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Er ist einer der Pioniere bei privaten Klinikketten, sein Lebenswerk ist der Aufbau der Asklepios Kliniken, des hier größten europäischen Familienunternehmens: Dr. große Broermann legt mit diesem Buch seine Autobiografie vor. Er erzählt von seiner Herkunft von einem Bauernhof im Oldenburger Münsterland, seinem beruflichen und privaten Werdegang und seinem von Rückschlägen, Konflikten, aber auch großartigen Erlebnissen geprägten Weg zum Erfolg. Und von dem Ziel, ein besseres Gesundheitswesen zu schaffen, das Prävention zum Kern hat: Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen und für möglichst viele ein Leben in Gesundheit zu erreichen.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2023
Dr. Bernard große Broermann
LEIDENSCHAFTFÜR GESUNDHEIT
Dr. Bernard große Broermann
LEIDENSCHAFTFÜR GESUNDHEIT
Wie wir dafür sorgen können, dass Krankheiten gar nicht erst entstehen, um für möglichst viele ein Leben in Gesundheit zu erreichen
FBV
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Originalausgabe, 1. Auflage 2023
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Redaktion: Silvia Kinkel
Korrektorat: Caroline Kazianka
Umschlaggestaltung: Sonja Vallant
Umschlagabbildung: Mark Sandten FUNKE Foto Services
Abbildungen im Innenteil: S. 64: © Asklepios; S. 74: © Asklepios; S. 76: © Asklepios; S. 82: © Asklepios; S. 90: Bertram Solcher; S. 92: © Asklepios; S. 113: © Asklepios; S. 160: © Asklepios
Satz: Daniel Förster
eBook by tool-e-byte
ISBN Print 978-3-95972-451-7
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-851-5
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-853-9
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INHALT
VORWORT
TEIL IKINDHEIT, JUGEND UND STUDIUM
Eine Kindheit im Oldenburger Münsterland
Anwalt, Arzt, Pastor – oder Unternehmer?
Aufs Gymnasium? Dominikaner oder Antonianum?
Die Leidenschaft für Naturwissenschaften erwacht
Ein Austauschjahr in den USA
Studium in Berlin: Ein Traum zerplatzt
Neustart
Studentenjob – in der eigenen Firma
California ... Dreaming: Ich sage Stanford ab
Savoir-vivre, American Way of Life – und der Einstieg in eine Weltfirma
TEIL IIDER WEG ZU ASKLEPIOS
Rückkehr nach Deutschland
Glück
Die Jupiter GmbH
Beratungsaufträge in den USA
Der Startschuss
Unser Wachstumsmotor: Sanierungsfälle
Der Fall der Mauer – Chancen für Asklepios
Unsere Wege trennen sich
Mehr Strategie
Vom Osten in den Süden
Bad Griesbach: Privatklinik und das Krankenhaus der Zukunft
Der Streit um die Rhön-Klinikum AG: ein Wirtschaftskrimi in zwei Teilen
Der Erwerb der Kliniken des »Landesbetriebs Krankenhäuser (LBK) Hamburg«
TEIL IIIASKLEPIOS UND DIE ASKLEPIOS-LEITLINIEN
Qualität in der Medizin
Innovationen
Elektronische Patientenakte
Roboter unterstützen in der Chirurgie
Krankenhausinformationssysteme
Online-Reservierungen und Telemedizin
Personalisierte Medizin
Soziale Verantwortung
Weiterentwicklung der Prävention und Stressmanagement
Gesundheits-Check-up und Beratung zum Gesundbleiben
Stressmanagement
TEIL IVMEILENSTEINE UND TIEFPUNKTE
Ich soll ein Scientologe sein
Falsche Vorurteile
TEIL VSHAREHOLDER, VALUE UND PRIVATISIERUNG
TEIL VIERFOLG
»Parallelität«
Probleme lösen
Das Asklepios-Führungsteam
TEIL VIIUNGEPLANT: HOTELS
»Falkenstein Grand« Königstein
»Villa Rothschild« Königstein
»Hotel Atlantic« Hamburg
Broermann Health & Heritage Hotels
TEIL VIIIBEGINN DER PRÄVENTION UND DER DR. BROERMANN STIFTUNG
Prävention und Umwelt
Die Dr. Broermann Stiftung
Fit mit Felix: eine Erfolgsstory aus Höxter
Das gesunde Pausenbrot
»Hier wird geknutscht und geknetet«
Mitarbeiterprävention
Health TV
movival®
Die Ernährungs-Docs
TEIL IXEIN NEUES GESUNDHEITSSYSTEM IN DEUTSCHLAND
