Lebenslauf eines deutschen Malers - Ludwig Richter - E-Book

Lebenslauf eines deutschen Malers E-Book

Ludwig Richter

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Beschreibung

Adrian Ludwig Richter war ein bedeutender Maler und Zeichner der deutschen Romantik und des Biedermeiers. Dies ist seine Autobiographie.

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Seitenzahl: 541

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Lebenslauf eines deutschen Malers

Ludwig Richter

Inhalt:

Ludwig Richter – Lexikalische Biografie

Lebenslauf eines deutschen Malers

Kinderjahre

Die Schule

Die Kriegszeit

Der alte Zingg und die Großeltern

Die Akademie. Graff. Schubert

Fortsetzung, und was Weiteres bis zur Reise nach Frankreich geschah, bis 1819

Reise nach Frankreich

Nizza, Paris und Heimkehr

Studienzeit 1820 – 23

Nach Rom!

Rom

Im Albanergebirge

Im Sabinergebirge

Rom 1824, Oktober bis Silvester

Rom 1825

Intermezzo. Reise nach Nettuno

Von Rom nach Pästum

Civitella

Der letzte Winter in Rom

Heimreise von Rom nach Dresden

Dresden 1827

Meißen 1828–1835

Dresden 1836–1847

Nachträge zur Biographie

Abbildungen

Bildanhang

Lebenslauf eines deutschen Malers , L. Richter

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN: 9783849633882

www.jazzybee-verlag.de

www.facebook.com/jazzybeeverlag

[email protected]

Ludwig Richter – Lexikalische Biografie

Maler und Zeichner, geb. 28. Sept. 1803 in Dresden, gest. daselbst 19. Juni 1884, erhielt den ersten Unterricht in der Kunst von seinem Vater Karl August R., einem geschickten Kupferstecher, an dessen landschaftlichen Stichen R. mitarbeitete, und nahm sich dann vornehmlich Chodowieckis Radierungen zum Muster. Nachdem er 1820 den Fürsten Narischkin auf einer Reise durch Frankreich als Zeichner begleitet hatte, verweilte er von 1823–1826 in Italien und erwarb sich bereits 1824 durch eine Gebirgslandschaft vom Watzmann allgemeine Anerkennung. Er schloss sich an die neudeutschen Meister, vornehmlich an J. Schnorr, an, der ihm als Vorbild für seine ideal aufgefassten, meist stilisierten Landschaften diente. In die Heimat zurückgekehrt, erhielt er 1828 eine Anstellung an der Zeichenschule in Meißen, wo er acht Jahre tätig war. 1836 wurde er an die Akademie nach Dresden berufen und hier 1841 zum Professor ernannt. 1876 trat er mit einem ihm vom deutschen Kaiser ausgesetzten jährlichen Ehrensold in den Ruhestand. Schon bald nach Beginn seiner Dresdener Tätigkeit begann er für den Holzschnitt zu zeichnen, zunächst seit 1838 für die von Marbach herausgegebenen »Deutschen Volksbücher«. Nach und nach fand seine künstlerische Tätigkeit immer mehr ihren Schwerpunkt in diesen Zeichnungen, denen er auch seine ungemeine Volkstümlichkeit verdankt. Er hat durch seine gemütvolle Schilderung des deutschen Lebens, seinen liebenswürdigen Humor und die Fülle seiner Phantasie als Illustrator epochemachend gewirkt. Unter der Fülle seiner Zeichnungen, die zugleich den deutschen Holzschnitt wesentlich fördern halfen, sind hervorzuheben die Sammlungen: »Beschauliches und Erbauliches, Goethe-Album, Vaterunser, Schillers Lied von der Glocke, Voer de Goern, Fürs Haus, der Sonntag, neuer Strauß fürs Haus, Unser tägliches Brot, Gesammeltes«. Eigentliche Textillustrationen lieferte er zum »Landprediger von Wakefield«, zu den Märchensammlungen von Musäus und Bechstein, zu Nieritz' Volkskalendern, zu Horns Schriften (besonders der »Spinnstube«), zu Studentenliedern und den von G. Scherer gesammelten Volksliedern, zu Hebels »Alemannischen Gedichten« etc. Sie wurden gesammelt im »Richter-Album«, von dem die erste Sammlung 1848, die zweite 1851 erschien (vielfach neu aufgelegt und vermehrt); die zu den Hornschen Schriften erschienen 1873–74 für sich in zwei Bänden. Die schönsten Originalzeichnungen besitzen die Berliner Nationalgalerie, die Dresdener öffentlichen Sammlungen, die Herren Cichorius in Leipzig und Flinsch in Berlin und die Tochter des Künstlers. R. hat auch eine große Anzahl Blätter, besonders Landschaften aus der Umgegend von Dresden, der Sächsischen Schweiz und den Umgebungen Roms, radiert. Von seinen Landschaften in Öl, die an einer etwas spröden Technik leiden, sind hervorzuheben: Gewittersturm am Monte Serone (1830, Frankfurt a. M., Städelsches Institut); Erntezug in der römischen Campagna (1833, Museum in Leipzig); Schreckenstein bei Aussig (1835, ebendaselbst); die Überfahrt am Schreckenstein (1837, Dresdener Galerie); Landschaft am Riesengebirge (1839, Berliner Nationalgalerie); der Brautzug im Frühling (1847, Dresdener Galerie). Er hat auch zahlreiche Aquarelle und Entwürfe für dekorative Malereien ausgeführt. 1898 wurde ihm auf der Brühlschen Terrasse in Dresden ein Denkmal (sitzende Bronzefigur von Kircheisen) errichtet. Vgl. Richters Selbstbiographie: »Lebenserinnerungen eines deutschen Malers« (hrsg. von seinem Sohn Heinrich R., Frankf. 1885; 10. Aufl. 1901, 2 Bde.); Hoff, A. L. R., Maler und Radierer (Dresd. 1877), Lehrjahre bei L. R. (Frankf. a. M. 1903) und R. als Freund (das. 1903); Gerlach, L. Richters Leben, dem deutschen Volke erzählt (Dresd. 1891); Mohn, Ludw. R. (4. Aufl., Bielef. 1906); Koch, L. Richter, ein Künstler für das deutsche Volk (Stuttg. 1903); »Katalog der Ludwig Richter-Ausstellung« (Dresd. 1903); »Ludwig R. an Georg Wigand. Ausgewählte Briefe« (an seinen Verleger, Leipz. 1903).

Lebenslauf eines deutschen Malers

Motto:

 Passieren deiht Jeden wat, un Jeden passiert ok wat Merkwürdigs, un wenn sin Lewenslop ok ganz afdämmt ward, dat ut den lewigen Strom en stillen See ward; hei möt man darför sorgen, dat sin Water klor bliwwt, dat Hewen un Ird sik in em speigeln kann.

Fritz Reuter

Festungstid

Kinderjahre

Am 28. September 1803 erblickte ich das Licht dieser Erde, und zwar in der Friedrichstadt, einer Vorstadt Dresdens, welche die Hautevolee zu ihrem Sitze nicht erkoren hatte. Auf der geraden und sehr breiten Friedrichstraße, welche bei der Kirche ins freie Feld endete, lag zwar das schöne Palais des Grafen Marcolini, in dessen Räumen sich einige Jahre später das welthistorische Ereignis abspielte, daß Kaiser Napoleon I. seinen Hut daselbst fallen ließ, welcher von Metternich nicht aufgehoben wurde, was dann seine große Bedeutung und noch größere Folgen hatte. Dies Palais nun ausgenommen – wir wohnten ihm schrägüber –, trugen die Häuser dieser ganzen Vorstadt mehr den Charakter einer kleinen Landstadt; auch wohnten viel arme Leute da.

Meine Eltern wohnten in den ersten Jahren ihrer Verheiratung daselbst auf der Ostrastraße. Und mein späterer lieber Freund Ernst Oehme hat mir in Rom, wo wir uns kennen lernten, mehrmals erzählt, wie er mich als Wickelkind herumgetragen habe, denn er war etwa sechs Jahre älter als ich, und unsere Mütter befreundet. Mein Vater war Zeichner und Kupferstecher und ein Schüler Adrian Zinggs von welchem ich auch meinen Vornamen Adrian bekommen habe, weil er mein Pate gewesen.

Das Verhältnis Zinggs zu seinen Schülern war eigentümlicher Art und erinnert noch an die Meisterschulen des vorigen Jahrhunderts. Er nahm Knaben in seine Schülerwerkstatt auf, welche Lust und Fähigkeit zur Kunst zu erkennen gaben, schulte sie zu einer sichern Handfertigkeit in einer scharf bestimmten Manier des Zeichnens und Tuschens, und zeigten sie sich endlich darin tüchtig, so erhielten sie je nach ihrer Brauchbarkeit einen monatlichen Gehalt und arbeiteten für ihn. So hatte er einige der besten Schüler noch in seinem Solde, als dieselben bereits sich verheiratet hatten. Der vorzüglichste derselben war mein Vater, welcher nicht allein Kupferplatten für ihn stach, sondern auch die großen Sepiazeichnungen, welche Zingg alljährlich auf die Kunstausstellung gab, komponierte und bis auf das letzte Tüpfel selbständig ausführte, unter welche dann der alte Zingg ganz naiv seinen Namen setzte. Es war dies auch gar kein Geheimnis, und Zinggs akademische Kollegen bezeichneten die Blätter als Zinggs Ausstellungsarbeit, von Richter gezeichnet. Die Eltern nahmen bald eine Wohnung in der Stadt, auf der äußeren Rampischen Gasse, wo der Vater näher zu dem Atelier Zinggs hatte, welches auf der Moritzstraße war.

