Lichtdurchflutete Wege - Christiane Pappenscheller-Simon - E-Book

Lichtdurchflutete Wege E-Book

Christiane Pappenscheller-Simon

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Beschreibung

Christiane Pappenscheller-Simon macht in ihrer autobiografischen Erzählung Mut und inspiriert ... Sie erzählt von der Liebe zu ihrem Mann, ein Leben mit Träumen, von ihrem Wunsch gemeinsam alt zu werden. Auch während der Zeit der Krebserkrankung ihres Mannes galt ihr Grundsatz: Bring dich ein! Mach jeden Tag zu einem guten Tag. Entfalte dein kreatives Potential. Sie genießen ihre Zeit miteinander, Hand in Hand. Sie erfüllen sich ihre besonderen Reisewünsche. Doch der Tod hängt wie ein Damoklesschwert über ihnen. Trotzdem werden ihre Wünsche und Vorstellungen nicht hintangestellt. Sie werden erfüllt. Liebe und Gemeinschaft wird gelebt. In ihrer Trauer und Verzweiflung nach dem Tod ihres Mannes folgt sie ihrer innere Stimme nach Bali. In diese Trauminsel verliebte sie sich vor 20 Jahren. Hier schrieb sie eine vergleichende Untersuchung über den Umgang der Jugendlichen mit Belastungen. Mittlerweile fühlt sie sich dort wie zu Hause. Diese Reise zeigt sich als Glückstreffer. Sie findet dort die Ruhe, um ihre Trauer zu verarbeiten. Wundervolle Begegnungen, die Wärme und die tropische Natur und vor allem die auf Bali öffentlich gelebte Spiritualität unterstützen den Prozess. Sie entfaltet ihre Kreativität bei der Bewältigung ihrer Trauer. Es zeigt sich: Auch die tiefste Dunkelheit enthält Licht! Darauf darfst du hoffen. Daran kannst du glauben. Gehe den lichtdurchfluteten Weg.

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2020

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»Mach’s wie die Blüten.

Durch die Dunkelheit streben sie zum Licht. Dort entfalten sie ihre individuelle Schönheit.«

Christiane Pappenscheller-Simon

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Träumen!

Den Himmel auf Erden leben!

Jeden Tag nutzen!

Gemeinschaft genießen!

Eng begleiten bis in den Tod!

Geschäftigkeit lenkt ab vom Trennungsschmerz!

Die Gefühlswelt spielt verrückt!

Der inneren Stimme folgen. Die Reise nach Bali!

Orte der Entspannung aufsuchen!

Den Emotionen Ausdruck verleihen!

Die innere Stimme spricht. Nimm dir eine Auszeit!

Die Natur heilt!

Ein Absturz!

Es kommt noch schlimmer!

Trauer und Schmerz suchen sich Wege, um zu verarbeiten!

Mit Gott sprechen!

Das Dunkel weicht – Licht scheint durch!

Offen für wundervolle Begegnungen und Gespräche!

Vorwort

Was tun wir, wenn das Leben plötzlich aus den Fugen gerät? Wenn alle Zukunftsträume mit einem Schlag zunichtegemacht werden? Wie erleben wir die Nachricht einer unheilbaren Krankheit? Blicken wir dem Tod ins Gesicht? Ignorieren wir den Tod? Wie verarbeiten wir den Tod eines Menschen, den wir lieben?

Aller Voraussicht nach werden wir eine kolossale Hilflosigkeit erleben. »Wie kann es weitergehen?«, fragen wir uns ratlos, »ich halte das nicht aus«, bezweifeln wir unser Durchhaltevermögen.

In diesem Buch schildere ich Erlebnisse und Erfahrungen, wie wir mit der Diagnose Krebs gelebt haben, mit dem Tod, der seine Schatten vorauswarf, mit der tiefen Trauer.

Ein Schlüssel der Bewältigung ist eine aktive Mitwirkung und Mitgestaltung auf dem gesamten Weg.

Wie der Frosch, der nachts auf einem Bauernhof einen Eimer entdeckte. Voller Neugier sprang er hinein und bemerkte erst dann, dass er in einem Bottich Milch gelandet war, aus dem er nicht mehr herauskam. Instinktiv tat er das, zu dem er fähig war. Er schwamm und paddelte unaufhörlich! Immer wenn er müde wurde, bestärkte er sich und sprach: »Ich gebe nicht auf!« Mit einem Mal fühlte er eine feste Masse unter seinen Füßen! Durch seine Aktivität hatte er die Milch zu Butter geschlagen! Rasch sprang der Frosch aus dem Eimer, sah sich noch einmal um und hüpfte dann froh gestimmt seines Weges.

In meinem Buch Lichtdurchflutete Wege erzähle ich von einem einschneidenden Lebensereignis. Aus heiterem Himmel erhielt mein Ehemann die Diagnose Darmkrebs mit Lebermetastasen. Wir standen unter Schock und stürzten uns hinein in einen Behandlungsmaraton, wie er von den Ärzten empfohlen wurde. Mein Mann hatte sich für diesen Weg entschieden. Über drei Jahre hinweg war sein Leben geprägt von Chemotherapien und Operationen. Dabei verlor er nicht die Hoffnung und die Zuversicht auf ein langes Leben. Mein Teil der Unterstützung waren die so genannten begleitenden Maßnahmen. Ich ermunterte ihn zur täglichen Bewegung in der Natur, zu Entspannungsübungen, Meditation und einer gesunden Ernährung.

Trotz all den Beeinträchtigungen und Regulierungen durch die ärztliche Therapie, erfüllten wir uns noch unzählige Träume und erlebten traumhafte Momente. Wir unternahmen etliche Reisen und genossen unser Leben zu zweit, mit unserer Familie und mit Freunden. Doch das Krebswachstum ließ sich auf die Dauer nicht aufhalten. Zunehmend lebten wir nach dem Grundsatz: »Der Wunsch des Patienten zählt!«

Kurze Zeit nach dem Tod meines Ehemannes fiel ich in ein Loch. Bei einer meiner Meditationen vernahm ich meine innere Stimme, die mir sagte: »Fliege nach Bali!« Damit sah ich Licht am Ende des Tunnels. Ich beschloss, Kontakt zu meiner balinesischen Freundin aufzunehmen. Sie teilte mir mit, dass sie sich über meinen angekündigten Besuch freue, und hieß mich in ihrer Familie willkommen. Mutig buchte ich einen Flug, verbunden mit der Hoffnung, auf dieser Insel, die mir fast wie eine Heimat war, mein Gleichgewicht wieder zu finden.

Meine Freundin, eine Professorin für Psychiatrie, bot mir eine Hypnotherapiesitzung an, mit ihr, einer Meditationslehrerin, meditierte ich. Nach Tagen mit ihrer Familie wählte ich einen Ruheplatz, um mich gänzlich auf die Verarbeitung meiner Trauer zu konzentrieren. Ich zog mich in die Wohnung eines Freundes zurück und stellte mich all meinen Emotionen. Ein wanderte täglich in den frühen Morgenstunden los und meditierte regelmäßig.

»Immer wieder blieb ich stehen und genoss den Anblick der Reisfeldlandschaften. Mein Herz öffnete sich weit. Mit dem gleichmäßigen Rhythmus meines Atems fühlte ich, wie sich in mir eine tiefe Dankbarkeit ausbreitete.«

In der Ruhe und Zurückgezogenheit erlebte ich intensiv meine Trauer, die sich erstaunlicherweise kreativ ausdrückte. Es schrieb, malte, ja, es sang aus mir. Zu jeder Zeit vertraute ich mir und meiner intuitiven Kraft. Mein Weg zum Ziel verlief keineswegs geradlinig. Sie enthielt manch tiefen Absturz. Doch, die Dunkelheit lichtete sich.

Die auf Bali öffentlich gelebte religiöse Spiritualität erleichterte mir meine Verbindung zu Gott. Heilsam empfand ich auch die tropische Wärme, die es mir ermöglichte, mich fast ausnahmslos draußen in der tropischen Natur aufzuhalten.

Die Erfahrung in der Zeit meiner Trauerverarbeitung auf Bali lehrte mich, dass jede Dunkelheit von Licht durchflutet ist, dass jeder Mensch ein Potential in sich trägt, das es zu entfalten gilt, sowie ein ernst zu nehmendes inneres Wissen. All dies trägt zu einer Heilung bei.