1. Bestehendes Gesundheitssystem
2. Staatliche Gesundheitsversorgung und Bürokratie
3. Ursache der Probleme im Gesundheitswesen
4. Das neue präventive Gesundheitssystem
Fünf erfolgreiche Beispiele für ein präventives Gesundheitssystem
Kaiser Permanente, Kalifornien
Geisinger Health, Pennsylvania
Intermountain Health, Utah
Quironsalud, Spanien
Bern, Schweiz
SCHLUSSBEMERKUNG
Anfang der 1980er-Jahre hatte ich als Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwalt viele Aufträge in den USA. In dieser Zeit wohnte ich oft im »Beverly Wilshire Hotel« - dem Hotel, in dem der Film Pretty Woman spielt. An einem Wochenende suchte ich in einem nahe gelegenen Buchladen nach Lektüre. Beim Stöbern in den Regalen stieß ich auf ein Buch von Adelle Davis, das mein Leben mitprägen sollte: Let’s eat right to keep fit, in Deutschland erschienen unter dem Titel Jeder kann gesund sein. Fit und vital durch richtige Ernährung. Adelle Davis stellte darin den Zusammenhang her zwischen langfristiger Fehlernährung und den Krankheiten, die dadurch später entstehen können. Ihr Ratgeberbuch zielte natürlich auf die Vorbeugung ab, also wie die passende Ernährung ursächlich Krankheiten verhindern kann.
Das bereits 1954 erschienene Werk traf meinen Nerv - auch weil es ein grundsätzliches Anliegen betrifft, das mich als Inhaber der heute zweitgrößten Krankenhauskette Deutschlands, Asklepios, sehr stark umtreibt: Prävention zu betreiben, also wo immer möglich dafür zu sorgen, dass Krankheiten gar nicht erst entstehen, und für möglichst viele ein Leben in Gesundheit zu erreichen. Dadurch könnte die wachsende Zahl an Krankenhausaufenthalten hoffentlich verringert werden. Neben meiner unternehmerischen Tätigkeit ist dies ein großes Anliegen in meinem Leben, für das ich mich engagiert habe, wo immer ich konnte. Dieses werde ich in meiner Autobiografie immer wieder aufgreifen und schließlich auch ein Konzept für ein Gesundheitswesen beschreiben, das die Prävention zum Kern hat.
Als mein wichtigstes Lebenswerk sehe ich den Aufbau von Asklepios an - ein langer Weg bis zu dem heute größten Familienunternehmen im Klinikbereich in Europa. Doch wie bei den meisten von uns startete dieser Weg nicht an meiner Wiege. Ich komme von einem Bauernhof im Oldenburger Münsterland, und dort war es eigentlich vorgesehen, dass ich den Hof meiner Eltern übernehmen sollte. Ich aber hatte mich schon früh für Naturwissenschaften und auch für Unternehmertum interessiert. Und um meine Ziele zu verwirklichen, musste ich, trotz meiner Heimatverbundenheit, in die Welt hinausziehen. Dieser Weg - in meinem Fall muss man von etlichen parallelen Wegen sprechen - war natürlich gepflastert mit Rückschlägen, Konflikten und auch Wirtschaftskrimis, vor allem aber großartigen Erlebnissen, Erfolgen und Unternehmungen, zu denen inzwischen auch das »Hotel Atlantic« in Hamburg gehört. Davon und von meinen Erkenntnissen möchte ich Ihnen berichten.
Kein beruflicher Weg verläuft geradlinig. Wer jedoch Unternehmer ist, hat es jeden Tag mit neuen Problemen zu tun - und durchaus auch mit Vorwürfen unter der Gürtellinie. In Los Angeles, der Nachbarstadt von Beverly Hills, wo ich im Buchladen mein wissenschaftliches Erweckungserlebnis hatte, befindet sich das Hauptquartier der Scientology Church. Und eines Tages, mitten im Kaufprozess eines Krankenhauses auf Sylt, wurde mir vorgeworfen, Mitglied in dieser Organisation zu sein. Diese Anschuldigung, eine erfundene Unwahrheit, beinahe existenzbedrohend, konnte ich zum Glück entkräften. Aber die Episode zeigt eben auch deutlich, mit welch harten Bandagen gekämpft wird und dass man gerade als Unternehmer und obendrein in einer politisch umkämpften Branche nicht immer bei Schönwetter segelt.
