Lewis Hamilton - Frank Worrall - E-Book

Lewis Hamilton E-Book

Frank Worrall

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Aktualisiert und überarbeitet: Die Biografie des Rekordweltmeisters Kein anderer Motorsportler hat je mehr Ehrungen einheimsen können: Lewis Hamilton wurde sieben Mal Weltmeister und zog so mit Michael Schumacher gleich; er fuhr die meisten Grand- Prix-Siege aller Zeiten ein und wurde 2020 in seiner britischen Heimat sogar zum Ritter geschlagen. Seit er sich 2008 mit gerade einmal 23 Jahren den ersten Weltmeistertitel erkämpfte, begeistert er mit seinem riskanten Fahrstil immer wieder die vielen Millionen Zuschauer, die seine Manöver bei den Formel-1-Übertragungen gebannt verfolgen. Doch wer ist Lewis Hamilton wirklich? Frank Worrall zeichnet ein packendes Porträt des weltberühmten Motorsportlers, der durch seine markigen Sprüche zwar oftmals für Empörung sorgt, aber gleichzeitig vegane Ernährung und Tierschutz propagiert. Während er auf der Rennstrecke Runde um Runde in atemberaubendem Tempo zurücklegt, spielt er in seiner Freizeit Klavier und Gitarre und engagiert sich bei Anti- Rassismus-Demonstrationen. Im Frühjahr 2024 beherrschte Hamilton erneut die Schlagzeilen, als er für das nächste Jahr den Wechsel von Mercedes zu Ferrari ankündigte. Alle Hintergründe dazu sowie zu den schwierigen Saisonen der Vorjahre finden sich in dieser aktualisierten Neuauflage. Ein wahrer Pageturner – aufregend wie ein Meisterschaftsrennen!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Frank Worall

LEWISHAMILTON

Die Biografie

Aus dem Englischen von Simone Blass

www.hannibal-verlag.de

Danksagung

Besonderer Dank gilt James Hodgkinson, Toby Buchan, Ruth Logan, Valentina Paulmichel, Ilaria Tarasconi und allen bei John Blake und Bonnier.

Ferner danke ich Dave Morgan, Chris Hockley, John Murray, Tim Poole, Darren und David Simpson, Rupert Morrall und Will Webb, Kevan Manwaring, Ben Felsenburg, Colin Forshaw, Ian Rondeau, Steven Gordon, Russel Forgham, Roy Stone, Lee Hassall, Danny Bottono, Mick Morris, Catherine Collin, Tom Henderson Smith, Sally und dem wunderbaren Team von St Julia’s Hospice in Hayle.

Und nicht zu vergessen: Frankie, Jude, Nat, Bob und Stephen, Mum und Dad.

Widmung

Für Angela, 1966 bis 2020. Du bist Celtic, United …

das beste Team, das ich je gesehen habe.

Der Autor

Der englische Sportjournalist Frank Worrall hat über 15 Bücher verfasst und gehört zu den renommiertesten Autoren im Sportbereich. Nach dem Literaturstudium arbeitete er für die Sunday Times, die Daily Mail und die Sun und konzentrierte sich danach auf seine populären Fachgebiete Motorsport, Fußball und Boxen.

Impressum

Aktualisierte und erweiterte Neuauflage 2025

© 2025 by Hannibal

Hannibal Verlag, ein Imprint der KOCH International GmbH,

Gewerbegebiet 2, A-6604 Höfen

www.hannibal-verlag.de

[email protected]

ISBN 978-3-85445-793-0

Auch als Paperback erhältlich mit der ISBN 978-3-85445-792-3

Titel der Originalausgabe: LEWIS HAMILTON – The definitive biography of the greatest racing driver of all time

© Text Frank Worrall 2007, 2009, 2015, 2016, 2018, 2021, 2025

Erweiterte und aktualisierte Version erstmals veröffentlicht in UK in 2025 von Blink Publishing, einem Imprint von Bonnier Books UK, 5th floor, HYLO, 103–105 Bunhill Row, London, EC1Y 8LZ

Im Eigentum von Bonnier Books, Sveavägen 56, Stockholm, Schweden

ISBN 978-1-78946-462-7

© Coverdesign englische/deutsche Version: Bonnier Books UK Art Dept./Thomas Auer

© Coverfoto: Image Press Agency/NurPhoto/Shutterstock

Grafischer Satz in deutscher Sprache: Thomas Auer

Übersetzung: Simone Blass (Kapitel 1 bis 28)

Andreas Schiffmann (Einleitung, Kapitel 29 und 30)

Deutsches Lektorat und Korrektorat: Dr. Matthias Auer

Hinweis für den Leser:

Kein Teil dieses Buchs darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, digitale Kopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet werden.

Der Autor hat sich mit größter Sorgfalt darum bemüht, nur zutreffende Informationen in dieses Buch aufzunehmen. Alle durch dieses Buch berührten Urheberrechte, sonstigen Schutzrechte und in diesem Buch erwähnten oder in Bezug genommenen Rechte hinsichtlich Eigennamen oder der Bezeichnung von Produkten und handelnden Personen stehen deren jeweiligen Inhabern zu.

Inhalt

Einleitung

Kapitel 1The Real Special One

Kapitel 2Roots, Rock, Reggae

Kapitel 3Der junge Wilde

Kapitel 4Ein Erfolgsrezept

Kapitel 5In Sennas Fussstapfen

Kapitel 6Big Ron, Teamchef

Kapitel 7Der Zauberer in Oz

Kapitel 8Rumble in the Jungle

Kapitel 9Der Junge, der die Formel 1 rettete

Kapitel 10Blechschaden in Monte Carlo

Kapitel 11Ein Hoch auf Kanada

Kapitel 12In Amerika wird ein Idol geboren

Bilderstrecke

Kapitel 13Der Rennfahrer

Kapitel 14Silberstreifen am Horizont

Kapitel 15Schumi und die britische Garde

Kapitel 16Die Fehde mit Alonso

Kapitel 17Kaltgestellt vom „Eismann“

Kapitel 18In letzter Sekunde

Kapitel 19Red Bull – die volle Ladung

Kapitel 20Licht am Ende des Tunnels

Kapitel 21Doppelt hält besser

Kapitel 22Nico ist nicht mein Freund

Kapitel 23Der dreifache Weltmeister

Kapitel 24Das Duell mit Vettel

Kapitel 25Gib mir fünf

Kapitel 26Im siebten Himmel

Kapitel 27Der Grösste aller Zeiten

Kapitel 28Wüstensturm

Kapitel 29Rot sehen

Kapitel 30Ferrari – Der Traum wird wahr

Das könnte Sie interessieren

Einleitung

In der Boxengasse war es kein Geheimnis, dass Lewis Hamilton immer davon geträumt hatte, zu Ferrari zu gehen. Er vergötterte das Team schon als Junge und erzählte Freunden, dies wäre der ideale Abschluss einer wunderbaren Formel-1-Karriere, in deren Verlauf er der größte Fahrer aller Zeiten würde. Allerdings hätten nur wenige Experten darauf gewettet, dass er 2025 zum „sich aufbäumenden Pferd“ wechseln würde. Schließlich hatte er im Sommer 2023 einen neuen Vertrag mit Mercedes unterschrieben, der ihn bis Ende 2025 band.

Als jedoch die Vorsaison-Tests Anfang 2024 in Bahrain begannen, kam heraus, dass Hamilton Mercedes tatsächlich verlassen und bereits Ende des Jahres bei Ferrari einsteigen würde. Die Nachricht machte weltweit Schlagzeilen – sowohl auf den Titelseiten als auch in den Sportteilen.

In diesem Buch erzählen wir, wie es zu dem Wechsel kam: die Einzelheiten und die nichtöffentlichen Machenschaften, die zum überraschendsten Wechsel in der Geschichte der Formel 1 führten. Und wie Lewis dachte, Ferrari würde ihm am ehesten zu seinem Ziel verhelfen, einen achten Weltmeistertitel zu holen, was immer unwahrscheinlicher wurde, weil Mercedes 2024 gegenüber Red Bull, McLaren und Ferrari an Boden verlor.

Außerdem blicken wir zurück auf Hamiltons außergewöhnlichen Aufstieg aus einer Sozialbausiedlung in England zu sagenhaftem Ruhm und Reichtum.

Am Sonntag, den 15. November 2020, schrieb er sich nach Michael Schumacher unwiderruflich in die Annalen der Formel 1 ein, indem er beim GP der Türkei seine siebte Weltmeisterschaft gewann. Der Brite hatte die Zahl der Rennsiege des Deutschen schon im Monat zuvor übertroffen. Schumacher hatte 91 Siege auf dem Konto, doch Mitte 2021 fehlte Hamilton nur noch ein Sieg, um die Hundert vollzumachen. Sein Triumph in der Türkei bedeutete zusammen mit jenen 99 GP-Siegen zuvor, dass er Michael als erfolgreichsten Rennfahrer aller Zeiten in den Schatten gestellt hatte.

Diesen siebten Titel fügte er stolz den sechs anderen hinzu, die er bereits in seinem Pokalschrank stehen hatte – denen von 2008, 2014, 2015, 2017, 2018 und 2019.

Sein Erfolg ließ sich außerdem daran messen, dass sein britischer Landsmann Sir Jackie Stewart vor ihm der größte britische Rennfahrer aller Zeiten war … mit drei Titeln.

Lewis hatte bewiesen, dass er der beste Fahrer des Planeten war. Der Junge aus bescheidenen Verhältnissen aus dem englischen Stevenage war nun ein weltbekannter Superstar und eine Ikone. Sein Gesicht zierte Zeitschriften und Plakatwände, die nichts mit Rennsport zu tun hatten, und er war ein gefragter Gast in Fernsehtalkshows auf dem ganzen Globus.Lewis Hamilton hatte sich zum ersten Prominenten-Phänomen der Formel 1 gemausert. Er war mehr als bloß ein Rennfahrer, viel mehr – doch Rennsport war das, womit er sich einen Namen gemacht hatte.

