LEBENS-SEITEN - Angelika Siska - E-Book

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Angelika Siska

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Beschreibung

Die Autorin hat während eines Jahres Tagebuch geführt und Alltagsgeschehen mit Erinnerungen und Rückblicken gemischt. Daraus entstand nicht nur ein faszinierender Einblick in das von turnusmäßigen Reisen geprägte Leben - vom Allgäu über Island nach Kentucky, von dort ins Winterquartier auf die Bahamas und im Frühjahr zurück an die deutsche Nordseeküste - sondern auch ein Familienporträt, das von den Folgen des Ersten Weltkrieges bis zur Gegenwart reicht. Das Tagebuch schildert das künstlerische Schaffen der Malerin, Eindrücke aus den Wäldern Kentuckys, von den Bahamas, Island und den anderen Orten, an denen sich die Autorin mit Ihrem Mann je nach Jahreszeit aufhält, beschreibt die intensiven Freundschaften und familiären Beziehungen, die trotz weiter Entfernungen aufrechterhalten werden, bezieht Gedanken zur Tagespolitik genauso mit ein, wie geschichtliche und politische Hintergründe der verschiedenen Länder, die auf der jährlichen Reiseroute liegen oder prägende Geschehnisse, wie den Vulkanausbruch auf Island, den ihre Tochter, die dort lebt, von ihrem Haus aus sehen konnte. Die eingeschobenen Erinnerungen und Überlieferungen ergeben insgesamt ein dichtes Bild der Familiengeschichte sowie einen kleinen Ausschnitt aus der deutschen Geschichte, aber in lockerer Form unterhaltsam präsentiert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 655

Veröffentlichungsjahr: 2014

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ANGELIKA SISKA

LEBENS-SEITEN

Copyright: © 2014 Angelika Siska

E-Mail: [email protected]

www.asiska.de

Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net

Foto: Leonore Tellgmann

Fotobearbeitung u. technische Umsetzung: Karl-Heinz Roghöfer Umschlaggestaltung: Erik Kinting / www.buchlektorat.net Bild am Kapitelanfang: Alizarinrot von Angelika Siska, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm, 2008

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Maja, Julia, Falk und Fenja.

Herbst 2009. Ende des Aufenthalts in Kentucky. Fahrt über Tennessee, die Smokey Mountains, North und South Carolina, Georgia nach Florida und Flug nach Freeport / Grand Bahama Island.

Der vergangene Winter war ein einschneidendes Erlebnis in Dunmor, im Westen von Kentucky. Die Temperaturen sanken unter null, starker Wind und Regen fegten über die Landschaft und verwüsteten Wälder, rissen Dächer ab und warfen Bäume über Wege und Straßen. Der Verkehr wurde lahmgelegt, elektrische Leitungen gekappt. Große Teile der Bevölkerung waren ohne Strom und Wasser. Der Frost hielt an, Regen fiel erneut und fror in dicken Schichten an den Bäumen fest, bis schwere Äste brachen und mit lautem Krachen herabfielen. Unheimliche Geräusche wie Gewehrfeuer begleiteten die Nächte, verursacht vom Bersten der Baumstämme und Äste im Frost. Der Notstand wurde ausgerufen, Notlager für die Menschen eingerichtet. Niemand in der Region konnte sich an ein derartiges Wettergeschehen zu seinen Lebenszeiten erinnern. Masuren Farms blieb weitgehend verschont von schweren Holzschäden. Hier und dort waren einzelne Bäume umgefallen. Große Äste und ganze Stämme lagen kreuz und quer auf dem gut vier Kilometer langen Schotterweg, von der geteerten Straße zum Friedhof, und versperrten auch den Zugang zum Haus: Sunny Lake Lodge, zur Winterzeit unbewohnt, konnte nur von einem unerschrockenen jungen Mann, Cody, nach stundenlangem Kampf mit einem Fourwheeler kreuz und quer durch den Wald erreicht werden. Wir hatten Glück gehabt, das Haus war unversehrt geblieben und die herabgefallenen Äste um das Blockhaus und auf dem Weg dorthin konnten weggeräumt werden.

Dann kam der Sommer 2009 und der Regen blieb wochenlang aus. Die Trockenheit setzte dem Wald erneut zu. Im August endlich regnete es in großen Mengen.

Als Ekki und ich im September, wie jedes Jahr, aus Europa zurückkehren, erleben wir einen besonders farbenprächtigen Indian Summer. Das Wasser im See ist noch warm vom Sommer und lädt zum täglichen Schwimmen ein, der Wald ist dicht, undurchdringlich und beginnt erst allmählich herbstliche Farben zu entwickeln. Ich kann unter dem Vordach auf der Terrasse im Schatten malen und meine nächste Ausstellung im Duncan Cultural Center and Art Gallery in Greenville vorbereiten. Ekki sieht mit Connis im Wald nach dem Rechten, begutachtet die gemähten Lichtungen und offenen Flächen des Mine Fields, dem ehemaligen Steinkohletagebau aus den 40er-Jahren. Sie sind inzwischen teilweise zugewachsen, vor allem mit Zedern, aber auch Kiefern, Ahorn und großen Gebüschen von Essigbäumen. Hier hält sich das Rotwild, White Tail Deer, tagsüber gerne im Schutz und Schatten der Bäume auf, auch Wildkaninchen haben sich in den letzten Jahren angesiedelt. Die wilden Truthähne finden Grassamen und übernachten in den hohen Kiefern am Rande der ehemaligen Ödfläche. Sobald unsere Ausflüge zur Kontrolle der jährlichen Arbeiten zu Ende sind, gehen die Männer zum Jagen oder Fischen, beobachten die Biber an den Wasserläufen und reparieren die Hochsitze.

Wenn es Abend wird, hier mitten im Wald, erleben wir das Dunkelwerden ganz bewusst. Die Sonne verschwindet allmählich hinter den Bäumen und wirft ihr warmes Licht über den östlich vom Haus gelegenen See, auf die lang gezogene Grasfläche davor und dahinter und auf die hohen Bäume, bis das Licht in die Baumkronen aufsteigt und dann im Himmel verebbt.

Frühmorgens laufen wir unsere Runde durch den Wald. Der Weg führt vom Haus in Richtung Süden an einem Teich vorbei in eine Talsenke, wo die Eule in einer uralten Buche ihre Höhle hat und abends, besonders im Frühjahr, ihren Ruf durch das Tal hallen lässt: Who cooks for me, who cooks for you all? Dann steigt der Weg an und läuft durch eine Grasfläche, schwenkt in Richtung Norden auf einer Kuppe über dem meandernden Mud River, durchquert eine Lichtung mit einem Tümpel und beschreibt eine langsam ansteigende Kurve in Richtung Süden, wo der Weg wieder abfällt, bis er am Wasserturm vorbeiführt, der uns, gespeist von einer Pumpe im Sunny Lake, mit Wasser versorgt. Nach gut 40 Minuten erreichen wir das Wirtschaftsgebäude, Hickory Hill, das die Fourwheeler und den Mule, einen Allradantrieb mit Ladefläche für allerlei Gerät, und auch unser Gästeapartment beherbergt. Dann ist es nicht mehr weit zurück zum Haus am See.

Mittags sitzen wir in der Sonne auf unserer Terrasse, Ekki hat noch seine Camouflage-Hose und das passende T-Shirt an, er kommt von seinem Testfeld, einem ganz besonderen Waldstück, das an einem Nordhang zum Fluss gelegen ist. Hier gibt es besonders mächtige Bäume. Nordhänge tragen den besten Wald, betrachtet man die Qualität und Quantität der Bäume. Sie wachsen hier besonders gut, bekommen sie doch bei gleicher Niederschlagsmenge länger anhaltende Feuchtigkeit durch die schwächere Sonneneinstrahlung, sodass die Trockenphasen, die sich oft wochen- oder monatelang hinziehen, in nördlichen Lagen nicht so schädigende Einflüsse mit sich bringen, wie an den Südhängen oder auf den Höhenzügen. Das Testfeld hat Ekki schon 1995 ausgewählt und dort entsprechend gute Bäume markiert, gemessen und auf einer Karte festgehalten. Jährlich aktualisiert er die Maße; er misst den Umfang und Durchmesser der Stämme in Brusthöhe.

Den ganzen Vormittag habe ich heute an meinen Bildern gearbeitet, die Skizzen von vier vorbereiteten Holzplatten sind so weit fertig, dass ich als Nächstes meine Farben zusammenstellen kann. Dann habe ich unser Mittagessen zubereitet. Wenn auch die Kartoffeln hier keine besondere Delikatesse sind, so mögen wir doch nicht ganz auf sie verzichten. Idaho, der amerikanische Kartoffelstaat, baut große Mengen von Kartoffeln an, aber eine feine, festkochende Kartoffel, wie ich sie liebe, ist leider nicht dabei. Dafür gibt es hier Bio-Fleisch bei Kroger, einer Lebensmittelkette – Laura’s Beef, das ich zu Hacksteaks verarbeitet habe – und auch Bio-Gemüse wie Zucchini, Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch. Ein Glas Cabernet Sauvignon aus California für Ekki und für mich ein Pinot Grigio delle Venezie schmecken gut dazu.

Nachmittags kommt Connis angefahren und die beiden Männer brechen auf, um einen Hochsitz zu reparieren. Ich male weiter unter dem Vordach des Hauses an der Westseite. Dieser Platz ist geschützt vor Sonne und Regen und groß genug, um meinen Tisch mit Farben, Pinseln und allen anderen Utensilien unterzubringen. Nur abends muss ich alles gut unter Verschluss nehmen, damit die Waschbären, die bei einbrechender Dunkelheit auf der Suche nach Fressbarem auf unsere Terrasse klettern, nichts umstoßen.

