Leben spielen - Proschat Madani - E-Book

Leben spielen E-Book

Proschat Madani

0,0

Beschreibung

Proschat Madani ist passionierte Denkerin und eine glänzende Autorin. Ihre vielschichtigen und klug erzählten Geschichten drehen sich um ihren Beruf, die Tücken der Eitelkeit, um den Humor, aber auch um schwere Themen wie Verlust, Krankheit und Tod und sie sind immer persönlich und oft sehr witzig. Madani geht in ihrer Genauigkeit zum Beispiel so weit, dass sie – wenn es ums Sterben und den Tod geht – in Berlin am Hospiz Wannsee eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin macht. Dieses Buch ist wie ein gelungener Abend mit Herzensfreunden – man hat viel gelacht, geweint, ist um einiges klüger, beschwingt und sich wieder mal bewusst, warum das Spielerische im Leben so wichtig ist.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Proschat Madani

LEBEN SPIELEN

Für Ema

»I wanna be an actress when I grow up. You can’t have it both ways, girl.«

(NN)

Vorspiel

Fa und die Aneignung

Die Großaufnahme

Wirklich nicht

Die Lücke

Meine Frau hat Sie erkannt

Bis ins hohe Alter

Maske und Kostüm

Die Macht guter Geschichten

Dieses seltsam fremde Mädchen

Bekannt hier?

Auf meinem Sofa

Tiefstatus

Felicitas

Sein, wer ich nie war

Kein Opfer

Jenseits von gut

Die zerbrochene Brille

Erweckung, Erleuchtung, Erkenntnis

Bin ich wer?

Hab ich’s doch gewusst

Was vergeht vom Vergänglichen?

Die kleine Bar

Leben spielen

Nachspiel

Dank

Quellen

Impressum

Vorspiel

Es hat viele Jahre gebraucht, bis ich den Satz »Ich bin Schauspielerin« ohne Schwierigkeiten sagen konnte. Entweder bin ich rot geworden oder es musste eine abwehrende Handbewegung her. Mein Beruf war mir peinlich. Warum?

Es gibt viele, oft unrühmliche, Klischees über Schauspielerinnen und Schauspieler. Und sie haben alle ihre Berechtigung – was nicht ausreichend überprüfbaren Inhalt besitzt, wird niemals ein Klischee.

Wir haben, schreibt Max Reinhardt in seiner Rede über den Schauspieler, »unsere Kindheit in die Tasche gesteckt und uns damit auf und davon gemacht«. Klingt berührend. Man könnte aber auch sagen, wir haben verabsäumt, uns ordentlich sozialisieren zu lassen, um reife und mündige Erwachsene zu werden. Es ist ein Klischee zu sagen, wir Schauspielenden sind egoman. Wir sind laut. Wir müssen im Mittelpunkt stehen. Wir gieren nach Aufmerksamkeit. Jeder »normale« Mensch zieht sich, wenn er weinen muss, zurück. Instinktiv. Er will dabei nicht gesehen, schon gar nicht beobachtet werden. Was machen wir? Wir stellen uns auf eine Bühne oder vor eine Kamera und sind stolz auf eine Großaufnahme.

Immer wollen wir beklatscht, bewundert und geliebt werden. Bis ins hohe Alter. Sieht uns kein Publikum, können wir nichts mit uns anfangen, werden depressiv. Und wir halten uns gern für etwas Besonderes. Wissen Sie nicht, wer ich bin? Ein Klischeesatz? Ich habe ihn gehört. Nicht nur einmal. Und meist von Kolleginnen oder Kollegen, die kaum jemand kannte.

Das Schlimmste aber ist, dass wir uns sehr leicht verleiten lassen, zu allem unseren Senf dazuzugeben. In Bereichen, von denen wir keine Ahnung haben. Nur weil wir einmal einen Polarforscher gespielt haben oder Mutter Teresa. Oder weil wir einfach bekannt sind. »Schauspieler sind in keiner Position, andere über irgendetwas zu belehren. Die meisten waren seltener in der Schule als Greta Thunberg«, sagte der provokante Comedian Ricky Gervais in seiner Rede bei der Verleihung der Golden Globes 2021. Ich kann ihm nur recht geben.

