Lasst meine Tochter endlich frei - Renate Janka - E-Book

Lasst meine Tochter endlich frei E-Book

Renate Janka

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Beschreibung

Am 3. Dez. 1989 finden Polizisten in der Wüste von Arizona die Leiche eines kleinen Jungen: Christopher Milke, vier Jahre alt. Die Mörder: ein Verrückter und ein Säufer. Doch Detective Armando Saldate nimmt auch Christophers Mutter, Debbie Milke, fest. Er verhört die junge Frau ohne Zeugen oder Tonbandaufnahmen, fertigt schließlich aus dem Gedächtnis ein Geständnis an, das Debbie nie unterschrieben hat. Ein Prozess folgt, der alle rechtsstaatlichen Grundsätze außer Kraft setzt: In Arizona zählt das Wort des Sheriffs - Debbie wird zum Tode verurteilt. Die bewegende Geschichte einer Mutter, die um die Freiheit ihrer Tochter kämpft - ein beinahe aussichtsloser Kampf gegen den amerikanischen Justizapparat.

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Renate Janka

Lasst meine Tochter endlich frei!

In der Todeszelle – der verzweifelte Kampf einer Mutter um das Leben ihrer Tochter

Unter Mitarbeit von Dr. Tanja Kodisch und Dr. Thomas Kraft

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Am 3. Dezember 1989 finden Polizisten in der Wüste von Arizona die Leiche eines kleinen Jungen: Christopher Milke, vier Jahre alt. Die Mörder: ein Verrückter und ein Säufer. Doch Detective Armando Saldate nimmt auch Christophers Mutter, Debbie Milke, fest. Er verhört die junge Frau ohne Zeugen oder Tonbandaufnahmen, fertigt schließlich aus dem Gedächtnis ein Geständnis an, das Debbie nie unterschrieben hat. Ein Prozess folgt, der alle rechtsstaatlichen Grundsätze außer Kraft setzt: In Arizona zählt das Wort des Sheriffs – Debbie wird zum Tode verurteilt. Die bewegende Geschichte einer Mutter, die um die Freiheit ihrer Tochter kämpft – einbeinahe aussichtsloser Kampf gegen den amerikanischen Justizapparat.

Inhaltsübersicht

Widmung

3. März 2001

Der Anruf aus Übersee

Die sprachlose Wüste Arizonas

Erinnerungen an vergangene Zeiten

Eine verhängnisvolle Trennung

Meine Enkelkinder

Eskalation der Ereignisse

Tatort Wüste

Das Verhör

Der Prozess

Debbies erster Brief

Das Berufungsverfahren

Der Hinrichtungstermin

Recherchen auf eigene Faust

Das geheimnisvolle Tonband

Der Fall in den Medien

Letzter Versuch, Sandy die Hand zu reichen

Debbies Leben im Gefängnis

Zwischen Hoffen und Bangen

Blick in die Zukunft

Nachwort von Uschi Glas

Bildnachweis

Für meine Tochter Debbie, für ihre bewundernswerte Stärke und für ihr weiteres Leben. Ihr Lebenswille ist mein Lebenswille.

3. März 2001

Liebe Mom,

ich habe eine schreckliche Woche hinter mir. Bei deinem letzten Besuch habe ich dir doch von den Men in Black erzählt und dem Psychoterror, den sie auf uns ausüben. Erinnerst du dich? Das ist so eine Art Kampftruppe. Die Männer sind ganz in Schwarz gekleidet, sie tragen Gesichtsmasken mit Augenschlitzen und Kampfstiefel, die durch eine Stahlspitze zu einem richtigen Folterinstrument werden, und sie quälen uns, wann auch immer es ihnen gefällt.

Ich lebe wirklich in einer Hölle, von der niemand auch nur eine Ahnung hat. Was das Ganze noch schlimmer macht, ist, dass wir niemanden haben, an den wir uns wenden können. Obwohl bekannt ist, dass viele Wärter ihre sadistischen Neigungen an uns auslassen, glaubt uns keiner.

Wir haben zwar einige Gefängnispsychologen, die zuhören, aber echte Hilfe bekommen wir von ihnen nicht. Sie dienen im Prinzip nur dazu, den Schein nach außen zu wahren. Wenn ich ihnen vom täglichen Psychoterror einiger Wärter berichte, geschieht im Grunde gar nichts. Sie müssten sich den Sicherheitsmaßnahmen beugen, ist ihre Ausrede. Dann verabreichen sie uns hoch dosierte Beruhigungsmittel, und damit ist alles vergessen. Aber nicht nur die Men in Black üben Terror aus – beinahe täglich werden wir auf irgendeine Art und Weise gequält. Manche Tage sind okay, andere wieder ein wahrer Albtraum. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, hoffe ich inständig, dass ich diesen Tag einigermaßen friedlich überstehe, ohne dass meine Seele zerstört wird. Mom, dies ist leider nur ein kleiner Ausschnitt meines Lebens. Was hier wirklich vorgeht, kann man sich gar nicht richtig vorstellen.

Ich leide unter fürchterlichen Panikattacken und Depressionen und habe solche Angst, dass diese Zustände noch schlimmer werden. Meistens gehe ich zwischen neun und zehn Uhr abends schlafen und wache dann gegen drei Uhr morgens wieder auf, mit dem Gefühl zu ersticken. Dann wird mir wieder bewusst, dass ich seit mehr als zehn Jahren in dieser Zelle dahinvegetiere. Mein Kopf fühlt sich an wie in einem Schraubstock, ich habe Platzangst. Ich weine viel und möchte meinen Kopf immer wieder gegen die Wand schlagen, um die schrecklichen Gedanken aus meinem Gehirn zu verbannen. Ich kann es kaum noch ertragen, versuche aber dennoch, nicht zu kapitulieren. Seit zehn Jahren vertraue ich meinem Anwalt und all seinen Versprechungen, aber was du mir das letzte Mal über seine Arbeitsweise erzählt hast, bringt mich fast um den Verstand. Ich denke jetzt jeden Tag darüber nach und habe schreckliche Angst, dass ich aufgrund seiner Fehler möglicherweise doch noch hingerichtet werde und er dann hinterher sagt: »Sorry, ich habe mein Bestes getan.«

Mom, ich bin unschuldig. Ich habe nichts getan, und ich fordere Gerechtigkeit. Es muss doch irgendjemanden geben, der sieht, welches Unrecht man mir angetan hat.

Ich weiß, dass ihr beiden, du und Alex, alles aufgegeben habt, wofür ihr hart gearbeitet habt, um mir zu helfen. Diese Schuld werde ich nie abtragen können.

