Laurins Berg - Anna Slevogt - E-Book

Laurins Berg E-Book

Anna Slevogt

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Beschreibung

'Laurins Berg', die Titelgeschichte, enführt den Leser - ebenso wie 'Mondvogel', Mitternachtsbenzin' und 'Niemandsland' in das Reich der Fantasy. Dennoch scheinen die Begebenheiten real zu sein. Es finden sich aber auch Menschen, die unerwartet Eltern von Teenagern oder mit Verbrechern konfrontiert werden, eine Frau, deren wohlgeordnetes Leben von einem kleinen Hund aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden scheint, das Knistern einer neuen Liebe oder auch der allzu voreilige Verdacht eines Mannes, die Frau habe ihn hintergangen. - Die Wendungen der Geschichten mit all dem Hoffen, Bangen, Leiden und Freuen der Protagonisten sind immer wieder unerwartet. - Hoffen, bangen, leiden oder freuen Sie sich mit ihnen.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Anna Slevogt

Laurins Berg

und weitere Geschichten von Menschen, Tieren und anderen Wesen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Schneesturm

Bankraub mit Donnerschlag

Tiersommer

Italien bei Nacht

Ein liebenswerter Narr

Roses verwunschenes Haus

Laurins Berg

Margrets Reich

Schönlings Unfall

Die Retterin

Niemandsland

Die Begegnung

Unverhofft kommt selten

Abenteuer am Bahndamm

Der Alptraum

Abschied für immer

Im letzten Moment

Jogging mit Hindernissen

Tschüs, Baby-Blues

Kind der Liebe

Mondvogel

Impressum neobooks

Der Schneesturm

oder: Im Wein liegt die Wahrheit

„Noch mal?" fragte Juliane.

Marietta nickte atemlos. „Als wären wir wieder Anfang zwanzig!"

Sie reihten sich erneut in der Skiliftschlange ein und nur wenige Minuten später waren sie wieder auf dem Weg nach oben. Doch zogen am Himmel Wolken auf.

„Das war schon fast so waghalsig wie früher, weißt du noch?" schwärmte Juliane.

„Als wenn ich das vergessen könnte! Aber was meinst du, was unsere Männer jetzt machen?"

„Die werden die Zeit schon nutzen," meinte Marietta lachend. Hier sind genug Frauen solo unterwegs und dein Rolf ist nun wirklich nicht unansehnlich."

„Dein Klaus kann aber auch sehr charmant sein," erwiderte Juliane mit einem etwas spitzbübischen Gesicht.

Marietta schaute sie an. Hörte sie da einen seltsamen Unterton?

„Pass auf, wir müssen runter vom Lift!" Juliane zog sie am Arm.

Oben hatte sich die Sonne bereits verzogen und es wurde windiger.

„Marietta, lass uns diesmal lieber die andere Strecke nehmen. Du weißt, wie schnell hier in den Bergen ein Schneesturm aufziehen kann."

„Einverstanden, Juliane. Außerdem haben wir auf halber Höhe eine Hütte mit Jausenstation. Erinnerst du dich noch an den Blondschopf, der dir unbedingt immer nachfahren wollte?"

„Ja, wir hatten dort eine Rast eingelegt in der Hoffnung, er würde vorbei fahren, aber er kehrte prompt auch dort ein. Aber lass uns erst einmal losfahren, mir wird das Wetter zu ungemütlich."

Schon drehte sich Marietta zum Hang und stieß sich mit ihren Stöcken ab. Juliane jagte ihr hinterher und hatte sie schnell eingeholt. Beide fielen in ein langsameres Tempo und Juliane ergänzte:

„Ich hab wild mit ihm geflirtet, er ist knallrot geworden und schon nach kurzer Zeit sehr einsilbig verschwunden."

„Man soll eben nicht mit dem Feuer spielen, wenn man zu klein dafür ist."

Beide lachten hell auf.

Während der Himmel immer dunkler wurde, kam ein altes Holzhaus in Sicht..

„Schau mal, da vorne, Marietta, ist das unsere Hütte?“

„Das muss sie sein. Sieht allerdings ziemlich ungepflegt aus."