Der Weg zur Legende war nicht leicht gewesen. Er hatte während einer sechsjährigen Durststrecke zwischen seinem ersten und zweiten Titel unter Albträumen gelitten. Währenddessen überwarf sich Lewis mit seinem Vater Anthony (und versöhnte sich 2014 schließlich wieder mit ihm), musste seinen Mentor Ron Dennis bei McLaren ziehen lassen und verließ dann selbst den legendären Rennstall, der seit seiner Kindheit sein Zuhause gewesen war. Lewis Hamilton wechselte 2013 von McLaren zum aufstrebenden Team Mercedes – wo er ironischerweise Schumacher ersetzte – und erzielte einen Erfolg nach dem anderen.

Und zum krönenden Abschluss eines wunderbaren Jahres 2020 wurde er dann im Rahmen der Neujahrsehrungen der Queen zum Ritter geschlagen.

Von seinen Wurzeln in Grenada, seinem anspruchslosen Start ins Leben und den Jahren eiserner Entschlossenheit auf den hinteren Rängen des Rennsports über eine blendende Debütsaison in der Formel 1 und den ersten Weltmeistertitel 2008 bis zu seinen Auseinandersetzungen mit Max Verstappen und seinen Anfängen bei Ferrari 2025 – das ist Lewis’ Geschichte.

Frank Worrall, London, 2025

Kapitel 1 The Real Special One

Zunächst eine demütige Entschuldigung von mir (und Damon Hill) an die Adresse von Lewis Hamilton: Asche auf mein Haupt, ich war einer der vielen, die Damon im Januar 2007 zustimmten, als er sagte, dass Lewis wahrscheinlich eine halbe Saison bekommen werde, um sich zu beweisen. Auch dachte ich, ihm wäre vielleicht alles zu viel und er würde ohne Aufsehen beiseitegeschoben werden und vielleicht eingeschüchtert zurück in die GP2-Serie wechseln, bis er wirklich bereit für die große Herausforderung wäre, und ein erfahrenerer Fahrer würde Fernando Alonsos Angriff auf den sicherlich unvermeidlichen dritten WM-Titel zu parieren versuchen. Sorry, Lewis …

So kann man sich täuschen. Sogar der große Damon Hill hat sich geirrt, und wenn sich jemand mit Fahrern auskennt, dann er. Doch waren Anzeichen dafür, dass Lewis quasi ohne großes vorheriges Training ins kalte Wasser der Formel 1 geworfen wurde, mit Sicherheit da. Und die produzierten Fragezeichen. Für ihn sprachen andererseits jedoch die neunjährige Ausbildung bei McLaren, das für gewöhnlich unfehlbare Urteil des McLaren-Teamchefs „Big Ron“ Dennis und seine Leistungen und Ergebnisse der Saison davor in der GP2-Serie, als er auf den WM-Titel zu brauste.

Eines war dann aber schnell klar: Lewis Hamilton war kein „one-season wonder“. Der Junge war auf lange Sicht hier. Endlich gab es einen britischen Helden, den wir alle in den Himmel loben konnten.

Lewis Hamilton ist einzigartig: Er ist „The Real Special One“ und passt wunderbar in die Schuhe, die einst Chelseas und Man Uniteds ehemaligem Trainer José Mourinho vorbehalten waren.

Der junge Mann, der im Formel-1-Zirkus schnell als „Stevenage Rocket“ bekannt wurde, brach bald alle Rekorde, während er einen Sieg nach dem anderen einfuhr: der erste schwarze Formel-1-Pilot, der erste Rookie, der mehr als zwei Podestplätze in Folge erreichte, der erste schwarze Fahrer, der einen Formel-1-Grand-Prix gewann, einer von nur zwei Fahrern der gesamten Formel-1-Geschichte, die in ihrer ersten Meisterschaftssaison mehr als ein Rennen gewannen, der erste Fahrer, der in seiner Debütsaison mehrere Siege in Folge von der Pole Position erzielte, der jüngste Brite, der jemals einen Grand Prix gewonnen hat, der jüngste Fahrer, der je die Weltmeisterschaftswertung anführte … und natürlich der erste Rookie und schwarze Fahrer, der in seiner ersten Saison ein ernsthafter Anwärter auf den Titel war.

Wie diese Auflistung zeigt, war dies ein wirklich erstaunliches Debüt, das jedoch nur den Anfang vieler Erfolge markierte. Am Ende der Saison war Lewis Hamilton der Favorit für die begehrte BBC-Auszeichnung „Sportler des Jahres“ im Dezember 2007 – tatsächlich aber hatte sich Buchmacher Paddy Power fünf Monate davor im Juli noch geweigert, weitere Wetten auf Lewis anzunehmen.

Lewis war es zu verdanken, dass dies auch eine Saison war, die das Gesicht der Formel 1 für immer veränderte und ein größeres, vielfältigeres Publikum anlockte. Der Motorsport wandelte sich von einem eher langweiligen Fansport zu einem aufregenden Sportevent, das nicht nur eingefleischte Fans, sondern uns alle in seinen Bann zog, als es sich seinem spannenden Finale näherte.

Lewis war völlig erstaunt darüber, dass er als relativ Unbekannter quasi über Nacht zu einer weltweiten Berühmtheit wurde. Er sagte damals: „Es ist unglaublich, ich habe diese Woche Briefe von Kindern bekommen, die mir schrieben, dass sie jetzt auch Rennfahrer werden wollten. Ich war einmal genau so ein Junge, und jetzt versuche ich einfach, ein gutes Vorbild zu sein. Der Ruhm kam völlig überraschend, aber langsam beginne ich, die Wichtigkeit meines Tuns zu erkennen.“

Der Formel-1-Experte und Sun-Mitarbeiter Chris Hockley war ebenfalls verblüfft darüber, wie Lewis die Demografie dieses Sports veränderte. Er sagte mir, es habe einen unglaublich schnellen Aufschwung gegeben: „Ja, sein kometenhafter Aufstieg hat die britischen Einschaltquoten bei Grand-Prix-Übertragungen um sagenhafte 50 Prozent erhöht. Und die Begeisterung für die Formel 1 steigt auf der ganzen Welt – selbst in der Stockcar-Domäne Amerika kam man nicht umhin, aufmerksam zu werden, als dieses aufstrebende Rookie-Kind den amtierenden Weltmeister besiegte und den Großen Preis der USA gewann. Es ist ein Märchen, das auf der ganzen Welt gefeiert wird. Und plötzlich hat jeder – von der Bardame bis zum Pfarrer, vom Zeitungsausträger bis zum Wirtschaftsboss – eine Meinung zu Lewis und fragt nach seinen Fortschritten. Die Formel 1 ist nicht mehr nur Besserwissern, Autofanatikern und Technik-Junkies vorbehalten, die beim Anblick eines Frontspoilers, dessen Anpressdruck von Ferrari-Ingenieuren um 0,63 Prozent verbessert wurde, zu sabbern beginnen. Jetzt tummeln sich Frauen vor dem Fernseher, die schon vor Jahrzehnten aufgegeben haben, die seltsame Besessenheit ihrer Männer verstehen zu wollen, ‚Autos dabei zu verfolgen, im Kreis zu fahren‘, und fragen: ‚Was macht Lewis?‘ Es wird sicherlich nicht mehr lange dauern, bis die Verkehrspolizisten die zu schnell fahrenden Autofahrer fragen: ‚Wer glaubst du denn, dass du bist? Lewis Hamilton?‘“

Lewis Hamilton sorgte 2007 sicherlich für frischen Wind – einige gingen sogar so weit zu behaupten, er sei der Retter einer Formel 1, die an Attraktivität und Spannung verloren hatte. Seine Geschichte könnte direkt aus einem Hollywood-Drehbuch stammen, aber das Schöne daran ist, dass sie real ist, und das Tolle an Lewis ist, dass er in einem Sport voller Charaktere, die normalerweise genau das Gegenteil sind, so bodenständig wirkt. In einem Sport, der vom großen Geld und großen Stars dominiert wird, war er nach nur einer Saison aufgrund seines außergewöhnlichen Talents, seiner Fähigkeiten und seines völligen Mangels an Arroganz der größte Star von allen. Auch schien er aus dem Nichts zu kommen, aber natürlich sind hinter der glamourösen Geschichte eines Jungen, der geboren wurde, um der König der Formel 1 zu werden, viele Jahre voll harter Arbeit und wilder Entschlossenheit verborgen.

