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Ob es schlimmer ist blind oder taub zu sein, ist eine müßige Frage. Fest steht, dass Gehörlosigkeit eine schwere Behinderung ist, die jedoch im Bewusstsein der Menschen nur selten wahrgenommen wird. Kaum jemand kann sich vorstellen wie es wirklich ist, wenn man gar nichts hört: keinen Laut, kein Geräusch, keine Musik - und keine Worte. Gehörlose Menschen, die nur dann etwas zu verstehen vermögen, wenn sie von den Lippen ablesen können oder der Gesprächspartner die Gebärdensprache beherrscht, sind in der Kommunikation enorm eingeschränkt. Deshalb sind sie bei der schulischen und beruflichen Ausbildung und später auf dem Arbeitsmarkt außerordentlich benachteiligt. Verständnisschwierigkeiten und Artikulationsprobleme sind der Grund, warum viele Gehörlose unter einem äußerst geringen Selbstbewusstsein leiden und nicht selten in Depression und Isolation versinken. Die Schwester des Autors verlor im Alter von drei Jahren durch eine nicht rasch genug diagnostizierte Meningitis das Gehör. Fortan führte die Familie für die Tochter und mit der Tochter einen Kampf gegen die Folgen der Gehörlosigkeit. Gemeinsam gelang es, dem Kind eine fast normale, unbeschwerte Jugend zu ermöglichen. Doch im späteren Leben verursachten die verpasste große Liebe und eine lieblose, gescheiterte Ehe schwere psychische Störungen, die sie am Ende in den Tod trieben. Der Autor erzählt den Lebensweg seiner Schwester, spürt eigenen sowie familiären Versäumnissen und Fehlentscheidungen nach und versucht zu begreifen, wie das Unfassbare geschehen konnte. Er spricht zudem die speziellen Probleme der Gehörlosen in Deutschland an, die zum Beispiel bis 1980 keine Universität besuchen durften und auch heute noch den für das Studium notwendigen Gehörlosendolmetscher aus der eigenen Tasche bezahlen müssen. Dieses Buch schildert ein bewegendes Einzelschicksal, den Weg einer Familie aus den 50er-Jahren bis ins Jahr 2012 und vermittelt Hintergründe und Details über die Behinderung Gehörlosigk
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2014
Lautloses Leben
Leben und Sterben einer Gehörlosen
von Richard Reinglas
Copyright: © 2014 Richard Reinglas
Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net Christiane Geldmacher
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de
Mein ganz besonderer Dank gehört Ingeborg Schleicher und ihrem Mann Jörg. Ingeborg hat einen sehr wertvollen Beitrag geleistet, um mir Licht in das Dunkel der Welt der Gehörlosen mit all seinen Facetten zu bringen.
Kapitel I
Eine innere Stimme befiehlt mir: Stehe auf und gehe deinem Herrn entgegen!
Im Grunde genommen war es ein Montagabend wie jeder andere auch. Doch als das Telefon klingelte und Toni und ich noch darüber rätselten, ob es sich um Tonis beste Freundin Lilly oder ihre Schwester Annabelle handeln würde – außer den beiden kam zu dieser Stunde niemand infrage – nahm ich den Anruf schon entgegen. Das war durchaus ungewöhnlich, normalerweise überließ ich das nur allzu gerne Toni.
Ich gab mir alle Mühe, charmant zu bleiben: „Ja, bitte?“
Einen Moment herrschte Stille … ein Moment der Ungewissheit: Das bedeutete, dass es weder Annabelle noch Lilly sein konnten. Von Annabelle wären mir ein gurrendes Lachen und ihre helle, weiche Stimme entgegengeklungen, begleitet von einem sympathischen, verführerischen, erotischen Unterton, den ich sehr an ihr liebte und dessen sie sich natürlich nur allzu bewusst war. Lilly hingegen hätte mich mit einem „Guten Abend, Richie!“ begrüßt, um mich sofort zu fragen: „Wo ist Tonilein?“ Ihre Stimme klang immer sehr freundlich, sehr ruhig, doch stets auch begleitet von einem traurigen bis melancholischen Unterton, der mich jedes Mal aufs Neue, je nach Gefühlslage mal mehr, mal weniger berührte.