Beim Erzählen meiner Geschichte ist mir durchaus die Einzigartigkeit eines jeden Menschen bewusst, denn jede Freude und so wie auch jeder Lebensweg verschieden verläuft. Es gibt kein allgemeingültiges Rezept, keinen einheitlichen Weg durch Schmerz und Trauer!

Meine Geschichte kann eine Anregung sein, eine Inspirationsquelle für den eigenen Weg.

Aus der Erfahrung meines lichtdurchfluteten Weges ziehe ich folgendes Schlussbemerkung:

Übernehme die Verantwortung für dein Leben. Entfalte dein Potential.

Suche das Gespräch mit Fachleuten, Ärzten. Bringe dich ein in das Gespräch. Höre auf deine innere Stimme, trau deiner Intuition. Du kennst dich am besten. Das Ergebnis soll zu dir passen.

Lebe achtsam. Achte auf deinen Körper.

Liebe dich. Liebe deine Nächsten. Halte Frieden mit dir und der Welt.

Erfüll dir deine Wünsche, deine Träume, auch in schweren Zeiten. Denn du bist wichtig.

Trauere so, wie es dir, deinem Geist, deiner Seele entspricht. Glaube, vertraue, zweifle aber wisse immer, dass du getragen, geleitet wirst.

Träumen!

Hand in Hand miteinander alt werden

»Hey, das kitzelt!«

Meine Hand wischte den Grashalm von meiner Nase weg. Ich war kurz eingeschlafen. In den Armen meines Ehemannes. Jedenfalls vernahm ich seine Stimme knapp neben meinem Ohr.

»Weißt du, auf was ich jetzt Appetit hätte, mein Schatz?« Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. Ich blinzelte kräftig, richtete mich auf und schaute ihn mit fragendem Blick an: »Auf Gulai Kambing.«

Ich ignorierte seinen Ausflug ins Reich des Essens, versuchte es mit einer Ablenkung.

»Wie? Hier auf unserer gemütlichen Liege träumst du von dieser Köstlichkeit? Wo bleibt deine Romantik?«

Wie eine Katze kuschelte ich mich an ihn und schnurrte. Doch mein geliebter Ehemann ließ sich nicht ablenken, weil ihm das leckere Gericht im Sinn war.

Dieser laue Frühlingsnachmittag hatte es in sich. Er trieb uns regelrecht aus der Wohnung hinaus ins Freie. Wir verspürten große Lust, die ersten Sonnenstrahlen einzufangen. Bald schlenderten wir Hand in Hand durch den sich weit ausdehnenden Schlosspark. Wir bewunderten die ersten Blüten an den Rhododendren, die sich entlang der gezirkelten Wege ausdehnten, die zarten weißen und gelben Blümchen, die sich keck durch die kühle Erde dem Licht entgegen schoben. Wir erfreuten uns an den frischen, hellgrünen Blättern der Laubbäume.

Vom oberen Schlosspark aus überblickten wir die weitflächige, leicht abfallende Rasenfläche, die eine uralte Eiche mit tief genarbter Rinde und ausladenden Ästen dominierte. Wir lagen entspannt auf einer Holzbank, breit genug für zwei Personen. Passgenau für Menschen, die sich mögen. Ray hatte seinen Arm unter meinen Kopf geschoben. Beide betrachteten wir die figürlichen Haufenwolken, die der milde Wind am zartblauen Frühlingshimmel anzupusten schien.

»Diese Bank ist für uns maßgeschneidert«, bemerkte ich und kuschelte mich näher an Ray. Dann muss ich kurz eingenickt sein, bis dieser Grashalm an meiner Nase kitzelte und ich Rays bemerkenswerte Idee vernahm.

»Wie kommst du denn auf Gulai Kambing?« Ich ahnte, dass kein Weg dran vorbeiführen würde, auf sein Thema einzugehen. »Dieses Gericht essen wir doch sonst nur auf Bali?«

»Genau! Dorthin haben mich die Wolken getragen«, schmunzelte mein Mann, seinen träumerischen Blick bedeutungsvoll zum Himmel gerichtet. Er schaute mich an. »Nein. Ich hab schlichtweg Gelüste danach, weißt du? Ich schmecke schon die in frischer Kokosmilch saftig weich gekochten Fleischstückchen auf meiner Zunge. Der Duft der vielfältigsten Gewürze zieht durch meine Nase.«

»Meinst du das ernst?« Ich war mir nicht sicher, ob er mir etwas vorspielte, und setzte zu einer kleinen Provokation an.

»Lass uns doch nach Hause laufen und das Gericht kochen. Anstelle Ziegenfleisch gibt es Lamm. Zitronengras kaufen wir im Asialaden ein, die weiteren Zutaten findest du in unserem Gewürzschrank.«

Ray sprang auf meinen Vorschlag an. »Machen wir!« Er zählte auf: »Kokosmilch, Chilischoten, Knoblauch, Ingwer, Kardamom, Kreuzkümmel, frische Kurkuma, Nelken werden benötigt.«

»Alles vorhanden! Lass uns loslegen.«

Doch zu meinem Erstaunen reagierte Ray nicht. Er lag mit offenen Augen träumend neben mir. Ganz sicher befand er sich in seinen Gedanken auf unserer Lieblingsinsel Bali, im Restaurant Kopi Bali. Das sah ich ihm an. Sicher sah er vor sich das dampfende Fleischgericht stehen.

»Dieses Essen«, schwärmte er tatsächlich, »schmeckt einfach himmlisch. Zart, weich, eine Soße, die meine Zunge umschmeichelt, im Nachklang den Hauch einer frischen Limone erahnend.«

Ich richtete mich auf, neigte meinen Kopf leicht zur Seite und beobachtete misstrauisch seinen Gesichtsausdruck. Ray lächelte verträumt vor sich hin, seine Augen waren in die Weite des Himmels gerichtet. Sein Mund deutete ein genussvolles Kauen an. Offenbar schwebte er in einer anderen Welt.

Das Restaurant Kopi Bali suchten wir für gewöhnlich mit unserer Freundin Suryani auf. Ihre sechs Söhne schenkten ihr bisher mehr als zwanzig Enkelkinder!

An einen Restaurantbesuch erinnerte ich mich genau. Suryani und ihr Sohn Yaya bestellten beide Gulai Kambing. Da ich bisher dieses Gericht nicht kannte, fragte ich nach, was das denn sei. Sie sah mich vielversprechend an, rollte bedeutungsvoll mit den Augen und riet mir mit genüsslicher Stimme:

»Enak, try it.«

»Das Gericht scheint wirklich lecker zu sein, lass es uns auch bestellen«, riet ich meinem Ehemann, der sofort zustimmte.

Wir kamen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Die zarten, mild würzigen Fleischstückchen schmolzen auf der Zunge dahin und verbreiteten eine unvergleichliche Geschmacksintensität.

Seit dieser Zeit lautete unsere Bestellung: Gulai Kambing. Aus unserer einhelligen Begeisterung für diese leckere Speise machten wir keinen Hehl. Es bewirkte, dass daraufhin alle Erwachsenen am Tisch dasselbe Gericht bestellten und man uns den Namen »The Gulai Kambing family« gab.

Ich schmunzelte in Erinnerung an diese Zeit. Unvermittelt aktivierten sich meine Geruchs- und Geschmacksknospen. Ich schubste Ray an:

»Du steckst mich an mit deiner Schwärmerei. Dabei liegen wir hier im Schlossgarten auf dieser Liegebank mit dem imposanten Ausblick.«

Mein Mann ließ sich von diesem Einwand kaum beeindrucken. Er träumte weiter, seinen Blick in die Wolken gerichtet. »Wäre es nicht genial, jetzt auf Bali zu sein? In einer Hängematte im Schatten einer Kokospalme sanft zu schaukeln?«

Mit einem tiefen Seufzer gestand ich ein: »Das wäre wunderbar! In der sommerlichen Wärme liegen, umgeben von tropischen Pflanzen, betört vom Blütenduft!« Nach einer gedankenvollen Pause fügte ich an: »Und am Abend, mit Freunden im Restaurant Kopi Bali, unsere Lieblingsspeise genießen.«

»Meine Liebe, aus uns spricht die Sehnsucht. Wir sollten schnellstmöglich unsere nächste Balireise buchen.

