Lenin - Dimitri Wolkogonow - E-Book

Lenin E-Book

Dimitri Wolkogonow

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Beschreibung

Bis zum Ende der Ära Gorbatschow war eine kritische Analyse der Rolle Lenins unmöglich. Dann erst konnte der renommierte Historiker Dimitri Wolkogonow exklusiv auf die unter Verschluss gehaltenen Dokumente zurückgreifen, darunter über 3000 Briefe aus Lenins Feder. Entstanden ist eine monumentale Biographie, die auch neues Licht auf ungelöste Streitfragen der Zeitgeschichte wie die Ermordung der Zarenfamilie oder das wahre Verhältnis zu Stalin wirft. Ein faszinierendes Standardwerk, das in keiner Bibliothek fehlen sollte.

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Seitenzahl: 751

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Dimitri Wolkogonow

Lenin

Utopie und Terror

Aus dem Russischen übersetzt von Markus Schweisthal, Christian Geisinger, Jana Neik, Christiane Sieg

edition berolina

ISBN 978-3-95841-070-1

1. Auflage dieser Ausgabe

Alexanderstraße 1

10178 Berlin

Tel. 01805/30 99 99

FAX 01805/35 35 42

(0,14 €/Min., Mobil max. 0,42 €/Min.)

© 2017 by BEBUG mbH / edition berolina, Berlin

Die Originalausgabe Lenin. Polititscheskij portrjet erschien 1993 by Nowosti, Moskau, eine deutsche Ausgabe 1994 by ECON Verlag GmbH, Düsseldorf.

Umschlaggestaltung: BEBUG mbH, Berlin

Umschlagabbildung: © BArch, Bild 102-00033A

Druck und Bindung: CPI Moravia Books

www.buchredaktion.de

Meiner treuen Freundin

und Ehefrau Galina Wolkogonowa,

die mich stets in meiner Arbeit

bestärkt hat.

Dimitri Wolkogonow

»Wenn man jedoch heutzutage jemandem den Kopf

streichelt, beißt er einem die Hand ab.

Wir müssen zuschlagen, erbarmungslos zuschlagen,

obwohl wir Gewalt im Grunde ablehnen.«

Wladimir Iljitsch Lenin

Statt einer Einleitung Im Blickpunkt der Geschichte

»Lenin war ein Revolutionär vom Scheitel

bis zur Sohle. Sein ganzes Leben war

bestimmt von einer geschlossenen, totalitären

Weltanschauung.«

Nikolaj Berdjajew

Die schwere, massive Stahltür öffnete sich langsam, und wir betraten ein kommunistisches Heiligtum. Der Raum im Keller des früheren Zentralarchivs der Kommunistischen Partei glich einem Atombunker. Hier wurde jahrzehntelang der theoretische, publizistische und briefliche Nachlass jenes Mannes verwahrt, der die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nachhaltig beeinflusste. In diesen Regalen lagern 3724 Dokumente Lenins, die bislang in keine Ausgabe seiner Werke Eingang fanden. Auch weitere 3000 Schriftstücke, die Lenins Unterschrift tragen, verschwanden für viele Jahre im ideologischen Bunker der einst allmächtigen Partei.

Warum wurden all diese Zeugnisse des Revolutionsführers, den Millionen von Menschen wie einen Gott verehrten, so lange unter Verschluss gehalten?

Man befürchtete, dass Lenin durch deren Veröffentlichung seinen Heiligenschein verlieren könnte. Als Beispiel mag eine von ihm persönlich verfasste Notiz dienen, die an E. M. Skljanski, den stellvertretenden Vorsitzenden des Revolutionären Kriegssowjets adressiert ist. Sie enthält Anweisungen für Bestrafungsmaßnahmen gegen Estland und Litauen wegen deren Unterstützung für die weißrussischen Truppen unter General Balachowitsch:

»1) Eine Protestnote ist unzureichend.

2) Den Protest hinauszögern, damit wir Estland und Litauen auf frischer Tat ertappen können.

3) Hierfür besondere Maßnahmen ergreifen (d. h. immer mehr Beweismaterial sammeln).