Mom, ich liebe dich. Bitte pass auf dich auf. Sag Alex schöne Grüße von mir. Bis bald,

deine Debbie

Meine Tochter Debra Jean Milke wurde am 18. Januar 1991 in Arizona zum Tode verurteilt. Sie sitzt seit über 10 Jahren in einer zwei mal drei Meter großen Zelle in Isolationshaft. Ich kämpfe um ihre Freiheit, denn Debbie ist unschuldig. Dies ist meine Geschichte.

Der Anruf aus Übersee

Schweiz, 2. Dezember 1989

Ich kniete auf dem Boden unseres Wohnzimmers. Um mich herum stapelten sich Pullover, Halstücher, ein Schmuckdöschen und Parfumflakons, Socken, eine Krawatte und jede Menge Spielsachen. Daneben weihnachtliches Geschenkpapier, bunte Bänder, Schere und Tesafilm. Ich war dabei, die Weihnachtsgeschenke für meine beiden Töchter Debbie und Sandy und für meine Enkel Christopher und Jason zu verpacken; da sie in den USA leben, mussten die Pakete rechtzeitig abgeschickt werden, damit sie, wie es in den Staaten Brauch ist, rechtzeitig am Morgen des 25. Dezember unter dem Christbaum liegen. Mein Mann Alex hatte es sich mit einer Zeitschrift auf unserer Couch gemütlich gemacht und nippte an einer Tasse Tee. Vor uns prasselte das Kaminfeuer, und hin und wieder warf Alex mir einen amüsierten Blick zu und schmunzelte über meine vorweihnachtlichen Aktivitäten. »Soll ich lieber das Papier mit den Engeln oder das mit dem Nikolaus auf dem Schlitten nehmen?«, fragte ich ihn gerade, als das Telefon klingelte. »Egal, nimm am besten das mit dem Nikolaus. Guck mal, da sind sogar Schneeflocken drauf – wer weiß, vielleicht schafft das ja ein bisschen europäische Weihnachtsstimmung bei den Kindern, wo doch in Arizona kein Schnee fällt«, riet mir mein Mann und erhob sich, um zum Telefon zu gehen. Ich schenkte dem Anruf zunächst keine Beachtung. Erst als mein Mann sagte: »Sandy, jetzt mal ganz langsam!«, horchte ich auf. Er winkte mir aufgeregt. Als ich neben ihm stand, hielt er mit einer Hand die Sprechmuschel zu und flüsterte: »Christopher ist verschwunden!«

Ich fühlte einen dicken Kloß im Hals und riss ihm sofort den Hörer aus der Hand. Bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, sprudelte meine Tochter Sandy aufgeregt los: »Mom, Christopher ist weg. Debbie ist total verzweifelt, weil die Polizei ihn schon seit Stunden sucht und er wie vom Erdboden verschluckt ist. Sogar die Nachbarn und ihre Freunde durchkämmen inzwischen die Metro Hall, aber er ist einfach weg! Ich mach’ mir solche Sorgen, vielleicht ist er ja entführt worden …« Ich musste den Redeschwall meiner Tochter unterbrechen, weil es mir schwerfiel, den Zusammenhang herzustellen. »Sandy, Moment mal, ich verstehe gar nichts. Was ist passiert? Fang bitte noch mal von vorne an, aber ganz langsam.« Meine Tochter war völlig aufgelöst, schaffte es aber, mir die Situation einigermaßen verständlich darzulegen. Mein vierjähriger Enkel Christopher, Sohn meiner Tochter Debbie, war am Morgen mit Jim Styers, bei dem Debbie zur Untermiete wohnte, in die Stadt gefahren, um den Weihnachtsmann zu sehen. Die beiden wollten in die Metro Hall, wo in der Adventszeit ein Weihnachtsmann kleine Geschenke an die Kinder verteilte und man ein Foto mit ihm machen lassen konnte. Christopher war, wie die meisten Kinder seines Alters, völlig fasziniert von dieser Figur, und seine Begeisterung für den Weihnachtsmann war kaum zu bremsen.

Nach Sandys Schilderungen war Christopher ganz plötzlich verschwunden. Jim Styers hatte die Polizei alarmiert, weil er das Kind nicht mehr auffinden konnte. »Gibt es wenigstens schon irgendeine Spur?«, fragte ich Sandy. »Keine«, lautete ihre Antwort, und das Fünkchen Zuversicht, das gerade in mir aufflackern wollte, erlosch sofort wieder. »Und wie geht es Debbie?«, war meine nächste Frage. Ich machte mir große Sorgen um meine Tochter, die in den vergangenen Monaten eine schwere Zeit hinter sich gebracht hatte. »Nicht gut«, war Sandys ehrliche Antwort. »Kannst du sie nicht anrufen? Vielleicht schaffst du es ja, sie zu beruhigen. Sie ist völlig mit den Nerven am Ende und weint nur noch.«

Meine Hände zitterten, als ich den Telefonhörer auflegte. Ich fühlte mich elend, mein Kopf war leer, meine Arme und Beine wurden so schwer, dass ich mich setzen musste. Sandy hatte es zwar am Telefon nicht ausgesprochen, aber wahrscheinlich hatte auch sie gleich den Gedanken an Debbies Exmann, Mark Milke, im Kopf gehabt. Er war Christophers Vater und hatte seit Jahren große Drogenprobleme. Meine Tochter hatte aus diesem Grund nach ihrer Trennung von Mark das alleinige Sorgerecht bekommen und durchgesetzt, dass Mark sein Besuchsrecht nur unter Aufsicht wahrnehmen durfte. Erst vor wenigen Monaten hatte Debbie ihren Exmann zusammen mit dessen Freunden im Drogenrausch vorgefunden, als sie Christopher bei seinem Vater abholen wollte. Mark hatte sich geweigert, Christopher herauszugeben, und Debbie sogar tätlich angegriffen. Zum Glück war es ihr schließlich gelungen, mit ihrem weinenden und völlig verstörten Kind aus dem Haus zu flüchten. Aber Mark tobte und hatte gedroht, Christopher zu entführen und Debbie umzubringen. Eigentlich traute ich Mark diese Tat nicht zu; ich wusste, er liebte seinen Sohn und würde ihm – zumindest im nüchternen Zustand – sicher nichts antun. Aber konnte ich auch sicher sein? Vielleicht hatte er seine Drohung nun doch wahr gemacht? Ich schauderte, als ich an meinen kleinen Enkel dachte. Vier Jahre war er erst alt – und noch so zart und verletzlich. Ich musste mit Debbie reden.