Das Holzfeuer flackert im Kamin, ein paar Gaslampen sind angezündet und einige Kerzen dazu. Wir lesen, jeder in seinem großen, bequemen Sessel mit Blick auf das Feuer. Ekki kontrolliert heute besonders oft mit einer weit leuchtenden Taschenlampe, wie viele Rehe ans Haus kommen. Das White Tail Deer ist sehr viel größer als seine deutschen Verwandten.

Noch bevor das Opossum aus seinem Bau an der Böschung zum See kriecht, erscheint ein Stinktier. Wir können es kaum glauben; in den fünfzehn Jahren, die wir nun hier sind, haben wir noch nie ein Stinktier so aus der Nähe gesehen. Hin und wieder haben wir im Auto den Geruch wahrgenommen, wahrscheinlich von einem überfahrenen Tier, das inzwischen im Graben gelandet war. Im vergangenen Frühjahr war einmal gut hundert Meter entfernt eins am See aufgetaucht, am Damm zum kleinen See, südlich vom Haus.

Jetzt wird es interessant, es kommt ein großes, ausgewachsenes Opossum aus seinem Bau und im Licht der Lampe, an dem sich die Tiere alle nicht stören, beobachten wir, wie es innehält, als es das Stinktier bemerkt, das gerade eine Möhre frisst und dann sofort umkehrt und wieder verschwindet. Das zweite ausgewachsene Opossum kommt aus seinem Bau und bleibt vorsichtig auf Abstand zum Stinktier, findet seine Gemüseabfälle und frisst zufrieden. Und dann erscheint auch das kleine, junge, unerfahrene Opossum, läuft völlig unerschrocken und neugierig auf das Stinktier zu, das den buschigen Schwanz hebt und auf das junge Opossum richtet, aber offenbar nur droht und nicht sein Sekret spritzt. Dafür lässt es sich sogar von dem kleinen frechen Opossum beißen und lässt auch das Stück Leberwurst, an dem es gerade frisst, vor Schreck fallen. In aller Ruhe verspeist das junge Opossum die Wurst. Das Stinktier sucht weiter und ein großes Opossum hat unterdessen die vordere Treppe hoch zur westlichen Terrasse erklommen, wo unter dem Vordach der Katzennapf steht. Dort macht es sich über die Reste von Masurskis Futter her.

Masurski ist ein wilder, aus blauen Augen schielender Siamkater, der uns vor zehn Jahren hier, mitten im Wald gefunden hat und seitdem mit Unterbrechungen jeden Tag da ist und gefüttert wird. Er lässt sich nicht anfassen, springt sofort auf, wenn wir zu schnell oder auf mehr als einen Meter an ihn herankommen, aber er gehört inzwischen zum Haus. Nach längeren regelmäßigen Abwesenheiten kommt er zerrupft und abgemagert zurück, um sich wieder zu erholen und zu fressen, bis sein Fell wieder glänzt und er gesund aussieht. Jodie, die hier für uns sorgt, kümmert sich während unserer Abwesenheit nicht nur um Haus und Wald, sie sorgt auch für Masurski und stellt ihm im Winter ein Holzhaus auf, mit einer weichen Wolldecke, damit er bei Bedarf Schutz vor Nässe und Kälte hat.

Heute Abend sind die Rehe nicht da. Sie haben wohl im Wald genug zu fressen, und scheinen sich deswegen nicht für die Maiskörner zu interessieren, die Ekki ausgelegt hat.

Ich habe lange genug draußen gestanden und kuschele mich wieder in meinen Sessel mit Whimsical Impetus, einem Katalog zur Ausstellung in Akureyri dies Jahr, von Maja, zusammen mit Laufey Johansen, Gudney Kristmannsdottier und Arna Gna Gunnarsdottir. Die vier Künstlerinnen werden mit Lebenslauf, Werkkritik und einigen ihrer ausgestellten Werken vorgestellt.

Der nächste Morgen ist angebrochen. Es ist Schlussbesprechung mit Jodie, bevor wir dann abreisen. Jodie verwaltet für uns seit zehn Jahren Masuren Farms. Wir besprechen, was im Wald an Arbeiten anliegt. Mit unseren Jägern, die für das Recht zu jagen Aufgaben übernehmen, wird sie im Einzelnen ausmachen, welche Wege und Flächen frei gehalten werden müssen, damit sie nicht zuwachsen. Dazu ist ein Traktor mit einem Zusatzgerät erforderlich, ein Bushhogger.

Am Blue Hole, einem tiefen Teich am ehemaligen Braunkohletagebau, muss der Weg, der beim Baumfällen geöffnet wurde, wieder mit einem Zaun und dem roten Tor zum Hauptweg geschlossen werden, der zum Friedhof führt und öffentlich ist. Wie in den USA üblich, ist privater Wald für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Es gibt aber auch genügend staatliche Wälder, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind.

Alle Wege unseres Waldes müssen laufend kontrolliert werden, ob sie befahrbar sind. Wir haben es hier ausschließlich mit Naturwald zu tun, das heißt, dass kein Baum gepflanzt wurde oder wird; es gibt Bäume, die sterben, weil sie alt oder krank sind oder der Wind sie umstürzt; sie bleiben alle im Wald und nur die Wege müssen freigeräumt werden.

Hickory Hill, das Wirtschaftsgebäude, muss aufgeräumt werden, vor allem die Garage mit den Geräten für den Wald. Die Besprechung mit unserem Forstwirt, dem Forest Consultant, haben wir schon hinter uns. Die Holzpreise sind im Moment nicht gut genug, um weiter Holz zu schlagen, und wir sind nicht zufrieden mit der zerstörerischen Arbeit der Holzfäller die, weil sie im Akkord bezahlt werden, zu wenig oder gar keine Rücksicht auf die verbleibenden gesunden Stämme nehmen. Die Kronen der Bäume, die nicht verwertet werden, bleiben alle liegen. Der Wald bietet dann ein Bild totaler Verwüstung, von der allerdings nach gut drei Jahren nicht mehr viel zu sehen ist, aber uns gefällt diese rücksichtslose Vorgehensweise nicht und wir sind nicht zufrieden damit, dass der Forest Consultant nicht mehr Kontrolle auf die Arbeiter ausübt. Die hiesige Praxis ist offenbar nicht zu durchbrechen. Deshalb haben wir beschlossen, die schweren Maschinen vorläufig nicht mehr hereinzulassen.

Beim Mittagessen, es gibt Spaghetti Bolognese, sprechen wir über einen Artikel im Reiseteil des Wall Street Journal. Wir haben vor, mit dem Auto von Dunmor durch Tennessee, die Carolinas und Georgia nach Florida zu fahren und sind auf der Suche nach Hotels für die Übernachtungen. Der Artikel beschreibt in bewunderndem Ton ein Hotel in South Carolina, nicht weit von Charleston, das in einem Resort am Meer liegt und einen Golfplatz hat, wo Krokodile auftauchen. Wir überlegen, ob wir das in unsere Reise einbauen, die am Donnerstag losgehen soll, also in drei Tagen. Auf jeden Fall wollen wir uns die Smokey Mountains ansehen, nach Ashville, Savannah und Stewart in Florida fahren. Der PT-Cruiser, den wir hier in Greenville gebraucht gekauft haben und der meinen stark rostenden Chevy Blazer auf Grand Bahama Island ersetzen soll, muss zur Verschiffung nach Freeport bei der Shipping Company in Fort Lauderdale abgegeben werden. Wie sich in dem Artikel weiter herausstellt, hat der Autor in dem Hotel in South Carolina zunächst einen Zimmerwechsel verlangt, weil man die benachbarten Gäste laut sprechen hörte, so hellhörig war der Raum. Wir entscheiden uns, das Hotel nicht zu buchen, wir wollen unsere Reise spontan gestalten.

Die hellhörigen Wände rufen in mir Erinnerungen wach. Es muss im Frühsommer des Jahres 1970 gewesen sein, als ich mit unserer Tochter Maja in Cadzand an der holländischen Nordseeküste war. Sie war im Januar ein Jahr alt geworden und wir wohnten in Köln in der Merlostraße. Ekki war in seine erste Stellung nach dem Examen bei Editions Rencontre eingebunden und nur an den Wochenenden abkömmlich. Er hatte uns mit dem Auto nach Cadzand gebracht und dort ein schönes Hotel in Strandnähe gefunden. Nach der zweiten Nacht erschien der Manager bei mir am Frühstückstisch und verlangte recht ungehalten, dass ich mit dem Kind ausziehe, da sich die Nachbarn, ein älteres holländisches Ehepaar, über das morgens in aller Frühe laut rufende Kind beschwert hatten. Ich war über die unfreundliche Art und Weise, wie mir das gesagt wurde, ziemlich entsetzt. Es war schon richtig, dass meine Tochter früh aufwachte und mich dann aufweckte, aber offenbar lag es vor allem an der Hellhörigkeit einer nachträglich eingezogenen Wand des Anbaus, dass die Nachbarn alles hörten. Auf jeden Fall machte ich mich gleich nach dem Frühstück daran, ein anderes Hotel zu suchen, was damit endete, dass ich ein frei stehendes Ferienhaus mit mehreren Schlafzimmern und einem großen Garten fand, wo wir uns dann sehr wohl fühlten; und weil wir so viel Platz hatten, luden wir noch Freunde und Verwandte ein. Meine Schwester Leo mit ihrem Mann und den beiden Töchtern kamen aus Peine und wir verlebten herrliche Tage am Meer, bei warmem Sonnenschein und kräftigem Wind. Hängen geblieben ist mir noch ein Zwischenfall. Beim Spielen der Kinder kam es zu einer wilden Jagd durch Haus, Garage und Garten. Und die Garage hatte eine schwere Eisentür, in der sich Maja die Hand quetschte, als Linda, mein Patenkind, die Tür vor ihr zuschlug. Es gab ein großes Geschrei, die kleinen Finger waren ganz platt und ich holte Eis aus dem Kühlschrank, hielt ein Küchenhandtuch unter den Wasserhahn und verpackte die kleine Hand. Langsam hatte sich das Kind wieder beruhigt und der Schmerz nachgelassen. Als ich dann wagte nachzusehen, sah die Hand wieder fast normal aus, Maja konnte die Finger bewegen und wir konnten von einem Arzt- oder Krankenhausbesuch absehen.

