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Was die Lehrerpersönlichkeit Reim (Rm) geprägt hat, bevor sie vor ihren Schülern als Lehrer stand, welche Vorbilder diesen Lehrer beeinflusst haben, bevor er dann selbst wiederum für bleibende Erinnerungen bei seinen Schülern sorgen würde, wird hier humorvoll dargestellt. Ein Lehrer, der vom Gymnasium nach einem kurzen Ausflug an die Universität wieder in den sicheren Hort der Schule zurückkehrt und dort sein Leben bis zur Pension verbringt hat mit Sicherheit eine andere Prägung erfahren als Rm, der nach einem wackligen Abitur auf Druck des Vaters zunächst eine Lehre zum Großhandelskaufmann in Hamburg absolvierte, bevor er, nunmehr volljährig, sein Studium in Berlin begann. Mit dem Taxischein war die finanzielle Unabhängigkeit gesichert und das Tor geöffnet für unzählige "Taxi(ge)schichten", die Rm, zur Auflockerung langer Doppelstunden, seinen Schülern gelegentlich erzählte. Was der zukünftige Lehrer hier im nächtlichen Berlin erlebt hat, von witzig über spannend bis sehr traurig fesselte nicht nur die Schüler, sondern wird mit Sicherheit den Leser ebenfalls zu Schmunzeln und Rührung bringen. Während des Studiums verbrachte Rm ein Schuljahr in einer französischen Kleinstadt als Fremdsprachenassistent. Seine Anekdoten über diese Zeit, die, er war damals Mitte Zwanzig, gelegentlich auch erotische Anspielungen (mehr nicht, der Text ist ja vor allem an seine Schüler adressiert) enthalten, sind, wie alle Begebenheiten in diesem Buch, nicht erfunden, sondern, bis auf die Veränderung mancher Namen, wahr. Dann endlich das Ziel erreicht. Die erste eigene Klasse. Die erste Klassenfahrt, ein Fiasko. Eine Schülerin kippt volltrunken von einer Treppe, knallt mit dem Kopf gegen einen Türrahmen und sitzt am nächsten Tag im Flieger nach Berlin. Als Sportlehrer ließ sich Rm immer wieder etwas Neues einfallen, um die Schüler zu motivieren. Das war zwar nicht immer sinnvoll, hat den Schülern aber trotzdem Spaß gemacht. Dem Lehrer auch, und das merkt man.
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Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Lehrer sein und Mensch bleiben
Die nicht ganz ernst gemeinte Dokumentation
eines Berufslebens
Michael Reim (Rm)
Michael Reim (Rm), Jahrgang 48, absolvierte nach dem Abitur auf Druck des Vaters eine Lehre zum Großhandelskaufmann in Hamburg, um dann, endlich volljährig, den eigenen Plänen zu folgen, und an der FU Berlin Französisch und Sport zu studieren. Das Studium finanzierte er sich überwiegend durch Nacht-Taxischichten. Erlebnisse aus dieser Zeit dienten während langer Doppelstunden im Unterricht dazu, diesen etwas aufzulockern. So bietet das vorliegende Buch nicht nur einen Einblick in den Schulalltag an der Sophie-Scholl-Schule in Schöneberg, sondern schildert auch Geschehnisse aus dem nächtlichen Berlin der Siebziger Jahre. Als Klassen- und Vertrauenslehrer sowie als Verwalter der Schulfinanzen hat Rm nicht nur die Schüler, sondern auch die Kollegen und Kolleginnen von verschiedenen Seiten wahrgenommen und einige von ihnen beschrieben.
Auszüge aus den Erlebnissen in 33 Berufsjahren an der Sophie-Scholl-Schule in Berlin
und natürlich auch die Taxi-Geschichten
von Rm
Alle Personen in diesem Buch wurden mit vollem Namen erwähnt, wenn ausdrücklich anerkennend oder neutral über sie berichtet wurde. Im Zweifelsfalle oder wenn Personen und ihre nachweisbaren Handlungen negativ dargestellt wurden, habe ich ihre Namen verändert(*) oder durch einen willkürlich gewählten Anfangsbuchstaben ersetzt. In jedem Falle war ich immer um korrekte Wiedergabe von Tatsachen bemüht und hatte nicht die Absicht verfolgt, bestimmte Personen zu verunglimpfen. Wenn sie dies durch ihre eigenen Handlungen selbst taten, ist das, meiner Meinung nach, eine andere Sache.
Impressum
Lehrer sein und Mensch bleiben
Michael Reim
Für alle Schüler, Eltern und Kollegen, die in den letzten Jahren mit der Sophie-Scholl-Schule und mir zu tun hatten und für jeden, der einen Einblick in das Leben eines Lehrers haben und die Geschichten lesen möchte, die ich meinen Schülern gerne in „Denkpausen“ erzählte.
Für Jara und Lisa, deren Taximiniatur bis zu meinem Dienstende auf meinem Schreibtisch stand.
Für Katrin W., deren Eiffelturm noch immer an meiner Schreibtischlampe baumelt (s. Youtube: „Lehrer sein“).
Für Efi und Jana, die mir mit dem Geschenk des Buches „Neulich im Taxi“ von Uli Hannemann den letzten Impuls gaben, dieses Buch hier zu schreiben.
Und natürlich für die unzähligen anderen Schüler, die ich in diesen Jahren unterrichten durfte.
Michael Reim (Rm)
Berlin, im Februar 2015
Inhalt
Vorwort: Wie es zu diesem Buch kam
Oberschulkarriere und erste Orientierung
Erinnerungen an die Walter- Rathenau-Schule (WRS)
Vorbilder
Raucherklo
Referendare
„Versuchs doch mal mit einer Frau von Dreißig“
Mitschüler
Abitur- und was dann ?
Hamburg
Fast ein Seemann
Raum ist in der kleinsten Hütte
Eine Spinne für 48,45 DM
Otto
Mit Sportsgeist durch die DDR
Unlogisch und dennoch effektiv
Eine Aktie vom Messingbergwerk
Endlich aufgeklärt
Studium an der FU von 1970 bis 1979
Jobs
Die MINEX
Akkord ist Mord
Ich wurde nicht entdeckt
Taxigeschichten
Der Eisbärenweg
Geld stinkt nicht
Fritz Franz B.