Ich fragte einmal ein Mitglied der McLaren-Crew, ob sie deshalb so hinter ihrem neuen Jungen stünden. Unter der Bedingung, anonym zu bleiben, verriet er mir, dass dies sicherlich einer der Gründe sei, und gab mir gleichzeitig zu verstehen, was die Crew von der Fehde zwischen Lewis und seinem Teamkollegen Fernando Alonso hielt, die während seines Debüts immer wieder aufflammte: „Die Sache ist die, dass durch die Presse ging, dass Alonso behaupte, wir bevorzugten Lewis, weil er Brite sei … aber das ist Quatsch. Wir sitzen alle im selben Boot; wir sind alle McLaren. Big Ron [Ron Dennis] wollte all das nicht in seinem Team haben – wenn es etwas gab, dann dies, dass Lewis als Neuling das langsamere Auto bekam. Aber Lewis ist ein besonderes Talent – er arbeitet härter als die meisten erfahrenen Fahrer und hat den Hauch von Magie, den die meisten nicht haben. Ich beobachte ihn im Training, und es erinnert mich daran, warum ich überhaupt Teil der Formel 1 sein wollte. Die meiste Zeit kommt es einem so vor, als würde Alonso toben, als würde er mit aller Macht an seinem Titel festhalten, aber Lewis schlug ihn oft scheinbar mühelos – und sieht dabei aus, als hätte er keinen Tropfen Schweiß vergossen, immer freundlich, und die Menge liebt ihn dafür. Alonso ist ein großartiger Fahrer, ein großartiger Champion und trotz allem ein netter Kerl, aber Lewis ist etwas Besonderes. Vergiss die Sache mit dem ersten schwarzen Fahrer und das alles – er hat unabhängig davon das Zeug dazu, der beste Fahrer seiner Generation zu werden. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass ich hier dabei sein darf, um das zu erleben, und ja, sogar Big Ron hat momentan einen federnden Gang.“

Den hatte er tatsächlich. Es gab sogar Anzeichen dafür, dass der Aufstieg des jungen Stars aus seinem Stall, ähnlich wie bei Fußballmanager Sir Alex Ferguson, den alten Mann des Motorsports wiederbelebt und ihn gezwungen hat, alle Pläne für einen vorzeitigen Ruhestand zu verwerfen. Als Lewis seinen ersten Grand Prix gewann, hatte der große Mann Tränen in den Augen, obwohl er später behauptete, dass es der Champagner gewesen sei, der sie ihm in die Augen trieb! Auch stimmt es, dass Dennis’ Frau Lisa eine Schwäche für Lewis hat. Es heißt, sie hätte laut gejubelt, als er Alonsos Rundenzeit in den Schatten stellte und für Montreal seine erste Pole Position (mit 1:15,707 im Vergleich zu den 1:16,163 des Spaniers) erzielte.

Und in einem weiteren ergreifenden Moment, so wurde mir berichtet, sei Big Ron in einen Privatraum geeilt, nachdem Lewis Ende Juli 2007 während des Trainings auf dem Nürburgring einen Unfall hatte. Ein Servicemitarbeiter von McLaren erzählte mir, dass man habe sehen können, wie Ron seine Hände vors Gesicht schlug. Es liefen ihm Tränen übers Gesicht, als Lewis mit Sauerstoffmaske und Tropf im Arm hastig von der Rennstrecke ins Krankenhaus gebracht wurde.

Lewis Hamilton ist der Sohn eines ehemaligen britischen Eisenbahnarbeiters. Die Familie seines Vaters Anthony stammt von der Karibikinsel Grenada, und er ist der erste Formel-1-Pilot afro-karibischer Herkunft. Anthony knauserte und sparte, einmal übernahm er sogar drei Jobs, um seinem Sohn eine Chance im Rennzirkus geben zu können. Lewis hatte in seinem Vater einen großen Unterstützer. Er würdigte ihn später, als er sagte: „Ich hatte das unglaubliche Glück, die Unterstützung meines Vaters zu bekommen, weil ich mich an keinen der anderen Konkurrenten [in den frühen Kart-Tagen] erinnere, der denselben Hintergrund wie wir hatte – ihre Eltern waren alle reich. Ich weiß, dass ich in meiner Karriere mit Rückschlägen rechnen muss, aber wenn es so einfach wäre, Meisterschaften zu gewinnen, würde es jeder tun. Das ist meine Meinung. Ich denke, diese Einstellung beruht auf der Tatsache, dass ich seit meinem neunten oder zehnten Lebensjahr jedes Wochenende auf einer Rennstrecke verbracht habe, deshalb war ich nie mit Freunden unterwegs, um irgendwas anzustellen. Ich war mit Papa zusammen, er war mein bester Freund. Wenn du mit Erwachsenen zusammen bist und dazugehören willst, musst du schneller lernen als andere Jugendliche. Und obwohl ich es vermutlich verpasst habe, mit den anderen in der Schule Blödsinn zu machen, wurde mir schnell klar, dass ich alle Spielsachen haben kann, die ich will, wenn ich weiter bei McLaren arbeite und gewinne.“

Es war diese Art der Tunnelblick-Entschlossenheit, die Lewis ab seinem sechsten Lebensjahr auf den Weg zum Erfolg brachte, als er sich zum ersten Mal im Kartsport hervortat. Dieses Talent wiederum sollte zu einem lebensverändernden Nebeneffekt führen: dem mittlerweile legendären Treffen mit Ron Dennis als naiver Junge im Jahr 1995. Ohne an seinem eigenen Talent zu zweifeln und ohne zu zögern, bat er um das Autogramm seines zukünftigen Arbeitgebers, während die anderen Jungen auf der Veranstaltung nervös danebenstanden. „Er blickte mir direkt ins Gesicht und informierte mich, wohin er in seinem Leben gehen würde“, erinnert sich Dennis. „Ohne den Augenkontakt zu unterbrechen, erzählte er mir, wie er sich seine Karriere vorstelle. Das hat mich verdammt beeindruckt.“

Dennis begann seine Karriere zu verfolgen und nahm ihn einige Jahre später in McLarens Förderprogramm für junge Fahrer auf. Er investierte in neun Jahren fünf Millionen Pfund in Lewis. Während dieser Zeit erlernte dieser sein Handwerk unter dem Meister; sein natürliches Talent wurde im Horizont eines ultimativen Ziels gefördert: ihn zum Weltmeister zu machen.

Er würde der Beste werden, wurde aber nie abgehoben, als sein Erfolg im Laufe der Jahre zunahm. „Selbstvertrauen ist oft mit Arroganz verbunden“, sagte Dennis, „aber Lewis zeigt keine Spur von Arroganz.“

Lewis bestätigte das später; er führte seinen Erfolg auf harte Arbeit und seinen Glauben zurück. Aus einer frommen katholischen Familie stammend, bekannte er: „Mein Glaube ist mir sehr wichtig. Ich bin sehr gläubig. Ich glaube wirklich, dass mein Talent von Gott gegeben ist und dass ich wahrhaft gesegnet bin. Ich denke, jeder Fahrer ist talentiert, aber einige von uns sind bereit, härter zu arbeiten, um das Beste aus unserem Talent herauszuholen. Einige besitzen zwar nicht das Talent eines Kimi Räikkönen [Ferraris Nummer eins und nach Alonso Lewis’ Hauptkonkurrent zu dieser Zeit], aber sie haben härter gearbeitet, um besser zu werden als er. Ich weiß nicht, ob ich mehr Talent als Fernando Alonso habe, aber ich weiß jedenfalls, dass ich sehr hart gearbeitet habe.“

Sein Einfluss auf die Formel 1 war augenblicklich äußerst bemerkenswert und führte zu Vergleichen mit Tiger Woods und seinem Erfolg im Golfsport. Wie Woods war Lewis artikuliert, sah gut aus und besaß ein ähnliches Talent. Zu den Vergleichen mit Tiger Woods hatte er Folgendes zu sagen: „Es ist natürlich schön, mit jemandem wie Tiger Woods verglichen zu werden, aber man darf nicht vergessen, dass ich nicht Tiger Woods bin; ich bin Lewis Hamilton, und das hier ist die Formel 1 – das ist nicht wie Golf. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Erfolg ähnliche Auswirkungen haben kann. Es wird gut für den Sport sein, wenn es so ist. Ich hoffe, ich kann hier meinen Auftrag erfüllen.“

Der Formel-1-Top-Journalist Rory Ross behauptete, Lewis habe weltweit einen viel größeren Einfluss gehabt, als er oder irgendjemand sonst gedacht hätte: „Seine Popularität hat sich wie die Morgensonne verbreitet. In Brasilien hat er Felipe Massa, den brasilianischen Ferrari-Fahrer, in den Schatten gestellt, besonders in den Favelas, wo sie Hamilton als ihresgleichen sehen, der es im Unterschied zu ihnen aber geschafft hat. In Spanien ist er populärer als Fer­nando Alonso, sehr zur Verärgerung des spanischen Weltmeisters.“

Und Kevin Eason von der Times kommentierte: „Bernie Ecclestone reibt sich vor Freude die Hände. Der Direktor des Formel-1-Zirkus steckte in einer Show fest, die immer mehr Fans verlor. Schumacher war zwar ein Seriensieger, aber außerhalb Deutschlands und Italiens, der Heimat des Ferrari-Teams, für das der ehemalige Champion fuhr, war er für Millionen Fans ein Abtörner. Hamilton dagegen ist der reinste Kassenschlager … und das Interesse kommt aus der ganzen Welt. Kamerateams aus Kolumbien und Russland stehen Schlange für Interviews.“

Im Gegensatz zu Tiger Woods sah sich Lewis Hamilton zahlreichen talentierten Rivalen gegenüber, gegen die er sich behaupten musste. Woods’ Aufstieg fand zu einer Zeit relativer Mittelmäßigkeit im Golf statt, aber Lewis musste Fahrer von großer Qualität und unerbittlicher Konsequenz, Gegner wie Teamkollegen gleichermaßen, besiegen. Dass er während der Saison 2007 dem zweifachen Weltmeister Alonso zuweilen fast die Zornestränen ins Gesicht trieb, war sicherlich ein Maßstab für sein Können und seine Reife.

Das Duell zwischen den beiden war ein weiterer Grund, warum die Massen damals begannen, sich für die Formel 1 zu interessieren; man wollte sehen, ob das junge Lamm mit der aggressiven Taktik seines älteren, scheinbar weniger abgebrühten Teamkollegen zurechtkam. Alonso war von Renault zu McLaren gewechselt und glaubte, sich damit einen Traum zu erfüllen: Er wollte schon immer ein Auto wie den McLaren-Mercedes MP4-22 fahren. Er glaubte, es sei seine Chance, um zu zeigen, wie gut er in diesem neuen Auto war, dass es sich bei ihm um einen Champion handelte, der es wirklich draufhätte, nach den von Michael Schumacher dominierten Jahren seine eigene Ära zu prägen.