4) Militärische Strafaktionen gegen Estland und Litauen durchführen (d. h. ›auf den Spuren Balachowitschs‹ die Grenze an irgendeiner Stelle mindestens ein Werst überschreiten und dort 100 –1000 Beamte und Reiche aufhängen …).« (Archiv für neuere Geschichte)

Briefe wie der des greisen Rebellen Kropotkin vom Dezember 1920 wurden totgeschwiegen, weil sie politisch inopportun schienen. Die Bolschewiki hatten damals eine große Gruppe Sozialrevolutionäre als Geiseln genommen, die sie, laut »Prawda«, »erbarmungslos hinrichten« würden, falls es zu Attentaten auf die Sowjetführer käme. Kropotkin schrieb daraufhin an Lenin: »… Gibt es wirklich unter Ihren Genossen niemanden, der die anderen davon überzeugen könnte, dass derartige Maßnahmen einen Rückschritt in die finstersten Zeiten des Mittelalters und der Religionskriege bedeuten und derer unwürdig sind, die sich anschicken, die Gesellschaft der Zukunft zu errichten …« (Ebd.)

Lenin ließ diesen Brief im Archiv verschwinden, obwohl er wusste, dass Kropotkin recht hatte. Die Bolschewiki waren jetzt an der Macht, und ihr Führer war derartigen moralischen Appellen schon nicht mehr zugänglich. Unsere Ansichten über Lenin änderten sich jedoch nicht nur aufgrund einiger neuer Informationen, die dem Bild widersprechen, das man uns jahrzehntelang eingetrichtert hat. Wir begannen vor allem deshalb an seiner Unfehlbarkeit zu zweifeln, weil die »Sache«, die er begonnen hatte und die das Volk mit Millionen von Menschenleben, unermesslichem Leid und Entbehrungen bezahlte, eine große historische Niederlage erlitten hat. Es ist bitter, darüber zu sprechen und zu schreiben.

Nach den Büchern über Stalin und Trotzki gilt meine Aufmerksamkeit nunmehr dem Führer des Oktoberumsturzes. Je häufiger wir Lenin Eigenschaften wie »groß«, »genial«, »überragend«, »einzigartig«, »weise«, »weitsichtig« oder »prophetisch« zuschrieben, desto weiter entfernten wir uns von seiner historischen Gestalt. So wurden Millionen von Dogmatikern erzogen. Lenins Ideologie wurde für die Sowjetmenschen so unentbehrlich wie der Koran für die islamischen Fundamentalisten. Bis zum 1. Januar 1990 lag die Gesamtauflage seiner Werke in unserem Land bei über 653 Millionen in 125 Sprachen. Auf diesem einen Gebiet wenigstens konnte das kommunistische System einen Überschuss verzeichnen. Einige Arbeiten waren besonders erfolgreich. So wurde Lenins Rede über den nahenden Kommunismus (»Über die Aufgaben der Jugendverbände«) 660mal in einer Gesamtauf­lage von 50 Millionen und in 60 Sprachen herausgegeben! Daneben erschienen unzählige Sammelbände, die bei uns den Status von Schulfibeln erlangten: »Lenin über die Arbeiterdelegierten in den Sowjets«, »Lenin über die Beziehung zwischen den Nationalitäten«, »Lenin über die Partei«, »Lenin über die sowje­tische Kriegswissenschaft«, »Lenin über die Kultur«, »Lenin über die Moral« … Lenin und seine orthodoxen Ideologen erzogen uns zu einem Denken in Katechismen und Zitaten. Ich konnte mich persönlich davon überzeugen, dass ein Großteil der mir bekannten Parteiführer von Lenin nicht mehr als das von der Partei vorgeschriebene »Minimum« gelesen hatte. Parteidirektiven und Beschlüsse bestimmten, was »leninistisch« war. Sie ließen sich von einem Lenin leiten, den sie nicht einmal kannten.

