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Leopold Graf von Schladen Aufstieg und Sturz eines preußischen Diplomaten zu Zeiten Napoleons. Eine Biografie. In der glanzvollen Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirkte Leopold Graf von Schladen (1772-1845) als preußischer Gesandter an den Höfen von Lissabon, München, St. Petersburg, Konstantinopel und Den Haag/Brüssel. Der ehrgeizige Diplomat wurde 1813 in den Grafenstand erhoben und heiratete in den österreichischen Finanzadel ein. Das Glück schien ihn zu begünstigen. Doch dann geriet er zwischen die Mühlen der Justiz. Das Leben dieses heute vergessenen Politikers zwischen Napoleon und Friedrich Wilhelm III. zeichnet die Autorin mit Blick auf den historischen Hintergrund spannend nach. Dabei stützt sie sich auf Schladens anonym hinterlassenes Buch "Preußen in den Jahren 1806 und 1807. Ein Tagebuch" sowie auf bislang unveröffentlichte Originaldokumente und verschafft zeitgenössischen Stimmen Gehör. Eine faszinierende Spurensuche zwischen schillernden Möglichkeiten und persönlicher Tragik. Dies Buch ist die bislang einzige Biografie über Graf von Schladen.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Abb. 1: Leopold Graf von Schladen (1772 – 1845) (Porträt von Friedrich Boser, Düsseldorf, um 1841)
Vorwort
Leopold von Schladens Herkunft und Jugend
1772 Leopold erblickt in Berlin das Licht der Welt
1787 Studium in Erlangen, später in Göttingen
Schladen im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten
1790 Aufnahme in die Ausbildungsstätte und Ernennung zum Legationsrat
1794 Schladen wird Königlich Preußischer Kammerherr
1794 Reise zum preußischen Hauptquartier an den Rhein
1795 Gesandtschaftskavalier bei der preußischen Gesandtschaft in Wien
Preußischer Gesandter in Lissabon (1797 – 1803)
1796 Auf dem Weg nach Lissabon
Exkurs: Die französischen Vorfahren der Mutter
1797 Schladen nun preußischer Gesandter in Lissabon
1797 Friedrich Wilhelm II von Preußen stirbt in Berlin
1797 Schladen in Portugal
Preußischer Gesandter in München (1803 – 1806)
1803 Auf dem Weg nach München
Exkurs: Die Markgrafentümer Ansbach und Bayreuth
1803 Schladen nun preußischer Gesandter in München
1806 Bayern wird Königreich von Napoleons Gnaden
1806 Der Rheinbund
Preußen gegen Napoleons Armee 1806 und 1807
1806 Friedrich Wilhelm III erklärt Frankreich den Krieg
1806 Schladen im preußischen Hauptquartier
1807 Schladen im russischen Hauptquartier
1807 Der Friede von Tilsit
Preußischer Gesandter in St. Petersburg (1808 – 1812)
1808 Schladen nun preußischer Gesandter in St Petersburg
1808 Die russischen Reparationszahlungen
1808 Der Fürstenkongress zu Erfurt
1808 Die Einladung des Zaren an das preußische Königspaar
1808 Regierungswechsel in Preußen
1809 Das preußische Königspaar in St Petersburg
1809 Schladen erhält russischen und preußischen Orden
1809 Österreich sucht Bündnispartner
1809 Schladens schwierige Lage in St Petersburg
1809 Berlin nun wieder Sitz des preußischen Königspaares
1810 Die Regierung Altenstein/Dohna gerät in Bedrängnis
1810 Der Tod der Königin Luise und Veränderungen am Hof
1810 Hardenberg nun neuer Staatskanzler
1811 Schladen lässt sich für sechs Monate beurlauben
1812 Hatzfelds Denkschrift mit einem Schattenkabinett
1812 Schladen wird in den Wartestand versetzt
Preußischer Gesandter im Wartestand in Wien (1812 – 1817)
1813 Schladen wird in den Grafenstand erhoben
1813 Schladen heiratet Henriette Gräfin von Schönfeld
1813 Die Völkerschlacht bei Leipzig
1814 Der Wiener Kongress
Preußischer Gesandter in Konstantinopel (1818 – 1822)
1817 Schladen kehrt in den preußischen Staatsdienst zurück
1818 Auf dem Weg nach Konstantinopel
1818 Schladen nun preußischer Gesandter in Konstantinopel
1822 Fürst von Metternich vereitelt Schladens Ruf nach Wien
1822 Schladens Freunde Altenstein und Nagler in Berlin
1823 Schladen löst seinen Hausstand in Wien auf
Preußischer Gesandter in Brüssel/Den Haag (1824 – 1827)
1824 Schladen preußischer Gesandter am Niederländischen Hof
1826 Bankhaus Fries & Cie in Wien geht in Konkurs
1826 Schladens prekäre Finanzlage
1827 Schladen gelingt es, seine Finanzlage zu entschärfen
Der Rufmord und die fatalen Folgen
1827 Anonyme Drohungen aus heiterem Himmel
1827 Schladen wird aus Brüssel abberufen
1827 Hilflos vor dem Gesetz
1827 Zermürbende Ungewissheit
1828 Ein Gutachten für den Staatsrat
1828 Unausweichliche Pensionierung?
1828 Fragen der Ehre
1828 Schladens Stellungnahme zum Spielverlauf und zum Gutachten
Graf von Schladen im Ruhestand
1828 Schladen in Düsseldorf
1830 Die belgische Revolution
1832 Schladens Sohn Graf Adolph studiert in Bonn
1834 Schladen zieht nach Bad Godesberg
1835 Der preußische Generalpostmeister Carl Ferdinand von Nagler
1836 Schladen nun Canonicus des Collegiat-Stifts St Petri und Pauli zu Magdeburg
1837 Statistik der Standeserhebungen, aber ohne Schladen
1837 Schladens angegriffene Gesundheit
1840 Der König ist tot, es lebe König Friedrich Wilhelm IV
1841 Adolph Graf von Schladen
1845 Leopold Graf von Schladens letzter Kraftakt
1845 Henriette Gräfin von Schladen bleibt allein zurück
Schlussbetrachtung
Anhang
1809 Schladens politisches Glaubensbekenntnis
1845 Ein Nekrolog auf Léopold Comte de Schladen
Ein authentisches Bildnis des Grafen von Schladen
Verzeichnisse
Europäische Regenten zwischen 1770 und 1850
Zeittafel 1770 – 1850
Personenglossar
Primärquellen
Abbildungsnachweis
Ausgewählte Literatur
Anmerkungen/Endnoten
Vor ein paar Jahren fiel mir ein Buch in die Hände: Preußen in den Jahren 1806 und 1807. Ein Tagebuch.
