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Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein war ein preußischer Beamter, Staatsmann und Reformer. Erste praktische Erfahrungen machte er im frühen Ruhrbergbau und in der Verwaltung der westlichen preußischen Provinzen. Anschließend war er Minister für Wirtschaft und Finanzen in Berlin. Dies ist seine Autobiographie.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Lebenserinnerungen und Denkschriften
Freiherr vom Stein
Inhalt:
Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom Stein – Biografie und Bibliografie
Lebenserinnerungen
Denkschriften und Briefe Aus den Jahren 1806–1822
1. Darstellung der fehlerhaften Organisation des Kabinetts und der Notwendigkeit der Bildung einer Ministerialkonferenz.
2. Über die zweckmäßige Bildung der obersten und der Provinzial-, Finanz- und Polizeibehörden in der preußischen Monarchie.
3. Darlegung der Lage von Europa und der von Preußen zu verfolgenden Politik.
4. Beurteilung eines Entwurfs über Reichsstände.
5. Abschiedsschreiben an seine Beamten.
6. Aus Steins Aufzeichnungen zur Geschichte und Volkswirtschaft von Europa.
7. Über die neue Verfassung des Deutschen Reiches.
8. Über die deutsche Bundesverfassung.
9. Kritik der deutschen Bundesakte.
10. Aufgaben der Staatsbehörden.
11. An den Großherzoglich Sächsischen Staatsminister v. Gersdorff in Weimar.
12. An den Geheimen Legationsrat Joh. Albr. Friedr. Eichhorn.
13. An Ernst Moritz Arndt.
14. Bemerkungen zu der Denkschrift Wilhelm von Humboldts über die Bildung einer preußischen Verfassung.
15. Über die allgemeinen Grundsätze des Planes einer provinzialständischen Verfassung.
Lebenserinnerungen und Denkschriften, Freiherr vom Stein
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
Loschberg 9
86450 Altenmünster
ISBN: 9783849638085
www.jazzybee-verlag.de
Deutscher Staatsmann, geb. 26. Okt. 1757 in Nassau an der Lahn, gest. 29. Juni 1831 zu Kappenberg in Westfalen, stammte aus einem reichsfreiherrlichen Geschlecht und war Sohn des kurmainzischen Geheimrats Philipp v. S. Er studierte 1773 bis 1777 in Göttingen die Rechte, arbeitete beim Reichskammergericht in Wetzlar, bereiste einen großen Teil von Europa, trat dann, entgegen den Traditionen seines Hauses, in den preußischen Staatsdienst und wurde 1780 Bergrat zu Wetter in der Grafschaft Mart. 1782 Oberbergrat geworden, erhielt er 1784 die Oberleitung der westfälischen Bergämter, wurde 1793 Kammerdirektor in Hamm, 1795 Präsident der märkischen Kriegs- und Domänenkammer und 1796 Oberpräsident aller westfälischen Kammern; als solcher sorgte er für die wirtschaftliche Hebung des Landes. Im Oktober 1804 als Minister des Akzise-, Zoll-, Salz-, Fabrik- und Kommerzialwesens nach Berlin in das Generaldirektorium berufen, setzte er die Aufhebung sämtlicher Binnenzölle in Preußen durch, errichtete das Statistische Bureau und schuf als Erleichterungsmittel für den Verkehr Papiergeld. Vergeblich jedoch blieben seine Anstrengungen, den König 1806 zu einer würdigen Politik zu bewegen, erhielt vielmehr, als er im Januar 1807 seinen Eintritt in das neue Ministerium von der Beseitigung der Kabinettsregierung abhängig machte, vom König ungnädig den Abschied. Nach dem Tilsiter Frieden (im Juli 1807) zurückberufen, erhielt er den Auftrag, die Neugestaltung des Staates herbeizuführen. Steins Plan war: das Volk wieder für die Teilnahme am Staatsleben zu gewinnen und an der Verwaltung des Staates zu beteiligen, und zu diesem Zweck ein einheitliches, nicht in Stände gespaltenes freies Staatsbürgertum zu schaffen. Staatsmännisch klug, führte S. diesen Gedanken durch. Im September 1807 übernahm er sein Amt; 9. Okt. erschien das Edikt, das für ganz Preußen den Besitz gutshöriger Bauern in freies Eigentum verwandelte, wie dies vorher schon bei den Domänenbauern