Am späten Nachmittag kommt Connis vorbei und legt uns zwei grüne Früchte auf den Tisch, von denen er den Namen nicht mehr weiß. Connis ist hier in Dunmor aufgewachsen, sein Großvater hatte diese Früchte gern gegessen, aber er selbst hat sie noch nie gemocht. Jodie verrät uns, dass es Passionsfrüchte sind. Die Ranken der Passionsblume sollen hier in den Wäldern vorkommen und Jodie will uns eine Pflanze mitbringen, wenn sie eine findet. Das wäre ein ideales Mitbringsel für Majas Gewächshaus in Island, freue ich mich.

Heute bin ich sehr zufrieden, ich habe mein Bild fertig gemalt, das schnell verlöschende Tageslicht hat mir ein wenig das Tempo diktiert. Das blaue Bild, das mir nicht gefiel, habe ich vollkommen übermalt; andere Farben, ein neuer Aufbau – die Farben der herbstlichen Blätter um mich herum: Goldocker, Orange bis ins Braun, ohne jegliches Blau, ohne Grün.

Wir nehmen Abschied von Sunny Lake Lodge, das wir in zwei Tagen verlassen werden. Masurski hat sein Abendessen bekommen, rechtzeitig genug, sodass das Opossum und das Stinktier der Katze ihr Futter nicht streitig machen. Heute Abend werden die Tiere nicht allzu viel Futter finden, so langsam müssen sie sich daran gewöhnen, dass wir nicht mehr da sind. Jodie wird täglich Masurski füttern und nach dem Haus sehen.

Es ist inzwischen schon so dunkel, dass Ekki vom Angeln kommt, weil er nichts mehr sieht. Er hat mit dem kleinen Metallboot, das mit einem Elektromotor läuft, den See umkurvt und zwei Crappies gefangen, ein wunderbares Mittagessen für morgen. Die Fische werden auf der Terrasse beim Licht einer Öllampe geschuppt, filetiert und landen dann im Kühlschrank.

Wir sind hier so weit auf uns selbst gestellt, dass wir mit einem Gasgenerator zwar Strom erzeugen können, aber sämtliche nötigen Geräte wie Kühlschrank, Küchenherd, Heißwasserboiler, Lampen und Ofen mit Gas laufen lassen. Wir haben einen Zehntausend-Liter-Tank in die Erde eingraben lassen, für jedes der beiden Gebäude. Den Generator lassen wir nur laufen, um die Außenbeleuchtung kurz anzuschalten, wenn wir bei Dunkelheit das Haus erreichen, den Föhn benutzen oder einen Küchenquirl brauchen. Eine Telefonleitung wurde uns gelegt, als unter Präsident Bill Clinton eine Verordnung in Kraft trat, die jeder noch so abgelegenen Hütte ein Telefon auf Staatskosten zusprach. Sogar wir als deutsche Staatsbürger kamen in den Genuss. Unser Versuch, die fünf Kilometer lange Telefonleitung, die unterirdisch vom Eingang unseres Waldes bis zum Haus verlegt wurde, mit einer Stromleitung zu kombinieren, wurde nicht genehmigt und eine separate unterirdische Stromleitung hätte unverhältnismäßig viel Geld gekostet, eine oberirdische dagegen eine breite Schneise in den Wald geschlagen, was nicht unsere Zustimmung fand.

Wie jeden Abend sitze ich am Kaminfeuer unter der Gaslampe in meinem großen, bequemen Sessel und lese. Ich nehme die Garden Design vom Februar 2008 wieder zur Hand, mit dem Artikel über Piet Oudolf. Ich suche nach Ideen für den Sommer, wenn ich in Starkenhofen den Teich, der gerade neu angelegt wurde, mit Pflanzen versorge und Teichpflanzen – schwimmend, wurzelnd oder in Plastikkörben – einsetzen. Um das Wasser herum stelle ich mir Telekien, Frauenmantel, Ligularia, Fette Henne, Margariten, Lupinen und Storchenschnabel vor, wobei mir klar ist, dass nur wenige Pflanzen davon auf dem lehmigen, schweren Boden gedeihen können.

Ekki läuft jetzt auf der Terrasse auf und ab und beobachtet die Tiere. Hin und wieder erscheint er in der Terrassentür und berichtet, aber außer dem Stinktier gibt es nichts zu sehen.

Piet Oudolf, der berühmte holländische Gartengestalter, schneidet Hecken in Wellen und liebt Stauden und auch Gräser. Er ist berühmt wegen seiner Gartenanlagen im Millennium Park in Chicago und The Battery und The High Line in New York. Sein eigener Garten in Hummelo in Holland wird hier genau beschrieben und in Fotos vorgestellt. Seine naturnahe Gestaltungsweise gefällt mir.

Heute werden die letzten Besorgungen vor unserer Abreise gemacht. Es regnet – gut für den Wald. Also fahren wir nach Greenville, etwa eine halbe Stunde über Penrod und Beachmont. Diese kleinen Ortschaften ziehen sich entlang der Route 949 scheinbar endlos hin und auch zwischen den Ortschaften finden sich einzelne Häuser im Wald an der Straße. In der Post halte ich dann den ganzen Betrieb auf, weil ich einen Luftpostbrief nach Island aufgeben möchte, was hier sonst nicht vorkommt, und dazu verlange ich noch fünfmal die passenden Briefmarken für Postkarten nach Deutschland beziehungsweise England. Die beiden Ladys in Greenville müssen erst einmal herausfinden, wie hoch das Porto ist, dann stellen sie fest, dass sie dafür keine passenden Briefmarken haben, aber schließlich findet eine von ihnen doch Marken, die sie passend zusammensetzen kann, in ihrem kleinen Nebenzimmer. Inzwischen hat sich eine Schlange von neun Leuten gebildet. Als ich mich umdrehe und es bemerke, blicken die meisten wie unbeteiligt zur Seite und ich entschuldige mich für die eingetretene Verzögerung, aber offenbar hält das keiner für notwendig, jedenfalls sagt niemand etwas und sie verziehen keine Miene. Ich kann dann herzlich lachen, als ich draußen vor der Tür bin und durch den strömenden Regen möglichst schnell zum Auto laufe, in dem Ekki wartet. Er sagt etwas von einer Viertelstunde, die ich gebraucht habe, er hat inzwischen ein kurzes Schwätzchen mit Ralph, unserem Anwalt gehalten der, nur im Hemd, im strömenden Regen von der Old National Bank über die Straße in sein neben dem Postamt liegendes Büro gerannt kam.

Wieder zu Hause, mache ich eine aufgetaute Ente bratfertig, Ekki schält dazu die Äpfel für die Füllung und schneidet den Rotkohl. Ich schiebe den Braten in den Backofen, für den späten Nachmittag; zum Mittagessen gibt es eine große Schüssel frischen Salat mit gebratener Entenleber und getoastetem Roggenbrot mit Kümmel. Dann spricht Ekki von den Hotelsuiten, die er auf unserer Reise nach Fort Lauderdale buchen möchte, damit wir gemütlich übernachten können, ohne auf der Bettkante zu sitzen, wenn wir eine Zeitung lesen wollen. Ich denke, wir werden das alles ganz spontan unterwegs entscheiden und organisieren und einfach so ins Blaue losfahren. Die Ente schmurgelt im Backofen. Wir nutzen die Zeit und fahren zu Connis und Dora. Sie wohnen mitten im Wald, in der Nähe von Jodie, von uns in südlicher Richtung etwa eine Viertelstunde zu fahren. Das Haus liegt auf einer Lichtung an der Dora Road – wenn man eine Straße oder einen Weg auf dem eigenen Grundstück hat, darf man hier auch den Namen dafür selbst wählen. Wir sprechen ein Problem an, das Dora, die im County seit vielen Jahren politisch engagiert ist, angehen kann. Es geht um ein verwahrlostes Grundstück in unserer Nachbarschaft, wo offensichtlich auch der Gebrauch, vielleicht auch die Herstellung von Amphetaminen nachzuweisen wäre. Etliche Tiere, Pferde, Schweine und Hunde bewegen sich auf dem eingezäunten Grundstück und werden nicht regelmäßig versorgt. Die Hunde liegen oft auf der Straße und Jodie füttert sie aus Mitleid, wenn sie des Weges kommt, und hat schon Auseinandersetzungen mit den Leuten gehabt. Dora hat die Missstände schon einmal gemeldet und will noch einmal nachhaken.

