Lebendig gefangen - Gunilla Abrahamsson - E-Book

Lebendig gefangen E-Book

Gunilla Abrahamsson

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Beschreibung

Bereits als junges Mädchen träumt Desirée von einem Leben am Theater. Der Traum wird wahr, doch ihr Leben wird nicht so glamourös, wie sie erwartet hatte. Mit den Jahren perfektioniert sie ihr Schauspiel, glaubwürdig zu sterben, doch diesmal wird sie bei einem Filmdreh ermordet. Als sich die Statisten um das Mordopfer kümmern, landet sie versehentlich in einem Bestattungswagen, und das gesamte Filmteam vergisst, dass die Leiche lebt. Dort liegt sie nun und lässt ihr Leben Revue passieren, während ihr der Sauerstoff im Leichensack langsam ausgeht.

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Gunilla Abrahamsson wurde 1945 in Norrköping, Schweden, geboren. Nach ihrem Schauspielstudium in Göteborg ging sie direkt ans Wasa Theater in den schwedischsprachigen Teil Finnlands. Seitdem hat sie in unzähligen Fernsehfilmen/-produktionen und Theaterrollen mitgespielt. Sie trat als Stand-up-Comedian auf, produzierte Hörspiele und arbeitete als Regisseurin. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin und Stockholm. Lebendig gefangen (Originaltitel Det här är också livet) ist ihr erster Roman.

Für Birgitta, mit herzlichem Dank für Sporen und stramme Zügel!

S ein Gesicht war von einem feinen Netz dünner Fältchen überzogen und er roch gut nach frisch gebrühtem Kaffee.

Ich muss hier raus!

Ich schreie die ganze Welt zusammen!

Aber alles, was ich hinter dem silbernen Klebeband hervorzupressen vermag, ist ein erbärmliches Wimmern.

Niemand hört meine Hilferufe.

Die Frau, die aus Deutschland stammte, hatte sich durch die gesamte Entbindung geschrien.

Sie hatte zu Gott gebetet, er möge sie sterben lassen.

Die Hebammen hatten einander abgelöst, die Ärzte waren gekommen und gegangen, und ihre Gesichter waren von Mal zu Mal bekümmerter geworden.

Doch nach mehr als zwei Tagen, die sie Panik, Blut, Schweiß und Tränen bis zur Besinnungslosigkeit gekostet hatte, war der Kampf vorüber, und es wurde vollkommen still im Kreißsaal.

Nicht einmal das Kind schrie.

Wenn es überhaupt ein Kind war.

Es ist ein Mädchen, sagte die Hebamme, wickelte eilig das Neugeborene in ein Handtuch und verließ hastigen Schrittes mit dem Kind im Arm das Zimmer.

Da wusste Hannelore, dass das Kind totgeboren war. Auch gut. Sie hätte ohnehin niemals jemanden lieben können, der ihr bereits solche Schmerzen zugefügt hatte. Also schloss sie ihre Augen und fiel in einen tiefen Schlaf.

D as habe ich schon einmal erlebt, etwas flimmert vorbei, das sich nicht fangen lässt, eine Erinnerung, ein Fragment einer Erinnerung,

ein Flügelschlag, ein Schmetterlingsflattern,

ein Windstoß, etwas Weißes,

bin ich dabei zu sterben,

oder bin ich schon tot?

Ich verstehe nichts, weiß nichts,

erinnere mich an nichts,

nur daran, dass alles weiß ist und dass alle Schreie verstummt sind,

gerade noch war es warm und dunkel, jetzt ist es kalt und hell,

jemand nimmt mich und rennt,

rennen, rannte, gerannt,

und es wird noch kälter,

ich kann mich nicht mehr bewegen,

will nur zurück, zurück, zurück

Hannelore Pihl, geborene Schulze, erwachte zwölf Stunden später, als ihr ein schwerer Klumpen in die Arme gelegt wurde.

Es war das Kind, das sie geboren hatte. Es lebte also.

Die Schwestern wagten jetzt ein vorsichtiges Lächeln, ein freundlicher Arzt kam und erklärte, dass die Kleine mit Füßen zur Welt gekommen war, die um 180 Grad verdreht waren.

