Lehrzeit - Bernhard Laux - E-Book

Lehrzeit E-Book

Bernhard Laux

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Beschreibung

Wie dauerhaft beeinflusst Erziehung die Haltung der Kinder im eigenen Erwachsenen-Leben? Ist es eine Frage der menschlichen Würde, seine Meinung möglichst offen zu äußern - auch gegenüber behaupteten Autoritäten? Mit welchen politischen und persönlichen Konsequenzen ist zu rechnen - auch für die Erziehenden? Dieser Roman erzählt in fünf Teilen eine reale Familiengeschichte, die aus der Sicht des Protagonisten Burkhart Fuchs wiedergegeben wird und sich von der Nazizeit bis in die Gegenwart erstreckt - gut achtzig Jahre konkrete deutsche Geschichte aus einem persönlichen Blickwinkel reflektiert. Ein Ereignis steht nicht nur zeitlich im Mittelpunkt des Romans. Es ist das Berufsverbot für den angehenden Lehrer Burkhart. Er, der verweigert, den "aufrechten Gang" mit dem Beamtenstatus aufzugeben, wird obrigkeitsstaatlich abgestraft. Aber er wehrt sich erfolgreich und arbeitet als anerkannter Lehrer an vielen unterschiedlichen Lernorten, besonders gern in einer Jugendwerkstatt. In der Schilderung der politischen Auseinandersetzung und ihrer Folgen wird das gesellschaftliche Klima der siebziger und achtziger Jahre lebendig. Burkharts Erfahrungen in der Folgezeit sind davon geprägt, wie sich das Verhältnis von Kindern und Eltern allmählich bis zu einem Rollenwechsel verschiebt.

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Seitenzahl: 417

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Teil 1: Überlebenszeit

Maifeier

Ilse und Horst lernen sich kennen

Alter und Oder

Ilse schwimmt mit Ernst über die Oder, Verhältnis zu Horst, Ernsts Asthma, Bonbons des Großvaters, Sucht und Vernunft

Wiedersehen und Weiterleben

Bodo ist „unterwegs“, Heirat, Kriegsbeginn, Horsts Verwundung und Genesungsurlaub, Ilse zieht mit Bodo nach Hausdorf, KZ-Erlebnis, Horst muss weiter nach Prag

Prag, tschechisches Intermezzo, kurze Rückkehr

Ilse trifft Horst in Prag, bekommt durch eine Tschechin eine Wohnung in einem tschechischen Dorf, Integration und Schutz, Rückkehr nach Hausdorf unmittelbar vor dem Prager Aufstand

Krieg, Kriegsende, die Russen kommen

Manfred und der Endsieg

Die Erlebnisse des Bruders, der im Sommer 1944 mit knapp 18 Jahren eingezogen und zweimal verwundet wird, Verteidigung der sogenannten Festung Breslau gegen die Russen, Verwundung, Einsatz gegen die Amerikaner, Verwundung, abenteuerliche Rückkehr nach Hausdorf

Überleben und Wunder

Schwierige und gefährliche Nahrungsbeschaffung, Ilse hat Komplikationen, Fachleute vermuten eine Fehlgeburt, aber trotz Chinin spürt sie bald Leben, gleichzeitig eitert der Splitter aus Manfreds Wunde

Pogromnacht

Rückblick: Ilses Familie versteckt die jüdischen Nachbarn in der Pogromnacht

Flucht 1

Elfriede, Ernst und Manfred fliehen, Irrwege; Ilse bleibt, will auf Horst warten

Flucht 2

Ilses Flucht, Ankunft am Treffpunkt in Hohenroda, dort findet sie Elfriede, aber inzwischen ist Manfred auf der Suche nach seiner Mutter, erfährt, dass Elfriede und Ilse nach der Geburt des zweiten Sohnes bereits auf dem Weg in das Flüchtlingsheim in Itzehoe sind, geht weiter nach Mecklenburg-Vorpommern, will dort seinen insulinkranken Jugendfreund nach Westen holen, der aber bleibt, Manfred schafft es zurück nach Itzehoe

Teil 2: Neue Heimat, neues Leben

Horst kehrt heim

Horst ist schwer krank aus der Gefangenschaft entlassen worden, er sieht sein zweites Kind Burkhart zum ersten Mal

Kleinstadtkind

Wohnen in einem ehemaligen Lokschuppen, Begeisterung und Enttäuschung

Fußball, Blessuren und anderes Theater

Liebe zur Bewegung, viele Unfälle, erste Begeisterung für das Theater

Wintersturm

Das Dach der Behausung tanzt, Angst, Freude an der riesigen Weite vereister Wiesen

Schule, Normgesichter und neue Schuhe

Muttermal-Operation, positive Schulerfahrungen, wertvolle neue Schuhe

Großstadtkind: Prügeln, Heimweh, Marmelade

Ungewolltes Kräftemessen in der neuen Schule, erniedrigende Bestrafung durch den Rektor, Heimweh, Geldschwierigkeiten der Eltern

Der Tod des Bruders

Das einschneidende Erlebnis für den jungen Burkhart, Resignation, nur mit letzter Anstrengung erreicht er das Abitur

Abiturfeier

Rückblick auf die Schulzeit im Gymnasium, zwei positive Ausnahmen im Lehrerkollegium

Universität und Lernen. Katharina

erste Seminarerfahrungen, Burkhart lernt Katharina kennen, verliebt sich

Demonstrationen, Gewalt und Marx

das erste Mal auf der Straße, Vietnamkrieg und Springer-Imperium, marxistische Ideen in der Uni

Gedicht: Exposé auf die Zukunft

Liebe und Leere

das Verhältnis zu Katharina verdrängt seine resignative Haltung, erste Wahrnehmung als Schriftsteller

Gedicht: nachlese

Gewalt 2

Reaktion auf die Ermordung von Benno Ohnesorg, überraschend freundliche Begegnung mit einem Polizisten, Attentat auf Rudi Dutschke, Osterunruhen

Zusammenleben, einmaliger Besuch, erstes Examen

Katharina und Burkhart werden unter 100 Bewerbern als Mieter einer preiswerten Wohnung ausgewählt, sie erhalten Besuch eines Gerichtsvollziehers, Burkhart macht ein sehr gutes literaturwissenschaftliches Examen

Schlichte Heirat und zurück in der Schule

Katharina und Burkhart heiraten, er beginnt die Referendarsausbildung als Lehrer, wird zum Sprecher der Referendare gewählt, heftige Auseinandersetzung mit der Schulbehörde, abschreckende Begegnung mit dem Schulsystem der DDR

Teil 3: Ein Berufsverbot und viele Folgen

Staatsträger

Burkhart wird nicht in den Schuldienst übernommen, sehr viele Proteste, er fragt den Schulsenator nach Gründen. Burkhart findet Beweise in einer Geheimakte dafür, dass er politisch abgestraft werden soll

Erlasse für Hamburg und das Bundesgebiet

Der Einzelfall wird verallgemeinert, Hamburg wird zum Vorreiter bundesweiter Berufsverbote, Burkhart wird aus einer Fernsehsendung wieder ausgeladen, große Protestwelle, "mehr Demokratie wagen" bekommt eine neue Bedeutung, Burkhart meldet sich arbeitslos

Lehrreiches Intermezzo

Burkhart wird nach einem halben Jahr überraschenderweise von der größten Privatschule Hamburgs als Lehrer übernommen, interessante und erfreuliche Erfahrung in der Erwachsenenbildung, erstes Opernlibretto und Zensurversuch, Überprüfung der Sekundärliteratur für Katharinas zweite Examensarbeit

Zweite Entlassung

Nach anderthalb Jahren wird Burkhart entlassen, bevor er zum Betriebsrat kandidieren kann

Großbetrieb und Gewerkschafts-Kämpfe

Burkhart wird von einem Großbetrieb eingestellt, in der Gewerkschaft verschärfen sich die Gegensätze zwischen Vertretern der bürgerlichen Parteien und der sogenannten Linken, Burkhart wird kurzzeitig aus der Gewerkschaft ausgeschlossen; im Großbetrieb wird er denunziert, der oberste Chef entscheidet auf seine Entlassung.