„Sie wirkt fast ein bisschen geheimnisvoll."

„Lass uns trotzdem einkehren. Es kommen schon die ersten Flocken herunter und ich habe keine Lust, mit null Sicht weiter zu fahren."

„Du hast Recht, Marietta, mir ist das auch zu gefährlich."

Sie bremsten vor der Hütte, schnallten ihre Skier ab, lehnten Skier und Stöcke an die Wand des dafür geschaffenen Verschlages und traten in die Gaststube ein. Hier war es angenehm warm, aber menschenleer bis auf die Wirtin, eine gemütlich wirkende ältere Frau mit frisch gestärkter weißer Schürze.

„Hat der Schnee Sie überrascht? Bleiben's einfach hier, ich bring ernan eine Brotzeit. Darfs auch ein Glaserl Wein sein?"

„Brotzeit hört sich gut an und bringen Sie uns am besten gleich eine Karaffe Roten und zwei Gläser!" gab Juliane gut gelaunt zurück. Sie wusste ja nicht, was der Wein bei ihr auslösen würde.

Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster und schauten ein wenig den immer wilder tanzenden Flocken zu, während die Wirtin den Wein brachte.

Nicht lange danach standen zwei große Teller mit Brot und Aufschnitt verschiedenster Art und ein Krug mit im Licht der Deckenlampe fast brennend wirkendem roten Wein vor ihnen. Der köstliche Duft der Speisen weckte ihren Appetit, so biss jede erst einmal herzhaft in ein Wurstbrot.

„Ein Prost auf unsere erste gemeinsame Ski-Freizeit in der Schule, Marietta, wo wir diese Gegend kennen gelernt haben."

„Mit Frau Klein, unserer Sport-Lehrerin! - Prost! - Wir sind ihr ganz schön auf dem Kopf herumgetanzt! Du vor allem, als du angefangen hast mit den Jungen der anderen Schule zu flirten. Wir waren doch höchstens dreizehn."

„Stimmt. Es hat mir einen riesigen Spaß gemacht, die Jungs zu provozieren."

„Warum eigentlich?"

„Ich kam, wie du weißt, aus einer erzkonservativen Familie. Aber weit weg von zu Hause konnte ich das doch mal ausprobieren. Und habe nie mehr damit aufgehört, bis ich Rolf kennen gelernt habe."

„Und dann war Schluss?"

„Ja. Treue bedeutet mir trotz allem sehr viel. Ich bin eben immer noch konservativ. Sie trank noch einen Schluck aus ihrem Glas.

„Ihr wart euch in den sieben Jahren immer treu?"

„Auf Rolf ist da Verlass."

„Und du?"

„Ich?" Sie zögerte, schaute Marietta an. „Fast," sagte sie dann leise, schaute in ihr Weinglas, nippte daran und stellte es langsam wieder weg.

„Nur fast?" fragte Marietta beunruhigt. „Weiß Rolf davon?"

Juliane zögerte. „Nein," sagte sie leise, versuchte dann, wieder genauso unbekümmert zu klingen wie sonst. „Nein, wo denkst du hin. Das weiß nur ich."

„Und der andere," ergänzte Marietta mit einem Anflug vom Lächeln.

„Ja, der auch," lächelte Juliane zurück. Aber ihr Lächeln geriet irgendwie schief.

„Wie ist es denn dazu gekommen?"

„Du, ich möchte nicht darüber reden."

„Du hast dich aber verändert. Früher hast du mir schon am nächsten Tag alle Flirts brühwarm und oft mit einem Schmunzeln erzählt."

„Ja, früher. Aber das war auch etwas anderes. Du weißt, das war alles nur Spaß. Ich habe mit denen doch nie - geschlafen." Das letzte Wort sprach sie ganz leise aus, so, als wenn es niemand hören sollte.

Marietta war erstaunt. „Du hast wirklich vor Rolf nie...?"

Juliane schüttelt den Kopf.

Marietta schaute nach draußen, wo das Schneetreiben zugenommen hatte. Die Flocken wirbelten in alle Richtungen, wie ihre Gedanken.