Als ob sie kehrtmachen wollte, sagte er mit einem kurzen Lachen.

Ich habe ein entstelltes Kind geboren, dachte Hannelore. Wie kann er lachen, wenn mein Kind entstellt ist?

Und während der Kummer ihr die Kehle zuschnürte, dachte sie an ihr altes Heimatland. Dort hatte man Geschöpfe wie das, das sie soeben zur Welt gebracht hatte, noch bis vor Kurzem umgebracht.

Aber jetzt haben wir sie umgedreht, fuhr der Doktor munter fort. Wir haben ihre kleine Tochter eingegipst. Sie werden eine Weile schwer an ihr zu tragen haben, aber schon sehr bald wird sie herumrennen können wie alle anderen Kinder. Das Mädchen ist völlig normal. Sie haben allen Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Viel Glück, Frau Pihl!

Und eines Tages wird das Weiße entfernt, das Harte und Schwere, alles wird weich und leicht – ich werde weich und leicht – und ich kann herumrennen wie alle anderen Kinder,

wie alle anderen Kinder, wie alle anderen Kinder.

Schau, Mama, wie schnell ich rennte, sage ich.

Rannte heißt es richtig, sagt Mama.

Rennen, rannte, gerannt.

H annelore, genannt Lore, schämte sich ihrer verbotenen Gedanken. Deshalb sagte sie zu ihrem Mann, dass sie das Kind Desirée nennen wollte, die Ersehnte. Doch der Ehemann zögerte. Er fand, dass das Mädchen einen schwedischen Namen bekommen sollte. Was gab es denn an Birgitta auszusetzen, so hießen schließlich alle anderen Mädchen? Oder Kristina? Aber da sie so traurig war, ließ er ihr ihren Willen, und zu guter Letzt wurde das Kind auf den Namen Desirée Birgitta Christina getauft.

Genau wie die kleinen Prinzessinnen auf Schloss Haga.

Dort gab es auch eine Margaretha, aber das wäre zu lang und zu viel geworden.

Mäßigkeit ist am besten, sagte Folke.

Das Kind, das sie geboren hatte, war also ein Mädchen, was gut war, weil es bereits einen Jungen in der Familie gab.

Sie waren jetzt eine richtige Familie, auch wenn es mit der Kleinen Höhen und Tiefen gab. Gut, dass das erledigt ist, dachte Hannelore, die keine weiteren Kinder bekommen wollte.

Bis zur Taufe war das meiste ins Lot gekommen.

Lore hatte sich erholt, das Mädchen aß mit gutem Appetit und wuchs entsprechend sämtlicher Wachstumskurven. Sie lächelte, plapperte und lachte, aber sie schrie auch ungewöhnlich viel. Offensichtlich war sie zornig, um nicht zu sagen fuchsteufelswild über den schweren Klumpen, der ihre Bewegungsfreiheit einschränkte.

Doch der Gips erzielte die beabsichtigte Wirkung, und als er einige Wochen später entfernt wurde, zeigten die Füße des Mädchens nach vorne.

Und das war die Richtung, in die sie sich entschied zu gehen.

Aber es läuft ja bei Weitem nicht immer so, wie man will. Dieses Mal ist zum Beispiel etwas schiefgegangen, vollkommen verdammt schief, und hier liege ich nun, ein halbes Jahrhundert später, wieder gefesselt und weiß eingeschlagen.

Mit zugeklebtem Mund, eingesperrt und vergessen.

Warum habe ich nicht gleich Nein gesagt?

Wir fliegen dich mit dem ersten Flug am Morgen hoch, hatten sie gesagt, und mit dem letzten wieder nach Hause. Wir filmen deine Szenen alle hintereinander und fangen mit der an, in der du ermordet im Stuhl sitzt, dann hast du die schon mal hinter dir, gut, oder?

Spitze.

