Lebensabenteuer - Horn Margot - E-Book

Lebensabenteuer E-Book

Horn Margot

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Beschreibung

Wenn einer eine Reise tut... Wie viel es zu erzählen gibt, wenn es sich um jede Menge Reisen handelt, erfahren wir in dieser Sammlung von Kurzgeschichten. Sie führt uns von London bis Budapest, von St. Petersburg bis ans Rote Meer, von Thüringen nach Südfrankreich und noch weiter. Die Spannung kommt dabei nicht zu kurz, denn in manchen der Geschichten geht es auch kriminell oder sexy zu, wie schon der Titel des Buches verrät.

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Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Lebensabenteuer

Kriminell, sexy, spannend, aufregend und echt

von

Margot Horn

Impressum

Texte: Margot Horn

Textbearbeitung und Layout: Bruno Moebius

Cover: Karina Pfolz

Coverfoto: Karina Pfolz

Herausgeber: © 2021, ModernLinePublishing, Wien

ISBN: 9783985229505

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Verlage unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Ereignissen oder Namen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt, Autor und Verlag lehnen hierfür jegliche Haftung ab.

Mein Bruder

Kristin stand am Fenster im Wohnzimmer und schaute durch die Gardine auf die Straße. Arnold sollte längst hier sein, dachte sie. Plötzlich sah sie, wie zwei Männer aneinandergerieten. Sie befanden sich außerhalb des Lichtkegels der Straßenlampe. Kristin konnte nicht viel erkennen und schaute sich nach ihrem Handy um. Sollte sie versuchen, die Polizei oder einen Krankenwagen zu rufen? Sie drehte sich wieder zum Fenster um. Durch die Gardine sah sie, wie einer der Männer dem anderen das Knie gegen den Unterleib stieß und mit der Faust gegen den Brustkorb schlug. Der getroffene Mann krümmte sich und lief gebückt in die Dunkelheit. Der andere Mann schaute an der Hausfassade hoch. Kristin erschrak und trat vom Fenster zurück.

Sie ging ins Schlafzimmer nebenan. Dort brannte kein Licht. Sie trat dicht hinter die Gardine und schaute wieder neugierig auf die Straße. Der zweite Mann schlenderte langsam davon. Kristin wollte sich umdrehen und ins Wohnzimmer zurückgehen, als ihr Blick an einem Liebespaar hängen blieb. Zwei Häuser weiter links stand das Pärchen unter einer Laterne und küsste sich. Aber dabei blieb es nicht. Die Liebenden kümmerten sich nicht um den Lichtkegel oder ob Passanten in der Nähe waren, sie küssten einander hemmungslos. Im Lichtschein konnte Kristin alle Bewegungen gut erkennen und sie war total aufgewühlt. Zuerst die handgreifliche Auseinandersetzung der beiden Männer und nun diese Intimitäten. Der Mann griff in die Jacke der Frau, auch unter den Rock, was ihr offensichtlich gut gefiel. Was soll das werden, dachte Kristin. Es war niemand auf der Straße – trotzdem, es würde sich doch ein dunkler Hauseingang finden lassen.

Der Mann drückte die junge Frau gegen den Laternenmast und bewegte sich erregt. Kristin schüttelte den Kopf und sagte sich: ›Das ist nicht mein Milieu.‹ Sie ging ins Wohnzimmer zurück und griff zum Telefon. Sie wählte Arnolds Nummer, aber er war wohl nicht zu Hause. Nun braucht er auch nicht mehr zu kommen, dachte sie. Es war 22 Uhr und sie ging ins Bad.

Einige Tage später rief Arnold an. Er entschuldigte sich für die verpasste Verabredung und sagte, dass ein langweiliges Geschäftsessen dazwischengekommen sei. Er machte Kristin Komplimente und wollte am Freitag zum Abendessen kommen. Kristin willigte ein, sie hatte nichts Besseres vor. In Gedanken ging sie diese Beziehung von Beginn an durch und kam wieder zu dem Schluss, dass dieses Verhältnis keine Zukunft hatte. Arnold war sehr fürsorglich, aber sie wollte keinen Freund, sondern sehnte sich nach einer Beziehung. Arnold gefiel ihr nach einigen anderen Beziehungen ausnehmend gut, aber mehr war da nicht. Warum berührt er mich nicht? Warum küsst er mich nicht oder macht ganz einfach Sachen, die alle Männer machen.

Am anderen Morgen im Büro sahen zwei befreundete Kollegen einander hasserfüllt an. »Ich habe dich gewarnt«, sagte Arnold. Fred schaute auf das Telefon, welches klingelte, und nahm den Hörer ab.

Die beiden Männer arbeiteten seit einigen Jahren gemeinsam in diesem großen Außenhandelsunternehmen und hatten zusammen so manchen Abend in Bars verbracht. Doch nun stand eine Frau zwischen ihnen – Kristin. Fred hatte Arnold und Kristin zufällig in der Stadt gesehen. Als er sich vor einigen Wochen nach Arnolds Begleiterin erkundigte, reagierte Arnold unerwartet schroff und abweisend. Dieses Verhalten hatte Fred nicht erwartet. Die Neugier war angefacht und Fred versuchte, etwas über Kristin zu erfahren. Er ging Arnold eines Tages nach, als er wieder einmal einen Barbesuch ablehnte. So sah er, in welchem Haus Arnold verschwunden war. Am gestrigen Abend wartete Fred vor dem Haus, in dem Kristin wohnen sollte, bzw. er vermutete das. Aber er wusste den Nachnamen nicht und konnte deshalb nicht klingeln. So wartete er etwa eine halbe Stunde. Dann trat Arnold wütend vor Fred und machte ihm Vorwürfe. »Du kannst mit anderen Frauen deine Spielchen treiben. Deine hinterhältige Art mit diversen Hilfsmitteln wie KO-Tropfen hat mich schon betroffen gemacht, aber mit Kristin machst du das nicht«, zischte Arnold.

