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Diese kurz Geschichte zeichnet Zeitperioden eines Kindeslebens zwischen Hölle und Glücksmomenten, ironische Ereignisse, was die 'Menschlichkeit' auf den Prüfstand wirbelte. Als Pflegekind waren die Zeiten rau, teilweise brutal, zwischen den 40er- und 60er-Jahren, in denen man nicht fragte, was richtig, gerecht oder falsch, sondern was bequem und besonders eigennützig war. Kindern wurden damit Kindheit, Selbstbestimmungen und Bildung geraubt. Ein Silberstreifen der Hoffnung ergab sich zwischen Momenten der Verlegung zwischen einer Pflegestelle zurück ins Kinderheim, was sehr häufig passierte. Hier wurde mit strenger Hand gehandhabt, vielleicht gab es auch mal einen Klaps auf den Hintern, aber nie Gewalt oder Schläge. Vor allem gab es immer gesundes Essen, niemand hungerte und das in den letzten Jahren des Krieges.
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Waltraut Emma Schöning
Ein Kampf für Gerechtigkeit
Diese Geschichte habe ich geschrieben in erster Linie für meinen Sohn,
Siegfried / Siegfried Schöning,
der durch sein Leben, auch mit mir, schwerste Zeiten begegnen musste, aber immer alle Hürden meisterte.
Aber nicht Zuletzt, Giesela Ketelsen,
die mein lebelang immer ein Fels in meiner Brandung war!
Und, an alle die Glauben, dass die Liebe jeden Sturm besänftigen kann.
Lebenswege eines Heimking
Original: 12.05.2018
Neuste Verfassung: 07.10.2020
Copyright: © Waltraut Schöning
Mittwirkung: Edmund Schöning
Schopbachweg 2A
22527 Hamburg
E-Mail: [email protected]
Bilder/Fotos: Edmund Schöning und privat
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Im Mai 1938 wurde ich, Waltraut Emma Schöning, in Hamburg Barmbek-Uhlenhorst geboren. Mein Vater ist unbekannt. Mutter war 1902 in Itzehoe, angeblich als einundzwanzigstes Kind, der alten Schönings geboren. Die um vielen Kindern aus der Ukraine kamen. Ich habe sie alle nie kennengelernt. Eben, ich war ein Heimkind. Vielleicht war ich gleich ein Heimkind, von Säugling an? Vielleicht war ich auch gleich in eine Pflegestelle gekommen? Ich weiß es nicht.
Ich erinnere mich genau, dass wir immer in einen Bunker gingen, die Treppen runter, wo immer viele Leute warteten. Das war auf St. Pauli. Nach dem Bomben Alarm, wenn es ruhiger wurde, gingen wir in ein Wohnhaus, drei bis vier Treppen hoch, wo man von oben das Gefängnis, Holstenglacis sehen konnte. Ich wurde immer vom Fenster weggeschickt, das ich dort nicht herausschauen sollte. Warum wusste ich nicht. Ich wollte öfters rausschauen, weil dort so viele Menschen herumliefen. Ich hatte denen öfters zu gewunken und sie winkten dann auch zurück. Für mich hatte das etwas Spaß gemacht. Aber wenn ich „erwischt“ wurde, musste ich weg vom Fenster und musste in einer Ecke stehen. Ich wusste nie warum, bis viel später mir erzählt wurde, dass da Gefangene waren. Dort im dritten oder vierten Stock in dem großen Wohnhaus, wo ich auch auf zwei zusammen gestellten Stühlen schlafen konnte, gab es ein großartiges Puppenhaus mit richtigen Lichtschaltern. Ich durfte es immer ansehen, aber nicht anfassen und immer die Hände artig auf dem Rücken!
Dann erinnere ich mich an einen großen Saal, voller Gitterbetten. Wenn ein Kind besonders schrie, kam es oben in den Wäscheschrank für die Nacht. Es muss um Ostern gewesen sein. In meinem Bettchen stand ein Karton mit Ostereiern. Warum ein Karton gefüllt mit Ostereier in mein Bettchen stand, wusste ich nicht. Für mich gehörte das nicht dahin und ich verpasste ihm einen Tritt. Die Ostereier kullerten aus meinem Gitterbettchen und viele Kinder in dem großen Saal fingen an zu schreien. Ich auch. Prompt gab es Haue und auch ich landete oben im Wäscheschrank.