Alles hier oben ist weiß, außer der Leichenwagen. Der ist schwarz. Der Sack ist weiß, Luleå ist weiß, ganz Norrland ist weiß, alles ist weiß, weiß, weiß. Immense Schneemassen mitten im März und verflucht kalt. Ich habe nur ein dünnes Nachthemd an und natürlich den Sack, in dem ich liege, und das Laken. Das Laken ist auch weiß.

Das Leichentuch.

Ich bin eine lebende Leiche, die auf den Tod wartet.

Obwohl ich eigentlich auf die Aufnahme warte.

Was treiben die da drin in der wohlig warmen Hütte eigentlich?

Schwafeln die über Kameraeinstellungen, Beleuchtung, Streichungen im Drehbuch? Es ist ein Scheißdrehbuch, „Kommissar Häger”, streicht es am besten ganz! Es gibt zu viele Kommissare, streicht alle Kommissare! Oder sie genehmigen sich eine Kaffeepause. Wenn sie jetzt Kaffee trinken, soll sie der Teufel holen! Was für ein einzigartiger Dokumentarfilm das hier werden könnte. Ein Schauspieler stirbt in Echtzeit, wenn man damit keine Palmen, Bären und Käfer auf Festivals und Galas abräumen würde!

Ich könnte natürlich auch ein Buch schreiben und mich danach in sämtlichen Fernsehsofas und Talkshows fläzen: „Und wie’s der Teufel wollte, hat die Filmcrew mich vergessen, sozusagen, und blablabla, da lag ich also“, ja, genau, das werde ich verdammt nochmal machen, ich werde ein Buch schreiben, wenn ich hier rauskomme. Falls ich hier rauskomme.

Im einen Moment heißt es „Ruhe, Aufnahme, bitte“, und im nächsten liegt man hier.

Ermordet. Wieder einmal. Es gibt niemanden, der sich als Leiche so gut macht wie ich.

Lore, die verbissen den Kinderwagen auf den unebenen Steinplatten vor und zurück schob und hoffte, dass die Kleine einschlafen würde, schleppte Erinnerungen mit sich herum, über die sie mit niemandem sprechen konnte.

In dem neuen Land waren alle munter und froh und sahen mit übertriebener Zuversicht in die Zukunft.

Sie selbst war erst 35 Jahre alt, hatte aber bereits die Auswirkungen zweier Weltkriege am eigenen Leib erfahren. Trotzdem lagen ihr alle ständig damit in den Ohren, wie viel Glück sie gehabt hatte, wie viel Grund sie hatte, dankbar zu sein, und in was für ein vortreffliches Land sie gekommen war. Ich bin dankbar, versicherte sie geduldig, und strengte sich noch etwas mehr an, um zu sein wie alle anderen.

Doch so richtig mochte es ihr nicht gelingen, obwohl sie seit über zwanzig Jahren ihr Bestes gab. Denn es war nicht einfach, munter, froh und freundlich zu sein, wo sie doch so verzweifelt traurig war.

Allzu viel tat allzu weh.

Der Aufbruch aus dem Heimatland schmerzte noch immer wie eine offene Wunde. Die ganze Familie hatte sich aufgemacht zu etwas, das ein besseres Leben werden sollte. Wundersamerweise war auch Vati dabei, obwohl er während des gesamten ersten Krieges in Frankreichs Schützengräben gelegen hatte. Schon als Kleinkind hatte Lore gelernt, dass wer im Graben liegt (oder war es im Grab?), nicht zurückkommt. Und doch kam er wieder, dem Augenschein nach sogar unversehrt, wie immer das auch möglich war.

Doch dieses Mal – einen Krieg später – in dem friedliebenden neuen Land, ging es nicht so gut aus. Denn wer mit Taschen voller Steinen im Fluss gefunden wird, kann nicht nur nicht mehr wiederkommen, er will es auch nicht.

Während man draußen in der großen Welt den neuen Frieden bejubelte, kannte die Trauer in der kleinen keine Grenzen. Vati war tot, und Paul, ihr geliebter großer Bruder, würde auch nie mehr zurückkommen. „Ich muss nach Hause, Hitler helfen“, hatte er gesagt, als das Kriegsglück seinen Führer verließ. Seitdem war er spurlos verschwunden.