Alonso wetterte gegen Lewis, als sich dessen bemerkenswerte Ergebnisse im Laufe der Saison abzeichneten. Er behauptete, er habe sich nie „ganz wohl gefühlt“, und fügte hinzu, dass er glaube, Lewis sei von McLaren als britischer Fahrer in einem britischen Team zu Unrecht bevorzugt worden. Und Alonso fügte hinzu: „Wir wussten, dass die gesamte Unterstützung nur ihm zuteilwerden würde.“ Der Spanier spielte das Opfer. Später würde er versuchen, Lewis zu verunsichern und sein Selbstvertrauen zu untergraben, indem er behauptete, sein Teamkollege habe nur „Glück gehabt“.

Ron Dennis wehrte Alonsos Anschuldigungen stets ab und sagte: „Es gibt einen gesunden Wettbewerb zwischen den Teams, die an jedem der Autos arbeiten, und ich kann nur immer wieder mit Nachdruck feststellen, dass beide Fahrer die gleiche Ausrüstung, Unterstützung und Gewinnchance haben.“ Er schien entschlossen zu sein, den Eindruck zu vermeiden, er würde seinen Schützling begünstigen – wie ein Vater, der seinen Sohn im Familienunternehmen anstellt und ihn absichtlich härter arbeiten lässt als den Rest der Belegschaft, um nicht in den Verdacht zu geraten, er würde seinen Sprössling bevorzugen. Manchmal schien es, als würde Lewis von dem Mann, der in der Boxengasse als sein Ersatzvater bekannt war, arg gebeutelt werden.

Bis zu einem gewissen Grad konnte man Big Rons Dilemma sehen. Er zahlte dem Weltmeister zehn Millionen Pfund pro Jahr und Lewis nur 340.000 Pfund. Er hatte in Alonso viel investiert und war deshalb sehr daran interessiert, ihn glücklich zu sehen. Ich bezweifle nicht, dass Dennis in der Theorie immer Alonso als Champion und Lewis als Zweiten sehen wollte.

Nach den ersten neun Rennen ergab sich jedoch ein anderes Bild. Nach Silverstone lag Alonso zwölf Punkte hinter Lewis und beschwerte sich in der spanischen Presse ständig darüber, wie übel man ihm mitspiele. Er war zu McLaren gewechselt und hatte erwartet, als Held behandelt zu werden, und gedacht, Lewis wäre die willige Nummer zwei nach dem lorbeerbekränzten Kämpfer, als den er sich sah, ein junger Welpe, dem er gelegentlich Ratschläge geben und beibringen konnte, fast so majestätisch zu fahren wie er selbst. Für einen Weltmeister mit fünf Jahren mehr Erfahrung in der Formel 1 war Alonso gegenüber Lewis allerdings manchmal unglaublich unsensibel, allzu ernst und wirkte viel zu grimmig. Die Öffentlichkeit tat sich schwer, Gefallen an ihm zu finden, und er schien zuzulassen, dass ihm dieser Jungspund den Rang ablief. Er verlor den alles entscheidenden psychologischen Kampf gegen einen Debütanten, und sein Verhalten war bestenfalls unreif, zuweilen unhöflich und unpassend für einen zweifachen Weltmeister.

Im Laufe der Saison wirkte Lewis beunruhigt und verwirrt über die Haltung des Spaniers ihm gegenüber. Er selbst war immer freundlich und nahbar und nahm sich Zeit für die Menschen, die am wichtigsten sind – die Fans. Ein weiblicher Formel-1-Fan, Allison Foster, sagte: „Die Art und Weise, wie Hamilton seine Fans behandelt, unterscheidet ihn von den meisten anderen Fahrern. Es ist großartig, einen Fahrer zu sehen, der die Unterstützung der Fans würdigt, und ich hoffe, er macht so weiter.“ Sie nannte den Namen eines britischen Fahrers, der angeblich weit weniger sympathisch war: „In seinem Heim-Grand-Prix ließ er die 20 Fans, die ein Autogramm wollten, wortlos stehen und verließ die Veranstaltung, ohne wertzuschätzen, dass sie seit drei Uhr morgens auf waren, nur um ihn zu unterstützen. Ich schätze, der Unterschied besteht darin, dass Lewis sich daran erinnert, wie es ist, ein Fan zu sein, der versucht, sein Idol ein wenig zu supporten.“

Sogar Formel-1-Legenden standen bereits Schlange, um dem jungen Mann Tribut zu zollen, der der größte Formel-1-Pilot aller Zeiten werden könnte. Als Lewis 2006 beim GP2-Rennen in Silverstone einen sensationellen Sieg errang, war Sir Stirling Moss sichtlich beeindruckt. Als seine Frau Suzy mit ihm zu einem wichtigen Termin wollte, zögerte Moss: „Nur einen Moment noch, Liebling. Ich muss Lewis gratulieren.“ David Coulthard, der anfänglich davor warnte zu glauben, Lewis könne so früh viel erreichen, äußerte: „Wie gut ist Lewis? Zweifellos ist der Junge etwas ganz Besonderes. Ich würde sagen, er ist eine Kombination aus Senna und Prost. Wir hatten Senna und Prost, Mansell und Piquet, dann Michael Schumacher. Jetzt sind wir gerade in die Lewis-Hamilton-Ära eingetreten.“ Und der dreifache Weltmeister Niki Lauda gab zu, angesichts von Lewis’ Erfolgen „fassungslos“ gewesen zu sein.

Der legendäre Formel-1-Kommentator Murray Walker stimmte mit seinem eigenen Lob ebenfalls ein und sagte, Lewis könne dem ständig wachsenden Hype leicht gerecht werden: „Ich bin davon überzeugt, dass Lewis Hamilton auf dem Weg ist, der größte Fahrer aller Zeiten zu werden … Es gibt nicht genug Superlative für das, was er Rennen für Rennen abliefert … Das ist beispiellos in der Geschichte der Formel 1. Ich verfolge die Formel 1 seit der ersten Stunde, und so etwas habe ich noch nicht gesehen; das ist unglaublich. Es ist mehr als plausibel, dass er die Meisterschaft dieses Jahr gewinnt, was wirklich unfassbar wäre.“

Zwangsläufig gab es natürlich auch Beobachter, die anders dachten, und, vielleicht nicht überraschend, waren auch einige unter ihnen, die einst selbst Helden gewesen waren. Männer, die den jungen Mann, der alles so einfach erscheinen ließ, jetzt vielleicht ungläubig beäugten. Nigel Mansell war einer der Ersten – obwohl man fairerweise sagen muss, dass er Lewis’ Leistungen im Laufe der Saison würdigte. Der Champion von 1992 sagte: „Wir mussten Rennen gewinnen und um Meisterschaften kämpfen, bevor wir die Belohnungen einstrichen. Jetzt scheinen sie die Belohnungen zu bekommen, schon bevor sie etwas erreicht haben … Ihr [McLarens] Erfolg war längst überfällig. Timing ist alles. Wenn ein Fahrer mit einem Team und einem Motor klarkommt, macht es einen Unterschied. Ohne ihm gegenüber respektlos zu sein … Ich denke, es wurde generalsstabsmäßig geplant, mein Weg war viel schwieriger.“

Auch Eddie Jordan gab ein wenig den Spielverderber, als er fragte, ob Lewis die erforderliche Rücksichtslosigkeit besitze, um die Formel 1 anzuführen: „Lewis hat das Glück, ein gutes Team mit einer funktionierenden Struktur zu haben, die er wahrscheinlich nirgendwo anders bekommen hätte. Aber wenn er tun müsste, was Schumacher Villeneuve oder Hill angetan hat, könnte er es dann? Das musst du aber machen, um zu gewinnen. Das Gewinnen spielt sich im Kopf ab, und du musst um jeden Preis gewinnen. Jeder, der dir etwas anderes sagt, lügt oder hat nicht erreicht, wozu andere fähig sind. Er muss einen stahlharten Zug an sich haben, den wir bisher nicht gesehen haben, sonst wird Hamilton verdrängt. Er muss diese Arroganz besitzen, sonst wird er keinen Erfolg haben. Hat sie Alex Ferguson? Ja. Hat sie José Mourinho? Ja. Gewinner sind im Allgemeinen keine netten Leute. Sie versuchen, es zu sein, aber sie sind immens egoistisch, immens arrogant und glauben voll und ganz an ihre eigenen Fähigkeiten. Nichts anderes ist ihnen wichtig, wenn sie bei der Arbeit sind.“

Als Lewis von diesen Kommentaren erfuhr, zuckte er nur mit den Schultern. Das passte zu ihm: cool, locker, aber, wenn nötig, auch hartgesotten. Jordans Erwähnung des großen Schumachers war jedoch interessant. Sein Name und der von Ayrton Senna sollten immer wieder genannt werden, wenn sich das Gespräch Lewis’ Fahrstil zuwandte, und Lewis selbst würde später zugeben, dass sie seine Formel-1-Idole seien. Er bewunderte den Deutschen für seine Coolness, und als Junge hatte er geweint, als er von Sennas tragischem Tod hörte. Schumacher blieb während der Saison 2007 eine Art „Phantom der Oper“ in der Formel 1. Sein Name und sein Gesicht tauchten auch nach seinem Ausscheiden immer wieder in der Boxengasse auf – zweifellos ein Ergebnis seiner erstaunlichen Jahre des großen Erfolgs und der Dominanz. Und es schien mir, dass Lewis’ Fahrstil Elemente sowohl von ihm als auch von Senna aufwies: Die coole, maßvolle Herangehensweise von Schumacher vermischte sich mit der berauschenden Aggression und Risikobereitschaft des Brasilianers. Psychologisch gesehen ging Lewis ein Rennen mit Schumachers tödlichem Kalkül an, da er sich bewusst war, dass ein entscheidender Teil des Kampfes tatsächlich im Kopf stattfand, aber er war auch nicht abgeneigt, an seine Grenzen zu gehen und ein kalkuliertes Risiko im Stile Sennas einzugehen, wenn dies erforderlich war, um sich den Sieg zu sichern.