Jetzt ist die Ente tranchiert, auch Soße, Rotkohl und Kartoffeln stehen auf dem Tisch. Während der Regen in Salven auf unser Blechdach trommelt, genießen wir bei Kerzenschein und flackerndem Kaminfeuer das Essen. Dann nimmt Ekki wieder seinen Platz auf der westlichen überdachten Terrasse ein, weil er die frische Luft braucht. Mir sind allerdings die 13 Grad zu wenig und am Kaminfeuer ist es auch gemütlicher. Wenn ich mich bei kühlen Temperaturen draußen wohlfühlen soll, muss es schon ein ausgedehnter Marsch durch den Wald sein oder meinetwegen auch Gartenarbeit, die habe ich schon bei noch niedrigeren Temperaturen und Nebel-nassen, eisigen Winden in Starkenhofen gemacht, mit der entsprechenden Kleidung und einer warmen Pudelmütze auf dem Kopf; die Jacke und die warme Hose hatten die Patina der Arbeit und waren zusätzlich frisch mit feuchtem Boden besudelt, da bekam ich eines Tages den Besuch eines mit dem Auto angereisten Herrn, der unserer Eingangstür zustrebte, als er innehielt. Er blieb, als er meiner ansichtig wurde, abrupt stehen, holte tief Luft und fragte mich höflich nach der Dame des Hauses. Sein Gesicht verzog sich ungläubig, als ich ihm erklärte, die Hauseigentümerin vor sich zu haben; dann übergab er mir zögernd ein Präsent. Das Blitzen in meinen Augen wagte er nicht mit einem Lachen zu quittieren. Um so mehr Spaß hatte ich noch bei der Gartenarbeit, als das Auto davongefahren war. Hier in Kentucky, in der Wildnis des ehemaligen Wilden Westens, gibt es solche Vorkommnisse nicht, wir sind nur nach Voranmeldung durch einen Anruf erreichbar. Außer Jodie hat niemand den Schlüssel für das Tor, das den Weg absperrt, der vom Hauptweg in Richtung Friedhof abzweigt. Vom Tor sind es noch gut fünfhundert Meter über eine Lichtung, die wir High Rock nennen, durch ein Tal, in dem die ehemalige Bahnlinie mit den Wagen zum Abtransport der Kohle entlang führte, und weiter aufwärts an dem kleinen Teich entlang zur Sunny Lake Lodge, die auf den großen See blickt.

Wir schreiben heute den 28. Oktober 2009 und das ist der letzte Tag in diesem Herbst hier. Jodie kommt noch einmal mit dem roten Trecker angefahren und bringt uns das Wall Street Journal. Sie erzählt, dass sie gestern mit einer Freundin unterwegs war, nach Frankfort, Kentuckys Hauptstadt – ein verträumtes, kleines Provinznest mit einem Weißen Haus in Miniatur. Sie haben ein Paket mit wichtigen Papieren für die Regierung abgegeben. Im Dunkeln wieder zuhause angelangt, ging sie dann ihre geliebten Hühner einsperren. Da es stundenlang stark geregnet hatte und obwohl sie eine Taschenlampe dabeihatte, glitt sie vor dem Hühnerhaus aus und landete der Länge nach in einer großen Wasserpfütze, die Lampe im hohen Bogen neben ihr. Heute findet sie das sehr lustig und freut sich immer noch über den Ausflug und die lange Fahrt von hin und zurück über zehn Stunden, mit Mittag- und Abendessen in Restaurants am Wege.

Abgesehen von ein paar Unterbrechungen bin ich den ganzen Tag mit dem Packen unserer Koffer beschäftigt. Für jeden ein Handgepäck mit allem, was man für fünf Tage Reise braucht. Dann für jeden einen großen Koffer, den wir auf dem Flug von Fort Lauderdale nach Freeport einchecken wollen, ein weiterer Koffer pro Person, der mit dem Auto verschifft werden soll und zusätzlich ein kompletter Golfschlägersatz.

Wir erfreuen uns an unserem morgendlichen Rundgang durch den Herbstwald, der Regen hat gegen Mitternacht aufgehört und mit Gummischuhen, Muckboots, von Palle und Maja aus Reykjavik mitgebracht, sind die aufgeweichten Wege kein Problem.

Abends schenkt Ekki sich einen Kentucky Straight Bourbon Whiskey Russell Reserve ein, nichts für mich allerdings. Seit über dreißig Jahren habe ich keinen mehr angerührt, seitdem Pop, Robins Vater in Sevenoaks in Kent, mir ein Glas reichte, nach dem Frühstück, denn er trank jeden Morgen nach seinem Porridge eines. Wir waren mit unseren Kindern zu Besuch und wohnten in ihrem schönen Haus. Ich habe es damals, um es nicht unhöflich stehen zu lassen, in einem günstigen Moment hinter mir in einen Blumentopf im Fenster gegossen.

Der nächste Morgen bringt uns einen bedeckten Himmel und herbstliche 12 Grad Celsius. Nach unseren Yogaübungen laufen wir zum Abschied noch einmal die Runde durch den Wald.

Dann geht es vollbepackt mit dem PT-Cruiser auf die Fahrt, erst einmal in Richtung Nashville, die uns bekannte Route durch das fruchtbare Land an der Road 431 nach Lewisburg, vorbei an überschwemmten Bohnenfeldern, dem Logan Aluminiumwerk, an Rinderfarmen und durch ausgedehnte Wälder.

Allmählich gehen die Rolling Hills über in ebenes Land, das weniger Wald und mehr Landwirtschaft aufweist. Wir fahren durch Russelville, eine Stadt, die durch die Steinkohle zu Reichtum gekommen ist. Die Altstadt besteht aus stattlichen Villen vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Die Gärten sind gepflegt und hundertjährige, prächtige Bäume werfen ihre Schatten über Rasenflächen. Halloween-Dekorationen aus Kürbissen, Maisstroh und blühenden Chrysanthemen zieren die herrschaftlichen Eingänge und über den Dächern leuchten die herbstlich gelb, rot und orange gefärbten Blätter der Bäume.

Weiter südlich werden die Felder immer größer, wir passieren einzelne prächtige alte Landsitze im Südstaatenstil, mit großen Säulenportalen und altem Baumbestand. Auch hier führen die Flussläufe nach einem trockenen Sommer und den ergiebigen Regenfällen der letzten Wochen Hochwasser.

Adairville hat hübsche, kleinere Häuser, umgeben von gepflegten Gärten. Jesus Christ is Lord steht in großen Lettern an zwei Maissilos und erinnert uns daran, dass wir uns im Bible Belt befinden, einer Region, wo besonders die Baptist Church stark vertreten ist. Riesige Tabakfelder sind schon abgeerntet und die Tabakblätter hängen zum Trocknen in speziellen Holzscheunen, andere werden in Holzschuppen geräuchert, die aus Spalten zwischen den Holzbrettern der Wände stetig Rauch aufsteigen lassen.

Dann begrpßt uns ein Schild am Straßenrand: Welcome in Tennessee. Eine viel befahrene Straße führt uns durch Springfield, an einstöckigen Geschäften, kleinen Betrieben, Restaurants der überall vertretenen Fast-Food-Ketten und Verkaufshäusern für Autos vorbei, an Bürogebäuden, einem großen Baumarkt der Firma Lowe’s und einem Wall Mart Super Center. Südlich der Stadt folgen typische Einfamilienhäuser mit Gärten unter großen Bäumen mit den gewohnten Halloween-Dekorationen, dabei riesige aufgeblasene Plastikkürbisse, schwarz verkleidete Hexenfiguren, Totenköpfe und Gespenster in Spinnengeweben. Wir verlassen jetzt die Road 431 und fahren auf den Highway 24 in Richtung Nashville.

Es beginnt von Neuem zu regnen, als wir auf die 40 East in Richtung Knoxville, nicht nach Chatanooga, abbiegen. Ich blättere ein wenig in den Seiten eines Buches, das uns unser Freund Bob für die Reise über Savannah empfohlen hat: Midnight in the Garden of Good and Evil von John Berendt. Die Handlung spielt in Savannah, Georgia, geschrieben im Jahre 1994, und ist als Kriminalroman berühmt geworden. Jodie konnte uns das Buch über Amazon besorgen und ich will es lesen, um mehr über Savannah, diese alte Plantagenstadt, zu erfahren.

Es regnet immer noch in Strömen, ich habe inzwischen fünf Postkarten geschrieben und so langsam bekommen wir Hunger auf ein Mittagessen. Es wird bergig, der Verkehr immer dichter, wir nehmen den nächsten Food Exit und haben die Wahl zwischen Subway und McDonald’s. Der Eingang zu beiden Restaurants ist der gleiche und wir entscheiden uns für McDonald’s. Ich bestellte mir einen Salat mit Fried Chicken und Ekki wählt einen Burger mit Angusmeat. Das Gute daran ist, dass wir zwanzig Minuten später schon wieder im Auto sitzen.

Der Regen hat nicht nachgelassen und die großen Trucks schleudern uns das Wasser in dicken Schwaden entgegen. Wir fahren vorbei an Ortsschildern wie Cooksville, Sparta, hatten es auch schon mit Lebanon und Alexandria zu tun, aber wir sind nicht im Mittleren Osten, auch nicht mehr im ehemals wilden Westen, sondern immer noch in Tennessee und wollen in den Süden, in die Carolinas.