„Ich glaube jetzt verstehe ich, warum du nicht darüber sprechen willst," sagte Marietta leise.

Juliane schaute in das Schneetreiben, sagte dann:

„Nein, das kannst du nicht verstehen, es ist anders als du denkst." Dann hielt sich plötzlich die Hand vor den Mund und verstummte.

Marietta schaute sie an. Sie meinte, eine kleine Träne über Julianes Wange fließen zu sehen.

„Was hast du denn, Juliane? Wenn dich das so belastet, dann sprich dich aus. Ich bin, wie du weißt ein guter Zuhörer." Es beschlich sie jedoch ein ungutes Gefühl.

„Ich kann nicht." Juliane schneuzte sich in ein Taschentuch, vermied es, Marietta anzuschauen.

Marietta stand auf, ging um den Tisch und hockt sich vor Juliane. „Juliane, wir sind doch Freundinnen."

Juliane schaute weiter ins Schneegestöber. Inzwischen war es so dunkel geworden, dass man draußen kaum die Hand vor Augen sehen konnte.

„Nein, Marietta, gerade dir kann ich es nicht erzählen."

Marietta musste unwillkürlich an Klaus denken. Nein, das konnte nicht sein. Oder doch? Sie schaut Juliane an.

„Ich muss es wissen!" sagte sie, eigentlich mehr zu sich selbst.

Juliane schaut ihr ungläubig ins Gesicht.

Marietta wiederholt den Satz noch einmal, jetzt aber laut: „Juliane, ich muss es wissen!"

„Gut," sagte Juliane leise. Der Brotzeitteller stand halb voll vor ihr, doch der Appetit war ihr vergangen.

„Du weißt so vieles nicht, Marietta," seufzte sie. „Es fing an auf der Sommerparty, als Klaus und du, als ihr euch näher gekommen seid. Anstatt auf mich fliegen wie alle anderen Jungs auch, guckte er sich gerade dich aus! Das hatte mich seit damals gewurmt." Sie machte eine Pause, griff zu ihrem Rotweinglas und trank einen großen Schluck.

„Mein Gott," warf Marietta ein.

„Juliane strich ihre blonden Locken zurück.

„Du willst es ja hören: Vor ein paar Jahren habe ich Klaus zufällig abends in einem Hotel in München getroffen. Erst haben wir einfach nur geplaudert, doch dann fing ich an, ihn zu umgarnen. Ich wollte es einfach wissen. Tja, er ist eben auch nur ein Mann. Als seine Tagung nach drei Tagen zu Ende war, war es vorbei."

Es war so still in dem nur schwach beleuchteten Gastraum, dass man eine Stecknadel hören könnte. Marietta war wie betäubt. Sie hatte soeben, wie es ihr schien, ihren Mann, ihre beste Freundin, eigentlich ihr gesamtes bisheriges Leben verloren. Was machte sie eigentlich in dieser unwirtlichen Stube?

Wie in Trance stand sie auf, wollte in den Schnee, einfach weg, weg aus ihrem Leben, öffnete die Tür, trat hinaus.

Doch der Sturm drückte sie zusammen mit einer riesigen Menge Schnee in den Raum zurück, schob sie bis zu Juliane, die bereits kreidebleich aufgesprungen war, ihr hinterherlaufen wollte und jetzt in die Knie ging und versuchte, sie aus dem Schnee zu ziehen.

„Marietta! Was tust du nur? Es ist doch vorbei! Ich weiß, dass es unrecht war, ich habe es wirklich schon viele Male bereut."

Marietta konnte nicht reden. Sie war am Ende all ihrer Kräfte, die Kehle war ihr zugeschnürt und sie zitterte am ganzen Körper.

Juliane wollte sie in den Arm nehmen, doch Marietta entzog sich ihr.

„Marietta, du frierst; wenn du nicht krank werden willst, musst du wieder warm werden, und zwar schnell! Lass mich dir helfen!“

Marietta zögerte noch, doch dann siegte die Vernunft und sie ließ sich von Juliane in den Arm nehmen.

„Wirst du mir irgendwann verzeihen können?"