Es hatte kaum geklingelt, als Debbie schon am anderen Ende abhob. »Debbie? Ich bin es, Mom. Was um alles in der Welt ist denn passiert?« Sie schluchzte laut auf, im Hintergrund hörte ich Stimmen. »Mom, Christopher ist weg und wir haben einfach keine Ahnung, wo er sein könnte«, weinte sie. »Die Polizei ist hier, vielleicht ist er ja entführt worden! O Gott, ich weiß nicht, was wir tun sollen. Ich muss Schluss machen – die Entführer, vielleicht rufen sie an und wollen mit mir reden.« Debbie war völlig hysterisch. Ich hatte Verständnis dafür, dass wir die Leitung nicht so lange blockieren konnten, und versuchte trotzdem, beruhigend auf sie einzureden. »Du wirst sehen, Christopher taucht bestimmt bald auf. Vielleicht wollte er nur Verstecken spielen oder ist irgendwo mit anderen Kindern in ein Spiel vertieft. Denk noch mal scharf nach. Wo geht er denn am liebsten hin? Gibt es keinen Ort in der Metro Hall, an den du dich besonders erinnern kannst?« Ich konnte nicht abschätzen, ob meine Tochter in ihrer Verzweiflung in der Lage war, meine Worte aufzunehmen und zu begreifen. Deshalb bat ich sie, mir kurz den zuständigen Detective zu geben. Als der Beamte am Telefon war, fragte ich ihn, ob sie schon Näheres wüssten. Er verneinte und konnte mir nur sagen, dass mehrere Polizisten, Nachbarn und Freunde das Einkaufszentrum, in dem Christopher verschwunden war, nach ihm durchforsteten. Debbie, so versicherte er mir, sei sehr kooperativ, sie habe Fotos des Kindes herausgesucht und beantworte bereitwillig alle Fragen, die man ihr im Augenblick leider stellen müsse. Jim Styers und Roger Scott, die beiden Männer, die Christopher begleitet hatten, würden im Moment vernommen. An den Namen Roger Scott konnte ich mich nur vage erinnern, Debbie hatte ihn einmal in einem Brief als Bekannten von Jim Styers erwähnt. Ich wunderte mich, da ich zu wissen meinte, dass er ihr ausgesprochen unsympathisch war und sie jeden Kontakt mit ihm vermied. Da ich aber die Telefonleitung wieder frei machen wollte, verzichtete ich darauf, genauer nachzufragen. »Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um Christopher zu finden!«, versicherte mir der Detective. Ich gab ihm noch meine Telefonnummer mit der Bitte, mich sofort zu verständigen, wenn es Neuigkeiten gäbe. Uns blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten.

In dieser Nacht war nicht an Schlaf zu denken. Mein Mann versuchte immer wieder, mich zu beruhigen, und ich rief alle zwei Stunden bei Debbie an, um mich zu erkundigen, ob man Christopher schon gefunden hatte. Von Mal zu Mal war sie verzweifelter. Das stundenlange Warten auf einen erlösenden Anruf zermürbte sie. Sie klammerte sich an ihre Hoffnung, dass es Christopher – falls er entführt worden war – gelang anzurufen, da er seine Adresse und Telefonnummer auswendig kannte.

Bei unserem letzten Gespräch, am Nachmittag des darauf folgenden Tages, teilte sie mir mit, dass Maureen, die zweite Frau ihres Vaters, und ihre Stiefschwester Karen bei ihr seien. Debbie hatte seit Stunden weder geschlafen noch etwas gegessen. Die beiden versuchten sie zu überzeugen, dass es besser wäre, mit nach Florence zu ihrem Vater – meinem Exmann – Richard »Sam« Sadeik und dessen Familie zu fahren. Auch die Polizisten rieten ihr dazu, da sie im Augenblick nichts mehr tun konnte. Es beruhigte mich ein wenig, sie nicht mehr allein zu wissen. Mein Mann Alex überredete mich irgendwann, ins Bett zu gehen, und ich fiel in einen leichten, nervösen Schlaf, aus dem ich immer wieder hochschreckte.

Vorsorglich hatte ich mir das Telefon bereits neben das Bett gestellt und war sofort hellwach, als es Stunden später wieder klingelte. Sandys Mann Ron meldete sich. Seine Worte werde ich, wie so vieles, was in den folgenden Stunden und Tagen geschehen sollte, niemals vergessen: »Sie haben Christopher in der Wüste gefunden. Er ist tot.«

In diesem Augenblick verließen mich alle Kräfte. Ich brach am Telefon völlig geschockt zusammen und war nicht einmal Stunden später in der Lage zu weinen. Wie in einem Film spulten sich Bilder aus Christophers kurzem Leben vor meinem inneren Auge ab. Noch vor wenigen Wochen hatten mein Mann Alex und ich unseren Jahresurlaub in den USA verbracht und Debbie und Christopher in Phoenix besucht. Sie hatten uns beide am Flughafen abgeholt, und mein vierjähriger Enkel war hinter der Absperrung immer wieder auf und ab gehopst vor lauter Ungeduld. Zur Begrüßung war er mir um den Hals gefallen; ich konnte seine kleinen Arme noch um meinen Oberkörper spüren. Er war ein Kind, das Liebe aufsog wie ein Schwamm, und ich erinnerte mich, wie oft er, mit seinem Lieblingsbuch über australische Tiere unter dem Arm, auf meinen Schoß geklettert war und mich Löcher in den Bauch gefragt hatte: »Grandma, was essen Koalas am liebsten? Weißt du, wo Kängurus ihre Babys haben? Und wo schlafen die Babys in der Nacht?«

Er war ein sehr aufgewecktes und kluges Kind für sein Alter und konnte sich sogar schon alleine ein Sandwich machen. Er wusste auch immer genau, was er anziehen wollte, und war fast beleidigt, wenn Grandma ihm helfen wollte. Ich fühle noch heute seine kleine Hand in der meinen und kann auch nach so vielen Jahren immer noch nicht glauben, dass es nie mehr so sein wird.

Ich versuchte, Debbie bei ihrem Vater zu erreichen, und erfuhr, dass sie auf der Polizeiwache sei. Für den Rest der Nacht lief ich wie ein gefangenes Tier durch unser Haus und entwickelte eine Art Hyperaktivität, in der ich sinnlos treppauf, treppab lief, Schuhe putzte, bügelte und in meinen Tätigkeiten nur von regelmäßigen Weinkrämpfen unterbrochen wurde. Irgendwann nickte ich vor lauter Erschöpfung wieder ein.

