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In "Leben mit 40" berichten Frauen über einen vermeintlich unspektakulären Lebensübergang. Beim individuellen Erzählen über das bisher Erreichte, das jetzt Wichtige und das in die Zukunft Weisende werden gemeinsame Themen sichtbar, die für jeden Lebensabschnitt - auch für Männer - wertvoll sein können.
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Agnes Plaschy Schnyder, 1957
Psychologin, Permakultur-Praktikerin
An Wachstums- und Entwicklungsprozessen interessiert
Dem Leben mit allen seinen Farben gewidmet
Wie aus heiterem Himmel
Der 40. Geburtstag
Übergänge
Wenn Träume in Erfüllung gehen… oder auch nicht
Vom Loslassen
Inmitten von Generationen, Rollen und Aufgaben
Den Ausblick wagen
Dank
Es war wie eine Eingebung, die mich nicht mehr losliess. Ich fand, dass 40-jährige Frauen in einem sehr spannenden Alter sind, dem näher auf die Spur zu kommen sich sicher lohnen würde. Die Frage, was denn das Besondere am Übergang ins fünfte Lebensjahrzehnt ist, beschäftigte mich schon länger. Ist es ein wehmütiges Zurückschauen auf die verblasste Jugend? Ein Erschrecken vor dem ‹War's das schon›? Oder eher ein sattes Zufriedensein darüber, nicht mehr alles mitmachen zu müssen? Tritt so etwas wie eine Beruhigung ein, nachdem das eher äussere Leben 'gemacht' ist? Und was ist dann noch offen, was will noch geklärt und erledigt werden?
Ohne genau zu wissen, wohin mich diese Idee führen würde, machte ich mich mit 60 auf den Weg zu Lebensgeschichten und Lebenserzählungen von Frauen, die ihren 40. Geburtstag vor kurzem hinter sich hatten. Möglicherweise sollte das Resultat eine thematische, lebensgeschichtliche, zugleich zeitgeschichtliche Dokumentation sein, die auch für andere Menschen von Interesse sein könnte. Ich wusste es noch nicht, und gerade deswegen reizte mich das Unternehmen.
Wenn ich heute über diesen Beginn reflektiere, dann sehe ich zwei Stränge vor mir: Der eine ist in meiner eigenen Biografie zu finden, wo sich in meinem Leben mit 40 etwas Neues, sehr Zartes, kaum Greifbares ankündigte. Diesem wollte ich wohl nachspüren, dieses wollte ich vertiefen. So fand ich den Mut, einfach andere Frauen anzufragen und zu schauen, was sich ergibt. Der andere Zugang war das Interesse an einem 'unspektakulären' Übergang. Entwicklungspsychologisch werden ja viele Lebens-Übergänge beschrieben: Schuleintritt, Schulwechsel, Eintritt ins Berufsleben, Partnerschaft, Familiengründung, Erwachsenwerden der Kinder, Übertritt ins Rentenalter, und so weiter. Aber der Übergang ins 5. Lebensjahrzehnt…? Klar, dass die klassischen Lebensmitte-Themen nicht mehr weit weg sind. Doch könnte sich nicht vor oder nebst der als Mitte empfundenen – und manchmal als Krise beschriebenen – Zeit im Leben einer Frau Unentdecktes zeigen? Intimere Erfahrungen vielleicht, über die normalerweise nicht gesprochen wird. Leisere Lebenstöne, die anklingen. Nicht mehr die hochtrabenden Pläne und der Elan der Jugend – der vermeintliche Überblick über die Zukunft. Und noch kaum die ernsthafte Übernahme der Erfahrungen der Älteren – die Integration des Vergangenen. Diesen Fragen wollte ich Raum geben.
Mein Vorhaben stiess auf grosses Interesse. Beim Auswahlprozedere wurde schnell deutlich, dass der fokussierte Zeitpunkt von 40-Jährig zu eng gesteckt war und eine Erweiterung sich aufdrängte. Doch wollte ich den Zeitrahmen auch nicht beliebig ausdehnen. Schliesslich führte ich mit sieben deutschsprachigen Frauen im Alter zwischen 40 und 48 biografische Gespräche. Zwei wesentlich ältere Frauen sandten mir kurze schriftliche Berichte über ihre 40-Jährigkeit, welche ich miteinbezog. Dazu kamen natürlich auch meine eigenen Erinnerungen, die zwanzig Jahre zurücklagen.
Mit ein paar vorbereitenden Fragen kündigte ich die Interviews bei den Frauen an: Ob und wie haben die Biografinnen ihren 40. Geburtstag gefeiert? War es für sie ein besonderer Geburtstag? Was haben diese Frauen in ihrem Leben beruflich und privat erreicht? Sind sie damit zufrieden? Welche Dinge sind ihnen wichtig, die vielleicht früher keine oder wenig Bedeutung hatten beziehungsweise was ist jetzt weniger wichtig geworden? Wie stellen sich die Frauen ihre Zukunft vor? Welche Pläne und Wünsche haben sie? An welche Veränderungen denken sie? Welche weiteren Fragen tauchen auf, wenn sie sich mit ihrer eigenen Biografie beschäftigen?