Eine meiner frühesten Erinnerungen ist der Besuch bei Großpapa Müller, der ein kleines Kaufmannslädchen auf der Schäferstraße besaß und ein Haus mit sehr großem Garten. Auf dem Wege zu den Großeltern waren wir bei einem Hause vorüber gekommen, vor welchem ein schöner Rasenplatz mit vielen blauen Glocken- und weißen Sternblumen meine Aufmerksamkeit so gefesselt hatte, daß ich kaum von der Stelle zu bringen war. Als ich aber bei den Großeltern angelangt und regaliert worden war und vor dem Hause herumtrippelte – ich war etwa drei Jahre alt –, fielen mir die wunderbaren Sternblumen wieder ein, und ich wackelte in gutem Vertrauen fort, durch mehrere einsame Gassen, und gelangte auch richtig zu dem Gehöfte mit dem schönen Rasenplatz, wo ich denn für Großpapa einen prächtigen Strauß pflückte, und wieder fortmarschierte. Da ich aber nur vertrauensvoll meiner Nase nachging, diese aber vermutlich damals ein noch zu kleiner Wegweiser war, so brachte diese mich nach der entgegengesetzten Richtung auf weitem, weitem Weg in die Stadt. Ich war sehr verwundert, daß Großpapas Haus auch gar nicht kommen wollte, trotzdem es Abend wurde. Lebhaft erinnerlich ist mir's, wie ich kleines Wurm, den Blumenstrauß fest in der Hand, jämmerlich weinend, um Mitternacht auf dem im Mondschein ruhenden Altenmarkt stand, ein so winzig kleines Figürchen auf dem großen, öden Platze. – Da kam der Rettungsengel in Gestalt eines Ratswächters, den Dreimaster auf dem Kopfe und Säbel an der Seite, von dem im Schatten liegenden Rathause herüber, fragte mich und trug mich zu der in Todesängsten schwebenden Mutter; denn man hatte das verlaufene Kind bereits auf dem Rathause gemeldet, und mein wirklicher Schutzengel hatte mich glücklich davor hingeführt.

Ich will aber jetzt auf die Großeltern zurückkommen, denn beide, sowohl die von väterlicher wie mütterlicher Seite, repräsentierten noch die alte Zeit, das vorige Jahrhundert, und zwar in seiner kleinbürgerlichen Gestalt. Mir haben sich die Bilder von ihnen und ihrer Umgebung bis aufs kleinste lebendig erhalten; denn es waren charakteristisch ausgeprägte Typen bürgerlichen Kleinlebens, während die Dinge im elterlichen Hause viel mehr verblaßt sind, denn sie hatten das modern-nüchterne Gepräg der neuen Zeit, und übten unendlich weniger poetischen Reiz! – Die Müller-Großeltern wurden oft besucht. Das kleine Kaufmannslädchen, durch welches man den Eingang in das noch kleinere und einzige Stübchen nehmen mußte, war ein höchst interessantes Heiligtum. Das Fenster außen garniert mit hölzernen, gelb und orange bemalten Kugeln, welche Zitronen und Apfelsinen vorstellten, die aber niemals in natura vorhanden waren und auch bei der armen Kundschaft keine Käufer gefunden haben würden; dann der große, blanke Messingmond, vor welchem abends die Lampe angezündet wurde, und der dann mit seinem wunderbar blendenden Glanze das Lädchen zu einem Feenpalast verwandelte; die vielen verschlossenen Kästen, der anziehende Sirupständer, dessen Inhalt so oft in den schönsten Spirallinien auf das untergehaltene Dreierbrot sich ergoß, die Büchsen mit bunten Zuckerplätzchen, Kalmus, Ingwerblättchen, Johannisbrot – und schließlich der Duft dieser Atmosphäre: welche ahnungsvolle Stätte voll Herrlichkeit!

Endlich der Kaufherr selbst, mit baumwollener Zipfelmütze und kaffeebrauner Ladenschürze geschmückt, wie hastig und eifrig fuhr er in die Kästen, langte dem Barfüßler für 1 Pfennig Pfeffer, 1 Pfennig Ingwer, 1 Pfennig neue Würze und 3 Pfennig Baumöl freundlichst zu, der Barfüßler verschwand, und die Klingel an der Türe bimmelte unaufhörlich der ab-und zugehenden Kundschaft vor und nach!

Die Großmama, eine ruhige, etwas stolze Frau, bewegte sich gemächlich aus dem Stübchen zur Küche und aus der Küche in die Stube; und selten war sie anderswo zu erblicken; ich kann mich aber nicht erinnern, daß sie mit mir oder überhaupt viel gesprochen, oder das Gesicht einmal in andere Falten gezogen hätte; deshalb interessierte sie mich auch nicht. Mehr aber der alte Stahl, ein Holländer und Landsmann der Großmama, die eine geborene van der Berg war. Dieser erhielt einige Tage in der Woche den Tisch bei Müllers, saß dann tagüber am Fenster, ließ die Daumen umeinanderkreisen, und ich stellte mich gern vor ihm hin und bewunderte seine Perücke mit dem ehrwürdigen großen Haarbeutel, und besonders die blitzenden Stahlknöpfe auf dem hechtgrauen Frack. Er war ein Zeuge der Pariser Revolution, hatte bei der Schweizergarde gedient, und als diese am 10. August 1792 in Versailles meistens bei Verteidigung des Königs umgebracht wurde, war Stahl einer der Wenigen, welche glücklich entkamen. Er hatte sich mehrere Tage in einer Schleuse verkrochen und in Gesellschaft der Ratten zugebracht, bis er sich nachts zu einem Freund retten konnte. Das Entsetzlichste indes, was er erzählte, war mir die Mitteilung, daß man in seinem Vaterlande Käse sogar in die Suppe schütte, wobei ich freilich an unsere landläufigen spitzen Quarkkäse dachte, was mir Schauder einflößte.

Ein Hauptvergnügen verschaffte mir der dicke Stoß Bilderbogen, welche im Laden zum Verkauf lagen, und die ich alle mit Muße betrachten konnte. Außer der ganzen sächsischen Kavallerie und Infanterie war da auch »die verkehrte Welt« mit herrlichen Reimen darunter, das Gänsespiel, die Kaffeegesellschaft, Jahreszeiten u. dgl., alle in derbem Holzschnitt und grell bunt bemalt. Der ehrbare Meister und Verleger dieser Kunstwerke war ein Friedrichstädter Mitbürger, Rüdiger, den ich auch mehrmals mit ehrfurchtsvoller Bewunderung die Schäferstraße hinabwandelnd gesehen habe. – Großer Dreimaster, zwei Haarwülste und Haarbeutel, apfelgrüner Frackrock, Schnallenschuhe und langes spanisches Rohr, schritt er ehrenfest daher! – R. i. p., Freudenspender der Jugend, du Adam und Stammvater der Dresdener Holzschneider, ehrwürdiges Vorbild und Vorläufer!

Endlich der von den Nebengebäuden eingeschlossene Hof mit dem daranstoßenden, sehr großen Garten, welch ein Schauplatz süßester Freuden! Da wurde mit der Jugend der Nachbarschaft ein Vogelschießen veranstaltet, am Johannistag um eine hohe Blumenpyramide von Rosen und weißen Lilien getanzt, oben die herrlich duftende Vorratskammer besucht, wo die süßen Zapfenbirnen und anderes frisches und trockenes Obst in Haufen lagen, unten der Schweinestall mit seinen Insassen rekognosziert, und welch ein Festtag, wenn das Tier geschlachtet wurde! Zwar durfte ich bei dieser Exekution nicht zugegen sein und hörte die durchdringenden Seufzer nur von ferne; aber dann sah ich das schöne Fleisch gar appetitlich zerlegen, das Wellfleisch kochen, und das kleine, einfenstrige Wohnstübchen war für den Metzgermeister zum Wurstmachen hergerichtet. Ein Geruch von süßem Fleisch, kräftigem Pfeffer und Majoran durchwürzte die Luft, und welche Wonne, zu sehen, wie die hellen langen Leberwürstlein samt den teils schlanken, teils untersetzten oder gar völlig korpulenten Blut- und Magenwürslen in dem Brodeln des großen Kessels auf- und untertauchten, endlich herausgefischt und probiert wurden. – Wie lebendig wurde es dann im Lädchen, die Klingel bimmelte ohne Aufhören, denn »Müllers hatten ein Schwein geschlachtet«, und so kamen die Kinder in Scharen mit Töpfchen und Krügen, und immer wiederholte sich die Bitte: »Schenken Sie mir ein bißchen Wurstbrühe«, oder »für zwei Pfennig Wurstbrühe, Herr Müller!« Der cholerische, sonst gute Herr Müller konnte sich der Scharen gar nicht mehr erwehren, die Klingel bimmelte völlig Sturm, mit immer größeren Schritten lief er hinter der Ladentafel scheltend und polternd einher, und glich so wegen der Kürze des Raumes einem im Käfig herumtrabenden gereizten Tiger. Endlich stand die Zipfelmütze bolzgerade in die Höhe, und das Wetter brach los: »Ihr Racker, jetzt packt euch alle, nun kommt die Hetzpeitsche!« und im Nu stürzte und purzelte die ganze kleine Bande zur Ladentür hinaus, wobei einige der Kleinsten noch mit ihren Töpfchen übereinander fielen. Der gute alte Müller stand mit der drohenden Hetzpeitsche wie der Donnergott Jovis unter der offengebliebenen Tür, und als die Schar in die Ferne sich verlaufen hatte, schloß er diese dann eigenhändig!