Warum dann dieses Buch, fragen Sie sich jetzt. Worüber glaubt uns denn die Madani hier bitte schön belehren zu müssen?

Über gar nichts. Garantiert. Ich will nicht belehren, ich will lediglich meine Erfahrungen teilen. Über das Leben und über das Spielen. Von beidem habe ich ein wenig Ahnung. Zum einen, weil ich lebe, zum anderen, weil ich spiele, vor allem aber, weil ich Leben spiele. Das ist mein Beruf. Und darüber erzähle ich in diesem Buch. Über das Loslassen, Wirken, Vertrauen, Altern, Begehren, Glauben, Anerkennen … über all das, was das Leben mit dem Spielen und das Spielen mit dem Leben zu tun hat.

Gute Geschichten haben Kraft. Sie wirken. Bereits die Steinzeitmenschen wussten das. Sie wussten auch, dass gute Geschichten am besten mit Mitteln des Schauspiels erzählt werden. Sie haben sich verkleidet, Ereignisse aus ihrem Leben dargestellt und wahrscheinlich schon damals für so etwas wie Katharsis bei ihren Zuschauern gesorgt. Für die seelische Reinigung, die Aristoteles später in seiner Poetik der griechischen Tragödie zuschreibt. In seinen Ursprüngen hatte Theater etwas Heiliges. War auf religiösen Ritualen aufgebaut, immer schon Teil der urmenschlichen Sehnsucht nach Verwandlung und Transzendenz.

Auch wenn man heutzutage einen profaneren Blick auf das Drama hat – an Wirkkraft haben die guten Geschichten nie verloren. Ein Schulkollege von mir, ein miserabler Schüler, hat mit vierzehn Jahren den Film El Hakim gesehen, mit O.W. Fischer in der Rolle des ägyptischen Arztes Ibrahim Gamal. Das hat sein Leben verändert. Obwohl er mit Medizin nichts am Hut hatte, wollte er unbedingt werden wie O.W. Fischer auf der Leinwand. Es ist ihm nicht ganz gelungen. Er wurde kein zweiter El Hakim, aber immerhin zweifacher Doktor der Medizin und ein angesehener Hochschulprofessor.

Hier ein anderes Beispiel aus der weitaus härteren Wirklichkeit: Rehabilitation Through The Arts ist ein soziales Programm, das 1966 erstmals im New Yorker Hochsicherheitsgefängnis Sing Sing zum Einsatz kam. Es ist seither darauf ausgerichtet, dort Theaterproduktionen mit den Häftlingen auf die Bühne zu bringen. Normalerweise landen 60 Prozent der Kriminellen innerhalb von fünf Jahren nach ihrer Entlassung wieder im Gefängnis. Die Rückfallquote derjenigen, die an diesem Programm teilnahmen, liegt gerade mal bei 3 Prozent. Theater spielen kann also nicht nur Leben verändern. Es rettet mitunter auch Leben.

Mich haben Geschichten befreit. In Geschichten ist so vieles möglich, das gesamte Spektrum an Leben – Verletzlichkeiten, Verrücktheiten, Freude, Trauer, Ekstase, Tränen, Wahnsinn, Lachen … Und ich durfte daran teilhaben, an den großen Gefühlen. Ich durfte mich lebendig fühlen. Im Theater, im Kino, beim Lesen.

Dabei wissen wir alle, dass Geschichten – zumeist – erfunden sind. Dass Schauspielerinnen und Schauspieler nur so tun als ob. Sie können nicht fliegen, auch wenn sie gerade im Superman-Kostüm stecken. Sie sind nicht tot, wenn sie ermordet werden. Sie haben auch nicht wirklich Sex, wenn sie ekstatisch übereinander herfallen (Ausnahmen bestätigen nur die Regel). Das wissen wir. Wir sind ja nicht blöd. Und dennoch reagieren wir auf das dargestellte Erfundene mit echtem Lachen, echten Tränen, echtem Schrecken, echter Erregung, kurz – mit echten Gefühlen. Warum?