Fred war verunsichert und fragte: »Woher weißt du das? Ich habe es nur bei der arroganten Karin versucht. Hast du mit ihr gesprochen?«

»Ja, Karin hat sich mir anvertraut«, nickte Arnold.

»Deshalb hat sie keine Zeit für mich, du hast sie mir ausgespannt. Nun spielst du den Hofhund für Kristin«, schnaubte Fred wütend.

»Verschwinde und lass dich hier nicht wieder blicken!«, meinte Arnold scharf und trat einen Schritt auf Fred zu. Dieser ließ sich nicht einschüchtern und es kam zum beleidigenden Wortwechsel. Die folgende Auseinandersetzung hatte Kristin beobachtet, ohne Arnold zu erkennen.

Fred legte den Telefonhörer auf und schaute zu Arnold auf, der vor dem Schreibtisch stand. Ernst meinte Fred: »Kristin ist eine besondere Frau mit einer sehr sympathischen Ausstrahlung. Hast du ernsthafte Absichten? Ich glaube, ich habe mich auf den ersten Blick verliebt.«

Arnold war überrascht. Diese Aussage hatte er nicht erwartet.

»Halte dich zurück, ich warne dich«, sagte er ernst und ging zu seinem Schreibtisch.

Vor einigen Monaten hatte Arnold Post von einem Notar aus Norddeutschland erhalten. Seine Mutter war verstorben. Arnold schluckte, als er den Brief gelesen hatte. Er hatte seine Mutter vor etwa zehn Jahren zuletzt gesehen. Seit sie einen Beamten als Lebensgefährten in sein Elternhaus einziehen ließ, blieb Arnold weg. Er konnte den sturen Typen in seinem festgefahrenen Weltbild nicht verstehen. Seine liebe Mutter hatte ein großes Herz und kümmerte sich um eine junge Mutter, wo sie als ›Kindermädchen‹ aushalf. Einem Witwer in der Nachbarschaft backte sie hin und wieder einen Kuchen. Die Nachbarn in der kleinen Gemeinde schätzten und achteten seine Mutter. Arnold war der Meinung, dass sich das mit dem Einzug dieses Mannes geändert hätte. Er hatte den Brief mehrfach gelesen und konnte das Gelesene nicht fassen. Der Anwalt schrieb, dass er seine ältere Schwester suchen solle. Er solle sich zur Testamentseröffnung melden, wenn er seine Schwester gefunden habe. Das konnte nicht sein. Hier musste eine Verwechslung vorliegen. Arnold war mit seinen Eltern immer allein in dem riedgedeckten Haus mit dem großen Garten. Sein Vater war verheiratet, bevor er seine Mutter heiratete. Seine junge Frau war mit dem Baby durch einen Unfall ums Leben gekommen. Das Baby war ein Junge. Wie sollte er nun eine Schwester haben. Nie gab es einen Hinweis von seiner Mutter. Arnold wurde von dieser Nachricht kalt erwischt. Er trauerte um die liebe Mutter, wunderte sich aber über die Bitte, seine Schwester zu suchen.

In den folgenden Wochen litt Arnold sehr und machte sich Vorwürfe, dass er sich mit seiner Mutter nicht mehr aussprechen konnte. Er machte sich Vorwürfe, weil er jahrelang nicht nach der Mutter gesehen hatte. Wie war es ihr all die Jahre ergangen? Hätte sie sich über Post oder den Besuch ihres Sohnes gefreut? Da war ein neues Gefühl. Er sollte eine ältere Schwester haben und dies machte ihn neugierig. Ihr Name sei Kristin Pahlke. Sie hätte nach dem Abitur ein Studium begonnen. Die Mutter schrieb im beiliegenden Brief, der sechs Jahre zuvor geschrieben worden war, dass Kristin Schauspielerin werden wollte oder in diesem Umfeld einen Beruf ergriffen haben könnte. Kein Wort über den Vater von Kristin. Arnold grübelte. War die Kristin, die er am Stadttheater gefunden hatte, seine Schwester? Sie hatte mit ihrer umgänglichen und sympathischen Art sofort Arnolds Herz erobert. Aber er sah Karins Gesicht vor seinem geistigen Auge und war mit sich im Reinen: Er liebte Karin!

Arnold dachte an Freds Worte, dass Karin arrogant sei. Sie war angenehm zurückhaltend, aber wenn sie allein waren, wurde Karin zum Vulkan. Arnold war zufrieden. Nun musste er sich überlegen, wie er Kristin beibringen sollte, dass sie angeblich Geschwister waren. Arnold glaubte alles über Kristin zu wissen und war sich sicher, dass sie seine Schwester war. Allerdings hatte Arnold sich anfangs gewundert, dass sie nur von ihrem Vater gesprochen hatte. Kristin war der Meinung, dass sie bei ihrem Vater und ohne Mutter aufgewachsen sei.

Am Freitagabend hatte Karin geschmollt, als Arnold sagte, dass er noch etwas erledigen müsse. Er wollte spätestens um 22 Uhr wieder zu Hause sein.