Und drinnen im Haus irrte Mutti umher, mit jedem Tag wahnsinniger und erfindungsreicher in ihren Selbstmordversuchen.

Und zu alledem hatte sie nun auch noch ein entstelltes Kind geboren. Auch wenn es hieß, zumindest, wenn man dem aufdringlichen Optimismus, der sie umgab, Glauben schenken durfte, dass die Kleine bald ganz wiederhergestellt sein würde.

Wiederhergestellt zu was?

Sie hatte allen Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu sehen. Das hatte er gesagt, dieser Doktor im Krankenhaus. Sicher, in der Welt herrschte wieder Frieden und sie war, wie es sich gehörte, mit einem lieben und reizenden schwedischen Mann verheiratet. Witzig war er auch, ihr Folke, beliebt bei allen, nicht zuletzt bei den Frauen, sie hatte also einen richtigen Fang gemacht. Und sie hatte zwei gesunde Kinder zur Welt gebracht, auch wenn sich erst noch zeigen musste, wie sich das Mädchen entwickeln würde. Obwohl Doktor Stern, zu dem sie jetzt trotz Muttis hartnäckiger Proteste ging – „wieso gehst du zu einem Juden, geh zu einem Schweden, wir leben jetzt in Schweden!“ – in seiner Eigenschaft als der anerkannte Orthopäde, der er nun einmal war, ein ums andere Mal versicherte, dass es nicht mehr lange dauern würde, bevor das kleine Mädchen herumrennen würde wie alle anderen Kinder. Was für ein Geschwätz.

Das wollte sie erstmal sehen. Es gab einen passenden schwedischen Ausdruck, den sie sich zu eigen machte:

Man soll nicht Hurra schreien, bevor man über den Bach ist.

Das wäre ihr nie in den Sinn gekommen.

Davon abgesehen, würde das Mädchen je über einen Bach springen können?

Aber natürlich war sie dankbar. Der Krieg war für dieses Mal vorbei.

Aber über meine Kriege wisst ihr nichts, dachte sie, während das Mädchen weiterschrie.

Die Komparsen, ein echter Polizist und ein Mann in Schwarz von einem Bestattungsunternehmen wirken nervös.

Sie wurden zum Tatort bestellt, um sich nach dem Mord um die Leiche zu kümmern. Also um mich.

Der Mann in Schwarz schien sehr nett, er schüttelte mir die Hand und stellte sich vor. Anders, sagte er. Er hatte ein warmes Lächeln und liebe Augen. Aber als ich die Kälte und Feuchtigkeit seiner Hände spürte, war mir klar, wie nervös er war, obwohl er so ruhig und sicher aussah. Ich hielt diese Hand für eine Weile in meiner, weil ich etwas zum Festhalten brauchte, als mir aufging, dass ich in diesen Plastiksack gesteckt werden sollte. Das hatte niemand auch nur mit einem Wort erwähnt. Protestieren konnte ich nicht, weil mein Mund zugeklebt war. Außerdem werde ich für das hier bezahlt. „Ruhe, Probe, bitte!“, ab in den Sack mit der Leiche und zu mit dem Reißverschluss; schnell, effektiv, mit geübten Handgriffen, sie hatten das tausende Male gemacht, das spürte ich, und dann raus zum Leichenwagen, eine Bahre auf Rädern und schwupps, ab in den Ofen und Türen zu.

Aber … Moment mal … stand da nicht „innen” im Drehbuch, sollte sich nicht die gesamte Szene drinnen in der Küche abspielen? Doch, genau so war es, das kann ich beschwören. Da stand „innen“!

Und trotzdem liege ich jetzt hier in einem zerschlissenen Nachthemd in diesem verdammten Sack in einem eiskalten Leichenwagen und erfriere. Das heißt, falls ich nicht vorher ersticke. Wie lange kann man in einem Plastiksack überleben?