»Gute Idee!«, rief ich voller Begeisterung, »lass uns unsere Träume leben!« Fast wäre ich dabei von der Bank gefallen. Ich rollte zurück in die Liegeposition. Ich zupfte Ray am Arm.

»Sag mal, erinnerst du dich eigentlich noch an die Reinigungszeremonie, zu der uns Suryani einlud?«

»Oh ja!« Am Ton erkannte ich, wie deutlich er sich daran erinnerte. »Wir sagten damals zu, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was auf uns zukommen würde.«

So war es. Wir hatten Zustimmung signalisiert, ohne im Grunde nur eine geringe Vorstellung davon zu haben, was diese Zeremonie bedeutete. Punktgenau erreichten wir zur erwähnten Uhrzeit Suryanis Haus, obwohl wir wussten, dass auf Bali niemand Wert auf Pünktlichkeit legt. Dort rechnet keiner damit, dass man auf die Minute genau erscheint. Verspätungen werden generell nicht beachtet. Doch bei dieser Zeremonie schien das anders zu sein. Suryanis Ehemann Cok Alit wartete auf der Terrasse vor seinem Haus auf uns und meinte, seine Frau sei bereits losgefahren. Etwas konsterniert deutete er auf unsere westliche Sonntagskleidung. Wir blickten ihn verunsichert und verständnislos an. Keinen Moment hatten wir daran gedacht, eine Tempelkleidung zu tragen. Doch der Hausherr gab uns ein eindeutiges Zeichen. Er rief nach den Hausangestellten und forderte sie auf, uns einer Zeremonie entsprechend einzukleiden. Wir standen nur kurze Momente später bis auf die Unterwäsche entkleidet auf der Terrasse, bereit für die typische Tempelkleidung. Festlich hergerichtet entstiegen wir dem Auto vor dem Anwesen des Priesters. Suryanis Ehemann Cok Alit, stammte aus der höchsten hinduistischen Kaste, der Königskaste. Er berichtete uns, dass auch der Priester, ein Pedanda, der Königskaste angehörte.

Bereits beim Eintreten durch eine Pforte, die umrahmt war von furchterregenden Steinfiguren zur Abwehr des Bösen, fühlte ich, dass etwas Besonderes vor sich ging. Ray blickte mich mit fragenden Augen an. Ich spürte, er empfand dies ebenso wie ich. Ob es an einem grell klingenden Gebetsglöckchen lag, das der Priester ungebrochen läutete oder am Duft des Weihrauchs, der uns sofort betörte? Mit zögerlichen Schritten traten wir näher und erspähten auf einem offenen Haustempel den kräftigen, großgewachsenen Priester im Lotussitz. Er war in ein weißes Tuch gehüllt, das durchsetzt war mit goldfarbenen Stickereien, Farben für Reinheit und Göttlichkeit. Auch sein schwarzer Turban war mit goldenem Garn bestickt. Er schien gänzlich konzentriert zu sein auf dass Ritual. Mit einer dezent geschmückten Messingkelle schöpfte er geweihtes Wasser aus einer goldfarbenen Schale, während die andere Hand ununterbrochen ein grell tönendes, metallenes Glöckchen läutete. Gleichzeitig zitierte er singend Offenbarungstexte aus den altindischen Veden, der heiligen Lehre des Hinduismus. Suryani, ihr Sohn Yaya und Freunde standen vor dem Pedanda und empfingen die Reinigung. Für sie war diese Zeremonie Gewohnheit. Doch für uns war alles neu. Wir standen schüchtern abseits und beobachteten gebannt das Ritual. Mein Herz klopfte vor Spannung. Als man uns ein Zeichen gab, vor den Pedanda zu treten, bemerkte ich mit großer Erleichterung, dass sich Yaya an unsere Seite gesellte. Er übersetzte die Worte des Heiligen und machte die Handlungen vor. Ray und ich folgten unbeholfen. Doch das Ritual zeigte Wirkung. Wir erlebten beide eine tiefe Begeisterung.

»Oh, Ray!«, rief ich in Erinnerung daran, »unsere Faszination spüre ich heute noch. Das sieht man auf dem Foto von damals. Wir schauen mit glasklaren Augen, wie weggetreten wirkend, in die Kamera. Das war einzigartig!«

»Definitiv«, stimmte mein Mann zu. »Weißt du eigentlich, dass dieses Foto ein amerikanischer Psychologe aufnahm?« Ohne abzuwarten, ergänzte er: »Er war ebenso zu der Zeremonie eingeladen.«

Meine Erinnerung weckte Emotionen in mir. Ich atmete tief ein und mit einem sehnsuchtsvollen Seufzer aus: »Ja. Das war auf jeden Fall eines unserer eindrucksvollsten Momente auf Bali. Vielleicht kommen bald neue hinzu?« Neugierig sah ich ihn von der Seite an.

Ray reagierte, indem er mich zärtlich auf die Nasenspitze küsste. Ich kuschelte mich unter seine Armbeuge und spürte die tiefe Verbindung zwischen uns. Ein paar Regentropfen auf meinem Gesicht ließen mich aufschrecken. »Huch«, rief ich aufgeregt, »jetzt regnet es auch noch!«

»Dir werden doch die paar Tropfen nichts ausmachen, es hört sicher gleich wieder auf«, zeigte sich mein Mann kaum beeindruckt. Mit seiner Einschätzung lag er richtig, denn die dunkle Regenwolke bewegte sich weiter und zog schneeweiße Haufenwolken hinter sich her, was mich sichtlich entspannte.

Ray blickte sich um. »Die Idee der Stadt, hier oben im Schlosspark eine Holzbank aufzustellen mit Platz für zwei, die finde ich großartig«, meinte er, während er sich näher heran kuschelte. Mich überkam eine Gänsehaut. Ich fühlte seinen Mund an meinem Ohr. Mit sanfter Stimme flüsterte er: »Ich möchte mit dir alt werden, Chris. Weiter mit dir Hand in Hand durchs Leben gehen.«

Seine Worte flatterten direkt in mein Herz. Ich spürte Schmetterlinge im Bauch. Mein sanfter Händedruck signalisierte eine unbedingte Zustimmung. Ich liebte Herzensbotschaften wie diese von meinem Mann. Und ich wusste: Auf ihn konnte ich mich hundertprozentig verlassen. Das war eine der großen Stärken unserer Beziehung. Ray erdete mein Temperament, und ich steckte ihn mit meiner Lebensfreude an, inspirierte ihn mit meinen vielseitigen Interessen und kreativen Ideen. Unsere Charaktere ergänzten sich. Ray schenkte mir ein Gefühl der Ruhe und Ausgeglichenheit. Ich war eine Quelle seiner Inspiration. Eine eindeutige Übereinstimmung fanden wir in unserer Reiselust. Und da mich diese Gemeinsamkeit demütig werden ließ, strahlte ich meinen Mann an:

»Mein Schatz, ich freue mich, mit dir noch unendlich viele Jahre durchs Leben zu reisen.«

Er belohnte mich mit dem schönsten Lächeln der Welt. Betört von einem Wohlgefühl ließ ich meinen Blick in den Himmel schweifen und entdeckte in der Weite eine hochinteressante Wolkenformation.

»Siehst du dort die Haufenwolken? Ich erkenne zwei Gestalten darin, die miteinander in eine Richtung fliegen. Das könnten wir beide sein.« Ich lief zur Hochform auf. »Schau, dort formt sich eine dritte Gestalt heraus. Das könnte Noe sein.«

Ray amüsierte meine Fantasie, die Noe, seine Tochter aus einer früheren Beziehung, in den Wolken ausfindig machte. Vater und Tochter ähnelten sich und ich empfand es als eine wahre Freude, sie miteinander zu erleben.