Kurz vor 20 Uhr klingelte Fred bei Arnold. Er wollte seinen Kollegen auf ein Bier einladen. Es tat ihm leid, dass die Freundschaft einen Knacks erhalten hatte – und das durch Weibergeschichten. Karin öffnete die Korridortür und stutzte. Das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand und kurz angebunden sagte sie: »Du? Was willst du?«

»Darf ich kurz reinkommen? Ich möchte mit Arnold sprechen.«

»Arnold ist nicht hier!« Damit schloss sie die Tür und ging verärgert in die Küche. Mit einem Glas Wein ging sie ins Wohnzimmer zurück. Was wäre passiert, wenn sich damals Arnold nicht eingemischt hätte. Diese und weitere Fragen stellte sich Karin und war Arnold sehr dankbar. Plötzlich freute sie sich auf Arnold und hoffte, dass er nicht zu spät nach Hause käme. Sie war aber auch neugierig, was Arnold wohl am Freitagabend zu erledigen hatte.

Arnold klingelte bei Kristin. Sie drückte auf den Summer und öffnete die Korridortür. Sie strahlte Arnold an und bat ihn in die Wohnung. »Ich habe eine Kleinigkeit zum Abendbrot zubereitet. Geh schon ins Wohnzimmer, ich komme gleich«, sagte Kristin.

Arnold überlegte, ob er das Essen ablehnen und gleich zum Thema kommen sollte. Er trat ins Wohnzimmer und nahm an dem gedeckten Tisch Platz. Er überlegte, wie er das Gespräch beginnen sollte. Kristin kam ins Wohnzimmer und stellte einen Holzteller mit Schnittchen auf den Tisch. Arnold gab sich einen Ruck.

»Antworte bitte ehrlich, ich habe den Eindruck, du bist etwas verliebt in mich?«

Kristin räumte noch einige Teller und Gläser auf den Tisch und schämte sich offensichtlich, als sie antwortete: »Bin ich so leicht zu durchschauen? Du bist mir tatsächlich sehr sympathisch, aber da ist noch mehr.« Sie schaute Arnold in die Augen und wartete auf seine Antwort. »Kristin, ich habe seit einigen Monaten eine Freundin und ich bin mit Karin sehr glücklich. Aber da ist noch mehr, wie du so treffend sagtest. Ich habe dich gesucht.«

Enttäuscht, aber auch neugierig, wartete Kristin auf Arnolds weitere Erklärung.

»Ich bekam vor einiger Zeit den Auftrag, dich zu suchen. Ein Anwalt erwartet uns zur Testamentseröffnung. Unsere Mutter ist gestorben.«

»Unsere Mutter? Was soll das bedeuten?« Kristin war nun vollends durcheinander. Sie unterstellte Arnold Lügen, um sich von ihr zu trennen. Warum hatte er von Freundschaft und Vertrauen gesprochen, wenn es doch eine andere gab? Giftig fragte sie Arnold: »Hattest du wegen Karin keine Zeit? Ich habe einige Male vergebens auf dich gewartet.«

Arnold sah ihr fest in die Augen: »Nein, ich habe recherchiert und war mir nicht sicher, ob du meine Schwester bist. Du hast auf meine Fragen nach deiner Mutter nicht geantwortet. Meine Mutter hatte ein Haus in Ostfriesland. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod; mein Vater starb vor zehn Jahren. Du bist in Hannover geboren, wie du sagtest, und deine Mutter hattest du nie kennengelernt. Wie soll ich da eine Brücke schlagen? Andererseits stimmen deine berufliche Laufbahn und Beschreibungen.« Arnold lehnte sich abwartend zurück. Es tat sehr weh, von Kristin so missverstanden zu werden. Diese Unterstellungen von ihr klangen wie eine Eifersuchtsszene. Milder gestimmt fragte sie zaghaft: »Kann ich den Brief lesen?«

Arnold griff in die Brusttasche und reichte ihr wortlos den Brief vom Anwalt. Den Brief seiner Mutter hatte er zu Hause vergessen. Kopfschüttelnd gab sie den Brief zurück und sagte: »Na, kleiner Bruder, was hast du nun geplant? Ich denke, wir sollten nach Friesland fahren und uns anhören, was man uns sagen will.« Arnold nickte und stand auf, um zu gehen. Kristin sah zu Arnold auf und sagte: »Ich kann doch meinen kleinen Bruder nicht mit leerem Magen gehen lassen. Komm, setz dich wieder.« Kristin schenkte Tee in die Gläser und begann zu essen. Ihre Blicke hingen an Arnolds Gesicht. Die Augen sind es nicht. Das Grübchen im Kinn hat ihr Vater nicht und auch Kristin nicht. Ebenso sind die Haare sehr unterschiedlich. Arnold hat kastanienbraunes, welliges Haar. Ihr Vater und sie haben feines, glattes Haar. Kristin kam mit ihren Gedanken nicht weiter. Sie müsste ihren Vater fragen, wie ihre Mutter ausgesehen hat. Arnold hatte schweigend aber mit Appetit gegessen.

»Nun kann ich also als kleiner Bruder meiner großen Schwester das Haus unserer Mutter zeigen«, sagte er.

Kristin lachte und fragte: »Wann soll es losgehen? Sind zwei Tage genug? Ich muss Urlaub einreichen.«

»Rufe mich morgen an. Ich vereinbare einen Termin mit dem Anwalt und sage dir Bescheid.« Wenig später verabschiedete er sich von seiner Schwester.