Auf unserem Hof hatten wir eine eigene Mühle. Im Obergeschoss wurde das Korn hineingeschüttet und durch die Mühlsteine geleitet, unten kam es als Mehl wieder heraus und fiel in eine Kiste. Eines Tages schüttete ich, ein kleiner Junge, das Korn im Obergeschoss nach, während mein Vater unten das Mehl von den Ausgängen der Mühle entfernte, damit diese nicht verstopften - er las aber nebenbei einen Roman. Als ich fertig war, ging ich nach unten und sah meinen Vater. Ihm liefen die Tränen über die Wangen und er hatte über der Lektüre des Buches seine Arbeit völlig vergessen, so sehr hatte ihn dieses offensichtlich von vielen Gefühlen handelnde Werk berührt. Die Backen der Mühlsteine waren indessen schon festgefahren, ohne dass er es bemerkt hatte. Das Mehl hatte sich bereits gestaut.
Mein Vater hieß Bernard wie ich. Es war früher bei uns üblich, die Kinder nach den Eltern zu nennen. Allerdings erhielt ich als Jüngster den Namen meines Vaters und nicht mein älterer Bruder. Er sollte, und das stand schon bei seiner Geburt fest, den Hof meines kinderlosen Onkels übernehmen, und so bekam er auch dessen Vornamen - Franz - und musste den Nachnamen des kinderlosen Onkels - Meyer-Holzgräfe - annehmen. So weit voraus dachte man in meiner Familie, über Generationen hinweg. Mein Vater war eine Seele von Mensch und ein ungewöhnlich gefühlvoller Mann, der dabei aber hart arbeitete. Leider starb er viel zu früh im Jahr 1953 und überraschend, ich war erst neun, er 72 Jahre alt. Bedauerlicherweise habe ich wegen seines frühen Todes nur wenige Erinnerungen an ihn.
»Nanu, schon auf dem Buchcover ein Schreibfehler?«, fragen sich vielleicht manche Leser. Statt einer förmlichen Vorstellung möchte ich daher gleich zu Beginn auch meinen Nachnamen erklären: große Broermann. Er mag für die meisten Menschen außerhalb des Münsterlandes ungewöhnlich wirken, doch in meiner Heimat ist diese Namensform sehr gebräuchlich. Sie rührt aus der Zeit, als die Bauernhöfe beim Vererben noch geteilt wurden und einer der Brüder den großen und der andere den kleinen Hof erhielt. Zur Unterscheidung wurde dieses Attribut schließlich dem Namen vorangestellt, und so ist es bis heute ein fester Bestandteil. Und da es ein Adjektiv ist, wird »große« klein geschrieben. Der Nachbarhof des elterlichen Hofes gehört übrigens Herrn Dr. kleine Broermann, abgekürzt geschrieben kl. Broermann. Es spricht alles dafür, dass die benachbarten Höfe große Broermann und kleine Broermann einmal zusammengehörten, aber Unterlagen gibt es darüber nicht mehr, wohl aber eine überlieferte Geschichte. Angeblich war zwischen zwei Brüdern vereinbart, dass man einen Hasen laufen ließ und sein Weg den Lauf der Trennungslinie für die Aufteilung des von ihrem Vater geerbten Hofes zwischen den beiden Brüdern bestimmen sollte. Mein Familienzweig muss wohl Glück gehabt haben und erhielt den etwas größeren Hof und damit auch den Namen große Broermann. Heute ist es so im Geburtsregister, Reisepass und Personalausweis festgeschrieben, ich wurde damit geboren.
Unsere Familiengeschichte lässt sich aus Kirchenbüchern, die ein zur weiteren Familie gehörender Pastor, Heinrich zu Höne, gepflegt hatte, bis etwa zum Jahr 1600 zurückverfolgen. Davor übernahmen irgendwann unsere Urahnen ihr Stück Land, das bis dahin dem Bischof von Münster gehört hatte. Und daraus entstand später der »große Broermann-Hof«. Dieser umfasste rund 70 Hektar mit Forst-, Feld- und Weidewirtschaft, Pferde-, Kuh- und Schweineställen und sogar ein Moorstück, wo Torf zum Heizen abgebaut wurde. Fast alle Höfe in der Gemeinde hatten diese für die Gegend typische Mischung; wir waren in gewisser Hinsicht Selbstversorger. Wenn etwa eine neue Scheune gebaut werden sollte, kam das Holz aus unserem Wald und wurde in einem eigenen kleinen Sägewerk mit zwei auf Schienen laufenden Loren zugeschnitten.