Es sind 28 Grad minus, das habe ich in den Morgennachrichten gehört. Aber bald wird es vermutlich wärmer als mir lieb ist, nächste Station Krematorium, hahaha, witzig, warum muss ich immer so verdammt witzig sein? Ist das vielleicht Galgenhumor? Nun hör schon auf, versuch, rational zu denken! Okay, was soll ich also machen? Ich werde mich zusammenreißen. Mir eine Strategie einfallen lassen. Methodisch die Lage analysieren, Anlauf nehmen und erneut rufen. So laut ich kann. Es eilt, mir kann jeden Moment die Luft ausgehen.

Okay, ich probiere es:

Ich befinde mich mitten in einem Fernsehdreh von „Kommissar Häger”, Folge 1, Szene 4. „Küche, innen”. Aber das hier ist nicht die Küche. Es ist das Innere eines Leichenwagens, und falls das als „innen“ zählt, dann ist es das falsche „Innen“. Kein Schwein hat etwas von einer Änderung im Drehbuch erwähnt. Sicher, ich habe das Auto vor dem Fenster gesehen, als ich in der Küche saß, gerade frisch ermordet und am Stuhl festgezurrt, aber da kam mir zu keinem Zeitpunkt der Gedanke, dass ich da hineingesperrt werden sollte. Ich dachte nur, das sei wohl sein Dienstwagen, mit dem er immer zur Arbeit fährt, der Mann in Schwarz. Der sich genau dann zu mir hinunterbeugte, als ich da saß, vollgekotzt, grün und blau geprügelt und blutüberströmt. Er roch so gut nach Kaffee und flüsterte: „Ich hoffe, du wirst gut dafür bezahlt!”

Jetzt höre ich meinen Herzschlag. Also lebe ich noch. Aber das beruhigt mich kein bisschen, im Gegenteil, ich hatte schon immer panische Angst davor, mein Herz schlagen zu hören. Und jetzt rast es. Ich muss hier raus, raus, raus, also versuche ich es erneut:

...ilf, ilf, ilf...

So hört es sich an.

Es ist pathetisch.

Und auch dieses Mal hört mich keiner.

Auf jeden Fall kommt niemand und lässt mich raus.

Haben die mich wirklich vergessen?

Als Lore gerade ihre Mutter verloren hatte – nicht durch Selbstmord, nein, am Ende war es der ganz gewöhnliche Krebs, der sie holte – schienen alle so seltsam erleichtert. Die Stimmung zu Hause war beinahe euphorisch. Und es stimmte ja auch, die letzte Zeit hatte Mutti ein Schreckensregiment geführt, alle hatten Angst vor ihr gehabt – die Nachbarn, Folke, die Kinder, ja, es war sogar vorgekommen, dass das Mädchen Panik bekam und sich mitten in die Küche stellte, die Augen zusammenkniff, sich die Ohren zuhielt und brüllte wie am Spieß: „Ich will, dass Großmutter stirbt!”

In solchen Momenten bekam auch Lore Angst, nicht nur vor ihrer Mutter, sondern auch vor ihrem eigenen Kind.

Irgendwann einmal hatte sie ihre Mutter wohl geliebt. Doch mit der Liebe war es nun vorbei. Mitleid konnte sie mitunter empfinden – mit der armen Mutti, die den Ehemann im Motala Ström, den Sohn in Stalingrad und den Verstand im alten Land verloren hatte – aber Liebe, nein, die war nicht mehr möglich. Möglich war dafür Trauer. Über all die Worte, die unausgesprochen blieben, die Fragen, die sie nie zu stellen gewagt hatte, und die Versöhnung, zu der es nie gekommen ist.

Lieber Gott, bitte erspar es mir, unversöhnt zu sterben, dachte sie, während sie den Todeskampf der Mutter wieder und wieder vor sich sah – die Angst, die Schreie, Mutti, die wild um sich spuckte und sich die Haare ausriss, bis fast keine mehr übrig waren. Es war entsetzlich, dass auch die Kinder all das mitansehen mussten, aber dennoch brachte das ewige Geplapper des Mädchens sie zur Weißglut:

Ist es wirklich wahr, dass Großmutter tot ist, versprich mir, dass sie richtig tot ist, Mama!

Ja, zum hundertsten Mal, sie ist richtig tot!

Kommt sie in den Himmel? Sie kommt doch wohl nicht in den Himmel. Sag, dass sie da nicht hinkommt!