Dann ist eine Frau gekommen; meine neue Mutter? Sie besuchte mich öfters und gab mir Bonbons; toll! Das war im Säuglingsheim und Kleinkinderheim an der Feuerbergstraße, Hamburg Alsterdorf. Nachts war Flieger-Alarm und die Kleinen wurden rechts und links unter den Arm geklemmt und in den Keller gebracht. Dort waren viele Badewannen mit Brettern belegt, da drauf kamen die Kinder und schliefen weiter. Dann holte mich die „neue Mutti“ ab und ich wohnte im Eichenhorst 6 bei Frau Fischer, in Hoheneichen. Nachbarkinder waren auch da, Peter und Heidi, das waren tolle Spielgefährten.
Eines Tages sollte die ‚neue Mutti‘ mich zum Impfen nach Poppenbüttel zum Hauptgesundheitsamt bringen am 22.04.1942, an der Wellingsbütteler Landstraße. Ich war etwa vier Jahre alt. Mutti hatte ein Fahrrad und vorne dran, so ein Weidenkörbchen, mit einer Holzplatte als Sitz mit Holzfußrasten. Dafür war ich aber schon zu groß und ich ließ die Füße baumeln. Auf einmal haben wir uns überschlagen. Ich hatte den Fuß in die Speichen bekommen: Rad war hin, Fuß kaputt. Plötzlich war da ein Kübelwagen mit Soldaten auf der Straße, die das Geschrei hörten, der uns beide nach Poppenbüttel ins Kinderkrankenhaus brachte. Dort musste ich eine Zeit bleiben, aber die Mutti kam immer! Ich wurde verarztet, bekam einen dicken Verband und eine Schiene ans Bein gebunden, sprich, ein Brett. Die Mutti hatte plötzlich eine Kinderkarre für mich aufgetrieben. Ich durfte ja lange nicht Laufen. Ganz kurz danach, kam die Evakuierung von Hamburg, 1942. Ich saß noch in der Karre und wir warteten am Dammtor Bahnhof auf den Zug. Die Leute ringsherum sagten, „Die Karre nicht. Das Kind ist doch schon so groß und kann Laufen“.
Als man sah, dass ich (nur) ein Brett am Bein hatte, hoben mich einige Helfer hoch und durch ein Fenster. Dort packten mich Leute oben ins Gepäcknetz, zwischen Koffer und Kisten. Im unteren Netz lagen zwei Babys die lange wimmerten. Dann ging es Tagelang nach Freiburg im Breisgau mit dem Zug, wo wir in einem großen Hotel untergebracht wurden. Ich entsinne noch, dass wir Bohnen pulten und die Mutti dann die Bohnen geschnippelt hat! Es waren immer viele Leute zum Essen da, in dem Hotel. Wir gingen täglich viel spazieren, denn mein Fuß verheilte langsam, aber sehr gut. Wie lange wir hier genau blieben, ist mir nicht mehr bewusst. Aber mein Bein wurde immer kräftiger über diese Zeit. Bestimmt waren es Wochen, wenn nicht zwei Monate. Wir Kinder waren meistens in einen Gruppenraum verteilt, wo wir beschäftigt wurden und spielten. Es war für mich eine ruhige Zeit da es keinen Fliegeralarm gab. Wir hatten Zeit spazieren zu gehen durch die Kornfelder und im Wald hatten wir sogar Beeren gesammelt. Ich hatte natürlich keine Ahnung von der Realität, das Krieg herrschte. Ich hatte nur eine schöne Zeit in Freiburg verbringen dürfen. Irgendwann ging es aber wieder zurück nach Hamburg, Hoheneichen, wo wir lange Zeit auf den Rückzug warten mussten. Ja, als wir wieder in eine andere Eisenbahn umstiegen, in Richtung Hamburg-Poppenbüttel, und uns Hamburg näherten, habe ich sehr viele kaputte Häuser gesehen, immer mehr und mehr und ganze Straßen zertrümmert. Ich habe fürchterlich geweint. Ich dachte, dass auch unser Haus kaputt sein würde. Es waren alle sehr still ringsum in der Eisenbahn. Niemand traute sich etwas zu Sagen. Wir staunten und schwiegen. Endlich erreichten wir Hoheneichen wo ich froh war, dass unser Haus noch heil dastand.