Meine Heimat ist das Oldenburger Münsterland in Niedersachsen. Hier, umgeben von den Dammer Bergen, der Moorlandschaft rund um den Dümmer See und inmitten ausgedehnter Felder und Äcker, liegt Damme, wo ich am Ende des Zweiten Weltkrieges zur Welt kam. Der Ort Damme, der zum Landkreis Vechta gehört, war damals noch keine Stadt, sondern eine Landgemeinde. Für eine Stadt war er noch zu klein, auch wenn er eine beachtliche Fläche umfasste. Im Krieg und auch später während der britischen Besatzung befand sich in Damme ein großes Munitionslager. Zwischen 1939 und 1967 wurde darüber hinaus Eisenerz abgebaut. Nach dem Krieg zeigte sich das stark ausgeprägte unternehmerische Denken, das in der Dammer Bevölkerung offensichtlich zu Hause ist. In Damme entstanden viele kleine und auch größere sehr erfolgreiche Unternehmen, und die Gemeinde wuchs zu einer blühenden Stadt mit heute über 17.000 Einwohnern, mit Vollbeschäftigung und einem beachtenswerten Wohlstand heran. Dennoch blieb die Landwirtschaft ein prägendes Element in dieser großen Flächenstadt. Rund 7000 Einwohner lebten hier 1945, verteilt auf den Ort selbst sowie auf Dutzende Bauernschaften, die zum Teil nur aus wenigen Höfen bestanden.
Ich wurde kurz vor Kriegsende geboren. Meine Kindheit lag also direkt in der Nachkriegszeit. Doch was diese in Deutschland vor allem auszeichnete - Hunger und Wohnungsnot -, betraf uns mit dem Bauernhof zum Glück nicht. Es ging uns gut, ich hatte sogar mein eigenes Kinderzimmer.
Wir waren ein Familienbetrieb, und so wurden mein Bruder Franz, meine beiden Schwestern Maria und Else und auch ich, der Jüngste, schon früh in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Jeder hatte seine Aufgaben. Aber wir erlebten diese nicht als lästige Pflicht, sondern arbeiteten selbstverständlich mit, sei es bei der Feldarbeit oder bei der Versorgung des Viehs. Mein älterer Bruder übernahm später die Aufgabe meines verstorbenen Vaters und teilte oft die Arbeit für alle Erntehelfer ein. Dann ging es in die Rüben oder auf den Kartoffelacker. Dabei erhielt ich für meine Leistung - etwa für die Bearbeitung eines sogenannten Pfandes, eines Teilstückes bei der Kartoffelernte - die gleiche Bezahlung wie alle anderen Helfer. Trotzdem sind wir auch zum Spielen gekommen, da haben unsere Eltern schon aufgepasst. Urlaub gab es allerdings nicht. Das war damals, kurz nach dem Krieg, auf dem Bauernhof völlig unbekannt, und wir haben es deshalb auch nie vermisst.
Wir waren stolz auf unseren Hof, der als sogenannter Vorzugsmilchbetrieb auch direkt an die Endverbraucher lieferte. Vorzugsmilch ist unbehandelte, also rohe Milch von einem durch die Aufsichtsbehörden streng überwachten Viehbestand. Die Milch wurde nicht pasteurisiert und nicht homogenisiert, sodass alle wertvollen Vitamine erhalten blieben. Diese Besonderheit zeigte mir schon früh, dass man mit einem guten Produkt und ordentlichem Service sogar gegen die vermeintliche Übermacht der großen Milchbetriebe, die es damals schon gab, ankommen kann. Wir arbeiteten hart daran, dieses Vertrauen in der Dammer Bevölkerung, die wir belieferten, aufrechtzuerhalten - schließlich ging es hier um Sauberkeit und Hygiene. Ganz generell ist das Aufwachsen auf einem Hof auch eine sehr gute Schule für das Leben. Pragmatisch und konfrontiert mit den täglichen Problemen des Wetters oder im Viehbestand lernt man Verantwortungsbewusstsein, und man erfährt unmittelbar, dass man nur das ernten kann, was man auch sät - Erkenntnisse, die mich bis heute prägen und zu einer gesunden Geerdetheit und Bescheidenheit führen. Für verrückte Ideen, die ja gewaltigen Schaden anrichten können, ist man dann nicht mehr anfällig.