»Du hast Recht«, weckte mich Ray aus meinen Gedanken, »drei interessante Gestalten fliegen in die gleiche Richtung.« Er lachte und zeigte hinauf in den Himmel. »Schau, jetzt hat der Wind unsere Figuren verändert. Alles hat sich in Luft aufgelöst.«

Mit diesen Worten richtete sich mein Mann auf. Das Thema Himmel und Reisen schien abgeschlossen. Er realisierte, wo er sich befand, nämlich an einem lauen Frühlingstag im Schlosspark auf einer Liegebank. Vor uns fiel die Rasenlandschaft leicht ab. Ausladend gewachsene, alte Bäume standen vereinzelt über die Fläche verteilt. Soeben lugte die Sonne hinter den Wolken hervor und erleuchtete das frisch sprießende, hellgrüne Laub der Bäume. Es war ein bilderbuchmäßiger Anblick. Zu dem aus roten Sandsteinen gebautem, mit weißer Farbe getünchtem barocken Schloss am unteren Ende des Parks bildeten dunkelgrüne Rhododendren einen kräftigen Farbkontrast.

»Siehst du hinter der Schlossparkmauer die Libanonzeder hervorstehen? Komm, lass uns dorthin gehen«, forderte er mich überraschend auf. Wir stoben Hand in Hand den Berg hinab.

»Wie machtvoll die ausladenden Äste dieser höchsten Libanonzeder Deutschlands wirken,« staunte Ray, »der Stamm hat mehr als sechs Meter Umfang. Wenn ich vor diesem Baum stehe, wird mir jedes Mal bewusst, wie winzig wir sind und wie kurz wir leben. Dieser Baum ist fast dreihundert Jahre alt. Er könnte unzählige Geschichten erzählen.«

Andächtig blickten wir an der Zeder in die Höhe. »Gigantisch«, entfuhr es mir. Ich stellte mir die Frage, was dieser riesige, alte Baum wohl alles erlebt hat. In diese Gedanken vertieft, bemerkte ich kaum, dass Ray mich am Arm zupfte. Ihm war ein Kaffeegeruch durch die Nase gezogen. Mit dem Satz: »Komm, ich hab eine super Idee«, lockte er mich schmunzelnd in die Richtung des nahen Schlosscafés. Auf halbem Weg klingelte sein Handy. Am Ende seines Telefonats strahlte er übers Gesicht: »Noe hat sich für das Wochenende angekündigt.« Voller Vorfreude auf ihren Besuch stoben wir auf das Café zu und gönnten uns Kaffee und Kuchen.

Die Tage vergingen wie im Flug. Ray fuhr zum Bahnhof, um Noe abzuholen, während ich das Essen vorbereitete. Die Wiedersehensfreude stand uns ins Gesicht geschrieben! Wir saßen um den Esstisch und redeten in einem fort. Die Themen gingen uns nicht aus. Schließlich hatten wir uns etliche Wochen nicht gesehen.

»Stell dir vor, Papa träumt von Gulai Kambing im Restaurant Kopi Bali. Ich glaube, es wird Zeit, unsere nächste Reise zu planen«, teilte ich Noe schmunzelnd mit.

Noes Reiselust entflammte schlagartig: »Habt ihr bereits etwas geplant? Ich würde total gerne mit euch verreisen. Wann wollt ihr los? In diesem Jahr? Oh! Am liebsten würde ich gleich heute meine Reisetasche packen. Doch leider stehen bei mir Prüfungen an!« Sie stoppte und schaute ihren Vater enttäuscht an.

»Ein andermal wieder, Noe«, versuchte er ihre Unzufriedenheit aufzufangen.

Doch das Thema beschäftigte sie weiter. »Ich erinnere mich noch an eure erste Reise nach Bali. Damals fuhr ich wieder mal mit meiner Jungschargruppe ans Ijsselmeer. Ihr habt euch lange überlegt, ob ihr diese Reise antreten wollt, hattet Angst wegen der langen Flugzeit.«

»Ja, das stimmt.«, bestätigte ich ihre Erinnerung. »Wir hatten auch Angst vor dem uns unbekannten Kontinent. Doch dieses immens großflächige Land Indonesien reizte uns. Vorsichtshalber entschieden wir uns, zunächst die touristische Insel Bali anzusteuern, bevor wir nach Java und Sumatra weiterreisen wollten. Unter all den Urlaubsreisenden, so dachten wir, gelänge uns eine Einstimmung auf das Land, das Klima und die Kultur leichter.«

Noe lachte. »Und nach eurer Rückkehr habt ihr kaum über eure Erlebnisse auf Java oder Sumatra berichtet. Ihr habt ausschließlich von Bali geschwärmt.«

In Gedanken war ich bereits wieder auf Bali. Meine Erinnerungen an unseren ersten Aufenthalt kamen zurück. »Es war erstaunlich, doch diese Insel zog uns sofort in den Bann. Die offen gelebte hinduistische Tradition, die Farbenfreude, die außergewöhnliche Kunst und Kreativität der Tempelfeste.«

Ray ergänzte: »Ich fand die Balinesen enorm offen und interessiert. Sie sprachen uns ununterbrochen an, fragten nach unserem Namen, unserer Herkunft und wollten wissen, wohin wir gingen. Dadurch kamen wir ins Gespräch. Sie erzählten viel über ihren Alltag, der geprägt ist von einer eigenen Form des Hinduismus.«

»Vergiss nicht, dass wir uns ganz bewusst bei Familien einquartiert haben. Wir saßen auf unserer Terrasse und beobachteten sie. Alles war fremd für uns. Doch wir hatten Glück, sie weihten uns ein in ihre Tradition, nahmen uns mit zu ihren Tempelfesten und Prozessionen.«

»Es war ja damals alles neu für uns. Ich fühlte mich wie hineingesetzt in eine verzauberte Welt«, bekannte ich. »Alles unterschied sich von dem, was ich kannte. Die offen gelebte Spiritualität, die vielfältigen Klänge und Rhythmen der Gamelanorchester mit ihren metallenen Instrumenten, ja sogar die Gerüche, die durch meine Nase zogen.«

»Das muss schon ein super Erlebnis sein, was ihr alles erlebt habt. Ihr wart ja in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts dort. Kaum vorstellbar!«, begeisterte sich Noe, »damals war alles anders, oder?« Ich nickte heftig. »Ja, die Anzahl der Touristen war übersichtlich, ebenso die Verkehrssituation, wir fuhren gefahrlos mit dem Rad oder dem Motorbike. Heutzutage ist die Insel bis an den äußersten Rand gefüllt mit alledem. Beschaulichkeit findet man nur noch abseits der Touristenorte, und diese dehnen sich enorm aus.« Im Grunde sehnte ich mich zurück in die vergangene Zeit auf Bali und sonnte mich in diesen Erinnerungen.

Ray fiel meine Wehmut auf. Er wechselte zu seinem Lieblingsthema und sprach Noe an: »Stell dir vor, die balinesische Gamelanmusik kommt ohne Noten aus. Ist das nicht enorm? Alle spielen auswendig!« Hier machte er eine kurze Pause und sah seine Tochter an, als wenn er auf ihr Erstaunen warten würde. Erst als er dieses wahrnahm, berichtete er über seine Beobachtungen bei Tempelfesten: »Die Väter geben die Tonfolgen an ihre Söhne weiter, indem sie diese bereits im Kindesalter zum Orchesterspiel mitnehmen. Sie sind bei jedem Auftritt ihrer Väter nahe dabei, sitzen manchmal während des Spiels auf ihrem Schoß.«

»Das hättest du besser auch mit mir gemacht, Papa. Dann wäre ich heute vielleicht ein musikalisches Wunderkind«, lachte Noe ihren Vater an.