Lange wurde uns suggeriert, der Leninismus befähige zu dem revolutionären Umsturz der alten Gesellschaft und dem Aufbau einer neuen, blühenden Zivilisation auf den Trümmern der vergangenen. Die Diktatur galt als probates Mittel zur Durchsetzung dieses Ziels. Doch genau darin besteht der elementare Fehler des Marxismus in seiner leninistischen Version, denn Marx selbst hatte wenig von der Diktatur als Staatsform gehalten. Lenin und später seine Nachfolger glaubten dagegen bis vor nicht allzu langer Zeit, dass im Namen des Glücks zukünftiger Generationen moralisch alles erlaubt sei: Export von Revolution und Bürgerkrieg, uneingeschränkte Gewaltanwendung und soziale Experimente an Millionen von Menschen. Faszination und Anziehungskraft des Leninismus beruhten über Jahrzehnte hinweg auf der Sehnsucht der Menschen nach einer vollkommeneren und gerechteren Welt. Die russischen Revolutionäre, allen voran Lenin, erhoben Anklage gegen die ewigen Geißeln der Menschheit, gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Ungleichheit. Als sie jedoch die Möglichkeit erhielten, diese Übel zu beseitigen, schufen sie stattdessen eine neue, nur mühsam kaschierte Art der Ausbeutung. An die Stelle von sozialer und nationaler Ungleichheit trat die Ungleichheit eines hierarchischen, bürokratischen Systems. Die Unfreiheit einer Klasse wurde ersetzt durch die totale Unfreiheit aller. Der Leninismus als russische Variante des Marxismus nahm in einem riesigen Land Gestalt an. Diese neue, sowjetische Religion beherrschte bald ganz Russland.

Der gewaltige historische Fortschritt, den Lenin einst prophezeit hatte, endete mit einem historischen Rückschritt ungeahnten Ausmaßes. Die Warnung Plechanows, Sasulitschs und ­Dejtschs war berechtigt. In ihrem »Offenen Brief an die Arbeiter von ­Petrograd« vom 28. Oktober 1917 heißt es:

»Der Umsturz ist ein großes historisches Unglück. Er wird einen Bürgerkrieg heraufbeschwören, in dessen Verlauf alle Errungenschaften vom Februar 1917 zunichte gemacht werden«.

(»Jedinstwo«, 28. Oktober 1917)

Übrigens glaubten selbst viele bolschewistische Führer noch am Vorabend des Umsturzes nicht an dessen Erfolg. Sie fürchteten den Radikalismus Lenins, der die Massen fanatisch zu einem bewaffneten Aufstand gegen die Provisorische Regierung trieb. Doch der Revolutionär konnte seinen Kurs schließlich durchsetzen.

Das Hauptziel des Leninismus, der gewaltsame Umsturz der alten und die Errichtung einer neuen Ordnung, galt nicht nur auf nationaler Ebene. Mit Hilfe der Komintern, die im März 1919 in Moskau gegründet wurde und faktisch die internationale Sektion der Kommunistischen Partei Russlands bildete, versuchte Lenin, überall dort revolutionäre Prozesse in Gang zu setzen, wo dies nur irgend möglich schien. So schickte er beispielsweise im Juli 1920 ein chiffriertes Telegramm an Stalin:

»Die Lage in der Komintern ist glänzend. Sinowjew, Bucharin und ich glauben, dass man die Revolution in Italien jetzt unbedingt vorantreiben sollte. Ich persönlich meine, dass hierzu die Sowjetisierung Ungarns, vielleicht sogar Tschechiens und Rumäniens vonnöten ist.« (Archiv für neuere Geschichte)

Emissäre der Komintern wurden in aller Herren Länder entsandt. Das Volkskommissariat für Finanzen verteilte auf Weisung der von Lenin geführten Regierung Millionen von Goldrubeln für die »Erfordernisse der Weltrevolution« (ebd.), während im eigenen Land Hunderttausende an Hunger und Typhus zugrunde gingen. Die totale Revolution, so Lenin, forderte eben ihre Opfer.