Der Regen hört auf, die Aufstiege werden steiler, die Täler ausgedehnter, lang hingezogen, die Laubwälder sind wunderbar gefärbt, Goldtöne herrschen vor, dunkle Kieferngruppen und ein paar Zedern kontrastieren mit dunklem Grün. Soweit das Auge reicht, sieht man nur bewaldete Hänge und Berge, kein Haus, kein Hof. Knoxville liegt wunderschön inmitten dieser Landschaft. Wir wollen nach Sevierville, Gatlinburg. Das ist der Eingang zum Great Smoky Mountains National Park und die letzte Station vor dem Park, um eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Im Park selbst gibt es kein Hotel und kein Restaurant.

Gatlinburg ist eine Mischung aus Las Vegas, Disney World und Aspen; Autokolonnen wälzen sich durch die Stadt. Wir finden ein Zimmer an einem rauschenden Gebirgsfluss, essen zu Abend in einem überfüllten Restaurant.

Am nächsten Morgen frühstücken wir frisch gebackene Waffeln mit viel klebrigem Ahornsirup und dann reihen wir uns ein in die Autokarawane in Richtung Süden. Beim Frühstück haben wir erfahren, dass die Route 40 auf der Strecke nach Süden teilweise gesperrt wurde, weil ein großer Felsblock an einem Berg abgerutscht ist. So müssen wir damit rechnen, dass es noch eine Weile dauern wird, bis die riesigen 40-Tonnen-Trucks wieder weiter gen Süden brummen können. Die Personenkraftwagen fahren aus diesem Grunde umso mehr eine Umleitung mitten durch den Nationalpark, der für Lastkraftwagen gesperrt ist. Dafür scheint die Sonne heute aus einem blauen Himmel und lässt die Farben der herbstlichen Blätter in den schönsten Tönen leuchten.

Die Berge erreichen Höhen von bis zu sechstausend Fuß, das sind mehr als zweitausend Meter, und hier gibt es keine Baumgrenze wie in den Alpen. Wir folgen jetzt der Straße durch ein Tal, das der Fluss, der uns begleitet, tief eingeschnitten hat. Das Wasser schäumt wild über die rund gespülten großen Steine, wie ich das von der Oker, einem Fluss im Harz kenne.

Aussichtspunkte und Ausgangspunkte zu gekennzeichneten Wanderungen füllen sich mehr und mehr mit geparkten Autos. Wir sehen Wälder, die von großen Rhododendren überwuchert werden, und erkennen auch Fichten, die sich in die Laubgehölze mischen. Der Wald wird nicht durchforstet, alles darf wild wachsen, selbst die hier nicht heimischen Rhododendren. Das weite Land der Vereinigten Staaten kann die Natur gewähren lassen und muss nicht, wie beispielsweise Irland im Südwesten, bei Killarney, die wenigen, stattlichen Eichenwälder vor dem Überwuchern mit Rhododendron schützen.

Die Landschaftsformationen erinnern mehr und mehr an die des Schwarzwaldes mit tief eingeschnittenen Tälern, nur gibt es hier überhaupt keine Besiedlung, kein Rasthaus, keine Tankstelle und die Erhebungen sind höher, die Täler weit hingezogen.

Wir erreichen die höchste Höhe der Smoky Mountains, die Bäume tragen kein Laub mehr, die ersten Nachtfröste zeigen Wirkung. Auf der südlichen Seite dann tauchen wir wieder in reine Laubwälder ein und so allmählich, in tieferen Lagen, haben wir die Zone des vollen Farbenschmucks erreicht.

Ein schäumendes Bergwasser schlängelt sich neben der Straße entlang, beleuchtet von der Sonne. Wir sind in der Cherokee Indian Reservation angelangt mit Freizeitpark, Andenkenläden, großen Bärenattrappen und noch größeren Indianerstatuen, vorbei an einem Markt mit Musclecars, Restaurants, Hotels, noch mehr Bären- und Wolfsattrappen, einem großen, leuchtenden Fell in den Farben der amerikanischen Nationalflagge und Landschaften in denselben Farben auf großen Tafeln. Wir lassen diese Eindrücke hinter uns und folgen der Straße in Richtung Cherokee Tribal Bingo, einer Siedlung von teilweise verwahrlosten Trailerhomes der Indianer, ein paar Verkaufsbuden für Andenken – Frog Jane verkauft Memorabilia, da ist ein Jon’s Pancake House, The Old Grey Mare bietet Mitbringsel an, da steht die Victory Baptist Church.

Das nächste Ortsschild trägt den Namen Cataloochee, Ann Maggie Valley, Kürbisse überall, auf Strohballen aus Maisstroh, lose Bebauung an beiden Talseiten. Dann geht es heraus aus der Indian Cherokee Reservation und die Straße führt jetzt weiter bergan. Die Bebauung wird sparsamer und auch schöner. Große Häuser bis hinauf auf die Hänge. Wir bleiben im Tal auf der Route 19 und fahren in Richtung Asheville, wo wir Biltmore House besuchen wollen, vorbei an einem Golfplatz. Die Steigungen werden geringer, die Sonne scheint stärker, es wird wärmer.

Canton, ein Ort um eine riesige, stillgelegte Zementfabrik, Fabrik- und Wohngebäude, eine alte Eisenbahnstrecke, leerstehende Häuser dazwischen – sicher gut hundert Jahre alt. Ein endlos langer Güterzug trompetet auf einmal neben uns am Hang, offensichtlich ist die Bahnstrecke noch in Betrieb. Wir sind jetzt in North Carolina angelangt.

Die Autoschilder bestätigen es. Die Grenze zwischen Tennessee und North Carolina verläuft diagonal durch die Smoky Mountains über die Berghöhen. Wir fahren auf die Route 40 East. Biltmore Estate ist ausgeschildert: Exit 50 Asheville.

Asheville in North Carolina ist wunderbar gelegen. Der Ort ist gepflegt und der Tourismus blüht. Es gibt gut instand gehaltene, nachgebaute Fachwerkhäuser und in besonders aufwendig gestalteter Parklandschaft liegt das angepriesene prächtige Estate der Familie Vanderbilt, errichtet im Jahr 1895. Ein riesiger, prätentiöser Bau mit vielen Türmen aus einer Mischung von Neugotik und Barock, prunkvoll ausgestattet und eingerichtet, ein bisschen wie Disney World vor gut hundert Jahren. Wenn man allerdings schon Hohenschwangau und die anderen märchenhaften Schlösser von Ludwig II., an den ich hier denken muss, nicht so überwältigend fand, dann ist die Pracht von Biltmore kein Grund, sich in die Warteschlange einzureihen und stundenlang in der Eingangshalle zu stehen, um durch das Schloss geführt zu werden.

Die Parkanlagen und Gärten sind traumhaft schön und wir schauen sie uns an. Vorher sehen wir uns noch den einführenden Film von der Guided Tour an, um auch sicherzugehen, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Dann meldet sich der Hunger und wir fahren langsam durch das Anwesen zurück in den Ort, essen bei Hardy’s und sind dreißig Minuten später wieder auf der Interstate 40, biegen dann ab nach Süden auf die 26 East.

Es wird diesig und der Verkehr ist dicht, schließlich haben wir Freitag und die Wochenendausflügler streben der Wärme zu. An beiden Seiten flankieren Wälder die Straße, Wälder ohne Ende, durch Berg und Tal und Indian Summer satt.

Im Nu sind wir in South Carolina, nur vierzig Minuten von Asheville. Hier ist die Interstate nagelneu und der Verkehr fließt zügig. Columbia ist nächster Halt, das Hotel Country Inns & Suites hat eine Suite für uns frei und wir erholen uns gleich im Hallenbad, bevor wir in der Nähe ein Restaurant zum Abendessen finden. Ein frischer Salat mit einem Filet Mignon ist ein guter Abschluss des Tages.

Am nächsten Morgen, es ist Samstag und Halloween, empfängt uns die dralle Schwarze am Empfang in einer weißen Kapitänsuniform mit entsprechender Mütze und ihre gute Laune steckt an. Auch scheint die Sonne.

So fahren wir weiter auf der Interstate 26. Ausgedehnte Mischwälder, mit immer mehr Kiefern dazwischen, säumen die Straße; der Verkehr ist lebhaft in Richtung Charleston, auf die Küste zu. Wir zweigen vorher nach Süden in Richtung Savannah ab.

Heute rufen wir mal unsere Enkel im Schwarzwald an und erzählen ihnen von South Carolina. Die Telefonverbindung ist zunächst ganz klar und ich begrüße Fenja; Ekki kann mit Falk sprechen und dann reißt die Verbindung leider ab.

In Savannah angekommen, landen wir an der Tourist Information und nehmen dort einen kleinen Imbiss ein, um mit dem Auto weiter an den alten Lagerhäusern entlang am Savannah River ein Hotel zu suchen. Die alten Lagerhäuser aus der englischen Gründerzeit werden langsam wieder zum Leben erweckt. Im Erdgeschoss entstehen Restaurants und Geschäfte für die vielen Touristen, Hotelneubauten wie das Hilton und im Osten das Riverside Marriott, wo wir ein Zimmer nehmen. Das alte Kopfsteinpflaster wurde erhalten, auch fährt noch die historische Trambahn, davor am Flussufer eine neu gestaltete Promenade.

Dann besuchen wir das Altstadtzentrum. Schöne, große Südstaatenhäuser, holzverkleidet, mit Balkonen und prächtigen Eingängen, umgeben von tropisch wuchernden Gärten. Enge Straßen, quadratisch angeordnet, und immer wieder ein unbebautes Quadrat, das mit stattlichen Olivenbäumen und Grünanlagen bepflanzt ist, mit riesigen, alten Bäumen, herabhängenden Flechten. Die Stadt erlebt nach dem Einsatz der gründlichen Renovierungsarbeiten hier einen wirtschaftlichen Aufschwung, der weiter im Landesinneren am Savannah River liegende Containerhafen ist im Moment der am schnellsten wachsende in den Vereinigten Staaten.