Noch immer herrschte Stille in der Leitung … wer konnte es nur sein? Endlich hörte ich ein heiseres Räuspern, daraus wurde mit einer Verzögerung eine sehr leise, kaum hörbare erstickte, weinerliche Stimme. Ich traute kaum meinen Ohren: Handelte es sich tatsächlich um meine Nichte Marie? Wenn ja, dann verhieß das nichts Gutes. Besaß sie ansonsten doch eine sehr klare, wunderschöne Mezzosopranstimme, war stets gut aufgelegt und bester Laune. Unsere Telefonate beschränkten sich in der Regel auf unsere Geburtstage und natürlich auf Weihnachten; Gespräche, in die alle Glückwünsche zum Jahreswechsel und für das neue Jahr gleich mit eingeschlossen wurden. Heute hingegen schien ihr das Sprechen ungemein schwer zu fallen. Hörte sich das nicht nach Weinen an?
Wie es meiner Art entsprach, fragte ich sie direkt: „Ist etwas mit Christine?“
Entsetzliche Sekunden der Stille.
„Sie wird seit Sonntagabend vermisst.“
Was für eine furchtbare Nachricht! Kein Wunder, dass es Marie so schwer fiel mich, den Bruder und ihren Onkel, damit zu konfrontieren. Marie weinte. Dem Ton ihrer Stimme entnahm ich, dass sie über das Verschwinden ihrer Mutter verzweifelt und in dieser Situation hilflos war.
„Marie, was heißt vermisst?“ Ich bemühte mich, meiner Stimme einen sanften Ton zu geben, obwohl mir eher nach Schreien zumute war. Mir schwante Furchtbares. Es war nicht das erste Mal, dass mein allerliebstes Schwesterherz von jetzt auf gleich spurlos verschwunden war. Die Frage hätte ich mir in der Tat sparen können, ahnte ich doch ziemlich genau, was ich als Nächstes zu hören bekommen würde.
Marie begann in kurzen, abgehackten Sätzen zu erzählen. Jedes ihrer Worte war wie ein Peitschenhieb. Ich spaltete mich in zwei Hälften. Auf der einen Seite war ich Christines Bruder, ein sensibler, verständnis- und gefühlvoller Mensch, der stets ein offenes Ohr für ihre Sorgen hatte; auf der anderen Seite war ich ein nüchtern denkender, analysierender Mensch, der hastige und emotionale Erzählungen schnell und roboterartig in Daten und Fakten übersetzte. Mein Gehirn arbeitete unter Hochdruck. Christine musste bereits die zweite Nacht unterwegs sein. Draußen war es kalt, es hatte einen ungewöhnlich frühen Wintereinbruch gegeben. In den Abendnachrichten war von Temperaturen bis zu zwanzig Grad unter null die Rede.
„Marie, wenn wir sie heute Nacht nicht finden, dann befürchte ich das Schlimmste! Hast du schon die Polizei alarmiert?“
„Deshalb rufe ich dich ja an!“ Marie bemühte sich, ihrer Stimme einen gefassteren Klang zu geben.
„Du darfst keine Sekunde mehr zögern!“ Hoffentlich hörte sie die Angst und die Panik in meiner Stimme nicht heraus. Sie ähnelten ungeheuren Wassermassen, die die Mauern eines Staudammes zuerst zum Erschüttern und dann zum Einbruch bringen würden, um anschließend alles niederzuwalzen, was sich ihnen in den Weg stellt. Wie diese Mauern fühlte ich mich jetzt, als ich im selben Moment von einem Gefühl unerträglicher Hilfslosigkeit überflutet wurde.
Obwohl ich bislang noch kein Wort mit Toni gewechselt hatte, sprangen meine Verzweiflung und Panik augenblicklich auf sie über.
Angesichts dessen gewann der Roboter in mir wieder Oberwasser und spielte alle infrage kommenden Möglichkeiten in Windeseile durch. Unter anderem so obligatorische und willkürliche Fragen wie: Wo, bei wem, an welchem Ort könnte sich Christine um diese Zeit aufhalten? Hatte sie den Bus oder die Bahn genommen? Was konnte ich von meiner Seite aus für sie tun? Wie konnte ich mich in dieser Situation nützlich machen? Mir fiel ein ganzer Rattenschwanz von Vorschlägen ein. Doch welche davon waren die richtigen und die effizientesten? So viele Alternativen!