Dies kleine Müllerlädchen mit seiner Kundschaft, die in einem armen Stadtviertel eine recht bunt-charakteristische ist, hat gewiß auf mein künstlerisches Gestalten in spätern Jahren viel Einfluß gehabt; unbewußt tauchten diese Geister alle auf und standen mir Modell.

Dies waren nun die Eindrücke aus der Menschenwelt. Der Garten bot nun anderes. Noch bis heute berührt mich der Anblick der Blumen – aber nur die allbekannten, welche ich in der Jugend sah, ganz eigentümlich und tief. In der Farbe und Gestalt, im Geruch und Geschmack mancher Früchte oder Blumen liegt für mich eine Art Poesie, und ich habe die Früchte mindestens ebensogern nur gesehen, als gegessen. Der Garten hatte Rosenbüsche in Unzahl. Wie oft guckte ich lange, lange in das kühle, von der Sonne durchleuchtete Rot eines solchen Rosenkelches, und der herausströmende Duft mitsamt der himmlischen Farbenglut zauberte mich in ein fernes, fernes Paradies, wo alles so rein, so schön und selig war! – Ich wußte freilich nichts von Dante; jetzt aber meine ich, er habe wohl auch in solche Rosenglut geschaut und kein besser irdisch Bild für seine Paradiesvision sich erdenken können, und in den Kelch setzt er die Reinste der Reinen!

Es stand am Ende des Gartens ein uralter Birnbaum, zwischen dessen mächtigen Asten ich mir einen Sitz zurecht gemacht hatte, und da stundenlang in dem grünen Gezweig träumerisch verbrachte, um mich die zwitschernden Finken und Spatze, mit welchen letzteren ich zur Zeit der Reise die Birnen teilte, die der alte Baum in Unzahl trug. Von diesem verborgenen Aufenthalt überblickte man den ganzen Garten, mit seinen Johannis- und Stachelbeersträuchern, den Reihen wild durcheinander wachsender Rosen, Feuerlilien, brennender Liebe, Lack und Levkoien, Hortensien und Eisenhut, Nelken und Fuchsschwanz – wer nennt alle ihre Namen! Dann zur Seite die Gemüsebeete, und über die Gartenmauer hinüber die gelben Kornfelder und die fernen Höhen von Roßtal und Plauen! Das war nun mein Bereich, wo ich mich einsam oder in Gesellschaft von Spielgenossen, oder tätig beim Begießen der Gurken, des Kopfsalats, der Zwiebeln und Bohnen beschäftigte.

Ob sich bei solch müßigem Treiben auf einem für das Kindesalter geeigneten reichen Schauplatze Phantasie und Gemüt nicht noch besser ausbilden sollte, als in den jetzt beliebten Kleinkindergärten, wo systematisch gespielt wird, stets mit »bildender« Belehrung und von »liebevoller Aufsicht« umgeben?

Die Schule

Es kam die Zeit, wo es angemessen erschien, die ersten Stufen des Weisheitstempels zu erklimmen; denn wer Birnbäume erklettert, muß auch über jene Stufen gelangen. Freilich hingen da nicht so süße Birnen in Fülle, wohl aber setzte es Nüsse zur Genüge!

Ich wurde also in die katholische Schule geschickt, welche ganz nahe am Zwinger stand, und welchen Raum jetzt das Museum mit seinen Schätzen deckt. An dem Flecke, wo jetzt die himmlische Sixtina schwebt, schwitzte ich über A B C und noch mehr über Einmaleins.

Ich kann nicht sagen, daß mich die Schule sehr erfreut hätte; sie stand auch für damalige Verhältnisse gewiß auf der untersten Stufe besagten Tempels, und ich kann mich nicht erinnern, etwas mehr als Lesen und Schreiben gelernt zu haben. Freilich mochte das auch Schuld des unfähigen oder unlustigen Schülers sein, welcher von der dritten Wissenschaft, dem Rechnen, auch nicht das geringste profitierte; denn alle seine Errungenschaften auf diesem Gebiete waren die oben angedeuteten und wohlverdienten Kopfnüsse in Unzahl.

Die Schiefertafeln, die schon so manchen armen Jungen zum »Malen« verführt hatten, übten auch auf mich ihren Reiz zu ungelegener Zeit, nämlich in der Rechenstunde, und in dem Moment, wo ich einen mächtigen Dampf gemacht, und im blinden Eifer des Komponierens halblaut gegen meinen zusehenden Nachbar ausrief: »Aber jetzt muß die Kavallerie einhauen!«, schlug das Rohrstöckchen ganz unbarmherzig auf mich los. »Ja, einhauen soll sie, einhauen soll sie!«, rief der hinter mir stehende Lehrer und übte recht tapfer in Wirklichkeit, was ich höchst unschuldig nur bildlich darstellen wollte. Die Tafel wurde, wie billig, konfisziert, und die große darauf konterfeite Bataille sollte dem Direktor, Pater Kunitz, als corpus delicti vorgelegt werden. Einstweilen wurde ich bei den Ohren genommen und an solchen bis zur Tür geführt, wo ich knien mußte, bis die Stunde aus war und die Reuezähren flossen. – Warum warst du auch so ganz blind in der infamen Bataille, und ließest dich von deinem Eifer sogar zu hörbarem Ausrufe verleiten! – aber es ist so – blinder Eifer schadet nur! –

Das einzige, worin ich in der Schule glänzte, war meine Schrift, daher Herr Stolze, der Schreiblehrer, mich auch nach Möglichkeit liebte und lobte und, wo er konnte, protegierte. Die großen, kunstvollen Vorschriften, welche ich gemacht hatte, mit großen »Zügen«, Schnörkeln und Mustern, hingen noch vor zehn Jahren unter Glas und Rahmen in der Klasse. Sobald ich indes die Schule verlassen hatte, gab ich mir alle Mühe, diese eingelernte sogenannte schöne Schrift wieder los zu werden; sie erschien mir höchst leblos und kalt. Eine individuelle Handschrift aber erfreut, sobald sie nur leserlich ist.

Es war Gebrauch der Schule, jeden Vormittag nach ihrer Beendigung in geordnetem Zuge zur Kirche zu gehen (welche sehr nahebei war) und die heilige Messe zu hören. Da ich aber kein Gebetbuch besaß, oder keines mitgenommen hatte, so betrachtete ich gewöhnlich während der ganzen Zeit das große Altarbild, die Himmelfahrt Christi von R. Mengs; daß aber Gott Vater so unbehilflich und unbequem von ihn umflatternden Engeln gehalten, getragen und gestützt wurde, erfuhr stets meine stille Mißbilligung, und ich versenkte mich desto lieber in den verklärten Ausdruck Christi und die Schönheit seiner ganzen himmlischen Erscheinung. Das Bild, jahrelang täglich gesehen, hat sich tief in die Seele gelegt.

Der Knabe, welcher mir zunächst kniete, hatte einst die Genoveva von Schmid (Verfasser der Ostereier) mitgebracht, und wir lasen da die schöne Geschichte während der Messe. Da es aber gar zu rührend wurde und meine Tränen allzu reichlich auf das Buch tröpfelten, wovon dann das dünne Löschpapier ebenso erweicht wurde, wie der Leser, und so dem Buche offenbar Schaden geschah, so mußten wir die Lektüre in der Kirche schließen, ehe die Geschichte zu Ende war. Auch war der Lehrer, der von ferne mein beträntes Gesicht bemerkt hatte, über meine ungewöhnliche Andacht aufmerksam geworden.

Ob aber der warme Anteil an dem Schicksale eines frommen, verleumdeten Weibes und ihres armen Kindes, ihr heiliges, unschuldiges Leben in der Wildnis und das Hervorleuchten göttlicher Führung am Schluß der Erzählung nicht erbauender gewirkt hat, als die mir damals wenig verständlichen Gebete seichter Andachtsbücher, ist mir kaum zweifelhaft.

Einen anderen Ausweg, die Langeweile in der Messe, deren Bedeutung ich nicht verstand, zu vertreiben, fand ich endlich darin, für die armen Seelen im Fegefeuer zu bitten; ich glaubte dadurch ganz unbemerkt etwas wesentlich Gutes wirken zu können mit meinen schwachen Kräften; ja es beglückte mich der Gedanke, daß die armen Seelen, denen ich durch meine Fürbitte Linderung ihrer Leiden gebracht, auf mich armen kleinen Jungen recht dankbar herabsehen würden, zumal wir uns gegenseitig unbekannt waren. –

Der Religionsunterricht war ebenso mangelhaft wie alles übrige; trockene Definitionen, die ich nicht verstand und mich auch nicht interessierten, Aufzählung der göttlichen Eigenschaften, der drei Haupttugenden, der sieben Todsünden, die Gebote der Kirche und dergl. Alles wurde dürr abgeleiert, nichts warm ans Herz gelegt und durch Gleichnisse und biblische Geschichten anschaulich gemacht, und so blieb das religiöse Bedürfnis, das vorhanden war, unbefriedigt und ungenährt.