Abends sehen wir uns an der Uferpromenade das Halloween-Treiben an; Kostüme in den abenteuerlichsten Farben und Formen. Eine wild geschminkte, aufgedonnerte, mindestens achtzigjährige Dame wünscht uns Happy Halloween.

Ich laufe durch alle Galerien, aber hier handelt es sich nur um Reproduktionen von Bildern, die man als Poster kaufen kann. Auch lokale Künstler sind vertreten und die sehe ich mir interessiert an. Wir essen an der Promenade gut zu Abend, hören dann einem schwarzen Saxofonspieler zu und schlendern langsam zurück zum Hotel.

Am nächsten Morgen gewinnen wir eine Stunde Zeit, die Uhr wird von Sommerzeit auf Winterzeit umgestellt. Wir laufen noch einmal die jetzt fast menschenleere Promenade herunter und wieder zurück zum Hotel und fahren dann los durch das historische Viertel, wo die Bustouren herumkurven. Die Bauweise der Häuser ähnelt dem Baustil in New Orleans und den Regionen anderer Südstaaten. Jedoch die Dichte und Vielfalt der Häuser hier in Savannah erscheint uns einmalig schön. 1783 kamen Engländer hierher und gründeten die Stadt. Sie stellten auch fest, dass Savannah auf der Breite des Mittelmeers liegt und pflanzten Olivenbäume, mitgebracht aus Europa, die heute die Grünanlagen im historischen Viertel bestimmen.

Wir verlassen die Stadt und fahren weiter auf der Interstate 95 South durch ausgedehnte Wälder und über ins Meer mündende, meandernde Flussläufe, inmitten großer im Sonnenlicht flimmernder Schilfflächen. Hier bestehen die Wälder aus Kiefern, Yellow Pines, unter denen Thatch Palms wachsen, wie wir das von Grand Bahama Island kennen. Meilenweit keine einzige Siedlung in Sicht.

St. Mary’s am Cumberland Sound mit Cumberland Island ist ein idyllischer, ein wenig verschlafener Platz und das Riverside Inn direkt am Wasser ein wunderbares, kleines Restaurant, mit frischem Fisch und Salat mit hausgemachter Soße. Wir können draußen auf der Terrasse sitzen und das Mittagessen in vollen Zügen genießen.

Dann suchen wir nach einem Bed and Breakfast, denn Hotels gibt es hier keine. Aber nicht eines der angebotenen Häuser liegt direkt am Wasser, wie wir das gerne hätten.

Eine Vielzahl von Häusern wird zum Verkauf angeboten, schöne, alte Häuser, gut erhalten oder auch vernachlässigt, aber immer ist ein traumhafter Garten dabei, unter alten Olivenbäumen wie in Savannah, Kiefern, Tulpenbäumen und üppigen, blau blühenden Plumbago-Sträuchern uud gelben Alamandas.

Es geht zurück auf die Interstate 95. Wir fahren von South Carolina nach Florida. Bald nach dem Überfahren der Landesgrenze geht es über eine Brücke nach St. Augustin. Dieser Ort ist allen Golfspielern bekannt, dort steht die World Golf Hall of Fame, wo berühmte Golfer einen Ehrenplatz bekommen, und morgen wird – so steht es heute unter einem Foto von Arnold und Ike von 1960 in der Zeitung USA Today – Arnold Palmer den ehemaligen General des Zweiten Weltkriegs und US-Präsidenten Eisenhower, gestorben 1969, als ersten amerikanischen Präsidenten feierlich in die Hall of Fame aufnehmen, weil er das Golfspiel populär machte. Und mit ihm werden aufgenommen: der 1977 PGA-Championship-Winner Lanny Wadkins, der zweimalige Masters-Champion Jose Maria Olazabal und Christy O’Connor, der vierundzwanzigmal die European Tour gewonnen hat. Auch dessen Bruder Mark O’Connor, der in Cuxhaven, auf dem Golfplatz Hohe Klint, mein Golflehrer war, als wir 1985 in Osterbruch das Haus der verstorbenen Witwe Oellerich gekauft und renoviert hatten und unsere Sommer dort an der Nordsee verbrachten, was wir noch bis heute tun. Ich schlage auf diese Weise einen weiten Bogen um die alltäglichen Begebenheiten.

Wir lassen die World Golf Hall of Fame links liegen und fahren an den Strand, wo wir uns im Hampton Inn einbuchen. Direkt gegenüber finden wir ein Restaurant, in dem ich köstliche Jakobsmuscheln bekomme und Ekki ein saftiges, großes Steak. Ein Football Game läuft über mehrere Fernseher im Innenraum, dazu lautes Gejohle und schrille Musik. Bei offenen Fenstern kann man es draußen am Tisch gerade noch aushalten.

Dann ist Nachtruhe angesagt mit einschläferndem Meeresrauschen.

Am nächsten Morgen machen wir einen ausgiebigen Strandspaziergang. Die Küste entlang des Sandstrandes ist zugebaut mit eng aneinanderstehenden, privaten Ferienhäusern. Pelikane fliegen in Gruppen über die Gischt sprühenden Brandungswellen des Ozeans, Sandpiper und Möven laufen vor uns her. Der Himmel ist leicht bewölkt, es ist angenehm warm.

Und wieder sitzen wir im PT-Cruiser und fahren gen Süden. Ich rufe Diane an, damit sie uns eine Wegbeschreibung geben kann für ihr Haus in Stewart, aber es meldet sich niemand. Wahrscheinlich spielt sie Golf. Ein paar Minuten später tönt aus unserem neuen Cellular Phone, in Deutschland heißt es Handy, eine alberne Melodie und als ich es einschalte, ist Diane am Apparat und gibt mir die Anfahrtsbeschreibung. Ich pfeife für Ekki noch einmal die Telefonmelodie, die er während des Tankens nicht hören konnte und gebe ihm die Beschreibung weiter. Wir müssen in Stewart nur das Eingangstor zur bewachten Wohnanlage finden, in derBob und Diane ihr Haus haben.

Es geht zurück zur Interstate 95 South über eine Brücke. Florida wird immer grüner. Während sich schon in North Carolina langsam die herbstlichen Töne der Laubbäume verloren hatten, und sich in South Carolina die Vegetation langsam von Laubgehölzen zu Pinien wandelten, finden wir hier mehr Palmen, verblichene Sträucher und Grasflächen; der Himmel ist dazu grau.

Wir sind chon auf der Höhe von Orlando, als sich die Sonne endlich zeigt. Auf der Seeseite liegt Cape Canaveral, das wir 1994 besucht haben.

Stewart ist ein weit ausgebreitetes Stadtgebiet und dank Dianes Beschreibung gelingt es uns dann auch, das Eingangstor zu dem eingezäunten und bewachten Wohngebiet zu finden. Auf Anruf ist Diane bald zur Stelle und fährt uns voraus. Ein uniformierter Wachmann sitzt in seinem Häuschen am Tor und lässt nur hinein, wen er kennt beziehungsweise wer angemeldet ist. Ohne örtliche Einweisung könnte man das gesuchte Haus nicht finden. Es gibt keine Hausnummern oder Namen an den Häusern und der Stil der Bauweise ist mehr oder weniger derselbe. Alles passt, keiner tanzt aus der Reihe.

Wir werden von unseren Freunden, die wir beim Golfspielen auf Grand Bahama Island kennengelernt haben, herzlich empfangen und richten uns in einem gemütlichen Gästeschlafzimmer ein. Wir fühlen uns sofort wohl und entspannen uns alle im Pool am Haus, überdacht von einem kaum sichtbaren großen Netz gegen die Mücken im Sommer, wie das alle Häuser in der Anlage hier haben.

Der Garten ist bepflanzt mit Sträuchern, ein paar Laubbäumen und Palmen. Von einem halbkreisförmigen Sitzplatz, der vom Haus eingerahmt wird, blickt man über den Pool auf einen künstlich angelegten kleinen See, die Häuser und ihre Gärten auf der gegenüber liegenden Seite. Alles ist landschaftlich in einem einheitlichen Stil angelegt und wird von Gruppen von Gärtnern und ihren Gehilfen in einem festen Rhythmus gepflegt; die einen mähen nur die Rasenflächen, die anderen trimmen die Sträucher, die dritten säubern den Pool und versorgen das Wasser mit Chlor. Die Nachbarhäuser zu beiden Seiten sind baulich ähnlich von Blicken abgeschottet. Die Eigentümer der Häuser zahlen eine monatliche Unterhaltsgebühr. Sie sind angewiesen, keine Veränderungen an den Anlagen vorzunehmen.

Bei Diane stehen unter dem Mückendach an beiden Seiten Töpfe mit Plastikblumen, die nicht verblühen und immer proper aussehen – so wollen sie es auch haben. Das macht die Unterhaltung des Grundstücks sehr einfach. Mich stört dabei die Sterilität und Unfreiheit bei der Gartengestaltung. Die Entdeckung einer kleinen grünen Eidechse, die auf der Jagd nach Insekten über das Netz flitzt, versöhnt mich wieder. Und Diane, wohl wissend um unsere Interessen, hat sich Mühe gegeben und macht einen Vorschlag für unseren morgigen Vormittag, dem wir gerne folgen. Sie fährt mit uns zum nahe gelegenen Jonathan Dickinson State Park, der zu den Environmental Protection und Recreation Parks in Südflorida zählt.