der Provinz Preußen geschehen war. Seine Städteordnung vom 19. Nov. 1808, die den Grundsatz der Selbstverwaltung einführte, bildet noch jetzt die Grundlage der 1831 genauer geregelten Rechtsverhältnisse der preußischen Städte. Ein Gegenstück zu den Staatsbürgerrechten bildete die Wehrverpflichtung, die allen Untertanen auferlegt wurde, in dem Scharnhorst die neue Wehrverfassung einführte. Als jedoch ein von Napoleon aufgefangener Brief Steins an den Fürsten von Wittgenstein dessen Hoffnung, bald das französische Joch abzuschütteln, verriet, musste S. 24. Nov. 1808 seinen Abschied nehmen und 16. Dez. geächtet aus Preußen fliehen. Das angeblich damals entstandene »politische Testament« Steins ist nicht echt. Von der westfälischen Regierung gerichtlich verfolgt und seiner Güter beraubt, begab sich S. nach Österreich, lebte abwechselnd in Brünn und Troppau, zuletzt dauernd in Prag und folgte, als seine Auslieferung zu befürchten war, im Mai 1812 der Einladung des Kaisers Alexander I. nach Petersburg. Auch von dort aus bereitete er durch seinen Einfluss auf den Kaiser und durch seine ausgedehnten Korrespondenzen und die Bildung einer russisch-deutschen Legion die spätere nationale Erhebung gegen Napoleon I. vor. Nach der Katastrophe von 1812 kehrte er mit dem Kaiser nach Deutschland zurück, ward Vorsitzender eines russisch-preußischen Verwaltungsrats für die deutschen Angelegenheiten und übernahm, als nach dem Siege bei Leipzig, Okt. 1813 eine Zentralkommission für die Verwaltung aller durch die Truppen der Verbündeten besetzten Länder eingesetzt wurde, deren Vorsitz. In dieser Eigenschaft erwarb er sich durch tüchtige Verwaltung im Innern und Ausstellung zahlreicher Heerhaufen gegen den Feind große Verdienste und ließ die Zentralverwaltung dem Heere der Verbündeten bis nach Paris folgen. Von dort im Juni 1814 nach Berlin zurückgekehrt, besuchte S. im September den Wiener Kongress und nahm besonders an den Verhandlungen über die deutsche Frage teil. Dann zog er sich ins Privatleben zurück. Den Sommer verbrachte er meist auf seinen Gütern in Nassau, den Winter in Frankfurt a. M., wo sich im Januar 1819 unter seinem Vorsitz die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde konstituierte (vgl. »Monumenta Germaniae historica«). Mit der nassauischen Regierung in mancherlei Mißhelligkeiten geraten, siedelte S. später auf sein Gut Kappenberg in Westfalen über, ward nach der Einführung der Provinzialstände in Preußen 1823 Deputierter für den westfälischen Landtag und vom König zu dessen Landtagsmarschall ernannt; auch die Verhandlungen der evangelischen Provinzialsynode Westfalens leitete er. 1827 wurde er Mitglied des Staatsrats. S. starb als der letzte seines Geschlechts, da ihn von seinen Kindern mit seiner Gemahlin, Gräfin Wilhelmine von Wallmoden-Gimborn, nur drei Töchter überlebten. 1872 ward ihm auf der Burg Nassau (von Pfuhl), 1874 in Berlin (von Schievelbein und Hagen) ein Standbild errichtet. Steins Denkschriften über deutsche Verfassungen wurden von Pertz (Berl. 1848) herausgegeben, Steins Briefe an den Freiherrn v. Gagern 1813–31 von diesem (Stuttg. 1833), sein Tagebuch während des Wiener Kongresses von M. Lehmann (in Sybels »Historischer Zeitschrift«, Bd. 60). Vgl. M. Lehmann, Freiherr vom S. (Leipz. 1902 bis 1905, 3 Bde.). Daneben verdienen noch Beachtung: Pertz, Das Leben des Ministers Freiherrn vom S. (Berl. 1849–55, 6 Bde.) und Aus Steins Leben (das. 1856, 2 Bde.); Arndt, Meine Wanderungen und Wandelungen mit dem Freiherrn vom S. (3. Aufl., das. 1869); Seeley, Life and times of S. (Cambr. 1878, 3 Bde.; deutsch, Gotha 1883–87, 3 Bde.); A. Stern, Abhandlungen und Aktenstücke zur Geschichte der preußischen Reformzeit 1807–1815 (Leipz. 1885); E. Meier, Die Reform der Verwaltungsorganisation unter Stein und Hardenberg (Leipz. 1881).