Negative Erfahrungen Burkharts mit K-Gruppen, er grenzt sich gegen deren autoritäre Tendenzen klar ab

Gedicht: Ratschläge an eine befreundete Organisation, die Massenagitation betreffend

Theater - Theorie und Praxis

Burkhart erhält ein Doktoranden-Stipendium, arbeitet im Brecht-Archiv in Ostberlin und nimmt an einem wichtigen Theater-Workshop teil. Erstaunlich positive Erfahrung mit einem DDR-Grenzer

Gedicht: sonett an uns

Systemwidrige Ideen und freies Theater

Prozess in 1. Instanz gewonnen, Behörde nutzt nun sogar Gewerkschaftsanträge und Referendarsprecher-Tätigkeit als Beweis für "systemwidrige" Gesinnung Sieg in der 2. und letzten Instanz

Burkhart schreibt und inszeniert in der Heine-Gesellschaft ein eigenes Theaterstück, zufällige Begegnung mit der Tochter des Schulsenators

Gedicht: Freizeitbeschäftigung

Teil 4: Alte Heimat, neues Polen

Polen 1

Urlaub in der ehemaligen Heimat von Ilse und Horst, aufgesetzter Wodka und polnische Gastfreundschaft

Polen 2, Kontrasterfahrung

Willkürliche Erpressung von Strafgeld durch einen Verkehrspolizisten

Heinz

Burkhart hat sich mit Heinz, einem Strafgefangenen, angefreundet, der auf eines seiner Hörspiele reagiert hat, Heinz nutzt einen Freigang zur Flucht, Fahndung über das Fernsehen, Kriminalbeamte befragen Burkhart, Heinz hütet während der Polenreise die Wohnung, glückliches Ende

Polen 3

Breslau und Wroclaw, Ilses und Horsts Reaktion, naive Holzfiguren, Gegenbesuch von Andrzej

Teil 5: Pädagogik, Eltern und Tod

Schulanfang

Burkhart in der sogenannten Lehrerfeuerwehr, vielfältige Erfahrungen in allen Schulstufen, besonders beeindruckend dann die feste Führung einer Klasse vom 1. bis 4. Schuljahr

Atomarer Friede

Katharina und Burkhart nehmen an einer großen Demonstration gegen das Atomkraftwerk Brokdorf teil

Gedicht: friedlicher tod

Ein weiterer unerwarteter Tod

Alzheimer-Erkrankung von Katharinas Mutter

Der Sieg des Kapitalismus, weitere Tode

Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss, Zerfall der Sowjetunion, Wiedervereinigung; Wechsel der Positionen im Privatleben, Betreuung von Katharinas Vater, dessen „normaler“ Tod

Werkstattleben (Fouad erzählt (1))

Burkharts Arbeit in der Jugendwerkstatt, Erlebnis mit einem Jugendlichen, Vertrauensvorschuss

Eine Abschiebung wird verhindert

Katharina verhindert die Abschiebung der Familie eines Schülers durch einen Briefwechsel mit höchsten Behördenvertretern, eine positive Erfahrung mit der Administration

Fouad erzählt (2): Der Gigant

Integration eines extrem auffälligen Jugendlichen in die Gemeinschaft der Jugendwerkstatt

11. September, Irak-Krieg und Büsumer Idylle

weltpolitische Ereignisse und allmählicher Wechsel der Positionen auch im Verhältnis zu Ilse und Horst, Unterstützung der Eltern

Dorikas Portemonnaie

Ein Diebstahl und unerwartete Folgen in der Jugendwerkstatt

Wachstum, Zerstörung und normative Pädagogik

Schließung der Jugendwerkstatt im Zuge der Agenda 2010, Burkhart wechselt in die normale Berufsschule

Auf des Messers Schneide und Abgesang

Katharina erkrankt lebensgefährlich, schwierige, aber letztlich erfolgreiche Operation; Tod von Horst, Ilses Schlaganfall und Umsetzung ihrer Patientenverfügung

Mutters Märchen

Burkhart findet in Ilses Nachlass einen Text, in dem sie in Märchenform sein Berufsverbot als mögliche Folge der elterlichen Erziehung reflektiert; Burkhart dankt ihr im Nachhinein dafür und bezeichnet den aufrechten Gang als unverzichtbar, gerade vor dem Hintergrund des wieder erstarkten Rechtsextremismus

Teil 1: Überlebenszeit

Maifeier

"Pass auf, dass er nicht so viel trinkt!", hatte die Mutter beim Abschied gesagt.

Der Vater hatte gelacht.

Jetzt hatte er Ilse untergehakt und steuerte direkt den Getränkeausschank an.

Der Saal quoll über von frühlingsgestimmten Menschen, die Tanzkapelle setzte gerade wieder zu einem flotten Walzeran.

Über den Musikern hing eine der vielen roten Fahnen mit dem schwarzen Hakenkreuz auf weißem, kreisförmigem Grund.

Noch feierten sie, die durchschnittlichen, keineswegs unmenschlichen Deutschen. Viele waren Sozialdemokraten gewesen, noch bis vor fünf Jahren, wie Ernst, Ilses Vater, der gern den einen oder anderen Schnaps trank an freien Tagen.

Und nur dann - schließlich war er sich seiner Verantwortung bewusst, Werkmeister Ernst, der den mächtigsten Schienenkran der Reichsbahn dirigierte. Eine Aufgabe, die nur er mit absoluter Zuverlässigkeit beherrschte.

Eigentlich hatte er es einmal besser haben sollen als sein Vater.

Auch wenn dessen Beruf des Schaffners bei der Eisenbahn immerhin mit der Sicherheit des Beamtenstatus verbunden war, große Sprünge konnte man damit nicht machen, wie seine Mutter sagte. Also hatte Ernst ein Ingenieurstudium begonnen. Doch er hatte noch nicht einmal das dritte Semester abgeschlossen, da verunglückte sein Vater tödlich.

Beim Aufspringen auf den anfahrenden Zug war er mit dem Fuß vom Trittbrett des Wagens abgerutscht und überfahren worden.

Ernsts vier ältere Schwestern trugen nicht wesentlich zum Lebensunterhalt bei, also hatte er das Studium abbrechen und für ein festes Familieneinkommen sorgen müssen.

Er war als Werkführer zur Reichsbahn gegangen und hatte nebenbei noch eine Schlosserlehre nachgeholt.

Schon bald fuhr er den 90-Tonnen-Kran, da er korrekt berechnen kann, wie weit die Tragkraft für die Schwergüter ausreichend ist.

Neben Bahnwaggons und Lokomotiven hat er auch U-Boote zu verladen. Was ihn schon ein Jahr später und die übrigen Kriegsjahre unabkömmlich machen sollte, bewahren vor unmittelbarem Einsatz im zweiten großen europäischen und weltweiten Schlachten.

Noch feiern sie, die durchschnittlichen, keineswegs unmenschlichen Deutschen.

Bis sechs Jahre zuvor haben etliche von ihnen den 1. Mai als "Kampftag der Arbeiterklasse" begangen, haben deutlichen Warnungen gegen die Gefahr von rechts applaudiert: "Wer Hitler wählt, wählt den Krieg".

Damals, es schien jetzt Menschenalter her, hatte es über dem Musiker-Podest andere Fahnen gegeben, mit einem anderen Rot.

Doch die Feiernden und so viele mehr haben sich mit den neuen Machtverhältnissen arrangiert.

Kaum jemand ist noch arbeitslos, die Straßen scheinen beinahe frei von Kriminalität.

Dass der gesamte Staatsapparat indes von Kriminellen übelster Sorte beherrscht ist, wird nur ganz gelegentlich noch gedacht.

Ein Großteil der technischen Produktion arbeitet einem gigantischen Rüstungsprogramm zu, sicher, aber das ist schon mehr als fünf Jahre Alltag, ohne dass die angekündigte Kriegsgefahr greifbar zu werden scheint.

Ernst und seine Familie aber erinnern sich noch sehr genau an das Jahr 1933.

Damals lebten sie im niederschlesischen Schweidnitz und bewohnten eine Vierzimmerwohnung.

Offensichtlich waren Elfriede und er als SPD-Mitglieder denunziert worden. Daraufhin hatten die neuen Machthaber eine Hausdurchsuchung angeordnet.

Zwei SA-Leute hatten bereits in drei Zimmern Schubladen und Schränke durchwühlt, waren aber nicht fündig geworden.

Nun standen sie vor dem Kinderzimmer für die elfjährige Ilse und den siebenjährigen Manfred.

Zufällig hatte Elfriede am Tag zuvor aus der Zeitung ein Bild Hitlers ausgeschnitten und zu Ernst gesagt: "Guck mal, den mach ich mir an die Tür."

Lachend hatte sie das Blatt mit Reißzwecken befestigt und dabei offen gelassen, ob sie den neuen "Führer" der Deutschen bewunderte oder nur hängen sehen wollte...

"Du bist verrückt!", war Ernsts gutmütiger Protest gewesen.

Die Männer in der braunen Uniform betraten das Zimmer und entdeckten das Foto an der Tür.