Freeport / Grand Bahama Island im Winter 2009/2010: aus der Geschichte der Familie, Kindheit und Jugend in Liebenburg während des Zweiten Weltkriegs, der Ochse steht auf Vaters Fuß, Studium in Paris, großes Erdbeben auf Haiti.

Jonathan Dickinson war ein Quaker, dessen Schiff im Jahr 1696 nahe der Mündung des Loxahatchee Rivers strandete. Sein Buch God’s Protecting Providence berichtet von der Gefangennahme der Mannschaft durch die Jobe Indianer, die hier zu jener Zeit lebten, die Freilassung der Crew und deren Reise entlang der Küste nach St. Augustine. Wie es im Prospekt heißt, sind die Indianer bald darauf Opfer von Krieg und Krankheiten geworden.

Während des Zweiten Weltkriegs war auf dem jetzigen Gelände des Jonathan Dickinson State Park das Camp Murphy, ein unter strenger Geheimhaltung geführtes Ausbildungslager der Truppen für Radarbedienung, 6.600 Mann. Im Jahr 1960 wurde es aufgelöst und der Park gegründet. Wir treffen jetzt Captain Tom, den Fremdenführer, der uns und eine Handvoll amerikanischer Touristen auf seinem wendigen, kleinen Motorboot durch den Park mitnimmt und sich auf den Flussarmen des Loxahatchee gut auskennt. Er weiß, wo man die Chance hat Manatees zu beobachten und wo in dieser Sumpflandschaft die hohen, Jahrhunderte alten Zypressen stehen, in denen Seeadler nisten, Ospreys, die wir von Masuren Farms kennen. Die Vegetation auf dem 11.500 Acres großen Parkgelände ist in ihrer Ursprünglichkeit erhalten und wird geschützt. Neben den Zypressen wachsen Kiefern und Sabalpalmen, die auch Cabbagepalmen heißen; unter dem Dach dieser Bäume gedeiht eine biologische Vielfalt von Kiefernsträuchern des Küstenraums und gefährdete, vom Aussterben bedrohte Spezies wie der Gopher Frosch.

Flussaufwärts befindet sich der ehemalige Wohnplatz von Trapper Nelson, der im Jahr 1930 hierher kam und von dem Land um sich herum lebte. Zunächst verkaufte er Felle von Tieren, die er mit seinen Fallen gefangen hatte. Dann öffnete er seinen Trapper’s Jungle Gardens and Wildlife Zoo für die Öffentlichkeit und wurde berühmt als der Wildman of the Loxahatchee. Es gibt hier Rehwild, Waschbären, Bobcats (Luchse), Opossums, Alligatoren, Otter und dazu einhundertvierzig Vogelarten, zählt man die durchziehenden Arten mit.

Was wir heute zu sehen bekommen, beschränkt sich auf die Ospreys, von denen mehrere Paare auf den hohen Bäumen am Fluss nisten, einen Alligator, der vor uns ins dicht bewachsene Ufergebüsch flüchtet, eine Vielzahl von kleinen Vögeln, Schildkröten, die sich auf über dem Wasser hängenden Ästen sonnen, und die springenden Mullets, eine Fischart, die hier im Brackwasser lebt.

Auf dem Weg zurück führt unser Weg durch einen gut elf Kilometer langen Küstenstreifen, entlang großer, sehr gepflegter Villen mit großzügigen Gärten, wo etliche Golfer, wie Nick Price, Greg Norman und Tiger Woods ihre Häuser haben.

Wir haben heute 26 Grad Celsius und eine hohe Luftfeuchtigkeit, keine Lust und keine Zeit zum Kochen und besuchen mittags ein Fischrestaurant im Ort, das Bob und Diane kennen. Die Besitzerin ist eine steinalte Dame die, sorgfältig geschminkt und aufgemacht, lächelnd an der Kasse sitzt. Wir werden gut bedient und essen mit viel Appetit unseren Fisch.

Den Nachmittag verbringen wir am Haus unserer Freunde mit Gesprächen über ihre Eingewöhnung in die neue Umgebung in Florida. Ihre Sommer verbringen sie immer noch in Wisconsin, wo ihre Kinder und Enkelkinder in ihrer Nähe wohnen. Die Winter sind in Florida bequemer und viel preiswerter als auf den Bahamas, wo man auch mehr improvisieren muss. Man bekommt auf den Bahamas nicht so leicht, was man braucht und die Lebenshaltungskosten sind höher, vor allem wenn man, wie Bob und Diane, täglich ein- oder zweimal zum Essen ins Restaurant gehen will.

Bob hat von unseren gemeinsamen kanadischen Freunden schon gehört, dass der Tourismus auf Grand Bahama Island langsam einschläft, die Insel leidet mehr und mehr unter der Rezession.

Der schöne Lucayan Golfplatz und der Reefcourse sind ungepflegt aber weiterhin sehr teuer. Der Rubycourse wurde wiedereröffnet und Fortune Hills Golf Course ist ursprünglich und hat die familiäre Atmosphäre wie seit vielen Jahren.

Am Abend werden wir wieder in ein Restaurant geführt, ich wähle noch einmal Fisch und das Essen ist ausgezeichnet. Wieder im Haus unserer Freunde angelangt, stelle ich fest, dass die Klima-Anlage im Haus auf 18 Grad Celsius eingestellt ist und dass es keinen Sinn hat zu versuchen, über Nacht ein Fenster des Schlafzimmers zu öffnen; die warme, feuchte Luft, die hereinströmt, macht das Einschlafen unmöglich. Außerdem ist das Fenster so dekoriert, dass die Gefahr besteht, beim Öffnen der Fensterflügel die aufwendigen Gardinendekorationen abzureißen.

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns schon zu früher Stunde von unseren Freunden, die sich zum Golfspielen aufmachen. Wir begeben uns auf den Weg nach Fort Lauderdale zu G & G Shipping, um das Auto auf die Insel zu schicken. Das wird dann allerdings ein schier unlösbar scheinendes Unterfangen und kostet uns mehr als zwei Stunden Zeit. Eine Stunde verbringen wir allein vor einem kleinen Bürocontainer im Hafen, in brütender Hitze, mit Blick auf das Wasser und fabrikneue Riesenjachten, inmitten des Betriebs großer Trucks mit Containern.

Während Ekki in dem Bürocontainer versucht einen ungehobelten Schwarzen mit den Autopapieren für die Verschiffung zu versorgen, habe ich im Auto sitzend das Spektakel des Hafenbetriebs vor mir. Auf der gegenüberliegenden riesigen Jacht turnt ein geschickter, schwindelfreier Mann mit Eimer, Schrubber und Lappen über alle möglichen Bootsteile und putzt den Staub von den blanken weißen Oberflächen.

Dann müssen wir wieder zurück zum Hauptgebäude, mehr als zwei Kilometer entfernt, und warten auf das Taxi, das uns hier nicht findet. Der Haitianer, der uns schließlich fährt, klemmt unsere Koffer mit aller Macht in den verzogenen Kofferraum, denn, wie wir gerade erfahren haben, muss unser Auto vollkommen ausgeräumt werden – eine neue Vorschrift – und so verschicken wir dann das ganze Gepäck, bis auf unser rollendes Handgepäck, separat mit G & G Shipping nach Freeport.

Das dauert wieder eine Ewigkeit. Ich sitze in dem Taxi, Ekki erledigt die Papiere, die Temperatur steigt, die Klimaanlage läuft und unsere Zeit bis zum Abflug des kleinen Flugzeugs vom benachbarten Flughafen schwindet. Als der Haitianer erfährt, dass wir aus Deutschland kommen, will er mehr über das Land wissen. Er kann kaum glauben, dass das Land kleiner sein soll als der Bundesstaat Texas. Während wir uns unterhalten, ruft zum wiederholten Mal sein nächster Kunde an, der in Fort Lauderdale an irgendeiner Straßenecke dringend auf ihn wartet. Und zum wiederholten Mal bestätigt der Haitianer ihm, dass er unterwegs sei und es keine zehn Minuten mehr dauern würde, bis er zur Stelle wäre. Anschließend entschuldigt er sich bei mir für die Unterbrechung unseres Gesprächs. Wir unterhalten uns weiter, dies Mal über Grand Bahama Island. Er erfährt von mir, dass auf den Inseln eine große Zahl von Haitianern lebt, die gerne eine Arbeitstelle hätten, von denen es aber leider nicht genügend gibt. Sie sind bekannt für ihren Fleiß und schon deshalb eine große Konkurrenz für die Bahamesen.

Dann kommt Ekki endlich aus dem Büro und es ist jetzt fünfundvierzig Minuten vor Abflug unserer Maschine nach Freeport. Wir schaffen es tatsächlich noch einzuchecken, einschließlich Schuhe aus- und wieder anziehen. Die Dame von Continental Airlines will auch noch unsere Rückfahrtkarte sehen und dann sitzen wir endlich in der nur zwanzig Personen fassenden Maschine, die zur Hälfte besetzt ist, und verlassen Fort Lauderdale.

Es ist ein angenehmer Flug, der Kapitän hat jeden Passagier höchstpersönlich begrüßt, die Tür zum Cockpit bleibt geöffnet und nach einer guten halben Stunde drehen wir nach Freeport ein.

Wir landen in der schwülen Hitze und unser Freund Rudi wartet schon auf uns. Vivia hat die Wohnung vorbereitet, Fenster und Balkontüren sind leicht auf Durchzug geöffnet und es ist so warm, dass wir uns entschließen die Klimaanlage anzumachen und alle Fenster zu schließen.