Dieses Buch, Mitte des 19. Jahrhunderts publiziert, gab mir hochinteressante Einblicke in den von Preußen so verhängnisvoll geführten Krieg gegen Napoleon. Aber wie glaubwürdig sind die beschriebenen Begebenheiten und Hintergrundinformationen? Das anonym veröffentlichte Buch wird Herrn von Schladen (1772 – 1845) zugeschrieben.1 Wer war Herr von Schladen?
Ausgehend von seiner Kurzbiografie in der Allgemeinen Deutschen Biographie (ADB)2 vermutete ich zunächst einen spielsüchtigen preußischen Beamten und wollte die Sache auf sich beruhen lassen.
Jedoch in Schlosser’s Weltgeschichte für das deutsche Volk3, 1853 von einem Heidelberger Professor herausgegeben, wird Graf von Schladen als preußischer Patriot in einem Atemzug mit Freiherr vom Stein, Scharnhorst und Gneisenau genannt. Diese drei Männer sind heute noch vielen ein Begriff, aber was ist mit Schladen?
Ich ging auf Spurensuche und musste meine anfangs gefasste Meinung korrigieren. Ich fand in verschiedenen Archiven und alten Büchern Mosaiksteinchen zu Schladens Leben, die ein fesselndes Bild ergaben. Ich entdeckte einen faszinierenden Politiker, einen Diplomaten, der als preußischer Gesandter in Lissabon, München, St. Petersburg, Konstantinopel und Brüssel/Den Haag tätig war, aber völlig unerwartet in der Mitte seines Lebens am preußischen Hof in Ungnade fiel.
In der heute so gut erforschten Geschichte des beginnenden 19. Jahrhunderts kommt der Name von Schladen nur selten vor. Dies mag u. a. auch an oben erwähnter Kurzbiografie in der ADB liegen. Sie wird m. E. Graf von Schladen nicht gerecht, sie ist lückenhaft und zum Teil irreführend.
In der glanzvollen Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Leopold Graf von Schladen preußischer Gesandter in mehreren Ländern Europas und in der Politik eine bekannte Persönlichkeit. Er wurde 1813 in den Grafenstand erhoben und heiratete in den österreichischen Finanzadel ein. Das Glück schien ihn zu begünstigen. Doch dann geriet er in Brüssel zwischen die Mühlen der Justiz.
In der französischen Presse wurde Graf von Schladen, obwohl erklärter Napoleongegner, noch in seinem Todesjahr 1845 mit einem ausführlichen Nekrolog ein ehrendes Denkmal gesetzt, in der deutschen Presse sucht man vergebens einen Nachruf auf Graf von Schladen.
Trotz intensiver Suche konnte ich lange Jahre kein zeitgenössisches Porträt von Leopold Graf von Schladen finden. Erst durch tatkräftige Unterstützung einiger Mitglieder des von Bernuth’schen Familienverbandes Königstein im Taunus war es mir möglich, ein authentisches Gemälde von Leopold Graf von Schladen in diese Biografie mit aufzunehmen, wofür ich mich sehr herzlich bedanken möchte.
Durch die nun vorliegende ausführliche Biografie soll dieser durch Rufmord gestürzte und später vergessene preußische Diplomat in ein rechtes Licht gerückt werden. Da bisher noch keine Biografie über Schladen erschienen ist, bezieht meine Arbeit sich dominant auf Archivquellen, die Ausführungen stützen sich ausschließlich auf Fakten.
Als ich mit meiner Recherche begann, ahnte ich nicht, zu welch interessanten Ereignissen des beginnenden 19. Jahrhunderts Graf von Schladen mich führen würde. In mehreren Archiven fand ich Dokumente, die sein ungewöhnliches Leben belegen. Etliche Schriftstücke, auch einige bisher unveröffentlichte Briefe, wurden in diese Biografie mit aufgenommen und der zügigen Lesbarkeit halber teilweise der heutigen Rechtschreibung angepasst. Wenn in den Briefen der damaligen Zeit von Kaiser Alexander die Rede war, ging es um Zar Alexander I., für den russischen Monarchen wurde deshalb durchgängig der Ausdruck Zar verwendet.
Mein Dank gilt verschiedenen Archiven und Bibliotheken in Bamberg, Berlin, Bonn, Düsseldorf, Hannover, Magdeburg, München, Stuttgart und Wien, insbesondere aber den Mitarbeitern des Geheimen Preußischen Staatsarchivs in Berlin und der Bayerischen Staatsbibliothek in München sowie den vielen Freunden, die mich immer wieder ermutigt haben, das Manuskript zu veröffentlichen.
München, den 1. Oktober 2019 Ingeborg Kessler
Friedrich Heinrich Leopold Graf von Schladen war der älteste Sohn des preußischen Generallieutenants Karl Friedrich Gottlieb Freiherr von Schladen (1730 – 1806) und dessen Ehefrau Louise de Milsonneau (1749 – 1786).
Die Vorfahren väterlicherseits, die Freiherren von Schladen, stammen aus Staßfurt, einer alten Salzstadt im ehemaligen Herzogtum Magdeburg. Sie tragen in ihrem Wappenschild4 zwei gekreuzte Bischofsstäbe und lassen sich in Staßfurt bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen.5 Viele Mitglieder der Familie Schladen hatten die Würde eines Salzgrafen, Stadtvoigts oder Bürgermeisters zu Staßfurt verliehen bekommen.6
Abb. 2: Vater: Karl Friedrich Gottlieb Freiherr von Schladen (1730 – 1806), Königlich-Preußischer Generallieutenant und Chef des 41. Infanterieregiments
Leopolds Vater war der Sohn des preußischen Obersten Hans Christoph Freiherr von Schladen (gest. 1743) und dessen Ehefrau Sophie Eleonore, geb. Freiin von Spiegel zum Desenberg (gest. 1731). Schon früh Vollwaise geworden, ging er mit 17 Jahren zur preußischen Armee, der er 57 Jahre lang angehörte. Wie im Militärischen Kalender 1801 näher ausgeführt,7 konnte er sich in dieser Zeit vom Fähnrich bis in die oberste Führungsriege der preußischen Armee emporarbeiten.
Als junger Offizier hatte er sich im Siebenjährigen Krieg ausgezeichnet. Beim Feldzug 1756 / 63 kämpfte er in den Schlachten bei Prag, Roßbach, Leuthen, Hochkirch, Kunersdorf, Maxen, war auch bei den Belagerungen von Breslau, Prag, Schweidnitz, Meißen dabei.8
1771 heiratete er Louise de Milsonneau, die Tochter des Geheimen Justizrates Isaak de Milsonneau, Senator in Berlin und Revisionsrat am deutschen und am französischen Gericht.