Weil gute Schauspielerinnen und Schauspieler wahrhaftig sind. Obwohl sie spielen. Oder weil sie spielen. Mit jeder Rolle gehen sie auf eine Forschungsreise. Sie entdecken ungekannte Seelenlandschaften, stoßen auf verborgene Seiten in sich, tauchen in Abgründe ab und kommen verwandelt wieder an die Oberfläche. Das Geheimnis des gekonnten Schauspiels liegt nämlich nicht, wie man glauben könnte, in der Verstellung, es liegt in der Enthüllung, wie der bereits erwähnte Meisterregisseur Max Reinhardt sagte.

Die zentrale Aufgabe im Schauspiel ist es, aus einer fiktiven Rolle einen echten Menschen zu machen. Sich selbst in einer Figur wiederzufinden. Das Intimste einer Figur aus sich herauszuschälen und dem Publikum zu zeigen. So, dass wir uns selbst und den anderen verstehen. So, dass wir uns wiedererkennen im Fremden – in Königinnen, Obdachlosen, Börsenmaklerinnen, Gutmenschen, Mafiabossen, Serienmörderinnen, Feen und Hexern. In allem, was menschlich ist.

So doof ich uns Gauklerinnen und Gaukler mitunter finde; so unreif und kindisch wir auch sein mögen; so demütigend dieser Beruf immer wieder mal sein kann; sooft ich mir auch aus vielerlei Gründen wünsche, meinen Lebensunterhalt anders zu verdienen – so sehr liebe ich die Schauspielerei gleichzeitig und ungebrochen.

Oder, besser gesagt: Ich liebe das Spielen – ohne Schau. Der Teil mit der »Schau« ist mein Problem mit dem Beruf. Er macht uns abhängig, von der Gunst der anderen. Daher unsicher und bedürftig. Daher oft laut und penetrant.

Der Teil mit dem Spielen hingegen bietet mir ausschließlich Wertvolles. Diesem Teil habe ich sehr viel zu verdanken.

Im Spiel habe ich meine Ecken und Kanten entdeckt, meine Schwächen und Stärken.

Im Spiel bin ich über mich hinausgewachsen. Habe mich mit meinen Ängsten konfrontiert. Habe gelernt, mit ihnen umzugehen, anstatt an ihnen unterzugehen.

Im Spiel habe ich meine Stimme gefunden, meine Grenzen erweitert.

Ich habe gelernt, dass ich nicht falsch bin – sondern nur anders. Wie viele andere auch. Dass Empathie eine besonders wertvolle Fertigkeit ist. Dass ich dennoch nicht entschuldigen muss, was ich nachfühlen kann. Dass das Leben an sich nicht unbedingt seriös ist. Aber dass »spielen« wesentlich seriöser ist, als wir denken.

Wer weiß – vielleicht wäre die Welt ein besserer Ort, wenn wir uns alle weniger verstellten und mehr miteinander spielten. Ich glaube, wir wären dann nicht zwingend lauter, auffälliger und egomaner – aber vielleicht authentischer, glücklicher und friedlicher.

In diesem Sinne verstehen Sie dieses Buch bitte als mein persönliches Plädoyer – für die Kunst des Spielens. Nicht nur auf der Bühne, vor der Kamera, sondern vor allem im Leben.

Fa und die Aneignung

»Acting is behaving truthfully, under imaginary circumstances.«

Wahrhaftiges Verhalten, unter vorgestellten Bedingungen – wahrhaftiges Spielen!

Eine schöne Definition meines Berufes, wie ich finde – von Sanford Meisner, neben Lee Strasberg und Stella Adler der berühmteste amerikanische Schauspiellehrer seiner Zeit. Wahrhaftigkeit, das ist es. Wahrhaftigkeit ist der wohl einzige Maßstab, an dem sich schauspielerische Wirkung messen lässt.

1993 hat Tom Hanks der Welt gezeigt, wie das geht. Als Andrew Beckett hat er im Film Philadelphia ein Millionenpublikum tief bewegt. Hat den Menschen das Leben eines aidskranken, schwulen Mannes nähergebracht. Ein Schicksal, das vielen davor fremd gewesen war. Er hat nichtbetroffene Menschen durch seine Darstellung betroffen gemacht. In ihnen mit seinem wahrhaftigen Spiel echte Gefühle erzeugt. Nicht umsonst ist er dafür mit einem Oscar ausgezeichnet worden.