Der Weg zur Schule war ein ziemlich weiter, und so bestellten meine Eltern mir einen Mentor, namens Gabriel Holzmann, ein älterer und armer Junge aus der Nachbarschaft, welcher ebenfalls die katholische Schule besuchte und mich gegen eine kleine Vergütung abholen und zurückbringen mußte. Mit dem Engel Gabriel, welcher ja dem jungen Tobias auch zum Mentor bestellt war, hatte Holzmanns Gabriel indes keine Ähnlichkeit, weder äußerlich noch innerlich. Auf ein Paar schmutzigen Nankinghosen saß eine schäbige, apfelgrüne Jacke, und diese Jacke gipfelte in einen Spitzkopf, ein rotes, im Winter veilchenblaues Gesicht mit nur einem Auge, das andere schimmerte weißlich, wie eine mit Papier verklebte runde Fensterscheibe, ganz oben auf dem Dache strohgelbes, kurzborstiges Haar. Dieser stark kolorierte Jüngling Gabriel war aber ein harter Tyrann und hatte mich dadurch in seiner Gewalt, daß er, wenn ich seinen Willen zu tun mich weigerte, mit der Drohung hervorrückte, irgend welches meiner Vergehen den Eltern mitzuteilen, und mir die darauf folgende Strafe sehr lebendig ausmalte. So gebot er mir an einem Palmsonntage, wo ich einige Zweige geweihter Maikätzchen (die pelzige Blüte der Weidenbüsche) aus der Kirche brachte, drei dergleichen Kätzchen zu verschlucken; wer das tue, bekomme das ganze Jahr kein Fieber und keine Halsschmerzen, und es sei Sünde, wenn man es unterlasse. Da ich dergleichen Übel noch nie gehabt hatte, so sah ich die Notwendigkeit nicht ein, diese pelzigen Dinger zu verschlucken. Es half aber kein Bitten, und unter vielen Tränen schluckte und würgte ich drei Stück hinunter.

Bedenklicher aber war ein anderer Versuch, seine Herrschaft zu üben. Es gab damals in Dresden ein etwas konfuses Original, einen heruntergekommenen ehemaligen Buchhändler, namens Helmert, auch Diogenes genannt. Dieser betrieb sein antiquarisches Geschäft auf dem Neumarkt, an und auf dem großen Wassertrog, welcher vor der Salomonis-Apotheke stand. Ringsherum auf den nassen Stufen des großen Bassins, sowie auf dort aufgestapelten Tonnen und Fässern lagen seine Scharteken und Landkarten ausgebreitet und verzettelt umher, und eine große Anzahl Kinder war um den Alten herum, blätterte in den Büchern und trieb Unfug mit ihm. Ein verschrumpftes Hutfragment ohne Krempe bedeckte sein struppiges graues Haupt, eine grobe Pferdedecke umgab ihn als Tunika, und darunter umhüllte ihn noch eine Art Kittel, mit einem Strick festgebunden; dies war sein ganzes Kostüm. Wäsche hatte er nicht. Meist jammerte er mit weinerlicher Stimme über die ihn umtobende Brut; manchen Liebling belohnte er auch, wenn er ihm einen kleinen Dienst geleistet, mit einem Buch oder einer halben Landkarte. Da mein Weg täglich bei seinem Trödel vorüberführte und ich ein großer Bücherfreund war, so besah ich mir oft, was da herum lag, kaufte auch manchmal irgend ein billiges Werkchen, wenn es nicht mehr als drei bis sechs Pfennige kostete.

Einst stand ich mit Gabriel Holzmann auch daselbst und sah dem Toben und Treiben etwas von ferne zu, als dieser mir befahl, ein kleines Broschürchen, was ganz seitab im Nassen lag, ihm herüberzuholen. Ich mußte wohl die Ahnung haben, daß Holzmann auf diese Weise nicht sowohl kaufen als annektieren wollte, was man aber damals noch »mausen« nannte. Ich weigerte mich aber entschieden, einen solchen kühnen Griff zu tun, denn ich wußte ja, daß dergleichen unrecht sei. Seine Drohungen steigerten sich aber nach und nach zu einer für mich so entsetzlichen Höhe, daß ich endlich doch unter vielen Tränen das schmutzige, nasse Opus kaperte und ihm überbrachte. Aber diesmal ließ mir mein Gewissen keine Ruhe; ich gestand mein Vergehen der Mutter, die Mutter teilte es dem Vater mit, und der Vater gab dem Mentor andern Tages den Abschied, und von da an ging ich allein nach der Schule.

Als ich in späteren Jahren von Rom zurückkam, sah ich besagten Holzmann, der bereits Gatte und Vater geworden war, als »Brezeljungen« an der Apotheke stehen, seinen großen Brezelkorb auf dem Rücken.

Nach einiger Zeit führte ich aber meinen jüngeren Bruder Willibald denselben Schulweg, wartete auf ihn, bis seine Klasse aus war, und ging mit ihm Hand in Hand unserer Wohnung zu.

Wir mochten komisch genug aussehen, besonders da wir ganz gleich gekleidet waren. Es war Winter, und außer den beiden gleichfarbigen Pelzmützen prangten wir mit gleichen Mänteln, die von Richter-Großvaters altem Mantel von braunem Kapuzinerkuttenstoff gemacht waren. Jeder trug ein Paar Fausthandschuhe an grünen Bändern befestigt; sie dienten jetzt zur Winterzeit nicht allein zum Wärmen der Hände, sondern hatten auch im Gesicht zu funktionieren. So strebten wir mit unserm Ränzel auf dem Rücken ehrbar nach Hause, wurden aber häufig in der Nähe des Prinzenpalais von einem Kometenschweif lutherischer Schulknaben in unserer Bahn gekreuzt und irritiert. Sie »stellten uns«; neckende, anzügliche Redensarten flogen herüber und hinüber, ähnlich den Aufforderungen, welche die Helden von Troja ihren Kämpfen vorangehen ließen, bis schließlich ein kleiner, kühner Ketzer uns mit weithallender Stimme »katholische Möpse« titulierte, worauf die Geduld zu Ende war und ein heftiges Handgemenge alle bunt durcheinander brachte. Schneeballen flogen, Lineale und Bücherbände arbeiteten wacker, und endlich wurden wir Katholischen aufs Haupt – vulgo auf die Pelzmütze – geschlagen und mußten, unter Wiederholung obigen Prädikats verfolgt vom ganzen Chor, den Rückzug antreten. Dies waren die ersten und heftigsten konfessionellen Streitigkeiten, die ich zu bestehen hatte.

Eine zweite, weniger auf-als anregende Haltestation wurde auf der Schloßgasse gemacht vor Herrn Peter Röslers Kunstladen, an welchem ein buntgemalter sächsischer Dragoner und einige alte Kupferstiche das kunstliebende Publikum anlocken sollten.

Wie still und öde war die breite Schloßgasse; nichts von all den glänzenden Schaustellungen zu sehen, die jetzt den Blicken sich aufdrängen. Aber das Wenige und an sich Geringe zog um so mehr den Blick auf sich und prägte sich tief ein, während jetzt das Viele und Vielerlei, zur stumpfen Gewohnheit geworden, kaum imstande ist, die zerstreuten und übersättigten Sinne auch nur für einen Augenblick flüchtig zu reizen. Kurz und gut, Peter Röslers rotrockiger Dragoner tat seine Wirkung.

Endlich war dritte Haltestation am Eingange des alten, dunklen Pirna'schen Tores. Da klebte der Theaterzettel. Er wurde regelmäßig studiert, obwohl ich noch kein Theater gesehen hatte und ich weiß nicht was für eine Vorstellung davon haben mochte, auch keine Aussicht auf ein solches Vergnügen vorhanden war. War nun besonders eine große Zahl handelnder Personen darauf verzeichnet, so steigerte sich das Verlangen nach solchem Schauspiel mächtig und die Phantasie versuchte aus dieser Personenliste, ihren Namen und Bezeichnungen ein Gewebe herrlicher Begebenheiten zusammen zu komponieren.

In dieser Zeit war es auch, wo mein Vater öfter gegen Abend ein Paket mit Kupferstichen heimbrachte, welche er aus einer Auktion eines verstorbenen Kollegen billig erstanden hatte, und damit den Grund legte zu einer ganz hübschen Sammlung von Stichen und Radierungen, die mir noch späterhin eine unschätzbare Quelle der Freuden und künstlerischen Bildung wurde. Die Mutter schien diese Freude zwar weniger zu teilen; denn sie mochte in der Stille die kleinen dafür verausgabten Summen überschlagen, welche für die Hauswirtschaft nötiger angebracht gewesen wären; aber sie mußte sich doch über des Vaters überströmende Begeisterung freuen, der über die alten vergilbten Blätter in Wonne und Seligkeit fast zerfließen wollte, und welcher in seinem ältesten Sprößling bereits eine sympathisierende Seele gefunden hatte. Das große und das kleine Gesicht war über solch ein Blatt gebeugt, und bald sah ich die Radierung an, bald meinem Vater in die freudestrahlenden Augen, als wollte ich seine Begeisterung wie ein kleiner Schwamm aus seinem Anblick aufsaugen. Wie strömten da seine Worte, wie wußte er die Schönheiten dieser Kunstwerke hervorzuheben und mich darauf aufmerksam zu machen! – Welche Mitteilungslust und-drang war über den sonst schweigsamen Vater gekommen; die Kunst muß doch etwas ganz Großes und Gewaltiges sein, daß sie die Herzen so warm und lebendig machen kann, dachte ich dabei!