Leopolds Großvater mütterlicherseits, Isaak de Milsonneau (* 1707), kam aus Frankreich und war im Loire-Tal geboren. Sein gleichnamiger Vater war Advokat und hoher Staatsbeamter am französischen Königshof. Als dessen Frau 1712 starb, vertraute er seine Kinder (geb. 1707, 1708 und 1712) seiner Schwester Louise an, die mit ihrem Mann Comte de Mauclerc seit 1710 als Glaubensflüchtlinge9 in Berlin eine neue Heimat gefunden hatte.
Abb. 3: Isaak de Milsonneau, Wirkl. Geh. Justizrat und Senator (1707 – 1771)
Abb. 4: Henriette Catherine de Milsonneau, geb. de Pennavaire (1722 – 1808)
Der junge Isaak de Milsonneau studierte später in Frankfurt/Oder Rechtswissenschaft und fand eine Anstellung beim deutschen und französischen Gericht in Berlin. Als Senator konnte er 1740 die Beisetzung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. und die Thronbesteigung Friedrichs des Großen hautnah miterleben, die er in seinen Tagebuchnotizen festhielt.10 1746 heiratete er Catharine de Pennavaire, Tochter eines Oberstleutnants. Ihre Vorfahren waren ebenfalls Hugenotten. Auch sie waren Advokaten und Offiziere, stammten aus der Gegend von Bordeaux.11
Isaak de Milsonneau wohnte mit seiner Familie in der Dorotheenvorstadt12 in Berlin. Er konnte noch die Hochzeit seiner einzigen Tochter mit Karl Friedrich Gottlieb von Schladen miterleben, wenige Tage später verstarb er. Er hatte zeitlebens unter starkem Asthma gelitten.
Als Karl F. G. Freiherr von Schladen 1771 heiratete, war er Kompaniechef im Infanterieregiment Nr. 19 der preußischen Armee. Dieses Regiment war Prinz Friedrich August von Braunschweig-Lüneburg13 unterstellt und hatte in Friedenszeiten sein Quartier in Berlin, genauer in der Friedrichstadt und am Brandenburger Tor. Major von Schladen besaß ein Haus am Oktagon, dem heutigen Leipziger Platz. Und hier wurde am 14. Juni 1772 sein ältester Sohn Friedrich Heinrich Leopold geboren.
Wie nicht anders zu erwarten, standen viele Militärs an seinem Taufbecken. Angeführt wurde die Reihe der Taufzeugen von Seiner Hoheit Prinz Friedrich, Herzog von Braunschweig-Lüneburg, dem Regimentschef des Vaters, gefolgt von Jean Pennavaire, Hofmarschall des Herzogs und Großonkel des Täuflings mütterlicherseits, sowie den Kollegen des Vaters: Major von Bonin, Major von Köhler, Präsident von Haagen, Generaladjutant von Weedel, Kriegsrat von Sellontin, Hauptmann von Kittscher, Hauptmann von Wülernitz, ferner Frau von Unruh, Frau Generalin von Bülow und Frau Gräfin von Lottum.14
Im Laufe der Jahre vergrößerte sich die Schladen’sche Familie um weitere drei Söhne und drei Töchter.15
Abb. 5: Die Familie des Königl. Preußischen Generallieutenants von Schladen um 1782 (von links nach rechts): Ludwig (1776 – 1821), Henriette (1773 – 1859), Louise Freifrau v. Schladen, geb. v. Milsonneau (1749 – 1785), Großmutter Henriette v. Milsonneau, geb. v. Pennavaire (1722 – 1808) mit ihrem Enkel Hans (1781 – 82), Karl Friedrich G. Freiherr von Schladen (1740–1806) mit Sohn Ferdinand (1777–1795), Wilhelmine (1774 – 1856) und rechts am Klavier der älteste Sohn Leopold (1772 – 1845)
Besondere Verdienste erwarb sich Vater Schladen im Bayerischen Erbfolgekrieg (1778 / 79): Im letzten größeren Gefecht, das bei Neustadt (Oberschlesien) am 28. Februar 1779 stattfand, zeichnete sich Schladen durch seine Entschlossenheit und Tatkraft aus. Ohne einen Befehl abzuwarten, kam Schladen mit den unter seinem Kommando stehenden Truppen dem Regiment Nr. 18 Prinz von Preußen schnell und unerwartet zu Hilfe. Durch sein beherztes Eingreifen gefährdete Schladen die österreichische Rückzugslinie und die Österreicher wichen deshalb vorsichtshalber zurück. Major von Schladen bekam für seine rettende Tat von Friedrich II. den Orden Pour le mérite.
Von 1781 bis 1784 wurde Vater Schladen die Aufsicht über die »Preußische Werbung«, die Rekrutierung neuer Soldaten im Reich, übertragen. Die ganze Familie siedelte deshalb für drei Jahre nach Nürnberg über.
Langfristig hatte sich die Familie auf dem Lande niederlassen wollen. Vom Geld der Großmutter war 1775 in der Oberlausitz das Gut Saalgast gekauft worden. Dieses wurde einige Jahre später abgestoßen und dafür das kleinere Gut Zinnitz erworben, ebenfalls in der Oberlausitz gelegen. Ob Vater Schladen ein guter Landwirt war? Er baute ein bescheidenes Herrenhaus und machte Land urbar. Für die Urbarmachung von 15 bis 20 Morgen auf der Feldmark zahlte er den Lohn in Gold aus. Ein Chronist hielt später fest:
»[…] daher dieser Acker noch heute Goldacker genannt wird, wiewohl er seiner natürlichen Beschaffenheit nach diesen kostbaren Namen nicht verdient.«16
1785 aber traf die glückliche Schladen’sche Familie ein herber Schicksalsschlag. Am 16. Juni starb die Mutter in Berlin im Wochenbett, nur wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter Luise. Das kleine Mädchen konnte überleben, nicht zuletzt dank der Fürsorge von Großmutter Catharine de Milsonneau, die den Haushalt ihres Schwiegersohnes mit den sechs unmündigen Enkelkindern (Hans war bereits im Alter von knapp zwei Jahren gestorben) weiterführte. Das kleine Gut in der Oberlausitz wurde wieder verkauft.