Mit gleicher Münze heimgezahlt
General v. Seydlitz
Ein Schein kommt selten allein
Lady Nina und das Bad im See
Trauer um Siggi S.
Muhammad Ali
Achtung Aufnahme !
Der Rückfall lauert überall
Das Schicksal kann so gemein sein
Die Hure und ihr Loddel
Hilfe, das Baby kommt
Meine kürzeste Schicht, weil das Baby kam
Alarm nachts um zwei
Kampflesben unterwegs
Mit 80 km/h Richtung Spandau
Im Kittchen ist kein Zimmer frei.
Die dunkle Seite des Gewerbes
Nathie
Die Zentrale aus Franken
Die Mausefalle gilt für alle
Die Uni
Arbeitsgruppen
Marxisten-Leninisten vs. Sapere Aude
Wer schläft, sündigt nicht
Und der Arbeiter hat doch Recht
Keine Ahnung und dennoch zur Prüfung
Streiken, aber richtig
Semesterferien Sommer 1970
Per Anhalter durch Westeuropa
„Ritz“ ist nicht gleich „Ritz“
Paris- zum ersten Mal
Semesterferien Sommer 1971
Aller Anfang ist schwer
Ein Motorrad kommt geflogen
Ein Kuchen und 1000 Photos
Paris, Montmartre - oder: im Bett mit Walter
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib
Semesterferien Sommer 1972 (nur eine Situation)
Und die Madonna schaute zu
Sens
Erste Erfahrungen mit Pädagogik
Wovor Aschüaschen uns gewarnt hatte -
trotzdem reingefallen
Fast das Ende meiner Karriere
Ein Blinder ohne Durchblick
Zwei Hähne und kein Aschenbecher
Pädagogisches Eigentor
La bande - unsere Clique
Zivilcourage
Pack die Badehose ein
Der Kölner Hauptbahnhof und ein Entschluss
Ein unbeabsichtigter Bluff auf dem U-Bahnhof
Der Nazi mit den Schweinsäuglein
Die Poelchau-Schule- meine Feuerprobe
Das Referendariat
Meine ganz besonderen Erlebnisse mit Schülern
Endlich Lehrer : Meine erste Klassse
Die erste Klassernfahrt - ein Fiasko
Mancher lernt es nie oder: „Petri Heil !“
Der 12.12. hat es in sich
Hinweis ist nicht Bedingung
Mit den Schülern unter die Dusche
Ein orientalischer Märchenerzähler
Eine sehr rührende Art von Achtung
Reyhan
Fuad C.
Kirstin*
Jessica* L.
Schade, dass Sie eine Transe sind
Kava und der Gerichtsvollzieher
Handauflegen hilft nicht immer
Le temps perdu
Aladin* und die 40 Räuber
Die Polizei, dein Freund und Lehrmeister
Eine erstaunliche Entwicklung
Ananasekim und was die Mutter davon hat
Wahlpflicht Sport
Herr Reim, das Yudenschwein
Hurensohn
Biste schwul, oder was?
Das „Quba“
Ein „Déjà vu“ der besonderen Art
Tischtennis mit Sara B.
„Feuchtgebiete“
Ein Basecup für 1 €
Anklopfen erwünscht I
Anklopfen erwünscht II
Wie ich einmal einen Schüler mobbte
Die Judo- AG und ihre Wurzeln
Actio-reactio oder Formen der Schlagfertigkeit
Geistesblitze und andere Dummheiten
Ich vergesse, ich vergaß, ich vergaste
Die Wahrnehmung ist von Zigaretten abhängig.
Der große Sprung des Boris* G.
Ich glaub’, ich geb’ mir die Kugel
Völkerball mal etwas anders
Voll auf die Zwölf
Der Reck
Ein Quadrat ist ein Quadrat ist ein Quadrat…
Ordnung muss sein
Blinder Alarm
Bitte recht freundlich
Das „schwache“ Geschlecht
Exhibitionisten
„Bumm“, und du bist tot.
Eine Skireise, die ins Auge ging
Ein Blinder mit Durchblick
Der „Dubedweini“
Ach macht doch alle, was ihr wollt !
Et maintenant ?
Anhang: einige Klassen und einzelne Schüler
(hauptsächlich, aber nicht nur, für meine ehemaligen Schüler interessant)
1980/1981
1982/1983
1983/1984
1985/1986
1988-1989
1990/1991
1991/1992
1992/1993
1993/1994
1994/1995
1998/2002
1999/2000
2002/2003
2003/2007
2006/2007
2007/2008
2008/2009
2009/2010
2010/2011
2011/2012
2010/2013
Die lieben Kollegen Von Segeletz bis Stasi-Hasi
Nachwort
Wie es zu diesem Buch kam.
„Sie müssen das, was Sie uns hier immer erzählen, unbedingt einmal aufschreiben“, „Warum machen Sie denn nicht endlich Ihren Schwarzgurt ?“, „Sie kommen aber ganz schön oft zu spät“ (Mein alter Spruch: „Ein Lehrer kommt grundsätzlich nicht zu spät, er wird aus administrativen oder pädagogischen Gründen aufgehalten“ wirkte in dieser 10. Klasse nach vier Jahren Unterricht bei mir nicht mehr).
Es waren letztendlich Schüler, die mir die Impulse gaben, mein Gesäß zu heben und etwas in meinem Leben zu verändern. Jetzt sitze ich hier und versuche, mich in die ersten Zeilen zu stümpern, um dann beherzt, flüssig, witzig und realistisch zu beschreiben, welche Erlebnisse und Bewusstseinsbildungen die Lehrerpersönlichkeit Reim geformt haben, die dann später ihren Schülern gegenüber stand. Prägende Erlebnisse aus der eigenen Schulzeit, die Lehre in Hamburg, das Studium an der FU, finanziert vor allem durch Taxischichten, die neun Monate als Fremdsprachenassistent in Frankreich sowie der „Überlebenskampf“ an der Poelchau-Schule waren natürlich Elemente, die den zukünftigen Lehrer prägten. Aber auch während der vielen Jahre im Dienst haben mich Schülerreaktionen auf mein Verhalten und Anregungen meiner Schüler verändert (ich habe den 1.Dan im Judo dann auch gemacht und bin, zumindest in dieser o.g. 10. Klasse, mit beharrlicher Impertinenz nicht mehr zu spät gekommen).