Wer sich mit Lenin beschäftigt, muss sich auch mit dessen größter Schöpfung auseinandersetzen – der Kommunistischen Partei. Die klassische Sozialdemokratie widersprach Lenins Konzept einer strengen, konspirativen Organisation. Sein »Verdienst« bestand nicht nur in der Gründung einer straff organisierten Partei, sondern er vermochte es zudem, sie rasch in das Staatssystem zu integrieren. Schon die ersten Sitzungen des ZK und des Rates der Volkskommissare ließen keine Zweifel daran, dass die Partei­organisation unter Lenins Führung in erster Linie strategische Fragen entschied, während die gleichfalls von Lenin geleitete Revolutionsregierung sich eher auf taktische Probleme beschränkte. Natürlich wurden für eine Partei dieses Typs nach dem Umsturz nicht nur die Menschewiki rasch zum Störfaktor. Die ehemaligen Verbündeten, die Sozialrevolutionäre, behinderten die Selbstherrschaft der Partei ebenso wie Verfassungsgebende Versammlung, Presse, Intelligenz und Kirche. Schon die leisesten Anzeichen für die Entstehung oder gar Existenz einer wie auch immer gearteten gesellschaftlichen oder politischen Organisation weckten das Misstrauen der KP. Die Partei hatte bald nicht nur das Monopol auf die politische Macht, sondern auch auf das Denken und Handeln der gesamten Bevölkerung. Sie wurde zu einer leninistischen Ordensgemeinschaft, in deren Namen die »Führer« und ihre Kampfgefährten über Jahrzehnte hinweg das Volk regierten. Fast 70 Jahre lang befand sich das riesige Land in den Fängen von Partei und Staat, von Dogmatismus und Bürokratie.

Der rasche Zerfall der KPdSU nach dem August 1991 erklärt sich übrigens in erster Linie aus deren absoluter Unfähigkeit, mit ihrer leninistischen Struktur in einer bürgerlichen Gesellschaft zu überleben. Die Partei Leninschen Typs war der ideale Stützpfeiler einer totalitären Macht. Ein demokratisches System hingegen, selbst ein so unvollkommenes wie das unsere, war ihr fremd.

Ich erinnere mich noch an meine Rede auf dem 28. Parteitag der KPdSU. Meine Hauptthese bestand darin, dass eine Rückkehr zu den alten, sozialdemokratischen Strukturen vermutlich die letzte und einzige Chance für das Überleben der Partei darstellte. »Wenn wir uns nicht von der kommunistischen Utopie lossagen«, erklärte ich, »dann werden wir schon bald das Schicksal der anderen osteuropäischen Parteien ›leninschen Typs‹ teilen«. Doch man ließ mich nicht ausreden. Die Delegierten begannen zu schreien, mit den Füßen zu trampeln und laut zu klatschen. Sie vertrieben mich praktisch vom Rednerpult. Viele von ihnen waren in ihrem aggressiven, leninistischen Denken festgefahren und zu keiner Weiterentwicklung mehr fähig.

Lenin, in dem sich ein kluger, pragmatischer Verstand mit Zielstrebigkeit und Willensstärke verband, war der bedeutendste Revolutionär des 20. Jahrhunderts. Sein politisches Wirken prägte unsere Geschichte in schicksalhafter Weise. Er war Gründer der ersten marxistischen Partei Russlands, formierte die internationale kommunistische Bewegung und schuf den ersten sozialistischen Staat der Welt. Der sowjetische Leser ahnte nichts von dem eiskalten Kalkül des »großen Führers«, der auch vor Mord nicht zurückschreckte. Zu lange war das Bild Lenins in der Öffentlichkeit von der Partei diktiert worden.

Über das Privatleben Lenins ist wenig bekannt. Im Interesse der Partei wurden alle persönlichen Angelegenheiten der Führer vor dem Volk verheimlicht. Im Unterschied zu den einfachen Funk­tionären unterlag beispielsweise das Privatleben der Mitglieder des Politbüros strengster Geheimhaltung. Ihr Einkommen, die Anzahl der Bediensteten und Dienstwagen, Eigentumswohnungen und Datschen – all das wurde wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Niemand durfte von den oft zweifelhaften Handlungen der kommunistischen Führer erfahren.