Verfaßt in den Jahren 1821 – 1823
Ich wurde den 26. Oktober 1757 von sehr achtungswerten Eltern geboren, unter dem Einflusse ihres religiösen, echt deutsch ritterlichen Beispiels auf dem Lande erzogen; die Ideen von Frömmigkeit, Vaterlandsliebe, Standes- und Familienehre, Pflicht, das Leben zu gemeinnützigen Zwecken zu verwenden und die hierzu erforderliche Tüchtigkeit durch Fleiß und Anstrengung zu erwerben, wurden durch ihr Beispiel und ihre Lehre tief meinem jungen Gemüte eingeprägt. Die Ansicht der Welt und der menschlichen Verhältnisse schöpfte der Knabe und Jüngling in der Einsamkeit des Landlebens aus der alten und neuen Geschichte, besonders sprachen ihn die Ereignisse der vielbewegten englischen an. War diese Ansicht freilich einseitig, unpraktisch und verführend zu einer gewissen Unbilligkeit in Beurteilung der nahen Wirklichkeit, so entfernte sie mich jedoch auch vom gemeinen und kleinlicher Zeitversplitterung und bestimmte mich zur Beobachtung einer großen Strenge in der Auswahl meiner Freunde, sie nur unter den bessern, edlern, tüchtigen Jünglingen aufzusuchen, die flachen, leeren, eitlen zu vermeiden. – Meine Eltern bestimmten mich zu einer Stelle bei dem Reichsgerichte, auf Erlangung der hierzu nötigen Kenntnisse war meine Erziehung und der Gang meines akademischen Lebens gerichtet.
Im Herbst 1773 besuchte ich mit einem Hofmeister Göttingen, wo ich aus Gehorsam gegen den Willen meiner Eltern sehr ernsthaft Jurisprudenz studierte, zugleich aber auch mit der englischen Geschichte, ihren statistischen, ökonomischen und politischen Werken mich bekannt machte und überhaupt durch den vertrauten Umgang mit mehreren jungen, gleichgesinnten Männern als Rehberg, Brandes meine Vorliebe für dieses Volk sich befestigte. Auf Ostern 1777 verließ ich Göttingen, besuchte Wetzlar drei Monate, um den Kammergerichtsprozeß kennenzulernen, blieb den Winter 1778 in Mainz, machte eine Reise mit einem Freunde, dem jetzigen hannoverschen Gesandten in Rom, Herrn von Reden, an die deutschen Höfe zu Mannheim, Darmstadt, Stuttgart, München, hielt mich zwei Monate in Regensburg wegen der Reichstagsgeschäfte auf und ging im Winter 1779 über Salzburg, Passau nach Wien wegen des Reichshofrats, wo ich aber sehr zerstreut und dem geselligen Leben allein ergeben, neun Monate verlebte, Reisen nach Steiermark, Ungarn machte und über Dresden nach Berlin im Februar 1780 ging.