Umgehend brachen sie die Durchsuchung ab.

Hätten sie das im Zimmer stehende Vertiko geöffnet, wären ihnen die SPD-Mitgliedsbücher unweigerlich in die Hände gefallen.

Sie lagen offen sichtbar in der obersten Schublade.

Heute jedoch, im Breslau des Jahres 1938, ist Ernst in Feierstimmung und vergisst für einen Moment auch diese Erfahrung.

Mit ihm feiert die sechzehnjährige Ilse und lernt ihren Horst kennen.

Im ersten Blick, den sie miteinander wechseln, blitzt die Vorahnung einer kleinen Ewigkeit auf, die ein doppeltes Menschenleben ausmachen wird - so viele Tode eingeschlossen, fremde wie hautnahe.

Horst sitzt da und sieht unablässig in ihre Richtung. Als sie zum Getränketresen geht, um ein Bier für den Vater und eine Brause für sich zu holen, steht er dort und hilft ihr wie selbstverständlich beim Tragen, obwohl sie den Gläsertransport spielend allein bewältigen könnte.

An diesem Abend weicht er nicht mehr von ihrer Seite; zu seinem (und ihrem ) Glück ist er dem Vater sympathisch.

Außerdem stellt sich bald heraus, auch er gehört zu den Eisenbahnern.

Er fordert sie zum Tanzen auf. Seine Füße treffen häufiger die ihren als den Dielenboden, trotzdem kommt es ihm vor, als schwebe er dahin.

Schließlich begleitet er sie und den Vater nach Hause, doch Ilse bleibt distanziert, und sie sehen sich zunächst nicht wieder.

Horst aber lässt nicht locker.

Eine Woche später klingelt er an Ilses Wohnungstür.

Eine Frau in Kittelschürze öffnet.

Sie mag knapp 40 Jahre alt sein, trägt die Haare streng zurückgekämmt und im Nacken zu einem Knoten gebunden.

"Sie wünschen?"

"Guten Tag, mein Name ist Horst Fuchs. Ich..."

"Wir kaufen nichts!"

Die Tür schließt sich mit einem Ruck vor seiner Nase. Er ist so überrascht, dass er sich wie auf Befehl umwendet.

Als er den Treppenabsatz fast erreicht hat, wird die Tür hinter ihm wieder geöffnet.

Er blickt vorsichtig über die Schulter und ist zum zweiten Mal sprachlos. Amüsiert lächelnd lehnt Ilse am Türrahmen.

"Guten Tag! Wollten Sie vielleicht zu mir?"

Horst bekommt immer noch kein Wort heraus, doch er dreht sich um und macht einen vorsichtigen Schritt auf sie zu.

"Sie müssen entschuldigen, meine Mutter hat eine große Abneigung gegen Vertreter..."

"Das habe ich gemerkt!"

Ihr Lächeln lockert seine Anspannung, er kann sogar lachen.

Nun erscheint die Mutter zum zweiten Mal, ohne Kittelschürze und mit mehr Interesse an seiner Person. Sie mustert ihn offen mit einem verschmitzten Augenzwinkern.

"Mutter, das ist Horst Fuchs.

Ich habe ihn neulich zusammen mit Vater auf der Maifeier kennengelernt."

"Dann kommen Sie mal herein, junger Mann, auf den Schreck haben Sie eine Tasse Kaffee redlich verdient!"

Sie geht voraus, eine kleine, drahtige Frau mit leicht wiegendem Gang.

Ilse gibt ihm in der Tür die Hand, selbstbewusst aufrecht stehend, das schöne Gesicht mit der langen schmalen Nase und den graugrünen Augen von schulterlangen, rotblonden Haaren umrahmt.

Sein Händedruck ist nicht sehr fest, aber er blickt ihr ins Gesicht.

Sie schließt die Tür und lässt ihn vorgehen.

"Die zweite Tür links", sagt sie und er gehorcht schlafwandlerisch, stolpert jedoch in der leichten Dämmerung des Flurs über die Kante des Läufers.

Im Vorwärtstaumeln erkennt er die Klinke der Wohnzimmertür und greift danach wie nach dem rettenden Haltegriff eines Omnibusses.

Die Tür allerdings ist nur angelehnt, deshalb landet er weit schneller als erwartet mit dem Oberkörper und den Knien in der guten Stube.

Immerhin mindert der dort liegende dicke Teppich den Aufprall.

"Er fiel von Anfang an gern mit der Tür ins Haus" ist von diesem Tag an ein häufig zitierter Satz Ilses über ihren späteren Lebensgefährten.

Und fast immer schwingt in dieser Äußerung ein Unterton selbstverständlicher, jedoch eines Hinweises würdiger Überlegenheit mit.

Jetzt fasst sie allerdings kichernd nach seinem Oberarm, aber er ist schneller auf den Beinen als sie zugreifen kann.

"Galt der Kniefall mir?", kokettiert sie.

"Wem sonst - als deiner Mutter!", sagt er, und in einem Anflug trotziger Verlegenheit duzt er sie das erste Mal.

Das wird ihm allerdings erst Augenblicke später bewusst, nachdem er sich den nicht vorhandenen Staub von den Hosenbeinen geputzt hat.

Die Mutter unterbricht die kurze, spannungsvolle Stille.

"Deck doch bitte die Goldrandtassen", ruft sie aus der Küche.

Ilse geht zum Nussbaumvertiko.

"Setzen Sie sich bitte", sagt sie dabei und hält ihn weiterhin auf Distanz.

Die Mutter kommt, ein silberfarbenes Tablett in den Händen. Darauf glänzt eine gelbbraune Halbrolle, deren beide Querseiten in beinahe regelmäßigen Abständen von halbkreisförmigen, blauschwarz gepunkteten Ringen durchzogen sind.

"Sie haben Glück, junger Mann, ich habe gerade einen neuen Mohnstrietzel gebacken. Den müssen Sie unbedingt probieren!"

Der Kuchen schmeckt tatsächlich unglaublich gut, aber mehr als ein Stück kann Horst nicht essen - trotz mehrfacher Aufforderung durch Ilses Mutter lehnt er dankend ab.

"Mutter, du weißt, dein Strietzel ist beliebt und gefürchtet zugleich!", lacht Ilse.

"Sie müssen wissen, sie verbraucht für einen solchen Kuchen allein drei Pfund Butter..."

"Aber Herr ..."

"Fuchs"

"Herr Fuchs, Sie könnten doch gut und gern etwas zunehmen."

Ilse schüttelt den Kopf.

Sie kennt die direkte Art ihrer Mutter, die sich des Öfteren hinter einer scheinbar bodenlosen Naivität versteckt.

"Mutter, nicht jeder Mann muss mit einem Bauch herumrennen - schon gar nicht, wenn er noch nicht einmal zwanzig Jahre alt ist..."

Horst entscheidet sich für eine ernsthafte Reaktion, obwohl ihm das Gespräch zu persönlich wird.

Ihm gefällt es zwar, dass sie sich sein Alter gemerkt hat, das verrät mehr Interesse, als sie nach außen zeigt.

Dieses Gerede über seine Figur jedoch ist ihm peinlich.

In seiner Familie ist es verpönt, viel zu essen. Auch das ein Ausdruck der Sparsamkeit seiner Eltern, die andere mit Geiz bezeichnen würden.

"Die schlanke Linie liegt bei uns in der Familie, Frau Clemens.

Mein Vater hat etwa die gleiche Figur wie ich."

Er lächelt und fügt schnell hinzu:

"Aber bei uns gibt es auch nicht solchen Kuchen."

"Danke für das Kompliment, junger Mann. Vielleicht wollen Sie noch ein Stück mitnehmen?"

Er wehrt lachend ab.

"Eigentlich", setzt er an und blickt auf Ilse.

"Eigentlich sind Sie natürlich wegen Ilse hier und nicht wegen meinem Kuchen, klar!

Jetzt benehme ich mich selber schon wie ein Vertreter!"

Sie schüttelt den Kopf und räumt die Teller zusammen.

Horst hat Mut gefasst.

"Eigentlich wollte ich Ihre Tochter zu einem Spaziergang abholen."

"Da habe ich ja auch noch ein Wörtchen mitzureden", protestiert Ilse, aber ihre Augen sagen deutlich ja.

"Wenn du nicht zu spät wieder da bist, habe ich nichts dagegen", meint die Mutter mit dem Tablett in der Hand.

So schlendern Horst und Ilse wenig später ohne elterliche Begleitung die Tauentzienstraße entlang.

Es wird ein wichtiger Abend für die beiden, an dessen Ende nicht nur das gegenseitige 'Du' steht...

