortschritte waren sehr gut.« Die Berufsschule zertifiziert: Betragen – sehr lobenswert, Technisches Zeichnen – sehr gut. Am 15. April bestätigt Österreich per Volksentscheid den Anschluss an das Reich. Am 16. April wird dir der Gesellenbrief ausgehändigt.
Deine Lebensumstände verändern sich deshalb noch lange nicht; du fängst an, dir über die weitere Zukunft Gedanken zu machen. Du willst raus aus dieser Dachkammer über der Schmiede, wo du mitten in der Nacht plötzlich wach wirst, weil die Ratten quiekend über deine Bettdecke laufen. Zu nah noch die Bilder, als du – noch klein und gegenüber den Altersgenossen zurückgeblieben – den Vorschlaghammer führen musstest, auf Kommando des Gesellen. Obwohl die Arme nicht mehr konnten, die geplatzten Blasen an den Händen bei jedem Schlag brannten und der Rücken schmerzte. Noch immer bist du »in Verpflegung«, bei dieser Tante, die penibel darauf achtet, dass beim Abendbrot nicht eine Scheibe Wurst zu viel auf dem Teller liegt. Und noch immer gibt es die langen Stunden im Sommer, in denen die Sonne nach Feierabend hochsteht und du mit hungrigem Magen den Promenadenweg an der Donau auf und ab läufst. Nicht, dass sie dich kalt lassen, die feinen Internatsschülerinnen des Ursulinenklosters, die im wohlgeordneten Zug deinen Weg kreuzen. Kichern sie hinter deinem Rücken? Machen sie sich lustig über dich? Du hast nicht den Mut dich umzudrehen.
Du bist 17 Jahre alt. Wohl bist du Geselle, aber eher auf dem Papier. Du findest es ungerecht, dass du arbeitest wie alle anderen und immer noch mit vier Reichsmark im Monat auskommen musst – nach gültigem Lehrvertrag noch ein weiteres halbes Jahr. Die vergilbte Versicherungskarte, die ich in deinen Unterlagen finde, zeigt eine Lohnveränderung erst im April 1939, von Lohnklasse 1 auf 3. Die höchste Lohnklasse für Arbeiter ist 10.
Doch in der Stadt die Aufläufe, die fahnengeschmückten Häuser, die Musik der Defilierkapellen. Und du bist mitten unter ihnen, den Kameraden der Hitlerjugend, einer von ihnen, die über den Stadtplatz marschieren, mit dieser schönen Uniform und dem Käppi. Bis zum Kameradschaftsführer hast du es gebracht. Kein Wunder, wenn sie staunen, die Mädchen auf den Bürgersteigen, wenn sie versuchen, deinen Blick zu erhaschen …
Aber hast du nichts mitgekriegt in der Nacht vom 8. auf den 9. November, vom Gegröle auf der Straße, vom Klirren der zerbrechenden Schaufensterscheiben der jüdischen Geschäfte, der Verwüstung der Synagoge? Sie war nur ein paar Gassen von deiner Dachwohnung entfernt. Nicht wahrgenommen, dass einige Kunden plötzlich nicht mehr erschienen? Dass das Modehaus Schwarzhaupt Besitzer und Namen wechselte?
Der Polenfeldzug – wieder eine Menge Arbeit. Die von den Bauern eingezogenen Pferdefuhrwerke müssen umgerüstet werden für die Belange des Militärs. Und keiner hat Geschick wie du. Nicht nur dass du sehr flink bist, du gehst auch mit Erfindungsgeist an die Arbeit. Eine neuartige Anhängerkupplung, die schneller und einfacher handzuhaben ist, findet wohl Anerkennung bei den Kunden, aber nicht beim eigenen Meister. Der Lohn reicht nicht einmal für ein sauberes Zimmer in Untermiete.
Du meldest dich als Freiwilliger zum Kriegsdienst. Doch jetzt stellt dein Meister einen Antrag, dass du für die Kriegswirtschaft unabkömmlich seist …
Du hast es geschafft! Am 30. September schreibt dir dein Meister in das Entlassungszeugnis: »(…) Er war ein stets williger und vorwärtsstrebender Charakter. (…). Infolge Einberufung zum Wehrdienst muss ich ihn aus meinem Betrieb scheiden lassen und wünsche Richard weiterhin alles Gute.«
Grundausbildung. Als du zwanzig Jahre später davon erzähltest, bekam deine Stimme plötzlich einen ungewohnten dunklen Ton, deine Gesichtszüge verfinsterten sich. Der Schliff, die Erniedrigungen durch den Spieß müssen furchtbar gewesen sein. Du hast erstmals persönlich Bekanntschaft gemacht mit der menschenverachtenden faschistischen Fratze.