Mehr schien mir zum Einstieg nicht nötig, um das Erzählen anzuregen. Die Gespräche fanden in ruhiger Umgebung – meist bei den Frauen zuhause – statt und dauerten jeweils rund eine Stunde. Ich stiess auf grosse Bereitschaft, zu reflektieren. Auf Dankbarkeit, Raum dazu zu erhalten. Auf Hoffnung auch, etwas ordnen zu können. Selbst wenn es für manche Frau im reich befrachteten Arbeitsalltag nicht ganz einfach war, einen geeigneten Zeitpunkt für ein Interview zu finden.
Die Begegnungen waren intensiv und berührend. Ich reiste in einige Gegenden der Schweiz, die mir unbekannt waren, tauchte ein in verschiedene Lebens- und Arbeitswelten, liess mich immer wieder überraschen von ganz unterschiedlichen Entwicklungszusammenhängen und Hingaben an das Leben und seine Herausforderungen. Viele Frauen hielten mir einen Spiegel vor, in dem ich Aspekte des eigenen Lebens wiedererkannte.
Das Individuelle der einzelnen Lebensgeschichten erschien mir teilweise so prominent, dass ich darüber fast in Zweifel geriet, das Thema auf die 40-Jährigkeit eingeschränkt zu haben. Allein, das Zuhören war und ist sinnvoll genug, um ein solches Unternehmen zu rechtfertigen.
Die gesammelten Beiträge der Frauen nun vor mir, kristallisierten sich Themen heraus, die ich entlang eines fiktiven Gruppengesprächs aufgreifen wollte. Die Leserinnen und Leser mögen sich vorstellen, dass sich die sieben Frauen in einem Kreis versammelt haben (siehe Darstellung) und einander aus ihrem Leben erzählen. Jede auf ihre eigene Art. Dabei überschneiden sich die Themen an vielen Stellen – wie in einer lebhaften Runde. Einleitend zu jedem Kapitel stehen jeweils meine eigenen Reflexionen (kursiv), dann folgen die Zitate der Frauen. Der einfacheren Lesbarkeit wegen habe ich die Texte – nebst der Transkription ins Schriftdeutsche – leicht bearbeitet. Auch sind konkrete Angaben zu den Personen weggelassen beziehungsweise neutralisiert.
Die Gestaltung meines eigenen 40. Geburtstags war in gewisser Weise der Startpunkt, um mich viel später noch einmal in die Themen dieses Lebensalters zu vertiefen. Zu diesem runden Geburtstag wünschte ich mir etwas Besonderes. Nichts Materielles, sondern ein richtig schönes Fest mit herzlichen Begegnungen. Nur, wie sollte das gehen? Bei einem Fest mit mehreren Geladenen hat man ja kaum Zeit für ein tieferes Gespräch. Doch genau das wollte ich: Zeit und Ruhe haben, eine Weile mit Freunden und Freundinnen zusammenleben, austauschen, diskutieren, lachen, fröhlich und besinnlich sein. Eine abgelegene Walliser Alp – Tschärmilonga (oder Chermignon) oberhalb von Albinen – schien mir genau das Richtige. Und es sollte eine ganze Woche gefeiert werden! Ich mietete also dort oben auf 1929 m. ü. M. für Anfang Februar eine Skiclub-Hütte, deren Zugang im Winter nur zu Fuss mit Skiern oder Schneeschuhen möglich ist. Damals wohnte ich noch in der Region Bern, und so hatten sowohl meine Deutschschweizer Freundinnen als auch meine Walliser Verwandten die Möglichkeit für einen Besuch an einem oder mehreren Tagen.
Nach einem abenteuerlichen Aufstieg, der sich infolge von Zwischenfällen bei der Anreise, der teilweise schlechten Ausrüstung meiner Begleiter und der schnell ermüdeten Kinder bis in die Nacht hineinzog, richteten wir uns in der kalten Hütte ein. In den folgenden Tagen wurde es dann aber sehr gemütlich. Wir Erwachsenen machten Feuer, holten Wasser am Brunnen, der zuerst vom Eis freigepickelt werden musste, kochten einfache Mahlzeiten (in den Bergen ist alles lecker!), sassen in der Sonne oder unternahmen kleinere Schneeschuh-Touren in die Höhe. Die Kinder verweilten sich mit Schaufeln und Schlitteln im Schnee, und abends spielten wir alle zusammen. Wir hatten Zeit füreinander und miteinander. Die immer wieder wechselnde Zusammensetzung der Gäste sorgte für eine spannende Dynamik. Ich begleitete manchmal den einen oder die andere ins Dorf hinunter und besorgte dort die nötigen Einkäufe.