Alter und Oder

Die Sonne brennt so heiß wie im August.

Doch das Blätterwerk der Krüppeleichen hat sich noch nicht überall vollständig entfaltet, und das helle, frische Grün von Buchen und Weiden lässt deutlich erkennen: Der Sommer steht noch am Anfang.

Auch das Wasser der Oder hat sich gerade erst oberflächlich erwärmt.

"Das erzieht dazu, die Beine nicht hängen zu lassen!", prustet Ernst nach dem ersten Untertauchen.

"Du weißt: So flach wie möglich auf dem Wasser liegen, wegen der Strömung."

"Wollen wir denn rüber schwimmen?", fragt Ilse.

"Das werden wir wohl noch schaffen - auch wenn dein Vater nun schon fast 50 ist, gehört er noch nicht zum alten Eisen!"

"Hauptsache, ich muss dich nachher nicht abschleppen!", lacht Ilse und stößt sich in das tiefere Wasser.

Nach den ersten fünfzehn bis zwanzig Schwimmzügen gewöhnt sich ihr Körper an die zur Flussmitte hin deutlich geringer werdende Temperatur. Gleichmäßig koordiniert sie Atemzüge und kraftvollen Beinschlag, schiebt den Kopf geradlinig den Händen hinterher und atmet mit leicht vorgeschobenem Unterkiefer in das Wasser aus. (So ist sie in der letzten Realschulklasse sogar Margarethe Kuhn davon geschwommen, die als Leistungssportlerin mehrmals in der Woche trainiert.)

Mit jedem Zug genießt sie das Vorwärtsgleiten, und je deutlicher sie nach etwa der halben Strecke spürt, wie der Fluss sie immer wieder seitlich zu verschieben sucht, desto länger streckt sie sich in die Gleitphase.

Von Beginn an hat sie ein Stück des gegenüberliegenden Ufers angesteuert, das deutlich durch eine Weidengruppe mit einem davor angelegten kleinen Bootssteg gekennzeichnet ist.

Sie kommt gut voran und muss nur gelegentlich die Richtung korrigieren. Hinter sich hört sie das rhythmische Schnaufen ihres Vaters, das mit zunehmender Entfernung vom diesseitigen Ufer immer häufiger durch kleine, mühsam unterdrückte Hustenanfälle unterbrochen wird.

Als sie zurückblickt, dreht sich Ernst gerade auf den Rücken, um besser Luft zu bekommen. Sie bringt sich ebenfalls in Rückenlage und wartet bis er auf ihrer Höhe ist.

"Ist alles in Ordnung?", fragt sie besorgt, bemüht sich aber um einen leichten Ton.

"Es geht schon. Ich schwimme ein Stück auf dem Rücken weiter", antwortet Ernst, offensichtlich wieder etwas zu Atem gekommen.

"Ich bleibe erst mal neben dir, dann kann ich dich ein bisschen dirigieren."

"Das tust du ja sonst auch", scherzt er, muss dabei allerdings einen weiteren Hustenanfall unterdrücken.

Von nun an sprechen sie nicht mehr, und nach vielleicht zehn Minuten schwimmt der Vater wieder in der Bauchlage.

Seine Schwimmzüge sind jetzt so kräftig, dass Ilse Mühe hat, mitzuhalten.

Allmählich nähern sie sich dem anderen Ufer. Am Bootssteg sind bereits zwei Ruderboote zu erkennen, im Schilfsaum scheint sie ein Haubentaucher zu einem kleinen Versteckspiel einzuladen.

Ilse fühlt mit Erleichterung, dass die kalten Unterströmungen nachlassen. Das würde ihrem Vater helfen, auch die verbleibende Strecke von vielleicht 80 Metern bis zur flacheren, stehtiefen Uferregion ohne weitere Schwierigkeiten durchzuhalten.

Doch gerade in diesem Moment wird der vor ihr Schwimmende erneut von Husten geschüttelt.

Der Anfall ist so stark, dass Ernst einen Augenblick lang überhaupt nicht mehr atmen kann und beim verzweifelten Versuch, Sauerstoff in seine Lungen zu bekommen, Wasser schluckt. Panikartig wirft er sich wieder auf den Rücken und ringt keuchend nach Luft. Schließlich besinnt er sich. Er zwingt sich, einige Sekunden lang möglichst ruhig zu liegen und bewusst durch die Nase zu atmen.

Ilse manövriert sich in Rettungsschwimmer-Manier hinter ihn und setzt zu einem Hebegriff um seinen Oberkörper an.

Inzwischen aber ist ihm eine Anzahl flacher, ruhiger Atemzüge gelungen, und er signalisiert mit einem festen Händedruck in ihren Unterarm, sie solle ihn loslassen.

"Danke, Kind, dein alter Vater schafft es noch", presst er hervor und atmet tief aus.

Sie schwimmen jetzt in ruhigem Tempo und erreichen wenig später die unmittelbare Ufernähe.

Hat es sonst für Ernst am Ende der vielen anderen, nicht selten riskanten Schwimmunternehmungen immer so etwas wie ein Gefühl der Befriedigung gegeben, in der auch ein wenig Erleichterung mitschwingt, so empfindet er diesmal echte Dankbarkeit, als seine Füße endlich Sandboden ertasten.

Ilse steht neben ihm und streckt den Arm aus.

Er greift beinahe zärtlich zu, und sie waten Hand in Hand ans Ufer. Von weitem könnten sie für ein Liebespaar gehalten werden.

Im Halbschatten der Weiden lässt er sich auf den Boden sinken, sie bleibt neben ihm stehen.

"Noch einmal mache ich das nicht!", sagt er mit leiser Stimme.

"Das ist das Rauchen", meint Ilse und zuckt mit den Achseln.

"Ein Laster muss der Mensch doch haben!", mault er.

"Außerdem bin ich doch schon auf Zigarre umgestiegen..."

"Komm mit in die Sonne - hier wird mir zu kalt", meint sie und hält ihm die Hand entgegen.

Aber anstatt sich aufhelfen zu lassen, zieht er sie mit einem kurzen Ruck zu Boden.

"So ein altes Wrack bin ich ja nun doch nicht!", lacht er und stemmt sich kraftvoll in den Stand.

Sie springt hinterher, und beide suchen sich einen Platz an der Spitze des Steges.

Eine Weile genießen sie schweigend die Sonnenwärme, die Körper und Kleidungsstücke schnell trocknet.

Ernst liegt auf dem Rücken, hat die Arme unter dem Kopf verschränkt und blickt in den weiten klarblauen Himmel. Ilse hat sich bäuchlings ausgestreckt und lässt die Sonne auf dem Rücken feuern.

"Es gibt Besseres, als älter zu werden", unterbricht Ernst schließlich die Stille, ohne seine Position zu verändern. Ilse antwortet schläfrig mit leicht seitwärts gewandtem Gesicht.

"Ich finde, du siehst immer noch so aus wie früher. Die hohe Stirn zum Beispiel - für mich hattest du sie immer, vom ersten Moment, an den ich mich erinnern kann."

"Nett, dass du auch auf meine Fast-Glatze anspielst.

Aber du weißt, was ich meine: das mit dem Schwer-Luft-Bekommen.

Wenn ich daran denke, wie ich mit 25 im Winter eisbaden gegangen bin - und heute schaffe ich es kaum noch, über die Oder zu schwimmen..."

"Das schaffen andere nicht einmal mit 25!"

"Schön, wie du versuchst, mir Mut zu machen."

"Ach, kokettier' nicht so mit deinem Alter. Ich finde, das Leben ist mit 16 nicht entscheidend einfacher."

"Liebeskummer?"

"Gottseidank nicht."

"Ist das ernst mit diesem - Horst?"

"Ihm ist es sehr ernst, glaube ich. Mir fast zu ernst - irgendwie geht alles ein bisschen zu schnell."

"Du bist doch bestimmt in der Lage, etwas gegenzusteuern, oder?"

"Tue ich gerade. Hier, mit dir."

"Muss ich das verstehen?"

"Er wollte heute mit mir schwimmen gehen. Ja, und nun ist er eifersüchtig auf meinen Vater..."

Beide lachen, Ernst setzt sich auf.

"So, nun muss ich dafür sorgen, dass wir ohne Rettungsschwimmer-Einlage zurückkommen. Ich frage mal den Menschen dort in seinem Ruderboot."

20 Minuten später haben sie den Kahn samt Besitzer zum Ausgangspunkt ihrer Schwimmtour zurück gerudert.

Ernst springt ans Ufer, hilft seiner Tochter galant beim Aussteigen und bittet den Mann, einen Moment zu warten.