Ich hoffe, am Ende der Lektüre dieses Buches wird der Leser nicht sagen müssen:
Si tacuisses ! 1 (Wenn Tacitus das gewusst hätte !)
Als ich in der neunten Klasse einer reinen Jungsschule war, tauchten nicht nur Vorstellungen vom Zusammensein mit schönen Mädchen, sondern auch die ersten Fünfen im Zwischenzeugnis auf. Meinen äußerst aufgeregten Vater beruhigte ich mit dem Versprechen, diese Ausfälle bis zur Versetzung zu bereinigen, was ich dann auch tat.
Die vier Fünfen und die eine Sechs im Zwischenzeugnis der 11. Klasse quittierte er dann nur noch mit einem „Na du machst das ja schon“ - womit er das Ergebnis zur Versetzung sehr treffend vorausnahm. Mit dem Zensurenschnitt meines Abiturs 1968 hätte ich zur damaligen Zeit alles studieren dürfen (der Zensurendurchschnitt interessierte niemanden); heutzutage … ich will gar nicht weiter darüber nachdenken.
Mein Vater, Großhandelskaufmann, immer stolz auf den Zusatz “selbständiger“, wollte, dass ich sein Nachfolger würde, was ich aber nicht wollte. „Kaufmann“ - in einer Zeit der Flowerpower und des Hedonismus, Sozialismus und Behaviorismus - ein Schimpfwort. Klang wie „Kapitalist“, „Ausbeuter“, „Unmensch“, in jedem Falle total unattraktiv für die niedliche amerikanische Fremdsprachenassistentin („Gipsy“), die mir in den von meinem Vater bezahlten englischen Konversationsstunden die Langweiligkeit bürgerlicher Berufe vor Augen hielt.
Aber ich war ja ohnehin infiziert von Lehrervorbildern, die mir in Filmen wie „Der Pauker“ oder „Die Feuerzangenbowle“ vermittelt wurden. Der Lehrer als augenzwinkernder Komplize seiner Schüler, die aber dennoch aufgrund seiner natürlichen Autorität auf ihn hören und nicht aus dem Ruder laufen.
Ach ja, natürlich bekommt der dann auch am Ende immer die hübsche Sport-oder Deutschlehrerin.
Das wollte ich - also nicht nur das Ende des Films - und deshalb wurde ich das, was mein Vater zu verhindern suchte, indem er mich zwei Jahre in Hamburg eine Großhandelskaufmannslehre absolvieren ließ, in der Hoffnung, dass ich mich den Verlockungen des großen Geldes nicht entziehen können würde,
Lehrer.2
Man wird ja nicht einfach so Lehrer. In der eigenen Schulzeit habe ich die unterschiedlichsten Typen dieses Berufsstandes kennengelernt. Und dann stellt man plötzlich fest: Ja, so souverän wie der Schwiederski, so jungenhaft wie der Helmkamp, so korrekt wie der alte Hüttig, so durchsetzungsstark, wenn es sein muss, wie der Lehmann, so ein Lehrer würde ich gerne sein wollen. Ich habe schon früh begonnen, meine zukünftigen Ex-Kollegen zu beobachten und zu analysieren, wie sie mit verschiedenen Unterrichtssituationen klar kamen. Ein Biologielehrer, H*, hat mir dabei ein Trauma verpasst, das ich bis zum zweiten Staatsexamen nicht los wurde. Ein von ihm „betreuter“ Referendar sollte im Unterricht einen Versuch mit uns durchführen und hatte offenbar einen Teil des hierfür notwendigen Materials vergessen. Der ihn anleitende Lehrer schrie ihn daraufhin vor der versammelten Klasse derart gemein an, dass ich mich heute noch ärgere, weil keiner von uns (mündigen?) Zwölftklässlern aufgestanden ist und dieses menschenunwürdige Verhalten kritisiert hat. Bis zum letzten eigenen Examen hatte ich eine Verhaltensstrategie parat für den Fall, dass ein Prüfer mit mir je so umgehen würde.
Und da bin ich schon mittendrin, nämlich bei meinen Vorbildern von damals, die mich mehr oder weniger geprägt haben:
Korrekt bis auf die Knochen: Dr. Hüttig, alt (wie alt? mit 14 ist jeder über 30 steinalt), Anzug stank nach der Zigarre,die er im Lehrerzimmer rauchte, immer pünktlich, immer unmissverständlich („Reim, stehen Sie bitte auf. Hiermit erteile ich Ihnen einen Tadel wegen Schwatzens. Sind Sie damit einverstanden? Danke. Bitte setzen Sie sich“). Antworten auf Fragen, die dieser Klassiker eines Paukers (rhythmisches Einpeitschen der lateinischen Konjugationen: fui, fuisti, fuit, fuimus, fuistis, fueeeerunt) nicht umfassend sofort geben konnte, erhielt man am nächsten Tag mit Maschine auf einem kleinen Zettel geschrieben. Bei Hüttig wurde bis zum Ferienbeginn durchgearbeitet, denn „man wollte sich ja schließlich seine Ferien verdienen“ (Meine Schüler, denen ich von ihm erzählt habe, werden ihn dafür verflucht haben).
Dr. Hüttig fehlte ein einziges Mal - als er bei der Beerdigung seiner Mutter war.