Ebenso selbstverständlich wie der Qualitätsanspruch an unsere Arbeit war für meine Familie die Eigenverantwortung. Auf einem Bauernhof ist man von allerlei Widrigkeiten abhängig. Probleme wie eine verregnete Ernte oder kranke Tiere gab es immer wieder - das war unvermeidlich. Manche Getreideernte - wir hatten unter anderem Roggen, Gerste und Hafer - wurde durch Starkregen und Stürme vollständig zerstört, teilweise erst kurz vor dem Erntetermin: Das Getreide wird durch ein Unwetter oder lange andauernden Regen nach unten gedrückt und lässt sich dann oft nicht mehr ernten, zumal rasch Unkraut nachwächst und alles überwuchert, was wiederum die Feuchtigkeit festhält und in der Folge das Mähen schwierig oder sogar unmöglich macht, je nach Stand der Überwucherung. Sehr gut kann ich mich an unsere verzweifelten Versuche erinnern, gemeinsam mit unserem dienstältesten Mitarbeiter auf dem Hof, Willi, mit dem damals üblichen Mähbinder das feuchte Getreide doch noch zu ernten. Aber die feuchten langen Getreidehalme blieben immer wieder in den Schneidemessern oder im Bindegerät stecken. Wir mussten dann anhalten und versuchten, mit bloßen Händen den festgefahrenen Mähbinder wieder fahrtüchtig zu machen, nur um oft wenige Minuten später erneut zu scheitern. Das Leben auf dem Bauernhof war auch damals kein Sonntagsspaziergang, sondern ein täglicher Kampf ums Überleben - und darum, trotz immer wieder neu auftretender Ausfälle alle Verpflichtungen an Mitarbeiter, Landmaschinenlieferanten und Reparaturbetriebe einhalten und alle Rechnungen bezahlen zu können.
Auch rafften Krankheiten oder sogar Seuchen - typisch bei Schweinen: die gefürchtete Maul- und Klauenseuche - immer wieder Teile des Tierbestandes dahin. Bei Ausbruch einer Maul- und Klauenseuche mussten die betroffenen Schweinebestände notgeschlachtet werden. All diese Probleme musste man auf einem Hof in weitgehender Eigenverantwortung lösen, selbstständig und in der Regel ohne Hilfe von außen. Dies fanden wir aber auch selbstverständlich, und ich habe nie ein Wort der Klage darüber gehört. Wer, wenn nicht wir, sollte mit den Problemen fertigwerden? An Subventionen dachten wir damals nicht. Diese Art zu arbeiten prägt mich bis heute und hat mich gelehrt, mir selbst, meinen Erfahrungen und meinen Fähigkeiten zu vertrauen - eine wichtige Erkenntnis, wenn man im Kreuzfeuer steht, wie es in meinem späteren Leben mehr als einmal der Fall war.
Ich war also das jüngste von vier Geschwistern. Zwischen uns lagen jeweils fünf bis sechs Jahre, sodass wir nicht direkt zusammen aufgewachsen sind. Meine Schwester Else, die älteste von uns, geboren 1927, war bereits 17 Jahre alt, als ich auf die Welt kam. Trotzdem verstanden wir uns gut, und noch heute teilen wir die gleichen Werte und Einstellungen zum Leben, zur Arbeit, zur Familie und zur Umwelt, die wir damals auf dem Hof vermittelt bekamen. Dazu zählt auch der katholische Glaube, der im Oldenburger Münsterland, das zum Bistum Münster gehört, seit Jahrhunderten fest verwurzelt ist. Es war nun nicht so, dass es hier viele religiöse Eiferer oder übertriebene Frömmigkeit gab. Dafür war das Leben zu real, und vom Beten allein ist noch kein Feld geerntet und keine Rechnung bezahlt worden. Aber der Respekt vor der Kirche und ihren Geboten war für uns als Familie ebenso selbstverständlich wie der sonntägliche Kirchgang.