Marietta schaute noch immer zu Boden. Dann nickte sie fast unmerklich, blickte auf und meinte: „Ja, aber nicht irgendwann, sondern jetzt und hier, sonst ist alles verloren.“

Eine Last schien von ihr abzufallen, als sie gleich darauf Juliane umarmte und lächelnd meinte: „Es ist lange her und sowas sollte uns nichts mehr anhaben können.“

Wortlos umarmten sie sich lange Minuten in dem einsamen Gastraum. Als sie sich endlich losließen, hatte auch der Schneesturm nachgelassen.

„Komm, lass uns zurückkehren in die Gegenwart," sagte Marietta.

Während sie schweigend auf den Skiern unterwegs waren, kam tatsächlich die Sonne wieder zum Vorschein, strahlte ihnen ins Gesicht und im Gegenlicht liefen ihnen Klaus und Rolf an der Talstation entgegen, deren sorgenvolle Gesichter sich bei ihrem Anblick sogleich aufhellten.

Bankraub mit Donnerschlag

Magda Norden stand am Kassenschalter der kleinen Bankfiliale am Rande von Wasserscheidt und zählte Geldscheine. An diesem Freitagnachmittag arbeitete sie, wie so oft, ganz allein. Doch das störte sie nicht. Nachher würde Herr Wanders, ihr Chef, noch einmal hereinschauen, um gemeinsam mit ihr die Kasse zu schließen. Und nach einem letzten Kontrollgang würde er dann die Filiale fürs Wochenende sicher machen. So war das jeden Freitag.

.

Es wurde dunkler im Raum, und so blickte Magda auf und betrachtete zum mindestens zehnten Mal die grauen Wolken hinter den bläulichen Fensterscheiben. Sie hatten sich inzwischen immer mehr aufgetürmt und begannen, sich vor die Sonne zu schieben. Es würde bald ein Gewitter geben. Zugleich erblickte sie Frau Melchers, eine Rentnerin, die gerade, auf ihren Gehstock gestützt, am Schalter angekommen war. Sie kam immer am Monatsletzten, um ihre Rente abzuholen. Von Ferne ließ sich ein erstes Donnergrollen vernehmen.

„Guten Tag Frau Melchers, was kann ich heute für Sie..." abrupt brach Magda ab, denn ein ihr völlig unbekannter, gedrungener Mann trat unvermittelt hinzu, drängte Frau Melchers unsanft zur Seite und schob Magda, noch bevor sie ihn hätte zurechtweisen können, einen leicht zerknitterten Zettel zu. Sie sah zu ihm hoch und blickte in sein finsteres, von Falten stark verzerrtes Gesicht. Sie stutzte, dann las sie den in krakeligen Buchstaben geschriebenen Text:

„Ich schieße sofort, wenn sie Alarm geben. Alles Geld in diese Tasche!"

Magda bekam rote Ohren, ihre Beine begannen weich zu werden und kalte Schauer rieselten ihr den Rücken herab. Vorsichtig blickte sie von dem Zettel hoch und bemerkte, wie ihr der Mann eine alte schwarze Aktentasche herüber reichte. Magda zögerte. Sollte sie das jetzt wirklich machen? Sie hütete das Geld der Bank wie ihre eigenen Augäpfel, und nun so etwas! Unverwandt starrte sie auf das schwarze, schmuddelige T-Shirt ihres Gegenübers. Plötzlich sah sie eine Pistole aufblinken, die der Mann direkt auf sie richtete. Magda ging beinahe in die Knie. Wie im Zeitlupentempo streckte sie ihren rechten Arm aus, nahm die Tasche an sich, öffnete sie und griff mechanisch in die Geldschublade, um die gerade noch von ihr geordneten Scheine herauszunehmen. Langsam und sorgfältig, wie es ihre Art war, begann sie sodann, das Geld in die Tasche zu legen. Ihre Hände versagten ihr fast den Dienst.

„Beeil' dich," raunzte sie der Mann mit kratziger Stimme an.