Aber der korrekte Dr. Hüttig schien auch etwas vom Professor Unrat gehabt zu haben. Oberstufenschüler meiner Generation behaupteten, Hüttig als Stammgast im Nachtclub „ Remdes St. Pauli“, einem der ersten Stripteaselokale der Nachkriegszeit (Joachimstalerstraße/Kantstraße, da wo jahrelang die „Skihütte“ war), gesehen zu haben. Auch in diesem Bereich war ich ihm schon etwas ähnlich (Ich staune noch immer, in welche Situationen, nachtclubmäßig, ich mich als Junglehrer begeben hatte, ohne mir darüber Gedanken gemacht zu haben, was geschehen wäre, wenn…ja wenn mich Eltern oder Kollegen oder womöglich Oberstufenschüler in einer der einschlägigen Bars im Schaumbad mit einer der unbekleideten Damen gesehen hätte.
No risk - no fun!
Das wandelnde Lexikon: Dr. Rönnefarth - kein eigentliches Vorbild, da unerreichbar. Fette Fliegeruhr am Handgelenk, soll bei der Luftwaffe gewesen sein, ließ Schüler angeblich mit Stuhl in Vorhalte Kniebeugen machen. Heiratete zu unser aller Erstaunen sehr spät eine sehr viel jüngere Frau (also vielleicht doch ein Vorbild?).3
Lehmann übernahm uns in Mathe als einen unkonzentrierten, unwissenden, hedonistischen Sauhaufen (wir hatten vorher bei Roßberg) und kündigte uns bereits in der ersten Stunde an, dass wir bei ihm „Wasser saufen“ würden. Innerhalb von vier Wochen hatte der uns mit seinem Zensurenbuch, in welches er konsequent vor unseren Augen Zensuren eintrug, zu einer lernwilligen Gruppe transformiert und uns (also besser den anderen, ich brauchte sowieso Nachhilfe) in einem halbenJahr den Stoff der letzten zwei Jahre vermittelt.
Der jung Gebliebene: Helmkamp - Sport und Bio, locker, muss allerdings um Jahre gealtert sein, als er mir erlaubte, trotz Krankschreibung wegen einer schwerer Gehirnerschütterung, am Hochreck eine Riesenfelge zu probieren. Jedoch hatte ich von der Übung eine andere Vorstellung als er, weshalb es mich von der Stange riss und ich ungehalten über die Matten hinweg rückwärts auf den Boden stürzte. Zum Glück waren zu diesem Zeitpunkt meine Judo-Falltechniken schon so automatisiert, dass nichts geschah.
Die Verständnisvolle: Tragisch, charmant und trotz des hohen Alters in meinen Augen attraktiv, Frau Dr. Seidenberg, Englisch und Französisch. Betreute als gläubige Katholikin Häftlinge, darunter den Bachmann, der das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke verübt hatte. Bachmann brachte sich dann im Knast um. Ihr Sohn, Ramon, wurde wiederholt straffällig und landete im Gefängnis. Seine Mutter betreute auch ihn - der Junge nahm sich ebenfalls das Leben.
1974, frisch verlobt, fuhr ich Dr. Seidenberg mit dem Taxi zu einem Oratorium in Grunewald. Als sie erfuhr, dass ich auf mein erstes Doppelbett sparte, gab sie mir bei einer Tour von 12,80 DM 17,20 DM Trinkgeld. Das vergisst man nicht.
Der Verschmitzte: Aschüaschen - Dr. Huhn. In der ersten Französischstunde präsentierte er sich wie ein aus dem Ei gepellter schwuler Gockel: „Je m’appelle M. Aschüaschen“, soll aber glücklich verheiratet gewesen sein. Viel später erfuhr ich, dass er, so wie ich, sehr lange studiert und sich das Studium (u.a. mit Arbeit im Hamburger Hafen) selbst verdient hatte.
Der fit- Gebliebene: S-R, Sportlehrer der ganz alten Art. Grunewald, Hubertussportplatz, Schüler stehen in zwei Reihen vor dem Lehrer, ca. 70 Meter vom Sport-Casino entfernt: „Wer Knödeln will, vortreten!“ (Knapp die Hälfte der Schüler rückt vor) „Wer nicht Knödeln will, ebenfalls vortreten“, der Rest macht missmutig einen Schritt nach vorne - „Gut. Wir knödeln.“ (Gibt einem Schüler den Fußball und verschwindet bis zum Ende der Doppelstunde im Casino). Hangelt immerhin noch mit ca. 50 im Anzug das Seil hoch. Menschlich nett, aber als Vorbild nur begrenzt tauglich. Stirbt relativ früh an den Folgen der Casino-Besuche.
Der Kernige: Dr. Schwiederski - Englisch und Französisch, eingefleischter Junggeselle, kam immer mit dem Fahrrad zur Schule, nachdem er eine Stunde auf seinem Pferd durch den Grunewald geritten war. Absolute Autorität. Beliebt, bewundert und unangreifbar. Kam locker durch die antiautoritären 70er Jahre. Als Dr. Seidenberg einmal Schüler fragte, weshalb sie Schwiederski in Ruhe ließen, aber bei allen anderen alles in Frage stellten, sagten diese angeblich nur: „Tja, der hat’s eben drauf.“
Ich habe mich bemüht, eine möglichst gelungene Mischung aus diesen Vorbildern zu werden.
Geraucht wurde in der Walter-Rathenau-Schule im Lehrerzimmer im 2. Stock. Und wie! Wenn sich einmal die Tür einen Spalt weit öffnete, konnte man fette graue Rauchschwaden sehen, die nicht nur von Dr. Hüttigs Zigarre stammten. Schüler durften nicht rauchen. Taten sie natürlich doch, und zwar schön nach Status aufgeteilt: die Sek I auf der „Jungentoilette“ im Erdgeschoss, die Sek II auf der „Herrentoilette“ im zweiten Stock. Dort standen wir dann zu zweit oder zu dritt in einer Kabine und hofften, nicht von der Aufsicht führenden Lehrkraft erwischt zu werden.