Meine Gedanken kramten weitere Erinnerungen hervor, die ich in unsere Runde einbrachte: »Wisst ihr, was mich an Bali noch beeindruckt? Der süße Duft. Nicht nur durch die Blüten, die in Hülle und Fülle dort wachsen. Nein, die unzähligen Räucherstäbchen auf den Opfergaben riechen so wunderbar. Der Rauch soll ihre Gebete gen Himmel tragen.« Ich wandte mich an Noe. »Mehrmals am Tag legen die Balinesen vor ihre Häuser, auf ihre Tempelstelen und vor ihren Haustempel kleine, aus Palmblättern gefertigte Opfergaben. Wenn du durch die Straßen wanderst, durchziehen diese Düfte deine Nase und geben dir ein erhebendes Gefühl.« Begeistert schwelgte ich in Erinnerungen. »Es gefällt mir, wie die Balinesen ihre religiöse Tradition öffentlich leben. Ihre Tempelanlagen sind nach allen Seiten offen, die Prozessionen finden auf der Straße statt. Sogar Touristen sind eingeladen mitzufeiern.«

»Ist das bedingt durch das warme Klima, dass es nur offene Tempelräume gibt?« Noe erwärmte sich für dieses Thema. Sie spannte einen Faden zu unserer christlichen Kultur. »Bei uns findet der Gottesdienst hinter fest verschlossenen Kirchentüren statt, da dringt außer dem Glockengeläut nichts nach draußen. Dabei wäre es doch toll, wenn der Gottesdienst nach außen wirken würde, um Nichtkirchgänger zu inspirieren daran teilzunehmen, die sich vielleicht nicht in die geschlossene Gemeinschaft trauen. Aber, womöglich würde sie die immergleiche Liturgie auch langweilen. Es bestünde doch die Möglichkeit, in unseren Kirchen die Türen offenzulassen oder Gottesdienste draußen zu feiern, am besten inmitten der Natur.« Sie hielt inne und schaute uns interessiert an. Noe war als Jugendliche in der Gemeinde sehr aktiv. Irgendetwas bewirkte, dass sie ihr Engagement einstellte. »Ich empfinde, unseren Kirchen ist die Spiritualität abhandengekommen. Mir jedenfalls fehlt sie. Mir sind die Gottesdienste zu ernst und zu trocken.« Sie stoppte an dieser Stelle und fragte dann: »Sind nicht unter den Millionen Touristen, die Balis Tempelfeste begeistern, unzählige Christen? Sie sind offenbar angetan von der offen gelebten Religiosität der Balinesen. Sie sind farbenfroh, ihre kunstvoll vorgetragenen Tänze, ihr Maskenspiel faszinieren! Das gefällt auch mir weitaus besser als schwarze Talare«, ereiferte sie sich. »Wie geht es euch damit?«

»Du magst Recht haben, Noe«, gestand ihr Vater ein. Ihre Kritik an den Talaren der evangelischen Pfarrer überging er. »Wir lieben an Bali das Gesamtpaket! Es besteht aus offen gelebter Spiritualität, liebenswürdigen Menschen, die uns teilnehmen lassen an ihrem Leben, so dass wir uns jederzeit willkommen fühlen!« Nach einem kurzen Nachdenken fügte er hinzu: »Und natürlich die tropische Wärme und die üppige Natur.«

»Verstehe,« flocht Noe ein, »das Gesamtpaket ist es, nicht nur der lebendig gelebte Glaube. Schade, dass ich bei eurer nächsten Reise wegen meiner Prüfungen nicht dabei sein kann. Ich verstehe sowieso nicht, dass wir in den Semesterferien geprüft werden.« Klagend sah sie uns an, die wir ihr aufmunternd zunickten. Unsere Geste nahm sie dankbar auf und meinte schlussendlich: »Ich gönne euch die Reise.«

Ich lehnte mich im Stuhl zurück und streckte mich. »Jetzt hätten wir über unseren Baligeschichten fast das Abendessen vergessen!«

Zur Feier des Tages gab es die Frankfurter grüne Soße, aus acht verschiedenen Kräutern, hart gekochten Eiern, Joghurt und Sauerrahm. Dazu Pellkartoffeln.

»Das schmeckt wie immer superlecker«, lobte Ray und schöpfte die nächste Kelle der Kräutersoße über seine Kartoffeln.

Noe und ich stimmten ihm mit vollem Mund zu. Wir zogen es vor, ohne Kommentar weiter zu essen.

»Frankfurter grüne Soße mit Pellkartoffeln ist unsere Leibspeise«, stellte ich beim Abräumen der leer gekratzten Töpfe und Teller fest.

»Wie wäre es mit einem Spieleabend!«, hörte ich Noe im Hintergrund rufen. Mein Mann strahlte übers Gesicht. Er liebte Gesellschaftsspiele, wie Noe.

Ich dagegen war weniger begeistert davon. »Scrabble spiele ich mit«, gab ich die Richtung vor, die meine Beiden akzeptierten.

»Na, dann fang an,« forderte Ray seine Tochter auf, nachdem sie die Buchstabensteine und die dazu gehörenden Bänkchen verteilt hatte.

»Schule. Ich trage elf Punkte ein. Es gibt einen doppelten Buchstabenwert.« Noe spielte schnell, das war mir bekannt.

»Für den Anfang ist das nicht schlecht, Noe. Die Schule ist dir anscheinend gut im Gedächtnis geblieben,« zog ich sie auf. Es dauerte einen Augenblick, bis sie meine Bemerkung als Spaß verbuchte. »Papa, du bist an der Reihe.«

Ray benötigte eine Zeitlang, bevor er ein passendes Wort fand.

»Länder. Noe, trage sechzehn Punkte für mich ein, es gibt einen doppelten Wortwert.« Ray wandte sich mir auffordernd zu: »Und, welches Wort findest du?«

»Länder, Menschen, Abenteuer. Was habe ich Passendes zu bieten?« Mit meinen gezogenen Buchstaben gelang mir nur ein kurzes Wort:

»Wende. Ich habe zwar nur zwölf Punkte, du kannst aber ebenfalls einen doppelten Wortwert verbuchen, Noe.«

Unser Scrabblespiel zog sich lange hin. Nach zwei Stunden Spielzeit feierten wir Noe als Siegerin.

»Bewundernswert, wie du das machst,« lobten wir sie. »Du bist ein kaum zu toppendes Spieletalent.« Unsere Tochter strahlte übers ganze Gesicht.

Den Himmel auf Erden leben!

Plötzlich ist alles anders als zuvor

»Das Leben ist einfach schön«, meinte Ray freudestrahlend, während er zufrieden seinen Frühstücksteller betrachtete, auf dem eine frische Butterbrezel lag, eine Scheibe gekochter Schinken und eine in Viertel geschnittene Tomate, geerntet im eigenen Garten.

Wie Recht er hatte. Es war Samstag. Für uns ein Tag, den wir angenehm gestalteten. Für gewöhnlich radelten wir nach unserem Verwöhnfrühstück in die Stadt, schlenderten über den Markt und kauften an den Bauernständen Brot und Gemüse ein. Zum guten Schluss gönnten wir uns einen Cappuccino in unserem favorisierten Kaffeehaus, in dem wir Freunde oder Bekannte antrafen.

»Was wollen wir mehr«, ging mir immer wieder durch den Kopf, wenn wir in gemütlicher Runde zu einem Plausch zusammensaßen.

Ich beobachtete meinen Ehemann, während er genüsslich seinen Kaffee schlürfte und dabei einen Blick in die neben ihm liegende Tageszeitung warf.

»Älter zu werden hat auch seinen Reiz«, dachte ich, während ich ihn von der Seite betrachtete. Ray sah gut aus, besonders heute, nachdem der Friseur ihm einem flotten Haarschnitt verpasst hatte. Seine grau melierten Haare wirkten auf mich wie altersweise. Zwar fühlten wir uns beide jung und vital, doch zunehmend verlangsamten sich unsere Alltagshandlungen. Was nicht zuletzt für Gemütlichkeit sorgte. Immer öfter thematisierten wir den bevorstehenden Ruhestand. Wir stimmten darin überein, den für uns frühesten Termin anzustreben, nicht zuletzt deshalb, weil wir unsere Reiseträume leben wollten.

»Wie das wohl werden wird, wenn wir nicht mehr arbeiten und uneingeschränkt über unsere Zeit verfügen können?«, fragte ich meinen geliebten Mann unvermittelt.

»Dann werden wir nicht nur kleine, sondern große Radtouren unternehmen,« kam die prompte Antwort hinter seiner Zeitung hervor.