Magda griff sich mit fahrigen Bewegungen in die Haare; sie wollte etwas sagen, bekam jedoch keinen Ton heraus. Stumm versuchte sie, das Geld schneller einzupacken, im steten Kampf mit ihrem Innersten und ihren Fingern, jedoch mit nur geringem Erfolg. Bilder ihrer Kinder schossen ihr durch den Kopf, wie sie heute morgen gelacht und sich von ihr verabschiedeten hatten, um zur Schule aufzubrechen. Nein, er durfte nicht schießen!

Als sie gerade die Tasche schloss und aufblickte, erscholl von draußen ein derart lauter Donner, dass sie kurz aufschrie und zugleich zusammen zuckte. Die Tasche fiel ihr beinahe aus der Hand, doch der Unbekannte ergriff sie, drehte sich auf dem Absatz um und lief Richtung Ausgang. Dabei stieß er Frau Melchers, die in der Zwischenzeit langsam zurückgewichen war, mit dem linken Arm beiseite, und verschwand unter einem erneuten heftigen Donnerschlag nach draußen. Frau Melchers wäre noch fast zu Fall gekommen, hätte nicht direkt neben ihr der Geldzählautomat gestanden, an dem sie sich nun mit letzter Kraft festhielt.

Totenstille herrschte im Raum. Eine Ewigkeiten dauernde Sekunde später erinnerte sich Magda an den Alarmknopf, den sie drückte. Jetzt würde die Polizei bald auftauchen. Irgendwie fühlte sie sich wie in Watte gepackt. Ein Schleier hing ihr vor dem Kopf, so dass jeder Denkvorgang nur noch mühsam möglich war. Wie von weit weg nahm sie das Geräusch eines aufheulenden Motors wahr.

„Da, hören Sie das?", fragte Frau Melchers leise. „Ich glaube, das war er. Er ist weggefahren."

„Gut," flüsterte Magda, dann brach sie hinter dem Schalter zusammen, fiel auf den Teppich, und alles wurde schwarz.

Sie sollte erst im Krankenhaus wieder zu sich kommen.

Tiersommer

Sommerferienbeginn! Herrlich warmes Wetter und Freizeit für sechs lange Wochen. Was gab er Schöneres? Susi und Eva wollten heute einfach nur raus. Von morgens an schien, ja brannte die Sonne auf die glänzende und funkelnde Landschaft und es duftete - ja, es duftete nach Sommer! Mit ihren Rädern fuhren sie am Feldweg entlang, wo die schönsten Wiesenblumen wuchsen. Das Korn auf den Feldern wogte leicht im Wind, und die beiden Zwillingsschwestern flogen fast über die Strecke. So kam es ihnen jedenfalls vor.

Ihr Ziel war eine riesige Waldwiese, wo sie endlich einmal wieder picknicken und dann im nahe gelegenen See baden wollten.

Es sollte aber ganz anders kommen!

Als sie nach einer Fahrt durch den lauschigen kühlen Wald verschwitzt und hungrig an der Wiese ankamen, mussten sie feststellen, dass sie nicht allein waren. Ein Mann stand am anderen Ende der Lichtung und schaute zum dortigen Waldrand. Zum Glück hatte er sie noch nicht gesehen. Schnell schlichen sie sich ins nahe Gebüsch. Was war das für ein Mensch und was machte der hier auf ihrer Wiese? Schließlich hatten sie die Wiese im Frühling schon für sich entdeckt und wollten sie nicht mit irgendwem teilen.

Sie mussten nicht lange warten, da sahen sie, wonach der Mann Ausschau hielt: Aus dem Gestrüpp am anderen Ende der Wiese kam ein Hund gerannt, fast so groß wie ein Schäferhund. Aber er hatte ein Fell, das in der Sonne wie pures Gold schimmerte!

Der Mann hielt ihm einen Stock hin und schleuderte den dann mit viel Schwung genau in die Richtung der beiden Mädchen, wo er nur knapp zehn Meter von ihnen entfernt zu liegen kam. Der Hund war schon losgerannt und stob wie ein goldener Pfeil auf sie zu, wie es schien. Aus einer anderen Richtung tauchte noch so ein Hund wie aus dem Nichts auf. Vor dem Holzstück bremsten beide abrupt ab. Der erste wollte es wohl schon ins Maul nehmen, als er inne und die Nase in den Wind hielt und dann langsam direkt auf die beiden Mädchen zuschlich. Der zweite beobachtete ihn dabei, schnappte sich dann das Holz und stob davon Richtung Herrchen. Der aber schaute schon hinüber zu Eva und Susi und seinem Hund.