Aber Tom Hanks, so lese ich, würde die Rolle des Andrew Beckett heute nicht mehr spielen. »Ich glaube nicht, dass die Leute die fehlende Authentizität eines Heteros, der einen Schwulen spielt, akzeptieren würden … Es ist kein Verbrechen, kein Buh-Ruf, wenn jemand sagt, dass wir mehr von einem Film verlangen, in der modernen Welt der Authentizität.«

Moment einmal. Würde das nicht heißen, dass wir Schauspielerinnen und Schauspieler unser Privatleben, unser Persönlichstes, unser Intimstes öffentlich machen und zur Begutachtung stellen müssten? Und zwar nicht nur den Autoren, den Regisseuren, den Castern, den Produzenten, sondern dem Publikum – einem Publikum, das darüber urteilt, ob wir aufgrund unserer sexuellen Orientierung für eine bestimmte Rolle geeignet sind oder nicht. Es ginge also nicht mehr nur darum, wie wahrhaftig wir spielen, sondern wer und wie wir im realen Leben sind. Würde uns das nicht schrecklich einschränken? Unseren Beruf geradezu ad absurdum führen? Denken wir diese Forderung nach Authentizität konsequent zu Ende, müsste ich erst mal in Wirklichkeit betrügen, um eine Betrügerin spielen zu können. Ich müsste morden, um eine Mörderin darstellen zu dürfen.

Justine Triet, die Regisseurin und Co-Autorin des 2023 mehrfach ausgezeichneten Films Anatomie eines Falles engagierte die großartige Sandra Hüller für die Hauptrolle als Mutter eines blinden Sohnes. Für dessen Rolle wollte Justine Triet einen tatsächlich blinden Jungen. Nach einem langen, erfolglosen Casting-Prozess schlug man ihr Milo Machado-Graner vor. Sie lehnte aus guten Gründen ab – der Knabe war nicht blind, er war nicht blond, und er sah Sandra Hüller überhaupt nicht ähnlich. Schließlich ließ sich die Regisseurin überreden, Milo wenigstens zu einem Vorsprechen einzuladen. »Ich forderte ihn auf, die Sätze seiner Figur am Ende des Filmes zu sagen. Das tat er, mit Tränen im Gesicht. Niemand davor hatte es so perfekt gemacht wie er.« Milo Machado-Graner wurde besetzt. Das Ergebnis gab der Entscheidung recht. Das tatsächliche Blindsein war nicht ausschlaggebend. Auch nicht die Haarfarbe. Was zählte, war einzig und allein seine Darstellung der Figur. Er kam, spielte und begeisterte.

Persönliche Betroffenheit kann, sie muss aber kein Kriterium für gutes Schauspiel sein. Manchmal hemmt sie auch. Wenn man keine Distanz zu sich selbst und dem Erlebten hat – aufgrund eines unbewältigten Traumas, zum Beispiel. Beim Schauspielen muss man in seinen Ausdrucksmöglichkeiten flexibel sein. Stets die Kontrolle über seinen Gefühlshaushalt behalten. Emotionen und Haltungen auf Knopfdruck abrufen und wiederholen können. Inner- und gleichzeitig außerhalb des Charakters verweilen, der darzustellen ist.

Wie sonst die Standmarken für die Kamera treffen, den gelernten Text sprechen, den Wünschen der Regie nachkommen? Wie sonst den Job machen?

Natürlich hätte auch ein blinder Junge die Rolle des Daniel in Anatomie eines Falles spielen können. Damit wäre in jedem Fall die Forderung nach entsprechender Lebenserfahrung bedient worden. Das kann gutgehen – aber auch absolut schieflaufen. Und dann hilft die Lebenserfahrung der Kunst gar nichts.

Ich bin im Alter von vier Jahren nach Wien gekommen. Ich habe hier meine Schul- und meine Schauspielausbildung absolviert. Ich verstehe den Wiener Schmäh, beherrsche den Dialekt, bin geprägt von der Kultur dieser Stadt, dieses Landes. Trotzdem wurde ich lange Zeit nur für Rollen besetzt, die Gülgül, Yasmin, Nasrin etc. hießen. Das war aber nicht alles. Geradezu obligatorisch gehörten zu den »ausländischen« Namen schlechtes Deutsch, kriminelle Kinder, Weinen und Zetern, Drogen, Flucht, Mord und Totschlag. Ich hatte mit den Figuren und deren meist einfallslosen Geschichten nichts gemein. Der Blick der anderen hatte mich zu etwas gemacht, das ich nicht war.