Mächtig stolz dürfte Leopold gewesen sein, als seinem Vater am 9. September 1786 die besondere Ehre zuteil wurde, den Sarg des Preußenkönigs Friedrich II. mit in die Gruft zu tragen.17
Der Nachfolger auf Preußens Thron, Friedrich Wilhelm II., übertrug 1792 Vater Schladen das Infanterieregiment Nr. 41 sowie die Aufsicht über das Lazarettwesen der Armee. 1798 wurde K. F. G. Freiherr von Schladen von Friedrich Wilhelm III. zum Königlich Preußischen Generallieutenant ernannt.18
Leopold dürfte den größten Teil seiner Kindheit in Berlin verbracht haben, denn alle seine Geschwister wurden hier geboren. Seine erste Schulausbildung erhielt er am Französischen Gymnasium zu Berlin.
Die Schülerlisten der Ritterakademie zu Brandenburg19 tragen die Namen seiner jüngeren Brüder (1788 aufgenommen, 11- bzw. 13-jährig), Leopolds Name fehlt. Offensichtlich strebte Leopold, der Erstgeborene, schon früh eine Laufbahn bei Hofe an.
Am 5. April 1787 schrieb sich Leopold, noch nicht ganz 15-jährig, zusammen mit seinem Freund August Graf von Lehndorff-Bandels an der Universität Erlangen ein.20 Er studierte Rechts- und Staatswissenschaften sowie Kameralistik21. 1789 trennten sich die Wege der Freunde. Während Graf von Lehndorff nach Jena wechselte, immatrikulierte sich Leopold am
10. Oktober an der Universität Göttingen.22
Göttingen lag im damaligen Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, umgangssprachlich auch Kurfürstentum Hannover oder kurz Kurhannover genannt. Dieses Kurfürstentum war mit dem englischen Königshaus eng verbunden. Nach dem Tode der ohne Nachkommen gebliebenen Königin Anne Stuart von Großbritannien fiel die britische Krone 1714 gemäß dem Settlement Act von 1701 an den nächsten protestantischen Verwandten, und das war der Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg.23
Die Universität Göttingen hatte einen guten Ruf und auch eine besondere Anziehungskraft. Dort hatten auch drei königliche Prinzen aus Großbritannien ihr Studium aufgenommen:
Prinz Ernst August (1771 – 1851), Herzog von Cumberland,
(späterer König Ernst August I. von Hannover)
Prinz August Friedrich (1773 – 1843), Herzog von Sussex
Prinz Adolf Friedrich (1774 – 1850), Herzog von Cambridge
Besonders geschätzt war die Juristische Fakultät mit den Professoren Böhmer und Pütter. Studiosus Schladen wohnte bei dem von ihm hochverehrten Geheimen Justizrat Georg Ludwig Böhmer, Ordinarius der Juristischen Fakultät. Man kann sich vorstellen, dass im Herbst 1789, nur wenige Wochen nach Ausbruch der Französischen Revolution, die Debatten in diesem Gelehrtenhaus recht lebhaft waren.
Etliche der damaligen Kommilitonen in Göttingen nahmen später nicht nur in der preußischen Regierung, sondern auch in anderen europäischen Regierungen hochrangige Stellungen ein und bestimmten zeitweise das politische und gesellschaftliche Leben in Europa mit.
Im gleichen Semester wie Schladen wechselte auch ein Kommilitone aus Erlangen namens Carl Ferdinand Nagler24 nach Göttingen. In einem Brief vom 24. April 1790 lässt dieser seinen Freund Carl Freiherr vom Stein zum Altenstein wissen:25
»Schladen lebt hier seinen Weg fort wie olim [einst], tut nichts, vergeudet viel, lernt wohl etwas mehr mundbeuteln, heut zu tag genug; dann er wird wohl eher als wir beide Herr Legationsrat heißen.«
Ende 1790, nach fünf Semestern an der Uni in Erlangen und zwei Semestern in Göttingen, kehrte der 18-jährige Leopold nach Berlin zurück.
Das Stadtbild Berlins hatte sich verwandelt. So gab es das Brandenburger Tor seiner Kindheit nicht mehr.
Abb. 6: Das alte Brandenburger Tor in Berlin wurde im Sommer 1788 abgerissen (Radierung von Daniel Chodowiecki, um 1764)
Die Erneuerung des Bauwerks diente zur innen- und außenpolitischen Herrschaftsrepräsentation. Mit der Gestaltung des Tores nach dem Vorbild der Propyläen der Akropolis in Athen verglich sich Friedrich Wilhelm II. mit Perikles und stellte sich als Herrscher dar, der Preußen ein goldenes Zeitalter bringen werde. »Friedenstor« war der für dieses Tor ursprünglich gewählte Name.26
Abb. 7: Das neue Brandenburger Tor wurde 1789 bis 1793 auf Anweisung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. nach Entwürfen von Carl Gotthard Langhans errichtet (Stich von Johann Carl Richter, um 1795)
Den 24. Dezember 1790 hat Leopold nie vergessen. In seinem Nachlass befindet sich ein Zettel, durch den sein Vater gebeten wurde, am Nachmittag des Heiligen Abends seinen Sohn Leopold zum leitenden Staatsminister Hertzberg zu schicken.27
Am 28. Dezember 1790 wurde der junge Schladen in die Ausbildungsstätte für den diplomatischen Dienst, die damalige Pépinière, in Berlin aufgenommen und zum Legationsrat ernannt.28 Am 7. Januar 1791 legte er bei Graf von Finckenstein in der Kabinettskonferenz den Eid ab.
Leopold von Schladen wohnte damals in der Mohrenstraße am Wilhelmsplatz, ganz in der Nähe der Geheimen Staatskanzlei. Seit Friedrich I. erhielten die jungen Männer, die für Gesandtschaften bestimmt waren, Zutritt zum Archiv. Sie sollten sich durch Aktenstudium auf ihre Entsendung vorbereiten können. Schladen bemühte sich, das in ihn gesetzte Vertrauen nicht zu enttäuschen. Sein fleißiges Aktenstudium gefiel seinem direkten Vorgesetzten Graf Schulenburg-Kehnert, dieser versicherte ihm in einem Brief:29
»Mit vielem Vergnügen beeile ich mich, Ihnen meine vollkommene Zufriedenheit zu bezeugen, die ich beim Lesen der Fortsetzung Ihres historischen Auszuges empfunden habe.
Ich kann Sie nur ermuntern, Ihre ausgezeichneten Talente zu üben, und ersuche Sie zu glauben, dass jede Gelegenheit mir schätzbar sein wird, Ihre Bemühungen anzuerkennen und zu belohnen.«
Viel ist aus Schladens frühen Jahren nicht bekannt. Lediglich, dass er sich schon damals mit dem jungen dänischen Gesandten in Berlin, Christian Graf von Bernstorff, angefreundet hat.