Vor einem Busch hielt dieser an und bellte plötzlich einmal. Vor Schreck kreischten die beiden auf. Doch ihre Neugier siegte schnell! Langsam krochen sie aus ihrem Versteck und noch bevor das Herrchen seinen Hund erreicht hatte, waren sie bei ihm.

Er stupste uns mit der Nase an, als wenn er sagen wollte:

„He, spielt mit mir!"

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen und so verbrachten sie mit Erlaubnis des Mannes bestimmt eine halbe Stunde damit, mit den Hunden um die Wette zu rennen und Stöcke wegzuwerfen, die einer von beiden dann wieder zurückholte. Leider war die Zeit viel zu schnell vorbei und der Mann pfiff die Hunde zu sich, um nach Hause zurückzukehren..

Aber Eva und Susi wollten sich damit nicht zufrieden geben.

„Sind Sie öfter hier oder dürfen wir die beiden mal besuchen?“ fragte Susi den Mann, der sich gerade auf den Rückweg machen wollte.

„Ja klar könnt ihr die beiden besuchen, die sind nicht alleine, wir haben noch viel mehr Tiere! Wenn ihr Lust habt, könnt ihr euch bei uns das Taschengeld etwas aufbessern und bei den vielen Arbeiten rund ums Haus mithelfen.“

„Meinen Sie das wirklich ernst oder sagen Sie das nur so?“

„Kommt doch einfach mit und schaut es euch an. Dann könnt ihr selbst entscheiden, ob das etwas für euch ist. Nicht jeder räumt gern den Schmutz von Tieren weg. Ich bin übrigens Herr Hansmann.“

Voller Freude vergaßen die beiden ganz, dass sie eigentlich im Teich neben der Wiese schwimmen wollten.

„Na klar kommen wir mit! Wir haben Ferien und noch Zeit genug.“

Als die Hunde merkten, dass sie mitkamen, waren sie kaum zu bändigen und sprangen immer wieder vor ihren Füßen her.

„Die müssen dringend noch erzogen werden,“ meinte Herr Hansmann. „Passt, auf, dass ihr sie nicht versehentlich tretet. Ich weiß nicht, wie sie dann reagieren.

Es dauerte nicht lange, bis sie sich einem Hof näherten.

Eva hielt Susi etwas zurück.

„Sieht eigentlich aus wie ein normaler Bauernhof,“ flüsterte Eva Susi zu.

„Kann aber nicht sein,“ entgegnete die. „Dann würden die nicht mit den Hunden Gassi gehen“

„Stimmt, du hast Recht.“

„Schau mal, Eva, da vorne sind ganz viele Zwinger!“

„Was denn, Zwinger! Du weißt, was ich davon halte!“

„Leise! Denk doch mal nach, das muss doch einen Grund haben.“ , erwiderte Eva, und dann fragte sie den Mann:

„Ist das hier ein Tierheim?“

„Du hast es erfasst! Wir halten hier fast sechzig Hunde und dreißig Katzen. Die meisten sind in größeren Gehegen untergebracht, aber einige Hunde müssen wir in Zwingern halten, weil sie anders noch nicht klar kommen. Ich kann verstehen, dass euch das nicht gefällt, uns wäre es anders auch lieber, aber wir müssen die Tiere nehmen wie sie sind und die Wohnverhältnisse ihren Eigenarten anpassen. Schaut dort drüben!“ Er zeigte zu einem kleinen Gebäudekomplex.

„Dort ist die Quarantänestation. Da kommen alle neuen Tiere zunächst hin, bis sie untersucht und für gesund erklärt sind. Jede Woche einmal kommt ein Tierarzt und kontrolliert alle neuen Tiere und die anderen, soweit sie irgendwelche Auffälligkeiten zeigen.“

Eva und Susi staunten nicht schlecht. „Und die müssen alle versorgt werden?“