Ich fragte die kluge, weise Toni um Rat. Aus Erfahrung wusste ich, dass ich mich immer auf ihren äußerst nüchternen, dazu sehr scharfen Verstand würde verlassen können. Neben vielem anderen ähnelten wir uns auch darin. In den vielen Jahren, in denen wir nun schon zusammenlebten, hatte ich es sehr zu schätzen gelernt, dass wir uns auf eine wunderbare Art und Weise ergänzten. Das ging so weit, dass wir von einer Seelenverwandtschaft sprachen, wir vollendeten gern des anderen Sätze. Doch war äußerste Vorsicht vor ihrem äußerst temperamentvolles Naturell geboten.
Und als ob sie mir wieder einmal die Gedanken von der Stirn abgelesen hätte, hörte ich sie wie aus der Pistole geschossen sagen: „Wenn du fahren willst, damit du dich nicht mehr so hilflos und machtlos fühlst und es dir dadurch besser geht – dann fahre! Doch Christine wirst auch du nicht finden – und deshalb wirst auch du ihr nicht helfen können!“
Toni, klar, deutlich, kompromisslos, dennoch Mensch. Ihre Stimme blieb weich. Ihr gehörte meine volle Bewunderung. Ich fragte mich im Stillen und allen Ernstes: Woher nur nahm diese Frau in einem Moment der totalen Anspannung, der übermächtigen Sorgen und der sich daraus nährende Verzweiflung nur diese Ruhe, um dermaßen klar, nüchtern und pragmatisch zu denken und zu urteilen? Besaß vielleicht auch sie ein zweites Ich und tickte auch in ihr ein Roboter? Sie mahnte und forderte mich gleichzeitig dazu auf, unbedingt die Nerven zu behalten und nur noch meinen Verstand einzusetzen.
Konnte ich etwas erreichen, wenn ich noch in dieser Nacht nach München fahren würde? Was würde ich dadurch für meine Schwester tun können? Schließlich würde ich dort todmüde, völlig übernächtigt und entnervt ankommen. Die Suche nach ihr würde der nach einer Nadel im Heuhaufen ähneln. Dazu mitten in der Nacht.
Das Ergebnis meiner Überlegungen fiel ebenso ernüchternd aus wie die Antwort Tonis: Nichts würde ich damit für Christine erreichen können! Ich würde dabei nur ins Leere laufen.
Der Roboter stellte sämtliche Systeme auf Alarm. Der Vulkan begann zu brodeln. Die Ventile drohten zu bersten. Noch hielten sie dem Druck stand. Noch verlor ich nicht den Verstand. So schwer es mir auch fiel: Es blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten – bis zum nächsten Morgen. In der Hoffnung, dass auf einem der Polizeireviere im Umkreis Christines ein Hinweis über ihren Verbleib eingehen würde.
Schon kurze Zeit, nachdem Marie die Polizei alarmiert hatte, stieg ein Polizeihubschrauber mit einer Hundestaffel auf und landete bereits zwanzig Minuten später in kurzer Entfernung von ihrer Wohnung. Eine intensive Suche begann, die sich über mehrere Stunden hinzog. Doch es ergab sich nicht der geringste Anhaltspunkt über den Aufenthaltsort meiner Schwester. Die Befragung von Passanten auf der Straße und von Mitbewohnern in den umliegenden Wohnhäusern blieb ergebnislos. Die Polizei leitete eine Vermisstenmeldung an die Lokalzeitungen, die Radiosender und an das lokale Fernsehen weiter. Abends wurde in den Spätnachrichten die Meldung verlesen und die Bevölkerung um Unterstützung gebeten.
Am darauf folgenden Tag wurde stündlich, stets am Ende der Nachrichtensendungen, derselbe Aufruf wiederholt. In den lokalen Zeitungen erschien die Vermisstenanzeige mit einem Foto von Christine und einer Personenbeschreibung.
Trotz dieser äußerst alarmierenden Umstände gelang es mir an jenem ersten Abend, einen einigermaßen kühlen und klaren Kopf zu bewahren und die vermaledeite Panik zu kontrollieren. Doch mein Nervenkostüm wurde immer fragiler. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zusammenbrechen würde. Mein Roboter arbeitete auf Hochtouren, er tat was er konnte, um den Kollaps zu verhindern.
Währenddessen stellten wir uns, Toni und ich, abwechselnd stets dieselben Fragen: Wo nur konnte sich Christine aufhalten? Warum, wohin und mit welchem Ziel konnte sie sich auf den Weg gemacht haben? Vor allem aber: Was hatte sie überhaupt dazu bewogen?