Er läuft federnd die wenigen Meter zu ihren abgelegten Kleidern, als sei er bei bester Gesundheit, und kommt mit zwei in eine Papiertüte gewickelten Zigarren in der Hand zurück.

"Das ist etwas Gutes - und vielen Dank!"

Der Mann riecht an den schwarzbraunen Tabakkörpern, mustert die Banderolen und nickt bestätigend.

"Dafür können Sie mein Boot öfter haben!"

Ernst lacht, aber schon als er sich umwendet, schüttelt ihn ein tief aus der Brust aufsteigender Husten.

Auch ich, der ich als Enkel Ernst eine Generation später erlebte, erinnere beim ersten Gedanken an ihn den schweren Rauch von Zigarren, der blaugrau-weiß im Zimmer wabert und mir und meinen Brüdern süßlich brennerich in Nase und Lungen kriecht.

Und ich höre gleichzeitig das asthmatische Husten, die gurgelnden, fast Ersticken signalisierenden Geräusche beim Versuch, die Atemwege freizupressen, die röchelnde Abgabe des gelösten Schleims in ein Taschentuch oder später, schon auf sein Ende hin, in den Nachttopf.

Ich fragte mich bereits in meinen jungen Lebensjahren, wieso die Vernunft so wenig zur Steuerung des menschlichen Verhaltens genutzt wird.

(Ich hatte noch keinen Begriff von dem, was Sucht ist, wohl aber von den Folgen.)

Vielleicht hätte ich genauer fragen müssen, welche Form die Vernunft annimmt, wenn sie als Bestandteil des menschlichen Tuns oft genug solche – zumindest im kritischen Sinne – vernunftwidrigen Ergebnisse hervorbringt. Was die Frage nach den Ursachen mit einschließt.

Denn es handelt sich ja nicht um nur vom Unterbewusstsein gesteuerte, sondern bewusst kontrollierbare Handlungen, denen nahezu immer auch eine Entscheidung vorhergeht.

Später, mit etwas mehr Abstand zu den konkreten Alltäglichkeiten wie zum geschichtlichen Außerordentlichen, wurde mir klar:

Diese Fragestellung hat eine universelle Bedeutung, obwohl sie sich aus einer sehr persönlichen Erfahrung entwickelt hat.

(Sie ist ein Antrieb für diesen Bericht...)

Mit der Vorstellung des Rauchens (und seiner Folgen) aber drängt sich beinahe gleichzeitig ein zweites Erinnerungsbild vor das andere, ohne es allerdings zu überlagern.

Da gab es im Zimmer meines Großvaters immer ein Glas, einen Napf oder eine Tasse gefüllt mit allen Arten von Bonbons.

Zwei Sorten beeindruckten uns Kinder besonders.

Zum einen die festen roten in Himbeerform und entsprechendem leicht säuerlichem Geschmack, der vor allem im Sommer und nach hitzetreibenden Laufspielen angenehm Speichel zusammenzog.

Unsere Favoriten aber waren, schon wegen ihres Äußeren, die knusprig ummantelten Goldkugeln.

Wirkungsvoll im Licht funkelnd, zogen sie unsere Blicke und unser Begehren auf sich und gaben schon unter leichtem Druck von Zunge oder Zähnen das weiche Schokoladen-Innere frei.

Tatsächlich schmeckten sie zu unserem befriedigten Erstaunen ebenso gut, wie sie aussahen.

Allzu oft machte man ja als Kind und besonders als Jugendlicher die gegenteilige Erfahrung; was mich schließlich dazu brachte, betonte äußere Attraktivität eher als Warnhinweis auf mindere innere Qualität anzusehen - zumal diese Abhängigkeit auch für die Eigenschaften vieler Menschen zu gelten schien.

Umso wichtiger war da die immer wieder zu bestätigende Gewissheit, es könne auch sein wie bei den Goldbonbons.

Hätte ich den Begriff damals schon gekannt, ich hätte vielleicht behauptet, dieses Sehen - Begeistertsein, Schmecken - Begeistertsein sei mein ganz eigener genussvoller Ausgangspunkt und Beleg für das Prinzip Hoffnung...

Wiedersehen und Weiterleben

Horst und Ilse sehen sich erst längere Zeit nach ihrem ersten Treffen wieder.

"Ich habe ihn ein wenig zappeln lassen", sagt Ilse später gerne, wenn sie mit ihren Kindern darüber spricht.

Die braunen Machthaber dagegen zögern nicht länger.

Am 1. September 1939 überfällt die deutsche Wehrmacht Polen und beginnt ihren größenwahnsinnigen Eroberungsfeldzug, der in eine verheerende Niederlage und den Verlust großer Teile des ehemaligen Reiches mündet. Über 60 Millionen Menschen kostet er das Leben.

Horst ist keineswegs begeistert, als er seinen Einberufungsbefehl erhält.

Auch wenn sein Vater, ein strammer Deutschnationaler, stets versucht hat, seine Begeisterung für das Militär auf seinen Sohn zu übertragen, Horst hat dem nie etwas abgewinnen können.

Nun liegt sein zwanzigster Geburtstag gerade ein paar Wochen zurück, und er hegt eigentlich ganz andere Vorstellungen von der Zukunft.

Er träumt von einer eigenen Familie mit Ilse. Obwohl er zunächst kaum in gefährliche Situationen gerät, behagt der Kriegsdienst ihm überhaupt nicht. Wenn er sich mit Ilse treffen kann, schildert er ihr seinen Ekel vor dem militärischen Kadavergehorsam. Er betont, er hoffe auf ein möglichst schnelles Ende des Krieges und ein friedliches gemeinsames Leben. Mehrfach schlägt er ihr vor, bald zu heiraten.

Erst einmal kann sie seinen Elan bremsen, einige Zeit später aber, im Sommer 1941, willigt sie ein. Sie fühlt sich zwar mit ihren 19 Jahren immer noch reichlich jung für eine Ehe, aber nun gibt es einen wichtigen Grund.

"Bodo war unterwegs" - Ilse ist also schwanger, und 1942 wird Burkharts älterer Bruder, wie so viele andere seiner Generation, als "Siebenmonatskind" geboren.

Das Zappeln hatte wohl ein Ende gehabt.

Horst sieht seine Frau und sein Kind nur in den seltenen Heimat-Urlauben. Ilse zieht den Säugling gezwungenermaßen nahezu ohne Vater auf, aber ihre Mutter Elfriede unterstützt sie, wo sie kann.

Zwei Jahre gehen so ins Land.

Mittlerweile erlebt Horst die Grauen des Krieges, denen er so gerne aus dem Wege gegangen wäre, hautnah. Die Erfolge der deutschen Wehrmacht, die mit ihrer Blitzkrieg-Strategie zunächst unbesiegbar zu sein schien, werden immer seltener.

Immer deutlicher wird dagegen der Mehrfrontenkrieg zum Problem, und das Kampfgeschehen rückt nun auch näher an Breslau heran.

Ilse wird mit Bodo "vorsorglich umquartiert".

Sie übersiedelt also von Breslau nach Hausdorf, einem Dorf am Fuße des Eulengebirges mit gut 4000 Einwohnern, das seit den zwanziger Jahren zu einem beliebten Erholungs- und Wintersportort vor allem der Breslauer geworden ist.

Im Auszugshaus, dem Altenteil der bäuerlichen Familie Schwarzer, finden sie vorübergehend Sicherheit. Ilse und Horst haben es billig mieten können, weil die alte Bäuerin glaubt, es spuke dort.

Tatsächlich werden die unheimlichen nächtlichen Geräusche von Wühlmäusen verursacht, die der Schäferhund Rolf mehrfach ausgräbt.

Horst versucht als Soldat möglichst gesund zu überleben, aber Ende 1944 wird er in Belgien schwer verwundet.

Die Verletzungen an seinem Bein sind so heftig, dass die Ärzte meinen, nur eine Amputation könne den sogenannten Wundbrand verhindern.

Ilse und Horst beraten sich eingehend.

Er meint, sein Gefühl sage ihm, das Bein komme wieder in Ordnung.

"Schließlich brauche ich das noch", versucht er sich selber Mut zu machen.

Und ganz ernst fügt er hinzu: "Ich schaffe das."

Schließlich verweigern beide die Zustimmung zur Operation.

Tatsächlich übersteht Horst die folgenden Wochen ohne größere Komplikationen.

Ein anderer Splitter allerdings wandert von der Schulter durch den Körper und wird ihn sein ganzes Leben lang begleiten.