Anfang 1791 hatte sich in Berlin eine osmanische Delegation angesagt, die bei der breiten Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erregte.30 Auch die jungen Diplomaten werden dies seltene Ereignis genauestens verfolgt haben.
Ob der angehende Diplomat Leopold von Schladen damals davon geträumt hat, eines fernen Tages preußischer Gesandter an der Hohen Pforte in Konstantinopel zu werden?
Am 24. Dezember 1793 fanden in Berlin glanzvolle Hochzeitsfeierlichkeiten statt. Der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm vermählte sich mit Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz, zwei Tage danach heiratete sein Bruder Ludwig Prinzessin Friederike, die Schwester von Luise.
Nur wenige Wochen später, am 5. Februar 1794, wurde Leopold Freiherr von Schladen zum Königlich Preußischen Kammerherrn ernannt.31 Mit seinen 21 Jahren gehörte Leopold nun zum preußischen Hofstaat. Man kann wohl davon ausgehen, dass der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm III. seinen fast gleichaltrigen Kammerherrn Leopold von Schladen in diesen Tagen näher kennengelernt hat.
Abb. 8: König Friedrich Wilhelm III. von Preußen mit Königin Luise im Park von Schloss Charlottenburg (Ölgemälde von Friedrich Georg Weitsch, um 1799)
Am 26. Mai 1794 trat Leopold eine längere Reise an. Sie führte ihn zunächst ins preußische Hauptquartier an den Rhein, wo sein Vater als Generalmajor eine Infanteriebrigade befehligte. Österreich und Preußen, später noch weitere europäische Staaten, versuchten, die Französische Revolution und deren Auswirkungen einzudämmen.32 Hier einige Auszüge aus Schladens Reisejournal:33
»Von Mainz fuhr ich am 15. Juli das linke Rheinufer aufwärts nach Oppenheim, fand die Gegend malerisch schön; […] Ohne länger mich hier aufzuhalten, als zum Wechseln der Pferde erforderlich war, reiste ich weiter nach dem 5 Stunden von Oppenheim entfernten Worms. Ich begegnete auf dem Wege Tausenden von Einwohnern der Unterpfalz, die alle mit Habe und Gut flüchteten, weil sie das weitere Vordringen der Franzosen fürchteten.
In Worms selbst fand ich die Preußische Bäckerei, ein ansehnliches Magazin, und das Lazarett, im Begriff auf das Schnellste über den Rhein oder weiter rheinabwärts nach Oppenheim und Mainz eingeschifft zu werden, weil wegen des starken Überhandnehmens der Franzosen und wegen der eben verlorenen Stellung auf dem Schäntzel bei St. Martin das Zurückdrängen des Generallieutenants von Kleist die Verbindung mit dem Hauptcorps des Feldmarschalls von Möllendorf unterbrochen hatte, und die Franzosen sich mehr dem Rheine zu nähern schienen. Außer einigen Straßen von Worms und dem dortigen Marktplatz, wo eben ein Französischer General, von den Preußen gefangen, eingeführt wurde und eine vom General Blücher erbeutete Französische Kanone sich befand, hatte ich nicht Muse, in diesem unruhigen Augenblicke mehr zu sehen.
Ich ließ mangels an Pferden und auch aus Besorgnis, möglicherweise den Feinden in die Hände zu fallen, meinen Wagen nebst Bedienten und Gepäck in Worms stehen, und gab Befehl, sogleich, wenn es nötig wäre, über den Rhein zu gehen, und ritt selbst in Begleitung eines Preußischen Regiments-Quartiermeisters ohne alles Gepäck fort, um das Hauptquartier des Prinzen von Hohenlohe aufzusuchen, das, wie uns eben am 16. Juli ankommende Verwundete, denen wir zu Hunderten begegneten, sagten, zu Harksheim, vier Stunden von Worms, stand, und wohin wir auch nach einigen Stunden vergeblichen Umherirrens gelangten, nachdem wir an mehreren Orten es brennen sahen, weil die Franzosen bei ihrem Einzuge alle herrschaftlichen Schlösser angezündet hatten.
Ich fand meinen guten Vater, der in 4 Nächten kein Bett gesehen hatte, weil er unaufhörlich mit seiner Brigade auf dem Marsche gewesen war, schlafend, befahl ihn ruhig liegen zu lassen und nichts von meiner Ankunft ihm zu sagen, und eilte zu meinem Bruder, den ich einige Schritte davon entfernt, in einer elenden Bauernhütte, aber doch gesund und vergnügt antraf. Seine Freude, wie die meinige und später den Empfang meines teuren Vaters kann man sich wohl denken. Ich fand letztern wirklich nicht so sehr verändert, als ich es besorgt hatte, obgleich er etwas alt geworden war, da sowohl die stets fortdauernden Strapazen und Beschwerden, als eine durch Erkältung und häufigen Wechsel des Wassers entstandene Unpässlichkeit den allergesundesten und kräftigsten Mann angreifen müssen.
Abb. 9: Louis Ferdinand Prinz von Preußen (1772 – 1806), Porträt von Jean-Laurent Mosnier, 1799
Ich wurde nun zu meinem Bruder campiert, mit welchem ich seitdem immer die ihm angewiesenen Wohnungen teilte, und nachdem ich Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Louis Ferdinand von Preußen die für ihn bestimmten Briefe überbracht hatte und bis gegen 11 Uhr abends bei ihm geblieben war, eilte ich in meine Wohnung zurück, um mich ein Stündchen auf einem Bunde Stroh, und in meinen Mantel gehüllt, auszuruhen, da um 12 Uhr nachts die Fourierschützen schon wieder aufbrechen sollten, denen um 3 Uhr morgens das ganze Corps folgte.
Dies war am 17. Juli 1794. Das Corps rückte ins Lager bei Heppenheim a. d. Wiese, einem Dorfe, bei dem auf der Höhe eine Mühle steht. Das Hauptquartier blieb in dem Dorfe Heppenheim, zwei Stunden vor Worms. Ich hatte den ganzen Marsch zu Pferde an der Seite meines Vaters mitgemacht, der als ältester General, nach dem Erbprinzen von Hohenlohe, die Truppen anzuführen pflegte, und da sein General-Adjutant, der Lieutenant Pestel, krank zu Worms lag, so bekam ich indessen an seiner Stelle die General-Adjutanten-Wohnung, in der ich mit meinem Bruder hauste.