Meine Abneigung gegen eine Anstellung bei den Reichsgerichten hatte sich unterdessen ausgesprochen und meine Eltern ihr nachgegeben, meine hohe Verehrung aber für Friedrich den Einzigen, der durch die Erhaltung von Bayern damals die Dankbarkeit dieses Landes und des ganzen Vaterlandes sich erworben hatte, den Wunsch in mir erregt, ihm zu dienen, unter ihm mich zu bilden.– Nach der gewöhnlichen Ordnung der Dinge mußte ich als Referendarius bei einer Kriegs- und Domänenkammer anfangen, vielleicht wäre ich in Förmlichkeiten untergegangen, und die Abhängigkeit von einem mittelmäßigen, steifen, in Förmlichkeiten befangenen Vorgesetzten hätte verderblich und niederschlagend auf mich gewirkt – dank aber einer gütigen Vorsehung fand ich in dem Staatsminister von Heinitz einen väterlichen, mein Schicksal mit Liebe, Ernst und Weisheit bis zu seinem Tode 1802 leitenden Vorgesetzten. Er war ein Freund meiner Eltern, sowie auch seine vortreffliche Gattin, beide nahmen mich mit teilnehmender, nachsichtsvoller Güte auf. – Der Staatsminister von Heinitz war einer der vortrefflichsten Männer seines Zeitalters: tiefer, religiöser Sinn, ernstes, anhaltendes Streben, sein Inneres zu veredeln, Entfernung von aller Selbstsucht, Empfänglichkeit für alles Edle, Schöne, unerschöpfliches Wohlwollen und Milde, fortdauerndes Bemühen, verdienstvolle, tüchtige Männer anzustellen, ihren Verdiensten zu huldigen und junge Leute auszubilden – waren die Hauptzüge dieses vortrefflichen Charakters und brachten die segensreichsten Früchte in dem seiner Verwaltung anvertrauten Geschäftskreise. Damals war es das Bergwerks- und Hüttendepartement, das er aus seinem Nichts in dem Preußischen zu erheben bemüht war, und in welchem er mir vorschlug, mich anzustellen. Verließ ich es gleich im Jahre 1793, so hatte doch das Leben in einem auf die Natur und den Menschen sich beziehenden, die körperlichen Kräfte zugleich entwickelnden Geschäfte den Nutzen, den Körper zu stärken, den praktischen Geschäftssinn zu beleben und das Nichtige des toten Buchstabens und der Papiertätigkeit kennen zu lehren.
Ich betrat also im Februar 1780 eine ganz neue Laufbahn, zu der mir alle Vorkenntnisse fehlten; sie zu erlangen war mein ernster Vorsatz, und ich begann also ganz neue Studien durch Besuche der Kollegien in Berlin, durch Begleitung des Ministers von Heinitz auf seinen Dienstreisen 1780 durch Ostfriesland, Holland, Westfalen, das Mansfeldische; 1781 durch West- und Ostpreußen, wo ich meinen Rückweg mit dem nachherigen Staatsminister Grafen von Reden über Warschau, Wilitzka, Krakau durch Schlesien nach Berlin nahm, und durch meinen einjährigen Aufenthalt 1782 in Freiberg und einen dreimonatigen 1783 in Klaustal.
Nach meiner Zurückkunft nach Berlin 1784 wurde mir die Direktion des Bergwesens und der Fabriken in Westfalen übertragen, der ich mich mit Eifer, aber etwas einseitig durchgreifend unterzog, daher ich Mißvergnügen und Beschwerden veranlaßte, die ich durch mehr Milde hätte vermeiden können und in der Folge vermied.
Ganz unerwartet wurde mir im Juni 1785 der Auftrag, als preußischer Gesandter nach Mainz, Zweibrücken und Darmstadt zu gehen, um den Beitritt dieser Höfe zum deutschen Fürstenbunde zu bewirken, den Friedrich der Große den ehrgeizigen Absichten Josephs II. auf Bayern entgegensetzte.
Es gelang mir, den Kurfürsten von Mainz, Carl Friedrich, zum Beitritt zu bewegen; es war eine ungewöhnliche Erscheinung, den Reichserzkanzler und ersten geistlichen Kurfürsten sich vom Kaiser und Hause Österreich trennen und mit einem diesem entgegengesetzten Vereine verbinden zu sehen. Der Kurfürst besaß einen kräftigen Charakter, er glaubte sich als Reichserzkanzler vorzüglich zum Schutz der Verfassung und Aufrechterhaltung der Gesetze berufen; Josephs II. Anmaßungen beunruhigten ihn, dieser hatte ihn persönlich beleidigt, und es schmeichelte ihm, daß der königliche, mit Ruhm bedeckte Greis sich um seine Freundschaft bewarb.