Es wurde eine höchst unruhige Nacht für uns, trotz der Schlaftabletten, die wir nahmen. Sie verhalfen uns zu drei, vier Stunden Schlaf und beruhigten unsere Nerven etwas.
„Das war besser als gar nichts!“, sagte ich am nächsten Morgen zu Toni, während wir frühstückten, bevor ich ins Büro fuhr. Die Arbeit würde mich für ein paar Stunden von den schlimmsten Befürchtungen ablenken.
Völlig vertieft in meine Arbeit erreichte mich am späten Vormittag der Anruf von Marie auf meinem Handy. Ihre Stimme klang schon viel besser. Trotz der unverändert nervenaufreibenden Ungewissheit über das Schicksal ihrer Mutter gelang es ihr jetzt, mir in kurzen und prägnanten Sätzen zu schildern, was sich seit unserem letzten Telefonat an neuen Informationen ergeben hatte. So erfuhr ich von der Vermisstenanzeige, den Suchmeldungen im Fernsehen, Radio und den Lokalzeitungen sowie von dem Einsatz des Hubschraubers inklusive der Suchmannschaft und der Hundestaffel. Aber bisher hatte es nichts gebracht. Ihre Mutter war nicht gefunden worden. Und wieder brachen bei Marie alle Dämme und ihre Stimme wurde von einem verzweifelten Schluchzen erstickt. Ich unternahm erst gar nicht den Versuch, sie zu trösten, sondern ließ sie gewähren. Dann versprach ich ihr, sie abends anzurufen.
Die Stunden verliefen unendlich langsam. Ständig dieselben Gedanken mit ständig den gleichen Ängsten. Nur mit viel List und einigen selbst gebastelten psychologischen Tricks gelang es mir, mich selbst ruhig zu stellen. Darin war ich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ein Meister geworden. In puncto Verdrängung und Sich-selbst-Austricksen machte mir so schnell keiner etwas vor. Es hatten sich in meinem bisherigen Leben so viele Situationen ergeben, Dinge ereignet und zugetragen, die, wie man es im Volksmund auszudrücken pflegt, auf keine Kuhhaut mehr passten.
Wie oft schon hatte ich in besonders kritischen Situationen und Lebensphasen vor der Entscheidung gestanden, entweder stark zu sein und die Dinge, so wie sie waren, zu akzeptieren, sie ins Auge zu fassen und mit voller Entschlossenheit zu bewältigen, oder aber sie in einer Schublade ad acta zu legen. Die schlechteste Lösung war es, darüber so zu verzweifeln, dass man am Ende verrückt wurde und in der Psychiatrie landete – oder einen Schlussstrich zog und sich umbrachte.
Solche und ähnliche Gedanken kamen mir manchmal. Einmal war ich, daran erinnere ich mich noch genau, sehr nahe daran gewesen, mich mit meinem Sportwagen von einer hohen Brücke zu stürzen. Das Gaspedal hatte ich bereits bis zum Anschlag durchgedrückt, doch in letzter Sekunde hatte ich bei der Vorstellung, wie ich im Auto das Geländer durchbrach und in die Tiefe stürzte, Schiss bekommen und es dann doch vorgezogen, den Fuß vom Gas zu nehmen und weiterzuleben; trotz der Last. Jene Nacht verlief ähnlich furchtbar, wie die, die heute hinter mir lag.
Wenn ich etwas aus meinen schmerzlichen privaten und beruflichen Niederlagen gelernt habe, dann dies: Die Zeit, die Jahre, die Monate, die Stunden, die Minuten, sogar die Sekunden, haben immer etwas Gutes, denn im Guten wie im Schlechten tickt der Uhrzeiger unermüdlich weiter. Die Zeit läuft und zerrinnt; für alle gleich. Ob du arm bist oder reich. Ob du gut bist oder böse. Ob man sich gerade liebt und wünscht, dieser Augenblick möge niemals vergehen, oder ob man gerade zu Tode betrübt ist.