Schließlich ist er soweit wieder hergestellt, dass er zum Genesungsurlaub nach Hausdorf fahren kann.

Am letzten Tag des Urlaubs besucht er mit Ilse noch einmal die Breslauer Wohnung.

Es ist der 19. Januar 1945.

Der Menschen verachtende Wahnsinn der Nazis wendet sich immer mehr auch gegen das eigene Volk.

Breslau wird zur "Festung", die Zivilbevölkerung darf sich vom nächsten Tag an nicht mehr dort aufhalten.

Die beiden begreifen, dass sie zu retten versuchen, was nicht mehr zu retten ist - es geht nur noch darum zu überleben.

So wollen sie die Stadt mit dem letzten regulär fahrenden Zug wieder verlassen.

Aber am Bahnhof wird Horst von SS-Männern angehalten.

"Wo wollen Sie hin, wir brauchen jeden Mann zur Verteidigung der Stadt!"

"Ich muss zum Wehrbezirkskommando in Prag der Zug fährt in drei Minuten!"

"Papiere!"

Horst hat die Dokumente bereits in der Hand.

Der jüngere der beiden SS-Leute gibt sie an den älteren weiter.

Der wirft einen kurzen Blick darauf und nickt.

Horst greift nach seinen Papieren und erreicht mit Ilse in letzter Minute den Zug.

Als sie am späten Abend im Zielbahnhof Ludwigsdorf ankommen, müssen sie sich trennen.

Horst fährt schweren Herzens weiter nach Prag, und Ilse macht sich mit Kinderwagen und dem Schäferhund Rolf allein auf den langen Fußweg zu "ihrer" Kate.

Es herrscht tiefe Dunkelheit, deswegen ist Ilse froh, den Hund dabei zu haben.

Als sie nach etlicher Zeit den steilen Anstieg die Kunterschärfe hinauf fast geschafft hat, entfernt sich Rolf plötzlich knurrend.

Unmittelbar darauf hört sie einen unterdrückten Schrei. Im unscharfen Licht der Taschenlampe erkennt sie eine Nachbarin, die ängstlich und starr auf den Hund blickt.

Es ist eine ältere Polin, die unterhalb der kleinen Kate in einem von drei weiteren Häusern wohnt.

"Die war vom ersten Weltkrieg her hängen geblieben", meinte Ilse, wenn sie diese Nachbarin Jahrzehnte später zu charakterisieren versuchte.

"Da herrschte polnische Wirtschaft, wie wir Deutsche das nannten. Die Schweine hausen im Unterteil des Küchenbuffets, die Hühner laufen durch die Wohnung. Irgendwie passten die nicht dorthin. Bei den Schlesiern ist der Misthaufen halt immer hübsch geschichtet..."

Im Dorf wird gemunkelt, sie stehle.

Einige verdächtigen sie gar hinter vorgehaltener Hand, eine Hexe zu sein.

"Was machen Sie denn hier, Frau Olsztyn?", fragt Ilse.

Die gemurmelte Antwort kann sie nicht verstehen, wahrscheinlich soll sie es auch nicht.

Trotzdem ist sie nicht unglücklich darüber, für die letzte Strecke zur Kate eine zusätzliche Begleitung zu haben. Auch wenn in ihrer Familie Überheblichkeit und Rassismus immer verpönt gewesen sind, war sie doch manchmal stolz darauf, einem Volk anzugehören, das so offensichtlich wieder Gewicht in der Welt bekommen hatte.

Mittlerweile allerdings weiß nicht nur sie, dass der Krieg verloren ist.

Und ihre Vorstellung von den "anständigen Deutschen", die in der Nazi-Ideologie so gerne beschworen werden, ist einmal mehr ins Wanken geraten.

Wenige Tage zuvor war sie schon einmal in Ludwigsdorf, zusammen mit ihrer Tante Olga, die mit Familie im Hausdorfer Häuschen von Ernst und Elfriede untergekommen ist.

Olga und Ilse wollen sehen, ob sie möglicherweise noch einmal nach Breslau fahren könnten.

Unterwegs werden sie Zeuge einer gespenstischen Szene.

Aus einem Zug quälen sich Männer und Frauen in Einheitskleidung, mit Armbinden und an die Brust gehefteten Zeichen, die sie offenbar kategorisieren sollen.

"Und da war ein ausgemergeltes altes Männchen, das brach immer wieder zusammen, und hinter ihm ein Soldat mit einem Gewehr, der stieß ihn immer wieder an.

Du musst dir vorstellen, der Weg ging oben am Bahndamm lang und das unten war wie ein Hohlweg, da bin ich aber den Berg runter und hab den Soldaten angebrüllt:

'Schämen Sie sich nicht?

So etwas ist eines Deutschen unwürdig! Sehen Sie nicht, dass der Mann nicht mehr kann?!'

Der war so platt, der konnte erstmal gar nichts sagen. Der war so schockiert, dass sich das einer getraut hat...

Ich hab gesagt: Das weiß unser Führer bestimmt nicht, nehmen sie den Mann doch wenigstens auf den Wagen!'

Da hat mich eine Frau aus der Gruppe genommen, die war groß und auch ziemlich kräftig, und zur Seite geschoben. Dann hat sie sich bekreuzigt.

Die Olga hat von oben gerufen, Ilse, was machst du da, du siehst dein Kind nicht wieder!

Das werde ich nie vergessen."

Als Ilse wieder bei Olga ist, zieht diese sie schnell mit sich.

Sie können sich unbehelligt entfernen.

Offensichtlich ist die Existenz von KZs und anderen Lagern zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu verheimlichen, und die möglichen Folgen von Widerstandshandlungen sind bereits seit Beginn der Nazi-Herrschaft jedem bekannt.

Auch viele derer, die sich eine Zeit lang als welterobernde Herrenmenschen fühlten, sind längst zu fliehenden Normalmenschen geworden, die sich fragen, vor wem sie mehr Angst haben müssen - dem militärischen Gegner oder der eigenen Führung.

Unfähigkeit, Anmaßung und unerbittliche Verblendung ergeben eine grausame, mittlerweile ebenso gefährliche Mixtur wie die offiziellen Feinde und deren Waffen.

Das Verhalten von Ilse und Horst berührt und erstaunt mich.

Da ist zum einen Ilses naiver Glaube an die moralische Größe des "Führers" und ein ungewöhnlicher Mut, sich für die als richtig erachteten menschlichen Werte einzusetzen - eine eigenartige Paarung.

Aber auch Horsts Entscheidung, sein Bein nicht amputieren zu lassen, erforderte Mut.

Schließlich hatten die Mediziner ihnen klargemacht, dass er damit sein Leben riskierte.

War es eine bewusst forcierte Zuversicht, die sich nur scheinbar naiv über die angeblich eindeutigen Fakten hinwegsetzte und auch in vielen anderen Fällen glücklich bestätigt wurde?

Kam zum Mut die Angst vor der Verkrüppelung?

Wahrscheinlich war es eine sehr widersprüchliche Mischung von beidem.

Und wieder ein Beleg für Ilses rückwirkende Einschätzung:

Wir waren noch nicht dran.

Dieser mutige Gerechtigkeitssinn aber und das Bewusstsein, dem eigenen Kopf und Empfinden sei gelegentlich zumindest in Grenzfällen mehr zu trauen als dem Urteil behaupteter Autoritäten, haben mich als Kind und Jugendlichen begleitet, beeindruckt und offensichtlich auch geprägt.

Ilse kommt sicher in der Kate an und lebt mit Elfriede und ihrem kleinen Sohn wieder ohne Horst, von dem sie die nächste Zeit nichts mehr hört.

Prag, tschechisches Intermezzo, kurze Rückkehr

Eines Tages erscheint der Briefträger - der schon die Nachricht von der Verwundung überbracht hatte - und winkt bereits von weitem: "Frau Fuchs, Sie sollen zum Bürgermeister kommen!"

"Ich - wieso ich? Ich hab' doch nichts verbrochen!"

"Ja, weiß ich auch nicht. Aber Sie sollen gleich runterkommen!"

"Ich also zum Bürgermeister - dreiviertel Stunden Berg runter, zwei Stunden hoch - empfängt er mich:

'Warum schreiben Sie eigentlich Ihrem Mann nicht?'

'Gut gesagt - ich würde ihm ja gerne schreiben, wenn ich wüsste, wo er ist.'

'Wissen Sie das wirklich nicht?'

'Nein! Ich habe keine Post bekommen - private Post geht nicht mehr durch, das wissen Sie doch!'

'Aber Ihr Mann hat diesmal den Brief an mich adressiert - und der kommt immer noch an!'