Ich bat um meine Zurückberufung, da ich der Diplomatie immer abgeneigt war, wegen der Wandelbarkeit der Politik der Höfe, des Wechsels von Müßiggang und einer schlau berechnenden Geschäftstätigkeit, des Treibens, um Neuigkeiten und Geheimnisse zu erforschen, der Notwendigkeit, in der großen Welt zu leben, mit ihren Genüssen und Beschränkungen, Kleinlichkeiten und Langeweile mich zu befassen, und wegen meines Hanges zur Unabhängigkeit und meiner Offenheit und Reizbarkeit – und kehrte auf meinen Posten im Winter 1785 zurück, führte verschiedene Pläne aus und machte im November 1786 eine mineralogische und technologische Reise nach England, von wo ich im August 1787 wieder zurückkehrte. Man bot mir eine Gesandtschaft nach dem Haag, dann nach Rußland an, die ich ablehnte. Ich wurde aber als Kammerdirektor bei der Kriegs- und Domänenkammer zu Kleve und Hamm angestellt, mit Leitung des Fabrikwesens, Wasserbau und Wegebau besonders beauftragt und bewirkte die Wegsamkeit der Grafschaft Mark durch den Bau von zwanzig Meilen Kunststraßen innerhalb vier Jahren in diesem gebirgigen, fabrik- und produktenreichen Lande, alle Arbeit wurde bezahlt und keine Frohnde geleistet – und eine Verwandlung der Akzise oder Verbrauchssteuer in der Grafschaft Mark in eine für ein offenes, gewerbiges Land passendere Abgabe. Im Jahre 1793 wurde ich Präsident der Kammer in Kleve und Hamm, 1794 von Kleve durch das Einrücken der Franzosen vertrieben, 1795 mit der Verpflegung der nach Westfalen im Mai einrückenden Möllendorfischen Armee beauftragt, sie gelang ungeachtet der schlechten Ernte, des langen Aufenthalts der Clairfaitschen Armee am Niederrhein, der englischen an der Weser und für mäßige Preise durch Verteilung des ganzen Verpflegungsterrains in gewisse Bezirke, in denen für bestimmte Preise von zuverlässigen Kommissarien gekauft wurde, die eine Tantieme an der Ersparung hatten, durch Anlegung von Fuhrlinien aus den Hauptmagazinen in die Ausgabemagazine mit Vorspannfuhren und durch Ausschließung der Generalentrepreneurs.
1796 erhielt ich das Oberpräsidium der westfälischen Kammer zu Wesel, Hamm und Minden; in dieser Provinz bewirkte ich nach einer mit dem Kammerkollegium selbst vorgenommenen Revision die Anlage der Kunststraße von Bielefeld nach Minden, die Verbesserung des Strombandes und der Schiffahrt auf der Weser; manches wurde bei den Leinwandfabriken abzuändern versucht, endlich die Milderung der Eigenbehörigkeit in Betracht genommen, jedoch nicht in dem revolutionären, alte Rechte vernichtenden Sinne.
Als die Säkularisationen durch den Reichsdeputationsschluß 1802 erfolgten, wurde ich mit denen der Stifter Münster und Paderborn beauftragt, sie geschah mit Milde, Schonung und Treue, die inländischen Beamten wurden, wenn sie irgend tauglich, beibehalten und das Gehässige der Sache möglichst gemildert.
Nach dem Tode des Ministers Struensee, eines geistvollen, sehr unterrichteten Staatsmannes, 1804, wurde mir dessen Stelle im Generaldirektorium übertragen, und zwar das Departement der indirekten Abgaben oder Akzise und Zölle, des Salzwesens, der Fabriken und des Handels, des Staatsschuldenwesens oder der sogenannten Seehandlung und der Bank.