Zu Tode betrübt. So ging es mir jetzt. Ich wünschte mir, die Zeit verginge im Fluge, aller Spuk habe ein Ende und ich würde von Christine mit dem für sie so typischen Mondgesicht-Lächeln in die Arme geschlossen …
Endlich war Feierabend und wie gewohnt und als ob nichts wäre, fuhr ich mit dem Wagen nach Hause. Doch heute mangelte es mir an der ansonsten täglichen Vorfreude auf das bevorstehende Wiedersehen mit Toni. Appetit hatte ich auch keinen. Ich war auf dieser Fahrt einzig und alleine mit dem Schicksal und dem Wohle meiner Schwester Christine beschäftigt. Hatte man sie gefunden? War sie noch am Leben? Hatte sie einen Unterschlupf? Dann könnte sie die eiskalte Nacht überstanden haben …
So wie an jedem Abend erwartete mich Toni an der Haustür. Wie immer wartete sie mit ihren Fragen so lange, bis ich die Jacke am Garderobenständer aufgehängt und die Straßenschuhe gegen meine Hausschuhe eingetauscht hatte. Danach allerdings kannte sie kein Halten mehr. Es waren dieselben Fragen, mit denen auch ich mich schon den ganzen Tag im Büro und auf der Fahrt nach Hause beschäftigt hatte. Sie brachen aus ihr wie aus einem aufgestauten Wehr hervor, bei dem sich soeben die Schleusen öffneten und sich das Wasser sturzbachartig seinen Weg suchte.
Obwohl mir ähnlich zumute war und ich viel lieber lauthals herausgeschrien hätte, um all meiner aufgestauten Angst, meiner Verzweiflung, meiner Hoffnungslosigkeit freien Lauf zu lassen, zwang ich mich, meiner Stimme einen ruhigen und sachlichen Ton zu verleihen. In kurzen Sätzen schilderte ich ihr das Gespräch mit Marie vom Vormittag. Und dann äußerte ich meine schlimmste Befürchtung: dass Christine vielleicht nicht mehr am Leben sein könnte.
Toni sagte kein Wort, sie drehte sich stillschweigend um und verschwand in der Küche. Nachdem sie nach Minuten der absoluten, unheimlichen Stille wieder herauskam und auf ihrem Stuhl im Esszimmer Platz nahm, hatte sie immer noch den gleichen Gesichtsausdruck. Ich beobachte mein Gegenüber stets immer sehr genau, jede Gestik, jede Mimik. Toni schien zu demselben Schluss gelangt zu sein wie ich. Still, ohne ein Wort, sahen wir uns tief in die Augen und wussten Bescheid.
Kurz nach dem Abendessen wählte ich die Telefonnummer von Marie. Toni und ich hatten zwischenzeitlich auf der Couch in unserem Wohnzimmer Platz genommen. Schon alleine das Tippen der Zahlen kostete mich ungemeine Überwindung. Zuerst dieses Unheil verkündende, Nerven zerrüttende Tüüüt-Tüüüt-Tüüüt, dann endlich die Stimme von Marie. Sie hörte sich aufgelöst an. Es ging ihr schlecht. Mit ruhiger, sachlicher, freundlicher und mitfühlender Stimme begann ich so lange auf sie einzureden, bis sie sich wieder gefangen hatte und erzählen konnte, was weiter passiert war:
Gegen Mittag war sie zu der Wohnung ihrer Mutter gefahren und hatte auf dem Wohnzimmertisch als Erstes ein von ihr handgeschriebenes Testament vorgefunden. Die Schrift war unverkennbar, wenn auch diffus. Für mich ein klarer Hinweis auf ihre geistige und seelische Verfassung, als sie dieses Testament verfasst und niedergeschrieben haben muss. Ich gab Marie unmissverständlich zu verstehen, dass ich erst gar nicht wissen wollte, was in diesem Testament geschrieben stand. Eine Diskussion über das Erbe würde sie, was Toni und mich anging, auf keinen Fall befürchten müssen. Ich fügte noch hinzu, dass dafür schon ihr Opa, mein Vater, zu dessen Lebzeiten gesorgt hatte. Nach Verkauf des Hauses hatte ich von ihm zuerst den Erbteil unserer Mutter ausbezahlt bekommen, während er für sich und seiner Tochter eine Eigentumswohnung erworben hatte. Noch bevor er verstarb, hatte ich von ihm auf meine Bitte hin den väterlichen Erbteil erhalten. Meine Geschäftsbank hatte darauf gedrängt, das angehäufte Negativkapital abzubauen. Hätte ich allerdings damals auch nur ahnen können, dass ich bereits ein Jahr später aufgrund eines großen Forderungsausfalles eines meiner Kunden in die Insolvenz gehen würde … Für solche Fälle hatte unsere Mutter stets ein typisch oberfränkisches Sprichwort parat, doch das ist wenig druckreif.