So blieb auch unklar, wie Lenin seine jahrelangen Auslandsaufenthalte finanzierte, aus welchen Quellen vor der Revolution das Geld in die Parteiklasse floss, warum Lenin nie einer geregelten Arbeit nachging oder wie es ihm möglich war, mitten im Krieg über Deutschland nach Russland zu gelangen.

Einige Unterlagen im Archiv werfen ein erhellendes Licht auf Lenins Beziehungen zu Deutschland. Im Februar 1921 erhält er von der sowjetischen Vertretung in Berlin eine chiffrierte Nachricht über den Ausgang der Verhandlungen mit Deutschland wegen des »Wiederaufbaus unserer Kriegsindustrie«. Die deutschen Firmen Blohm und Voss, Albatroswerke und Krupp erklärten sich bereit, Russland U-Boote, Flugzeuge und Kanonen zu liefern, obwohl ihnen dies laut dem Versailler Vertrag strengstens untersagt war. Lenins Antwort lautete: »Ich bin einverstanden. Lenin«. (Archiv für neuere Geschichte)

Auch dieser Beschluss wurde mit einem Geheimvermerk versehen und nie veröffentlicht. Stalin sollte später bei seinen Geheimverträgen mit Deutschland nicht anders verfahren.

Die Floskel vom »genialen Lenin« ist uns bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Ein kluger Verstand ist jedoch noch lange kein Garant für Genialität. Wirklich geniale Geister zeichnen sich vielmehr durch die Fähigkeit aus, zukünftige Entwicklungen vor­ausschauend erfassen zu können. Dagegen hat sich keine einzige Prognose Lenins je bewahrheitet, obwohl er sich gern mit derartigen Fragen beschäftigte. Es sei hier nur an seine Vorhersagen über die Unausweichlichkeit der Weltrevolution und der Errichtung der kommunistischen Gesellschaft erinnert.

Es gibt eine Vielzahl sowjetischer Leninbiographien, u. a. von Trotzki, Kamenew, P. Kerschenzew, W. I. Njewski, E. Jaroslawski, G. M. Krschischanowski, K. B. Radek, Sinowjew und B. M. Kedrow. Am interessantesten sind wohl die Skizzen Trotzkis (L. D. Trotzki, O Lenine, Moskau 1924). Kaum ein Jahr nach der Machtergreifung zitierte Sinowjew bereits aus einer ersten offiziellen Leninbiographie, die sich damals in Vorbereitung befand. Schon damals fielen Begriffe wie »Apostel des Kommunismus« und »Führer von Gottes Gnaden« (»Russkaja mysl«, Nr. 12, 1990). Diese Tradition wurde aufrechterhalten. Die offiziellen sowjetischen Biographien sind reich an Lobreden auf den »Übermenschen« Lenin. Eine Ausnahme bilden lediglich die Aufzeichnungen N. K. Krupskajas und M. I. Uljanowas über dessen letzte Lebensjahre, die allerdings damals nicht veröffentlicht werden konnten. Natürlich betonten alle, die Lenin kannten und über ihn schrieben, seine ungeheure Bedeutung für die mensch­liche Zivilisation. Auf eine fatale Weise hatten sie auch recht. Das Land, in dem er sein schreckliches Experiment begonnen hatte, erlebte ein historisches Debakel. Die ganze Welt wandte sich mit Grauen ab von Russland, das sich selbst von jeder Entwicklung zu einem zivilisierten Gemeinwesen abgeschnitten hatte.