Um diese Zeit wird es auch gewesen sein, wo ich öfter die Professoren Graff und Zingg gesehen habe. Es war dies in einem Bier- und Kaffeegarten des bayrischen Brauhauses, wo beide mit meinem Vater sich zuweilen einfanden. Der ernste, bedächtige Pate Zingg und der lebhaft sich bewegende, heitere Graff befanden sich da mit anderen etwas jüngeren Künstlern recht behaglich bei ihrem Glase Bier und einfachen Abendbrote. Beide waren alte Junggesellen. Mich interessierte aber der blinde Harfner, der in der Nähe unter den Linden saß und bald seine Balladen, bald neckische Volkslieder zum besten gab, mehr als die Gespräche der alten Herren, weshalb ich mich bei jedem Liede vor ihn hinpostierte, als wollte ich ihm die Worte aus dem Munde zählen.

Die Kriegszeit

An einem schwülen Sommerabend des Jahres 1811, es dunkelte schon, sahen wir einzelne Gruppen Leute auf der Straße stehen und in einer Richtung nach dem Himmel schauen. »Sie werden den Kometen sehen«, sagte mein Vater, nahm mich bei der Hand und führte mich auch hinunter. Da sahen wir auch auf und sahen das Himmelszeichen. Ein großer Stern, einen langen Feuerschweif hinter sich herziehend, stand über unsern Häuptern, und schimmerte so unheimlich geisterhaft über den dunklen Häusern. Von den so fernen Wohnstätten des Friedens strebte er herab auf die unruhigen, bewegten Länder und Völker, und die Leute versahen sich nicht des Besten von den kommenden Tagen.

Das Prophezeien von Krieg und Heereszügen mochte in jenen Tagen nicht schwer sein; denn seit Anfang des Jahrhunderts hatte ja der gefürchtete, dämonische Mann in Europa alles durcheinander gerüttelt, und Deutschland seufzte unter seiner despotischen Faust. – Ein armer, hektischer Schuhflicker, der im Hinterhause wohnte, trat auch zu der Menschengruppe und erklärte einigen alten Frauen, wie von diesem schrecklichen Krieg die Offenbarung Johannis ganz genau berichte, ja selbst den Namen des französischen Kaisers deutlich nenne, der uns all das Elend bringe. Auf Hebräisch heiße er Abbadon, auf Griechisch Apollon – und die Franzosen nennen ihn Napolion. Er habe es gestern abend selbst gelesen. –

Der Krieg gegen Rußland brach los. Am 16. Mai, dem Vorabend des Pfingstfestes, wurde der Kaiser Napoleon erwartet. Schon nachmittag ging ich mit meinem Vater aus, um das Eintreffen der Franzosen zu sehen. Wir postierten uns am Postplatz; denn sie wurden von Freiberg her erwartet. Die Straßen waren von Menschen erfüllt, die Bürgergarde hatte bis in die Stadt hinein Spalier gebildet. Endlich kamen Leute und riefen, auf den Höhen von Roßtal sei alles schwarz, da kämen sie herunter. (NB. Das alles muß in einem Ton erzählt werden, wie es ein Kind erzählt, das andere Eindrücke von den Dingen aufnimmt, als ein Altes. Märchensprache.) Nach einer Stunde endlich hörte man das Rasseln der Trommeln und die Feldmusik, und nun erschien mit Staub bedeckt die Vorhut, der ein Regiment um das andere folgte. Erst nachts 11 Uhr kamen die prachtvollen Garden, die polnischen Ulanen, die Nobelgarde in Silber glänzend bei dem Schein der Kienkörbe und Fackeln, die längs der Straßen aufgestellt waren. Besonders wunderbar kam mir eine Schar Mamelucken vor. Der Kaiser war in einem Wagen mit seiner Gemahlin. Trompetenschmettern, Trommelrasseln, das Läuten aller Glocken und Kanonendonner dazwischen, Vivatrufen der Volksmenge – das alles mußte mich wohl in so später Stunde munter erhalten.

Von dieser Zeit an gab es nun immer Neues zu sehen und zu erleben. Truppenzüge aller Art, Illuminationen und Feuerwerke, Tedeums und Monarcheneinzüge; es drängte ein Ereignis das andere, nur kannte ich deren Bedeutung nicht, oder nur im allgemeinsten. Ich hatte meine Freude an den bunten Schauspielen. Die Schule konnte ich wegen der weiten Entfernung wenig und später gar nicht mehr besuchen, und lag viel am Fenster, wo es immer etwas zu sehen gab.

Wir bewohnten zu jener Zeit eine Etage im Goldenen Löwen, oben am Elbberge gelegen, und konnten somit die ganze Amalienstraße bis zum Pirna'schen Tore und rechts den Elbberg hinab bis nach Neustadt sehen. Die Promenaden existierten auch noch nicht, sondern statt dieser ein Stadtgraben, und drüben die Wälle der hohen Stadtmauer, mit Schanzen versehen und mit hohen Bäumen bewachsen. Dies war unser vis-à-vis.

Anfang Mai, als die Stadt von Russen und Preußen besetzt war, kursierten Gerüchte von einer bei Lützen zum Nachteil der Alliierten ausgefallenen Schlacht. Am 8. Mai waren die Truppen abgezogen, es war leer und still auf den Straßen. Die lange Amalienstraße bis zum Pirnaer Tore, die wir vom Fenster aus übersehen konnten, lag ganz verödet vor uns. Die Häuser waren geschlossen. Da kamen noch in vollem Jagen einige Kosaken die Straße herab, und an dem Pferdeschweif des letzteren hielt sich ein russischer Landwehrmann, der mit dieser zwar schnellen, aber unbequemen Gelegenheit sein Fortkommen suchte. Sie waren in der Nähe unseres Hauses und verschwanden in die Ziegelgasse, um über die Blasewitzer Schiffsbrücke zu entkommen, als auch schon ein Vortrab französischer Husaren aus dem Innern der Stadt kamen, dem bald das Regiment folgte. Einige Stunden später sahen wir die brennende Schiffsbrücke geschwommen kommen, welche die Russen hinter sich angezündet hatten.

Einst wurde eine Abteilung Franzosen an der Elbe einquartiert; in Neustadt standen aber die Russen, welche auf die sich hinabschleichenden Franzosen schossen. Die Kugeln pfiffen scharf durch die Luft, und die Soldaten, welche sich an unser Haus quer über die Straße gestellt hatten, duckten sich lachend, wenn ein solcher Pfeifer zu hören war, und die Kugeln schlugen regelmäßig in eine hinter ihnen stehende Bretterwand, wobei dann höhnende Gebärden und lautes Gelächter den über der Elbe stehenden russischen Jägern antwortete. Einmal aber wurde einem Franzosen der Tschako vom Kopfe geschossen; der Mann lachte und hob ihn wieder auf, war aber doch etwas blaß geworden. – Der Vater trieb mich nun auch vom Fenster, gleichwohl guckte er selbst immer wieder vorsichtig hinab, wo ich denn allemal nachging und ebenfalls neugierig lauschte. Da aber endlich doch eine Kugel durch eine der oberen Fensterscheiben platzte und in die Wand fuhr, zogen sich Vater und Sohn vollständig zurück.

Die Mutter war um diese Zeit mit dem jüngeren Bruder Willibald und einem Schwesterchen (Hildegard) in der am anderen Ende der Stadt gelegenen Friedrichstadt bei ihrem Vater, dessen Frau (die Stiefmutter) infolge einer Operation gestorben war. Der arme Müller-Großvater war in dieser schlimmen Zeit ganz allein und wußte sich gar nicht zu helfen; deshalb versah die Mutter das Haus, und der gute Vater, bei dem ich blieb, hoffte wohl so leichter durchzukommen; denn an Arbeiten war selten zu denken, auch gab es nichts für ihn zu tun, und es ist mir heute noch rätselhaft, wie er, arm, ohne Verdienst, ohne Hilfe von irgend einer Seite in dieser schlimmen Zeit durchkommen konnte. Die Einquartierung hörte nun gar nicht mehr auf. Wir beide hatten nur eine Stube zu unserem Gebrauch, die andere, wie Kammer und das Vorhaus, lagen fast stets voll Soldaten; der Boden war mit Stroh bedeckt, worauf sie schliefen; Gewehre und Montierungsstücke, Kommißbrot und Patronen und was weiß ich lag alles bunt durcheinander. Eine Zeitlang hatten wir dreizehn Mann auf einmal in unserem beschränkten Raum; denn der gutherzige Vater hatte auch die Mannschaft noch zu sich genommen, welche zwei über uns wohnenden Witwen zukam. Diese hatten ihre Türen verschlossen und beschworen meinen Vater, die Männer bei sich aufzunehmen; sie könnten als einzelne Witfrauen doch unmöglich in einer Stube mit den Soldaten zubringen; sie versprachen, ihm zu helfen und beizustehen in der Verpflegung derselben, so gut sie es vermöchten. Und so geschah es.

Bei all diesen Drangsalen der Zeit, dem gänzlich zerrütteten und zerrissenen Familienleben, der bitteren Geld- und Lebensmittelnot, sah es doch oft lustig genug in der Küche aus. Vater stand am Herd und rührte in einem riesengroßen Topfe, mit Reis- oder Kartoffelbrei gefüllt; die alten, freundlichen Weiblein spalteten Holz, stießen Pfeffer im Mörser, rieben harte Semmeln auf dem Reibeisen, wuschen die Teller, holten Wasser, lachten und schäkerten, während die Soldaten, ihre Gewehre auseinandergenommen, putzten, ölten, ihr Riemenzeug in Glanz brachten und außerdem durch Pantomime und gegenseitiges Kauderwelschen Gespräche führten (denn von uns verstand niemand Französisch, jene nicht Deutsch), die äußerst komisch anzusehen und zu hören waren.