Ich habe Formel-1-Insider Darren Simpson zu dieser Einschätzung befragt. Er sagte mir: „Ja, Lewis ist ruhig, konsequent und fleißig, hat aber auch eine gewisse Überlegenheit an sich. Beispielsweise erlaubt es ihm seine Art, quasi auf Tuchfühlung mit der Streckenbegrenzung zu fahren und mit unglaublicher Geschwindigkeit aus der Kurve zu kommen. Und die Art von Taktik, die er beim Großen Preis der USA gegen seinen Teamkollegen Alonso einsetzte, als er ein defensives Überholmanöver von Mitte nach rechts und sofort wieder zurück zur Mitte hin einsetzte, mit dem er nur knapp einer Strafe entging! So nah an die Bande zu fahren ist eine atemberaubende Strategie, die sich auszahlt, aber wir müssen beten, dass er nicht eines Tages wie Senna in eine Mauer krachen wird. Für Schumacher war die Streckenbegrenzung in Form eines Reifenstapels nur einmal ein Problem, als er sich 1999 bei einem Crash in Silverstone das Bein brach. Der Rest der Zeit war seine rücksichtslose ‚Sieg um jeden Preis‘-Mentalität, die gelegentlich dazu führte, dass das Fahren in der Formel 1 zu einem Kontaktsport wurde, das eigentliche Problem. Fragen Sie Damon Hill! Es ist eine unausweichliche Tatsache: Hamilton fährt wie ein ‚Karter‘. Er liebt den Rand der Strecke, biegt spät in die Haarnadelkurve ein und nimmt den Scheitelpunkt spät. Tatsächlich spiegelt sein Fahrstil den von Schumacher zu Beginn seiner Karriere in Deutschland wider. Viele scharfe Kurveneinfahrten, viele blockierte Räder.“

Auf die Frage, welchem Fahrer aus der Vergangenheit er gern begegnen würde, antwortete Hamilton: „Juan Manuel Fangio, Alain Prost, Ayrton Senna und Michael Schumacher, weil ich schon immer gegen ihn antreten wollte.“ Dann scherzte er: „In dem Jahr, als ich anfing, stieg er aus – ich weiß nicht, ob ich etwas damit zu tun hatte!“

Im Oktober 2007 war sogar die Rede davon, dass der deutsche Superstar aus dem Ruhestand zurückkehren werde – so stark war die Anziehungskraft und Präsenz des „Neuen“ im Rennzirkus, der die Rolle als Superstar der Formel 1 vom Älteren so zwangsläufig übernommen hatte. Lewis’ Welt hatte sich dramatisch verändert: Er war jetzt tatsächlich ein Superstar, aber trotz Prominentenstatus blieb er ein normaler Junge. Sein Vater Anthony bekannte: „Lewis ist ein bodenständiger Kerl, und solange ich etwas mit ihm zu tun habe, wird er so bleiben.“ Aber nach dem ersten Podiumsplatz seines Sohnes in Australien meinte er auch, dass er nicht so naiv sei zu glauben, dass Lewis noch ein normales Leben führen, dass er die Straße entlanggehen könne, ohne erkannt zu werden. Anthony wusste, dass ihr Leben niemals mehr so sein würde wie zuvor: „Die Emotionen sind unglaublich – wir haben zehn Jahre gebraucht, um so weit zu kommen. Ich möchte nicht, dass Lewis den Fokus verliert. Wir sind normale Menschen, aber wir wissen, dass sich die Dinge ändern werden.“

Aber es gab damals auch noch einen weiteren Faktor, der Lewis auf dem Boden hielt – das lächelnde Gesicht seines fünfzehnjährigen Halbbruders Nicolas, der an Zerebralparese leidet, aber Lewis zusammen mit seinem Vater Anthony zu jedem Rennen begleitet. Die Jungs stehen sich sehr nahe, und Lewis meinte einmal: „Nicolas ist meine größte Inspiration. Ich sehe ihn an, und das gibt meinem Leben die richtige Perspektive. Er kommt zu all meinen Rennen, wir gehen sehr vertraut miteinander um – ich fahre für ihn. Er hält mich dort oben und motiviert mich. Ich wollte immer einen Bruder, und ich erinnere mich, als meine Eltern [er bezieht dabei immer auf seinen Vater und seine Stiefmutter Linda] mir zum ersten Mal sagten, dass sie einen Jungen bekommen würden, war ich sehr aufgeregt. Es ist ein ziemlich cooles Gefühl, jemanden aufwachsen zu sehen, die Schwierigkeiten und Probleme zu erkennen, die er hatte, die Erfahrungen, die er machte. Mit ihm diese Schwierigkeiten durchzustehen und zu sehen, wie er sie überwindet. Für mich ist er einfach ein großartiger Junge, und ich liebe es wirklich, Dinge für ihn zu tun. Zum Beispiel mögen wir es sehr, ferngesteuerte Autos zu fahren. Ich habe ihm ein neues gekauft, und dann habe ich für mich auch eines angeschafft, damit wir zusammen Rennen fahren können. Ich war schon ein paar Mal auf dem Platz, auf dem sie Rennen fahren, jetzt werde ich dort allerdings ein wenig bedrängt. Nicolas liebt die Herausforderung, und er hat noch viel größere Herausforderungen vor sich. Er ist sieben Jahre jünger als ich und ein großartiger Typ. Er mag an Zerebralparese leiden, aber er möchte definitiv etwas Besonderes mit seinem Leben anfangen – vielleicht bei den Olympischen Spielen im Rollstuhl antreten oder sogar irgendwas in der Formel 1 leisten. Ich würde es nicht ausschließen, dass er Kommentator wird. Wir hängen viel zusammen ab, und er gibt mir eine echte Perspektive. Er ist das einzige Mitglied meiner Familie, das mich auf dem Boden hält, besonders in der Formel 1.“

Für diese „Bodenhaftung“ sorgen auch regelmäßige Rituale wie ein Essen vom Chinesen für die ganze Familie nach Renn-Meetings und Gespräche mit der Familie und engen Freunden im Vorfeld der Rennen. Lewis sagt dazu: „All diese Glücksbringer und Voodoo-Rituale vor einem Rennen sind nicht so mein Ding. Ich spreche einfach mit meiner Familie, gehe in die Umkleidekabine, konzentriere mich und gehe dann raus. Ich habe das Glück, dass meine Familie und ein paar gute Freunde mich unterstützen. Ich kann meine Freunde an einer Hand abzählen, aber mit denen stehe ich in engem Kontakt. Vertrauen muss verdient werden!“

Er tat gut daran, geerdet zu bleiben und auf den Rat seiner Familie und Freunde zu hören. Nach dem Großen Preis der USA standen weltberühmte Stars Schlange, um den Jungen kennenzulernen, der den Formel-1-Zirkus im Sturm erobert hatte. Sogar die Ikonen des Showbusiness, die schnell in seinen Bann gezogen worden waren – einschließlich der Sängerin Beyoncé, die von Lewis „sehr angetan“ gewesen sein soll, als er ihr vorgestellt wurde –, sprachen von seinem Charme und seiner liebenswerten Normalität.

Der amerikanische Rapper Pharrell Williams tauchte mehrmals an der Rennstrecke auf, um Lewis zu unterstützen. Beim Großen Preis der USA teilte er mit: „Er ist ein guter Junge – er zeigt viel Demut angesichts all seiner Erfolge. Das klingt nach Geschwafel, aber das ist es, was uns hierhergebracht hat; es geht nicht darum, was man in der Tasche hat, sondern um Herz und Verstand.“

Lewis wurde auch als Wegbereiter beschrieben, der die Formel 1 für Nachwuchsfahrer öffne, die bisher aufgrund des überwiegend reichen, bürgerlichen, „weißen“ Hintergrunds dieses Sports nicht davon ausgegangen seien, dass sie in den Rennsport einsteigen könnten. Ash Hussain von der Zeitung Mail on Sunday, ein Mann, der selbst darum gekämpft hatte, Hindernisse im Journalismus zu überwinden, um an die Spitze zu gelangen, glaubte, dass Lewis tatsächlich eine positive Wirkung habe. Ash, selbst ein Formel-1-Fanatiker, sagte damals zu mir: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Lewis Kinder unterschiedlicher Herkunft zum Motorsport inspirieren wird. Ich bin der Meinung, dass das, was er allein in den letzten Monaten erreicht hat, bereits eine ganze Generation junger Fahrer mit unterschiedlichem Background dazu ermutigt, im Motorsport anzutreten. Ich habe bereits viele Menschen getroffen, die genauso denken, was an sich schon eine revolutionäre Veränderung gegenüber der Vergangenheit darstellt.“

Er bewunderte Lewis auch dafür, dass er keine Lust hatte, sich von den Fans zu distanzieren, und für seine Entschlossenheit, nicht den großen Star zu spielen. Er war damals überzeugt davon, dass dies der Jugend gefalle und dass er sie dadurch ermutige, ihre Zukunft selbst zu gestalten: „Er ist einfach ein toller Kerl, absolut fantastisch. So kam er beispielsweise beim Goodwood Festival of Speed im vergangenen Sommer selbst bei peitschendem Regen nach draußen und gab Autogramme. Er hätte nach Hause gehen können, aber er verbrachte den ganzen Tag dort. Das ist der Unterschied zwischen ihm und anderen Fahrern – er ist ein großartiger Botschafter für den Sport und die ethnischen Minderheiten. In vielerlei Hinsicht erinnert er mich an Amir Khan und wie der das Boxen in die junge asiatische Gemeinschaft gebracht hat. Sie sind beide bodenständige junge Leute, trotz ihres Talents und ihres Ruhms. Ich bin stolz auf Lewis und Amir und auf das, was sie erreicht haben, und auf die großartigen Dinge, die sie in Zukunft zweifellos noch erreichen werden. Sie sind sowohl wahre Helden als auch große Vorbilder.“

Ein Vorbild und ein Weltstar … bis dahin war es aber sicherlich ein langer Weg von den Anfängen in Stevenage aus, wo Lewis 1985 geboren wurde, und von den noch bescheideneren Verhältnissen davor, als sein Großvater väterlicherseits von Grenada nach England auswanderte. Die langen Jahre der harten Arbeit, von seinen ersten Ausflügen in die Welt des Kartsports im Alter von sechs Jahren bis hin zu seiner Ausbildung bei McLaren und seiner Zeit in der Formel 3 und der Formel 2 hatten sich endlich gelohnt.