Während Marie das Testament gelesen hatte, war nicht nur ihr Blutdruck gestiegen, sondern auch die Angst um ihre Mutter. Anschließend hatte sie sich im Esszimmer umgeschaut und dort auf dem Tisch eine ganze Reihe von teils angebrochenen, teils halbierten, teils noch ganzen Tabletten vorgefunden. Alles deutete darauf hin, dass ihre Mutter seit geraumer Zeit wieder einmal die Dosierung der Medikamente herabgesetzt hatte. Beim Anblick der auf dem Tisch verstreuten Tabletten geriet sie so fürchterlich in Rage, dass sie für einen Augenblick sogar die Angst um sie vergaß. Vor allem, weil sie sie erst in der vergangenen Woche noch extra darauf angesprochen hatte, ob sie auch täglich ihre Medikamente einnehmen würde – was Christine ihr mit dem für sie so typischen Mondgesicht-Grinsen bestätigt hatte.
Ihre Mutter kam zweimal in der Woche zu ihr zum Putzen, darüber hinaus wusch und bügelte sie ihr die Wäsche. Diesen Vorschlag hatte sie ihr schon vor einigen Jahren unterbreitet, als sie sich wieder einmal über ihre karge Rente beklagt hatte. Damit bot Marie ihr die Möglichkeit, ihre schmale Rente aufzubessern, ohne sich als Bettlerin fühlen zu müssen. Gleichzeitig stellte ihre Hilfe für sie eine willkommene Erleichterung im Haushalt dar; so hatten beide etwas davon – abgesehen davon, dass sie auf diese Weise ihre Mutter auch öfters zu sehen bekam.
Doch wie sich nun herausstellte, war es nichts anderes als eine Notlüge gewesen. Marie sah darin einen schmerzhaften Vertrauensbruch, den sie ihrer Mutter niemals zugetraut hätte. Um nicht lügen zu müssen, hatte sie die Tabletten geviertelt und halbiert. Ganz schön raffiniert von ihr. Lügen wäre schon aufgrund ihres Glaubens für Christine niemals infrage gekommen.
Am Ende ihres Rundgangs durch die Wohnung hatte Marie im Papierkorb, den sie auf der Suche nach irgendeinem Hinweis über den Verbleib ihrer Mutter auf den Kopf gestellt hatte, ein in mehrere Fetzen zerrissenes, zweifelsfrei ebenfalls von ihrer Mutter handgeschriebenes Testament gefunden. Niemand würde mehr erfahren, warum sie dieses zerfetzt hatte, um möglicherweise gleich im Anschluss daran ein neues zu schreiben. Hatte sie sich vielleicht über etwas oder über jemanden geärgert? Nun … für mich, als ihren Bruder und Onkel von Marie, war dies ohne Belang. Für mich stand ohnehin fest, dass Marie die Alleinerbin war.
Ganz abgesehen davon, hatte ich das untrügliche Gefühl, dass in diesem Moment bei Marie die Enttäuschung, die Angst um ihre Mutter überwog, was ich gut nachvollziehen konnte, denn mir ging es nicht viel besser. Noch immer wussten wir nichts über den Verbleib von Christine. Dass Toni und ich Maries Mutter bereits für tot hielten, behielt ich allerdings für mich. Marie versprach, mich sofort anzurufen, sobald es Hinweise über den Verbleib ihrer Mutter geben sollte. Ich fügte hinzu, dass sie uns jederzeit, unabhängig von Tages- oder Nachtzeit, anrufen könne.
Voller Entrüstung gab ich an Toni weiter, dass Christine wieder einmal eigenmächtig die Einnahme der Tabletten wenn nicht ausgesetzt, so doch zumindest manipuliert hatte. Wieder empfanden wir dasselbe: Was sich Christine geleistet hatte, war starker Tobak. Ihre Raffinesse dabei versorgte uns an diesem Abend mit ausreichendem Gesprächsstoff. Mal verwunderte sie uns, mal machte sie uns sprachlos. Doch am Ende standen immer wieder dieselben unbeantworteten Fragen im Raum: weshalb, warum, wieso? Warum hatte sie die Medikamente reduziert? Sie wusste genau, womit das enden würde. Der letzte Rückfall lag noch gar nicht so lange zurück. Sie kannte also das Risiko. Und sie hatte ein Testament geschrieben.