Als er noch vor 22:00 Uhr nach Hause kam, freute sich Karin und schmiegte sich an Arnold. Im Wohnzimmer standen Weingläser bereit und die Rotweinflasche war geöffnet. Arnold schenkte Wein ein und ging mit den Gläsern zu Karin, die es sich mittlerweile auf der Couch bequem gemacht hatte.

»Demnächst muss ich dir meine große Schwester vorstellen.«

»Wie bitte? Du hast nie von einer Schwester gesprochen.«

Nun erzählte Arnold die ganze Geschichte. Karin war erleichtert, weil sie spürte, dass die Sache, die Arnold zu schaffen gemacht hatte, kein anderes Verhältnis war, sondern seine Schwester.

Am anderen Morgen klingelte auf Arnolds Schreibtisch das Telefon. Arnold war in einer Besprechung, deshalb nahm Fred den Hörer ab und meldete sich. Eine Frauenstimme sagte: »Hier ist Kristin Pahlke. Ich möchte Arnold sprechen.«

Fred antwortete: »Arnold ist in einer Besprechung, Frau Pahlke. Soll ich etwas ausrichten?«

Kristin sagte ihm, dass sie sich später nochmals melden wollte, und legte auf. Bei Fred schlug es ein wie eine Bombe. Nun kannte er ihren Namen. Sie hat auch eine sehr angenehme Stimme, dachte er. Schade, es sind noch einige Stunden bis zum Feierabend. Er wusste, was er nach Dienstschluss machen musste.

Kristin packte ihre Einkäufe aus. Sie war gerade nach Hause gekommen, als es klingelte. Sie ging neugierig zur Tür, denn mit Arnold war sie erst für morgen Abend verabredet. »Ja, bitte?«

Fred hatte zwei Stufen mit einem Mal genommen und war außer Atem. »Ich bin Arnolds Kollege Fred, wir haben am Vormittag zusammen telefoniert.«

»Ach, Sie sind das. Ist etwas mit Arnold?«, fragte sie besorgt. Sie erkannte die sympathische Stimme wieder, von der sie am Vormittag beeindruckt gewesen war. Der Mann war ein anderer Typ als Arnold, aber der Funke sprang sofort über. Kristin war neugierig und bat den Fremden herein. Sie fragte: »Sollen Sie mir etwas von Arnold ausrichten? Wird es morgen nichts mit unserer Reise nach Friesland?«

Wütend brach es aus Fred heraus: »Dieser Mistkerl, er spannte mir meine Freundin vor einiger Zeit aus, sie wohnt schon bei ihm. Nun will er mit Ihnen in Urlaub fahren. Ich will Sie vor Arnold warnen, er nimmt es mit den Frauen wohl nicht so ernst …« Kristin unterbrach seinen Redeschwall und wollte ihr Verhältnis zu Arnold aufklären, aber dazu kam es nicht. Fred sprach weiter: »Sie sind eine tolle Frau und ich habe Sie schon einige Male mit Arnold gesehen, wenn eigentlich unser Barabend stattfinden sollte. So einen Mann haben Sie nicht verdient. Außerdem kann ich nur noch an Sie denken, seit ich Sie das erste Mal gesehen habe. Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Aber wir sind in einem Alter, wo man nicht mehr Süßholz raspelt. Ich wollte Ihnen eine Enttäuschung ersparen, falls Sie den Mistkerl lieben.« Er deutete eine Verbeugung an und ging einen Schritt in Richtung Tür. Kristin hatte plötzlich gute Laune und freute sich über die Begegnung. Der Mann gefiel ihr. Lächelnd sah sie Fred an und sagte: »Bitte kommen Sie ins Wohnzimmer und nehmen Sie Platz, ich komme gleich.« In der Küche räumte sie nur das Wichtigste in den Kühlschrank, der Rest konnte warten. Mit zwei Flaschen Bier und zwei Gläsern ging sie ins Wohnzimmer und setzte sich in einen Sessel.

Fred schenkte ihr ein und fragte vorsichtig: »Sie sind mir nicht böse?« Noch immer lächelnd meinte Kristin: »Ich trinke gern ein Bier mit Ihnen.« Schmunzelnd fragte sie Fred über seinen Freund und Kollegen aus. So erfuhr sie von einem Außenstehenden einiges über Arnold. Da Fred die Hintergründe nicht kannte, sagte er ehrlich seine Meinung über Arnold, der nicht immer gut dabei wegkam. Nach einiger Zeit lachte Kristin Fred offen an und sagte: »Nun haben wir uns ausreichend über meinen Bruder unterhalten. Sprechen wir doch lieber über uns.« Als sie Freds entsetztes Gesicht sah und seine Unsicherheit spürte, tat er ihr leid. Es wurde noch ein harmonischer Abend für die beiden – eben Liebe auf den ersten Blick.

Arnold fuhr mit seiner Schwester wie abgesprochen nach Friesland zum Rechtsanwalt. Er hoffte, dass er den Schlüssel für das Haus seiner verstorbenen Eltern besaß, damit die Geschwister dort übernachten konnten. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, Hotelzimmer zu buchen. Aber hier irrte er sich. Der Rechtsanwalt sagte den beiden, dass der Lebensgefährte dort wohne und auf sie warte. Zerknirscht und schweigsam fuhren sie zum Elternhaus von Arnold. Es war schon nach 21 Uhr, als Arnold klingelte. Im Korridor ging das Licht an. Wie es Arnold befürchtet hatte, so kam es: Der Beamte, wie er den Lebensgefährten seiner Mutter nannte, öffnete die Tür. Plötzlich schrie Kristin: »Papa, Papa, was machst du denn hier?« Sie umarmte den alten Mann herzlich und er freute sich ebenso herzlich und hielt seine Tochter bei den Händen. Er hatte feuchte Augen und konnte nicht sofort sprechen. »Kommt herein ihr beiden. Ich habe viel zu erzählen.«

So erfuhren Arnold und Kristin die Geschichte der Mutter und Kristins Vater, wovon die Geschwister bisher keine Ahnung hatten.