Gegen fünf Uhr morgens klingelte ein weiteres Mal unser Telefon. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt und meine Hände zitterten noch immer. Am anderen Ende meldete sich mein geschiedener Mann und Debbies Vater. »Deine Tochter hat ein Geständnis abgelegt«, sagte er nur. »Sie hat Christopher umbringen lassen.«

Ich konnte seine Worte in diesem Augenblick nicht begreifen. Zu viel war passiert. Er berichtete uns keine Details, machte keine weiteren Erklärungen, nichts. Wie vor den Kopf geschlagen, standen wir mit dieser Information in unserem Haus in der Schweiz, Tausende Kilometer vom Ort der Tragödie entfernt, und wollten und konnten die Ereignisse, die uns innerhalb der letzten Stunden überrannt hatten, nicht fassen. Ich war am Rande eines Nervenzusammenbruchs, mein ganzer Körper zitterte, und ich hatte nur einen Wunsch: so schnell wie möglich nach Arizona zu reisen, um bei meinen Töchtern vor Ort sein zu können.

Am nächsten Morgen rief ich meinen Chef an und bat um Sonderurlaub. Er gewährte mir sieben Tage. Alex kümmerte sich inzwischen um ein Ticket nach Phoenix. Am Flughafen schloss er mich noch einmal in seine Arme und flüsterte mir ins Ohr: »Mach es gut, mein Schatz. Ich wünsche dir viel Kraft, und melde dich, sobald du angekommen bist.« Leider konnte Alex mich nicht begleiten.

Die sprachlose Wüste Arizonas

Phoenix, Arizona, 4. Dezember 1989

Der Flug schien nie zu Ende zu gehen. Die Leere in mir war unbeschreiblich. Ich erinnere mich noch daran, wie die Stewardess neben mir stand und mir eine Frage stellte. Ich sah sie völlig verständnislos an, war unfähig, etwas zu entgegnen, weil ich nur ihre Augen sah, die auf mich gerichtet waren. Die Frage selbst konnte ich aber nicht richtig begreifen. Schließlich reichte sie mir einfach ein Glas Orangensaft. Sie muss meine tiefe Verwirrung bemerkt haben, und ich war froh, dass ich die Entscheidung, was ich trinken wollte, nicht treffen musste. Ein Gefühl völliger Lähmung hatte sich in mir breitgemacht.

Als wir nach zweiundzwanzig Stunden Reisezeit auf dem Flughafen in Phoenix landeten, war ich unendlich erleichtert, endlich an Ort und Stelle zu sein. Mit wackeligen Knien und völlig übermüdet stieg ich aus der Maschine, wartete wie in Trance am Gepäckband auf meinen Koffer und wurde, nachdem ich die Zollschranke passiert hatte, von Sandy und ihrem Mann Ron mit einer ungeduldigen Umarmung empfangen: »Mom, stell dir vor, wir sind im Fernsehen«, waren Sandys Worte zur Begrüßung. Ich begriff nicht ganz, was sie meinte, aber als ich meine jüngere Tochter vor mir sah, schossen mir wieder die Tränen in die Augen. Was für eine Tragödie hatte meine Familie in den vergangenen Stunden heimgesucht! »Wo ist Debbie? Hast du mit ihr geredet?«, fragte ich Sandy sofort. »Sie sitzt in Untersuchungshaft. Natürlich konnte ich nicht mit ihr reden«, erwiderte sie knapp und seltsam distanziert. »Komm jetzt. Wir erzählen dir alles unterwegs, aber zuerst müssen wir ins Flughafenrestaurant. Sie bringen gerade Berichte über Debbie, weil sie Christopher umbringen hat lassen! Das musst du dir anschauen!« Ich blickte meine Tochter und meinen Schwiegersohn entgeistert an. Das konnte doch nicht wahr sein! Waren die beiden völlig von Sinnen? Mit einer Sensationsgier, die mich zutiefst erschreckte, zogen sie mich hinter sich her in das nächste Restaurant, wo ich gezwungen war, mir im Fernsehen das Medienspektakel anzusehen, das sich um meine Familie drehte. »Mutter beauftragt Killer, ihren Sohn zu ermorden« und »Eine Mutter wird zum Monster« – so und ähnlich lauteten die Schlagzeilen; die Reporter schienen sich in der Schilderung von Horrorszenarien gegenseitig überbieten zu wollen. Ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, dass sie über meine Tochter Debbie berichteten. Irgendwann flammte ein Minimum an Kraft in mir auf, und ich wurde entsetzlich wütend. »Jetzt reicht’s aber! Ihr seid wohl von allen guten Geistern verlassen?«, rief ich und sprang empört von meinem Stuhl hoch, sodass sie letztendlich gezwungen waren, mit mir zu gehen.

Auf der Fahrt nach Florence zum Haus meines geschiedenen Mannes erfuhr ich von Sandy die zahlreichen Details der Tragödie, die sich in den letzten Stunden abgespielt hatte. Die Polizei hatte den Tathergang mittlerweile rekonstruiert:

Jim Styers, der Mann, bei dem Debbie zusammen mit Christopher Zuflucht vor Mark Milke gesucht und zur Untermiete gewohnt hatte, hatte sich Samstagvormittag Debbies Auto geliehen, um in die Stadt zu fahren. Als Christopher bettelte, mitfahren zu dürfen, um ein Foto von sich und dem Weihnachtsmann zu bekommen, hatte Debbie zugestimmt und ihrem Sohn wohl noch gewunken, als die beiden losfuhren. Unterwegs hatte Jim Styers seinen Freund Roger Scott ins Auto geladen, um dann nicht zum Einkaufszentrum, sondern direkt in die Wüste zu fahren. Dort hatten sie Christopher mit drei Schüssen in den Hinterkopf hingerichtet. Beide Männer hätten die Tat gestanden, so Sandy. Einer der beiden, Roger Scott, habe ausgesagt, dass Christophers Mutter sie wegen einer Lebensversicherung, die sie auf Christopher abgeschlossen hatte, dazu angestiftet habe. Mir verschlug es fast die Sprache. »Was?! Debbie soll was? Welche Lebensversicherung? Ich verstehe das alles nicht«, fragte ich Sandy fassungslos. »Reg dich nicht auf«, so Sandys lapidare Antwort. »Debbie hat gestern Abend schließlich gestanden. Sie hat Detective Saldate alles erzählt und uns die ganze Zeit nur etwas vorgespielt. Ihre Verzweiflung, die Entführung und so weiter – das war alles eiskalt geplant.«

Mir fehlten in diesem Augenblick die Worte. Ich hatte nicht die Kraft, meine Zweifel zu äußern oder Details zu erfragen. Mir liefen nur Tränen übers Gesicht, und ich erhoffte mir von der Familie meines geschiedenen Mannes nähere Einzelheiten zu den Geschehnissen. »Kann ich jetzt Debbies Auto haben?«, fragte mich Sandy. »Sie braucht es ja wohl erst mal nicht mehr!« Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Das durfte alles überhaupt nicht wahr sein. Wie konnte meine jüngere Tochter nur so unverfroren sein und in einem Augenblick wie diesem an einen Wagen denken, den ich Debbie vor einigen Wochen vorfinanziert hatte? Ich antwortete nicht auf ihre Bitte, sondern fühlte nur Unverständnis und Leere, die ganze Situation erschien mir seltsam unwirklich.