Du sonnst dich in einem Liegestuhl an Deck eines der Kreuzer, die auf Norwegen zusteuern. Du bist Gebirgsjäger und freust dich auf deinen Einsatz. Über dem Dunststreifen über der Nordsee kannst du in der Ferne die Umrisse der zerklüfteten skandinavischen Küste erkennen. Du träumst von Mädchen. Hast du nicht ein Bild in einer Zeitschrift gesehen? Lachende, mit freimütigen Blicken den Betrachter einladende Norwegerinnen? Sie gehörten wohl auch zur arischen Rasse. Blond und blauäugig – so gehörten sie doch zu »uns«.
Das Abenteuer dauert nicht lange, die Deutsche Wehrmacht braucht die jungen Soldaten zu neuen Einsätzen im Osten Russlands. Das Deutsche Reich ist größer, die Front länger geworden. Du wirst einer Einheit im Ostabschnitt zugeteilt. Der Krieg gegen die Sowjetunion hat begonnen.
Schon nach einigen Monaten bekommst du Gelbsucht und wirst in ein Sanatorium bei Innsbruck eingeliefert. Anschließend zwei Wochen Heimaturlaub. Im Zug von Innsbruck nach Straubing machst du Bekanntschaft mit Olga. Sie erzählt dir nicht, dass sie schon ein Kind hat.
Als du wieder einrückst und nach deiner Kompanie fragst, sagt man dir, dass diese nicht mehr existiere. Aufgerieben im Kessel von Demjansk. Du kommst in eine neue Einheit im Mittelabschnitt.
Die Kriegsfahrt, aufgezeichnet von meinem Vater viele Jahre später.
Winter. Der Blitzkrieg, der Vormarsch ist eingefroren. Warten. Im Wald. Nichts geht mehr vorwärts. Eiseskälte. Die Pferde stehen steif, angebunden an den Bäumen. Das eine, das dich schon ein halbes Jahr begleitet, bewegt sich nicht. Die Nüstern fühlen sich kalt an, du gibst dem Pferd einen Schubs. Da bricht es zusammen. Auf dem Boden zuckt es noch mit den Beinen. Du ziehst die Pistole und gibst ihm den Gnadenschuss.
Deine Aufgabe ist es, mit den Pferdefuhrwerken Proviant und Munition an die Front zu bringen. Wenn der Morgen graut, müsst ihr zurück sein, denn dann wird der Streifen zwischen den FLAK-Stellungen und den vordersten Schützengräben durch den Feind voll einsehbar. Auf alles, was sich bewegt, wird geschossen. Wenn du vorne ankommst, kannst du nicht unterscheiden, ob die Soldaten in den Erdlöchern schlafen, ob sie erfroren oder getroffen sind. Die Toten und Verwundeten nehmt ihr auf dem Rückweg mit. Du hast mittlerweile Karriere gemacht und Verantwortung über einen Trupp von Männern, die allesamt älter sind als du. Oft weint einer vor Angst, sie wollen nicht weiter auf dem offenen Feld sein, wenn die Leuchtmunition des Gegners die Ebene taghell werden lässt und dann das Feuer der Stalinorgel einsetzt. Du machst ihnen Mut.
Doch einmal brechen sie durch, die Panzer der Russen, und überrollen die vordere Linie, die Schützengräben. In der zweiten Linie werden sie getroffen von der deutschen Panzerabwehr. Du hast mir erzählt, wie du sie vorgefunden hast, die zerstörten Panzer, rund herum im Schnee lagen die verkohlten Fleischreste der Besatzungen. Nein, du hast nicht gesagt, dass sie dir leidgetan hätten. Aber ich habe den Ton gefühlt in deiner Stimme. Da war etwas passiert, in deinem Verhältnis zum Feind. Er war Mensch geworden, der Feind. Da war etwas passiert, in deiner Einstellung zum Krieg – und seinen Betreibern.
Als Trossführer wirst du verantwortlich gemacht für die Verpflegung der Truppe. Du sollst jeden Tag der sich auf dem Rückmarsch befindlichen Kolonne vorauseilen und die Bauern und die Dorfbewohner zwingen, ihr Vieh und ihre Vorräte herauszurücken. Diese haben selber fast nichts mehr. Deine Forderung bedeutet oft ihren eigenen Hungertod. Du schlachtest das Vieh; die Eingeweide, die die Soldaten verabscheuen, gibst du heimlich den Leuten zurück. Da verpfeift dich einer. Ein Einheimischer, der meint, nichts oder zu wenig abbekommen zu haben? Am gleichen Abend bekommst du die Order, vor dem SS-Standgericht zu erscheinen. Schriftlich. Noch in der gleichen Nacht wirst du verhört, für schuldig befunden. Entzug von Lebensmitteln der Truppe – darauf steht die Todesstrafe. Bis zum Morgen wartest du auf die Vollstreckung.