Die Mutti hatte Freunde in Tiefstak, die auch viele Kinder hatten. Ein paar Tage später sollten wir Kinder aus der Umgebung Kamille sammeln für die Soldaten, auch Peter und Heidi waren dabei. Ich wusste nicht warum? Für Tee? Für Verbände? Ich hatte keine Ahnung, aber wir sollten sehr viel sammeln, was wir auch taten. Es machte sogar Spaß. Wer zuerst sein Körbchen voll hatte wurde gelobt und bekam wieder ein leeres Körbchen. Und so verging die Zeit. Im Winter hatten wir viel vergnügen am Bach bei den großen Wiesen und so verging die Zeit.
Dort war ich wohl eine ganze Weile, zwei oder drei Jahre mit „Mutti“. Es war eine beschwerdefreie Zeit. Ich hatte viel Spaß und viele Freunde. Es gab immer genug zu essen, zum Beispiel, Dickmilch mit Schwarzbrotkrümel, auch wenn man nicht immer alles mochte. Wir waren alle gut aufgehoben, streng erzogen aber ohne Haue. Dass ich dafür noch dankbar sein werde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Dann kam eines Tages ein Mann vom Amt und nahm mich mit. Ich wusste nicht warum, aber solch ein Umgang war normal. Wir waren ja nur Pflegekinder. So kam ich in das Vorschulheim Ochsenzoll in die Warteschüler-Gruppe. Aber, angeblich war ich zu bockig und musste deshalb wieder zurück ins Heim. Eigentlich wollte ich nur zurück zu „Mutti“. Da wusste ich aber nicht, dass ihr Mann vom Krieg zurückkehrte mit nur einem Bein. Sie hatte wohl keine Zeit mehr für mich. Ich war auch vielleicht zu bockig.
Dann ging es nach Volksdorf, ins Beobachtungsheim Schemmann Str. 56. Für mich ging es dann nach Reinbek zur Einschulung. Ich entsinne mich noch gut an die Schwester Margarete. Wir Kinder nannten Sie die Schwester mit der ‚Besenkrankheit‘. Sie hatte immer einen Reisig-Besen dabei. Die holte immer zuerst die Bettnässer raus. Die standen dann Spalier mit ihren nassen Laken und die Nicht Bettnässer mussten immer dadurch laufen und ‚ätsch, ätsch‘ machen. Dann gingen wir zum Waschen und Zähneputzen und die Bettnässer mussten erst in die Wäscherei und ihre nassen Laken umtauschen. Vor dem Speisesaal mussten wir immer lange auf die Bettnässer warten, um endlich im Speisesaal frühstücken zu können. Nun kam ich nach Reinbek.
Im August 1944 wurde ich dann bei Frau Schmidt eingeschult. So hieß die Lehrerin, die immer sehr nett war. Einer der wenigen. Das Heim lag direkt an der Straße und auf der anderen Seite waren die Schienen und der Reinbeker Bahnhof. Dort kamen immer viele Züge mit verwundeten Soldaten an. Wir Kinder warfen ihnen essbare Dinge, was wir nicht wollten oder angeknabbert hatten, so wie Äpfel, Wurzeln und Brotrinde. Auch Löwenzahn warfen wir ihnen über den
Zaun. Es war traurig, aber wir wussten.es ja nicht anders und kicherten und lachten, als die verwundeten und verkrüppelten Soldaten über die Reste herfielen. Sie waren vermutlich dankbar für unsere Dummheit: Kinder können so grausam sein. Für die DRK-Helfer war es wahrscheinlich eine Blamage und wir Kinder sollten die Züge, mit den schwer verletzen, Soldaten nicht mehr sehen. Plötzlich durften wir nicht mehr vor das Haus über den Rasen laufen und von da an, mussten wir alle umziehen nach Barsbüttel, das ganze Heim.