Natürlich kommt sie in den Himmel, weshalb sollte sie das denn nicht?

Weil sie dumm und böse war.

Sei so gut und halt jetzt einfach den Mund!

Sie musste alle Kräfte aufbieten, um das Mädchen nicht zu schlagen. Und nun wollte sie auch noch mit zum Begräbnis kommen, und wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war sie nicht zu bremsen. Als die Klänge der Orgel durch die Kapelle donnerten, dass man es bis in die Rippen spüren konnte, und der Sarg langsam versenkt wurde, wurde sie so eifrig und aufgeregt, dass sie auf die Bank kletterte und triumphierend ausrief, dass es in der ganzen Kapelle widerhallte:

Meine Großmutter wird verbrennen! Das stimmt doch, Mama?

Setz dich hin und sei still! Ich sag’s dir nachher.

Und so kam es, dass das Mädchen schon auf dem Heimweg vom Begräbnis lustvoll an den Worten nippte, die sie gerade gelernt hatte und die keine Fünfjährige kennen sollte:

Krema-torum, Be-erdung, sterbliche Über...

Mitten im Wort unterbrach sie sich.

Mama! Warum heißt es Überreste? Heißt das, dass doch ein Rest von ihr weiterlebt?

Nein! Du hast doch selbst gesehen, wie der Sarg verschwunden ist. Oma kann nicht zurückkommen!

Doch das Mädchen gab sich nicht zufrieden.

Wie kannst du denn wissen, dass sie wirklich im Sarg lag? Sie kann ja abgehauen sein, und dann kommt sie doch zurück und schreit und schmeißt Sachen, so wie immer.

Da gab Lore auf und zeigte auf eine Eisbude, die ein Stück entfernt lag.

Komm, wir gehen zu dem Kiosk da drüben. Du kriegst ein Eis, wenn du endlich still bist.

Ich werde die Bande verdammt noch mal verklagen! Und ich werde Recht bekommen, die Boulevardpresse wird fette Schlagzeilen bringen, und ich werde endlich das ganz große Geld verdienen.

Wobei – verklagen ist doch keine gute Idee, da gerate ich in den Ruf, schwierig zu sein. Besser, ich schreibe das Buch. Aber reich werden mit einem Buch? Da muss es schon ein Bestseller werden, etwas, das einschlägt wie eine Bombe, ein Verkaufsschlager, ein Thriller, der in 17 Sprachen übersetzt wird. Oder wenigstens in Deutschland groß rauskommt. Da sind sie verrückt nach Schwedenkrimis. Hallo Deutschland, hier kommt ein echter Renner!

Schauspielerin tot in Leichenwagen gefunden.

Das müsste einschlagen, obwohl ich kein Promi bin.

Ich werde einfach die exotische Schiene fahren, das lieben die Deutschen – der Schnee liegt weiß und meterhoch, auf der unendlich weiten Landschaft ruhen Stille und Dunkelheit, und wenn ich noch ein Nordlicht und ein paar Elche einbaue, bin ich eine gemachte Frau und kann mich auf jedem Fernsehsofa breitmachen, durch die Lande tingeln und auf allen Sendern von meinem dramatischen Leben berichten. Sie haben ja gerade ein unerhört ergreifendes Buch herausgebracht, sagen die Moderatoren von Guten Morgen, Guten Mittag und Guten Abend, erzählen Sie uns, wovon es handelt?

Es handelt von einer, die gelacht und geweint, geliebt und gelitten hat und einmal fast aus Versehen eingeäschert worden wäre, werde ich antworten.

Das heißt, falls ich hier jemals rauskomme.

Und wenn nicht?

Tja, dann war‘s das wohl.

Genau das waren Papas Worte auf dem Sterbebett.

Bevor er sagte, dass er gern eine Coca-Cola wollte, weil er noch nie eine getrunken hatte,

ich rannte runter zum Kiosk am Eingang, eine Coca-Cola, sagte ich, schnell,

nein, eine Cola Light, er hat Diabetes,

aber als ich wieder hoch kam, war er tot.

Is that all there is?