Die Operationen, welche ich vom November 1804 bis im September 1806 vornahm, waren:
Trennung der Salzfabrikation von der Erhebung der Salzabgaben; die erste wurde als ein technologisches Geschäft dem Bergwerksdepartement überwiesen, die Erhebung aber mit der Verwaltung der übrigen Konsumtionsabgaben verbunden. Hierdurch erhielt man eine beträchtliche Ersparung an den Hebungskosten.Aufhebung aller Binnen- und Provinzialzölle, der Ausfall wurde durch eine Erhöhung der Salzabgabe gedeckt.Verminderung der unnützen Schreiberei bei den Oberbehörden, indem ich eine große Masse von unnützem Papierkram ganz einstellte und die Selbständigkeit der Provinzialstellen vermehrte.Die Akzisetarife der Provinzen Ost- und Westpreußen wurden dem Interesse der großen Handelsstädte angemessen gemacht.Ein Plan zur Gleichsetzung der indirekten Steuerverfassung in Süd- und Neuostpreußen und zur Ablösung vieler verderblicher Lokalabgaben dieses Landes wurde entworfen nach einer 1805 von mir vorgenommenen Bereisung der Provinzen Süd-, Neuost-, Ost- und Westpreußen und Pommern.Die englischen Verbesserungen bei der Wollfabrikation, den Maschinenspinnereien, Tuchscherereien einzuführen angefangen, eine große Baumwollenspinnerei in Berlin angelegt.Die Bank hielt ich für ein verderbliches Institut; sie zog bedeutende Geldsummen an sich, deren Verwendung Beamten anvertraut war; sie sollte zwar nicht auf Grundstücke ausleihen, sondern nur auf Waren, Papiere usw. diskontieren.Die Beamten ihrer Provinzialkontors zu Elbing liehen leichtsinnig auf Güter in Preußisch-Polen, woraus nachher sehr verderbliche Transaktionen mit Napoleon, später mit Rußland entstanden. Die anderen Kontors begünstigten hauptsächlich jüdische Bankiers, deren List, Beharrlichkeit, Zusammenhang und Mangel an Ehrgefühl, wenn nur Habsucht befriedigt wird, in jedem Staate verderblich ist und besonders nachteilig auf die Beamtenwelt wirkt.
Ich verbot die hypothekarischen Geschäfte in Südpreußen, zog alle 2 Monate die zum Teil seit Jahren ausstehenden Fonds ein, bei welcher Gelegenheit sich ein grober Betrug eines jüdischen Bankiers entdeckte, der ihn zur Flucht nach Wien zwang, wo er Schutz durch seine Schwägerin Frau von Arnstein und durch Veränderung der Religion fand und einen Offizianten zum Selbstmord brachte. Zugleich entwarf ich einen Plan zur Beschränkung des Zuflusses des baren Geldes zu der Bank, um den unmittelbaren Verkehr zwischen der Geld besitzenden und der das Geld zum Gewerbebetrieb bedürfenden Klasse zu begünstigen, welcher dessen Erhaltung ohnehin erschwert war durch die Vollkommenheit des Hypothekenwesens und die landschaftlichen Kreditsysteme.
Alles dieses wurde aber teils vereitelt, teils erschüttert durch die große Katastrophe, welche die preußische Monarchie traf, Folge einer schwankenden, zaudernden, allein auf momentane Erhaltung äußerer Ruhe berechneten Staatsklugheit und großen Kriegsunglücks.
Gegen Ende des Jahres 1805 brach ein neuer Krieg mit Napoleon aus, an dem Preußen bedingt teilzunehmen beschloß. Mir wurde der Auftrag, Vorschläge abzugeben zur Anschaffung des Kriegsfonds. Diese Vorschläge waren:
Benutzung des damals bedeutenden Schatzes.Vermehrung seiner Wirksamkeit durch Kreierung von zinslosen Schatzkammerscheinen, welche auf gewissen Kontors realisiert werden konnten und in den Kassen angenommen wurdenEinlieferung der Naturalien gegen bestimmte, den Durchschnittsmarktpreisen entsprechende Preise durch LandfuhrenAnleihen in Kassel und Leipzig.Diese Vorschläge wurden genehmigt. Der Krieg brach für Preußen erst im Herbst 1806 aus. Mit den von mir angegebenen Mitteln wurde er vorbereitet und geführt.