»Macht ist die Fähigkeit, nicht nur die Geschichte einer Person zu erzählen, sondern sie zur einzigen, zur endgültigen Geschichte dieser Person zu machen«, warnt die zu Recht berühmte Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie in ihrem TED-Talk The Danger of a Single Story (Juli 2009). Ich wurde als Darstellerin über meinen Migrationshintergrund definiert. Ausschließlich darüber. Alles andere, das mich ausmachte, wurde einfach nicht gesehen. Irgendwann kam dann ein gelangweilter Fernsehredakteur oder eine originelle Casting-Direktorin auf die verwegene Idee, mir Rollen zuzumuten, wo »fremdländisch« und »exotisch« keine Ausschlussgründe waren. Ich bewährte mich und bekam fortan auch Tanjas, Tinas und Lindas zu spielen, ihres Zeichens Ärztinnen, Rechtsanwältinnen und Firmenchefinnen. Mein Spektrum erweiterte sich. Etwas. Immerhin. Aber das Besetzungskorsett ist weiterhin eng geblieben – entweder leidende Ausländerin oder strenge Akademikerin. Zuweilen auch leidende, ausländische, strenge Akademikerin.

Man besetzt gern nach der Ausstrahlung, nach der Wirkung, die Schauspielerinnen und Schauspieler nun mal haben – insbesondere vor der Kamera. Stereotype sind beliebt. Damit der Zuschauer nicht viel nachdenken muss. Damit die Zuschauerin gleich weiß, woran sie ist.

Das schauspielende Volk empfindet sich selbst natürlich als vielfältiger und komplexer als die wenigen Schubladen, in die man es steckt.

Dabei verwenden wir sie alle, diese Stereotype. Nicht nur in meiner Branche. Auch im ganz normalen Alltag. Wir brauchen sie zum schnellen Urteilen. Sie leisten uns wertvolle Dienste.

Wir sollten nur nicht vergessen, dass Stereotype zwar ein markanter Teil des Ganzen, nicht aber das Ganze selbst sind. Sie sind nicht falsch, bilden aber ein lückenhaftes, wackeliges Wahrnehmungsgebäude. Sie machen das Leben leichter. Authentisch machen sie es mit Sicherheit nicht.

»Spiel hier keinen Brunnenvergifter!« Diesen Satz habe ich oft gehört in der Schauspielschule. Immer dann, wenn wir einen bösen Charakter ausschließlich böse dargestellt haben. Der Mensch ist ein Konglomerat aus verschiedenen Eigenschaften. Mit unterschiedlichen Gewichtungen. Will man Richard den Dritten glaubwürdig darstellen, gilt es nach seiner Verletzlichkeit, seiner Traurigkeit Ausschau zu halten. Das Böse ist bei ihm ohnehin vordergründig – erkennbar in seinen Intrigen, seinen Lügen, seiner Lust an Manipulation.

Eine komische Figur braucht Tragisches. Eine tragische Figur braucht Komisches. Sonst wirken beide eindimensional. Im Schauspielunterricht wurde »Vielfalt anstatt Einfalt« gepredigt. Vielleicht gilt es das auch im wirklichen Leben deutlicher zu sehen.

Ich bin eine Migrantin, eine Österreicherin, eine Frau, eine Mutter, eine Geliebte, ein Lockenkopf … Ich habe eine ganze Menge Identitäten. Welche von ihnen definiert mich aber letztendlich? Ich kann mich nicht entscheiden. Je nach dem Umfeld, in dem ich mich gerade bewege, tritt eine andere meiner Identitäten in den Vordergrund. Ich fühle und verhalte mich anders. Oder um es mit klugen Worten des Philosophen Montaigne auszudrücken: »Ich unterscheide mich von mir selbst mindestens so sehr wie von anderen.«

Von den anderen unterscheide ich mich jedenfalls, selbst wenn mich Wesentliches mit ihnen verbindet. Mein Migrationshintergrund macht mich nicht gleich mit allen Migrationshintergründigen. Mein Frausein nicht mit allen Frauen. Meine Heterosexualität nicht mit allen Heterosexuellen.