Wir blieben hier am 18. Juli stehen, obgleich bei Frankenthal und in der Gegend von Mannheim stark geschossen wurde. Am 18. abends rückte die Bagage nach Pfeddersheim, und am 19. Juli morgens 3 Uhr brach das Corps in 3 Colonnen auf und ging in das Lager bei dem erwähnten Orte, wo das Hauptquartier blieb. Ich wohnte nebst meinem Vater und Bruder in der Wohnung des dortigen Einnehmers, der aber mit allen seinen Habseligkeiten entflohen war und nichts als die nackten Wände zurückgelassen hatte, da er als herrschaftlicher Zoll-Einnehmer vorzüglich die Wut der Franzosen fürchtete. – Die Aufsicht über sein Haus hatte er in seiner Abwesenheit seinem Schwager, einem evangelischen Candidaten, anvertraut, der zuweilen hinkam, um sich dort umzusehen. Es war dies ein recht artiger junger Mann, mit dem ich mich einige Male unterhielt und der sehr über die Bedrückungen der Protestanten in der Pfalz klagte, da alle herrschaftlichen Ämter von Katholiken besetzt wären, und diese bei jeder Gelegenheit vorgezogen würden, obgleich der Westfälische Friede die Rechte der Protestanten so ausdrücklich bestimmt und bestätigt habe.
Ich fragte, ob denn nie von Seiten der reformierten und lutherischen Untertanen Klagen dagegen erhoben wären, und erhielt zur Antwort, dass zwar unaufhörlich darüber Klagen beim Reichs-Kammergerichte erhoben worden seien, auch unzählige Deductionen zum Vorteil der Protestanten erschienen wäre, jedoch bliebe es immer beim Alten.
Den 20. Juli morgens kam der Feldmarschall von Möllendorf zum Besuch beim Erbprinzen von Hohenlohe-Ingelfingen, der einen Anfall von der Ruhr hatte, und Krusemark, der Adjutant des Feldmarschalls, der meinen Vater besuchte, ward durch meinen Anblick sehr überrascht.
Am 21. Juli um 6 Uhr morgens kamen die Franzosen mit Cavallerie gegen den General von Wolfradt in die Gegend von Frankenthal gerückt. Der Erbprinz von Hohenlohe sandte den Prinzen Louis Ferdinand mit dem Regimente von Romberg aus dem Lager zur Unterstützung; aber ehe diese ankamen, war der Feind bereits zurückgegangen und die Husaren von Wolfradt machten einen französischen Officier nebst 8 Chasseurs à Cheval zu Gefangenen, die sie nachmittags im Hauptquartier ablieferten. Von allen diesen Menschen war auch nicht einer unverwundet; die meisten hatten Hiebe im Gesicht und der gefangene Officier ein schwarzes Pflaster auf der Nase. […]
Am 24. Juli blieb alles ruhig stehen; am 25. Juli ebenfalls. An eben diesem Tage wurde von den Vorposten ein als Bauer verkleideter französischer Lieutenant eingebracht, der sehr verdächtig war, spionieren zu wollen, da er seine vollständige Uniform in einem Bündel bei sich trug. Dieser Mann wollte nicht das Geringste von der Stellung der Franzosen aussagen, und da man ihm versicherte, er werde, weil aller Anschein eine Absicht zu spionieren bei ihm vorhanden sei, nicht als Officier, sondern wie ein elender Schurke behandelt werden, erwiderte er ganz kurz: das müsse er sich gefallen lassen. –
An demselben Abend bekamen wir die Nachricht, dass der Adjutant meines Vaters, der Lieutenant von Pestel, der an der roten Ruhr krank in Mainz lag, dort an dieser Krankheit gestorben sei. Dies war für meinem Vater und Bruder, die beide den Verstorbenen in hohem Grade liebten, sehr schmerzhaft.
Am 26. Juli morgens ritt ich mit meinem Bruder und dem Hauptmann von Neitschütz, vom Regiment meines Vaters, ins Kaiserliche Lager, welches eine Stunde vom Hohenlohe’schen Corps entfernt nahe am Rhein hinter Rhein-Türkheim stand, weil ich gern die Österreichischen Truppen kennenlernen wollte. Wie wir an die Rhein-Türkheimer Furth kamen, fanden wir dort eine Feldwacht von 150 Mann nebst einem Rittmeister von dem Ungarischen Husaren-Regimente des Baron Veckzay, welches sehr schön aussah, von denen aber die meisten als Ungarn kein Wort deutsch sprachen. Sie trugen grüne Pelze mit Silber, und hatten himmelblaue Pelzmützen, woran ein grüner Sammetschirm ihnen vor den Augen hing. Die Officiere kamen sogleich an uns heran und waren sehr höflich, sprachen aber äußerst gebrochen deutsch.
Auch fanden wir hier einige Leute von dem Giulayschen Freicorps, das aber wegen seiner Haltung und Mannszucht nicht im besten Rufe steht, und ganz braun mit schwarzen Mützen und langen Hosen gekleidet ist, auch zu Fuß dient. Im Lager standen die Dragoner von Waldeck, die Husaren von Veckzay, die Grenadiere von Pallegriny und die Infanterie-Regimenter Devrui und Laszy, welches letztere das einzige Kaiserliche Regiment sein soll, das hohe Mützen trägt. […]
Am 27. Juli nachmittags erhielt mein Vater einen Besuch des Obersten von Block, den ich sehr gealtert fand, wozu wohl der neulich erlittene schlagflussähnliche Anfall viel beigetragen haben mag. Als er zum Corps des Feldmarschalls von Möllendorf, bei welchem er steht, zurückritt, begleitete ich ihn mit meinem Bruder einen Teil des Weges zu Pferde. […]
Den folgenden Tag, am 28. Juli, ritt ich ins Lager des Feldmarschalls zum Obersten von Block, und nachdem ich dort einige Stunden geblieben war, suchte ich das Regiment von Borstel-Cuirassier auf, welches ebenfalls nicht weit davon entfernt stand; weil ich dort den Lieutenant von Boyen zu sprechen wünschte, um ihn über den richtigen Empfang der für ihn mitgebrachten Briefe zu befragen; ich fand ihn aber nicht und musste unverrichteter Sache wieder heimkehren. […]
Am 7. August verließ ich das Corps des Erbprinzen von Hohenlohe, ritt über Worms nach Oppenheim, wo mein Wagen mich erwartete, und von wo ich die Reitpferde meines ehrwürdigen Vaters zurücksandte. Dort blieb ich die Nacht im Gasthofe zur Krone und am folgenden Tage, den 8. August, reiste ich nach Mainz, von dort nach Schwalbach, von welchem weiter ich mich zum Gebrauch der Bäder nach Schlangenbad begab.«
In Schlangenbad brachte Schladen sechs Wochen zu, anschließend reiste er zum regierenden Grafen von der Leyen nach Heusenstam. Bevor Leopold nach Berlin fuhr, besuchte er nochmals seinen Vater bei der Preußischen Armee und kehrte dann über Eisenach, Gotha, Weimar, Leipzig und Wittenberg nach Berlin zurück,
»wo ich am Schlusse des Monats (November) glücklich wieder eintraf, nachdem ich zu dieser ganzen Reise 6 Monate und 4 Tage gebraucht und laut der von mir genauen Berechnung 1411 Thaler und 7 Groschen ausgegeben hatte«.