Aber der Albtraum schien kein Ende nehmen zu wollen, denn als wir in die Straße einbogen, in der mein Exmann mit seiner zweiten Frau und deren Kindern wohnte, wagte ich meinen Augen kaum zu trauen. Zahllose Fernsehübertragungswagen, Journalisten und Schaulustige säumten den Weg und den Platz vor der Straße. Wie eine gierige Meute stürzten sich die Presseleute auf unser Auto, die Fragen, die auf mich einprasselten, nahm ich nur wie durch einen Schleier wahr. Wir flüchteten ins Haus, und ich hoffte, nun endlich irgendwie Ruhe und Klarheit zu finden.

»Deine Tochter ist für mich gestorben!«, rief mir Debbies Vater zur Begrüßung entgegen. Im Wohnzimmer saßen mir völlig unbekannte Menschen vor dem laufenden Fernseher und zappten von Programm zu Programm, um die neuesten Nachrichten zum Mordfall Christopher Milke nicht zu verpassen. Die Medien klassifizierten meine Tochter nach wie vor als Monster und Bestie – zwischen den Beiträgen wurde unter den Anwesenden heftig diskutiert, und ich hatte nicht den Eindruck, dass irgendjemand Zweifel an Debbies Schuld äußerte. Der Fernseher lief ununterbrochen, es gab keine ruhige Ecke in diesem Haus, und ich kam mir vor wie ein gefangenes Tier im Zoo, das der Sensationslüsternheit der Zuschauer ausgesetzt ist. Das gibt’s nicht! Ich halte das nicht mehr aus, dachte ich mir und hatte nur noch einen sehnlichen Wunsch: raus aus diesem Irrenhaus! Ich war allerdings gezwungen, die Nacht im Hause Sadeik zu verbringen. Bislang hatte sich nämlich niemand um ein Hotel für mich bemüht, und mir fehlte die notwendige Energie, mich auf die Suche zu machen. Man wies mir ein Bett im Nähzimmer zu, das ich dankbar annahm, froh darüber, die Tür hinter mir schließen und mich ausstrecken zu können. Durch die Ritzen drangen die undeutlichen Stimmen der Fernsehreporter. Langsam fiel ich in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen ging ich zum Untersuchungsgefängnis. Ich fragte mich bis zum Büro der Gefängnisverwaltung durch und äußerte den Wunsch, meine Tochter sprechen zu dürfen. Aber man verwehrte mir den Zugang. Und auch als ich um den Namen von Debbies Anwalt bat, konnte oder wollte man mir keine Auskunft geben. Zu diesem Zeitpunkt hoffte ich noch, Debbie bei Christophers Beisetzung sehen zu können. Erst viel später erfuhr ich, dass ihr die Teilnahme an der Trauerfeier ihres einzigen Kindes verwehrt worden war.

Christophers Totenmesse fand am darauf folgenden Tag statt. Der Gang in die Kirche war einer der schwersten meines Lebens. Christophers kleiner Sarg stand offen vor dem Altar, und wir nahmen nacheinander Abschied von ihm. Er sah so friedlich und hübsch aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Der von Mark Milke bestellte Pfarrer begann seine Predigt. Er ging anfangs auf Christophers kurzes Leben und das seiner Mutter ein. Dann öffnete sich das Kirchenportal und Mark Milke betrat in einem weißen Anzug das Kirchenschiff. Der Pfarrer begrüßte ihn als »rehabilitierten Exalkoholiker, der nun zum Glauben gefunden hat und dies mit seiner weißen Kleidung zum Ausdruck bringen möchte«. Ich kann mich nicht mehr genau an jedes Wort erinnern, aber die gesamte Predigt, die sich vor dem offenen Kindersarg abspielte, war eine einzige Zeremonie für den »bedauernswerten« Mark Milke, der »durch das Zutun der Mutter seinen Sohn verloren« habe. Ich war nicht die Einzige unter den Trauergästen, die starr vor Entsetzen und voll ohnmächtiger Wut das Spektakel verfolgte. Eine frühere Nachbarin, die neben mir in der ersten Reihe saß, griff nach meiner Hand und sagte fassungslos: »Das kann doch wohl nicht wahr sein, Renate! Wo sind wir denn hier?« Bis wir jedoch verstanden hatten, was hier passierte, und hätten einschreiten können, war auch schon alles wieder vorbei. Christopher wurde anschließend verbrannt, seine Urne dem Vater übergeben. Bis heute gibt es kein Grab, an dem die Familie um Christopher trauern könnte. Und Mark Milke wurde nur zwei Wochen später in San Diego ein weiteres Mal volltrunken und mit Drogen erwischt.

Unmittelbar nach der Trauerfeier bat ich Deedee, eine Freundin meiner Tochter Sandy, mich zum Polizeipräsidium zu fahren. Ich wollte endlich herausfinden, was tatsächlich geschehen war, und mit dem Anwalt meiner Tochter, am besten allerdings mit ihr selbst sprechen. Es schien mir naheliegend, mich direkt an den Detective zu wenden, der Debbie an Christophers Todestag verhört hatte. Er war es auch, der ihr angebliches Geständnis an die Presse weitergegeben hatte.

Wir betraten das Polizeipräsidium und bekamen den Weg zu Detective Saldates Büro gewiesen. Deedee wartete vor der Tür. Ich fand mich in einem Raum wieder, dessen Wände mit Auszeichnungen, Orden und Urkunden geschmückt waren. Ein etwa 50-jähriger, sehr kräftiger Mann mit Schnauzbart begrüßte mich kurz angebunden. Seine Antwort auf all meine Fragen wird mir vermutlich mein Leben lang ins Gedächtnis gebrannt bleiben: »Ihre Tochter ist das Bösartigste, was mir je unter die Augen gekommen ist, und ich werde dafür sorgen, dass sie das Tageslicht nie mehr als freier Mensch sehen wird, und Sie, Madam, verschwinden besser wieder dahin, wo Sie hergekommen sind!«

Nur mit Mühe gelang es mir, zumindest äußerlich die Fassung zu wahren. Ich schaffte es sogar noch, ihn zu bitten, das Geständnis einsehen zu dürfen, aber er erklärte mir, dass das Protokoll Eigentum der Polizei sei und ich kein Recht hätte, es zu lesen. Meine Frage nach Debbies Anwalt blieb ebenfalls unbeantwortet; ob er dessen Namen nicht wusste oder mir einfach verweigerte, kann ich bis heute nicht beurteilen.