Ilse ist für einen Augenblick sprachlos – etwas, das ihr sehr selten passiert. Doch dann greift sie sich den Briefumschlag vom Schreibtisch des Bürgermeisters. Sie liest ungläubig Horsts Adresse - er befindet sich anscheinend in der Nähe, in Prag!

'Dann stellen Sie mir doch gleich eine Reisebescheinigung aus, dann fahr ich hin.'

'Ja, die kann ich Ihnen nicht geben, das ist eine Auslandsfahrt, das darf ich nicht, das kann nur der Landrat in Glatz.'

Also fährt Ilse zum Landrat in das etwa 35 km entfernt liegende Glatz.

"Der Landrat schmiss mich vorne raus - da hab' ich gesehen, da gab es noch eine Hintertür, da bin ich wieder reingegangen."

Sie bekommt schließlich die Besuchserlaubnis und fährt nach Prag. Glücklich kann sie ihren Horst umarmen, der jetzt als GV, "garnisonsverwendungsfähig" eingestuft ist und Schreibarbeiten erledigen muss. In der Hauptstadt der Tschechoslowakei, die von den Nazis zum "Protektorat Böhmen und Mähren" umgedeutet worden ist, werden die letzten Soldaten eingezogen, und das braucht weiterhin seine bürokratische Registrierung.

Ilse möchte dauerhafter in Horsts Nähe bleiben, aber nicht ohne den kleinen Sohn Bodo und Elfriede, die ihn in Hausdorf betreut. Also fährt sie noch einmal zurück.

Am Abend des nächsten Tages kommen alle drei in Prag an und übernachten zunächst in einem Hotel am Hradschin.

Dann aber entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Ilse und der tschechischen Sekretärin des Wehrbezirkskommandos.

Die junge Frau bietet Ilse an, mit Elfriede und Bodo in ihre Prager Altbauwohnung einzuziehen, was jedoch von den deutschen Behörden abgelehnt wird. Die Tschechin ist ja Angehörige eines "Feindvolkes"...

Eine recht willkürliche Logik, bedenkt man, dass ihr Mann tschechischer Offizier ist. Das aber scheint kein Hinderungsgrund für ihre Anstellung bei der deutschen Wehrmacht zu sein.

Doch die Sekretärin verschafft Ilse und deren Familie eine andere, leere Wohnung mit zwei Zimmern und Küche in einem Mehrfamilienhaus in Markvatice. Sie gehört der tschechischen Frau eines deutschen Wachmannes im Bezirkskommando.

Markvatice ist ein überwiegend von Tschechen bewohntes Dorf, gut eine Stunde von Prag entfernt.

Die Wohnung liegt im ersten Stock. Direkt angrenzend an die neue Behausung wohnt eine tschechische Nachbarfamilie, ein Paar mit zwei Töchtern, dessen Einkommen kaum zum Leben reicht. Außerdem sind die Eltern nicht verheiratet, was ihr Ansehen in dem katholisch geprägten Dorf nicht eben steigert.

In zwei Zimmern am Ende des Flurs lebt eine ältere Einheimische. Im weiträumigen Untergeschoss aber ist eine deutsche Familie aus Ostpreußen einquartiert.

"Die waren mit brauner Uniform und Hakenkreuz angekommen, und da hat man uns damals schon gesagt, denen wird's schlecht ergehen.

Wir haben mit allen Leuten guten Kontakt gehabt, weil wir mit ihnen geredet haben, so gut wir das konnten.

Und dann war ja ein katholisches Dorffest oder Kirchenfest, das sie da gefeiert haben, und wir hatten noch Stoffe von zu Hause mit - wir hatten den großen Reisekorb aufgegeben. Du wolltest ja alles mithaben, was ging...

Und die Nachbarn wussten nicht, was die Mädchen anziehen sollten, die hatten ja so wenig. Da hat die Mutter gesagt, weißt du was, wir nähen den Kindern Kleider. Wir hatten so leichten, bunten Stoff - die haben sich gefreut, wer weiß wie!", charakterisiert Ilse später die Situation.

Das freundlich nachbarschaftliche Verhalten von Elfriede und Ilse wird im Ort offensichtlich positiv wahrgenommen.

Bodo bekommt von den Dorfbewohnern immer etwas zu essen – sicher nicht nur, weil seine blonden Locken so niedlich sind. Und er verhält sich wie wohl alle kleinen Kinder, deren natürliche Offenheit noch nicht von Erwachsenen eingeschränkt oder zum Verschwinden gebracht worden ist.

Er versucht sich mit den tschechischen Kindern zu verständigen, macht Zeichen, zeigt auf Dinge und brabbelt die Begriffe, die er schon kennt, wie die, die er jeden Tag dazu lernt, deutsche wie tschechische. Ilse und Elfriede sind froh, dass die Dorfgemeinschaft ihn und seine Verwandten offen akzeptiert.

Um nach Prag zu fahren, muss Ilse etwa eine Stunde durch den Wald nach Jungbunzlau laufen - dort befindet sich die Bahnstation.

Im Ort leben viele Familien mit dem so urdeutsch klingenden Namen Krause - der Frisör heißt so, der Bürgermeister, der Viehhändler - aber alle sind Tschechen. Sie sprechen allerdings auch deutsch. Und sie erklären Ilse, wie die Frontlinien verlaufen.

Dann wenden Sie sich wieder Alltagsdingen zu und wie nebenbei erkundigt sich einer von ihnen:

"Ja, wann fahren Sie denn wieder zu Ihrem Mann?"

Und immer, wenn Ilse durch den Wald geht, dauert es nicht lange, dass sich ein Mann, stets ein anderer, zu ihr gesellt.

Als sie nachfragt, sagt man ihr, allein sei es zu gefährlich, im Wald gäbe es viele Partisanen.

In den letzten Apriltagen wird für alle offensichtlich: Die deutsche Wehrmacht steht unmittelbar vor der endgültigen Niederlage.

Die Rote Armee dringt nach der Einnahme von Brünn und Mährisch Ostrau weiter ins Landesinnere vor. Im Westen stehen die Amerikaner an den Grenzen des sogenannten Protektorats Böhmen und Mähren; eine geschlossene deutsche Abwehrlinie ist nicht mehr vorhanden, so dass ein zügiges Vorrücken nach Böhmen und Prag möglich ist.

Anfang Mai, als das Kriegsende absehbar ist, sagen die tschechischen Nachbarn:

"Es kann schlimm werden für die Deutschen. Entweder Sie bleiben hier, dann müssen sich die Erwachsenen im Wald verstecken. Den kleinen Bodo wird der Viehhändler als seinen Sohn ausgeben. Oder aber sie fahren zurück nach Hausdorf."

Der kleine Bodo würde es gut haben, das weiß Ilse, aber sich von ihm zu trennen, das kommt für sie auf keinen Fall infrage.

Sie möchte mit dem Jungen und Elfriede nach Hause, beide sind aber noch unentschlossen, denn sie hoffen, Horst könne mitkommen.

Der erfährt gerade in Prag, dass das dortige deutsche Wehrbezirkskommando aufgelöst wird.

Aber er kann angeblich nicht entlassen werden - er gehöre eigentlich zur Luftwaffe (FLAK), deshalb sei er unabkömmlich.

Die einstmals einflussreichen Herren von der Heeresdienststelle aber setzen sich ohne Uniform und 'offiziell' nach Westen ab.

Horst jedoch wird zum Ersatztruppenteil nach Pilsen geschickt.

"Dann muss ich meine Frau verständigen!"

"Wollen Sie sich das trauen?"

"Wie soll meine Frau sonst wissen, wo ich bin?"

Horst ist sicherlich weder tollkühn noch besonders leichtsinnig.

Unermüdlich haben ihn die Eltern in seiner Kindheit immer wieder zu Vorsicht, Zurückhaltung und Bescheidenheit ermahnt.

Oft genug, dachte er, war er kleiner gemacht worden, als er tatsächlich war. Das hatte ihm Ängste eingebracht, auf die er gerne verzichtet hätte.

Trotzdem marschiert er jetzt durch den Wald, seiner Familie entgegen. Die Dunkelheit hat bereits eingesetzt und der Weg, den er benutzt, ist nur zu ahnen.

Er trägt die Uniform der deutschen Wehrmacht, hat auch seine Pistole dabei.

Mehrfach hört er einen Ruf, der von Eulen stammen könnte.

Seine Hand wandert unbewusst zur Pistolentasche. Jetzt sind da Geräusche, sie könnten von Rehwild stammen, aber er fühlt sich beobachtet.

Er nimmt die Pistole in die Hand, entsichert sie, bleibt stehen.