Die fünf Ausgaben von Lenins Werken unterscheiden sich grundlegend voneinander. An der ersten hatte der »Meister« noch persönlich beratend mitgewirkt. Während das geschundene Land in Agonie lag, wetteiferten Lenin, Trotzki und Sinowjew förmlich um die Herausgabe ihrer Werke. Die Sowjetführer wollten Russland möglichst noch zu Lebzeiten mit ihren vielbändigen, bolschewistischen Hirngespinsten beglücken. Der Fundus an Lenins Werken scheint unerschöpflich. Die erste Ausgabe umfasste 20 Bände, die vierte bereits 35 und die fünfte, »vollständige«, 55 riesige Folianten! Und damit nicht genug. Vor dem August 1991 war bereits eine sechste Ausgabe mit nicht weniger als 70 Bänden in Vorbereitung. Lenin war wirklich unerschöpflich! Dabei bestehen ganze Bände lediglich aus Exzerpten, zusammenhanglosen Skizzen oder Regierungsbeschlüssen mit Lenins Unterschrift. Der Aufwand, den das kommunistische System um einen einzigen Autor betrieb, ist wohl in der gesamten Literaturgeschichte ohne Beispiel. Ganze Institute, Museen, Lehrstühle, Bibliotheken und Archive befassten sich mit der Deutung jedes einzelnen Kommas und jeder beliebigen Randbemerkung in noch so unbedeutenden Büchern, ganz zu schweigen von irgendwelchen Anmerkungen oder Unterstreichungen in Telegrammen und Referaten. Über diese historisch einzigartige Vergötterung eines Menschen schreibt N. W. Walentinow: »Ganze Heerscharen von Apologeten ergehen sich in der Exegese jeder noch so unwichtigen Kleinigkeit, die auch nur einen entfernten Bezug zu Wladimir Iljitsch haben könnte. Noch seine allerbanalsten Handlungen, noch die beiläufigste Geste wird zu einem historischen Ereignis aufgebauscht. Es war nicht nur der genialste, sondern auch der tugendhafteste und talentierteste. Er hatte immer recht und war unfehlbar«. (Walentinow, Malosnakomyj Lenin)

Lenin selbst war an diesem irrationalen Personenkult nicht ganz unschuldig. Noch zu Lebzeiten wurde ihm 1922 im Gouvernement Simbirsk ein Denkmal errichtet. Auch gegen ein Denkmal am Ort des Attentats vom August 1918 hatte er nichts einzuwenden. Schon im November 1918 stand er mehreren Bildhauern Modell und saß 1921 dem berühmten Maler Ju. P. Anjenkow für ein Porträt (»Nowy schurnal«, 1961, Nr. 65, S. 139). Lenin hielt es für richtig, die Zarendenkmäler durch Monumente für die ­Revolutionsführer zu ersetzen. Dabei stand für ihn nicht so sehr persönliche Eitelkeit im Vordergrund, als vielmehr der Gedanke, auf diese Weise den Rückhalt für die bolschewistische Idee festigen zu können. Er ahnte nicht, dass er damit einen nachgerade religiösen Kult um seine Person initiierte. Noch heute zieren Leninstatuetten die Wohnungen vieler russischer Bürger.

Als das fundierteste sowjetische Werk über Lenin gilt die vielbändige biographische Chronik »Wladimir Iljitsch Lenin«, doch auch sie ist reich an zensierten Passagen, Auslassungen, Entstellungen und einseitigen Interpretationen. Im Vergleich dazu sind ausländische Biographien in wissenschaftlicher Hinsicht zuverlässiger. Zwar können sie nicht auf Primärquellen vor allem aus der sowjetischen Periode im Leben Lenins zurückgreifen, sind aber dafür keinerlei ideologischen Zwängen unterworfen. Es seien hier nur einige Werke genannt, die besondere Aufmerksamkeit verdienen, wie etwa das Buch von S. Possony. Ungefähr zur gleichen Zeit erschien das Buch des Amerikaners Robert Payne, der in Lenin einen zweiten, allerdings wesentlich mächtigeren Netschajew sah. Zu den besten Werken über den Revolutionär zählt Louis Fischers »Das Leben Lenins«. 1988 erschien in London die Studie Ronald Clarks. Dora Sturman versucht, sich Lenin über seine letzten Aufzeichnungen zu nähern. Zu interessanten Ergebnissen kommen auch weitere nichtsowjetische Autoren wie A. Awtorchanow, D. Anin, N. Berdjajew, W. Burzew, A. Balabanowa, F. Dan, A. Iljin, A. Njekritsch, A. Potresow, A. Rabinowitsch, W. Tschernow und D. Shub.

Von großer Bedeutung für das Verständnis des Phänomens Lenin ist das historisch-künstlerische Werk Alexander Solschenizyns. Es gewährt Einblick in die Denkweise jener Männer, die Russland »aus den Angeln hoben«.