»Arnolds Mutter war noch keine achtzehn Jahre alt, als ich ihr in Hannover begegnete. Es war Liebe auf den ersten Blick. Nach einigen Monaten wurde eure Mutter schwanger. Es war nicht einfach für ein siebzehnjähriges Mädchen in den 1960er Jahren. Die Eltern wohnten auf einem kleinen Dorf in Friesland und die Leute würden reden. Arnolds Mutter vertraute sich ihrer Mutter in einem Brief an. Diese verlangte, dass sie bis zur Entbindung in Hannover in der Ausbildung bleiben und das Baby sofort zur Adoption freigeben solle. Eure Mutter war sehr froh, dass ihr eine Abtreibung erspart blieb. So adoptierte ich Kristin als Vater und wohnte weiterhin in Hannover mit ihr. Aber die Verbindung zwischen eurer Mutter und mir riss nie ab. Ich schaffte es, ihr in Abständen über den Fortschritt ihrer intelligenten Tochter zu berichten. Auch dann noch, als ein Witwer im Dorf um eure Mutter geworben hat. Drei Jahre später bekam Kristin ihren Bruder Arnold und niemand kannte das Geheimnis.«

Otto Pahlke atmete schwer. Er litt unter dem Verlust seiner Jugendliebe. Er beendete die Erzählung, indem er den Kindern versicherte, dass Arnolds Mutter ihrem Mann bis zu seinem Tod treu gewesen war. Er selbst hatte nie geheiratet. Kristin war sein Lebensinhalt gewesen. Er hatte Tränen in den Augen, als er meinte: »Wenigstens zehn gemeinsame Jahre waren mir mit eurer lieben Mutter noch vergönnt.« Arnold hielt es nicht mehr im Sessel. Er betrachtete ein Bild seiner Mutter, das auf einer Konsole stand. Auch ihm standen die Tränen in den Augen. Dann sagte er: »Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich öfter nach Hause gekommen. Verzeih mir, Otto, und danke, dass du dich ein Leben lang um Mutter gekümmert hast.«

Kristin saß bei ihrem Vater auf der breiten Sessellehne und legte ihren Kopf auf seinen Brustkorb. Aber es fehlte jemand – die Mutter. Das spürten alle schmerzlich.

Am anderen Tag fand in der Kreisstadt die Testamentseröffnung bei einem Notar statt. Kristins und Arnolds Mutter wollte, dass Otto Pahlke das Haus nutzen sollte, solange er das mochte oder konnte. Danach sollte es beiden Kindern je zur Hälfte gehören.

Kristin und Arnold blieben zum Wochenende im Elternhaus und fuhren am Sonntag nach Hannover zurück. Da erzählte Kristin von Freds Besuch und dass sie sich auf ihn freute. Arnold schüttelte den Kopf und meinte: »Unglaublich, nun hat er es doch geschafft.«

Aufmerksam schaute Kristin zu Arnold: »Was heißt das?«

Arnold lächelte sie an: »Er ist seit Monaten in dich verliebt. Er ist kein schlechter Kerl. Ich wünsche dir alles Gute mit ihm.«

Glücklich strahlte Kristin ihren kleinen Bruder an.

Die Unbekannte

Ingrid Buchmann schlendert durch die Einkaufsstraße des kleinen Ortes. Sie hat sich eine leichte, helle Hose gekauft und möchte in einem Café in der Nähe Kaffee trinken und Kuchen essen. Sie sieht freudig und in guter Laune in die Schaufenster und geht zügig in Richtung Café. Kurz vor ihrem Ziel führt eine kleine Brücke, die in eine Gasse mündet, über einen Wasserlauf. Am Geländer lehnt eine Frau, der es offenbar nicht gut geht. Ingrid hat Zeit und geht, ohne zu zögern, auf sie zu, spricht sie an und fragt, ob sie helfen könne. Die Unbekannte schaut kurz hoch und es scheint, als erschrecke sie, als sie Ingrids Gesicht sieht. Sie klammert sich ans Brückengeländer und schüttelt den Kopf. Es sei nur ein Krampf in den Beinen; wenn sie sich etwas ausgeruht habe, ginge es wieder. Freundlich verabschiedet sich Ingrid von der jungen Frau und geht weiter zum Café.

Dort angekommen, nimmt sie an einem der kleinen Tische am Fenster Platz und bestellt bei der Kellnerin ihre Lieblingstorte. Die Torte auf ihrem Teller ist fast aufgegessen, als sie die junge Frau auf der Straße vorbeigehen sieht. Die junge Frau läuft beschwingt an der Seite eines etwa gleichaltrigen Mannes. Verwundert denkt Ingrid, die hat sich aber schnell erholt, und schaut auf ihren Kuchenrest. Kurze Zeit später hat sie aufgegessen und bezahlt die Rechnung.

Nun geht sie in entgegengesetzter Richtung nach Hause. Die kleine Wohnung im Dachgeschoss hat sie gemütlich eingerichtet. Solange sie hier eingesetzt ist in diesem kleinen ›Nest‹, wie sie insgeheim denkt, muss die hübsche Wohnung für vieles entschädigen. Sie hatte in Hannover eine lockere Beziehung und nahm diesen Job in der Provinz gern an, um Abstand zu gewinnen.