Einstmal wurden von der Schiffbrücke unten an der Elbe gewaltig große Viehherden die Gasse herausgetrieben, welche von den Truppen aus der Gegend von Bautzen zusammengeraubt waren und zur Verpflegung des Heeres dienen sollten. Das Vieh drängte sich in dichten Massen den Elbberg herauf, und die Einquartierung stand in der Haustür und sah der Sache zu. Ein verschmitzter Franzose, er war seines Handwerks Metzger gewesen, bespricht sich schnell mit seinen Kameraden, sie locken ein paar schöne Kühe ins Haus, werfen den Torweg darauf zu und bringen die Braune und die Schwarze in den Hof des Hinterhauses. Ehe die Tiere sich durch Brüllen verraten können, wird ihnen durch einen Schlag vor den Kopf der Garaus gemacht, die Haut abgezogen, und mit größter Behendigkeit und kunstgemäß das Fleisch zerschnitten und jedem Soldaten im Hause sein Teil geliefert. Während dieser sehr belebten Szene guckte aus jedem Fenster des Hinterhauses eine Haube oder Zipfelmütze, je nachdem Maskulinum oder Femininum da wohnte, und jedwedes freute sich des herrlichen Fleisches, welches in solchen Massen lange Zeit die Küchen nicht beglückt hatte und die ergötzlichsten Mahlzeiten in Aussicht stellte. Da wir nun dreizehn Mann hatten, worunter auch der lustige Metzger selbst war, so war unser Anteil natürlich ein sehr reichlicher. Ein ziemlich großes Waschfaß wurde benutzt, noch am späten Abend das viele Fleisch darin einzupökeln, was dann die uns alliierten Frauen eifrigst und trefflich besorgten. Ein Rest, der noch übrig war, wurde zum baldigen Kochen und Braten beiseite gelegt; auch kam ganz zuletzt ein gutmütiger Hesse, der ebenfalls bei uns in Quartier lag, und brachte ein großes Stück lappiges Fleisch, Haut und viel Knochen und beklagte sich, wie die Franzosen unter sich das gute Fleisch verteilt und ihm, dem Deutschen, – wie immer – den schlechten Rest zugeteilt hätten.

Die anderen Frauen des Hauses hatten ihren Anteil ebenfalls aufs beste eingepökelt, und spät ging man nach dieser unverhofften Tätigkeit zwar müde, aber mit der lachenden Aussicht auf nahrhafte Tage, zu Bett.

Aber der Verräter schläft nicht, sagt das Sprichwort und so hatte auch irgend eine mißgünstige Person, die vielleicht zu kurz bedacht worden war, nichts eiliger zu tun, als die Sache anzuzeigen. So geschah es, daß nach einem etwas längeren Schlaf als gewöhnlich und nach einem holden Traum vom »schönen Sonntagsbraten«, da alles so vergnügt noch beim Kaffee saß und von den gestrigen Errungenschaften sprach, die erschreckende Meldung kam, die sämtlichen Hausbewohner haben allsogleich – bei Strafe – das Fleisch bei der Behörde abzuliefern. Es währte nicht lange, so sah man einen Trauerzug; mit wehmütiger Gebärde trugen die Weiber ihre Fäßlein mit dem Eingepökelten über die Straße nach dem Militärbureau, um es daselbst auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen und dafür einen gnädigen Verweis und schadenfrohes Gelächter in Empfang zu nehmen. Wir allein kamen gut dabei weg; denn Papa hatte als erfindungsreicher Odysseus und in Übereinstimmung unserer Mannschaft den Ausweg getroffen, den Rest des Fleisches samt der großen Haut- und Knochenmasse unseres guten Hessen abliefern zu lassen, während das gefüllte Waschfaß ruhig im Keller versteckt blieb und uns noch manche gute Mahlzeit lieferte.

Ende August (1813) näherten sich die Alliierten mit einem Heere von 200000 Mann der Stadt. Am 25. donnerten die Kanonen in der nächsten Umgebung. Des Nachts leuchteten die Wachtfeuer der Russen und Österreicher von den Anhöhen und die Leute fürchteten einen Sturm auf die Stadt. Kanonen rollten durch die finsteren Straßen, es war ein unheimliches Treiben und Getöse in dieser schauerlichen Nacht, die allen Bewohnern den Schlaf verscheuchte. Keine Turmuhr durfte schlagen. Mit Angst und Spannung wartete man der Dinge, die da kommen sollten.

Endlich brach der Morgen an, und bald erzählte man, Napoleon komme von Bautzen her an der Spitze der großen Armee. Nach Mittag kamen denn auch im Eilmarsch die Regimenter die breite Amalienstraße herab, und ich lief hinunter und postierte mich an ein Eckhaus, um alles in der Nähe zu sehen. Wie erschöpft sahen die armen Menschen aus, welche zehn Meilen ohne Rast marschiert waren! Bleich, hohläugig, ganz mit Staub überzogen – (die junge Garde), und viele riefen im Vorübereilen mit heiserer Stimme nach Wasser, das ihnen niemand reichen konnte, denn es ging unaufhaltsam rasch vorwärts, den Ziegel- und Pillnitzer Schlägen zu, vor welchen sie zu kämpfen hatten.

Immer neues Trommelgerassel und Feldmusik verkündete neue Abteilungen. Plötzlich sah ich einen Trupp glänzender Generale und höherer Offiziere, und ihnen voran, ruhig vor sich hinsehend, wie ein Bild von Erz, den Kaiser, – ganz so, wie sein Bild stereotyp geworden ist: der kleine, dreieckige Hut, der graue Überrock, der Schimmel, den er ritt! Ich gaffte den Gewaltigen mit großen Augen an, und obwohl ich weiter nichts begriff, als daß er der Mann sei, um den sich alles drehe, wie um eine bewegende Sonne, so habe ich doch den Ausdruck dieses Gesichts nicht vergessen. Ein unbewegliches und unbewegtes Gesicht, ernst und fest in sich gesammelt, doch ohne Spannung. Sein Ich war die Welt, die Dinge um ihn nur Zahlen, mit denen er rechnete. Schon donnerten die Kanonen; denn man stürmte die Schanzen vor dem Ziegelschlage, und jetzt führte er Tausende von Ziffern ihnen entgegen.

Ich lief nun schnell hinauf zum Vater, und dieser stieg mit mir und anderen Hausbewohnern auf den Dachboden, wo wir durch die kleinen Fenster die Gegend nach Blasewitz, den Großen Garten und Räcknitz übersehen konnten.

Die Kanonade hatte schon begonnen, es entwickelten sich immer mehr die dunklen Linien der Infanterie, welche sich aufstellten. Endlich begann auch das Musketenfeuer, ein fortwährendes Knattern, unterbrochen von dem ferneren und näheren Donner des Geschützes. Lange Streifen Pulverdampfes stiegen über den Linien der Infanterie, dicke Wolkenmassen da auf, wo Batterien standen. – Der Kampf wurde heftiger und gewaltiger; es war zuletzt ein Knattern, Krachen und Tosen grauenhafter Art, ohne die geringste Unterbrechung. Das Dorf Strehlen, was vor uns lag, ging in Feuer auf. Es war von Russen besetzt, und die Granaten der Franzosen schossen es in Brand. Da aber einzelne Kanonenkugeln auch in die Nachbardächer hineinschlugen und Ziegel- und Sparrwerk splitternd umherflog, ja eine Granate in eine Stube des Hinterhauses einschlug und zurückorallend im Hofe zerplatzte, so eilte alles, was Beine hatte, in den Keller, wo man vor den Kugeln gesichert war. Da saß denn die ganze bunte Gesellschaft (der alte Magister Erbstein, Frau Naumann, die lustige, hübsche Bierschrötersfrau usw.) bei der höchst spärlichen Beleuchtung eines Küchenlämpchens im Kreise herum auf Fässern, Kisten und Klötzen, wie es sich eben machen wollte, besprachen ihre Not und trösteten sich gemeinsam. Es war eine kleine Rembrandtsche Szene!

Dann und wann schlich sich einer der Hausväter kundschaftend hinaus. Die Straßen waren öd und leer, wie ausgestorben, aber ein dumpfes, fernes Donnern, vom näheren Krachen der Geschütze unterbrochen, rollte ununterbrochen um die geängstete Stadt. In dem kühlen und düsteren Kellerraum wurde es für die Länge unerträglich. Innerlich waren alle in höchster Spannung und Erregung, äußerlich aber so ganz untätig, bis endlich die kleine, alte Witfrau ein verborgen gehaltenes Kleinod aus ihrem Keller herbeiholte, eine Flasche von ihr aufgesetztem Kirschschnaps. Dies brachte wieder Leben in den Kreis, die Vorstellungen, die fieberhaft ins Unbestimmte schweiften, wurden durch einen nahen, greif-, fühl- und schmeckbaren Gegenstand gefesselt, und der Papa, welcher stets einen guten Humor hatte, brachte wieder Leben in die Gesellschaft; ja sie wurden sogar heiter und singen an, über das Wunderliche ihres Zustandes zu scherzen und zu lachen.