Zu unserer Familie zählten auch die Geschwister meiner Eltern mit ihren eigenen Ehepartnern und Kindern, also meinen Cousinen und Cousins, derer fast 20. Der Zusammenhalt in der Familie war sehr stark. Man half sich gegenseitig und kam so oft wie möglich zu Familienfesten zusammen. Diese Familienfeste zählen zu meinen liebsten Kindheitserinnerungen und waren immer eine große Freude. Sie fanden reihum auf den Höfen statt, die im Besitz der Verwandtschaft waren. Neben den klassischen Geburtstagen, Jubiläen und kirchlichen Festen wie Taufen, Kommunionen oder Hochzeiten führten uns Nikolausabende oder das jährliche Tannenbaumaustanzen nach Weihnachten zusammen. Da große Familien in jenen Tagen noch weitaus üblicher waren als heute, versammelten sich bei diesen Zusammenkünften bis zu 20 Kinder.
Im Oldenburger Münsterland war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass der älteste Sohn den Hof vollständig übernahm. Diese Konvention ist sinnvoll. Denn so bleiben die Höfe in ihrer Größe erhalten und schrumpfen nicht mit jeder Generation, bis sich eine Bewirtschaftung nicht mehr lohnt. Die jüngeren Geschwister, bei uns die »abgehenden Geschwister« genannt, durften dann in der Regel studieren. Bei der Wahl des Studienfachs blieb man meist konservativ. Arzt, Anwalt, Architekt oder Pastor - natürlich, im katholischen Damme -, das waren die bevorzugten Laufbahnen. Oder Unternehmer. Mir persönlich erschien Letzteres, neben der Medizin, immer als interessantester Weg. Über die Unternehmer wurde bei unseren Familienfeiern oft gesprochen. Als kleiner Junge lauschte ich den Gesprächen der Erwachsenen stets mit Spannung. Wenn es voller Stolz hieß: »Der X ist so ein großartiger Arzt und konnte schon so vielen Menschen helfen«, oder: »Der Y ist ein hervorragender Anwalt und hat schon wieder einen Prozess für seinen Mandanten gewonnen. Seine Kanzlei ist die größte und erfolgreichste in Oldenburg oder Osnabrück«, war das natürlich hochinteressant. Spannend waren aber auch die Erzählungen über die Unternehmer, da gab es weit mehr zu berichten. Mit großem Respekt wurde erzählt, wenn eine Firma wuchs, noch mehr Menschen einstellen oder sogar internationale Kunden gewinnen konnte. Auch bei uns in der Familie und in Damme gab es schon damals solche erfolgreichen Unternehmer wie beispielsweise die Familie Grimme in Damme, die Weltmarktführer für Kartoffelvollernter wurde. Den Gründer, Franz Grimme, durfte ich noch persönlich kennenlernen, wie er aus kleinsten Anfängen eines Einzelhandelsgeschäftes für Eisenwaren seine Firma aufbaute. Ein fleißiger und begabter Mann, heute führt sein Sohn, ebenfalls Franz, die Firma und baute sie mit Erfolg zum Weltmarktführer für Kartoffelvollernter aus.
Für mich waren diese »abgegangenen« Kinder, die studiert hatten und glücklich in ihren Berufen arbeiteten, immer ein Vorbild. Die unterschwellige Wertschätzung für ihre Leistungen, die ich als kleiner Junge in den Gesprächen der Erwachsenen spürte, motivierte mich. Daher wuchs die Überzeugung, dass das Unternehmertum das Richtige für mich sein könnte. Später sollte sich dieser Wunsch weiter herauskristallisieren, denn ich wollte mein Unternehmertum nicht nur »irgendwie« umsetzen, sondern mein Traum war, einen Bereich zu finden, der neu war und echten Nutzen für die Menschen bringen würde. Davon träumte ich als Jugendlicher und wollte dies auf der Grundlage eines ordentlichen Studiums erreichen.
Meine Mutter Maria lebte bis in die 1980er-Jahre, viele Jahre länger als mein Vater. Sie kam selbst von einem Bauernhof aus derselben Gegend, einer Bauerschaft der Gemeinde Damme. Das war ein Zusammenschluss von in der Regel fünf bis zehn Bauernhöfen, zu dem meist noch eine Kneipe und ein Laden gehörten. Sie war eine sehr pragmatische Frau. Wenn ein Mitarbeiter einmal mit leeren Händen über unseren Hof lief, hat sie ihn schon mal freundlich darauf hingewiesen, er solle doch auf seinem Weg noch irgendetwas mitnehmen, was gerade anderswo auf dem Hof gebraucht wurde.