Dieses einfache, elementare Leben mit lieben Menschen zu teilen, das war mein allergrösstes Geschenk. Eine kleine heilsame Auszeit, in der die alltäglichen Verpflichtungen und die gewohnte Geschäftigkeit nicht mehr das Wesentliche überdeckten. In dieser Umgebung fühlte ich eine grosse Kraft und starke Energie in mir. Ich stand mitten im Leben, hatte schon einiges erreicht und noch vieles im Sinn.
Mein 40. Geburtstag war ziemlich einschneidend in meinem Leben. Meine halberwachsenen Kinder wollten – trotz dem Verlassen ihres Vaters, mit Freundin – eine gute Party haben, eine Reggae-Band einladen und meinen Vierzigsten gut feiern.
Ich wollte ein Fest machen, und mein Nachbar sagte: Stell ein Zelt auf. Mitten im Sommer war es dann gewaltig kalt, 7 Grad, eine Freundin brachte noch Wolldecken, und gottseidank hatten wir dieses Zelt. Wir haben gefroren und ich bin da in meinem schönen roten Kleid herumgesprungen, es war ein wunderschönes Fest. Freunde, Alphornbläser, eine Bäuerin machte das Catering, ein wunderbares Buffet. Ich habe in meiner Jugend einen interkulturellen Austausch gemacht – ich war ein Jahr in Peru – und dann sind auch meine peruanischen Gasteltern gekommen zu meinem Geburtstag. Das war schön. Auch mein Partner war dabei, und ja…
Normalerweise bin ich nicht jemand, der den Geburtstag gross feiert, ich habe eigentlich meistens nicht so wahnsinnig Lust auf den Geburtstag. Und ehm… mit 40, also rein die Zahl, ein runder Geburtstag… was machst du da? Im Kopf hatte ich immer schon, dass ich dann den 40. Geburtstag feiere, aber je näher er mir kam, umso weniger hatte ich Lust, so rein von den Festivitäten, etwas zu machen. Irgendwie war es mir total zuwider, etwas zu machen. Da war ich sehr lange hin- und hergerissen. Denn ich habe mir gedacht, auf der anderen Seite lebt doch das Leben so von speziellen Sachen, von etwas nicht Alltäglichem, und jetzt wirst du 40, das ist doch eigentlich… Nach langem Hin und Her habe ich mich fast in letzter Minute entschlossen, ein Apéro zu organisieren. Im Vorfeld habe ich auch mit meinem Partner darüber gesprochen und ihm gesagt, ein Apéro sagt mir nicht zu, das ist so eine steife Angelegenheit, alle stehen da so herum mit ihren Gläsern in der Hand… Und er hat mich dann gefragt, ja was möchtest du denn eigentlich? Ich hab ihm geantwortet, ja wenn ich einfach auslesen könnte, möchte ich einfach ein Fest, eine ausgelassene Party. Und er sagte zu mir, ja mach doch das! Da wurde mir erst bewusst, ja warum mache ich eigentlich nicht das, was ich möchte? Gut, ich habe dann überlegt und gedacht, das ist noch schwierig, so etwas zu planen. Das geht nicht grad auf Knopfdruck. Aber man kann zumindest die Rahmenbedingungen dazu schaffen. Und dann habe ich eben einen Saal reserviert und ein ‘Apéro riche’ bestellt. Ich habe dann die Familie und die nächsten Verwandten und Freunde eingeladen, sicher so 50 Personen. Und es wurde ein recht lustiges Fest, überhaupt nicht steif, ungezwungen, bis Mitternacht, eins…. Ich habe es sehr genossen und finde auch jetzt, das Leben lebt von so speziellen Sachen, bei denen du etwas investieren musst, die dir aber auch wieder viel geben, solche Momente. In dem Sinn habe ich wirklich Freude, auch heute noch. Aber ich habe mich sehr schwergetan. Nicht das Apéro zu organisieren, das ist ja eine kleine Sache. Aber wen ich einladen soll… Ich dachte zuerst, wir machen es nur im kleinen Kreis, aber dann, ach nein… und schlussendlich habe ich dann eingeladen, wer mir grad so in den Sinn kam (lacht). Es war flott. Die Kinder waren am Anfang auch dabei, das macht halt auch Freude. Also, ich habe diesen Geburtstag lange versucht zu ignorieren. Es ist mir nicht gelungen…(lacht).
Als Erstes ist mir in den Sinn gekommen, dass der 40. Geburtstag für mich überhaupt keine Bedeutung gehabt hat. Ich habe mir überlegt, ob ich ein Fest machen soll, weil viele machen ein Fest, soll ich auch? Und in welchem Rahmen? Und ich habe dann gefunden, es ist mir ein zu grosser Aufwand, und ich liess es bleiben. Und ich habe jetzt überhaupt nicht das Gefühl, dass 40 für mich eine besondere Bedeutung hat. Also ich kann nichts Besonderes zu meinem Vierzigsten sagen, überhaupt nicht.