Ich ließ nicht ab von diesem Thema: »Alle Zeit der Welt zu haben, dazu fehlt mir noch die Vorstellung. Nicht immer an den nächsten Arbeitstag zu denken oder sich auf ihn vorzubereiten, das bin ich kaum gewohnt. Stell dir vor, wir werden uns die Zeit selbst einteilen, sie frei gestalten. Dann haben wir die Möglichkeit, uns jederzeit mit Verwandten und Freunden zu treffen, nicht nur an den Wochenenden. Ich glaube«, ich hielt inne, »wir werden uns von unserer Lust leiten lassen, ein Theater, ein Ballett, eine Opernaufführung besuchen. Wir werden nach Stuttgart, München, Berlin oder sogar nach Hamburg reisen.« Mit einer winkenden Handbewegung fügte ich hinzu: »Ach, uns fällt bestimmt noch Diverses ein.«

Während ich mich in unsere nahe Zukunft begeistert hineinversetzte, hörte Ray nur mit halbem Ohr zu. Jedoch beim Stichwort »Reisen« legte er die Zeitung beiseite. »Ich würde gerne den afrikanischen Kontinent kennenlernen.«

Mir war nicht sehr nach Afrika zumute, deshalb schwieg ich. Stattdessen schlug ich vor: »Die Fernreisen setzen wir auf unserer Prioritätenliste am besten nach vorn, weil wir nicht jünger werden.«

»Schatz, noch haben wir das Ruhestandsalter nicht erreicht«, betonte Ray und hob seine Zeitung wieder an. Damit signalisierte er das Ende dieses Themas für heute.

Im Januar fuhr Ray, wie in jedem Jahr, mit seinen Freunden, mit denen er regelmäßig Doppelkopf spielte, zum Skifahren. Ein paar Tage zuvor nahm er einen Arzttermin wahr. »Mein jährlicher Check up«, wie er sich ausdrückte.

»Und wie war’s?«, fragte ich neugierig nach seiner Rückkehr.

»Der Arzt empfahl mir, meine Leber genauer untersuchen zu lassen, er hat weiße Punkte entdeckt.« Ich stutzte und blickte ihn mit großen Augen an.

»Das bedeutet ganz sicher nichts Beunruhigendes, Liebes.«

Da mein Mann kaum Alkohol trank und vollkommen sorglos wirkte, verließ ich mich auf seine Aussage und dachte nicht weiter darüber nach.

Aus dem Skiurlaub rief Ray jeden Abend an und berichtete überschwänglich über die fantastischen Schneebedingungen, die gute Stimmung untereinander und sein Pech beim Kartenspiel. Nach einer Woche kamen die Skifahrer freudestrahlend zurück. Zu ihrer Stärkung hatte ich eine kräftig gewürzte Gulaschsuppe gekocht. Während des Essens hörte ich ihren humorvollen Geschichten zu, in denen sie sich gegenseitig übertrumpften.

»Hast du deinen Freunden von deinem Untersuchungsergebnis berichtet?«, fragte ich meinen Mann am Abend vor dem Schlafengehen.

»Nein, dafür gab es keinen Grund.« Er schien weiterhin zuversichtlich zu sein und zeigte kein Anzeichen einer Beunruhigung. Auch nicht, als weitere Untersuchungen anstanden, weil die Diagnose noch nicht eindeutig war. Schließlich stand das Ergebnis fest. Ray erhielt einen Gesprächstermin im Krankenhaus der nächstgrößeren Stadt ein. Dort hatte auch die letzte Untersuchung stattgefunden.

»Kommst du mit?«, fragte er mich etwas zaghaft. Nichts Besonderes erwartend, stimmte ich zu, denn Ray erwartete weiterhin ein positives Ergebnis. Nachdem ich jedoch bemerkte, dass wir in die innere Abteilung des Krankenhauses bestellt waren, überkam mich ein mulmiges Gefühl. Dieses verstärkte sich noch, als uns die Vorzimmerdame verdeutlichte:

»Bitte nehmen sie Platz, der Chefarzt nimmt sich gleich Zeit für Sie.«

Schlagartig klingelten meine Alarmglocken. »Was hat das wohl zu bedeuten?«, fragte ich mich. Irritiert blickte ich zu meinen Mann, der sich dieselbe Frage zu stellen schien. Unsere Stimmung war inzwischen gedämpft. Wir fischten nach den Zeitschriften, die vor uns auf dem Tisch lagen.

Der Chefarzt der Chirurgie schwungvoll den Gang entlang, unter seinem Arm trug er einen Stoß Akten. Er begrüßte uns freundlich, bat uns in seinen Besprechungsraum und deutete auf zwei komfortable Stühle vor seinem Schreibtisch. Zunächst stellte er sich vor. Er sei ein vertrauenswürdiger Experte auf seinem Gebiet, besitze eine langjährige Erfahrung durch seine Arbeit in einer Praxis und einer renommierten Universitätsklinik.

Bei mir führte diese Einleitung zu mehr Skepsis. »Warum dieses Vorspiel«, fragte ich mich. Am liebsten hätte ich den Raum verlassen. Ich befürchtete Schlimmes. Um mich zu beruhigen, tastete ich nach der Hand meines Mannes. Sie war feucht. Der Arzt schickte sich langsam an, uns das Untersuchungsergebnis zu eröffnen.

»In ihrem Darm hat sich ein Tumor gebildet.« Um diesen schockierenden Satz abzumildern, fügte er schnell hinzu: »Das ist nicht so schlimm. Das kommt häufig vor.«

Das Wort »Tumor« stand im Raum! Mein Körper erstarrte. »Ray hat Krebs!«, schrie es in mir. Zwei feuchte Hände suchten sich.

Der Chefarzt setzte zu weiteren Ausführungen an. Wir hingen an seinen Lippen. »Leider hat ihr Tumor bereits gestreut und in ihrer Leber Metastasen gebildet. Sie weisen allerdings einen geringen Umfang auf. Sie sind winzig.«

Er machte eine kurze Atempause. Ich hielt die Luft an. Mir wurde schwindlig. »Durchhalten!«, rief es in mir. Mein Wille war stark. Ich wollte unbedingt meinem geliebten Mann fest zur Seite stehen. Unsere Arme berührten sich. Ich fühlte eine angenehme Wärme. Dennoch saßen wir wie versteinert auf den Stühlen. Der Chirurg bemerkte unsere erstarrte Haltung und bemühte sich hörbar, seiner Stimme mehr Weichheit zu geben.

»Ihre Metastasen haben sich über die gesamte Leber verteilt. Das ist nicht unbedingt von Vorteil. Günstiger wäre eine Metastase in größerem Ausmaß, die ließe sich einfach entfernen«, erläuterte er uns. »Sie müssen wissen, die Leber hat die außergewöhnliche Fähigkeit, sich nach einer Operation wieder zu regenerieren. Sie kann bis zu ihrer Ausgangsgröße nachwachsen.« Er neigte sich Ray mitfühlend zu, sprach ihn direkt an: »Ihre Metastasen sind winzig. Damit besteht die Chance, sie auf andere Weise zu besiegen.«

Ray nickte, als wenn er diesen Trost annehmen wollte. Der Begriff »besiegen« kam bei uns beiden gut an. Es bestand also die Chance, die tödliche Erkrankung abzuwenden. Wir atmeten tief durch, richteten unseren Körper wieder auf, der mittlerweile in sich zusammengesunken war. Doch in meinem Gehirn hatten sich die Begriffe »Krebs« und »Lebermetastasen« bereits festgesetzt. Sie ließen sich nicht so einfach übertünchen mit den Worten: »Heilung ist möglich«. Ich bemerkte meinen inneren Kampf und wandte mich bewusst Ray zu. Um ihn ging es jetzt. Meinen inneren Zwist stellte ich zurück.

»Wie kann ich ihm nur helfen?«, mit dieser Frage beschäftigte sich nun mein ganzes Denken, »kann man diese schreckliche Diagnose nicht rückgängig machen?«

In meiner Verzweiflung stellte ich dem Arzt eine Menge Fragen, alle vor dem Hintergrund der großen Hoffnung, das gnadenlose Ergebnis aus der Welt zu schaffen. Der Chirurg griff die ihm zugespielten Bälle der Hoffnung auf.

»Ihr Darmkrebs ist nicht das Problem. Er sitzt im Enddarm und ist operabel. Auch die Leber können wir operieren. Doch ich empfehle ihnen, zunächst unseren Spezialisten für Chemotherapie aufzusuchen. Holen sie sich seine Empfehlung ein.«

Ray blickte mich verunsichert an, als er das Wort »Chemotherapie« vernahm. Ich blinzelte ihm aufmunternd zu, signalisierte ihm meine Unterstützung. Die wohlmeinenden Worte des Arztes, der uns die Angst vor dem nehmen wollte, was Ray bevorstand, hörte ich wie durch eine Wand.