Im April 1945 hatte der Tommy (Engländer) das Haus freigegeben für die Kinder der Sophienterasse, Reinbek und es wurde der Jugendhof Barsbüttel bekannt. Dort gab es für jedes Kind einen heißen Becher Kakao und ein großes Stück Kuchen und das in der Kriegszeit! Das war mein neues Heim. Dort, weit abgelegen von der Stadt, war es sehr schön. Die Kleinkinder, bis acht Jahre, wohnten im Haupthaus. Die älteren Jungen und Mädchen, die streng getrennt waren, wurden in den Baracken unterhalb der großen Wiese vor dem Gebäude untergebracht. Hinter den Baracken lief ein kleiner Bach. Dort konnten wir im Sommer immer rumplanschen, waschen und erfrischen. Dort war es einer meiner schönsten Zeiten als Kind. Es gab auch Feste, Fasching oder Karneval - das wusste ich nicht. Aber es war besonders großartig. Tante Trudel, eine Erzieherin, die brachte uns immer neue Lieder bei, wo einige Kinder als Tiere verkleidet wurden.
„Dort am Wald ist großer Ball,
kommen schnell die Tiere all,
auf der Wies' im Mondenschein …“
Tante Trudels Version (Volkslied: Autor unbekannt) aufgeschrieben von Pfarrer Hählke 2012
Was waren, dass für Zeiten! Fröhlich und ausgelassen konnten wir herumtollen. Ja, Barsbüttel war immer sehr schön. Es gab so viele Tanten; alle so nett und liebevoll. Besonders Tante Helga und Tante Anne: Meine direkten Gruppen-Tanten. Tante Helga liebte besonders das Lied „Guten Abend, Gute Nacht“ was mir Mutti Tietge beigebracht hatte. Ich habe es oft für Tante Helga im Treppenhaus gesungen.
Sie rief, „Ruhe: Die kleine Waltraut singt“. Langsam sangen mehr und mehr Kinder mit.
Dann wurde es mucksmäuschenstill im Haus! Es war ein besonderes Treppenhaus; da hallte es so schön bis in die oberen Zimmer, denn oben waren die Schlafsäle, und ich stand im Nachthemdchen unten auf der ersten Treppenstufe. Im Sommer haben wir uns hinter den Baracken im Bach gewaschen. Das war kalt, aber frisch! Singend sind wir dann mit dem Lied? „Morgensonne lächelt auf mein Land“
„Morgensonne lächelt auf mein Land;
Wälder grünen her in dunklem Schweigen.
Jedem Schatten bin ich nah verwandt,
Jedes Leuchten nimmt mich ganz zu eigen.“
(KARL BRÖGER - deutsches Lied - Komponisten & Dichter)
Einer meiner Lieblingslieder, „Die Sonne schlief die ganze Nacht, nun aber ist sie aufgewacht“.
„Die Sonne schlief die ganze Nacht,
nun aber ist sie aufgewacht.
Sie scheint zum Fenster hell herein.
Guten Morgen, guten Morgen lieber So-on-nen-schein“ (2x und dabei klatschen)
Im Frühjahr 1945 mussten wir Kinder (es war eine Kinder Landverschickung nach Niendorf an die Ostsee. Auch Heimkinder wurden verschickt) so komische weiße ‚Bonbons‘ sammeln, zwischen Niendorf und Timmendorfer Strand. Wir sollten die Finger nicht in den Mund stecken. Die sahen aus wie die rechteckigen Vivil-Bonbons von heute. Es war aber ‚Karbiet‘ - Kernit! Kurz darauf, am dritten Mai, 1945 versenkten die Briten die Cap Arcona in der Lübecker Bucht, vor Neustadt, am helllichten Tag! Es war ein Riesiges Schiff, so große Schiffe waren da sonst nicht zu sehen. Ich erinnere mich genau, wie das Schiff versank. Wir konnten es klarsehen. Es vergingen einige Tage bis ich eigentlich erfuhr wie das Schiff überhaupt hieß. Für uns Kinder war das ein schreckliches Erlebnis. Wir Kinder schrien und liefen alle ins Haus. So große Schiffe waren da sonst nicht zu sehen. Es vergingen einige Tage bis ich eigentlich erfuhr wie das Schiff überhaupt hieß. Für uns Kinder war das ein schreckliches Erlebnis. Wir Kinder schrien und liefen ins Haus.