Die Führung des Hofes fiel nach dem Tod des Vaters meiner Mutter zu. Sie meisterte diese Aufgabe mit viel Geschick und im Laufe der Zeit auch mit Freude, ja sogar Spaß - eine Leistung, für die ich sie bis heute bewundere. Wir Kinder kamen dabei nie zu kurz. Uns widmete sie sich ebenfalls mit Liebe und Fürsorge, trotz der knappen Zeit. Auch kümmerte sie sich immer noch um Kinder, denen damals nach dem Krieg ein Zuhause fehlte, und förderte sie, wo sie nur konnte.
Der frühe Tod meines Vaters hatte auch drastische Auswirkungen auf meine Zukunftspläne. Denn obwohl ich das jüngste von vier Geschwistern war, sollte ich später einmal den Hof erben. Den Staffelstab meiner Eltern hätte eigentlich mein älterer Bruder Franz ergreifen sollen. Der war aber ausgewählt worden, den Hof eines kinderlosen Onkels mit 114 Hektar Land zu übernehmen. So fand ich mich früher als von allen - und vor allem auch mir - erwartet in der Rolle des Nachfolgers wieder. Da war allerdings ein Konflikt, schließlich hatte ich andere berufliche Pläne - und dazu musste ich nach meiner Meinung am Ende der Grundschulzeit auf das Gymnasium gehen.
Der Wunsch, Abitur zu machen, schloss natürlich die Übernahme des Hofes praktisch aus. Denn was sollte ich mit Latein auf dem Hof anfangen? So bedrängte ich meine Mutter, mit mir nach Füchtel bei Vechta zu fahren, wo ich unbedingt das angesehene Gymnasium der Dominikaner besuchen wollte. Tatsächlich meldete sie mich bei den Padres für das nächste Schuljahr an. Ich hatte mein Ziel erreicht.
Das dachte ich zumindest, aber meine Mutter meldete mich kurz darauf wieder vom Gymnasium der Dominikaner ab - wohl auch, weil sie Angst hatte, ich würde Pastor werden. Sie war zwar fest im katholischen Glauben verwurzelt, bevorzugte aber offenbar, dass ich einen weltlichen Beruf ergriff. Und so blieb ich weitere zwei Jahre in Damme und besuchte dort die fünfte und sechste Klasse der Realschule anstatt die Sexta und Quinta bei den Dominikanern.
Meine älteste Schwester, Else, heute 95, ist Lehrerin geworden, hat einen Arzt geheiratet und vier Kinder, die alle in ihren Berufen erfolgreich sind. Else ist sehr diszipliniert und nach zwei Stürzen und zwei Operationen wartet sie zurzeit darauf, dass sie ihren Rollator wieder in die Ecke stellen und ohne diesen laufen kann. Maria, heute 85, wurde Kindergärtnerin, heiratete einen Landwirt und hat drei Kinder. Zwei von ihnen haben mich später bei Asklepios unterstützt: Elke arbeitete bei uns als Juristin, und Andre hat als Architekt viele der Asklepios Kliniken erfolgreich geplant und bei der Bauausführung überwacht. Da Marias Mann früh verstarb und sie immer anderen helfen wollte, übernahm sie nach dem Tod ihres Mannes die örtliche Leitung der Malteser und war intensiv in der Altenpflege in Damme engagiert. Franz, mein Bruder, hat den Hof des kinderlosen Onkels übernommen und diesen mit großem Fleiß und viel Geschick mit einer großen, von ihm komplett neu gebauten Hofstelle zu einem Vorzeigehof ausgebaut. Leider ist Franz kurz vor seinem 90. Geburtstag verstorben. Es war für mich sehr schwer, Abschied zu nehmen nach so vielen eng verbundenen Jahren. Franz war immer ein Vorbild für Verantwortung, Fleiß und Wahrheitsliebe.