Meine beste Freundin ist lesbisch. Ich habe mit ihr mehr gemeinsam als mit unzähligen anderen Frauen, die wie ich mit Männern ins Bett gehen.

Ich habe mehr mit der Wienerin gemeinsam, die sich für Flüchtlinge einsetzt, als mit dem Halbiraner, der für die Rechten Politik macht.

Ich habe mehr mit den Männern in meinem Freundeskreis gemeinsam als mit den »Tradwives«, die sich in das dunkle Zeitalter der Frauen am Herd zurückbeamen wollen.

Die Frage nach der Identität ist offenbar komplexer als vermutet. Sie ist eine temporäre Angelegenheit, fluid, den Witterungserscheinungen der Zeit und des Ortes ausgesetzt und offensichtlich stets neu zu überprüfen.

Unlängst habe ich eine iranische Lesbe gespielt, namens Fa. Eine Tischlerin, die reihenweise Frauen flachlegt und in einer Bar selbst geschriebene Songs rappt. Außer den iranischen Wurzeln und dem familiären Setting der Figur hatte ich mit dieser Frau absolut nichts gemeinsam. Bei der Vorbereitungsarbeit auf die Rolle lag mir das Rappen im Magen, und das Tischlern. Das Lesbischsein nicht. Mein Freundeskreis besteht zu einem erheblichen Teil aus queeren Menschen. Deshalb war ich guter Dinge – was sollte schon schiefgehen? Ich kannte mich ja aus. Im queeren Milieu. Mit queeren Menschen. Dachte ich.

Im Laufe meiner Auseinandersetzung mit der Rolle »Fa« wurde ich eines Besseren belehrt. Was ich zu wissen glaubte, war theoretisch. Es war teilnehmend beobachtet – aber nicht innerlich nachvollzogen.

Mit dem anderen Menschen zu fühlen, heißt noch lange nicht, wie der andere Mensch zu fühlen. All die Nuancen, all die Feinheiten, all das Wesentliche, das ich brauchte, um die lesbische, iranische Tischlerin Fa in mir zum Leben zu erwecken, musste ich noch finden.

Peu à peu begann ich zu erfassen, was es wirklich heißt, jenseits einer Norm zu begehren. Als Iranerin. Als Frau. Was es bedeutet, die eigene Lust als etwas zu erfahren, das man geheim halten muss – weil einem suggeriert wurde, dass sie abnormal sei. Wie quälend es sein kann, mit einer Lüge zu leben. Seine Sehnsüchte, seine Leidenschaften nie voll ausschöpfen zu können, Angst zu haben, sich zu offenbaren und abgelehnt zu werden. Die Liebe, die Zugehörigkeit zu Familie und Freunden zu verlieren. Zu enttäuschen. Stets vor sich selbst davonzulaufen, ohne sich jemals zu entkommen.

»Scham, vor allem im Leben queerer Menschen, ist mehr als ein Gefühl. Sie ist eine Art freier Radikale, die sich fast an alles binden und dessen Bedeutung verändern kann. Ob es sich dabei um das Verständnis vom eigenen Körper handelt, ein bestimmtes Verhalten, unsere Gefühle und Affekte.« So wird Eve Kosofsky Sedgwick von Daniel Schreiber in seinem Buch Allein zitiert. Ich glaube zu verstehen, was die Sozialtheoretikerin meinte. Obwohl ich nicht queer bin, nie beleidigt oder erniedrigt wurde für die Art, wie ich liebe. Nicht stigmatisiert, nicht abgelehnt. Meine Scham wird von anderen Verletzungen genährt. Diese liegen in einer Vergangenheit, die mit meiner Gegenwart kaum noch etwas zu tun hat. Dennoch kann meine Scham mich überwältigen. Auch heute noch. Unverhältnismäßig und, von außen betrachtet, grundlos. Die Scham ist nun mal in mein Seelenkostüm eingewoben und erwacht bei der leisesten Erschütterung.