Endlich gegen Abend wagten wir uns wieder hinauf in die Wohnung. Beim Dunkelwerden verstummte der Kampf mehr und mehr. Die Straßen füllten sich mit Truppen, man brachte Verwundete. Einen der bei uns einquartierten Franzosen, einen alten Artilleristen, sahen wir verwundet auf dem Protzkasten seines Geschützes liegend vorüberfahren; er winkte freundlich nach uns heraus. Es war nun ein Leben und Treiben in den dunklen Straßen, was mit der vorhergehenden Öde seltsam kontrastierte. Die Munitions- und Pulverkarren samt Geschütz rumpelten und rasselten wieder auf dem Straßenpflaster. Die Truppen lagen auf den Gassen und Plätzen und füllten die Häuser. Es waren ja 100000 Mann, welche nun die Stadt schützten. Am andern Tage, der grau und trüb anbrach und endlich sich in strömenden Regen ergoß, begann der Kampf von neuem. Doch tobte er weniger in unserer Nähe, und nur aus den Dachlucken konnten wir die Höhen von Räcknitz sehen, wo die Russen standen und Moreau an diesem Tage an der Seite Alexanders so tödlich verwundet wurde.

Am zweiten Tage nach der Schlacht ging ich mit dem Vater zum Ziegelschlage hinaus, das Schlachtfeld in unserer Nähe zu besehen. Schon am Schlage lagen mehrere Franzosen in einem Graben, und einer derselben fiel mir deshalb besonders auf, weil eine Kanonenkugel ihm den Schädel in zwei Hälften zerrissen hatte, deren eine noch am Körper, die andere daneben lag. Diese dünne zersprungene Schale, die mir wie ein Kürbis vorkam, machte mich ganz ängstlich für meinen eignen Kopf, der mir nun höchst zerbrechlich vorkam.

Obwohl man schon Tags vorher beschäftigt gewesen war, die Verwundeten fortzuschaffen – man legte sie gewöhnlich auf mit Stroh bedeckte Leiterwagen – so lagen doch außer den Massen der Toten noch unzählige Verwundete und Sterbende herum. Wir gingen den Weg nach Blasewitz zu, der damals öd und sandig und unbebaut war. Auf einem Hügel, wo eine russische Batterie gestanden hatte, lagen ganze Haufen toter und zum Teil gräßlich verstümmelter Gestalten. Wir gingen nicht ganz in die Nähe, denn es schauderte uns, das Gewimmer zu hören. Es war gerade der Wagen da, auf welchen die Verwundeten gebracht wurden, und daß dies nicht sanft und mit Schonung geschah, läßt sich bei solchen Massen, welche fortzuschaffen waren, leicht denken. – Eine Erscheinung aber ist mir heute noch wie ein wilder Traum lebhaft im Gedächtnis, obwohl ich sie nicht zu erklären weiß. Einer der Verwundeten, ein russischer Artillerist, schrie so furchtbar und schnellte sich dabei von dem Boden soweit in die Höhe, daß ich, der ich unten am Hügel stand, zwischen ihm und dem Erdboden über eine Elle den Horizont sehen konnte. Wir hörten, es seien ihm beide Augen ausgeschossen, und dieses in die Höhe schnellen sei ein Krampf infolge des Schmerzes. – Wir wandten uns schaudernd ab und hörten bald darauf einen Schuß fallen! Die Leute hatten sich seiner erbarmt!

Jetzt kamen wir an eine Sandgrube, in welcher ebenfalls eine Menge toter Russen lagen. Ein altes krummes Mütterchen hatte sich uns angeschlossen. Sie hatte ein so trauriges Gesicht, sah wie Not und Jammer aus und trug in einem Handkorbe einen großen Topf Wassersuppe nebst einem Näpfchen und altem Blechlöffel, um den verschmachtenden Menschen eine Erquickung zu bringen, gewiß die einzige, die ihr möglich war. Indem wir nun hinabsahen auf die Getöteten, schien es uns, als hätten wir ein leises Wimmern vernommen. Wir horchten auf. Und wieder war es zu hören. So stiegen wir zu einem hinab, der in einen weißen Soldatenmantel mit roten Aufschlägen eingewickelt dalag, und neben ihm eine Blutlache. Von ihm schienen uns die Schmerzenstöne gekommen zu sein. Der Vater schlug unten den Mantel etwas zurück, weil er da Blut im Sande sah, und siehe da, der Fuß war ihm ein Stück über dem Knöchel, wo die Halbstiefel endigten, abgeschossen, hing aber noch mit einer Faser am Bein. Er schlug etwas die Augen auf und brachte abermals einen leisen, zitternden Ton hervor, indem er auf den Mund deutete.

Das Mütterchen war auch sogleich bereit, dem Verschmachteten, welcher nun schon den dritten Tag so gräßlich verstümmelt in kalter Nacht und im Sonnenbrand am Tage, ohne einen Tropfen Labung, ohne sich rühren zu dürfen, im Wundfieber dagelegen hatte, mit ihrer Wassersuppe zu erquicken, indem sie ihm etwas davon einflößte. Wir hingegen ratschlagten, wie wir ihn wohl in eine nicht allzuweit entfernte Scheune zu bringen vermöchten, wo viele Verwundete lagen und amputiert wurden; denn wir erkannten wohl, daß er hier in dieser Grube schwerlich entdeckt werden würde und dann verschmachten müßte.

So fanden wir nach einigem Umschauen endlich eine Stubentüre, welche vielleicht zum Behuf eines Wachtfeuers aus einem Vorwerk (das Lämmchen) in die Nähe gekommen sein mochte. Eine schwere Sache war es aber nun, den Armen auf diese Türe zu bringen, da wir zu gleicher Zeit das an einer langen Flechse noch hängende Bein behutsam mit ihm selbst weiter heben mußten. Bei dieser Berührung wimmerte er denn kläglichst; doch gelang es unseren schwachen Kräften, ihn glücklich auf die Türe zu lagern und ihn langsam fortzutragen nach jener Scheune. In der Nähe derselben angelangt, mußten wir ihn niedersetzen; denn mehrere Männer riefen uns zu, daß jetzt kein Platz mehr darin sei; wir sollten warten. Ein Blick in das offene Scheunentor überzeugte uns nur zu gut von der Wahrheit des Gesagten. Es lag da gestopft voll. Doch schleppte man eben einige Gestorbene, nackt ausgezogen, heraus und warf sie auf einen hochgetürmten Haufen ebenfalls nackter, starrer Leichen, welche hinter dem zum Teil zerschossenen Torflügel lagen, meist verstümmelt durch schreckliche Wunden.

Mit Grausen sahen wir, wie der Mensch mit Menschen verfuhr, ja verfahren mußte.

Nun war ja wieder Platz gewonnen, und unser armer Russe wurde von den Gehilfen hineingetragen, wo die Chirurgen in voller Tätigkeit waren, während Geschrei und Stöhnen aus diesem Ort der Qual herausklang.

Aufs tiefste erschüttert traten wir unseren Rückweg an nach Hause.

Wenn ich später von Schlachten las, von großen, herrlichen Siegen, von dem Todesmut der Kämpfenden und ihrer großen Tapferkeit, so mußte ich immer mit innerem Entsetzen an das Ende denken, an das Schlachtfeld.

Das unglückliche Dresden, der Mittelpunkt von Napoleons Operationen, ward nun schwerer und schwerer heimgesucht. Der Kriegslärm dauerte ununterbrochen fort. Die Not der Einwohner stieg von Tage zu Tage, und es bleibt unbegreiflich, wie in solcher Lage der gemeine Mann, der auch in guter Zeit, wie man zu sagen pflegt, aus der Hand in den Mund lebt, jetzt, wo er meist ohne Verdienst war, bei unerhörter Teuerung und Mangel der Lebensmittel noch sein Leben fristete.

Kanonendonner und brennende Dörfer, Truppenzüge und Einquartierung illustrierten diese Tage.

Am 7. Oktober verließ Napoleon zum letzten Male die Stadt. Ihm folgte unser König nach Leipzig, und der Marschall St. Cyr blieb mit 30000 Franzosen in der Stadt. Erneute Gefechte vermehrten die Zahl der Verwundeten in den Spitälern, in denen das Lazarettfieber wütete, so daß wenige lebend herauskamen. Wir hatten ein solches schrägüber in dem Winterbergschen Hause, wo täglich die Gestorbenen, ganz entkleidet, aus den Fenstern des ersten und zweiten Stockes herabworfen und große Leiterwagen bis obenherauf damit angefüllt wurden. Zum Entsetzen schrecklich sah eine solche Ladung aus, wo abgezehrte Arme, Beine, Köpfe und Körper herausstarrten, während die Fuhrleute auf diesem Knäuel herumtraten und mit aufgestreiften Hemdsärmeln hantierten, als hätten sie Holzscheite unter sich.

In dieser Zeit starben täglich 200 in den Spitälern, und das Nervenfieber war epidemisch geworden und forderte auch in dem Bürgerstande täglich seine Opfer.

Wir blieben indes trotz der gefährlichen Nähe des Lazaretts gesund. Zu den Kartoffeln, wenn wir solche hatten, wurde roher Meerrettich, dessen Schärfe mir die Tränen aus den Augen preßte, in Essig gegessen, welches der Vater für ein Präservativ gegen das Nerversieber hielt.

Viele kranke Soldaten wollten nicht mehr in die Lazarette, weil sie dann unrettbar sich verloren glaubten; sie zogen es vor, in einem Winkel der Straße oder auf der Treppe eines Hauses zu sterben. – Sv wurden wir einst am frühen Morgen durch einen Schuß in der Hausflur aufgeschreckt. Ich lief hinunter. Da lag ein junger, bleicher Soldat, das Gewehr neben sich. Das Hemd brannte noch etwas am Halse, vom Pulver entzündet. Er war krank gewesen und sollte ins Lazarett schleichen, hatte es aber vorgezogen, in das Haus zu treten und da sein Leiden zu enden.