Wir erinnerten uns, dass sie uns während ihres letzten Besuches hoch und heilig versprochen hatte, niemals mehr eigenmächtig die Einnahme ihrer Tabletten abzusetzen. Sie hatte uns mit Horror und Schrecken in der Stimme von ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie erzählt. Um uns das entsetzliche Grauen, das sie dort erlebt hatte, zu verdeutlichen, hatte sie ihre Augen weit aufgerissen und sich jener Mimik bedient, wie sie im Grunde genommen nur Gehörlose verstanden – Gehörlose haben eine ganz besondere Gabe, ihr Erleben in eine ausdrucksvolle Mimik und Gestik zu packen. Dass die Monate in der Psychiatrie für sie fürchterlich und traumatisch waren, davon waren wir überzeugt. Als sie uns aber dann noch in einer sehr plastischen, dramatischen Weise die Auswirkungen der Psychopharmaka und die Bilder, die sie in ihr hervorriefen geschildert und ausgemalt hatte, erfasste uns das Grauen.
Dass dieser Rückfall auf das Drängen einer Glaubensschwester hin zustande gekommen war, hatte uns die Sprache verschlagen. Dieser Glaubensschwester war es tatsächlich gelungen, Christine davon zu überzeugen, dass die Wirkung ihrer Medikamente ihr den Zugang zu ihrem Glauben nicht nur verwehrte, sondern auch das Leben und Wirken in Gott – was nichts anderes bedeutete, als dass ihr damit der Weg zu ihrem Herrn und Schöpfer versperrt bliebe. Das Ergebnis kannten wir: Vollkommen plan-und orientierungslos durch die Gegend laufend wurde sie eines Nachmittags über fünfundzwanzig Kilometer von ihrem Wohnsitz entfernt von Passanten in einem kleinen Ort angesprochen und gefragt, ob sie vielleicht Hilfe benötigen würde. Sie machte auf sie einen verwirrten, nicht ansprechbaren Eindruck und so verständigten sie die Polizei. Diese fuhr sie ins nächste Krankenhaus und übergab sie dort in die Hände der psychiatrischen Abteilung.
Warum hatte sie die Medikamente abgesetzt? Ohne ihre Ärztin zu fragen, mit der sie ein großes Vertrauensverhältnis verband? Weil sie ihr davon abgeraten hätte? Diese Ärztin hätte es ihr niemals gestattet, die Medikamente abzusetzen.
Die Sinnlosigkeit ihres Todes wurde uns auf eine geradezu unerträgliche und zutiefst schmerzliche Weise bewusst, je mehr wir uns mit all diesen Fragen beschäftigten und auseinandersetzten. Am Ende blieb wie mit einem Brenneisen eingraviert die Erkenntnis, dass ihr Tod unnötig, sinnlos und absolut vermeidbar gewesen wäre. Unser Schmerz, unsere Verzweiflung steigerten sich bis ins Unendliche. Die Fassungslosigkeit über die Sinnlosigkeit ihres Todes, denn inzwischen bestand für uns kein Zweifel mehr, dass sie nicht mehr am Leben war, stürzte uns für eine sehr lange Zeit in ein tiefes, schwarzes Loch.
Kapitel II
Watte in ihren Ohren
Langsam schlug sie die Augen auf und die Frage, wo und wie lange sie in diesem fremden Bett, in dieser ihr völlig unbekannten Umgebung bereits gelegen hatte, stellte sich für sie in diesem Moment nicht. Da gab es wichtigere, interessantere Dinge, die sie in den Bann zogen.
Ein dichter weißer Nebelschleier versperrte ihr die Sicht. Dazu eine unglaubliche Stille. Kein einziger Ton, nicht der geringste Laut drang an ihr Gehör. Kein Singen eines Vogels. Ihr Kopf fühlte sich an, als sei er in einem dicken Wattebausch verpackt, der zudem noch in einer höchst lästigen Weise gegen ihre beiden Gesichtshälften drückte. Was sollte das? Wollte man ihr den Kopf zerquetschen? Bevor sie sich darüber hätte ärgern, aufregen, schreien oder durch Weinen hätte bemerkbar machen können, begann sich der Nebelschleier langsam zu lichten. Ihr kindliches Interesse, ihre Neugier erwachte. Was würde hinter dem Nebelschleier sichtbar werden?