Gegen Abend bekommen wir einen heftigen Gewitterguss und nachts wetterleuchtet und regnet es weiter.

Morgens dann hat sich die Luft auf 24 Grad heruntergekühlt; herrlich, um einen Strandspaziergang zu machen und ins Meer einzutauchen, auch wenn es wieder anfängt zu regnen. Das Wasser ist so warm, wir fühlen uns an Majas Hot Pot in Island erinnert. Wir genießen die kühle Luft und den Regen auf der Haut. Wie glücklich sind wir, wieder hier zu Hause zu sein.

Der Garten um Silver Point Condominium hat sich über den vergangenen Sommer prächtig entwickelt und ich gehe neugierig die ganze Anlage begutachten. Was Jane und ich, wir sind das Garden Committee, im vergangenen Winter und Frühjahr hier gepflanzt und neu angelegt haben, rundet die bisherige Bepflanzung ab: die beiden Geiger-Bäume, die ich noch einen Tag vor Abreise von Erika bekam, die Bismarckpalmen mit ihren bläulichen großen Blättern, das Kupferblatt, die Cocoplums, heimische Sträucher, die uns als Windbrecher zum Schutz von Wind- und Salzluft empfindlichen Pflanzen dienen, Spider Lilys, Bougainvilleas, Hibiskus, Strandlavendel, Oysterplants, Lantanas, Pipecactus, Ingwer, Oleander in Gelb, Rosa und der bahamesischen Variante Knallrot, Jasmin, Farn, Ixoras, Agaven, Rosmarin, Salbei, Lemongrass, Scheffleras, Crown of Thorns, gelbe Lilien, Sweet Potatoes mit ihren zarten Blüten, Papayabäume, einen Orangen- und einen Grapefruitbaum, Seagrape-Sträucher und -bäume, Aloes, Frangipanis von Martha, meiner Yogalehrerin, und viele selbst gezogene Kokos- und Androsiapalmen. Dieser Garten hat deutlich die öde, sterile Langeweile einer trockenen Rasenfläche verloren.

Die Nachricht vom unfreiwilligen Wegzug unseres haitianischen Gärtners Henry ist bitter. Ein Angestellter des Hauses soll ihn bei der Immigration gemeldet haben und dann wurde er mit seiner Familie, einer Frau und drei kleinen Kindern, ausgeflogen nach Haiti, weil er als illegaler Flüchtling keine Arbeitserlaubnis bekam. Silver Point hatte seine Papiere bereits beantragt und entsprechende Gebühren bezahlt, aber eine Aufenthaltsgenehmigung wurde trotzdem abgelehnt, obwohl das dritte Kind hier im Krankenhaus geboren war. Wer weiß, was aus den armen Leuten im Elend von Haiti wird. Ich habe die Armbanduhr, die sich Henry gewünscht hat, noch in meiner Hand, und jetzt stehe ich hier, ratlos und enttäuscht. Es gibt einen neuen Gärtner, wieder ein Haitianer, Joseph, er soll über siebzig Jahre alt sein und hat gültige Papiere. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Joseph soll nur in der Übergangszeit hier arbeiten, bis man einen jüngeren Haitianer mit gültigen Papieren findet. Wir werden wieder von vorne anfangen und ihn einarbeiten, Jane und ich. Jane kommt aus Toronto in Kanada und ist Innenarchitektin; ich bin froh, dass sie dabei ist.

In unserer Wohnung bekämpfe ich erst einmal wieder die Ameisen. Sie sind auf der Terrasse und auch in meinem Badezimmer, dabei wohnen wir im achten Stockwerk direkt unter dem Dach. Da ich letztes Frühjahr bei unserer Ankunft einen allergischen Schock durch zahlreiche Ameisenstiche erlitten habe, bin ich dieses Mal auf der Hut. Ich tröpfele das zuckerhaltige, klebrige Gift überall dorthin, wo sie ihre Straßen angelegt haben, und stelle fest, wo sie herkommen. Ich bemühe mich, nicht aus Versehen dorthin zu treten, ziehe mir sogar Schuhe an zur Vorsicht, schließlich will ich nicht noch einmal riskieren, von diesen kleinen Plagegeistern in eine Ohnmacht geschickt zu werden, sodass Ekki die Ambulanz rufen muss. Karl, unser lieber Freund vom Osten der Insel und ein pensionierter Internist, kam uns letztes Jahr zu Hilfe und dann ging es mir auch bald wieder gut, ohne dass ich das Krankenhaus aufsuchen musste.

Die Pflanzen auf unseren Terrassen sind so üppig wie nie zuvor. Die Desert Roses blühen in leuchtendem Rot und Weiß mit rotem Rand. Die Pipecactus-Töpfe haben sich verzweigt, die Spider Lilys und die gelben, kleinen Lilien haben sich vermehrt, Jade-Pflanzen mit ihren kleinen, glänzenden jadegrünen Blättern sind kräftig gewachsen; Elefantenohren, Schwiegermutterblätter, Bromelien, Agaven, Aloes, Oysterpflanzen und Kakteen haben sich gut entwickelt, nur das afrikanische Gras verträgt offenbar die Salzluft nicht. Am Wochenende werde ich aufräumen, die Pflanzen von trockenen Blättern befreien und mit Ekkis Hilfe wieder aus der geschützten Nordwand an ihre angestammten Plätze zurücksetzen.

Mittags grillen wir uns ein kräftiges Steak, dazu gibt es Brokkoli nach Art von Michel Montignac. Dazu trinken wir einen Schluck Frascati aus Italien von Fontana Candida, importiert nach USA von Brown/Forman Beverages aus Louisville, Kentucky. Wie kurios, dass dieser Wein hier auf den Bahamas gelandet ist; wir haben ihn nicht mitgebracht.

Während des Essens auf der Sonnenterrasse mit Blick über den Garten, den Strand und das Meer fällt mir auf, dass die Bougainvilleas, die Jane und ich an der Hecke entlang gepflanzt hatten, fehlen. Wir können nur Vermutungen anstellen, wie das passiert ist. Und da landen wir bei dem ehemaligen Gärtner, der Pflanzen und allerlei Utensilien mitgenommen hat. Auch hat er mir Kokospalmen angeboten, nachdem sie hier über Nacht ausgegraben worden waren, aber ohne Erfolg. Seitdem er nicht mehr Gärtner, sondern Security-Mann ist und Nachtdienst hat, häufen sich diese Fälle von Pflanzenraub leider. Wir werden ihn nicht feuern; es dauert ja nicht mehr lange, dann geht er in Rente.

Wir kommen in unserem Gespräch auf Seeräuber und Schmuggler und dann sind wir bei der Integration der unterschiedlichen Nationalitäten in Deutschland angelangt. Ekki hat gerade einen Bericht im Spiegel gelesen, wo die Russlanddeutschen, die Balkandeutschen und die Vietnamesen sehr gut fähig sind, sich schnell zu integrieren, im Gegensatz zu Türken streng islamischer Prägung. Die erste Gruppe sucht und findet im Land eine gute Ausbildung und lebt friedlich, die zweite bleibt zum großen Teil der Bildung fern, einzelne suchen über den Bildungsgang Kontakt zum internationalen Terrorismus. Es ist eine so genannte unabhängige Studie, die bestätigt, was Oriana Fallaci in ihrem Buch Die Wut und der Stolz schrieb. Das war im Jahr 2001 nach dem verheerenden Anschlag auf das World Trade Center in New York am elften September. Dieser unglaubliche Anschlag auf unschuldige Menschen ist noch immer in unserem Bewusstsein wach und verfolgt uns bis auf unsere friedliche Insel. Wir sind hier nicht weit entfernt vom Schauplatz des Grauens und sofort kommen mir wieder die Bilder vor Augen, als ich in Starkenhofen vor dem Fernseher saß und völlig fassungslos das erste Flugzeug in das Gebäude fliegen sah, dann traf das zweite Flugzeug den anderen Turm.

Wie gelähmt habe ich da gesessen, den Bericht angehört, den Rauch aufsteigen, die Menschen aus den Fenstern springen sehen, den Anflug aufs Pentagon in Bildern miterlebt. Es wurde von einem vierten Flugzeug berichtet, von dem man vermutete, das es das Weiße Haus treffen sollte, das dann aber auf dem Weg nach Los Angeles, verunglückte, obwohl eine Anzahl von Passagieren versucht hatte, die Entführer zu überwältigen. Es waren mehr als 3.000 Menschen, die an diesem Tag getötet wurden. Die Bilder von den verstörten Menschen, die in New York an der Unglücksstelle umherirrten, Haut, Haare und ihre Kleidung bedeckt von einer dicken grauen Ascheschicht, werde ich nie vergessen. Und die Welt hat sich verändert seitdem. Man merkt es deutlich.

Niemals zuvor habe ich einen dicken Haitianer gesehen. Baby Doc Duvalier, der letzte Diktator der Insel, war da eine Ausnahme. Dagegen finden sich unter den Bahamesen, ähnlich wie in den USA, extreme Beispiele von Fettsucht. Haitianer, auch hier auf der Insel, sind in der Regel schlank und bewegen sich viel, Haiti leidet unter Nahrungsmangel und es gibt dort auch kein Fast Food. Joseph, unser Gärtner, ist vor gut 20 Jahren aus Haiti geflüchtet. Er arbeitete ohne Pause fleißig vor sich hin. Auf der Karibikinsel Hispaniola, die Haiti und die Dominikanische Republik sich teilen, leben die Menschen