Immer mit dabei „Paulchen“, der uns in einiger Hinsicht ein Jahr voraus war. Er war „Repetent“, konnte schon Zigaretten drehen, während wir Stümper noch die fertigen „P4“ rauchten. Das waren 4-er Packungen, die die Zigarettenindustrie auf den Markt brachte, um die Schüler, die kein Geld für eine 12-er Packung hatten, anzufixen. Und Paulchen hatte eine Freundin mit Geschlechtsverkehr, weshalb er in der 12. Klasse als werdender Vater aus Nervosität ohne Zigarette kaum mehr atmen konnte. Im Zuge einer Reihenuntersuchung wurde dann bei Paulchen offene TBC diagnostiziert, was dazu führte, dass alle Schüler, die Paulchens Selbstgedrehte mitgeraucht hatten, zur Untersuchung mussten. Was hatte ich für eine Angst!
Als ich in die 13.Klasse kam, wurden auch die ersten Mädchen aufgenommen. Dies hatte zur Folge, dass „mein“ Herrenklo zu einer „Mädchentoilette“ wurde und wir Oberprimaner uns mit dem kindlichen Nachwuchs zum Rauchen in die Jungentoilette im Erdgeschoss verziehen mussten. Irgendwie war die Existenz der Mädchen doch noch nicht so richtig in meinem Bewusstsein verankert (na ja, welchen Abiturienten interessiert schon ein Mädchen der siebenten Klasse?), jedenfalls kam mir einmal eine „Simmie“, wie wir heute sagen würden, entgegen, als ich gerade auf dem Weg zu meiner illegalen Verrichtung war. Nachdem wir uns passiert hatten, dachte ich: „Oh Mann, euretwegen müssen wir jetzt immer vom 2.Stock ins Erdgeschoss“ und schaute dabei arglos nach oben, dem Mädchen hinterher. Als dieses daraufhin panikartig seinen Rock zusammenraffte, unter den ich sonst vielleicht hätte sehen können, begriff ich, dass sich tatsächlich etwas an der Schule verändert hatte.
Immer für hohen Unterhaltungswert gut, entweder, weil sie besonders geeignet und einfallsreich oder weil sie besonders ungeeignet, langweilig und Zielscheibe für unsere „Späße“ waren.
Z*, groß blond, sehr gut aussehend, Typ Jung-Siegfried, hatten wir in Mathe und Physik. Ungeeignet, trotzdem hoher Unterhaltungswert. Montags wehte er zusammen mit seiner Fahne in den Mathe-Unterricht, stellte ein Metronom auf den Tisch und zitierte einen von uns Unglücksraben nach vorne. Im Rhythmus des Metronoms (ich weiß gar nicht ob Z.* auch Musiker war oder das einfach aus der Physik mitgebracht hatte) musste dieser dann reflexartig auf Fragen nach „Wurzel aus“ und „Quadratzahl von“ antworten. Ein schlechtes Ergebnis führte zu den entsprechenden Noten. Aber er konnte auch anders. In den Klassenraum „geweht“, klemmte er sich mit dem Kragen seines Anzugs in den Kartenständer und blieb dort wie eine desorientierte Fledermaus eine Weile hängen. Wenn dann das Gelächter nach mehreren Aufforderungen seinerseits nicht abebbte, holte er sein Metronom heraus….
Der Einzige, der ihm fachlich die Stirn bieten konnte, war F*, Genie in allen Fächern außer Geschichte und Sport. Mit F* stach sich Z* eine geschlagene Stunde an der Tafel einen aus, völlig ignorierend, dass wir armen Würstchen verzweifelt versuchten, das Gekritzel mitzuschreiben (um es sich später vom Nachhilfelehrer erklären zu lassen). Am Ende der Stunde beschied er uns beiläufig, dass wir das alles eigentlich gar nicht bräuchten. Er ist nach dem Referendariat in die Wirtschaft gegangen, wo er einen gut bezahlten Posten erhielt.
Weber, Musik und Latein, sehr engagiert, aber auch sehr unsicher. Es gab Klassenkameraden, die genau wussten, wie sie ihn auf 180 bringen konnten, wobei er knallrot anlief und jeder mit seinem Zusammenbruch rechnete. Einmal machte ich dann doch eher ungewollt beim Sägen an Webers Nerven mit. Als er mich (zu Unrecht) einer Unterrichtsstörung bezichtigte, mich anbrüllte und schrie: “Reim, raus“, konnte ich es mir nicht verkneifen, ihn zu fragen, ob er das wirklich ernst meinte, zumal er Richtung Fenster zeigte. (Er kollabierte auch da nicht und blieb der WRS sehr lange als beliebter Kollege erhalten).
Mit 18 verliebte ich mich in meine Englischlehrerin, Frau P*, die mit Mitte Dreißig genau das richtige Alter hatte, mich in die Geheimnisse der wahren Sexualität einzuführen (das Rumgerödele unter der Bettdecke wurde langsam langweilig). Ich ging damals extra in die von ihr geleitete Englisch-AG, um eine Gelegenheit zu haben, sie anzuhimmeln. Das „th“ ließ ich mir von ihr einige Male vormachen, weil das bei ihr so erotisch aussah. Ich wagte es sogar erfolgreich, sie zu einer Tasse Kaffee in die Kantine des gegenüber unserer Schule liegenden Verlags „Telegraf“ einzuladen. Mehr passierte leider nicht. Später erfuhr ich, dass sie eher Frauen liebte.
Die schon oben erwähnte „Gipsy“ (Ellen), amerikanische Fremdsprachenassistentin, Anfang Zwanzig, soll sich angeblich dem Mitschüler Georg Deising hingegeben haben (sagte der). Ich konnte und will es noch immer nicht glauben. Mehr als Konversation war leider nicht drin. Sehr schade.
Wolfgang Hauckold, Freund und Klassenprimus. Hätte bei der alljährlichen Feier in der Aula nach Aushändigung der Versetzungszeugnisse am Ende der Siebten Klasse vom Direx die Buchprämie überreicht bekommen. Dann mussten seine Eltern berufsbedingt als Folge des 13. August 1961 die Stadt verlassen.
Dem Direktor war es egal, wem er das Buch feierlich überreichte - mir nicht. Aber das war es dann auch schon mit meinen schulischen Auszeichnungen.