Sosehr ich mich in einen anderen Menschen versetzen, ihn verstehen, ihn erfühlen mag, so sehr schöpfe ich am Ende doch immer aus mir, aus meinen eigenen Erfahrungen. Bei jeder Rolle. Wer steht mir sonst zur Verfügung? Die Filmfigur Fa gibt es nicht. Sie ist eine zu Papier gebrachte Erfindung. Durch mich wird sie zu Fleisch und Blut. Aber …

Erst durch Fa erfahre ich mich selbst in einem anderen Kontext, reichere meine Vorstellung mit ihrem Wesen an. Entdecke Schnittflächen meiner Gefühle, meiner Gedanken mit dieser fiktiven Figur. Entdecke meine Fa, die lesbische Perserin in mir. In der Outing-Szene gegen Ende des Filmes ist es meine eigene Angst, meine eigene Scham, die ich meiner Filmfigur Fa – temporär – zur Verfügung stelle.

Jenseits der vielen Kategorisierungen, denen wir alle ausgesetzt sind, sind Menschen einander viel ähnlicher, als sie oft scheinen. Sonst würde die Schauspielerei niemals funktionieren. Verlassen wir unsere Oberflächen und begeben wir uns in innere Räume, entdecken wir dort ähnliche Tapeten und ähnliches Mobiliar. »In unserem Persönlichsten finden wir das Allgemeinste«, resümiert der Psychologe Carl Rogers. In uns selbst finden wir das, was uns – über die verschiedensten Erfahrungen, Sichtweisen, Wahrnehmungen hinweg – miteinander vereint. Wir alle haben Ängste, Verletzungen, Sehnsüchte. Wir empfinden Freude, wir empfinden Trauer, Glück, Liebe, Lust und Scham. Das ist es, was uns tatsächlich ausmacht. Das ist das letztendlich wahrhaft Authentische unseres Wesens.

So betrachtet, ist die Schauspielerei ein Akt der größtmöglichen Annäherung. Der Versuch einer radikalen Überwindung des Andersartigen und der Versuch der Aneignung in seiner schönsten Form: sich anderen zu öffnen, sich von ihnen infiltrieren zu lassen, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Um dabei zu erfahren, dass der eigene Blick auf das Leben nur einer von vielen ist – und nicht die Wahrheit. Das verbindet. Über alle Unterschiede hinweg.

Schauspielerinnen und Schauspieler spielen. Immer. In der vollen Bandbreite des Menschseins. Nur danach sollten wir sie beurteilen. Nach ihrem Spiel. Ob sie vergessen machen können, dass sie nicht sind, wer sie vorgeben zu sein. Ob sie Menschen zum Lachen, zum Weinen, zum Denken und Fühlen bringen. Ob sie authentisch spielen, nicht ob sie authentisch sind. Denn machen sie es gut, vollbringen sie ein kleines Wunder. Sie verbinden die Menschen, die sie spielen, mit den Menschen, die ihnen dabei zusehen. Sie schlagen damit Brücken zwischen Menschen, die einander sonst fremd blieben.

Die Großaufnahme

Die Großaufnahme. Wir Schauspieler lieben und fürchten sie. Wenn unser Gesicht die gesamte Leinwand füllt und wir für wenige Momente die Verantwortung für den Film tragen. Ganz allein. Je öfter unser Gesicht groß im Bild erscheint, desto wichtiger sind wir für den jeweiligen Film.

Die Totale, eine Aufnahme der ganzen Szenerie, von der Weite, müssen wir uns hingegen teilen. Mit Kollegen und Gegend. Die Totale zeigt, wer, wo, wann, mit wem was macht, erklärt die Geografie der Szene und schafft Beziehung. Zum Ort und zwischen den Akteuren. In der Totalen wird man nicht zum Star. Die Großaufnahme jedoch gewährt einen Einblick in die Gedanken, in die Gefühle, in die Seele der Figur und damit ins Können des Schauspielers. In der Großaufnahme sieht man jedes Zucken, jedes Zittern, jede Unsicherheit. Äußerste Zurückhaltung, mimische Minimalistik, Gesichtsregungen im Mikrobereich sind hier gefordert. Ausdruckslosigkeit, die jedoch in ihrer Beredtheit Bände spricht. Die Großaufnahme ist ein schauspielerischer Hochseilakt. Sie erfordert absolute Konzentration. Sie erfordert absolute Wahrhaftigkeit.