Aber wie genau wurde Lewis Hamilton zum größten Namen in der Formel 1? Lassen Sie uns zunächst einen Ausflug zu den Wurzeln des Jungen unternehmen, der ein Idol für eine neue Generation werden sollte, der eine angeschlagene Formel 1 wiederbeleben und gleichzeitig als ihr neuer König gefeiert werden würde …

Kapitel 2 Roots, Rock, Reggae

Auf der schönen Karibikinsel Grenada wachsen mehr Gewürze pro Quadratmeter als auf jeder anderen in der Region, und deshalb ist sie auch als Gewürzinsel bekannt. In der Tat sind die Gewürze Zimt, Nelke, Ingwer, Muskatblüte und insbesondere Muskatnuss – mit 20 Prozent des Weltmarktes – wichtige Exportgüter und spielen neben dem Tourismus eine Schlüsselrolle für die Wirtschaft des Landes.

Mittlerweile ist diese Insel aber ebenso berühmt für ihre Verbindung zu Lewis Hamilton – und für seinen legendären Großvater Davidson Hamilton. Als er noch lebte, konnte man ihn treffen, wenn man den Tourbus nach Grand Roy nahm und entweder kurz vor Schulbeginn oder kurz nach Unterrichtsschluss der Oberschule dort ankam. Er war derjenige, der die Kinder in einem glänzenden neuen Minibus zur Schule und wieder nach Hause brachte. Davidson winkte stets und lächelte breit, wenn man seinen Blick erhaschte. Ansonsten brauchte man nur zu fragen, wo Lewis Hamiltons Großvater wohne, und jeder zeigte in die richtige Richtung. Seit sein Enkel über Nacht berühmt geworden war, war auch Davidson Augustin Hamilton zur Berühmtheit geworden, und der alte Knabe hatte es geliebt.

Davidson war damals ein quicklebendiger 77-Jähriger, der vor Aktivität sprühte. „Hält man Geist und Körper beschäftigt, sorgt man für ein langes Leben“, pflegte er zu sagen, „ich mag es, etwas zu unternehmen – ich bin nicht derjenige, der herumsitzt und alt wird.“ Davidson war sympathisch und beliebt und eine vertrauenswürdige Persönlichkeit in seiner Gemeinde. Deshalb wurde ihm trotz seines fortgeschrittenen Alters erlaubt, die Kinder in seinem Minibus, der sein ganzer Stolz war, zur Schule zu fahren.

Im Rückfenster befand sich ein Schild, das den Glauben und das moralische Diktum verkündete, nach dem dieser stolze Mann sein Leben gelebt hatte: Gott sei Ehre. Dies ist ein Slogan, nach dem auch sein Enkel Lewis handelt und nicht damit hinter dem Berg hält, dass es seine feste Überzeugung ist, dass seine erstaunlichen Leistungen gottgegeben sind.

Dieses Schild war auch eine Verbindung zu Davidsons Sohn – und Lewis’ Vater – Anthony. Es war Anthony, der darauf bestand, den ramponierten alten Mitsubishi, mit dem sein Vater die Insel umrundete, durch den neuen Kleinbus für 20.000 Pfund zu ersetzen. Auf diese Weise sorgte er auch für die Möglichkeit eines kleinen Einkommens für Davidson, der zuvor Geschenke kategorisch abgelehnt hatte. Als Anthony seinem Vater den Nutzen des neuen Kleinbusses erklärte – dass er sich damit in seinem Ruhestand durch eine sichere Beförderung der Schulkinder ein paar Pfund dazuverdienen könne –, nahm Davidson schließlich sein gutgemeintes Angebot an.

Natürlich nicht, ohne zuvor mit seiner Frau Uelisia darüber zu sprechen. Er erklärte ihr Anthonys Idee und dass ihm ein kleiner Nebenverdienst sehr gelegen käme – und obwohl es nicht viel war (da er nur 20 Pence pro Fahrt verlangte, würde er keine Reichtümer anhäufen), gab sie ihm schließlich ihren Segen.

Uelisia ist Hausmutter in einem nahegelegenen Altenheim und eine Person von hoher Moral und starkem Glauben: „Der richtige Weg zu leben ist der Weg Gottes.“ Sie ist Mitglied der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Grenada – tatsächlich sogar Mitglied des Exekutivkomitees der Grenadian Conference, dem 1983 gegründeten Organisationsgremium der Adventisten der Insel. Ihre Rolle innerhalb der Organisation erklärt möglicherweise die in der gesamten Familie übliche Arbeitsmoral: Die Siebenten-Tags-Adventisten sind eine protestantische Bewegung, die fest daran glaubt, die Botschaft Gottes über Missionare weiterzugeben, und den „kirchlichen Ruhetag“ am Samstag feiert und nicht am Sonntag.

Ein Sprecher der Bewegung erklärte: „Der Schwerpunkt in unserer Kirche liegt darauf, das Beste aus den Gaben zu machen, die Gott uns gibt. Wir glauben an ein anständiges, vernünftiges Leben, die Bedeutung der Familie, an harte Arbeit und die Entwicklung unserer von Gott gegebenen Talente zum Nutzen unserer Familien und unserer Gemeinschaft. Wir glauben, dass der „Ruhetag“ die Zeit ist, um als Familie und als Gemeinschaft zusammenzukommen, um gemeinsam zu beten und zu essen, aber wir glauben auch, dass wir versuchen sollten, jeden Tag unseren Idealen gerecht zu werden.“

Lewis’ Großeltern genossen ein ruhiges Leben, und Davidson empfand „viel Freude und Zufriedenheit“, weil er durch die täglichen 15-minütigen Fahrten von Grand Roy zur nahe gelegenen St. Johns Christian Secondary School der Gemeinschaft etwas zurückgeben konnte.

All das war weit entfernt von der hedonistischen Welt der Formel 1, aber Davidson sagte, er sei stolz auf seinen Enkel und auf den Einfluss, den er auf den Motorsport habe. In der Tat gab er zu, dass es ihm nichts ausgemacht hätte, selbst Rennfahrer zu werden – und ließ durchblicken, dass Fahrten mit hoher Geschwindigkeit nicht nur Lewis’ Talenten entsprächen, sondern seit Generationen in der Familie lägen. Er sagte: „Ich war in jungen Jahren selbst ein kleiner Geschwindigkeitsfanatiker. Als ich mit 18 meinen Führerschein machte, kaufte ich mir ein Motorrad! Früher bin ich wie wild die Straßen rauf und runter gerast, und ich hatte nie einen Unfall. Die Leute sagten immer: ‚Pass auf, Davidson ist unterwegs!‘“ Danach hatte er einen Austin A40 und wurde damit wegen Geschwindigkeitsüberschreitung angehalten – mit 40 Meilen pro Stunde, obwohl nur 30 erlaubt waren. „Da habe ich meine Lektion gelernt und beschlossen, die Dinge etwas langsamer anzugehen. Jetzt fahre ich nur noch den Kleinbus, und ich bin ein langsamer Busfahrer – ich fahre nur 15 Meilen pro Stunde!“

Den Einheimischen wird er wegen seiner Freundlichkeit und Wärme immer als „Onkel Dave“ in Erinnerung bleiben. Mir wurde gesagt, dass er dafür bekannt gewesen sei, immer Zeit gehabt zu haben, wenn jemand ein Anliegen hatte – wenn nicht sofort, dann sei er später immer darauf zurückgekommen. Elvis Glean, Gerichtsvollzieher und Freund, sagte dem Daily Telegraph: „Als Onkel Dave jünger war, war seine Raserei unter den 600 Einwohnern von Grand Roy legendär. Einmal schaffte er die Strecke von Grand Roy zur Polizeistation in Gouyave – der nächsten Stadt an der Küste, ungefähr drei Meilen entfernt – in nicht viel mehr als fünf Minuten. Ich glaube, er war mit einem dieser riesigen BSA-Motorräder unterwegs. Er raste wie der Wind, und manchmal befürchteten wir, dass er es nicht überlebt, aber ich glaube nicht, dass er jemals einen Unfall hatte – er war ein wahrer Teufelskerl.“

Der stolze Davidson traf sich im Juli 2007 mit seinem berühmten Enkel in Silverstone, um ihn zum ersten Mal bei einem Formel-1-Grand-Prix zu sehen. Es war einige Jahre her, seit er ihn in einem Rennen beobachtet hatte. Lewis war hocherfreut, dass er für den Großen Preis nach Großbritannien fliegen konnte und meinte: „Grandad war vor Jahren bei einem Kartrennen, aber er war noch nie bei einem Grand Prix. Er kommt herüber, um die Familie zu besuchen, und es ist praktisch, dass sein Besuch mit diesem Grand Prix zusammentrifft. Viele aus meiner Familie haben noch keinen Grand Prix gesehen – und ich habe eine sehr große Familie. Man kann nicht immer Gastpässe bekommen, deshalb bin ich mir sicher, dass es einige Jahre dauern wird, bis alle bei einem Rennen waren. Ich bin nur froh, dass Grandad es jetzt geschafft hat – es ist großartig, ihn wiederzusehen.“