Bei dieser Reise konnte der junge Mann unter Beweis stellen, dass er nicht nur über seine Ausgaben genau Buch führen konnte, er erneuerte bzw. vertiefte auch Kontakte zum preußischen Militär. Weshalb der junge Kammerherr sich sechs Wochen in Schlangenbad aufhielt, geht aus seinen Reisenotizen nicht hervor.
Zurück in Berlin erwartete Leopold eine faustdicke Überraschung. Die 26-jährige Maria Christina Stegemann, Tochter eines Schuhmachermeisters, hatte am 31. Oktober 1794 einem unehelichen Jungen das Leben geschenkt und ihn am 2. November auf den Namen Heinrich Friedrich Leopold taufen lassen. Im Taufregister hatte sie als Vater Heinrich Friedrich Leopold von Schladen, Legationsrat, eintragen lassen.34
Das Knäblein wurde nicht alt, schon wenige Wochen später, am 12. Dezember 1794, musste es zu Grabe getragen werden. Starke Krämpfe hatten seinem jungen Leben ein Ende gesetzt.
Im gleichen Monat verstarb Leopolds 18-jähriger Bruder Ferdinand.35 Leopold war tief betroffen, hatte er im Sommer doch noch so schöne Tage mit ihm verlebt. Im November hatte der besorgte Vater den plötzlich kränkelnden Ferdinand in Begleitung eines Freundes von Koblenz nach Berlin reisen lassen, er sollte sich in der Heimat auskurieren. Aber bis Berlin kam Ferdinand nicht mehr, unterwegs erlag er einer rätselhaften Krankheit.
Ein anderer Todesfall lenkte Leopolds weiteren Lebensweg nach Österreich.
Durch den Tod des Gesandtschaftssekretärs von Schack war an der preußischen Gesandtschaft in Wien eine begehrte Stelle frei geworden. Der preußische Gesandte, Marquis Lucchesini, ließ Leopold wissen:36
»Ich werde mir daher ein wahres Vergnügen daraus machen, Sie an den Arbeiten der Mission teilnehmen zu lassen, die Seine Majestät mir anvertraut hat, und Sie in die Gesellschaften Wiens einführen. Die ersteren werden Ihren Fähigkeiten und Ihrem Eifer Gegenstände der Belehrung darbieten, so wie die zweiten Ihnen Veranlassung zur Unterhaltung gewähren.«
König Friedrich Wilhelm II. entsandte den 22-jährigen Legationsrat Schladen als neuen Gesandtschaftskavalier an den Hof des deutschen Kaisers. Am 23. Februar 1795 traf er in Wien ein.37
Marquis Lucchesini38 führte Schladen in die glanzvolle, aber auch kostspielige diplomatische Welt Wiens ein. Das war ein Start, wie ihn sicherlich viele angehende Diplomaten sich gewünscht hätten.
Einige Briefe aus dem Jahr 1795 zwischen Marquis Lucchesini und dem Vater des jungen Diplomaten sind erhalten.39 Unter anderem erkundigte sich der besorgte Generalmajor beim preußischen Gesandten, ob sein Sohn überhaupt für die Diplomatenlaufbahn befähigt sei.40
»[…] dass Ew. Excellenz es mir verzeihen werden, wenn ich als ein für das Wohl seines Kindes besorgter Vater Sie gehorsamst ersuche, mir aufrichtig Ihr Urteil über meinen Sohn und seine Fähigkeiten sowohl, als wirklichen Kenntnisse zu dem Fache, welchem er sich gewidmet hat, zu sagen.
Ich war von Jugend auf Soldat, konnte also unmöglich ganz richtig über Dinge dieser Art urteilen; daher würde ich Ew. Excellenz außerordentlich verbunden sein, wenn Sie, ohne auf den Wunsch des Vaters, ein günstiges Urteil über seinen Sohn zu hören, ihn so beurteilen wollten, als wäre er Ihnen ganz fremd, und als wenn erst durch das Urteil Ew. Excellenz der Plan zu seiner künftigen Bestimmung gegründet werden sollte. Schmerzhaft würde es mir zwar sein, schmeichelhafte Ideen aufgeben zu müssen, aber noch viel unangenehmer, in meinem Sohne dem Königlichen Dienste ein unnützes Glied aufgebürdet zu haben.
Ebenso wage ich es, Ew. Excellenz zu bitten, wenn Sie nach genauer, unparteiischer Prüfung der Kenntnisse sowohl, als des Charakters und moralischen Betragens meines Sohnes, ihn Ihres Schutzes würdig finden, alsdann sich seines ferneren Fortkommens anzunehmen, das er gewiss am liebsten Ihren Händen zu danken haben wird. […]
Nach dem, was mir mein Sohn schreibt, ist der Aufenthalt in Wien sehr kostbar, und er beruft sich auf das Zeugnis Ew. Excellenz, dass er keine unnötigen Depensen mache. Hätte ich seinen Brief erhalten, so würde ich schon längst Anstalten getroffen haben, ihn mit Geld zu unterstützen; denn obgleich mir, wenn er z. B. spielte und unnötiger Verschwendung nachhinge, dies bei mehreren Kindern, für deren Fortkommen ich Sorge tragen muß, sehr unangenehm wäre, so bin ich doch im geringsten nicht gesonnen, ihn an dem Nötigen Mangel leiden zu lassen; da gewiss sein Aufenthalt in Wien unter den Augen Ew. Excellenz für ihn unendlich vorteilhaft ist.