Für die Großaufnahme wird das Licht neu gesetzt, die Kamera dicht vor den Schauspieler platziert, der Fokus neu gezogen. Die Maskenbildnerin kümmert sich um den letzten Feinschliff bei Make-up und Frisur. Wegen eines abstehenden Haars will man keine Einstellung wiederholen müssen. Nicht beim Drehen. Nicht bei dem Zeitdruck, der beim Drehen permanent herrscht.

Dann heißt es »Ton ab, Kamera läuft« – und die Klappe wird geschlagen. Kann der Schauspieler in der Totalen noch wie ein normaler Mensch agieren, muss er als körperamputierter Kopf nicht selten zu eigenartigen Tricks greifen. Mit der Schulter seines Gegenübers spielen oder auch mal mit dem Rahmen der Kamera. Aus technischen Gründen. Des Blickwinkels willen. Nicht selten sind tränenreiche Ausbrüche, leidenschaftliche Liebeserklärungen, bebende Hasstiraden (alles ausdruckslos beredt natürlich) an das Ohrläppchen des Gegenübers gerichtet. Manchmal auch ins Leere, wenn sich die Kollegin, statt sich im Off anspielen zu lassen, schon in die Mittagspause verabschiedet hat. Beim Film muss man oft so tun als ob. Auch mal Heldentaten vor Greenscreen simulieren oder Autoverfolgungsjagden im Studio drehen. Die Herausforderung ist, als Schauspieler dabei nie an Wahrhaftigkeit, an Natürlichkeit einzubüßen. Was wiederum nur ein Beweis dafür ist, was wir alle wissen: Film ist Fake. Allerdings die adeligste Form von Fake. Man könnte auch sagen Kunst. Oder die mächtigste Art, Geschichten zu erzählen.

Je weniger man sich bewegt, je stiller man ist, desto sicherer wirkt man. Das gilt sowohl für das Spiel vor der Kamera als auch das Leben dahinter. Bin ich nervös, nicht bei mir, bewege ich mich mehr. Automatisch. Mein inneres Unbehagen äußert sich in meiner äußerlichen Unruhe. In stockenden Gesprächen zum Beispiel habe ich das Bedürfnis, meine Äußerungen mit großer Gestik zu unterstreichen, mit großer Mimik. Als vertraute ich meinen eigenen Worten nicht und müsste beteuern, dass ich tatsächlich meine, was ich sage. Nicht von ungefähr wirken ruhige Menschen meist souverän. Hysteriker meist inkompetent.

Stille hat Kraft, Stille impliziert Selbstvertrauen. Gelassenheit. John Wayne, Lauren Bacall, Clint Eastwood, Harrison Ford, Sigourney Weaver, Daniel Craig, Michelle Yeoh … Die großen Filmheldinnen und Helden bewegen sich nicht viel. Komiker und Komikerinnen hingegen lieben wir oft ihrer Tollpatschigkeit wegen. Aber selbst die Clowns dürfen sich vor der Kamera nicht austoben wie auf der Bühne. Ihre Bewegungen würden sonst den Rahmen sprengen. Vor der Kamera gilt es sich zu reduzieren, besser – sich zu verdichten. Es gibt Wesen, die eine ganz natürliche Begabung dafür mitbringen, die, im Leben völlig unscheinbar, vor eine Kamera gestellt, aufblühen. Ohne irgendetwas dafür zu tun. Oft auch ohne es zu wissen. Vielleicht gerade deshalb. Als fühlten sie sich erst dort artgerecht gehalten. Auf eine Leinwand projiziert, sprengen sie dann das Bild. Mit Charisma. Eine strahlende Natürlichkeit geht von ihnen aus, eine Art Magie. Immer wieder habe ich das erlebt. Und mich gewundert, wie mir der Kollege, die Kollegin im gemeinsamen Spiel, von Angesicht zu Angesicht nicht weiter aufgefallen sein konnte. Die Kamera hatte also eingefangen, was mit bloßem Auge nicht zu erkennen war. Die Kamera sieht alles, hatte mir eine Regisseurin mal gesagt, du kannst ihr vertrauen. Was mich beruhigen sollte, versetzte mich jedoch in Panik. Ich wollte nicht, dass die Kamera alles sieht, mich entblößt, der Welt meine Nervosität, meine Unsicherheit zeigt. Ich wollte, dass sie mich liebt. So wie all jene, die von der Leinwand herunter die Menschen zu verzaubern schienen.