Im Sommer 1806 hatte ich eine Dienstreise durch Schlesien, das Halberstädtische und Magdeburgische gemacht und kam im August nach Berlin; hier fand ich alles in der größten Bewegung und Gärung; die Prinzen Louis Ferdinand, Wilhelm, Heinrich, der Prinz von Oranien hatten sich verabredet, in einer von Johannes von Müller entworfenen Vorstellung den König sehr ehrerbietig um Entfernung des Ministers Grafen von Haugwitz und der Kabinettssekretäre Beyme und Lombard zu bitten, weil diese sich durch den Mißbrauch ihres Einflusses und ihre Vorliebe für Frankreich der Nation durchaus verhaßt gemacht hatten; sie forderten mich und den General Rüchel, der ein in Hannover stehendes Armeekorps befehligte, auf zur Mitunterzeichnung.
Ich hielt die Art der Verwaltung durch Kabinettsräte, die dem König unmittelbar vortrugen und überwiegenden Einfluß, aber keine Verantwortlichkeit besaßen, für verderblich und hatte mich darüber schon längst in einem Aufsatze, der dem König wahrscheinlich nicht unbekannt geblieben, ausgesprochen. In der gegenwärtigen Krise schien es mir doppelt wichtig, diese Veränderung zu bewirken und den König zu bewegen, unmittelbar mit seinen Ministern zu arbeiten; ich fand also kein Bedenken, die Vorstellung mit zu unterzeichnen, riet, sie durch den General Rüchel selbst überreichen zu lassen, der aber durch den Marsch seines Truppenkorps verhindert wurde und sie durch seinen Adjutanten dem König überreichen ließ. Dieser wurde darüber sehr aufgebracht, sah es als eine höchst strafbare Anmaßung an, gab seinen beiden Brüdern und dem Prinzen von Oranien einen scharfen Verweis, schickte sie schleunigst zu ihren marschierenden Regimentern und ließ mir seine Unzufriedenheit durch den General Phull, jetzt in russischen Diensten, zu erkennen geben.
Wichtigere Ereignisse folgten so schnell, daß dieses bald vergessen wurde; ich bekam infolge vieler Arbeiten im September einen heftigen Anfall von Podagra, der mich nicht bis in den Mai des folgenden Jahres verließ.
Der Krieg brach los, die Ereignisse wurden immer drohender, die Katastrophe näherte sich, in den mir anvertrauten Kassen waren sehr große Geldvorräte, ich ließ sie einpacken und, sobald die Nachricht des unglücklichen 14. Oktober uns erreichte, sie nach Stettin, dann nach Königsberg abgehen; mit ihrer Hilfe wurde der Krieg bis zum Tilsiter Frieden fortgesetzt, ein Tag Verzug hätte ihren Verlust zur Folge gehabt, so wie dadurch große Vorräte an Pulver und Waffen in Berlin verlorengingen, deren Versendung sich sogar der Fürst Hatzfeld, den sein Schwiegervater Graf Schulenburg-Kehnert eigenmächtig zum Kommandanten angestellt hatte, widersetzte, unter dem Vorwande, Berlin nicht dem Zorne Napoleons auszusetzen.
Ich verließ den 20. Oktober 1806 sehr krank Berlin, ging nach Danzig, wurde vom König zu einer Ministerialkonferenz nach Graudenz berufen wegen Annahme von Präliminarien, welche die Herren von Luchesini und Zastrow in Berlin unterzeichnet hatten und erträglich waren, die schnelle Übergabe von Magdeburg, Hameln, Küstrin, Stettin bewog Napoleon, diese Präliminarien zu verwerfen und einen anderen Waffenstillstand vorzuschreiben, wonach Danzig, Glogau, Graudenz übergeben werden, die russischen Armeen Preußen räumen sollten; dieser Waffenstillstand wurde in einer zweiten Ministerialkonferenz zu Osterode geprüft, die Generale Kalkreuth, Geusau, Laurenz rieten die Annahme, der Minister Voß und ich widerrieten sie, er wurde vom Könige verworfen, dieses Duroc bekannt gemacht und nunmehr der Entschluß gefaßt, den Schicksalen des Krieges mutig entgegenzugehen und sich fest an Rußland und England zu schließen. Das Lestocsche Korps bei der Bennigsenschen Armee sollte verstärkt, der Krieg in Schlesien fortgesetzt werden und der König sowohl als die königliche Familie sich zu einem Aufenthalte in Rußland vorbereiten. Graf Haugwitz legte seine Stelle nieder, man fragte mich, was ich zu tun gesonnen sei, wenn der König nach Rußland gehe? Ich erklärte mich bereit, dem Könige zu folgen, wohin ihn sein Schicksal auch führe. Er nahm diese Erklärung gnädig auf, und ich kehrte immer noch sehr krank nach Königsberg zurück.