Als Ingrid in Erfahrung brachte, dass ihr Freund Harald Köhler verheiratet ist, hat sie sich sofort getrennt. Die Logistikaußenstelle soll einer Inventur unterzogen und der Ablauf der Warenzusammenstellungen optimiert werden – der passende Vorwand für ihre Flucht.

Am nächsten Tag geht Ingrid den kurzen Fußweg bis zur Niederlassung langsam und beobachtet die Umgebung. Die Natur ist hier in der ländlichen Umgebung einfach näher dran oder sie der Natur, überlegt sie schmunzelnd. Es gibt weniger Autos und fast keine LKW – nur die vom eigenen Unternehmen. Morgens wird sie vom Vogelgezwitscher aufgeweckt.

Ingrid geht ohnehin gern zu Fuß, wenn es sich einrichten lässt. So ist der Weg zur Arbeit entspannend und ein Spaziergang für sie. Wenn sie zurückdenkt, kommt ihr der Lärm in Hannover fast unerträglich vor. Plötzlich sieht sie eine Handtasche am Gebüsch liegen. Sie geht zwei Schritte und hebt sie auf. Als sie den Reißverschluss öffnen will, um nach einer Adresse zu schauen, springt ein Mann seitlich aus dem Gebüsch. Er entreißt ihr die Handtasche und rennt weg. Sie schaut sich erschrocken um, aber kein Mensch weit und breit, der helfen könnte. Es kann auch ein Nachteil sein, so allein in der schönen Natur und am Rand des Ortes, denkt Ingrid. Sie überlegt, ob sie das eben Erlebte anzeigen sollte. Ist es ein Dieb, der die Handtasche nicht gut versteckt hatte? Wurde er gestört und konnte er sich nur hinter dem Busch in Sicherheit bringen oder vielmehr verbergen? Wem hat er die Handtasche gestohlen?

Nochmals schaut sich Ingrid um, es ist aber niemand in der Nähe. Sie biegt links in eine Zufahrtsstraße ein und erreicht die Niederlassung. Das eben Erlebte geht ihr nicht aus dem Sinn. Ingrid hat in der kurzen Zeit, die sie hier eingesetzt ist, einige Kollegen kennengelernt. Sie legt Wert auf ein gutes Klima am Arbeitsplatz und verhält sich höflich und verbindlich. Mittags geht Ingrid mit zwei weiteren Kollegen in die kleine Kantine und kauft sich ein belegtes Baguette, während die Männer eine warme Mahlzeit aus der Mikrowelle nehmen.

Plötzlich stutzt Ingrid und erkundigt sich bei ihren Tischnachbarn nach einer jungen Frau. Genau die, die mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Brücke, sitzt dort am Ecktisch und unterhält sich lachend mit einem Mann. Sie ist eine Kollegin, denkt Ingrid. Sie sagt zu ihren Kollegen, dass sie gestern die junge Frau auf der Brücke gesehen hat und dass es ihr nicht gut ging. Rainer, der rechts von ihr sitzt, wundert sich. Er meint: »Julia ist nicht krank und ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihr gestern schlecht ging. Sie ist eine Frohnatur, anders als ihre Schwester.«

Der linke Nachbar weiß, dass die Schwester zurzeit zu Besuch hier ist. Sie gehen an ihre Arbeitsplätze zurück und die Gedanken an die junge Frau sind vergessen.

Einige Tage, nachdem Ingrid ihre Kollegin beim Mittagessen wiedergesehen hat, sieht sie Julia beim Einkauf in dem kleinen Ort. Als Julia ihre Ware vor der Kasse aufs Band liegt, fällt ihr eine Weinflasche um und Ingrid greift rasch zu, um zu helfen. Die beiden Frauen lächeln einander an. Anderen Tags wird im Betrieb getuschelt und wenn Ingrid in die Nähe kommt, verstummen die Kolleginnen. Ingrid fühlt sich nicht wohl, sie spürt die Spannung. Die Kollegen als unmittelbare Mitarbeiter wissen angeblich nicht, was die Frauen reden. Nach zwei Tagen sieht Ingrid bei einem Abendspaziergang Julia wieder. Heute Abend sieht sie leidend aus. Ingrid schaut Julia an und fragt sich: Hat sie rote Augen vom Weinen?

Sie fasst sich ein Herz und spricht ihre Kollegin an. »Guten Abend Julia, wollen wir ein Stück zusammen gehen?« Die Frau antwortet: »Sparen Sie sich Ihr Mitleid, Frau Buchmann. Ich bin Julias Schwester Karin.«

»Entschuldigung, Sie sehen Julia sehr ähnlich.«

Karin erwidert: »Wir sind Zwillinge und ich bin hier zu Besuch.«

Ingrid fragt: »Dann waren Sie die Frau auf der Brücke, nicht Julia?«

»Ja, so ist es.«

Wieder grübelt Ingrid: »Woher kennen Sie meinen Namen und warum sprechen sie von Mitleid? Ich kenne sie doch gar nicht.«

»Dafür weiß ich genau, wer mir den Mann in Hannover weggenommen hat. Ich bin schwanger, aber mein Mann weiß das nicht. Es geht mir nicht gut und ich will mich bei meiner Schwester erholen, bevor ich nach Hannover zurückgehe.«

Fassungslos sieht Ingrid Frau Köhler an. Schmerzlich wird ihr die Trennung bewusst.