Davidson sah mit einem breiten Lächeln vom Fahrerlager aus zu, wie sein Enkel Dritter wurde, und in der darauffolgenden Woche kehrte er als glücklicher Mann nach Grenada zu seinem gewohnten Leben zurück. Er gab zu, bei diesem Ereignis eine Träne verdrückt zu haben. „Er ist so ein feiner junger Mann und ein sehr talentierter Fahrer“, sagte er, „ich bete dafür, dass sein Glück anhält und er Weltmeister wird. Lewis mag zwar weit weg von uns in England leben, aber wir sind eine eng verbundene Familie. Er ist ein sehr netter junger Mann, der respektvoll und rücksichtsvoll ist, wenn es um das Wohl anderer geht, aber er ist auch ein guter Wettkämpfer.“

Als Davidson mit dem Sunday Mirror sprach, war er der Inbegriff eines Großvaters, der seinen Enkel abgöttisch liebt: „Er ist ein ganz normaler Junge. Er liebt es zu scherzen, Reggae-Musik zu hören und an den Strand zu gehen, wenn er in den Ferien hierherkommt, und manchmal geht er mit uns in die Kirche. Sein Vater war so umsichtig mit seiner Erziehung, dass das Geld ihn nicht verändern wird. Er wird gutherzig und bodenständig bleiben, denn so sind wir in dieser Familie.“

Als Davidson 25 Jahre alt war, waren die Menschen mehr daran interessiert, die Insel – der zweitkleinste unabhängige Staat der westlichen Hemisphäre (nach St. Kitts und Nevis) – zu verlassen als sie zu besuchen. Auch er war Teil des Exodus nach Großbritannien, einer von vielen, die 1955 auf ein neues und besseres Leben hofften als zu Hause, wo sie von Armut und Naturkatastrophen bedroht waren; es sollten fast 25 Jahre vergehen, bis er in seine Heimat und zu seinen Wurzeln zurückkehrte.

Er hatte sich damals zu diesem Schritt entschlossen, weil es für ihn in Granada keine Perspektive gab, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. 1955 rekrutierte British Transport verstärkt Einwanderer aus der Karibik als Arbeitskräfte. Die britischen Bosse besuchten sogar einige der Inseln, um interessierten Einheimischen Jobangebote zu unterbreiten. Auch Davidson gehörte zu den jungen Männern, die ihr Glück in der Fremde suchen wollten. Hurrikan Janet, der im Jahr seiner Abreise große Verwüstungen angerichtet hatte, brachte das Fass für ihn zum Überlaufen. Grenada befindet sich am südlichen Rand des Hurrikangürtels und war in den zurückliegenden 60 Jahren lediglich von drei Hurrikans betroffen gewesen. Aber Hurrikan Janet überquerte die Insel im September 1955 mit Windgeschwindigkeiten bis zu 185 Stundenkilometer und verursachte schwere Schäden.

Während diese Heimsuchung für Davidson das Ende auf Grenada bedeutete, blieb sein Bruder Fleet dort und wurde sehr erfolgreich. Nigel Forrester, Lehrer in Grenada und Lewis’ zweiter Cousin, sagte, dass Davidsons Bruder die Chance gesehen habe, ein Unternehmen aufzubauen, nachdem der Hurrikan die meisten Muskatnussbäume der Insel zerstört hatte: „Mein Großvater – Davidsons Bruder – nutzte die Gelegenheit, das Land von den Leuten zu kaufen, die es verkaufen wollten, pflanzte neu an und hatte Erfolg damit. Die Familie Hamilton ist von Entschlossenheit und Ausdauer geprägt. Sie versuchen immer, im Leben vorwärtszukommen.“

Davidson war jedoch davon überzeugt, dass dieses „Vorwärtskommen“ für ihn in Grenada nicht stattfinden würde. Mit rund 15 Prozent hatte die Insel eine der höchsten Arbeitslosenquoten in der Karibik. Die Arbeitslosigkeit war unter jungen Menschen besonders hoch, deshalb ging er an Bord des Schiffes, das ihn nach England bringen sollte, und setzte damit eine ganze Reihe von Ereignissen in Gang.

Die Einwanderer gehörten zur zweiten Welle der Arbeitskräfte, die im 20. Jahrhundert von den karibischen Inseln kamen. Die ersten kamen nach Beginn des Ersten Weltkriegs und arbeiteten in der Rüstungsindustrie und der Handelsmarine. Sie ließen sich in den Seehäfen und Großstädten nieder und waren zunächst willkommen, weil sie die Kriegsmaschinerie unterstützten. Aber als die Männer aus dem Krieg nach Hause zurückkehrten und das Land in Depressionen versank, wuchs der Groll, weil die Einwanderer „einheimische“ Jobs annahmen. Dies führte in den ersten Nachkriegsjahren letztendlich zu Rassenunruhen. Trotz der Schwierigkeiten betrachteten sich viele Einwanderer als britische Staatsangehörige und weigerten sich, nach Hause zurückzukehren. Zusammen bildeten sie den Kern karibischer Gemeinschaften in Städten wie Cardiff, Liverpool und London.

Die letzte Phase der Besiedlung, die auch für Davidson Hamilton bestimmend war, fand nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Zu diesem Zeitpunkt war der britische Arbeitsmarkt leergefegt, und eine Viertelmillion Arbeitskräfte aus der Karibik ließen sich zwischen 1955 und 1962 dauerhaft in Großbritannien nieder. Nach ihrer Überfahrt nahmen sie Züge zu Londoner Bahnhöfen wie Paddington, Victoria und Waterloo. Von dort aus verteilten sich viele auf Industriezentren wie Liverpool, Manchester und Birmingham. Die Mehrheit blieb jedoch in London – darunter auch Davidson. Er ließ sich in West-London nieder und arbeitete im Gleisbau für die Londoner U-Bahn.

Die Neuankömmlinge wurden jedoch nicht mit offenen Armen empfangen. Sie wurden mit Argwohn betrachtet und nicht – wie im Ersten Weltkrieg – als notwendige Arbeitskräfte, denn man fürchtete, sie könnten zum sozialen Problem werden. Man war der Meinung, die Einwanderer würden den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen und den ohnehin knappen Wohnraum für sich in Anspruch nehmen. Das führte zu Ressentiments in den örtlichen Gemeinden, die später noch von Rechtspopulisten wie Oswald Mosley und seinesgleichen befeuert wurden.

Davidson vertraute einem Freund der Familie an: „Das war keine einfache Zeit. Ich war gerade in einem neuen Land angekommen, und einige Leute auf der Straße zeigten mit Fingern auf uns Neuankömmlinge und beschimpften uns mit Obszönitäten. Natürlich gab es andere, die nett zu uns waren, aber es war schwierig, sich wohlzufühlen.“

Ein Jahr nach seiner Ankunft führte die angespannte Stimmung dazu, dass der British Caribbean Welfare Service (BCWS) eingerichtet wurde, um sich um diejenigen zu kümmern, denen die Integration schwerfiel. Wohnraum war Mangelware, da die Bombenangriffe während des Krieges den Bestand dezimiert hatten. Zudem wurden die Einwanderer mit Schildern in den Fenstern konfrontiert, auf denen Aufschriften wie „Keine Schwarzen“ oder „Keine Farbigen“ prangten. Viele Migranten landeten in Gebieten, in denen Landsleute und Freunde bereits Fuß gefasst hatten, weil es dort einfacher war, irgendwo unterzukommen. Bei den Einwanderern aus Trinidad war der Londoner Stadtteil Notting Hill sehr beliebt, und Davidson, der sich mit einigen von ihnen während der Überfahrt angefreundet hatte, landete ebenfalls in West-London. Die Grenader hatten immer schon Freunde aus Trinidad, der nächsten Nachbarinsel in der Karibik, und so war es vielleicht unvermeidlich, dass er in London einem Weg folgte, der bereits vorgezeichnet war.

Der Westen der Hauptstadt war nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Einige Vermieter nutzen die Wohnungsnot aus und setzten Langzeitbewohner vor die Tür, um Immobilien mit Migranten vollzustopfen, die exorbitante Mieten zahlten. Trotz alledem ließ sich Davidson schließlich mit seiner Freundin Agnes Mitchell in einer kleinen, beengten Wohnung in der Broughton Road 12a in Fulham nieder. Das Paar wurde am 26. Mai 1956 vom katholischen Priester Maurice Beckett in der nahe gelegenen Kirche Unserer Lieben Frau in der Stephendale Road getraut. Der damals 25-jährige Davidson arbeitete mittlerweile als Eisenbahnschaffner. Seine Braut war 23 Jahre alt und arbeitslos. Ein paar Jahre später zogen sie ein paar Meilen weiter westlich nach Acton in die Avenue Road 82, und ihr Sohn Anthony Carl Arthur wurde am 31. Mai 1960 im Hammersmith Hospital geboren.

Anthony hatte eine schwere Kindheit in West-London, und sein Vater befürchtete ständig, sein Junge könnte an die falschen Leute geraten. Als Davidson Ende der 1970er Jahre nach Grenada zurückkehrte, war Anthony nach Stevenage gezogen, 30 Meilen nördlich der Hauptstadt, das damals rund 40.000 Einwohner hatte. 2007 erzählte Lewis, Anthony habe es nicht leicht gehabt, weil seine Mutter (Agnes) gestorben sei, als Anthony noch sehr jung war. Die Familie wollte sich jedoch nicht weiter dazu äußern, wie sich ihr Tod auf ihr Leben auswirkte.