Rolf, Hartholzschädel eines ebenso hölzernen Vaters, verlor in der 8. Klasse im Kampf gegen mich seinen Anspruch auf einen der wenigen Stühle mit einer hohen Lehne. Als die Klassenlehrerin uns zum Hinsetzen aufforderte (man stand damals noch auf, wenn der Lehrer die Klasse betrat), weigerte Rolf sich, Platz zu nehmen, da ich seinen Stuhl hätte. Auf die Bemerkung der Lehrerin, dann solle er halt die ganze Stunde stehen bleiben, aber nicht, dass sich der Vater beschweren käme, dass der arme Junge solange stehen musste, kam die empörte Antwort: „Wir sind nicht arm.“ Rolf wurde Sport- und Mathelehrer.
F*. wirkte mit seinem dünnen Körper und dem großen Kopf, in dem ja eine Menge drin war, wie ein Alien. Dazu passte, dass er dienstags, während des Unterrichts, den Kopf auf dem Tisch, immer die neueste Ausgabe der Science-Fiction-Reihe „Perry Rhodan“ las und zwar den ganzen Tag lang. Kein Lehrer hielt es für nötig, ihn dabei zu stören. Sollte einmal eine nicht eingeweihte Vertretung es gewagt haben, auf seiner Mitarbeit zu beharren, sah sie sich einem Hochleistungscomputergehirn gegenüber, das auf Vernichtung programmiert war. An folgenden Dienstagen wussten diese Kollegen dann Bescheid.
Torsten Arndt und Rolf Kunsteck bildeten mit mir eine mehr (Rolf und Torsten) oder weniger (ich) erfolgreiche Mathe-Hausarbeitsgruppe bei mir zu Hause, der dann die eine oder andere Flasche Lambrusco sowie der frische Anstrich der Wand meiner Toilette zum Opfer fielen.
Mit Michael Roth verbindet mich seit der vierten Klasse eine sehr enge Freundschaft. Er verzieh mir großzügigst, dass einer seiner Schneidezähne Opfer meiner ersten Versuche wurde, die bei Erich Rahn gelernten Judowürfe auszuprobieren. Ich war noch nicht sehr geübt und der Boden im Erdgeschoss der Carl-Orff Grundschule aus Stein. Als erfolgreicher Augenarzt hat er sich dann sehr spät eine entsprechende Korrektur geleistet.
Im mündlichen Abitur bekam ich es mit Padberg zu tun. Direktor, CDU-Abgeordneter, Vorsitzender des Philologenverbandes, schlau und unerbittlich. Als mich 1967 einst ein Schüler der Jungen Union (CDU) fragte, ob ich nicht im Zuge der von mir geleiteten Judo-AG an der Schule ein paar „Ordner“ für den bevorstehenden Kiesinger 4- Besuch ausbilden könnte, stimmte ich dem sofort zu. Der Direktor müsste allerdings seine schriftliche Genehmigung für dieses Vorhaben geben - was der kluger Weise nicht tat. Die wäre nämlich als Kopie in der Redaktion des „Roten Turms“ gelandet und ein Sondertraining hätte natürlich nicht statt gefunden. Als Reaktion auf meinen durchsichtigen Versuch, ihn reinzulegen, grillte mich der Direx in der Mathe-Abiturprüfung, in welcher ich eine „repräsentative Gruppe“ vorstellen sollte (was immer das auch ist). Nach mehreren gestammelten Versuchen, den versammelten Lehrern (damals waren fast alle bei den Prüfungen anwesend), zu erklären, was ich in der Vorbereitungszeit versucht hatte, mir selbst zu erklären, tat dann das vor der Prüfung eingenommene „Aktivanat“ seine Wirkung. Dieses, mir von meiner Hausärztin verschriebene Potenzmittel für alternde Männer hatte auch schon während der Klausuren die beabsichtigte Entspannung im Kopf hervorgerufen. Nun müssen wohl auch die Zieleffekte dieses Mittels zur Wirkung gekommen sein, weshalb ich nach der zigsten „repräsentativen Gruppe“ eine „präservative Gruppe“ hervorbrachte, was nur meine Französischlehrerin, Dr. Seidenberg, mit einem lauten Lachen quittierte. Der Rest des Kollegiums erblich.
Na ja, war ja dann auch eine Fünf.
Abitur trotzdem bestanden, danach in Hamburg auf Druck meines Vaters (die Volljährigkeit lag bis 1974 bei 21 Jahren) Lehre zum Großhandelskaufmann. Um mich nicht aus dem Lernprozess zu verabschieden, wiederholte ich die „Lektüre“ meines alten Lateinbuches (Elementa Latina), besuchte Volks-hochschulkurse in Russisch und Französisch und lernte, wie schlecht Unterricht sein kann. In beiden Kursen (Jahre später auch in Portugiesisch) war die gängige Methode der Lehrkräfte, die Schüler der Reihe nach, unabhängig vom Meldeverhalten, heranzunehmen. Das führte dann auch bei mir dazu, dass ich abzählte, mit welchem Beispielssatz ich herankäme. Auf den konzentrierte ich mich bis zu meinem Aufruf, um ihn dann möglichst fehlerfrei wiederzugeben (man wollte sich ja schließlich nicht blamieren). Von den sprachlichen Erzeugnissen meiner Mitschülerinnen und der Möglichkeit, hieraus zu lernen, bekam ich logischer Weise nichts mit.
Was in Hamburg noch zu meiner Entwicklung beitrug:
Ein Jahr bevor ich meine Lehre in Hamburg-Barmbeck begann, hatten meine Eltern bereits, ohne mein Wissen, in einem Lehrlingswohnheim in Langenhorn (entspricht von der Distanz zur City her in etwa Frohnau in Berlin) einen Platz für mich reserviert. Sie erhielten damals die Zusage, dass der 19-jährige Abiturient ein eigenes Zimmer und freien Ausgang bekäme. Fast alle anderen „Insassen“ waren ca. 16 Jahre alt und hatten Real- oder Hauptschulabschluss, so dass meinen Eltern diese Sonderstellung für mich (obwohl damals ja noch nicht volljährig) plausibel erschien.