Harald betonte vor wenigen Wochen, dass er schon ewig von seiner Frau getrennt und diese Beziehung vorbei sei. Ingrid ist froh, dass sie Schluss gemacht hat und nicht auf seine Beteuerungen hereingefallen ist. Wenn Frau Köhler schwanger ist, dann kann die Zerrüttung seiner Ehe nicht ewig her sein. Sie sagt beschwörend: »Aber, Frau Köhler! Ich hatte keine Ahnung, habe aber Schluss gemacht, als ich von Haralds Ehe gehört habe. Zuerst hat er es abgestritten, aber ich war misstrauisch. Zu oft hatte er keine Zeit und die Ausreden mit Skatabend usw. konnte ich nicht glauben.«

Frau Köhler schaut Ingrid offen in die Augen und fragt: »Sie haben meinem Mann nicht die Ehe versprochen?«

»Aber nein!«, widerspricht Ingrid.

»Er ist bei mir ausgezogen«, sagt Karin geknickt.

Ingrid fragt: »Wann ist er ausgezogen?«

»Vor etwa vier Wochen«, antwortet Frau Köhler.

Ingrid überlegt, dann sagt sie: »Ich bin seit drei Wochen hier und habe vor fünf Wochen Schluss gemacht. Harald hat nie bei mir gewohnt.«

Bitter sagt Karin: »Dann muss es eine dritte Frau geben.«

Schweigend gehen die beiden Frauen miteinander weiter. Frau Köhler schaut Ingrid schüchtern an: »Dann habe ich Ihnen wohl Unrecht getan.«

Ingrid lächelt und sagt: »Entschuldigung angenommen, Sie wussten es nicht besser, aber woher kennen Sie mich?«

Karin Köhler holt tief Luft und schaut Ingrid erleichtert an: »Harald hat ein Bild bei Ihrer Telefonnummer hinterlegt. Als er einmal duschte, habe ich sein Handy ausspioniert, weil ich merkte, dass etwas nicht stimmt mit ihm.«

Ingrid ist vor dem Wohnhaus, in dem sich ihre kleine Dachgeschosswohnung befindet, stehen geblieben. »Darf ich Sie auf eine Tasse Tee einladen? Hier wohne ich.«

Frau Köhler antwortet, schon wesentlich erleichtert über das Gespräch: »Diese Einladung nehme ich gern an. Ich hatte einen ganz falschen Eindruck von Ihnen.«

Ingrid lächelt und schließt die Haustür auf. Die beiden Frauen unterhalten sich noch lange an diesem Abend und schmieden einen Plan gegen den treulosen Harald.

Am nächsten Tag kommt mittags Karin Köhlers Schwester Julia auf Ingrid zu und sagt: »Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Meine Schwester hat mir alles erzählt. Sie haben meinem Schwager den Laufpass gegeben, als sie von seiner Ehe gehört haben. Hut ab, so würde nicht jede Frau reagieren.« Julia lächelt und geht an ihren Tisch zurück.

Die beiden Kollegen heben die Daumen und fragen wie aus einem Mund: »Dann bist du frei?«

»Jungs, macht euch keine Hoffnungen«, sagt Ingrid verschmitzt.

Heute Abend will sie mit Harald telefonieren und den mit Karin beschlossenen Plan in die Tat umsetzen. Es klingelt fünfmal, bevor Harald das Gespräch annimmt. Im Hintergrund ist es laut, eine Frau schimpft mit einem Kind, so kommt es Ingrid vor. Dann sagt sie lächelnd und mit zärtlicher Stimme zu Harald: »Wie geht es dir, ich vermisse dich.«

Harald sagte leise: »Wie schön, dass du anrufst, ich muss immer an dich denken. Moment – ich gehe vor die Tür, hier ist es so laut.«

Ingrid fragt weiterhin mit Schmelz in der Stimme: »Wo bist du denn?«

»Bei einem Freund«, lautet die Antwort von Harald.

Ingrid lächelt insgeheim und versucht, Harald weiter bei Laune zu halten, denn ihr ist klar, dass dies wieder eine Lüge ist. So sagt sie zu ihm: »In zwei Wochen ist mein Einsatz hier zu Ende. Sag, können wir uns in Hannover wieder sehen?«

Harald ist so erfreut, dass er Ingrid seinen Liebling nennt und Komplimente macht wie nie zuvor.

Zwei Wochen später sind Ingrid Buchmann und Karin Köhler in Hannover zurück und besprechen nun die weitere Vorgehensweise gemäß dem gefassten Plan.

Ingrid telefoniert mit Harald an diesem Abend. Sie wird morgen mit ihm in einer Gaststätte in der Innenstadt zu Abend essen. Mit gemischten Gefühlen geht Ingrid zur Verabredung. Im Lokal sitzt Harald an einem Tisch in der Ecke. Von dort kann er den Eingang sowie das Lokal überblicken. Typisch, denkt Ingrid, er will nichts verpassen. Harald rückt ihr artig den Stuhl zurecht und sie nimmt Platz. Er zeigt ehrliche Freude und macht Ingrid Komplimente. Sie sagt einige Floskeln später: »Erzähle mir bitte von deiner Frau.«

Harald ist verwirrt und stottert Ausreden. »Ja, was soll ich erzählen. Wir sind seit einigen Monaten getrennt.« Offensichtlich wollte er bei seiner Version bleiben, die er Ingrid erzählt hatte.