Erlauben also Ew. Excellenz, dass ich ihn Ihrer väterlichen Sorgfalt empfehle, und seien Sie im voraus versichert, dass Alles, was Sie zu seinem Besten für gut finden werden, mir gewiss jeder Zeit angenehm sein wird.«
Marquis de Lucchesini beruhigte ihn:41
»Ihr Sohn besitzt alle die Eigenschaften, die für die Laufbahn erforderlich sind, der er sich gewidmet hat. Liebe zur Arbeit, richtiges Urteil, Leichtigkeit mit Geschmack sowohl Französisch als Deutsch zu schreiben, Kenntnis der laufenden Geschäfte, die er täglich zu vermehren sucht, viel Klugheit und Behutsamkeit im gesellschaftlichen Umgange, wo er geliebt und aufgesucht wird, sowohl wegen seiner Bescheidenheit als wegen der Eigenschaften, die er in der Gesellschaft entwickelt. […]
Was übrigens sein ökonomisches Verhalten betrifft, so kann ich nicht unterlassen, ihnen, mein Herr General, zu einem solchen Sohne Glück zu wünschen, da ich selbst Vater bin, so wünsche ich herzlich, dass meine Kinder eines Tages die weise Sparsamkeit des Freiherrn von Schladen nachahmen, der, seitdem ich ihn kenne, auch nicht eine Ausgabe gemacht hat, welche seine Stellung nicht unvermeidlich von ihm forderte, und auch nicht einen Augenblick es unterlassen hat, die Gelegenheiten zu vermeiden, die ihn hätten verleiten können, unnötige Ausgaben zu machen.«
Im Herbst 1795 fand in Austerlitz die Hochzeit von Marie-Eleonore Gräfin von Kaunitz-Riedberg, der Enkelin des ehemaligen österreichischen Staatskanzlers Fürst von Kaunitz-Riedberg, mit dem deutschen Grafen Clemens von Metternich statt. Es ist nicht auszuschließen, dass die fast gleichaltrigen jungen Diplomaten Metternich und Schladen sich schon damals näher kennengelernt haben.
Ans Heiraten wird der junge Schladen damals wohl noch nicht gedacht haben, auch wenn er dem schönen Geschlecht nicht abgeneigt war. Seine finanziellen Verhältnisse ließen dies nicht zu.
Schladen, Lutheraner, konnte beim sonntäglichen Kirchgang Kontakte zur protestantischen Gemeinde aufbauen. Im katholischen Wien hatte die kleine protestantische Gemeinde durch tatkräftige Unterstützung des Bankiers Johann Graf von Fries in der Dorotheenstraße eine lutherische Kirche und ein Gebetshaus für die hugenottische Gemeinde errichten können. Sicherlich war Schladen bei seinen sonntäglichen Ausflügen auch der schönen Gräfin von Schönfeld, geborene Gräfin von Fries begegnet, die mit dem kursächsischen Gesandten Hilmar Graf von Schönfeld verheiratet war.
Abb. 10: Ursula Victoire Gräfin von Schönfeld (1769 – 1805), geb. Gräfin von Fries, mit ihrer Tochter Henriette (1789 – 1850), spätere Gräfin von Schladen (Gemälde von Élisabeth Vigée-Lebrun, 1793)
Ursprünglich war Leopold von Schladen für den Gesandtschaftsposten in Stockholm vorgesehen gewesen und er hatte sich auch gewissenhaft mit der Politik der Nachbarländer Russland und Polen vertraut gemacht. In den ersten Tagen des Jahres 1796 hielt er mit Freude und Stolz seine Berufung zum preußischen Gesandten in der Hand,42 allerdings für einen anderen Bestimmungsort:
»Ich habe Sie zu meinem bevollmächtigten Gesandten an dem Hofe von Portugal an die Stelle des Grafen von Rohde ernannt, der in derselben Eigenschaft sich nach dem von Spanien begibt.
Ich zweifle nicht, dass Sie mit der schuldigen Dankbarkeit diesen Beweis meines Vertrauens empfangen und solchen mit dem Eifer und der Beharrlichkeit für Meinen Dienst erwidern werden, deren Erwartung meine Wahl auf Sie gerichtet hat.
Sie werden sich sobald als möglich hierher verfügen, um meine Instruktionen zu empfangen und sich meinen ferneren Befehlen gemäß in den Stand zu setzen, nach Ihrer Bestimmung abzugehen.
Berlin, den 1. Januar 1796
Friedrich Wilhelm
Finckenstein Alvensleben«
Am 25. Februar 1796 verließ Schladen Wien, um sich in Berlin auf seine neue Aufgabe vorzubereiten. Das kleine Land Portugal mit seinen reichen überseeischen Kolonien war für Preußen ein interessanter Handelspartner.
Schladen war nur ein Jahr in Wien. Er hatte aber seinen Aufenthalt zu nutzen gewusst und viele wertvolle Kontakte zur Wiener Gesellschaft geknüpft. Im Laufe seines Lebens kehrte er noch mehrfach dorthin zurück.
Marquis de Lucchesini stellte seinem jungen Legationssekretär ein gutes Zeugnis43 aus, wies aber darauf hin, dass Schladens finanzielle Lage wohl einen etwas weniger kostspieligen Posten empfehlen würde.
Der erste Koalitionskrieg, der die Auswirkungen der Französischen Revolution eindämmen sollte, hatte noch kein Ende gefunden. Zwar unterzeichneten Preußen und Frankreich am 5. April 1795 den Frieden von Basel, in dem das linke Rheinufer Frankreich zugestanden wurde. Aber Österreich und andere Koalitionspartner schlossen sich diesem Vertrag nicht an. Es fanden weiter Kampfhandlungen am Mittel- und Oberrhein statt. Gleichzeitig bedrängte die französische Italienarmee Österreich von Süden her.44
Ursprünglich sollte Schladens Reise über Italien gehen, die Heimat seines Mentors Lucchesini, aber dort wurde gekämpft. Nach Norditalien, damals österreichisches Gebiet, waren im März 1796 französische Truppen vorgedrungen und ein junger General namens Napoleon Bonaparte rief südlich der Alpen neue Staaten aus.
Preußen wartete zunächst die weitere politische Entwicklung ab. Gegen Ende des Jahres bekam Schladen die Erlaubnis, nach Portugal auszureisen. Er wählte eine nördlichere Reiseroute.
Abb. 11: Bonaparte auf der Brücke von Arcole (17. 11. 1796), Detail aus einem Gemälde von Antoine-Jean Gros, 1801
In seinem Reisejournal hat Leopold von Schladen eindrucksvoll festgehalten, mit welchen Widrigkeiten Reisende damals zu kämpfen hatten:45
»Den 3. Dezember 1796 morgens 5 Uhr entriss ich mich den Armen meines guten Vaters, meiner weinenden Schwester, verließ Preußisch-Minden und reiste mit festem Vorsatz ab, an demselben Abend noch bis Osnabrück, 7 Meilen davon entfernt, gelangen zu können.
Mein Vater hatte 6 seiner besten Pferde vor meinen Wagen gespannt, und 6 andere warteten in Oldendorf, einem Städtchen der Grafschaft Ravensberg, auf meine Ankunft, um mich von dort weiter bis Osnabrück zu bringen.