Als wir dann im April 68 dort ankamen, hatte die Heimleitung gewechselt und der aktuelle Leiter wollte von einer Extrawurst für den Berliner nichts wissen. Das bedeutete für jemanden, der die letzten Jahre schon abends bis nachts in Folklorekneipen wie dem „Go in“ in der Bleibtreustraße oder in Nachtbars (bei einem Bier, mehr war nicht drin) am Stuttgarter Platz verbracht hatte, in der (vergeblichen) Hoffnung, eine der „Damen“ („Irma la Douce“?) könnte vielleicht einen Narren an dem sportlich durchtrainierten Bengel fressen, dass er sich bis 22.00 Uhr in einem Zimmer, das er sich mit zwei anderen Lehrlingen teilte, einzufinden und um 22.30 Uhr das Licht auszumachen hatte.
Meine Eltern hinterließen einen vor Wut heulenden Sohn, der - na was denn - in den folgenden Nächten immer zu spät von der Reeperbahn zurückkam. Den Vorschlag des Heimleiters, mir vielleicht besser ein Zimmer zu suchen, nahm ich gerne auf, um ihn meinen Eltern, die ich nach zwei Wochen in Berlin aufsuchte, zu unterbreiten. Zum Glück ging mein Vater sofort auf diese Veränderung meiner Unterhaltssituation ein, indem er mir anbot, den Betrag, den er sonst für das Heim hätte bezahlen müssen, auf ein noch einzurichtendes Girokonto zu überweisen.
Später erfuhr ich von meiner Mutter, dass sie ihn schon auf der Heimfahrt von Hamburg nach Berlin in dieser Hinsicht weich geknetet hatte. Hätte der alte Herr - den ich übrigens trotz all seiner Widersprüche immer sehr bewundert habe - seine Zustimmung zu dem Wohnungswechsel verweigert, wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Ich hätte mich in keinem Falle einsperren lassen, sondern versucht, am Hamburger Hafen (legal-illegal- scheißegal) anzuheuern.
Das erste Jahr verbrachte ich als Untermieter in einem 30 m² großen Zimmer, bei einer frustrierten Endvierzigerin, die nicht erlaubte, dass meine Freundin Rachel dort übernachtete. Im zweiten Jahr wohnte ich bei den Grimms am Lattenkamp, direkt gegenüber dem Freibad, Rentnerehepaar, herzensgut, Wohnraum war die Küche, wo er sich im Laufe des Abends einen Grog nach dem anderen genehmigte und über Gott und die Welt philosophierte. Und über den Papst. Na, der war ja an allem Schuld und Hitler nur seine Marionette. Abhängig von der mehr oder weniger fortgeschrittenen Uhrzeit blieb ich entsprechend lange bei meinem Wirt sitzen. Wenn er zum dritten Mal den Turn geschafft hatte, den Papst wieder für seine Kriegsverletzung verantwortlich zu machen, verabschiedete ich mich höflich.
Auf einer meiner vielen Trampreisen nach Berlin und zurück wurde ich von einem Historiker mitgenommen, dessen Vater der einzige Nazi außerhalb der bekannten Führungsclique gewesen sein dürfte (Ironie!) und der seinem Sohn eine umfangreiche Sammlung an Naziliteratur hinterlassen hatte. Hieraus ging genau das hervor, was der alte Grimm immer wieder gesagt hatte. Wenig später las ich den „Stellvertreter“ und leitete mein Wissen mit Hilfe des hervorragenden Films zu dem Buch an meine Ethikschüler weiter.
Das Zimmer maß zwei mal sechs Meter, es war im Erdgeschoss, der Boden mit Linoleum ausgelegt und so kalt, dass ich im Winter Angst hatte, meine Fußsohlen könnten daran anfrieren. Da waren ein Bett, ein Schrank mit einer Glastür, ein Tisch und ein Stuhl, ein Heißlüfter, keine Zentralheizung. Kaltes Wasser gab es in der Küche. Klingt nicht so toll, war es auch nicht, rückte aber wegen der Warmherzigkeit dieser alten Menschen völlig in den Hintergrund.
Eines Nachts kam ich mal wieder von St. Pauli (sonst war damals in Hamburg nachts nicht viel los) nach Hause, auf Grund meiner dürftigen finanziellen Mittel nüchtern (wirklich!) und bettete mich zur Ruhe. Gerade als ich das Licht löschen wollte, sah ich eine daumengroße, fette Spinne an der Zimmerdecke. Nee, so kann man doch nicht einschlafen. Ich griff mir mein Deo-Spray und hatte die Absicht, das Ungeheuer anzusprühen, um seine Atmungsorgane (Tracheen, wusste ich noch aus Bio) zu verkleben. Dann würde das Vieh ersticken, herunterfallen und ich bräuchte es nur noch im Papierkorb zu entsorgen. Dachte ich.
Ich stieg auf den Stuhl, der genau gegenüber dem Schrank mit der Glastür stand, weshalb nicht mehr als eine Person gleichzeitig durch das Zimmer gehen konnte, sprühte die vermeintlich unmittelbar tödliche Ladung auf das arme Tier mit dem Ergebnis, dass dieses sich bewegte und zwar nicht in Richtung Wand, wie geplant, sondern in Richtung meines Kopfes. Die Vorstellung, dieses Scheusal könnte vielleicht just in dem Moment sein Leben aushauchen, wenn es sich über meinen Kopf befände, veranlasste mich panisch mit einem Rückwärtsschritt den Stuhl zu verlassen, wobei ich in die Glastür trat, was diese nicht so gut aussehen ließ. Jetzt war ich wach und die Spinne meiner ganzen Rache ausgesetzt. Ich fegte das Tier zu Boden, ließ es ein wenig herumlaufen, wartete, bis es sich dem Tisch näherte und hob diesen an. Ich hoffe, alle Buddhisten unter Ihnen mögen mir verzeihen, ich war doch erst zwanzig. Im richtigen Moment rächte ich mich bei der Spinne für all das Ungemach, das sie mir angetan hatte, indem ich den Tisch wieder langsam senkte.