Ingrid entgegnet: »Warum lügst du mich an? Ich will die ganze Geschichte hören, aber wahrheitsgemäß!«

Harald lächelt sie an und sagt ihr Nettigkeiten. Ingrids versteinerte Miene lässt ihn spüren, dass es ihr sehr ernst ist, und er beginnt schüchtern zu erzählen:

»Karin ist eine liebenswerte Frau und absolut zuverlässig. Wir haben uns immer ein Kind gewünscht, es klappte bis heute nicht. Vor Kurzem lernte ich eine attraktive Frau kennen, die einen kleinen Jungen hat. Es tut gut, als kleine Familie Ausflüge zu unternehmen. Mit dem aufgeweckten Jungen war jedes Treffen ein Abenteuer.«

Ingrid fragt: »Wohnst du bei ihr?«

»Ja, sie wollte Schluss machen, wenn ich mich nicht zu ihr und dem Jungen bekenne. Dann wurde sie schwanger und ich hatte keine Wahl und blieb bei ihr. Aber gut geht es mir nicht. Ständig kommen neue Forderungen von ihr und sie erpresst mich emotional. Ich weiß mir keinen Rat. Ich habe mich so sehr über deinen Anruf gefreut, du kannst dir das nicht vorstellen. Mit deiner Hilfe komme ich wieder auf die Beine.« Hilfe suchend schaut er Ingrid in die Augen.

Aber Ingrid verfolgt ihren Plan und fragt: »Warum sollte ich dir helfen? Du hast deine Frau verlassen wegen eines attraktiven Verhältnisses. Du hast mich tief enttäuscht, wobei wir nur eine schöne Affäre hatten. Ich wusste weder von deiner Frau noch von deinem Verhältnis. Was soll ich von dir halten? Offensichtlich bist du kein zuverlässiger Mann und für eine dauerhafte Beziehung nicht geeignet.«

Harald sagte leise, mehr zu sich selbst: »Ich hätte Karin nicht verlassen dürfen und meine Affären hat sie nicht verdient. Ich liebe sie noch immer. Ingrid, ich bin am Ende.«

Ingrid lächelt und sagt zu Harald: »Ich denke, jetzt kann ich dir helfen. Lass uns morgen Abend das Gespräch fortsetzen. Wollen wir uns wieder hier in diesem schönen Restaurant treffen?« Harald weiß nicht, was die beiden Frauen geplant haben. Er macht einen wesentlich erleichterteren Eindruck, lächelt und streichelt Ingrid die Hand beim Abschied. »Ich freue mich auf morgen.«

Am nächsten Abend gehen Ingrid und Karin in die Gaststätte, wo Harald schon auf Ingrid wartet. Harald ist total überfordert, als er die Frauen sieht. Er steht auf und rückt die Stühle für die beiden zurecht. Sprechen kann Harald nicht. Er schaut seine Frau Karin immer wieder an und es entsteht eine verlegene Pause am Tisch.

Ingrid ergreift die Initiative und strahlt Harald an: »Da staunst du! Ich bringe dir deine liebe Frau und du hast nun eine letzte Chance!«

Harald stammelt: »Wieso kennt ihr euch? Ich verstehe gar nichts.« Nach anfänglichen, stockenden Fragen und unsicheren Antworten entwickelt sich der Abend sehr unterhaltsam. Harald will wissen, warum Karin nie auf seine Anrufe geantwortet hat. Also versuchte Harald tatsächlich, Kontakt zu seiner Frau aufzunehmen, stellt Ingrid erfreut fest. Karin erzählt nun, dass ihr beim Besuch bei ihrer Schwester die Handtasche gestohlen wurde. Sie hat nun ein neues Handy und will später Harald ihre Nummer geben.

Sehr ernst und nachdenklich sagt Ingrid: »Da habe ich deine gestohlene Tasche wohl in der Hand gehabt?!«

Karin schaut Ingrid erschrocken an: »Wieso, was hast du mit dem Diebstahl zu tun?«

Da erzählt Ingrid, was ihr vor Wochen an dem Morgen auf dem Weg zur Arbeit passiert ist. Harald sagt überlegend: »Jetzt weiß ich auch, woher die andere Frau weiß, wo Karin wohnt. Sicherlich ist der kriminelle Bruder für seine Schwester unterwegs gewesen und Karin wurde ausspioniert.«

»Die Ermittlungen der Polizei kommen nicht voran«, sagt Karin.

Harald gibt ihr die Adresse der anderen Frau und fordert sie auf, der Polizei einen Hinweis zu geben. Der Bruder sei jeden Abend zum Essen bei seiner Schwester.

Harald und Karin treffen einander nun regelmäßig. Schließlich ist Harald wieder in die gemeinsame Wohnung eingezogen und Karin fühlt sich sehr wohl. Sie spürt, dass es Harald ernst meint. Karin ist im vierten Monat schwanger und das Unwohlsein hat sie überstanden. Ihr Mann war überglücklich, als Karin von der Schwangerschaft erzählte. Er freut sich sehr auf ein eigenes Kind, hat er sich doch über Jahre von Karin ein Kind gewünscht. Aber bisher klappte es nicht. Deshalb ist Harald der anderen Frau mit ihrem kleinen Jungen gern auf den Leim gegangen. Aber er merkte nach wenigen Wochen schon, dass er als Versorger und Aushängeschild geangelt wurde. Anfangs war es für Harald ein sehr schönes Gefühl, von einer attraktiven Frau und einem witzigen kleinen Jungen geliebt zu werden. Aber was er für Liebe gehalten hatte, flachte ganz schnell ab und der Alltag war mies mit Erpressung und Lügen sowie immer neuen Geldforderungen der Frau.