Mein Besuch bei Detective Saldate war nur in einem Punkt erfolgreich: Ich erhielt Debbies Auto zurück, das mein Mann und ich vor wenigen Wochen für sie gekauft hatten und in dem Christopher zu seiner Hinrichtung gefahren worden war. Ich fröstele heute noch, wenn ich daran denke. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft benötigten den Wagen nicht länger als Beweismittel – die Ermittlungen waren anscheinend bereits zu diesem frühen Zeitpunkt eingestellt, der Fall »Christopher Milke« in den Augen der Justiz Arizonas geklärt.

Ich kehrte auf das Anwesen der Sadeiks zurück. Die Haltung der Familie schockierte mich nach wie vor. Ich konnte nicht verstehen, dass sie Debbie so ohne Weiteres verurteilten und es für hinlänglich bewiesen hielten, dass Debbie schuld am Tod ihres geliebten Sohnes war. Die Sadeiks waren nach Christophers Trauerfeier dazu übergegangen, Debbies Besitz unter sich aufzuteilen. Meine Tochter Sandy erhob ein weiteres Mal Ansprüche auf Debbies Auto und mein Exmann forderte von mir, die Flugtickets für Sandy und ihren Mann Ron zurück nach Wyoming zu bezahlen. Auch die Begräbniskosten für Christopher wollte er mir in Rechnung stellen. Debbie habe ja, so sein Argument, einiges gespart, das sie nun nicht mehr brauchen würde. Es gab in seinen Augen nicht den leisesten Zweifel an ihrer Schuld, und mir schien es, als wolle man den Besitz einer Verstorbenen unter sich aufteilen. Die Ereignisse liefen wie in einem schlechten Film an mir vorüber. Wenn ich heute darüber nachdenke, wie passiv ich während dieser schwierigen Zeit in vielen Situationen reagierte, mache ich mir immer noch schwere Vorwürfe und überlege hin und her – auch wenn das müßig ist –, wie ich es hätte besser machen können.

 

Maureen machte den Vorschlag, zu Debbies Wohnung zu fahren, um nachzusehen, was man für ihre eigene Tochter Karen gebrauchen könnte. Ich schauderte bei der Vorstellung, stimmte Maureens Anregung aber zu, weil ich zum einen das Haus der Sadeiks und den Kreis meiner Familie so schnell wie möglich wieder verlassen wollte, um dem allgemeinen Feilschen zu entfliehen. Zum anderen aber wollte ich Debbies persönliche Papiere an mich nehmen und sie so an einem sicheren Ort wissen.

Als wir in Debbies Wohnung ankamen, standen bereits Nachbarn an den Fenstern, die uns neugierig beobachteten. Unsere Familie war innerhalb weniger Tage zur Mediensensation geworden. Die Vermieterin schloss uns die Tür auf und erklärte mir, man werde Debbies Besitz in Kürze versteigern. Dies sei bei Verurteilten so üblich. Zornig wies ich sie zurecht, denn Debbie war weder verurteilt, noch war ihre Mitschuld in irgendeiner Form bewiesen. Aber aufgrund der Berichterstattung in den Medien schien der Fall für die Öffentlichkeit geklärt.

Die Wohnung war ganz offensichtlich bereits durchsucht worden – zahlreiche persönliche Dinge fehlten. »Es war schon jemand vor Ihnen da«, erklärte mir die Vermieterin achselzuckend, ein junger Mann mit Schnauzbart, der sich als Debbies Ehemann ausgegeben habe. Einen Namen konnte sie mir allerdings nicht nennen. Ich suchte vergeblich nach Debbies Papieren – sie waren nicht mehr da. Nicht einmal ihre Geburtsurkunde war auffindbar. Das einzige persönliche Stück, das ich an mich nehmen konnte, war eine Halskette, die ich ihr vor wenigen Wochen geschenkt hatte. Es war ein Souvenir ihres Vaters. Er hatte mir von seinem Aufenthalt in Saudi-Arabien goldene Ohrringe mit einem Nofretete-Anhänger mitgebracht. Ich habe sie nie getragen, da die Ehe zu diesem Zeitpunkt bereits zerbrochen war. Die beiden Figuren allerdings ließ ich zu Kettenanhängern umarbeiten und schenkte sie meinen beiden Töchtern bei meinem letzten Besuch vor drei Monaten.

Da mir die Vermieterin nochmals bestätigte, dass alles an die Polizei zur Versteigerung gehen würde, packte ich auch das bisschen Geschirr, das noch verblieben war, für Sandy zusammen. Das Spielzeug, das ich wenige Wochen vorher für Christopher gekauft hatte, brachte ich den Enkelkindern der Sadeik-Familie mit. Dann gingen wir in Debbies Schlafzimmer. Maureen öffnete den Schrank und begann Debbies Kleider zu durchsuchen und Brauchbares für ihre Tochter Karen zusammenzupacken. Das war zu viel für mich. Ich brach weinend zusammen.

Mir blieben noch drei Tage in Arizona, bevor ich meinen Rückflug in die Schweiz antreten musste. Ich war allerdings nicht mehr in der Lage, in das Haus der Sadeiks zurückzukehren; ihr Verhalten widerte mich zu sehr an. Eine Freundin meiner Tochter Sandy bot mir an, bei ihr zu übernachten – eine Einladung, die ich dankbar annahm.