»Wir haben hier in unserem Klinikum einen überaus kompetenten Chefarzt für Onkologie mit einer jahrzehntelangen Praxiserfahrung. Durch internationale Fortbildungen ist er immer auf dem neuesten Stand.« Hier machte er eine kleine Pause und sah uns eindringlich an, ob seine Lobeshymne ankam, bevor er uns aufmunterte: »Wissen sie, eine Chemotherapie kann im Idealfall bewirken, dass ihre Metastasen vollkommen zurückgehen.«

Aus dieser Aussage schöpfte ich meinen Kampfsatz: »Wir werden den Krebs besiegen.« Ich sprach die Worte meinem Mann ins Ohr. Er lächelte und richtete sich auf. Wir wirkten kampfbereit. Laut hörbar atmete ich durch. Der Arzt reagierte auf unsere Entspannung, stand auf, ging auf uns zu und versuchte es mit einer abschließenden Aufmunterung:

»Die Diagnose hört sich im ersten Moment vielleicht schrecklich an. Doch wir kriegen das wieder hin. Sie sind ja noch rüstig, ja, sie wirken kräftig. So etwas ist immer von Vorteil.«

Bereits im unendlich langen Gang des Krankenhauses marschierten wir im gleichen Rhythmus und sprachen vor uns hin: »Wir nehmen den Kampf mit dem Krebs auf. Wir werden ihn besiegen.« Das gab uns Kraft, schweißte uns zusammen, das munterte uns auf.

Doch da gab es in meinem Innern diese Stimme, die Zweifel anmeldete. Sie wiederholte die Worte des Arztes: »Ray hat Krebs.« Ich assoziierte damit einen bevorstehenden Tod. Diese Stimme tauchte auf, wenn ich alleine war. Sie brachte Unruhe mit. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Ray gegenüber sprach ich diese Gedanken nicht an, stattdessen munterte ich ihn auf, wenn er mir bedrückt erschien, wiederholte unser Mantra vom »Sieg gegen den Krebs.«

An einem regnerischen Abend, Ray hatte sich bereits schlafen gelegt, überkamen mich wieder die Zweifel daran, ob wir den Kampf gewinnen würden. Meine Gedanken zogen eine Verbindung zur Krebserkrankung meines Bruders. Wir bewohnten damals gemeinsam ein Haus. Eines Tages fiel mir sein langsamer Gang auf, als er den kleinen Fußweg zu unserem Haus hochlief. Immer wieder blieb er stehen, um sich auszuruhen. Ich lief ihm entgegen, um ihn zu fragen, ob alles in Ordnung sei, da brach es aus ihm heraus:

»Chris, ich komm soeben vom Arzt. Ich habe Lungenkrebs.« Seine Worte klangen unendlich verzweifelt. Ich höre sie oft in mir, diese Worte, obwohl mehr als ein Jahrzehnt dazwischen liegt. In jener Zeit befürchtete ich das Schlimmste. Ich wusste, wie mein Bruder meine Unterstützung benötigte. Insbesondere, weil erst ein paar Jahre zuvor seine Lebenspartnerin verstorben war und er unter dem Alleinsein litt. Damals recherchierte ich im Internet, um mich über seine Krebserkrankung zu informieren. Mit Entsetzen las ich von einer durchschnittlichen Überlebensrate von zwei Jahren. Diese Zeitangabe traf leider bei meinem Bruder zu. Die knappe Lebenszeit wurde von den Ärzten zugepflastert mit ständigen Terminen. Ich bedauerte ihn wegen seiner Abhängigkeit von Ärzten, Behandlungen und Medikamenten. Doch mein Bruder unterwarf sich diesen ärztlichen Vorgaben, weil er hoffte, damit sein Leben zu verlängern. Das traf leider nicht zu. Mit kaum über sechzig Jahren verstarb er.

Seit Rays Krebsdiagnose dachte ich immer wieder an meinen Bruder, an den Verlauf seiner Krebserkrankung und an seinen frühen Tod. Der frühe Tod meines Schwagers kam hinzu, der durch einen Herzinfarkt mit dreiundsechzig Jahren mitten aus dem Leben gerissen wurde.

»Ist nun mein Mann an der Reihe?«, fragte ich mich verzweifelt und schickte einen Hilferuf gen Himmel. Doch der Himmel schien nicht zu helfen, obwohl ich zu Gott betete und flehte:

»Warum Gott, warum muss mein geliebter Mann diese schlimme Diagnose erhalten? Bitte lass diesen Kelch an uns vorüberziehen, heile ihn.«

Ray gegenüber wollte ich meine finsteren Gedanken und meine Verzweiflung nicht offenbaren. Er benötigte eine starke Ehefrau an seiner Seite, die ihm Hoffnung vermittelte und ihn auf dem schweren Weg begleitete. Denn mit der Krebsdiagnose veränderte sich sein Verhalten. Er wirkte ermüdet und erschlafft. Oft ruhte er sich in seinem bequemen Sessel aus, las Zeitungen oder in einem Buch.

Mit unserem Leitsatz: »Wir besiegen den Krebs«, richteten und munterten wir uns immer wieder auf. Das half. Das vereinte uns. Die traurige, die verzweifelte Seite, die trug ich in mir, ohne sie vor Ray zu thematisieren.

»Vielleicht sollten wir offen miteinander reden?«, fragte ich mich in stillen Momenten, »ihm meine Ängste eingestehen?« Ich wagte ein ehrliches Gespräch, begann zögerlich:

»Ray, deine Krebsdiagnose hat mich ziemlich umgehauen. Ich hab das Gefühl, ich stehe im Nebel und kann die Realität noch nicht annehmen. Doch ich habe Angst.« Damit sprach ich ehrlich aus, was in mir köchelte. Ich fasste nach seiner Hand, scheute mich zunächst, ihn anzuschauen. Als ich meine Augen hob, bemerkte ich seine Tränen. Mir zerriss fast das Herz. Ich weinte leise. Doch ich fühlte Dankbarkeit darüber, dass wir es zuließen zu weinen. Mit einem kräftigen: »Wir gehen es an, Mann!«, stand ich auf und zeigte wieder Haltung. Ray griff erleichtert meine Worte auf.

»Ja, wir werden das schaffen, Liebes. Noch fühle ich mich gesund.« Er machte eine Pause und meinte danach schmunzelnd: »Außerdem wollen wir gemeinsam alt werden und miteinander jeden Tag genießen!«

Das war mein Startsignal. Ich fiel ihm um den Hals. »Lass uns gleich damit anfangen! Wie wäre es, wenn wir in die Stadt radelten. Ich würde zu gerne einen Cappuccino trinken!Du auch?«

»Lecker!«,schwärmte Ray sofort, »dazu bestelle ich mir eine Havanna Torte.«

Noe kündigte ihr Kommen für das kommende Wochenende an. Sie war noch nicht ins Bild gesetzt. Ihr Vater hatte ihr lediglich von verschiedenen Untersuchungen berichtet. Über die Diagnose wollte er mit ihr unter vier Augen sprechen. »Ich fahre jetzt zum Bahnhof, um Noe abzuholen«, rief er mir zu und war bereits an der Haustür. Schwungvoll traten Vater und Tochter kurze Zeit später herein. Ich sah ihnen ihr Glück an, sie hatten sich mehrere Wochen nicht gesehen.

»Noch nichts rausgelassen«, registrierte ich sofort und ging auf Noe zu, um sie kräftig zu umarmen. »Wie war die Fahrt?«

»Alles wunderbar gelaufen. Die Züge waren pünktlich.« Offenbar war sie zufrieden.

»Freut mich. Nun komm, das Abendessen dampft bereits auf dem Tisch.«

»Essen ist immer gut«, meinte Noe, griff zur Schöpfkelle und roch an der Kürbissuppe.

»Ich habe frisch gepresste Orangen und etwas Kokosmilch beigefügt«, erzählte ich mit genussvollem Gesichtsausdruck, weil mir dies besonders gut schmeckte.