Das Kabinett des Königs war durch den Abgang des Grafen Haugwitz, die Entfernung des Geheimen Kabinettsrats Lombard, gegen den sich die öffentliche Meinung laut aussprach, aufgelöst, nur der Geheime Kabinettsrat Beyme blieb um die Person Sr. Majestät, die mir das auswärtige Departement übertrugen; ich lehnte es ab, weil ich es für bedenklich hielt, einen mir ganz unbekannten Geschäftszweig von der größten Wichtigkeit in einem Moment der höchsten Krise zu übernehmen, und weil ein Kabinettsminister bereits vorhanden war, der in tiefster Eingezogenheit in Königsberg lebende Herr von Hardenberg, auf den ich den König aufmerksam machte, zugleich den Antrag wegen unmittelbarer Behandlung der Geschäfte mit den sie leitenden Ministern wiederholte. Bald darauf bildete er ein Kabinettsministerium, welches aus dem General Zastrow für die auswärtigen, General Rüchel für die Militär- und aus mir für die inneren Angelegenheiten bestand und welchem der Geheime Rat Beyme als Kabinettsrat beigeordnet war; dieser Mann war allgemein und in hohem Grade verhaßt, ich besorgte, er würde seinen überwiegenden geheimen Einfluß mißbrauchen, und bestand auf seine Entfernung als der Bedingung meiner Annahme der angebotenen Stelle. Krankheit und tiefer Unwille gegen die Urheber des befolgten, so unheilbringenden politischen Systems hatten mich überhaupt sehr verstimmt und erbittert.
Unterdessen näherten sich die Feinde Königsberg Dezember 1806 und Januar 1807. Die königliche Familie ging nach Memel, ich wollte ihr dieselbe Nacht mit Hinterlassung der Meinigen und eines an dem Nervenfieber todkranken Kindes folgen, als ein Feldjäger mir eine Kabinettsorder brachte, die Vorwürfe über meine Widersetzlichkeit enthielt und die Äußerung: meine Departementsverwaltung sei zwar musterhaft gewesen, daß ich aber meinen Leidenschaften das Wohl des Staates aufopfere. Ich antwortete augenblicklich: in diesem Falle könne ich Sr. Majestät Vertrauen nicht besitzen, demnach allerhöchst dero Minister nicht sein und bitte um meinen Abschied, den ich den folgenden Tag erhielt. – Diese Entlassung machte einen üblen Eindruck auf das Publikum, sämtliche Minister bezeugten mir ihre Teilnahme, und ich blieb krank in Königsberg bis nach der Schlacht von Eylau, wo die Verbindung mit Danzig wiederhergestellt wurde, und wohin ich mit meiner Familie im März 1807 abreiste, aber mich wegen der drohenden Belagerung nicht lange aufhielt, sondern unter mancherlei Gefahren von den in Stolpe stehenden Polen und den zwischen dem Schillschen Korps und der Stettiner Garnison zwischen Slawe und Naugarden vorfallenden Gefechten meine Reise fortsetzte und Berlin erreichte. Hier fand ich alles über die Schlacht von Eylau aufgeregt, alles voll Hoffnung, von dem Feinde befreit zu werden, den Gouverneur General Clark aber über meine Ankunft sehr beunruhigt, bis er meine Absicht, auf meine Güter zurückzukehren, erfuhr und mich sehr freundlich behandelte.
Ich erreichte Nassau Ende März und suchte nun meine durch fortdauernde podagrische Anfälle sehr erschütterte Gesundheit wiederherzustellen, soweit als es bei der Teilnahme an dem unglücklichen Schicksal meines Vaterlandes, dem ungewissen Erfolg des Krieges, dem tiefen Unwillen über die mich betreffende Mediatisierung möglich war. Ich beschäftigte mich, die Resultate meiner Erfahrungen über Bildung einer zweckmäßigen Verwaltung zu ordnen und niederzuschreiben.