Die Bücher von Nikolaj Wladislawowitsch Wolski (Walentinow), der Lenin persönlich kannte, bestechen durch ihre detailgetreue, originelle Analyse. Als einem der wenigen gelingt es ihm, neben der politischen auch die menschliche Seite des Revolutionsführers zu beleuchten. Neben einer Vielzahl charakterlicher Besonderheiten entdeckte er schon beim jungen Lenin einen unverbrüchlichen Glauben an seine historische Mission als Führer von Partei und Volk, der sich mit einem ausgeprägten Zynismus verband.

Krschischanowski beschäftigte sich besonders mit dem äußeren Erscheinungsbild des Revolutionärs. Lenin, so schreibt er, wirke einfach und bescheiden. »Mit seiner gedrungenen Gestalt und der Schirmmütze könnte man ihn für einen einfachen Fabrik­arbeiter halten. Die angenehmen Gesichtszüge und der dunkle Teint verleihen ihm ein leicht asiatisches Aussehen. In entsprechender Kleidung würde er auch in einer Versammlung von Wolgabauern nicht auffallen.« Neben dieser offenen Propagierung von Lenins »Volksverbundenheit« bringt dessen Kampfgefährte aber dennoch einen wichtigen Aspekt zum Ausdruck. »Seine Augen«, fährt er fort, »sind dunkelbraun. Er hat einen außergewöhnlichen, durchdringenden Blick, aus dem eine starke innere Kraft spricht.« ­(Krschischanowski, Weliki Lenin, Moskau 1982, S. 16 –17)

Mit dieser Besonderheit befasst sich auch A. I. Kuprin in seiner literarischen Miniatur »Momentaufnahme«:

»Lenin ist von kleinem Wuchs, breitschultrig und hager. Sein Äußeres wirkt weder abstoßend oder feindselig noch besonders tiefsinnig. Er hat breite Backenknochen, und seine Augen verlaufen leicht schlitzförmig nach oben … Der Schädel ist zwar groß und breit, jedoch bei weitem nicht in dem Maße, wie es auf einigen Fotografien scheint … Das verbliebene Kopfhaar und der Bart lassen darauf schließen, dass er in seiner Jugend feuerrote Haare hatte. Seine Hände sind groß und unansehnlich … Ich vertiefte mich in seine Augen … Sie sind von Natur aus schmal, und Lenin hat, vielleicht aufgrund einer Kurzsichtigkeit, die Angewohnheit, sie zusammenzukneifen. Dadurch erhalten sie einen argwöh­nischen Ausdruck, der durch seinen finsteren Blick noch verstärkt wird. Was mich jedoch besonders erstaunte, war die Farbe der Augen … Letztes Jahr im Pariser Zoo blickte ich in die gold­roten Augen eines Lemuren. Das war Lenins Augenfarbe! Der Lemure hatte allerdings große Pupillen, während die von Lenin kaum größer waren als die Einstichlöcher einer Nadel, aus denen blaue Funken schossen.« (»Obschtschee delo«, Paris, 21.2.1921)

Die russische Revolutionsschriftstellerin Ariadna Tyrkowa, die Lenin des Öfteren zu Gesicht bekommen hatte, fällt ein kategorisches Urteil: »Lenin war ein böser Mensch. Er hatte die bösen Augen eines Wolfes.« (A. Tyrkowa-Williams, »Auf dem Weg in die Freiheit«, London 1953, S. 104)