Die verbleibenden Tage wollte ich so intensiv wie möglich dazu nutzen, weitere Details über das Geschehene herauszufinden und Möglichkeiten aufzuspüren, wie wir Debbie helfen könnten. Irgendwie gelang es mir, den Namen ihres Pflichtverteidigers, Kenneth Ray, zu erfahren. Ich suchte ihn sofort in seiner Anwaltskanzlei auf, traf aber nur seine Sekretärin an. »Herr Ray ist gerade außer Haus«, teilte sie mir achselzuckend mit. Ich bat sie, mir einen Termin zu nennen, an dem ich Kenneth Ray antreffen könnte. »Sie müssen es einfach versuchen. Rufen Sie doch vorher an«, war ihre nichtssagende Antwort. In der Folgezeit rief ich mehrmals täglich in der Kanzlei des Pflichtverteidigers an und wurde doch immer wieder abgespeist. »Herr Ray ist im Moment sehr beschäftigt«, »Herr Ray hat gerade keine Zeit, bitte versuchen Sie es später noch einmal« und »Tut mir leid, Herr Ray hat soeben das Haus verlassen«, waren die Ausflüchte, die ich zu hören bekam. Wütend beharrte ich bei meinem letzten Besuch darauf, im Vorzimmer sitzen zu bleiben, bis der Verteidiger zurückkomme. Daraufhin erklärte mir die Sekretärin, dass der Anwalt auf Geschäftsreise und erst in einigen Tagen wieder im Büro anzutreffen sei. Es ist kaum zu glauben, aber er war nie persönlich zu sprechen. Ich lief gegen Wände und verstand nicht, was für ein »Spiel« hier gespielt wurde.

Kurz vor meiner Abreise stattete ich auch dem Gefängnis einen weiteren Besuch ab, aber das Gespräch mit Debbie wurde mir wiederum verweigert. Bereits am 8. Dezember wurde die Grand Jury einberufen, um über den Fall Debbie Milke zu entscheiden. Detective Saldate war als einziger Zeuge geladen. Der Klage wurde stattgegeben und man beschloss, aufgrund des Polizeiberichts Anklage wegen Mordes gegen Debbie Milke zu erheben. Ein Verteidiger, der die Rechte meiner Tochter hätte vertreten können, war nicht zugegen. Und auch niemand aus unserer Familie wusste zu diesem Zeitpunkt, dass die Grand Jury an jenem Dezembertag zusammentreffen sollte.

Mir blieben nur noch wenige Stunden bis zum Rückflug, in denen ich einen letzten Anlauf wagte und noch einmal meinen geschiedenen Mann und dessen Familie besuchte. Ich bat sie darum, sich mit Kenneth Ray in Verbindung zu setzen, und schrieb ihnen Telefonnummer sowie Adresse auf einen Zettel. Ich hoffte inständig, so auf dem Laufenden gehalten zu werden. Aber die bittere Wahrheit ist: Sam Sadeik steckte den Zettel wortlos in seine Hosentasche und hat kein einziges Mal versucht, Kenneth Ray zu erreichen. Offensichtlich existierte Debbie in seiner Welt tatsächlich nicht mehr. Auch Maureen bat ich nochmals, mich über alle Neuigkeiten zu informieren und mir alle Unterlagen zuzuschicken, die sie in die Hände bekam. Doch alles, was ich je von ihnen zugeschickt bekam, waren Zeitungsausschnitte mit grauenhaften Berichten über meine Tochter.

Die Erinnerung an die sieben Tage Aufenthalt in Arizona schmerzt mich immer noch sehr. Ich musste, da ich damals keine andere Möglichkeit sah, fast unverrichteter Dinge wieder abreisen.

 

Rückblickend auf die Ereignisse, die meine Familie im Dezember 1989 ereilt hatten, mache ich mir heute noch große Vorwürfe, dass ich nicht bereits zum damaligen Zeitpunkt mehr für Debbie getan habe und meine Nachforschungen noch konsequenter angegangen bin. Ich rief unzählige Male aus der Schweiz bei ihrem Pflichtverteidiger an und versuchte auch mehrfach, Debbie, die in Untersuchungshaft saß, zu sprechen. Ohne Erfolg. Eine tiefe Lethargie hatte sich meiner bemächtigt und zwang mich dazu, wie ein Schatten meiner selbst zwar meine Arbeit zu verrichten, aber weitgehend emotionslos zu existieren. Ich lebte in dieser Zeit wie hinter einem Schleier, meine Umwelt nahm ich nur durch einen Nebel wahr. Ohne meinen Mann Alex hätte ich diese Monate des Wartens sicherlich nicht überstanden. Wir diskutierten die Situation wieder und wieder. Wir dachten darüber nach, einen namhaften Anwalt zu engagieren, und zogen ebenso in Betracht, nochmals nach Phoenix zu fliegen und unsere Recherchen wieder aufzunehmen. Beides mussten wir zu guter Letzt verwerfen: Für einen renommierten Anwalt fehlten uns die finanziellen Mittel, für einen Besuch in Phoenix die Zeit, da wir beide beruflich sehr eingebunden waren. Am Ende kamen wir immer wieder zu dem Schluss, dass wir vollstes Vertrauen in das amerikanische Justizsystem haben mussten.

Heute muss ich zugeben, dass ich die Ereignisse, die meine Familie heimgesucht hatten, auch ein Stück weit zu verdrängen versuchte. Es war so viel passiert – ich hatte keine Kraft mehr zu kämpfen und kapitulierte vor den tatsächlichen Geschehnissen. Immer wieder beruhigte ich mich mit den Worten »Es wird sich schon alles aufklären« und »Abwarten, die Polizei wird schon Licht in die Sache bringen.« Das Ausmaß dieser Tragödie war uns damals nicht bewusst.

Während der Ermittlungsphase stand ich in ständigem Telefonkontakt mit meiner jüngeren Tochter Sandy. Ich hatte bei jedem Anruf die Hoffnung, positive Neuigkeiten zu erfahren und einen Lichtschimmer am Horizont erblicken zu können. Aber Sandy wich meinen Fragen nach Debbie grundsätzlich aus. Stattdessen bombardierte sie Alex und mich mit der Bitte um finanzielle Unterstützung und Sprüchen wie »So, Mom, jetzt hast du nur noch mich. Und ich werde dich bestimmt nicht enttäuschen!«. Auch mein geschiedener Mann und seine Familie hüllten sich in Schweigen, wenn ich Fragen nach Debbies Schicksal stellte.

Bei einem unserer Telefonate erzählte Sandy mir, dass sie wieder schwanger sei. Diese Neuigkeit löste meinen Schockzustand langsam ein wenig auf. Ich begann alte Familienalben herauszusuchen und schwelgte oft stundenlang in Erinnerungen. Meine Gedanken waren bei meiner Tochter Debbie, es quälte mich zutiefst, dass ich noch nichts von ihr gehört hatte. Während ich in der einen Hand das Foto betrachtete, auf dem sie mit Christopher im Arm am Boden saß und ihn stolz anlächelte, hatte ich in der anderen einen Zeitungsbericht mit der Schlagzeile »Kaltblütige Kindsmörderin veranlasst Hinrichtung ihres vierjährigen Sohnes«. Ich konnte diese beiden Bilder gedanklich nicht zusammenbringen. Was für eine Diskrepanz! Meine Tochter – eine Mörderin? Ich hatte Debbie bei all meinen Besuchen als liebevolle und fürsorgliche Mutter erlebt, in deren Leben Christopher die zentrale Rolle spielte. War Debbie wirklich schuldig? Meine Gedanken und Gefühle drehten sich im Kreis.