Auf der Amalienstraße waren große Ställe von Brettern erbaut; die Pferde hatten aber die ganze Länge dieser Schuppen hinab die Bretter abgefressen, welche hinter den Krippen sich befanden, und über die gefallenen Pferde, die auf den Straßen lagen, fielen wiederum die Franzosen her und schnitten sich das Fleisch heraus, wo dessen noch befindlich war.

Die Hungersnot nahm täglich mehr überhand, denn die Stadt war blockiert, nichts kam herein, und die Vorräte waren aufgezehrt. Die Bäcker hatten die Läden geschlossen, und wo einer noch am Morgen etwas gebacken hatte, da gab es ein Gedränge, daß man seines Leibes nicht sicher war.

So machte ich auch einmal am frühen Morgen einen Versuch, vor einem so belagerten Bäckerladen eine Groschensemmel zu akquirieren. Die gute Bäckersfrau hatte mich bemerkt und rief, man solle doch den Kleinen heranlassen, und so erhielt ich denn für meinen Groschen ein winzig kleines Semmelchen und bemühte mich, es fest unter den Mantel haltend, mich wieder zu entfernen. Als ich aber aus dem Gedränge mich herausgewunden hatte, fand sich nur noch eine fingerlange Hälfte dieses Semmelchens in meiner Hand; die obere Hälfte hatte mir irgendeiner im Gedränge abgebrochen, was denn ein sehr mageres Frühstück ergab. Jetzt saßen wir, der Vater und ich, abends oft bei einem Stückchen Kommißbrot, welches von einem Soldaten erhandelt war, oder bei einigen wenigen Kartoffeln, und der Vater fragte zuletzt wohl etwas bedenklich, ob ich denn satt sei? Ich antwortete kleinlaut: »Ja«, – es war auch nichts weiter in Küche und Keller, und ich schlich mit hungrigem Magen ins Bett!

So verstrich der Monat Oktober düster und traurig; Bilder des Todes und Jammers aller Art erfüllten die Stadt. Hier warf man die Leichen aus den obersten Stockwerken; dort schlug man sich um Brot an den Bäckerläden; Butter, Holz, Salz waren gar nicht zu haben; da lagen verhungerte Pferde oder Hunde in den mit Stroh, Kehricht und allem Schmutz gefüllten Straßen, und ich sah es selbst, wie ein kranker Soldat auf allen vieren langsam den Elbberg heraufrutschte und aus einem Kehrichthaufen sich einige Krautstrünke herausklaubte und sie heißhungrig verzehrte. Die Not war aufs höchste gestiegen; da endlich verbreitete sich das Gerücht, es seien Verhandlungen zu einer Kapitulation eingeleitet, und am 12. November zogen die Franzosen wirklich zum Freiberger Schlage hinaus, wo sie das Gewehr streckten.

So war nun die Stunde gekommen, wo wir uns trotz der gänzlichen Erschöpfung aller Mittel von einer unerträglichen Last befreit fühlten und ein Hoffnungsschimmer besserer Tage wieder aufwachte.

Brot wurde zunächst gekauft, und mehr als wir brauchten; denn mit der Befreiung der Stadt waren auch zur Stunde ganze Wagen mit Lebensmitteln aus der nächsten Umgebung eingetroffen. Man atmete wieder frei, man kam wieder zur Besinnung, und die häuslichen Verhältnisse ordneten sich allmählich wieder.

Der alte Zingg und die Großeltern

Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, hörte der Schulbesuch auf, und ich bekam nun ein Plätzchen neben des Vaters Arbeitstisch oder an dem zweiten Fenster angewiesen, wo ich mich im Zeichnen übte. Ich war niemals gefragt worden, welchen Beruf ich wohl erwählen möchte, sondern es wurde als selbstverständlich angenommen, daß ich werden solle, was der Vater war, nämlich Zeichner und Kupferstecher. In der Stille hegte ich zwar die Vorstellung, daß »Malen« noch etwas viel Herrlicheres sei als Kupferstechen; vorderhand mußte ich mich aber mit letzterem begnügen.

Der Vater hatte damals große Arbeiten für den Fürsten Czartoryski auszuführen; ja dieser Herr gab sich die größte Mühe, ihn nach Warschau zu ziehen, und offerierte ihm eine Professorstelle mit gutem Gehalt, welche Anerbietungen der Vater aber nicht anzunehmen wagte, da ihm bei seiner gänzlichen Unkenntnis der französischen Sprache und in beschränkten Verhältnissen ein solcher Umzug mit Frau und Kindern bedenklich schien. So arbeitete er denn an seinen mühsamen großen Kupferplatten fort, für welche er sich viel zu gering bezahlen ließ, und radierte zwischendurch, um den Lebensunterhalt damit zu decken, Blätter für die damaligen Volkskalender, oder kleine Prospekte für Kunsthändler, welche koloriert wurden und damals Mode waren. Für diese kleineren Arbeiten wurde ich nun sehr bald in Bewegung gesetzt, indem ich nach anderen bunten Jahrmarktsbildern die Schlacht von Waterloo, den Wiener Kongreß oder große Feuersbrünste, Mordtaten und Erdbeben kopierte oder arrangierte. Später durfte ich sogar diese Sachen auf Kupfer radieren, und ich weiß noch genau, mit welch freudig stolzer Empfindung ich die Erlaubnis aufnahm, die Geschichte von Tells Apfelschuß auf die Kupferplatte umreißen zu dürfen, und mit welch selbstbewußten, frohen Blicken ich die glänzenden Striche am Feierabend betrachtete.

Es waren Buchbinder, welche diese Kalender im Verlag hatten, und zum Jahrmarkt im Anfang des Herbstes kamen alljährlich diese Vögel gezogen, um ihre Bestellungen zu machen. Von meinem Arbeitstischchen aus ergötzte ich mich denn an diesen zum Teil wunderlichen Gestalten und ihren Konversationen mit dem Papa; denn jeder bemühte sich, mit diplomatischer Schlauheit auszuforschen, welche interessanten Gegenstände aus der Geschichte des letzten Jahres die andern Herren Kollegen zum Kupfer sich erwählt hatten, denn jeder wollte das anziehendste, das pikanteste Bild bringen. Außer den Dresdner Verlegern stellten Pirna, Meißen, Freiberg und Stolpen ihre Kontingente, und der Stolpener war meine besondere Freude. Zu Fuß kam er von seinem Bergstädtlein hergewandert und legte, sowie er in die Stube trat, höflichst seinen Hut, den leinenen Quersack und den langen buchenen Wanderstab auf den Boden an der Tür und kam nun mit lebhafter Gebärde und treuherzig ehrlichen Worten auf den Vater los und vertraute ihm allmählich das Geheimnis seiner Bilderwahl, die denn gewöhnlich auf Gegenstände gefallen war, welche seine Konkurrenten auch schon bestellt hatten. Bei dieser unangenehmen Entdeckang runzelte sich die Stirn, denn die Augenbrauen hatten sich blitzschnell hoch über die funkelnden Äuglein erhoben, und den Finger an das rötliche Knöpfchen seiner Nase gelegt, nahm er eine höchst nachdenkliche Stellung ein, bis sein guter Genius ihn einen anderen schönen Gegenstand entdecken ließ, oder der Vater mit einem solchen herausrückte. Noch angenehmer nahm sich das ehrenhafte Männlein aus, wenn er endlich die gewuchtige Katze zog und eine Abschlagszahlung von sechs oder acht Taler mit dem Pathos eines gewissenhaften, »prompten« Geschäftsmannes bar aufzählte.

So habe ich denn damals an allen großen Weltbegebenheiten emen lebhaften Anteil genommen, indem ich sie auf Kupfer kratzte.

Wir hatten bald nach dem Krieg eine Wohnung auf der Moritzstraße bezogen, wo uns der alte Zingg, der einige Häuser von uns wohnte, oft besuchte.

Eines Tages saß ich eben fleißig vor einer Radierung von Berghem, welche ich mit der Feder kopiert hatte. Es war schon gegen Abend, und der schöne, rote Levkoi und die goldgelben Lackstöcke dufteten recht herrlich am Fenster, woran ich saß (ich habe immer gern unter Blumen gearbeitet), und während ich meine Arbeit nochmals betrachtete und hie und da mit einigen Strichen nachhalf, trat der Vater und Mutter mit Pate Zingg in lebhaftem Gespräch ein. Etwas verlegen suchte ich mein Kunstwerk samt dem Original heimlich in die Mappe zu praktizieren; denn die große Ehrfurcht, die ich vor meinem gepuderten Paten und Professor hatte, erlaubte mir nicht, mit meinen Kunstwerken ihm unter die Augen zu treten. Jedoch gerade das Geräusch des Papieres, welches ich verbergen wollte, machte ihn aufmerksam. Der alte Herr hatte sich in meiner Nähe auf einen Stuhl niedergelassen und eine Prise aus seiner goldenen Tabatiere genommen, als er meinen Vater fragte: »Was macht der Bue da?« Der Vater winkte mir: »Zeig es mal dem Herrn Professor!« Ich wurde rot und brachte es ihm. Er betrachtete die Zeichnung lange, indem er mit dem Rücken der Hand, in welcher er eine Prise hielt, die Linien der Esel und Schafe und Menschen umschrieb und beifällige Töne dabei vernehmen ließ. Papa meinte ironisch: »Nicht wahr, man sollte denken, es sei von Berghem selber?« – »Ah, by Gott! aus dem Bue kann was werde«, sagte darauf der alte Herr ganz ernsthaft, und ich wurde nun noch röter als zuvor, nahm mein Blatt und packte es ein, ganz in der Stille, mit einem gehobenen, seelenfrohen Herzen.