Außer dem hellen Grau des Waldweges, das bis etwa zwei Meter vor seinen Füßen schwach zu erkennen ist, umgibt ihn tiefstes Dunkel. Kein Laut ist mehr zu hören. Wie von selbst betätigt sein Zeigefinger den Pistolenabzug. Aber außer einem leisen Klicken passiert nichts. Die Walther funktioniert nicht.

(Später sagte er sich, dass er damit wohl erhebliches Glück gehabt hätte...)

Einige Zeit darauf erkennt er in letzter Sekunde, dass er einen hölzernen Pfahl vor sich hat, gegen den er beinahe mit dem Kopf gestoßen wäre. Es könnte ein Wegweiser sein.

Mithilfe seines Feuerzeugs lässt sich ein Schriftzug erahnen.

Er meint das Wort 'Vartice' entziffern zu können und wendet sich in die angezeigte Richtung.

Etwa eine Viertelstunde später schlagen Hunde an.

Er befindet sich am Rand eines Dorfes und hofft, dass es das richtige ist.

Einige Bewohner sind aufmerksam geworden und zeigen sich an der Tür. Er fragt nach Markvartice und nennt die Adresse.

Der Mann, den er angesprochen hat, schüttelt den Kopf und macht deutlich, dass er im Nachbardorf Vartice gelandet ist.

Ein anderer spricht Deutsch und beschreibt ihm den richtigen Weg – es sind noch 3 Kilometer bis zu seinem Ziel.

(Auf ihrer letzten Fahrt von Prag nach Jungbunzlau hatte Ilse einen Koffer dabei.

Im Zug begegnete ihr ein Tscheche. Er bot ihr an, den Koffer auf seinem Fahrrad mit durch den Wald zu schieben.

Tatsächlich brachte er sie bis nach Markvatice, obwohl er selber in Vartice wohnt.)

In Markvartice wird Ilse inzwischen durch Klopfen an der Wand geweckt: "Pani, pani, pani, Soldat!"

Horsts Kommen ist längst weiter gemeldet worden.

Anscheinend funktioniert ein Nachrichtendienst über mehrere Stationen, zu denen wohl auch einige Nachbarn gehören.

Etwa zehn Minuten später trifft Horst tatsächlich ein.

Ilse beschreibt später das Ergebnis dieses Wiedersehens:

"Ich hab' Burkhart von dort mitgebracht. Horst musste ja weiter, und es war klar, dass er nun in Gefangenschaft geraten würde. Also haben wir bewusst ein zweites Kind haben wollen."

Am nächsten Morgen bringt die Nachbarin fünf Eier.

Einen Tag später erscheint Ernst, der einen kurzen Urlaub bewilligt bekommen und in Hausdorf von der neuen Adresse erfahren hat.

Die tschechischen Bewohner stellen der Familie ein Pferdefuhrwerk zur Verfügung, damit sie zum Bahnhof in Jungbunzlau fahren kann.

"Komm doch mit nach Hausdorf, Horst. Der Krieg ist sowieso zu Ende!", fordert Elfriede ihren Schwiegersohn auf.

Doch Ernst warnt vor Kontrollen und möglicher Erschießung als Deserteur.

"Viele Deutsche sind noch immer stramme Nazis, und solange es noch offizielle Befehle gibt, führen sie die auch aus."

Ilse und Horst nehmen die Warnung ernst.

"In diesen Zeiten entwickelt man einen besonderen Spürsinn für akute Gefahren."

Horst fährt schweren Herzens nach Pilsen - tatsächlich wird die restliche Familie während der Rückfahrt von deutscher Militärpolizei kontrolliert.

Krieg, Kriegsende, die Russen kommen

Am 4. Mai rücken die Amerikaner ohne nennenswerte Gegenwehr der deutschen Truppen in Richtung Prag vor.

Die tschechischen Widerstandsgruppen in der böhmischen Hauptstadt entschließen sich zum Aufstand gegen die Deutschen, wohl auch, um die Stadt in die Hand zu bekommen, ehe noch sowjetische oder amerikanische Truppen sie erreicht haben.

Der Aufstand beginnt am 5. Mai 1945 durch eine Meldung im tschechischen Rundfunk und endet mit einem Waffenstillstand sowie dem Abzug der Wehrmacht aus Prag am 8. Mai 1945.

Einen Tag später übernimmt die Rote Armee die befreite Stadt.

Gerade noch rechtzeitig aufgebrochen, kommt die Restfamilie am Tag des Prager Aufstands in Hausdorf an. In der Nacht erscheinen ein deutscher Soldat und eine Flakhelferin, die gemeinsam 'getürmt', also nach Kriegsrecht fahnenflüchtig sind.

Die Familie kennt das Risiko, nimmt sie dennoch auf.

Sie übernachten mit Ilse zusammen im Ehebett.

Die beiden stammen aus dem Rheinland, sie wollen versuchen, dorthin zu gelangen.

Der Soldat bittet dringend um Zivilkleidung, und Ilse überlässt ihm einen Pullover und eine Hose von Horst.

Beide Flüchtlinge machen sich am nächsten Morgen auf den Weg.

Es ist der 6. Mai 1945.

Am selben Tag ziehen die Russen mit "Urreh!" ins Dorf ein.

Horst gerät zunächst in amerikanische Gefangenschaft. Allen Wehrmachtsangehörigen wird versichert, sie blieben unter der Kontrolle der Amerikaner.

Einen Tag später aber werden die Gefangenen den Russen übergeben.

Horst wird in ein Lager etwa 300 Kilometer nordöstlich von Moskau gebracht. Seine Erfahrungen dort sind kaum besser als die fürchterlichen Kriegserlebnisse.

Er ist später nicht in der Lage, seinen Kindern davon zu erzählen. Er möchte das Ganze vergessen – und wenn das zunächst nicht möglich ist, dann will er es wenigstens verdrängen. Lediglich von zwei Ereignissen berichtet er, als er danach gefragt wird.

Zum einen hatte er, der als Kradmelder eingesetzt war, den Befehl bekommen, einen jungen Deserteur mit dem Beiwagen-Motorrad zu dem Ort zu bringen, an dem ihm der Prozess gemacht werden sollte.

Was in diesem Falle völlig selbstverständlich hieß, er würde zum Tode verurteilt und hingerichtet.

"Auf der ganzen Fahrt habe ich überlegt, ob ich ihn nicht laufen lassen könnte.

Aber immer wieder musste ich mir sagen: Dann bist du dran.

Du musst an deine Familie denken. Also habe ich ihn abgeliefert.

Aber ich kam mir vor wie ein Schwein."

Ein zweites Erlebnis beschäftigt ihn offensichtlich auch noch Jahrzehnte später.

Bei einem Einsatz in Belgien standen die Soldaten seiner Kompanie in einem kleinen Ort vor einer sogenannten Gulaschkanone an, um, wie es in der grotesken Militär-Sprache hieß, Essen zu fassen.

Plötzlich ertönten Schüsse, und einem seiner Kameraden fiel der schon gefüllte Essens-Napf aus der Hand, während er langsam auf die Knie sank. Ein zweiter griff sich an die Schulter.

Schnell suchten alle Deckung, doch der Beschuss war schon beendet.

Der Partisanenangriff schien aus einem Wohnhaus gekommen zu sein, das etwa 80 Meter entfernt lag.

"Ein paar Minuten später hat die SS das ganze Haus durchkämmt und alles niedergemacht, was sich bewegte.

Und das waren sicherlich nicht diejenigen, die geschossen hatten – auch Frauen und Kinder."

So wird die Zeit kurz vor und nach dem Kriegsende mehr denn je zu einer Lebenslotterie.

Das Überleben hängt häufig davon ab, den jeweiligen Zufall positiv für sich zu nutzen.

Außerdem braucht es eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, vielleicht auch bodenloses Vertrauen auf sein Glück oder auch nur unverfälschte Menschlichkeit, um davonzukommen.

Ilse mischt alles auf ihre Art.

Die Bauersfrau Schwarzer hatte einen russischen "Fremdarbeiter", Michail.

Ilse hat häufig mit ihm geredet, sie verstehen sich gut.

"Als es hieß, die Russen kommen, da hab ich mir einen alten Rock von der Mutter genommen, der bis auf die Erde ging, und ein Kopftuch umgebunden, und mich eben auf alt gemacht – da kommt der Michail zu mir und sagt 'Ilse, wie du aussehen!

Nicht gut!'

Da hab ich gesagt, doch, Michail, die Russen kommen und die…

'Nein, nicht, du wieder richtig anziehen – ich sag für euch!'