Stevenage schien eine ungewöhnliche Wahl für einen jungen Schwarzen zu sein – es war eine überwiegend von Weißen bewohnte Stadt und in den vorangegangenen Jahren kaum ein Magnet für ethnische Minderheiten gewesen. Stevenage war die erste der neuen Nachkriegsstädte, die speziell dafür gebaut wurden, die Wohnsituation in London zu entlasten. 1961 ergab die britische Volkszählung, dass im Jahrzehnt davor insgesamt 172.877 Menschen aus der Karibik nach Großbritannien gezogen waren. Die Einwanderer litten jedoch auch noch zwei Jahrzehnte später unter Anfeindungen und Rassismus; es gab Berichte über geringfügige, aber anhaltende Vorfälle bis weit in die 1980er Jahre hinein.

Die Situation hatte sich etwas beruhigt, als sich Anthony Hamilton Anfang der 1980er Jahre nach seiner Heirat in Stevenage niederließ, aber es war immer noch eine Herausforderung für den jungen Mann mit grenadischer Abstammung – insbesondere, weil er ein weißes Mädchen, die fünf Jahre ältere Carmen Larbalestier, geheiratet hatte.

In einigen ausgezeichneten Zeitungsartikeln wurden die „Einsamkeit“ und die „Anfeindungen“ hervorgehoben, die Einwanderer wie Anthony Hamilton überwinden mussten, wenn sie sich in Trabantenstädten wie Stevenage niederließen. Der einflussreiche amerikanische Journalist Leonard Downie Jr. von der Washington Post reiste nach Großbritannien, um über die neuen Städte des Landes im Vergleich zu denen in Amerika zu berichten. Er wollte erfahren, ob sich die Probleme der Vororte in den USA in Großbritannien wiederholten. Obwohl er anerkannte, dass die neuen Städte tatsächlich zur Entlastung der Wohnsituation in den Großstädten beigetragen hatten, waren seine Erkenntnisse gelegentlich eine bittere Lektüre und zeigten, wie schwierig es für Einwanderer war, „richtige Jobs“ zu finden, und wie sehr sie unter „ghettoartigen“ Bedingungen litten.

Er schrieb: „Die Briten haben einige ihrer neuen Städte erfolgreich dazu genutzt, überfüllte Wohnviertel der Großstädte zu entlasten und vielen ihrer Bewohner ein besseres Zuhause zu bieten. Städteplaner sorgen für den kombinierten Transfer williger Unternehmen und ihrer Mitarbeiter beispielsweise von London nach Harlow oder Stevenage … An einigen Orten war der Umzug von Arbeitskräften und Industrie in die neue Stadt so gut koordiniert, dass 85 Prozent der neuen Stadtbewohner – zum Beispiel in Harlow – an Arbeitsplätzen in der neuen Stadt arbeiteten und weiterhin ihren Interessen nachgehen und Freundschaften pflegen konnten, die sie bereits in den alten Großstadtvierteln hatten, aus denen sie stammten. Dieser Erfolg in der Abstimmung von Arbeitnehmern und Arbeitsplätzen hat jedoch dazu geführt, dass viele der neuen Städte Großbritanniens zu Gemeinschaften einer einzigen Klasse geworden sind. Für den Zuzug ist in den meisten neuen Städten die Zusicherung eines Arbeitsplatzes in einem der ansässigen, meist auf Verwaltung oder Technik ausgerichteten Unternehmen Bedingung. Daher wird die Bevölkerung jedes dieser Projekte überproportional von Büroangestellten und Facharbeitern dominiert. Es gibt nur wenige ungelernte Arbeitskräfte, Nicht-Weiße und Einwanderer jeglicher Art, Familien mit niedrigem Einkommen und am anderen Ende des Spektrums nur wenige Menschen mit höherem Einkommen. Obwohl dies für die Briten – die kein Problem damit haben, sich in eine soziale oder wirtschaftliche Schicht einzuordnen – nicht besonders störend ist, langweilt und beunruhigt die Uniformität in jeder der neuen Trabantenstädte den Besucher und erinnert ihn sehr an die gesellschaftliche Schichtung und die daraus resultierende Sterilität von zu vielen amerikanische Vororten. Der Mangel an Möglichkeiten für ungelernte Arbeiter und Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor lässt echte Probleme in den zentralen Städten zurück. In London zum Beispiel, wo qualifizierte weiße Angestellte mittleren Einkommens von neuen Städten wie Harlow und Stevenage angezogen wurden, sind die Einkommensschwachen und Arbeitslosen, größtenteils pakistanische, indische und schwarze Einwanderer, bis heute in immer schlechter werdenden, ghettoähnlichen Bedingungen gefangen. In dieser Hinsicht haben die britischen Trabantenstädte genau wie die Vororte und neuen Stadtprojekte in den USA ein kritisches, städtisches Problem eher verschärft als gelöst.“

Anthony Davidson war einer dieser Arbeiter mit niedrigerem Einkommen, der vom mageren Lohn lebte, den er bei British Rail verdiente. Es war ein deprimierendes Szenario, aber Anthony war ein Mann mit einem Löwenherz und der Entschlossenheit, etwas aus seinem Leben zu machen. Ebenso wie sein Vater, der ein großes Risiko eingegangen war, als er Grenada in Richtung Großbritannien verließ, war auch er überzeugt, dass sein Schicksal in einem anderen Umfeld lag; er hatte keine Ahnung davon, dass es die Erziehung und Förderung seines brillanten Sohns mit einem von Gott gegebenen Talent beinhalten sollte.

Anthony erzählte Freunden: „Nein, es war nicht einfach. Zuerst schien es, als wäre ich von einem Albtraum [London] in einen anderen gezogen. Aber ich wollte auf keinen Fall weglaufen – ich hatte genug, ich wollte etwas Stabilität.“ Die Stabilität sollte sich schließlich einstellen, als Lewis 1985 geboren wurde.

1999 veröffentlichte ein anderer guter Journalist, Gary Younge, der in Stevenage zu Hause und selbst schwarz ist und der für den Guardian schreibt, ein herausragendes Buch über seine Reisen durch den amerikanischen Süden. Dieses Buch gibt aber auch Einblick in die Art von Problemen, die Anthony und später Lewis zu überwinden hatten.

Younge schrieb: „Es gab drei Arten von Reaktionen, die eine schwarze Familie an einem Ort wie Stevenage erwarten konnte. Es gab diejenigen, die uns begrüßten. Es gab diejenigen, die uns tolerierten. Und es gab diejenigen, die uns regelrecht verachteten … Dazu gehörten auch die Norrises, eine hagere weiße Familie, die immer oben an der Straße stand und uns mit ‚ihr Ausländer‘ beschimpfte. Einmal, als die Norrises zu weit gegangen waren, rief meine Mutter die Polizei an. Der Polizist wollte in diesem Fall nicht eingreifen: ‚Es tut mir leid, Sie sind eine ethnische Minderheit in dieser Umgebung und müssen sich von Zeit zu Zeit mit solchen Dingen abfinden‘, meinte er.“

Das war eine bodenlose Unverschämtheit. Anthony selbst ließ sich nicht einschüchtern und behauptete sich ebenso wie Lewis in späteren Jahren. Beide machten jedem klar, der versuchte, sie zu schikanieren oder zu verspotten, dass sie sich nicht vertreiben ließen. Lewis lernte sogar Karate, um sich besser verteidigen zu können. Ebenso wie Davidson vor ihm war auch Anthony schon früh fest entschlossen, in England zu bleiben und eine Familie zu gründen. Das war ein weiteres Beispiel für diesen ausgeprägten Hamilton-Stolz. Die Hamiltons, zwischenzeitlich im streng katholischen Glauben verwurzelt, behaupteten sich und traten immer wieder für das ein, woran sie glaubten. In der Tat war damit ihr Schicksal und der Beginn der Lewis-Hamilton-Ära besiegelt.

Selbst 2008 bestand die Bevölkerung von Stevenage – das ein Einheimischer als „in gewisser Weise seelenlos und uninteressant“ bezeichnete – bei 80.000 Einwohnern nur zu einem Prozent aus Schwarzen. Aber, wie Gary Younge im Juni 2007 im Guardian schrieb, repräsentiert „im Moment das schwarze Stevenage 100 Prozent der berühmtesten Söhne der Stadt.“ Ja, das sind natürlich Lewis Hamilton – und Ashley Young, der vielversprechende englische Fußball-Nationalspieler, der in derselben Klasse der Oberschule wie das Formel-1-Wunderkind war; und nicht zuletzt Albert Campbell, der 1987 der erste schwarze Bürgermeister der Stadt wurde.

All das, was sein Großvater durchmachen musste, als er nach Großbritannien kam und trotz der für Schwarze schwierigen Zeit blieb, ist unauslöschlich in das Herz von Lewis Hamilton eingebrannt: Er weiß, dass er dem Mut von Davidson Hamilton viel zu verdanken hat. Zusammen mit seinem Vater Anthony war er der Fels, auf dem er seinen Erfolg aufbauen konnte … ein Fels, der aus der Karibik stammte.

Wenn Lewis heutzutage Verwandte in Grand Roy besucht, kann er lachen, die lokale Küche genießen und sich bei einem kühlen Getränk entspannen. Am Strand hört er mit seinem iPod gern Songs von Bob Marley sowie von den Söhnen der Reggae-Legende, Ziggy und Damian. Aber er wird nie vergessen, was seine Familie durchgemacht hat, um seinem Vater und ihm einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, den sie vielleicht nicht gehabt hätten, wenn Davidson nicht das Risiko auf sich genommen hätte, in England ein neues Leben zu beginnen.