Ich habe nach dem Tod meiner Mutter,1981, den elterlichen Hof geerbt. Ein Verkauf ist in unserer Gegend verpönt und schied aus. Das wäre ein Frevel und Verrat an den Urahnen. Kaum eine Familie veräußert dort ihren Besitz, von kleinen Teilen einmal abgesehen. So habe ich den Betrieb zunächst, mithilfe eines Verwalters, fortgeführt. Doch schnell merkte ich, dass es nicht leicht ist, einen Hof mit einem Verwalter zu führen; diese Erfahrungen machten und machen auch andere. Höfe sind wenig planbar und vom Wetter, von Seuchen und vielen anderen externen, nicht beeinflussbaren Faktoren abhängig. Deshalb werden Höfe, die man nicht selbst bewirtschaftet, in der Regel verpachtet, was auch ich schließlich getan habe.
Später, am Anfang meines Berufslebens, hatte ich den Auftrag, eine große Estanzia in der Provinz Cordoba in Argentinien zu sanieren. Der Eigentümer hatte einen Verwalter eingesetzt, aber der notwendige Gewinn zur Erhaltung von Maschinen und Gebäuden wurde nie erwirtschaftet. Mein Vorschlag war, einen Pachtvertrag mit einem finanzstarken lokalen Pächter aus Buenos Aires abzuschließen, und als Pacht wurde statt eines Geldbetrages der Wert einer bestimmten Menge Rindfleisch per annum vereinbart. Dies war einerseits für den Pächter gut, da er Preisschwankungen am Rindfleischmarkt in der Höhe der Pacht weitergeben konnte, und andererseits für meinen Auftraggeber, da er unabhängig von den nicht kontrollierbaren Überschüssen der Estanzia eine jährliche, fixe Vergütung bekam und für sich gleichzeitig das Problem der unsicheren argentinischen Währung löste, weil die Rindfleischpreise als Sachwerte die Währungsschwankungen automatisch ausglichen. Seitdem erhielt der Eigentümer jährliche Überschüsse ausbezahlt, und alle ohnehin nicht wirksamen Kontrollen und Diskussionen über mangelnde Erträge waren ab sofort überflüssig.
Die Abmeldung vom Dominikaner-Gymnasium hatte meinen festen Wunsch, Abitur zu machen, nicht besiegt - im Gegenteil. Mit Unterstützung meiner Mutter konnte ich zur siebten Klasse an das Gymnasium Antonianum in Vechta wechseln. Dort wählte ich den mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig mit dem Großen Latinum - eine Entscheidung, die weitreichende Konsequenzen für meine Zukunft haben würde. Nie wieder sollten mich die Naturwissenschaften loslassen. Dafür ist besonders ein Lehrer verantwortlich: Studienrat Heinz Holtvogt, bei dem ich Mathe und Physik lernte. Er war es, der mich in meinem bereits vorhandenen Interesse an den Naturwissenschaften weiter bestärkte und mich motivierte, tiefer einzusteigen. Ich durfte sogar nach Schulschluss das Physiklabor der Schule nutzen und zusammen mit ihm physikalische Experimente durchführen, Fragen stellen und mit ihm diskutieren. Mein Wissensdurst war riesig. Mehr als einmal sagte er mir Dinge wie: »Bei deiner Begabung und deinem Fleiß solltest du nach Göttingen gehen, dort Naturwissenschaften studieren und später einen Nobelpreis verliehen bekommen.« Das war natürlich völlig übertrieben und hatte keine Grundlage, aber es motivierte mich trotzdem gewaltig und verstärkte mein Interesse an Naturwissenschaften. Denn wie viele junge Menschen in diesem Alter war auch ich in dieser Zeit auf der Suche, was ich studieren sollte und wie ich daraus eine sinnvolle Lebensaufgabe entwickeln konnte. Ich suchte sozusagen meinen Traum. Der Gedanke, dass ich mein Leben mit einer nicht nutzbringenden Tätigkeit vergeuden könnte, war mir geradezu unerträglich und ein gewaltiger Antriebsfaktor bei meiner Sinnsuche, der Suche nach einer sinnvollen und nutzbringenden Lebensaufgabe.
Dies ist übrigens eine Erfahrung, die ich später im Leben immer wieder machen konnte: Menschen leiden an der Sinnleere ihres Lebens. Und es ist eine der wichtigsten Aufgaben eines jeden Unternehmers, sein Unternehmen auf eine nachhaltig sinnvolle Aufgabe auszurichten und den Mitarbeitern einen Sinn in ihren vielfältigen Aufgaben zu geben.