Bei Morgengrauen wirst du gerufen. Wieder verhört. Diesmal sitzt du auf der Bank, dem SS-Offizier gegenüber. Im gebührlichen Abstand zu dir sitzt der Veterinär der Kompanie. Er hat Fürsprache für dich eingelegt. Ohne dein Können wären die Zugpferde und Reitpferde der Offiziere für die langen Tagesmärsche nicht fit zu halten. Es gäbe keine Aussicht auf Ersatz für einen guten Hufschmied. Der SS-Obersturmführer stimmt dem Gnadengesuch zu. Ohne Begründung. Diese hörst du erst viel später, vertraulich vom Veterinär.
1944
1945
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Mai
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Ich stehe am Hauptbahnhof in Wien und warte auf den Zug nach Semmering. Von dort hat mein Vater vor 68 Jahren seinen Rückweg in die Heimat angetreten. Auf dem Bildschirm, wo abwechselnd Zugabfahrtszeiten, Werbung und News erscheinen, wird plötzlich ein Bild des österreichischen Bundesheeres gezeigt: »Heute, aus Anlass des Kriegsendes und des Siegs über die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, treten alle Einheiten zu einem Appell zusammen. 16 Uhr auf dem Heldenplatz.« Wie in Frankreich und in (fast) allen Ländern Europas, nur nicht in Deutschland, denke ich mir. Erstmals ein Gedenken in Österreich. 68 Jahre brauchte das Gewissen, bis es sich befreite von der Sichtweise der Kriegsverbrecher.
Am Bahnhof von Semmering. Vor dem Denkmal des Erbauers der Eisenbahn über den Pass.
War es hier, auf dem Pass, auf dem Bahnhofsvorplatz, an dem der letzte Appell der Kompanie stattgefunden hat? Auf der Karte, die mir mein Vater hinterlassen hat, ist dies der Anfangspunkt der gewellten Linie, die über die Hochsteiermark, das Tal der Enns und südlich von Linz nach Braunau und Passau zu dem kleinen Dorf im Bayerischen Wald führt. Weiter südöstlich von Semmering ist noch ein Ort unterstrichen: Sankt Michel im Burgenland. Kam von dort die Truppe? Noch mit der Hoffnung, ab dem Semmeringpass mit dem Zug über Wien nach Deutschland zu kommen? Am 8. Mai wurden sie hier am Semmering vom Kriegsende überrascht. Wien und die Donauebene waren schon von den sowjetischen Truppen besetzt. So flüchteten die nun ihrem eigenen Schicksal überlassenen Soldaten nach Südwesten, das Mürztal abwärts.
Inschrift am Denkmal zum Bau der Semmeringbahn: »Durch die Eisenbahnen verschwinden die Distanzen. Die materiellen Interessen werden gefördert. Die Kultur gehoben und verbreitet – Chega 1851« Ort der Demobilisierung und der Flucht meines Vaters Ort der Beginn meiner Wanderung
Ab Semmering führt die alte Reichsstraße in Richtung Bruck an der Mur. Diese Reichsstraße ist hier gesäumt von Villen der Wiener guten Gesellschaft, die Exklusivität und Ruhe suchte. Der Bau der Eisenbahn erlaubte es ihnen, das Wochenende in den Bergen zu genießen.
Aber das war wohl eher ein Beigeschenk: Es ging bei diesem gewaltigen geopolitischen Eisenbahnprojekt der KuK-Monarchie vor allem um den Zugang zum Meer über die Hafenstadt Triest und im Krisenfall um rasche Truppenverlegungen in die oberitalienischen Herrschaftsgebiete. Heute ist der Semmering-Pass als Teil der Erzherzog-Johann-Bahn UNESCO-Weltkulturerbe.
Vor den schönen, zum Teil verfallenen Jugendstilhäusern hängt häufig ein Schild: »Zum Verkauf«. Mit Verbreitung des Automobils und dem Bau von Autobahnen sind andere Berge und Täler für das Stadtvolk erschlossen worden. Was den Reiz dieses besonderen Ortes keinesfalls mindert. Überall gurgelnde Wasser, die Bäche gesäumt von grellgelben Dotterblumen, die alten Apfelbäume blühen um die Wette mit Kastanien, Fliederbüschen und Forsythien. Wenn man aus dem engen Tal heraustritt, erscheint über der Horizontlinie eines Wäldchens ein Kirchturm. Er gehört zu der alten Klosterkirche des Städtchens Spital.