Die Grimms hatten mir doch glatt unterstellt, betrunken in die Scheibe gefallen zu sein („ Herr Reim, das macht doch nichts, do warn se halt ein bisschen dun, als se von St. Pauli kamen“), meine Haftpflichtversicherung beglich den Schaden auf Heller und Pfennig. Ich könnte wetten, dass die auch ihre „Best ofs“ sammeln, die dann zu Betriebsfeten verlesen werden. Bei all den Lügen, die da vorgetragen werden, war meine Fallschilderung eine der wenigen wahren Ereignisse.
Als ich Frau Grimm, die nach dem Tod ihres Mannes noch einmal so richtig lebenslustig um die Häuser gezogen war, einige Jahre später besuchte, wärmte sie natürlich diese köstliche Geschichte mit der Spinne auf, die ich erfunden hätte um zu verbergen, dass ich „etwas dun von St. Pauli“ gekommen war. In meinem ehemaligen Zimmer befand sich noch immer der Tisch an derselben Stelle. Die Spinne unter dem Tischbein auch.
Ha!
Ich habe am selben, bitte nicht verwechseln mit dem „gleichen“, Tag Geburtstag wie Otto Waalkes, am 22.Juli 1948, deshalb meine ich manchmal, witzig zu sein (was andere dann oft gar nicht finden).
Als ich Otto das erste Mal im „Danys Pan“ in Hamburg auftreten sah, „Danys“ war eines der ganz wenigen Pendants zum „Go in“, „Steve Club“ oder „Danys“ in Berlin, fand ich diesen kleinen spillrigen Kerl, dessen Gitarre ihn fast überragte, eher komisch als begabt. Mit dem aktuellen Wissen über ADHS hätte ich…
Ich bin kein wirklicher Otto-Fan, trotzdem ist es spannend, gelegentlich etwas über ihn zu lesen und dann ihn mit mir zu vergleichen (Haare - kann man bei uns beiden ja wirklich bald zählen, Bauch, Stimme). Ich denke, er sollte aufhören, bevor die Leute sagen: „Otto ? Fand ich mal gut.“
Mein Bruder Artur war von jeher ein Technik-Freak und begeisterter Bastler. So tunte er all seine Mopeds - die ich dann immer erbte, wenn er ein neues hatte. Einmal wurde er erwischt, und die Maschine, die eigentlich nur 45 km/h hätte fahren dürfen, gab während eines Test-Durchlaufs in der Polizeiwerkstatt bei 93 km/h ihren Geist auf. Die letzte Maschine, die ich von ihm übernahm, war eine NSU Quickly, die, nachdem Artur sie in der Mache hatte, statt der vorgegebenen 45 km/h locker 75 km/h fuhr. Mit diesem Gerät „reiste“ ich einmal nach Hamburg. Das ging, weil es ja kein richtiges KFZ war, nicht über die Autobahn (damals Hannover), sondern über die B 5, Staaken-Lauenburg. Bei der Einreise schauten die DDR-Grenzer nicht schlecht, als sie den umgebauten Rasenmäher sahen, mit dem ich innerhalb von (ich glaube das Limit lag dort bei) sechs Stunden die DDR durchqueren wollte, selbstverständlich, ohne „von den Transitwegen abzuweichen.“ Nach rund 220 km in fünf Stunden kam ich mit durchgescheuertem Allerwertesten, aber stolz in Lauenburg an. Die mir entgegenkommenden DDR Bürger hatten mich wie einen „Helden des Sports“ gefeiert, meine Reise mit dem kleinen Moped war in ihren Augen wohl noch abenteuerlicher als ihre eigene im Trabbi.
Ein Jahr später wollte ich wieder zurückfahren, musste aber in der DDR wegen Vergaserproblemen umkehren.
Die Firma, in der ich meine Lehre zum Großhandelskaufmann absolvierte, war ein gediegener Mittelstandsbetrieb mit ca. zehn Angestellten und mir. Ich wurde von Abteilung (Export, Buchhaltung, Einkauf) zu Abteilung geschickt, um alle Abläufe „von der Pike auf“ zu lernen (mein Vater hoffte ja noch). Da ich mit der Einstellung in diese zwei Jahre gegangen bin, wenn schon eine Lehre, dann aber richtig, bestand ich darauf, Neues zu lernen und nicht als billige Arbeitskraft ausgenutzt zu werden. So wurde ich zwei Tage lang krank, wenn mir zu oft die dröge Ablage aufgebrummt worden war. Dann hatten meine Kollegen ein Einsehen und mir eine neue Arbeit übertragen.
Meinem Lehrherrn fiel auf, dass ich ziemlich regelmäßig zwei Tage fehlte (natürlich immer mit pünktlichem Anruf morgens um sieben Uhr). Das lag (was ich ihm vielleicht verschwieg) an der langweiligen Aufgabe, die ich gerade zu erfüllen hatte, oder am Besuch meiner Freundin Rachel, für die ich mir schon mal etwas Zeit nehmen wollte. Als er sagte, ich fehlte so lange, musste ich ihn korrigieren: „Oft, nicht lange.“ Er meinte, ein mangelndes Firmeninteresse bei mir zu erkennen, was ich bestritt. Ich sei nun mal ein Berliner Binnenländer und kein Hanseat (hach, da warf er sich aber in die Brust), und da ich das raue Hamburger Klima nicht gewöhnt wäre, würde ich halt eher mal krank, und wenn ich dann schon nach zwei Tagen (ohne Attest), zudem auch noch sehr geschwächt, wieder anträte, dann sei genau dies der Beweis für mein Firmeninteresse. Er stellte fest, dass er mir so nicht beikommen konnte und versuchte, mich beim Geld zu packen. Er bot mir monatlich 100 DM mehr an, das waren ca. 25% Aufschlag zu meinem Lehrlingsgehalt. Er wollte mir aber für jeden unentschuldigten Tag zehn DM abziehen. Ich wies ihn darauf hin, dass er mich zwänge, demnächst statt zwei Tage „illegal“ ohne Attest zwei Wochen mit einer legalen ärztlichen Bescheinigung zu fehlen. Das war ihm egal. Und es wirkte. Ich fühlte mich aufgewertet, empfand mehr Verantwortungsgefühl und machte kaum mehr blau.