Die Monate des Abwartens führten dazu, dass ich mein bisheriges Leben – vor allem meine erste Ehe und die Geburt und Kindheit meiner beiden Töchter Debbie und Sandy – Revue passieren ließ. Hinter allem stand für mich ein großes Fragezeichen: Wie hatte so etwas nur passieren können?

Erinnerungen an vergangene Zeiten

Ich lernte meinen ersten Mann, Sam Sadeik, am 3. Februar 1963 in Berlin auf der Geburtstagsparty meiner besten Freundin kennen. Er versuchte um jeden Preis meine Aufmerksamkeit zu erregen, und ich, gerade mal 20 Jahre jung, fühlte mich sehr geschmeichelt durch seine Avancen. Bereits am darauf folgenden Tag rief er mich zu Hause an – ich wohnte noch bei meinen Eltern – und bat um ein Treffen. Meine Eltern waren überhaupt nicht erfreut, als sie erfuhren, dass er amerikanischer Soldat war. Ich dagegen – naiv und unerfahren, wie ich war – lief völlig aufgedreht durch die Wohnung und fand es ziemlich aufregend. Da ich im Nachkriegs-Berlin geboren worden war und auch in dieser Stadt, in der es von Soldaten der Besatzungsmächte nur so wimmelte, aufgewachsen bin, faszinierte mich der Überfluss an Nahrungsmitteln, Alkohol, Zigaretten und abendlicher Unterhaltung, den der Kontakt zu den Soldaten bot. Ich genoss den Luxus, von dem viele Berliner zu dieser Zeit nur träumen konnten. In der darauf folgenden Zeit trafen wir uns häufiger. Allerdings war es ziemlich schwierig, meine Eltern dazu zu überreden, mich zu unseren Verabredungen gehen zu lassen, denn ich wurde zwar liebevoll, aber doch sehr streng und behütet erzogen. Mit Sam, wie er genannt werden wollte, machte ich auch meine ersten sexuellen Erfahrungen, und als ich kurze Zeit später feststellen musste, dass ich schwanger war, war dies eine echte Katastrophe für mich. Weder meine Eltern noch Sam waren begeistert von dieser Nachricht, und die Vorstellung, als alleinerziehende Mutter ein Kind großzuziehen, entsprach nicht den moralischen Vorstellungen meiner Eltern. Ich war von einem Mann schwanger, den ich erst kurze Zeit kannte und von dem ich relativ wenig wusste.

Sam erzählte mir eines Abends, dass er mit seinem Vater in einer Art Hassliebe verbunden sei; seine Mutter hatte ihren Mann wegen seiner Brutalität und seiner Alkoholprobleme verlassen. Und obwohl Sam beinahe täglich eine Flasche Whiskey oder Cognac trank, war ich zum damaligen Zeitpunkt zu naiv, um die gleichen Eigenschaften auch bei ihm festzustellen. Die jungen Männer und Soldaten tranken zu dieser Zeit schließlich beinahe alle. Als mir allerdings während meiner Schwangerschaft ein Freund von ihm erzählte, dass Sam bereits verheiratet gewesen sei und einen Sohn aus erster Ehe habe, brach für mich eine kleine Welt zusammen. Ich war hin- und hergerissen, fühlte mich zwischen allen Stühlen und wusste nicht, was ich tun sollte. Da waren auf der einen Seite meine Gefühle für Sam und meine inzwischen bereits fortgeschrittene Schwangerschaft, auf der anderen Seite meine Eltern, für die ein uneheliches Kind ein echtes Desaster gewesen wäre. Irgendwann musste eine Entscheidung gefällt werden, und es waren schließlich meine Eltern, die auf eine Hochzeit hinwirkten. Wir wurden am 27. Dezember 1963 von einem Kaplan der amerikanischen Kaserne getraut. Da diese Eheschließung in Deutschland nicht offiziell anerkannt war, bestand mein Vater auf einer standesamtlichen Trauung, die am 2. Januar 1964 vollzogen wurde.

Meine erste unangenehme Erfahrung zu Beginn unserer Ehe war das Problem, eine Wohnung für uns beide zu finden. Aufgrund des niederen militärischen Ranges meines Mannes war es uns nicht erlaubt, eine Wohnung in der Kaserne zu beziehen, wodurch wir gezwungen waren, uns nach einer privaten Unterkunft umzusehen. Da aber keiner von uns beiden genügend Geld hatte, war es sehr schwer, eine möblierte Wohnung zu finden und über die Runden zu kommen. Ich begann zu arbeiten, und wir hielten jeden Pfennig zusammen, um die täglichen Ausgaben bestreiten zu können. Umso schockierter war ich, als Sam eines Tages mit einer überdimensionalen Stereoanlage nach Hause kam. Es entsprach überhaupt nicht meiner Erziehung, für derartige Dinge Geld auszugeben, solange es an Töpfen und Tellern im Haushalt mangelte und man jeden Pfennig zweimal umdrehen musste. Wir hatten wegen dieser Anschaffung unseren ersten großen Streit, bei dem auch Sams Neigung zur Gewalttätigkeit offensichtlich wurde. Obwohl mein Englisch recht gut war, vermochte ich es nicht, es mit seinem Sarkasmus und Zynismus aufzunehmen – auch nicht in den folgenden Jahren.

Am 10. März 1964 wurde unsere erste Tochter Debra Jean im Militärkrankenhaus der US Force in Berlin-Lichterfelde geboren. Sie hatte zwar eine deutsche Geburtsurkunde, war aber nach der damaligen Gesetzeslage Amerikanerin. Hätte sie heute die deutsche Staatsbürgerschaft, hätten wir weitaus mehr Chancen, eine Revision ihres Falles zu erwirken, doch leider existierte die Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft damals noch nicht.

Debbie wurde unser Sonnenschein, und auch meine Eltern liebten ihr erstes Enkelkind und verwöhnten es, wo sie nur konnten. Sogar Sams Mutter kam nach Deutschland, um uns und unser erstes Kind zu besuchen, und ich verstand mich auf Anhieb sehr gut mit ihr.

Ein Jahr nach der Geburt unserer ersten Tochter zogen wir nach Montana in die USA