Sehr langsam wurden daraus zwei kleinere dunkelgraue Schatten, mit denen sie zunächst nichts anzufangen wusste. Sie ängstigten sie mehr, als dass sie sie erstaunt hätten. In beiden befanden sich zwei schwarze Punkte, sie ähnelten darin den zwei schwarzen Knöpfen ihres Bären, den sie zu ihrem letzten Geburtstag, der noch gar nicht so lange zurücklag, von ihren Eltern geschenkt bekommen hatte. Gebannt beobachtete sie, wie diese beiden Schatten zunehmend schärfere Konturen annahmen. Gerade so, als ob ihr durch Geisterhand ein Fernglas vor die Augen gehalten würde. Vor lauter Spannung vergaß sie zu atmen. Wer würde zum Vorschein kommen? Ungeduldig begann sie, sich in ihrem Bettchen hin und her zu bewegen. Das ging ihr alles viel zu langsam. Entweder wurde sie von dieser Geisterhand zum Narren gehalten oder aber sie machte sich einen Spaß daraus, ihr diesen Moment so lange wie möglich vorzuenthalten und ihn hinauszuschieben.
Nachdem eine kleine Ewigkeit vergangen war, zumindest war es ihr so vorgekommen, erkannte und blickte sie in die strahlenden Gesichter ihrer Eltern. Bevor sie noch ihre große Freude darüber durch heftiges Bewegen ihrer Ärmchen und Strampeln ihrer Beinchen zum Ausdruck bringen konnte, kam ihr auch schon der Kopf ihrer Mama entgegen. Wie gerne hätte sie sie jetzt vor lauter Freude und Begeisterung mit ihren beiden Ärmchen umschlungen, doch die befanden sich fest unter der Bettdecke und ließen sich, so sehr sie sich auch darum bemühte, nicht bewegen. Egal. Ähnlich glücklich hatte sie sich stets als kleines Baby gefühlt, wenn ihr von ihrer Mama zuerst das Fläschchen gegeben und danach, bevor sie richtig satt und zufrieden einschlief, der Schnuller in den Mund geschoben wurde. Wie heute, so konnte sie auch damals noch nicht sprechen. Sie hatte sich eines wilden Gestikulierens bedient und dabei stets gehofft, ihre Mama würde sie auf diese Weise verstehen.
Derselben Sprache bediente sie sich, wenn sie auf sich aufmerksam machen wollte, weil ihr entweder etwas nicht passte oder aber sie Hunger hatte – was jedoch noch viel schlimmer war, wenn sie Blähungen hatte, was mehrmals am Tag der Fall war und ihr das Leben zur Hölle machte. Als braves Baby, das sie sein wollte, versuchte sie durch leises Gewimmer auf sich und ihre missliche Situation aufmerksam zu machen. Half das nichts, konnte sie sehr ärgerlich und zornig werden. Dann wechselte sie ihre Taktik. Sie konnte es schwer ertragen, dass sie von niemandem beachtet oder links liegen gelassen wurde. Der Zorn verlieh ihr ungeheure und ungeahnte Kräfte. Entsprechend laut und fordernd hörte sich ihr Schreien an, vorausgesetzt es hörte sie überhaupt jemand. Und weil sie es als eine Ungeheuerlichkeit empfand, wenn sich nicht sofort jemand um sie kümmerte, begann sie heftig zu strampeln. Heute jedoch erstickte dieser gemeine Wattebausch, der unverändert vehement ihren Kopf umklammert hielt, ihre Gefühlsausbrüche.
Auch konnte sie nicht verstehen, dass sie, obwohl sie ihren Mund öffnete, um ihre Mama zu fragen warum sie hier war und was mit ihr los war, kein einziges Wort hervorbrachte, so sehr sie sich auch anstrengte. Und obwohl sich die Lippen der Eltern bewegten, ihre Münder sich öffneten und schlossen, wie sie das stets taten, wenn sie sich mit ihr unterhielten, drang heute nicht der geringste Laut an ihr Ohr. Sie verstand nicht, was sie ihr sagen wollten. So oder so verstand sie die Welt nicht mehr.