All das sind Zeugnisse von Menschen, die Lenin persönlich gesehen haben. Mir blieb dagegen nur das Filmmaterial. Auf alten Fotos und in alten Wochenschauen sah ich einen unscheinbaren Mann mit außergewöhnlichen Augen, die einen starken Intellekt erahnen ließen. Dieser Intellekt nahm nicht selten böse, bisweilen sogar heimtückische Züge an. Bei aller revolutionären Radikalität war Lenin durchaus imperial gesinnt, was keinen Widerspruch darstellt. Sein erklärtes Ziel war schließlich die Erlangung absoluter, uneingeschränkter Macht. So besiegelte er die Niederlage des eigenen Vaterlandes im Ersten Weltkrieg, nur um seine Partei an die Macht zu bringen. Dafür nahm er sogar den Verlust ganzer Nationalitäten in Kauf, die früher zum Russischen Reich gehört hatten. Als jedoch dessen totaler Zerfall drohte, warf Lenin seinen revolutionären Internationalismus über Bord und stellte das Imperium unter der bolschewistischen Sowjetmacht wieder her. Seine Motive waren dabei nicht etwa Patriotismus oder Vaterlandsliebe, sondern einzig und allein der Wille zur Macht. Russland und seine Bevölkerung brachte er keine besondere Wertschätzung entgegen. In einem Brief an Bersin zur Herausgabe von Propa­gandaliteratur beklagt Lenin den schleppenden Gang der Dinge. Er empfiehlt »Kollner und Schneier aus Zürich kommen zu lassen« und sie »fürstlich« für ihre Arbeit zu entlohnen. Und weiter: »Diese russischen Idioten sollen gefälligst Zeitungsausschnitte schicken und nicht wahllos irgendwelche Ausgaben. Nennen Sie uns die Namen der Verantwortlichen, und wir werden sie uns vorknöpfen.« (Archiv für neuere Geschichte)

Natürlich verschwand auch dieser Brief im Geheimarchiv und ist in keiner sogenannten »Gesamtausgabe« zu finden. Eine derartige Einstellung zu den Russen findet sich häufig bei Lenin.

Dieses Buch wird viele sowjetische Leser schockieren. Man wird meine wissenschaftliche Integrität in Zweifel ziehen und versuchen, mich als Lügner zu entlarven. So haben wir es schließlich von Lenin und seinen Nachfolgern gelernt. Wir haben gelernt, intolerant zu sein gegenüber allem, was nicht mit den leninis­tischen Dogmen und Propagandaformeln vereinbar ist. Von Anfang an wurde uns eingeschärft, dass es ein Verbrechen darstellt, anderer Ansicht zu sein.

Auf antisowjetische Propaganda steht die Todesstrafe. So hat es Lenin verfügt, und so wurde es in den berühmten Artikel 58 der Verfassung der RSFSR aufgenommen, auf dessen Grundlage jahrzehntelang Millionen von Menschen ins Arbeitslager wanderten. All das hat sich tief in das Bewusstsein der sowjetischen Menschen eingegraben.

Mit der Tscheka, dem Straforgan der Diktatur, erhob Lenin die Amoralität zur Moral von Partei und Staat.

Es wurde häufig behauptet, Lenin habe mit Hilfe der Neuen Ökonomischen Politik den »wahren Sozialismus« aufbauen wollen. Bei aufmerksamem Studium der Dokumente stößt man allerdings bald auf die bekannten bolschewistischen Motive. Für Lenin war die NOP ein kontrollierter Kapitalismus, dem man jederzeit wieder »den Garaus machen« konnte. Als damals die Wirtschaftskriminalität zunahm, reagierte er schnell: »… Wir brauchen eine Reihe von Schauprozessen mit abschreckenden Urteilen … Die Neue Ökonomische Politik erfordert auch eine neue, grausame Art der Bestrafung.« (PSS, Bd. 54, S. 160)

Lenin hatte niemals einen Hehl daraus gemacht, dass die neue Gesellschaft nur mit Hilfe von Gewalt errichtet werden könne. Im März 1922 schrieb er an L. B. Kamenew: »Es wäre ein großer Fehler, zu glauben, dass die NÖP ein Ende des Terrors bedeutet. Wir werden den Terror zu gegebener Zeit wieder aufnehmen. Auch den ökonomischen.« (Ebd., Bd. 44, S. 128)

Das war nicht zu viel versprochen. In der folgenden Zeit beherrschte der Terror das ganze Land. Als wir nach Jahrzehnten zögernd darangingen, die Vergangenheit zu verurteilen, vermieden wir ängstlich eine klare Antwort auf die Frage, wer diesen Terror initiiert und als Mittel der Revolution geheiligt hatte.