»Super, es riecht sehr fruchtig!«, pflichtete mir unsere Tochter bei.

Das Thema »Krebserkrankung« stand nach dem Abendessen an. Ray begann vorsichtig, berichtete von seinen Untersuchungen, über das Gespräch mit dem Chirurgen. Dabei betonte er die zuversichtlichen Worte des Arztes: »Wir kriegen das wieder hin.«

Noe reagierte relativ gelassen. Sie schien die Tragweite der Erkrankung ihres Vaters noch nicht zu erfassen.

»Wie soll sie auch«, dachte ich und nahm mir vor, mit ihr ein Gespräch unter vier Augen zu führen. Da die Therapien zeitnah starteten, war es nach meinem Verständnis sinnvoll, unsere erwachsene Tochter konkret über das Bevorstehende zu informieren. Nachdem sich Ray ins Nebenzimmer zurückgezogen hatte, setzte ich mich zu ihr aufs Sofa.

»Papa hat dir doch von seiner Diagnose berichtet«, begann ich zögerlich. »Es kann allerdings sein, dass er eine schwere Zeit vor sich haben wird.« Ich sah sie an, gespannt auf ihre Reaktion und ergänzte leise: »Es ist sicher hilfreich, wenn wir uns darauf einstellen. Vielleicht benötigt Papa bald unsere Unterstützung.«

Noe schwieg. Ich sah sie an und fragte mich, ob ich ihr gegenüber die richtigen Worte gefunden hatte. Unsere Tochter war noch unerfahren was eine Krebserkrankung betrag. Bei mir war das anders, ich begleitete meinen Vater während seiner Erkrankung an Bauchspeicheldrüsenkrebs, desgleichen meinen an Lungenkrebs erkrankten Bruder.

»Noe, wir hoffen das Beste für Papa. Wir kämpfen mit ihm, ja?«

»Klar. Selbstverständlich tun wir das«, bekundete Noe. Ich freute mich über ihre Zusage, ihren Vater mit zu begleiten. »Genug des Unangenehmen. Magst du ein Gläschen Wein mittrinken?«, schwenkte ich vom Unangenehmen zum angenehmen Teil des Abends über, ging in den Keller, um eine Flasche Rotwein zu holen. Bei einem Glas Wein saßen wir noch einige Zeit zusammen und plauderten miteinander. Bis ich zu gähnen begann. Noe fühlte sich noch frisch genug, um für ihre nächste Prüfung zu lernen.

»Das war wieder ein richtig schönes Wochenende«, freute sich Ray, nachdem er vom Bahnhof zurückgekommen war, »ich freue mich jedes Mal, wenn Noe bei uns ist.« Ich nickte zustimmend und umarmte ihn. »Und ich bin glücklich, dass ich mit dir zusammen bin«, lachte ich ihn an.

In den folgenden Tagen und Wochen fanden wir den Mut, miteinander über unsere Hoffnung auf Heilung zu sprechen. Wir sammelten Informationen, recherchierten im Internet über Krankheitsursachen, über Krankheitsveräufe und Therapiemöglichkeiten. Ray interessierten speziell die Erfahrungsberichte Betroffener.

Wenn wir mit Freunden und Bekannten über Rays Erkrankung sprachen, berichteten uns diese nicht selten von ihrer eigenen Krebserkrankung. Zumindest kannten sie jemanden, der an Darmkrebs erkrankt war. Komischerweise tröstete uns dies. Wir nahmen wahr, dass Ray nicht der einzige Mensch mit diesem schweren Schicksal war. Zunehmend fiel es uns leichter, offen über Rays Krebserkrankung zu sprechen. Wir schätzten die Erfahrungsberichte und Informationen, die wir dabei erhielten. Für uns war der Darmkrebs mit Metastasen neu, deshalb schien uns jede Auskunft darüber bedeutsam. In unserem Kopf schwirrten so viele Fragen. Wir löcherten bei jeder Gelegenheit die Fachärzte, hofften, dass sie direkt oder indirekt eine mögliche Heilungschance erwähnten. Denn im Grunde ging es uns darum. Ray und ich hatten das Ziel, gesund durchs Leben zu gehen, und das noch viele Jahre. Daran glaubten wir bis zu diesem Zeitpunkt fest. Die Vielfalt von Informationen versachlichten meine Ängste. Zunehmend gelang es mir, eine emotionale Distanz zu Rays Erkrankung aufzubauen.

»Gehst du mit zum Termin, den ich mit dem Chefarzt für Onkologie vereinbart hab?«, fragte mich mein Mann eines Tages. »In der Klinik haben sich mittlerweile die Fachärzte aus allen betroffenen Fachbereichen in einer Tumorkonferenz mit meinem Fall beschäftigt. Ihr Ziel ist, sämtliche Informationen über den Patienten zusammenzutragen, um eine optimale Therapieform zu entwickeln. Das Ergebnis werden sie mir mitteilen. »Kommst du mit?«, bat er mich wiederholt.

»Klar, mein Schatz, ich bin dabei«, äußerte ich, ohne zu zögern.

Die onkologische Tagesklinik befand sich in einem Anbau des Krankenhauses. Dorthin hatten sie Ray einbestellt. »Aha, nun ist also der Onkologe dran, nicht mehr der Chirurg«, bemerkte ich auf dem Weg dorthin. Nach einer kurzen Wartezeit wurden wir ins Besprechungszimmer des Facharztes für Chemotherapie gebeten. Seine Persönlichkeit und seine Kompetenz zeigten Wirkung auf uns. Wir fühlten uns kompetent beraten durch seinen ruhigen und sachlichen Ton.

»Wir möchten ihnen zunächst eine Chemotherapie empfehlen«, begann er seinen Bericht über das Ergebnis der Tumorkonferenz. »Weil ihre Metastasen teilweise winzig sind, besteht eine gute Chance, sie durch diese Therapie in den Griff zu bekommen.«

»Ein aufbauender Satz«, bemerkte ich und berührte sanft Rays Arm, »er macht uns Hoffnung.«

»Es wäre eine abgeschwächte Form der Chemotherapie«, fuhr er weiter fort, »ihre Haare werden ihnen dabei nicht ausgehen.« Ray antwortete mit einem befreiten Lächeln. »Bitte denken sie über unsere Empfehlung nach. Sie brauchen sich heute nicht zu entscheiden. Rufen sie in den nächsten Tagen an, teilen sie uns mit, wie sie sich entschieden haben.«

»Danke«, Ray schien beeindruckt, »ich denke gerne darüber nach, melde mich telefonisch bei ihnen.«

»Haben sie unsere Telefonnummer«, hakte der Chefarzt nach. Mein Mann nickte zustimmend.

Wir waren kaum aus der Tür getreten, da fragte ich bereits nach, wie es ihm gehe.

»Ich habe ein gutes Gefühl diesem Arzt gegenüber. Ich denke, dass er das hinbekommt, und werde zusagen.«

»Was versprichst du dir davon?« Mich interessierte seine Begründung.

»Na ja, zunächst hoffe ich, dass die Chemotherapie die Metastasen in der Leber abtötet, bevor der Ursprungskrebs im Darm durch eine Operation entfernt wird. Dann haben wir unser Ziel erreicht.«

»Hört sich gut an«, gerne ließ ich mich von Rays Zuversicht überzeugen. Meine Stimmung heiterte sich auf. Auch Ray zeigte sich erleichtert, sein Schritt federte, er schwang locker mit den Arme, seine Gesichtszüge entspannten sich. Unsere positive Gestimmtheit hielt noch einige Tage an. Doch immer öfter tauchten Zweifel in mir auf. Ich fragte mich, ob es naiv war, so unbefangen dem Versprechen des Arztes Glauben zu schenken.

»Was meinst du, Hanna, hat Ray sich für das Richtige entschieden?«, fragte ich meine Freundin in Berlin am Telefon. Hanna besaß mein volles Vertrauen. Sie war für mich eine kompetente Beraterin und eine einfühlsame Trösterin. Die Telefonate mit ihr bauten mich auf. Oft rief ich sie an, um meine Fragen mit ihr durchzusprechen.

»Was kann dein Mann anderes tun, als diesen Weg zu gehen? Es wird ihm nichts anderes übrigbleiben, oder?«